Tahiti: Roman aus der Südsee. Dritter Band

Friedrich Gerstäcker · Kapitel 8 von 12

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Tahiti: Roman aus der Südsee. Dritter Band

Capitel 6. Jim O'Flannagan in Thätigkeit.

Capitel 6.

 

Jim O'Flannagan in Thätigkeit.

 

Die Sonne war am Untergehn, die einbrechende und hier dem Verschwinden des Taggestirns fast augenblicklich folgende und eben so rasch in wirkliche Nacht übergehende Dämmerung verkündete es wenigstens, denn dichte Wolkenschleier lagen über dem Horizont, und breiteten, reckten sich höher und höher, eine stürmische Nacht versprechend in dem sich wieder erhebenden Westwind, der jedesmal fast seine Gewalt mißbraucht, wenn er den ruhigen und vernünftigen Ostpassat einmal zu verdrängen gewußt hat, auf kurze Zeit.

Sadie war in ihrem Haus allein mit dem Kind, und selbst der Mitonare Ezra, der ihr fest versprochen hatte recht früh zurückzukehren und ihr noch mit manchem zu helfen in Packen und Zurechtstellen, nicht gekommen. Auch René blieb heute so entsetzlich lange aus — aber er hatte noch viel zu thun in der Stadt. Lieber Gott der Entschluß war ja so plötzlich, so überraschend schnell gefaßt worden, sie konnte sich leicht denken wie schwer es da sein mußte Alles zu ordnen was er zurückließ, und daß er das nicht in ein oder zwei Stunden vollbringen könne. Bald, ach bald war ja das nun Alles überstanden; nach Atiu — o wie sie der Gedanke mit Glück und Seligkeit erfüllte — nach Atiu, nach ihrem lieben lieben Atiu — und wie ihr die Palmen da entgegenwinken würden und die stillen Blumen die sie gepflegt und gehegt; und das Lieblingsplätzchen am freundlichen Strand, von den Lüften gegrüßt, von den Riffen umbraust, der stille theuere Ort, mit der Erinnerung ihrer Jugend — ihrer Liebe — o es war als ob ihr das Herz springen müsse vor lauter Seligkeit, wenn sie der frohen Rückkehr gedachte nach ihrem Atiu.

Aber wo blieben die Männer? — auch Mata-oti war draußen und kehrte, trotz mehrmaligem Rufen nicht wieder; das Wetter zog dabei höher und höher herauf — und gerade heute ließ man sie so allein. Doch draußen — das waren Schritte — die Gartenthür hatte geknarrt, und gleich darauf betrat mit etwas eiligem Joranna der kleine Bruder Ezra das Zimmer; sie konnte ihn in der jetzt vollkommen eingebrochenen Dämmerung, ja Nacht, kaum noch erkennen.

»Joranna Sadie, Joranna,« sagte er und trocknete sich den Schweiß von der Stirn die er, aus den engen Frackärmeln heraus, mit den kurzen dicken eingezwängten Armen kaum erreichen konnte — »René ist noch nicht zurück?«

»Nein, Mitonare, aber er muß bald kommen, und es freut mich nur daß wenigstens Einer von Euch da ist — es ist gar so unheimlich hier so ganz allein zu sein, mit dem leeren und öden Haus Lefévres dicht daneben — ich weiß nicht jene leeren Räume haben etwas Todtes Unheimliches für mich.«

»Ist Bruder Aue hier gewesen?« frug Mitonare leise.

»Mr. Rowe? wie kommst Du auf den?« rief Sadie erstaunt, »nein.«

»Pst« sagte Bruder Ezra und sah sich scheu um und dann setzte er sich auf einen Stuhl, stützte die Ellbogen auf die Lehnen, faltete die Hände und jagte, starr vor sich niedersehend, die Daumen umeinander herum.

Sadie wurde es unbehaglich in dem dunklen Zimmer und sie zündete die Lampe an die auf dem Tisch stand.

Es war indeß vollkommen dunkel geworden, und der Wind hob sich heftiger und schleuderte die Brandung an die gegenüberliegenden Riffbänke mit immer dumpferem Brausen.

»Aber was hast Du nur, Mitonare?« rief Sadie endlich, vor ihn tretend und ihn bestürzt ansehend — »Du siehst aus, als ob irgend etwas vorgefallen. Ist ein Unglück geschehn? — Heiliger Gott, René — wo ist René —«

»Pst — pst« sagte aber der Mitonare eifrig mit der Hand winkend, und schloß die Augen dabei, schob die beiden außerdem schon etwas dicken Lippen vor, und schüttelte aus Leibeskräften mit dem Kopf — »pst, pst Pu-de-ni-a — nicht solchen Spektakel machen — haben Schildwache dicht bei —«

»Aber René —«

»Unsinn, Unsinn, der Wi-Wi läuft, so viel ich von ihm weiß ganz gesund und munter in der Stadt herum und trinkt seinen Freunden den Wein aus, zum Abschied — Mitonare hat ihn in drei Häusern gesehn, auf die Art« sagte Bruder Ezra, ergriff Sadiens Hand und streichelte sie, die arme Frau zu beruhigen — »Tolle Gedanken die sich Pudenia macht um den Wi-Wi — bah — ist wie Guiave, nicht auszurotten; stecke heute einzigen Apfel in die Erde habe im anderen Jahr ganzen Wald.«

»Aber weshalb fragst Du nach Mr. Rowe — der Mann erscheint mir nur immer vor Sorge und Trübsal und großer Noth — was soll er hier, heute noch hier wollen? und wenn ihn René hier fände, gäb' es vielleicht harte Worte zwischen den Männern. Gott wolle es verhüten.«

»Aber ich begegnete ihm doch draußen am Thor — er verließ den Garten, wie ich kam — war er nicht hier im Haus?«

Sadie faltete die Hände und sah erschreckt zu dem Mitonare auf.

»Er kam aus u n s e r e m Garten?« frug sie leise — »doch ich bin ein thörichtes Kind,« setzte sie rascher hinzu, »mir da Sorge und Kummer zu machen, vielleicht um Nichts. Es hat heut den ganzen Nachmittag fast ein fremdes Canoe an unserer Landung gelegen und zwei Männer, die darin gekommen, waren an Land. Vielleicht daß ihm das gehörte und er danach sehen wollte vor dem einbrechenden Sturm.«

»Und ist das Canoe wieder fort?« frug Bruder Ezra.

»Oh wohl vor einer Stunde, aber ein Einzelner hat es nur zurückgerudert.«

Mitonare stand auf, trat in die Thür und schaute einige Minuten still und schweigend hinaus in die Nacht.

»Haben die Wi-Wis mehr Soldaten als den einen da unten unter dem Pandanusdach, wo das Feuer ist?« frug er endlich, sich wieder umdrehend, als er eine ganze Zeitlang nach der Richtung hinausgesehen hatte.

»Es waren drei oder vier da, heute Nachmittag« sagte Sadie, »aber sie trieben sich meist oben an der Straße herum, wo Tanui der alte Lootse mit seinen Töchtern wohnt.«

»Ahem, ahem« nickte der kleine Mann, und strich sich das Kinn mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand; langsam aber auf- und abgehend im Zimmer murmelte er dann leise vor sich hin — »es ist doch eine böse Geschichte, böse, böse Geschichte.«

Sadie, die von den Worten nichts verstehen konnte, sah ihm, immer noch nicht vollkommen beruhigt zu, und horchte ängstlich dabei hinaus, denn ihr scharfes Ohr hatte einen Laut entdeckt der vom Wasser herüber zu dringen schien. Es war indeß so dunkel geworden, daß man die Hand kaum vor Augen erkennen konnte.

»Was war das?« sagte sie leise — »war das nicht als ob ein Canoe dort unten landete — ich dächte ich hätte eine Stimme gehört. René wird doch nicht in dem Wetter zu Wasser kommen?«

»Unsinn« sagte Bruder Ezra, rasch mit dem Kopf schüttelnd und die Thür zumachend — »wahrscheinlich ist es der Mann in seinem Cutter — Cutter liegt ja da gleich vor Anker. Wird nachsehn ob Alles in Richtigkeit ist, wenn das Wetter vielleicht noch ordentlich losbricht.«

»Dort draußen geht Jemand« rief aber Sadie, die nichtsdestoweniger ihre Sinne zum Aeußersten angestrengt hatte, den geringsten Laut zu erlauschen — »das ist René.«

»Possen,« sagte der kleine Mann und suchte sie von der Thüre fortzuziehn, aber deutlich hörten sie in diesem Augenblick schwere Tritte dicht unter ihrem Fenster hingehn, und es war als ob Jemand da unten flüstere.

