The Undead, Der Anfang vom Ende
Aufbruch ins Ungewisse
Einige Monate zuvor
25. September bis 27. September
„Jenny! Jennifer!“
„Was ist denn?“ Jenny warf das Geschirrtuch auf die Arbeitsplatte der etwas herunter gekommenen Küche und betrat das Wohnzimmer, woher die Rufe ihres Bruders Chris kamen, bei dem sie seit knapp zwei Jahren wohnte. „Gibt‘s was Neues?“
„Da, schau dir das an!“ Er nickte in Richtung des Fernsehers – die Nachrichten liefen. Sie schaute auf die Uhr über der Küchentür. Kurz vor Neun, die Abendnachrichten waren längst vorbei. Wieder eine Sondersendung.
„Es wird jetzt evakuiert“, meinte er und winkelte die Beine an, um ihr Platz zu machen.
Sie ließ sich neben ihn auf das Sofa fallen.