»Heiliger Gott, was geht da vor?« sagte aber Sadie, sich entschlossen von der Hand des kleinen Mitonare befreiend — »was hast Du, Mitonare — Du glühst und zitterst selber; welch Geheimniß birgt die Nacht da draußen?«

»Pu-de-ni-a — es ist Nichts — ist nicht viel« sagte der kleine braune Missionair und fing an sich vor lauter Verlegenheit bald an seinem Frack, bald an seinen unteren Kleidern zu zupfen — gute Freunde von — keine guten Freunde von Wi-Wis — aber nicht von u n s e r e m Wi-Wi« setzte er rasch hinzu — »wollen sich — wollen sich was in die Berge tragen, daß ihnen der Wi-Wi die Berge nicht auch wegnehmen kann.«

»Was in die Berge tragen? — wie versteh' ich das?« frug die Frau erstaunt — »geschieht da etwas gegen die Gesetze?«

»Nicht gegen das dicke Buch!« rief Mitonare schnell — »im Gegentheil, das steht Alles darin; wir haben heute die ganze Geschichte abgelesen — ist Alles vorgeschrieben drinn.«

»Wer hat es abgelesen?« flüsterte Sadie leise.

»Bruder Aue und noch viele andere Männer.«

Die Frau schauderte in sich zusammen, sie wußte selber kaum warum, aber die Angst um das was da draußen vorgehe, ließ ihr auch keine Ruhe im Haus drinn, und sie schritt der Thüre zu, diese wieder zu öffnen. Mitonare verhinderte sie daran.

»Nein, nein Pu-de-ni-a« sagte er rasch — »nicht hinaussehn jetzt — brauchen gar nichts mit zu thun zu haben und was davon zu wissen wenn Wi-Wi fragen. Sind im Haus gewesen und haben Nichts gesehen, wie sie Gewehre in die Berge tragen.«

»Gewehre?« frug Sadie rasch und erschreckt — »Waffen für die Eingebornen?«

Mitonare schüttelte erst wieder rasch mit dem Kopf, dann aber sich doch besinnend daß er nicht geradezu, als besonders abgeschickter Mitonare, eine auffällige Lüge sagen könne und dürfe, hielt er mit Schütteln plötzlich ein, sah Sadie einen Augenblick an und nickte dann eben so kräftig, und mit den Augen dazu verschmitzt blinzelnd, mit dem Kopf.

»Und weiß René davon?« frug die Frau.

»Der Wi-Wi?« lachte aber Mitonare schon über einen solchen Gedanken gerad hinaus — »der Wi-Wi soll was davon wissen? aber Pu-de-ni-a — Nein das ist gerad das Komische — nehmen es durch sein eigen Haus und er weiß n i c h t !«

»Aber wenn er jetzt dazu käme und den Alarm gäbe?« frug die Frau, ängstlich die Möglichkeit bedenkend daß René die Hand nicht dazu bieten würde, seine eigenen Landsleute zu bekriegen.

»Bah, bah« lachte aber der Mitonare still in sich hinein — »der Wi-Wi kommt jetzt nicht, gute Freunde haben dafür gesorgt — haben ihn eingeladen bis zehn Uhr — nachher Alles vorbei — kann nachher kommen und sehn wie sie durch den Garten gelaufen sind. Sollen wir die Leute in den Bergen ohne Gewehre lassen?« setzte er dann entschieden hinzu, als er sah wie die Frau unschlüssig ihm gegenüber stand und dem Geräusch draußen horchte — »sollen sie Nichts haben womit sie die Bibel, ei womit sie ihren eigenen Brodfruchtbaum vertheidigen können, wenn fremde unverschämte Männer über das Wasser kommen und Brodfrucht mit Baum und Garten und Umgegend gleich dazu nehmen? — Bah — soviel für die Wi-Wis — sind ein paar gute darunter ja — aber nicht viel; Kanaka muß was in der Hand haben womit er sich wehren kann, sonst ziehen sie ihm die Matten unter dem Rücken fort.«

Und er hatte recht. Sadie selber, so sehr sie das auch vor dem Gatten zu verbergen suchte, fühlte tief im Herzen die ihrem Vaterland widerfahrene Schmach, ja begriff vielleicht mehr als irgend Einer ihrer Landsleute, wie gedemüthigt ihr Volk in den Augen aller anderen Nationen dastehen müsse, wenn es keinen Arm hebe, die erhaltene Beschimpfung zu rächen, und gleichgültig und feige seine Flagge in den Staub treten lasse. Seine F l a g g e ? ein eignes, unsagbar schmerzliches Gefühl durchzuckte sie, als sie der Tahitischen Flagge, als sie jener Stunde gedachte, und nicht den Muth hatte sie gehabt, René danach zu fragen. Aber der Augenblick nahm ihre Aufmerksamkeit zu sehr in Anspruch, jetzt gerade vergangener Zeit gedenken zu können, und mit der Angst um René, was er thun, was er sagen würde wenn er erführe was hier geschehn, mischte sich auch wieder ein eignes stolzes, ja frohes Gefühl, daß die Tahitischen Männer nicht feige die Speere fortwerfen und in die Berge fliehen, sondern dem Feind, der ihr theuerstes Besitzthum angriff, herzhaft die Stirne bieten wollten. Und der Erfolg? — sie seufzte wenn sie daran dachte, aber die Berge waren steil, die Schluchten der Insel eng, das Uferland im Verhältniß schmal und dicht zum Strand gedrängt; ein Haufen entschlossener Männer, nur einigermaßen gut bewaffnet, konnte da schon einem weit zahlreicheren Feinde die Spitze bieten. — Aber Blut — Blut sollte in diesen Thälern fließen, in denen der Friede Gottes seit langen, langen Jahren ungestört geherrscht, und so im Recht die Ihren waren, ihr Vaterland zu vertheidigen, und wenn es das Leben Tausender koste, so weh und unheimlich war ihr das Gefühl dabei, jetzt selber an der Schwelle zu stehn, von der Blut und Verderben ausgehen mußte für so Viele.

Und der Mitonare, der stille friedliche kleine Mitonare, der sonst in seiner Bibel studirt, die Welt weiter nicht kannte, ihr Nichts bot, von ihr Nichts verlangte, als das Versprechen einstiger Seligkeit, und d i e selber fürchtete, wenn er sich Männer wie Bruder Aue und manche Andere dabei als leitende herrschende Wesen dachte — den kleinen friedlichen Mann jetzt dabei betheiligt zu sehn Mordgewehre in stiller Nacht in die Berge zu schaffen, dem Aufruhr gegen offene Gewalt die Hand zu bieten — sie konnte es nicht fassen, nicht begreifen.

»Aber Mitonare« sagte sie tief aufseufzend, denn ein eigenthümliches ängstliches Gefühl beklemmte ihr die Brust — »wenn die Männer zu den Waffen greifen, haben sie recht — die jungen Leute eines Stammes haben ihr Vaterland zu vertheidigen, denn Gott hat es ihnen gegeben als einen Platz ihn anzubeten und Gutes darauf zu thun, und wird es ihnen entrissen, so können sie die ihnen auferlegten Pflichten nicht mehr so vollständig erfüllen. Anders ist es jedoch mit den L e h r e r n eines Volks, mit denen, die Gottes Wort, das Wort des Friedens und der Liebe selber verkündigt haben, und noch verkündigen wollen; dürfen diese das Schwert auffassen und in den Kampf ziehn oder selbst die Waffen dem Bruder in die Hand drücken und sagen: Da, gehe hin und erschlage die, die Dich angegriffen haben? — ach Mitonare, ich bin vielleicht nur eine thörichte Frau, die sich mit unnützen, falschen Scrupeln und Befürchtungen quält, aber mir ist doch so gar weh zu Muth, und ich weiß nicht ob Du recht thust, auch nur um etwas derartiges zu wissen. Vater Osborne hätte das nie gethan, und Christus hat nicht gewollt daß wir unsere Religion mit der Schärfe des Schwertes vertheidigen sollten.«

»Zu Christus sind auch keine Wi-Wis gekommen und haben ihm das Land weggenommen,« rief der Mitonare schnell — »Religion — ja das ist Alles recht schön und gut — Religion ist ein sehr gutes Ding, wenn man aber keinen Platz hat wo man sich hinsetzen und beten kann, hilft Einem auch die Religion Nichts.«

Sadie blickte erstaunt, erschreckt ihn an — sprach das der kleine gottesfürchtige Mitonare aus früherer Zeit, und waren nur wenige Jahre im Stande gewesen, eine so merkwürdige gewaltige Veränderung mit seinem ganzen Wesen und Charakter vorzunehmen?

»Mi-to-na-re!« rief sie bittend.

»Ja Pu-de-ni-a, gutes Kind« sagte der kleine Mann gerührt, denn in dem einen Wort lag die ganze alte Liebe und Zärtlichkeit früherer Zeit — »Pudenia ist sehr gutes Kind, Mitonare ist aber anders geworden. Der alte Mann auf Atiu, mit dem weißen Bart sagte freilich man würde nicht anders, man würde nur klug, wenn man das Alles einsähe, und das ist auch wohl vielleicht recht hübsch und nothwendig — aber glücklich wird man nun einmal nicht dabei.«

»Und wir w a r e n glücklich auf Atiu« sagte Sadie, in stiller Wehmuth seine Hand ergreifend.

»Ja« flüsterte der kleine Mann plötzlich und ein anderer Geist kam wieder über ihn — »recht glücklich waren wir — bis die Wi-Wis kamen — nicht der Eine, Pu-de-ni-a aber die Anderen — bis die anderen Priester kamen und uns sagten daß wir unsere alten Götter umsonst verworfen und uns dem neuen Gotte zugewendet hätten, bis sie uns sagten daß wir auch ohne das hätten selig werden können, und nun nur beten müßten, recht viel beten, unsere Eltern aus dem heißen Platz, aus dem Fegefeuer, herauszuholen. Da wurden wir irr zuletzt, da wußte man nicht mehr welcher Pfad der rechte sei, und wenn uns alte Gewohnheit auch wieder in alten Weg zurückgeführt hatte — es ist doch nicht mehr so wie früher, wir sind älter geworden und — ha — was war das? — Jemand ist an der Thüre.«

»Das wird René sein« rief Sadie.

Die Klinke draußen wurde versucht.

»Sadie — öffne schnell! ich bin es,« rief in dem Augenblick der junge Franzose vor der Pforte, die Mitonares vorsichtige Hand verriegelt hatte.

»Segne mich« sagte aber Bruder Ezra erschreckt, während Sadie rasch hinzusprang dem Gatten zu öffnen — »warum kommt er nicht oben herein von der Straße — er muß sie gesehn haben.«

»Was geht hier vor?« rief aber in diesem Augenblick René, sein Weib und den Mitonare, die Beide bestürzt vor ihm standen, erstaunt ansehend. »Was sind das für Leute hier im Garten und was tragen sie?«

»Was für Leute?« frug Mitonare, in einer noch unbestimmten Absicht dem Wi-Wi die ganze Geschichte geradezu wegzuleugnen.

»Was für Leute?« wiederholte René erstaunt — »habt Ihr denn Nichts gehört und dicht unter dem Fenster hier huschten die Gestalten vorbei? — wo ist mein Gewehr? ich muß sehn was hier vorgeht; die Wache von nebenan wird auch gleich hier sein.«

»Die Wache?« rief Bruder Ezra erschreckt — »was weiß sie von hier?«

»Einer der Soldaten kam mit herüber und sprang rasch zurück als wir die verdächtigen Gestalten bemerkten, den Alarm zu geben.«

»Alle Wetter!« rief aber der Mitonare, und in die Thür springend hielt er die hohlen Hände an den Mund, und stieß einen zwar nicht sehr lauten, aber doch weithin schallenden und ganz eigenthümlichen Schrei aus.

»Was zum Teufel, Mitonare!« schrie aber René auf ihn zuspringend und ihn zurückziehend — »was soll das heißen?« Der kleine Bruder Ezra leistete jedoch nicht den mindesten Widerstand; er schien Alles ausgeführt zu haben was er wollte, und setzte sich jetzt nur dicht zum Fenster auf einen dort stehenden niederen Schemel — mit den hohen Stühlen konnte er sich nie befreunden und horchte, das Ohr an das Fenster gedrückt, still und aufmerksam nach außen, als ob er irgend einen Erfolg hier ruhig abzuwarten gedenke.

 

René hatte Belards Haus in einer Stimmung verlassen, die ihn gleichgültig gegen die Bahn machte die er einschlug, und eine halbe Stunde wohl schritt er mit fest verschränkten Armen in der dunklen und jetzt fast menschenleeren Broomroad, die mitten durch die Stadt führte, auf und ab. Die kühle Nachtluft, die mit dem frisch einsetzenden Westwind herüberwehte, scheuchte das Fieber endlich von seiner Stirn und machte ihn freier, ruhiger athmen. Er fühlte sich von einer Last befreit die ihn bis dahin gequält und zu erdrücken gedroht hatte, und mit dem Bewußtsein Alles gethan zu haben was in seinen Kräften stand, kehrte auch Ruhe und Frieden in sein Herz zurück.

Das höher und höher steigende Wetter machte ihn endlich darauf aufmerksam, daß er die eigene Heimath suchen müsse, wenn er nicht von dem Sturm, den meist ein tüchtiger Regen begleitete, überrascht werden wollte. Auch Sadie hatte noch so Manches heut' Abend zu thun, und sorgte und ängstigte sich gewiß, wenn er länger ausblieb.

Rasch, mit dem Gedanken, wandte er sich und trat den Heimweg an; es war dicht vor dem Abendschuß, und als er die Brücke erreichte, die schon eine ziemliche Strecke außerhalb der Stadt, unterhalb Papetee über einen breiten jetzt aber seichten Bergstrom führte, hörte er wie eine Gruppe von Eingeborenen im eifrigen Gespräch dort zusammenstand und jedenfalls etwas höchst Wichtiges oder doch wenigstens Interessantes mitsammen verhandelte, denn sie stritten laut und heftig aufeinander ein, und René konnte schon von Weitem hören daß ihre Debatte dem Betragen einzelner ihrer Häuptlinge, vorzüglich Paofai und Hitoti gelte, die wie es schien eine, den Insulanischen Interessen ganz entgegengesetzte Richtung eingeschlagen, und sich der Französischen Parthei zugewandt hatten. Das Für und Wider wurde hier besonders debattirt und ganz vorzüglich ob es die Männer aus Eigennutz oder, wie Andre behaupteten, dem Einfluß der Mitonare's entgegenzuarbeiten, gethan haben möchten. Alle waren aber einig darüber daß es eine Schande für Tahiti sei und die frommen Mitonare's sehr kränken würde, die sich mit solcher Aufopferung um ihr Seelenheil bemüht. Dann kamen Zornesreden auf die Wi-Wis — Andeutungen über sie herzufallen, wenn der heutige Streich gelänge, und noch manche andere dunkle Worte die René, als er am Beginn der Brücke stehn geblieben war den Stimmen zu lauschen, nicht genau verstand — in der That auch nicht verstehen wollte. Ihm lag jetzt mehr als je daran, den für ihn so fatalen Wirren in deren Mitte er gerade stand, zu entgehn, und die Brücke betretend, schritt er rasch darüber hin sein Haus zu erreichen.

Wie sein Fuß aber auf das Holz der Brücke trat, denn auf dem weichen Grasboden vorher hatte man seine Schritte nicht so leicht hören können, war die Unterhandlung drüben zwischen den Eingeborenen wie mit einem Schlage abgeschnitten; kein Laut ließ sich mehr vernehmen, und so überraschend schnell kam das Schweigen, daß René wirklich einen Augenblick zaudernd stehen blieb und hinüber horchte.

»An meinem besohlten Schritt auf den Planken haben sie gehört daß ich ein Europäer bin« dachte er aber auch zu gleicher Zeit — »sie werden fürchten, behorcht zu sein und sich in das Dickicht gedrückt haben. Meinetwegen, ich wäre der Letzte der sie verrathen möchte,« und ohne selbst weiter an die Leute zu denken, noch sich nach ihnen umzuschauen, schritt er rasch über die ziemlich roh aufgeführte und sehr schmale, mehr stegartige Brücke hinüber, und erreichte eben die andere Seite der Uferbank, als er etwas neben sich regen sah, und sich auch in demselben Augenblick von vier kräftigen Männern gefaßt und umspannt fühlte.

Widerstand war, wie er gleich fühlte, unmöglich, denn er vermochte keinen Arm zu rühren, sein erster Gedanke aber auch, daß hier ein Versehen statt gefunden habe und er für einen anderen der Französischen Officiere vielleicht gehalten wäre. An dem verwundeten Arm aber, an dem sie ihn so unsanft gepackt, thaten sie ihm weh und er sagte deshalb, vollkommen ruhig, und zu dem gewandt der ihn dort hielt, auf Tahitisch:

»Hab Acht Freund, Du drückst mich an der Schulter und ich habe dort eine noch nicht ganz vernarbte Wunde — laß mich los, wir können ruhig mit einander reden.«

»Aber nicht ganz los« sagte der Eine, die Stimme war René jedoch fremd.

»Und warum nicht?« frug er dagegen, während der, der ihn an der verwundeten Schulter gehalten, diese frei gab und seinen Arm nur noch unten leise hielt — »was habt Ihr gegen m i c h ? — es ist doch wohl nur ein Versehen, daß Ihr m i c h gerade angefallen habt.«

»Versehen? — vielleicht« sagte der Eine vorsichtig — »nicht viel zu sehen hier überhaupt — wie heißt Du?«

»René Delavigne, und wohne schon über Jahr und Tag hier in Mativai Bai unten am Strand in dem kleinen Häuschen, das Vater O-no-so-no früher bewohnte.«

»Ist Alles in Ordnung« sagte ein Anderer der Leute.

»Nun dann laßt mich wenigstens los, was wollt Ihr von mir?«

»Müssen Dich erst noch sprechen — komm herein in das Haus hier — thun Dir Nichts« sagte der Erste wieder.

»Ich fürchte Euch nicht,« entgegnete trotzig der junge Franzose, »habe aber keine Lust mich von Euch hinschleppen zu lassen, wohin es Euch beliebt.«

»Bist Du ein Freund von Kanaka?« frug ein Dritter jetzt, der bis dahin noch nicht gesprochen.

»Wenn ich's n i c h t wäre hätte ich schon um Hülfe gerufen, und Euch den Französischen Posten auf den Leib gezogen, der kaum zweihundert Schritt von hier entfernt auf der Straße liegt« entgegnete mürrisch René.

»Hm, wenn das lauter Beweis ist« lautete die etwas mißachtende Antwort — »Schreien kann man einem Menschen wehren. Nein, komm mit uns hier zum nächsten Haus — gleich am Wasser dran — wollen was mit Dir sprechen.«

»Heut' Abend nicht, Freunde, ich habe Geschäfte die mich eilig nach Hause rufen« sagte René ausweichend.

»Deshalb gerade« lachte der erste Sprecher — »komm Freund, Du m u ß t — weißt Du, dann kann man nicht anders.«

»Da hast Du recht, Kamerad« erwiederte René, jetzt auch lächelnd über den praktischen Humor des Eingeborenen. Er sah auch wohl daß ihn keine Gefahr bedrohe, denn hätte man ihm etwas zu Leide thun wollen, wäre hier ein eben so guter Platz dazu gewesen, als irgendwo anders — aber w a s wollte man von ihm? — »Gut« sagte er nach kurzem Ueberlegen — »ich will Euch folgen, aber dann müßt Ihr mir auch versprechen, daß Ihr mich ungehindert wieder gehen laßt; ich habe mein Weib allein zu Hause und muß zu ihr.«

»Maitai, maitai« riefen die Eingeborenen rasch und freudig, da sie sahen daß der Gefangene ihnen die Sache so leicht und bequem machte — »soll Dir Nichts geschehn, Freund — blos warten ein Bischen blos warten« — und ihn führend, ohne aber für jetzt seine Arme noch frei zu geben, gingen sie mit ihm über die Straße hinüber und am Bach hinauf, wo etwa, zweihundert Schritt von der Brücke entfernt, ein kleines Dorf tief versteckt zwischen Fruchtbäumen und Palmen lag.

René folgte vollkommen geduldig, aus dem einzigen Grund aber nur, weil er eins seiner Terzerole, gut geladen, in der Brusttasche trug, und sich das Spiel nicht selber durch unzeitige Widersetzlichkeit verderben wollte. So, anscheinend als gute Freunde, konnte er seine Zeit abwarten, und bekam er erst einmal den rechten Arm nur auf wenige Secunden frei, daß er zu seiner Waffe gelangen konnte, dann ließ sich eher mit den Leuten sprechen. Eine Absicht hatten sie jedenfalls ihn hier aufzuhalten, und eine ihm günstige konnte es auch nicht sein, also je eher er sich wieder frei machte, desto besser.

Rasch vorwärts schreitend hatten sie jetzt das erste Haus erreicht, und die Thür öffnend, trat der Erste der Eingeborenen zurück, ließ René's Arm los und bat ihn hinein zu gehn — er habe Nichts für sich zu fürchten.

»Ich fürchte auch Nichts, Kamerad« sagte der junge Mann, seinen rechten Arm ausstreckend, den Sehnen wieder freies Spiel zu geben und die Hand dann, wie nachlässig in den vorn halb zugeknöpften Rock schiebend, »aber ich möchte Dich auch bitten mich jetzt wieder frei zu lassen, und da etwas aus dem Weg zu gehn, sonst —« und er riß das Terzerol, das er in demselben Augenblick spannte, aus der Tasche und hielt es dem Eingeborenen entgegen — »möcht' ich genöthigt sein, Gewalt mit Gewalt zu vertreiben.«

»Ah?« sagte der Insulaner ruhig, während sich die Andern etwas scheu hinter ihn zurückzogen, er selber aber, ohne eine Miene zu verziehen, in der Thür stehen blieb und auf das Terzerol sah — »hast Du so was auch in der Tasche? — hätten eigentlich nachsehen sollen, denken aber immer nicht an die kleinen Dinger; aber schadet Nichts — schießt Du mich, sind drei andere da, schneiden Dir Hals ab und werfen Dich in's Wasser.«

»Du nimmst's kaltblütig« lachte René mit einem Blick den inneren Raum der Hütte überfliegend. Am andern Ende derselben saßen fünf oder sechs Frauen und Mädchen um eine hellflackernde Cocosölflamme, dort aber konnte er keine Thür weiter erkennen, nur eine einzige starke Bambuswand umzog das Haus, und er sah recht gut ein daß hier nur ein rasches entschiedenes Auftreten ihn retten oder sein Schicksal entscheiden konnte.

»Du hast recht Kamerad — es könnte mir nicht viel helfen, wenn ich Dir eine Kugel durch den Kopf jagte — drei Andere wären noch da mich aufzuhalten — aber D i r eben auch nicht. Ihr habt mich in aller Stille hier aufgehoben und hierhergebracht, jedes auffällige Geräusch zu vermeiden; ich aber verlange jetzt augenblicklich von Euch daß Ihr mir sagt was Ihr von mir wollt o d e r — ich gebrauche doch hier diese Waffe, die mit donnerndem Mund durch die Nacht spricht und jedenfalls Hülfe herbeiholt von meinen Landsleuten. Also was soll ich hier? und weshalb habt Ihr mich hierher gebracht?«

Die Insulaner, die keck vielleicht der Gefahr der Waffe getrotzt, hatten in der That nicht an den Spektakel gedacht, den das kleine Ding machen würde, und den sie noch dazu mit von weit größerem Geschütz herrührend verwechselten; jedenfalls mußte ihnen diese Drohung wichtiger als die erste dünken, denn sie unterhielten sich rasch und eifrig miteinander, ohne dabei jedoch ihren Gefangenen aus den Augen zu lassen.

»Du willst nicht bei uns bleiben?« frug der Eine ihn jetzt.

»Gutwillig nicht — Ihr sagt mir denn sonst weshalb.«

Wieder steckten sie die Köpfe zusammen und die leise und flüsternd geführte Berathung war eigentlich von größerer Wichtigkeit für René, als er ihr vielleicht zutrauen mochte, denn es handelte sich dabei in der That um nichts Geringeres, als sein Leben. Die angeborene Gutmüthigkeit der Stämme aber — vielleicht auch die Vorsicht die sie bis jetzt auffällig mit den Franzosen beobachtet hatten und die sie scheu einen direkten Beginn der Feindseligkeiten vermeiden ließ, weil sie wohl fühlten wie sie auf einem Punkt standen, wo der erste Schlag, der erste vergossene Blutstropfen das Signal zu einem Kampf werden mußte auf Leben und Tod, schien hier zu René's Gunsten zu sprechen.

»Wir wollen Dir kein Leides thun« sagte der eine Insulaner, der Einzige der im Licht stand, dessen Züge ihm aber gar nicht bekannt waren, und der von einem anderen Theil der Insel hergekommen sein mußte — »unser Zweck war nur Dich eine kurze Zeit bei uns zu behalten, wenn Du das nicht willst magst Du gehn. Vorher mußt Du aber zuerst mit uns zu Nacht essen — Du sollst nicht sagen können daß wir Dich in eine unserer Wohnungen geführt, und Dich hungrig wieder hinausgelassen haben.«

René lachte laut auf über die unverhoffte und wunderliche Einladung, und doch lag aber auch wieder so viel Gutmüthiges darin daß er es, vielleicht auch besorgt dabei keine Furcht sehen zu lassen, ihnen nicht abschlagen mochte und konnte; das Terzerol aber noch immer gespannt in der Hand forderte er dann von seinem freundlichen Wirth das Versprechen, ihn augenblicklich nach eingenommenem Abendbrod ungehindert ziehn zu lassen.

»Ich verspreche Dir das« sagte der Eingeborene, »und zum Beweis daß ich Dir traue, wie Du mir trauen kannst, ist hier die Thür offen — wir halten Dich nicht mehr — aber« setzte er dann etwas leiser und mit einem eigenen Ausdruck in der Stimme hinzu — »wenn Du Freund von Kanaka bist, wirst Du's beweisen können heut'.«

»Gut denn« lachte René, sein Terzerol sorglos in Ruh setzend und in die Tasche zurückschiebend — »so kommt, meine Burschen, und Ihr sollt sehn daß ich Eurem Fisch und Poe oder was Ihr sonst haben mögt, Ehre mache.«

Die Frauen, die sich beim ersten Eintreten der Männer und den feindlichen da gewechselten Worten und Drohungen scheu zurückgezogen hatten in den entferntesten Theil der Hütte, hörten jetzt kaum die friedliche Wendung die Alles zu nehmen schien, als sie, freilich immer noch schüchtern, hervorkamen, und nur erst Leben gewannen, als ihnen die Männer zuriefen »den Tisch zu decken.« Schon bereit gehaltene Blätter wurden augenblicklich auf die Erde ausgebreitet, wo schon Matten lagen für die Neugekommenen und von zwei hellen Cocosölflammen beleuchtet saßen die, die sich noch vor wenigen Minuten auf Leben und Tod entgegengestanden und deren Leben an dem Gedanken des Einen oder Andern gehangen, sich friedlich plaudernd gegenüber, nur emsig eben bemüht die aufgetragenen Speisen zu beseitigen.

Und René war der Fröhlichste unter ihnen; so wild und weh ihm noch kurz vorher ums Herz gewesen, so vollkommen hatte das eben bestandene kleine Abenteuer, wie das unvorbereitete romantische seiner ganzen Lage und Umgebung, jeden trüben Gedanken abgestreift von seinem Geist; das leichte fröhliche Blut, das seinem ganzen Körper jene unendliche und nicht zu ertödtende Spannkraft verlieh, hatte wieder gesiegt und nur dem Augenblick gab er sich hin in sorglosem Muth, der dem Morgen, was er auch bringen mochte, keck und unbekümmert ins Auge sah.

Nichtsdestoweniger zögerte er nicht länger, als er nothwendig brauchte sein Abendbrod zu verzehren; an einem der noch aufgehäuften reinen Hibiscusblätter trocknete er sich Mund und Finger, und erklärte jetzt, aufstehend, den Heimweg antreten zu wollen. Fast wider sein Erwarten, denn er war nicht immer gewohnt bei den c i v i l i s i r t e n Indianern Treu und Glauben zu finden, hinderte ihn Niemand daran, sein Wirth selber öffnete ihm freundlich und lächelnd die Thür, und nach herzlichem Abschied, als ob er hier alte Freunde gesucht und gefunden, und nicht als Gefangener vor kaum einer halben Stunde diese Schwelle betreten hätte, verließ er das Bambushaus — kopfschüttelnd dabei, was das räthselhafte Betragen der Eingebornen, ihm gegenüber, zu bedeuten gehabt.

Kaum aber fühlte er den gebahnten Weg wieder unter sich, zu dem er sich, am Ufer des Baches nieder, hatte hinunterfühlen müssen, als er so rasch den Heimweg antrat, als ihn seine Füße tragen wollten. Weshalb hatten ihn die Insulaner aufgehalten? und stand das am Ende gar in irgend einer Verbindung mit der eigenen Heimath? Es war ihm ein unheimliches fatales Gefühl, und das gespannte Terzerol in der Hand, einem etwaigen neuen Angriff nicht wieder so blind zum Opfer zu fallen, lief er mehr als er ging, den, zwar sehr betretenen, aber doch schmalen und dunklen Pfad entlang, der ihn zuerst durch einen stattlichen Palmenhain und dann durch den noch düsterern Grund eines mit Wi-und Mapebäumen besetzten Thales führte. Mit diesem Thal näherte er sich aber mehr und mehr dem eigenen Haus, dessen Licht er nun schon bald hoffte durch die Büsche schimmern zu sehn, als er plötzlich durch ein etwas barsches und gar nicht weit entferntes »Qui vive!« fast erschreckt und in seiner Bahn gehemmt wurde.

»Hallo Kamerad« sagte er aber lachend, sobald er die Antwort gegeben und durch den hier so dicht bei seinem Haus aufgestellten Posten auch jetzt so weit beruhigt war, daß dort nichts Außerordentliches konnte vorgefallen sein — »Ihr liegt ja hier förmlich im Hinterhalt und könntet nervösen Personen den Tod einjagen vor Schreck, wenn sie so plötzlich angeschrien würden; aber lieb ist mir's daß ich Euch hier finde.«

»Habt Ihr irgend etwas gesehn?« frug der Soldat rasch.

»Gesehn? — nein« sagte René nach kurzem Bedenken, er wollte nicht als Ankläger gegen die sich auch doch nur ihrer Haut wehrenden Eingebornen auftreten, »aber paßt gut auf, Kamerad — Ihr habt es mit listigen und der Waldwege gewohnten Burschen zu thun, wenn sie ja etwas unternehmen sollten in späterer Zeit.«

»Hat Nichts zu sagen« lachte der junge Soldat, »meine Augen sind frisch, Kamerad, und mein Gehör so scharf wie das ihre wohl, so leicht entgeht mir Nichts — aber, Kamerad, Ihr könntet uns hier auf der Wacht einen gewaltigen Freundschaftsdienst erweisen, wenn Ihr's nämlich bei Euch führt.«

»Und das wäre? von Herzen gern wenn ich's kann.«

»Wir sind hier vier Mann im Haus, ohne den einen, der hinunter an den Strand postirt ist, sein Auge auf dem Wasser zu halten, und haben nicht eine Pfeife voll Taback zwischen uns — alle fünf — wenn Ihr nur die geringste Quantität —«

»Nicht die Idee, Kamerad, in der Tasche gerade,« sagte René freundlich, »aber ein ganzes Pfund dicht daneben in dem Haus da, wo ich wohne. Wollt Ihr die paar Schritt mit mir hinübergehn, steht er Euch gern zu Diensten.«

»Ich selber darf nicht vom Posten« rief der Soldat fröhlich, »aber ich geb' Euch einen meiner Kameraden mit; Gott sei Dank, da ist doch Aussicht auf eine Pfeife« — und rasch der vielleicht zwanzig Schritt vom Weg abliegenden Bambushütte zueilend rief er von dort einen der da drin auf der Matte schon faul ausgestreckten Soldaten heraus, den Landsmann zu begleiten und die freundliche Gabe in Empfang zu nehmen.

René war der Schildwacht bis zum Haus gefolgt, denn von dort schnitt ein ihm wohlbekannter, etwas näherer schmaler Fußpfad durch ein weites unbebautes und mit hohen Cocospalmen bewachsenes Grundstück nach seinem eigenen Garten hinüber, der von hier kaum mehr wie fünf- oder sechshundert Schritt entfernt lag, und wohin ihn jetzt der junge Französische Soldat, ohne es selbst der Mühe werth zu halten sein Gewehr mitzunehmen, begleitete. Die Insulaner hatten sich bis jetzt nicht allein so friedlich, nein wirklich freundlich gegen sie gezeigt, daß keiner der Soldaten an einen Zusammenstoß mit ihnen auch nur dachte. All' diese Vorsichtsmaßregeln, besonders die am Strand hin aufgestellten einzelnen Posten galten auch keineswegs den Eingebornen, sondern sollten einzig und allein dazu dienen die Mannschaft der im Hafen liegenden fremden Schiffe zu verhindern an heimlichen Stellen zu landen und die Eingeborenen, was man besonders von den Engländern fürchtete, nicht allein gegen die neuen Herren des Landes aufzuhetzen, sondern ihnen auch Waffen und den fast für den Frieden der Küste ebenso gefährlichen Branntwein zuzuführen.

Rasch und schweigend, René voran, waren sie den Pfad entlang geschritten, der hier zu schmal zwischen dem dicht aufwuchernden Unkraut hinlief, zweien neben einander Raum zu geben, und René hatte eben die Einfriedigung erreicht die ihn von seinem Garten trennte, und die Hand darauf gelegt hinüber zu steigen, als er sich etwas darin regen sah, und gleich darauf eine Gestalt zu erkennen glaubte, die mit irgend einer schweren Last, rasch aber geräuschlos vom Strande aufwärts, dicht unter den Fenstern seines eigenen Hauses hin, der Straße zuschritt. Nun lag allerdings der kleine Cutter unten vor Anker, in dem er sich morgen einzuschiffen gedachte, aber er hatte noch Nichts von seinen Sachen eingeladen, also auch dort keine Diebe zu fürchten; überdies schlief einer der Eingebornen als Wächter darin. Was aber wollten die Leute da? — was trugen sie?

»Was ist da?« flüsterte jetzt der Soldat hinter ihm, der noch Nichts sehen konnte, aber ein Geräusch zu hören glaubte, »irgend etwas Verdächtiges?«

»Verdächtiges? — ja« flüsterte René zurück — »ich kann nur noch nicht recht daraus klug werden — bst —« sagte er plötzlich, den Arm des Soldaten fassend, »da kommt noch Einer.« Dieser glitt etwas weiter nach vorn, und deutlich konnten sie erkennen, daß hier im Dunkel der Nacht irgend etwas ausgeführt wurde, das das Licht zu scheuen hatte. Bei ihm im Hause brannte die Lampe, aber sein Weib schien keine Ahnung von dem zu haben was unter ihrem Fenster vorging, und wenn auch René nicht glaubte daß gerade irgend etwas Feindliches gegen ihn selber beabsichtigt wäre, sah das Ganze doch viel zu unheimlich aus, ihm hier draußen Ruhe zu lassen. Dem Soldaten also zuflüsternd daß er hinüberspringen wolle sein Gewehr zu holen, um nachher bewaffnet zu untersuchen was hier vorgehe, benutzte er den Augenblick, wo der letzte Träger hinter dem Haus verschwunden war, stieg leise über die Fenz, und glitt rasch und geräuschlos seiner Hausthür zu, während der Soldat noch eine Minute etwa auf der Lauer blieb und sich erst dann, als er wieder Schritte vom Wasser herauf hörte, so still wie er konnte zurückzog, die Mannschaft der kleinen Wache, die unbegreiflicher Weise noch nicht von dem doch zu diesem Zweck unten aufgestellten Posten alarmirt worden war, herbei zu holen.

 

An Bord der Kitty Clover hatte an diesem Tag, wenn auch nur unter Deck, eine besondere Thätigkeit geherrscht mit Klopfen und Hämmern, obgleich, wer das alte schmutzige Fahrzeug von außen sah, das kaum hätte vermuthen dürfen. An Deck trieben sich ein paar Matrosen schläfrig herum, oder stiegen langsam in das Takelwerk hinauf, hie und da ein Tau nachzusehn oder eine zersprengte

Weveling[F] auszubessern, höchst aufmerksam jedoch stets signalisirend, wenn ein Canoe oder Boot dem Schiff zu nah kam, wo dann jedesmal das Klopfen und Hämmern in seinem Bauch schwieg, und Mac Rally vielleicht selber seine steile Cajütstreppe aufkletterte, nachzusehn was die Störung oben verursacht hätte.

[F] Die Querseile an den Wanten, die zu Strickleitern dienen.

Mit Sonnenuntergang kam etwas regeres Leben an Deck — die Leute beschäftigten sich mit einem der zur Vorsorge mitgenommenen und über dem Hinterdeck auf einem besonders dazu hergerichteten Gestell gehaltenen Boote, und nahmen es mehr nach vorn, etwa midschips, um es nachzusehn. Hoch postirt aber und längs der Schanzkleidung hin an Backbordseit, diente es zugleich dazu den weiter in der Bai liegenden Schiffen die Aussicht auf sein Deck, die überdies in der rasch einbrechenden Dunkelheit unsicher wurde, vollkommen zu versperren; auch nach Land zu war ein Ueberblick an Deck durch dort, wie zufällig, aufgehangene Matrosenwäsche theils, theils durch ein altes Segel, versperrt, und vier Fässer waren unter dieser Schutz an Deck geschafft worden und mit Tauen umwunden, um, sobald die Nacht vollständig eingebrochen sei, über Bord gelassen zu werden.

Eine günstigere Nacht hätte sich Mac Rally aber auch gar nicht zu seinem von O'Flannagan angegebenen Unternehmen wünschen können, das in nichts Geringerem bestand als zweihundert Stück Gewehre mit der nöthigen Munition, wie eben so viele Säbel, an den durch den Iren selber bestimmten Ort zu schaffen. Da man aber wußte daß die Küste an diesem Abend schon scharf bewacht wurde, und ein hoch aus dem Wasser gehendes Boot kaum unbemerkt hätte durchkommen können, waren die Waffen in gewöhnliche Thranfässer mit hölzernen Reifen förmlich verspuntet worden, und die Fässer selber mit ihrer Fracht eben nur so weit belastet, daß sie im Wasser, kaum drei oder vier Zoll über die Oberfläche vorragend, schwammen. Mit der Ebbe war dabei nichts weiter nöthig als sie zu steuern, wozu ihnen vier, schon an Bord befindliche Indianer mitgegeben waren, die sie ebenfalls schwimmend begleiten mußten. Mit einbrechender Nacht konnte dies wunderliche Floß, das sich in der That nur durch einen ganz schmalen schwarzen Streifen von der es umgebenden Wasserfläche unterschied, unmöglich vom Ufer aus, von dem es schon durch die Korallen auf etwa hundert und funfzig Schritt abgehalten wurde, erkannt werden. Mit der Lokalität genau bekannt, war auch keine Gefahr da, daß die Landenden vorher bemerkt wurden, wenn nur Jemand an Land die Aufmerksamkeit der dicht bei der eigentlichen Landung stationirten Schildwacht ablenken wollte, und der dort wohnende Franzose, durch dessen Garten die Fracht geschafft werden mußte, entfernt oder für ihr Unternehmen gewonnen werden konnte. Das erstere hatte O'Flannagan selber, das zweite Mr. Noughton — wie er sagte » d u r c h s e i n e F r e u n d e« — übernommen.

Es war gerade mit Sonnenuntergang, der in diesen Breiten ziemlich regelmäßig um sechs Uhr das ganze Jahr hindurch einfällt, und der am Strand eben abgelöste Posten schritt, sein Gewehr im Arm, langsam auf der harten sandigen Fläche auf und ab. Mißtrauisch wohl manchmal nach Westen hinüberschauend, wo über den scharfzackigen Kuppen von Imoe schwarze düstere Wolkenschleier aufstiegen, hinter denen die Sonne schon eine ganze Weile verschwunden war, fesselte das ihn umgebende prachtvolle Schauspiel der Riffe doch weit mehr seine Aufmerksamkeit, und nicht satt sehen konnte er sich an den weißen schäumenden Massen, die in dumpfem Brausen, wenn auch zurückgeschlagen, immer auf's Neue mit ungeschwächtem Muth zum Kampfe eilten und ihre blitzenden schneeigen Kronen dem Feind in's Antlitz schleuderten. Dazu die wehenden Palmen über sich, der herrliche Duft der aus den etwas rauh geschüttelten Blüthen der Orangen und Wi's zu ihm herüberwehte, das leise Plätschern des kaum erregten Binnenwassers auf dem harten Sand, wie die Fluth fiel und das Wasser weiter und weiter nach See zurückwich — es war ihm froh und leicht um's Herz, und fast vergessend daß er hier eigentlich her postirt war in dies Paradies, als ein fremder dahinein gar nicht gehörender, feindlicher Körper, summte er sich doch ein munteres Lied und athmete die kühle würzige Luft ein — der Brust ein herrliches Gefühl nach dem schwülen dumpfigen Tag.

In jenen Ländern kennt man die Dämmerung kaum; der letzte Gluthenstreif der Sonne ist eben hinter dem Horizont verschwunden, und im Osten treten schon die Sterne sichtbar vor; heller und heller blitzen sie uns, wie es scheint fast die Nachbarlichter an dem eigenen Strahl entzündend, weiter und weiter der Sonne nach, und mehr und mehr Kraft gewinnend wie sie oben stehn; — so nicht fünfzehn Minuten später hüllt wirkliche Nacht die Erde ein, während noch der hellere Streif im Westen die Stelle kündet wo die Sonne kaum verschwunden.

In der kurzen Dämmerung die dem scheidenden Tage folgte, war es, als ein Seemann, wenigstens der Kleidung nach, mit einem kleinen, in ein rothseidenes Tuch eingeknüpften Bündel am Strande suchend heraufkam, und seine Aufmerksamkeit ganz auf das Wasser gerichtet hielt, als ob er von dort her irgend Jemand erwarte. Die Schildwacht hatte ihn zuerst bemerkt als er über den benachbarten Gartenzaun sprang, aber wenig weiter auf ihn geachtet. Die Matrosen der verschiedenen Schiffe, besonders der Englischen, streiften in der ganzen Nachbarschaft umher und mußten doch alle mit dem um acht Uhr gefeuerten Abendschuß Papetee wieder verlassen haben, an Bord ihrer verschiedenen Schiffe zurückgekehrt zu sein; es war Zeit daß der Mann dorthin aufbrach, er verpaßte sonst die Stunde, und konnte vielleicht die Nacht, statt in seiner bequemen Hängematte, in dem Französischen Wachthaus zubringen — eine Abkühlung für die Freuden des Tages.

Der Matrose schien aber gar nicht direkt nach Papetee zurückzuwollen, denn langsam am Ufer hinschlendernd, wobei er sich der Schildwacht mehr und mehr näherte, blieb er manchmal stehn und erwartete jedenfalls ein Boot von See her, das vielleicht versprochen hatte ihn hier abzuholen. So wenigstens erklärte sich die Schildwacht die Bewegungen des Mannes.

Endlich mußte dieser — und es war fast dunkel indessen geworden — zu einem andern Entschluß gekommen sein; er stampfte erst ein paar Mal, wie ärgerlich und ungeduldig mit dem Fuß, und schritt dann, dabei alle möglichen Englischen Flüche in den Bart murmelnd, gerade auf den Franzosen zu, der jetzt, da ihm die Fernsicht doch durch die einbrechende Dunkelheit genommen war, sich gegen ihn wandte, zu sehen was der Bursche von ihm wolle.

»Hallo Mate«[G] redete er den Soldaten in breitem Irisch an, als er in Sprachnähe etwa herangekommen — »kein Boot gesehen hier, seit Du da stehst und die Muskete spazieren trägst?«

[G] Kamerad.

»Je ne comprends pas, camarade« lachte der Franzose, mit dem Kopf schüttelnd.

»Wer ist todt?« frug der Ire, mit komischem Ernst den Franzosen erstaunt ansehend.

»Je ne comprends pas — rien du tout — notting!« erwiederte aber die Wacht halb mürrisch über die wiederholte Frage, und das einzige Englische Wort verunstaltend, das sie vielleicht konnte — »geh hinunter nach Papetee — bis Du hinunter kommen kannst wird der Abendschuß gefeuert, und nachher sitzest Du da.«

»Ahem« nickte der Ire, der nicht eine Sylbe von dem Allen verstand — »er wird's wohl nicht haben ändern können. Aber verdammt, das ist langweilige Arbeit, wenn der Bursche auch kein Wort Englisch versteht — wie mach' ich ihm da begreiflich was ich will — ist doch horndummes Volk die Wi-Wis.«

»Prenez garde!« rief der Posten drohend, der die letzten nur zu gut gekannten Sylben wohl verstanden hatte, und sich denken konnte daß der Fremde ärgerlich darüber sei sich nicht ausdrücken zu können und für sich schimpfe — »wahr' Dich wie Du das Wort hier brauchst Kamerad.«

»Dann versteht Ihr vielleicht die Landessprache« rief Jim O'Flannagan, denn er war es, jetzt rasch — »auf Tahitisch wär' es wenigstens eine Aushülfe.«

»Tahitisch nicht gerade« antwortete der Franzose ihm in einem anderen, aber doch verständlichen Dialekt — »ich bin fast ein Jahr auf den Marquesas-Inseln gewesen, und es hat Aehnlichkeit — aber was wollt Ihr?«

»Mein Boot, Mate« brummte der Ire, »mein Kamerad hat versprochen mich hier abzuholen, und jetzt läßt er mich sitzen.«

»Nebenan ist heute ein Canoe angefahren« sagte der Franzose.

»Hol' die Canoe's der Teufel« knurrte Jim — »wenn man am festesten sitzt, klappen sie um manchmal, wie die Taschenmesser — nein eine ordentliche reguläre Schiffsjölle mit rothem Segel — nichts gesehn, Kamerad?«

»Nicht die Probe.«

»Verflucht« brummte der Ire, »aber kommen m u ß er noch, denn er darf nicht ohne mich an Bord zurück — Wollt Ihr mir einen Gefallen thun, Kamerad?«

»Und der wäre?«

»Wollt Ihr mir erlauben mein klein Bündel hier einen Augenblick herzulegen? ich traue dem rothen Gesindel nicht recht, ich habe Geld d'rin.«

»Warum nimmst Du's nicht lieber mit?« frug der Posten.

»Ich muß doch hierher wieder zurück, wenigstens noch einmal nachzusehn ob das Boot nicht kommt — nachher geh' ich die Straße hinunter in die Stadt.«

»Und kommst zu spät zum Abfahren.«

»Bin bekannt dort« lachte der Andere — »im schlimmsten Fall find' ich Nachtquartier — ich bin gleich wieder unten,« und ohne eine halbe Einwendung des Franzosen dagegen weiter zu hören, legte er sein Bündel gleich neben den Stamm einer dicht am Strand stehenden Palme, deren faserige Wurzeln von dem Wellenschlag vollkommen bloß gespült waren, und schritt in das Gebüsch hinein, das dort allerdings der Straße zuführte.

»Diable« brummte aber auch seinerseits der Posten, »giebt einem da Aufträge ohne weitere Umstände — werde mich aber verwünscht wenig um sein Tuch kümmern. Boot? — ein Boot darf mir jetzt gar nicht mehr landen nach Dunkelwerden; verdammt unverschämtes Volk diese Englischen Matrosen.« Und wie den Aerger zu verjagen setzte er pfeifend wieder seine Wandrung am Strande auf und nieder fort.

Jim war aber nicht nach der Straße hinaufgegangen, sondern mit jedem Fußbreit Boden, den er den Tag über genau recognoscirt, vollkommen vertraut, in den Büschen, zwischen dem Posten und der oben aufgestellten Wache durchgeschlichen, und einer etwas weiter oben auslaufenden Korallenspitze zugeeilt, wo man allerdings, der fast bis an die Oberfläche reichenden Korallen wegen mit einem Boote nicht landen, die schmale Durchfahrt aber innerhalb der Riffe, desto besser übersehen konnte. Dort lag er, bis er vom Wasser aus das verabredete Zeichen der vorbeitreibenden Fässer erhielt, deren dunkle Umrisse er von hier aus kaum im Stande war zu unterscheiden. Unten, wo der Posten stand, trieben sie so viel weiter vorüber, und eine Entdeckung war deshalb kaum zu fürchten, sobald nur das Ausladen geräuschlos genug betrieben wurde.

Vollkommen befriedigt über das was er gesehn, lag er noch einige Minuten still, das eigenthümliche Floß mit seinen dunklen Geleitern erst etwa in einer Höhe mit der Schildwacht zu lassen, kroch dann den Weg den er gekommen zurück, und ging nun, in den Büschen wieder angelangt, und durch diese mit einigen halblauten, für das Ohr des Posten bestimmten Flüchen durchbrechend, gerade wieder auf die Palme zu wo sein Bündel lag.

»Kein Boot gekommen?« frug er hier, dicht bei dem Französischen Soldaten stehn bleibend, nahm dabei eine Cigarre aus der Tasche, schlug mit Stein und Stahl Feuer und zündete sie an.

»Nein« sagte der Soldat, dem der Tabacksqualm gut roch, der aber den Engländer nicht deshalb anreden mochte — »jetzt wär's auch zu spät, ich dürft' es gar nicht mehr an's Ufer lassen.«

»So hol's der Böse, ich komme auch ohne es an Bord — eine Cigarre Kamerad?«

Er hielt ihm die Cigarren hin und horchte dabei nach dem Wasser hinüber; sein scharfes Ohr hatte von dorther ein Geräusch entdeckt.

»Danke« sagte der Franzose, die Cigarre nehmend und an der des Iren entzündend — »Taback — schmeckt — prächtig — wenn — man —«

»Hat sie keine Luft?«

»Danke — geht schon — wenn man ihn lange nicht gehabt hat — so, danke.«

»Hm« sagte der Ire, sein Bündel wieder aufnehmend, er that dabei langsam ein paar Schritte an der Wache vorbei und blieb dann wieder stehn.

»Gute Nacht Kamerad« sagte der Franzose.

»Gute Nacht — hm, ja — gute Nacht Mate« entgegnete Jim — das Floß hätte jetzt schon gut an Ort und Stelle sein können, und doch war's ihm immer, als ob er ein verdächtiges Geräusch gerade gegenüber auf dem Wasser höre; hinaushorchen durfte er aber auch nicht, sonst wäre der Posten ebenfalls darauf aufmerksam geworden. Er m u ß t e noch einen Augenblick zögern, und drückte sein Cigarrenfeuer zwischen den Fingern aus, that dann ein paar Schritte, blieb stehn, zog wieder, und wollte eben zurückgehn den Mann wieder um Feuer zu bitten, als dieser sagte:

»Da draußen wird Euer Boot kommen — mir war als ob ich etwas auf dem Wasser hörte.«

»Das wäre der Teufel« brummte Jim in Englisch, setzte dann aber sogleich auf Tahitisch hinzu: »würden jetzt schwerlich glauben daß ich noch hier bin — wird wohl ein Fisch gewesen sein.«

Der Soldat horchte.

»Dürft' ich Euch jetzt noch einmal um Feuer bitten« sagte Jim wieder zu ihm tretend.

»Gern — wahrhaftig da war wieder etwas.«

»Es sind hier viel Purpoisen im Wasser und machen dann immer einen merkwürdigen Spektakel.«

»Das war kaum ein Fisch« sagte der Soldat, jetzt vollständig alarmirt und sich niederkauernd, besser über die Fläche sehn zu können, ob er nicht doch vielleicht durch die Dunkelheit irgend etwas entdecke — »müßte mich sehr irren, wenn das nicht wie eine Menschenstimme klang.«

»Vielleicht Fischer die noch draußen sind« sagte der Ire, sich jetzt ebenfalls niederkauernd, dem was man hörte Form abzugewinnen, in der That aber dem Soldaten, falls dieser wirklich laut werden wollte, so nah als möglich zu sein. »Ruft doch einmal Euer Boot an« sagte jetzt der Soldat zu Jim, »da werden wir gleich sehen wer draußen ist.«

Das war allerdings richtig, aber daran lag dem Iren Nichts hier Lärm, und die Soldaten an der Straße nur ebenfalls aufmerksam zu machen.

»Es kann das Boot nicht mehr sein« brummte er kopfschüttelnd.

»Diable« murmelte der Franzose, »ich glaube wahrhaftig ich sehe dort etwas auf dem Wasser — ruf Kamerad, ich m u ß wissen was da draußen ist.«

Jim konnte sich nicht länger weigern und die Hände trichterförmig an den Mund haltend, daß der Schall so wenig wie möglich rückwärts ginge, rief er mit keineswegs lauter, dumpf klingender Stimme:

»Boot ahoy!«

Keine Antwort erfolgte.

»Lauter!« sagte der Soldat.

»Boot ahoy« rief Jim noch einmal, ohne daß sich von draußen irgend etwas als Antwort hören ließ; ja es schien eher als ob der Laut das da drüben, was es nun auch gewesen, zurückgescheucht habe in die Tiefe, aus der es vielleicht gekommen.

»Du rufst gerade als wenn man in einen Topf spricht« brummte der Soldat — »das kann man ja nicht auf fünf Schritt hören.«

»Ich bin heiser« sagte Jim — »aber es war auch jedenfalls ein Fisch — jetzt ist Alles wieder todtenstill.«

»Vielleicht — vielleicht auch nicht, — da ist's wieder! qui vive!« rief er dann mit lautem, kurz abgestoßenem Ton über das Wasser hinüber, »Teufel wenn Du mir da drüben nicht antwortest, schick' ich Dir eine Kugel hinüber.«

Jim hatte die rechte Hand in seiner Tasche und stand lautlos nicht zwei Schritt von dem Franzosen, er sah sich scheu und rasch um, und die linke Hand faßte wie krampfhaft das Bündel das sie trug.

»Wenn Ihr denn da drüben nicht antworten wollt, so tragt auch die Folgen« brummte der Soldat vor sich hin und spannte den Hahn — Jim stand dicht hinter ihm, seine rechte Hand hob sich und als er sie senkte rasselte das Gewehr auf den Sand nieder, und der Körper des unglücklichen Franzosen brach lautlos zusammen.

»Hast's nicht anders haben wollen« sagte der Mörder dumpf vor sich hin und beugte sich zu seinem Opfer nieder. Unwillkürlich hatte er dabei in seiner Tasche nach etwas gesucht — er zog aber die Hand wieder zurück und lächelte unheimlich: »er braucht keinen Knebel mehr; 's giebt doch nichts besseres auf der Welt als solche Schlingenkugel für derlei Arbeit — was für einen sanften Tod der Schuft gestorben ist. Aber nun Kamerad, Dein Gewehr und Patrontasche — das Seitengewehr hilft Dir auch nichts mehr, und hier oben können wir's vielleicht brauchen.«

Rasch hatte er dem Ermordeten die Waffen abgenommen, dann noch einen Augenblick nach dem Wasser hinüberhorchend zog er die Leiche unter einen Busch, wo sie wenigstens nicht vor Tag entdeckt werden konnte, griff sein Tuch und die erbeuteten Waffen auf, und glitt am Strande hin der Stelle zu wo der kleine Cutter vor Anker lag und das Floß mit den Waffen ebenfalls anlegen sollte. Den Boden stampfte er aber vor Wuth, als noch keine Spur von den versprochenen Fässern sichtbar war, und die kostbare Zeit verfloß indeß in unverantwortlichem Warten. Schon wollte er wieder zurück am Strande, ob er weiter oben Nichts erkennen könne, als ein leiser leiser Pfiff, mehr wie das Zischen eines Seevogels, vom Wasser herübertönte.

»Endlich« knurrte der Seemann, die Zähne fest zusammenbeißend und wie er den Ruf kaum, eben so vorsichtig, beantwortet, kam auch schon im Fahrwasser das lange Floß mit den Schwimmern heran. »Wo zum Teufel habt Ihr so ewig lang gesteckt?« fluchte hier Jim ihnen entgegen, »glaubt Ihr daß sie uns die ganze Nacht Raum zu unserer Arbeit geben werden?«

»Wir saßen da drüben auf einer Koralle und konnten nicht wieder loskommen« sagte Einer der Eingebornen.

»Und habt einen Skandal gemacht, daß man's hätte in Papetee hören können« zürnte der Ire.

»Hat die Schildwacht 'was gemerkt?«

»Euere Schuld wär's nicht, wenn sie's hätte — aber jetzt fort, heran hier mit dem Faß, und nicht länger geschwatzt — habt Ihr die Säge mit? — so hier, nun sägt die Reifen vorsichtig durch — halt ich will das selber thun — herauf mit dem Faß hier, und Du mein Bursche läufst über den Weg hinauf und holst die Leute herunter die dort versteckt liegen — Rasch mit Dir, sie sollen Alle kommen, wir müssen die Fracht in Zeit von einer Stunde wenigstens im Busch drinn haben; dort bleibt uns dann die ganze übrige Nacht, sie aus dem Weg zu schaffen.«

Der Insulaner schlich sich rasch am Haus hinauf und kehrte bald darauf mit einer Anzahl seiner Landsleute zurück, die schon ungeduldig genug darauf gewartet hatten abgerufen zu werden, Jim aber sägte indessen mit einer seinen scharfen, besonders dazu hergerichteten Säge die hölzernen Reifen der Fässer durch, diese zu öffnen, und reichte die schon in tragbare Pakete eingeschnürten Gewehre, wie die kleinen Fäßchen Pulver rasch hinter einander hinaus. Blei befand sich schon genug an Land, was früher zu anderen Zwecken bestimmt gewesen. Vier Fässer waren solcher Art in unglaublich kurzer Zeit aufs Trockene gewälzt, geöffnet und geleert worden, und selbst von dem fünften hatte Jim schon die Reifen herunter, die Dauben mit Hülfe von ein paar Insulanern sorgfältig auseinander genommen, und angefangen die Pakete herauszureichen, mit denen zwei augenblicklich nach oben liefen, als sie den zurückkehrenden René über den freien Platz gleiten und in das Haus verschwinden sahen. Einer der Indianer sprang rasch zurück, dem Iren die unwillkommene Ankunft zu melden, dieser aber ließ sich nicht irre machen und betrieb das Ausladen nur um so schärfer.

»Fort mit Euch — fort.« flüsterte er rasch und leise — »in zehn Minuten können wir mit unserer ganzen Sache in Sicherheit sein und dann mögen sie kommen und spioniren; in die Guiaven folgt uns doch so leicht Keiner hinein. Hier meine Jungen, auf mit Euch und davon — was steht Ihr da? — die Thür? — fort mit Euch — so lange das Zeichen nicht — ha Teufel!« unterbrach er sich rasch, als da Mitonares langgezogener Warnungsruf zu ihm niederschallte, »da ist wirklich Noth an Mann.«

»Sollen wir noch gerad hinauf?« frug ihn Einer der Leute, der seine Last schon auf den Schultern trug.

»Nein, hier rechts hinein« rief Jim rasch, »in des Franzosen Haus da neben an ist auch Niemand daheim, und die Fenz hier unten am Wasser hab' ich schon niedergebrochen. Dort hinüber und dann gerade hinauf in die Guiaven. Hier noch ein Pack. Pest, wenn nur noch zwei Leute unten wären; fort — macht daß Ihr fortkommt — um Euer Leben.«

Und die Warnung kam nicht zu spät, denn Jim O'Flannagans scharfes Ohr hatte schon die herbeieilenden Soldaten entdeckt, die rasch und ziemlich laut durch die Büsche traten, während zu gleicher Zeit René in seiner Thür erschien. Nur noch zwei Pakete Waffen waren dabei übrig geblieben, davon schob er das eine jetzt rasch auf das Deck des kleinen Cutters, vielleicht vor anbrechendem Morgen noch einmal Gelegenheit zu bekommen es von dort wieder durch irgend einen der Eingeborenen zu entfernen, während er selber das andere auffaßte und damit, so rasch ihn seine Füße trugen, den letztgegangenen Indianern folgte.

»Halt steh da!« schrieen ihm einzelne Stimmen nach, denn seine dunkle Gestalt war von oben herab gegen den helleren Wasserspiegel sowohl als den weißen, durch die Ebbe bloßgelegten Sand des Strandes entdeckt worden, und drei Kugeln schwirrten zu gleicher Zeit nach ihm hinüber. Eine davon traf das Paket das er trug, und warf ihn fast durch den scharfen Druck zu Boden, die anderen beiden fehlten, und seine Last mit dem linken Arm nur fester umspannend, während er das dem ermordeten Posten abgenommene Gewehr in der rechten Hand trug, sprang er mit wenigen Sätzen durch den Garten, brach die kleine und ziemlich schwache Bambusthür nieder und erreichte eben die Guiaven-Dickung, als seine Verfolger dicht unter dem Weg erschienen und den Hang hinanstürmten ihn auch dort nicht aufzugeben. Jim aber feuerte hier, theils um sie zu schrecken, theils sich vielleicht Eines der Verfolger zu entledigen, das geladene Gewehr das er trug, ohne lang zu zielen, auf sie ab, und die Kugel schlug mitten zwischen ihnen durch in einen jungen Baum. Das aber zeigte ihnen auch welcher Gefahr sie sich hier, ohne die mindeste Aussicht auf Erfolg aussetzten, denn bei Nacht war in einem solchen Dickicht gar nicht daran zu denken die, noch dazu mit dem Terrain vertrauten Indianer einzuholen, und die weitere Verfolgung wurde auf morgen früh mit Tageslicht festgesetzt, bis wohin auch Verstärkung von Papetee herbeigeholt, wie die vermißte Schildwacht aufgefunden werden konnte, wenn sie nicht, wie man sie jetzt stark in Verdacht hatte, gemeinsame Sache mit den Eingeborenen gemacht, und mit ihnen auch in die Berge geflohen sei.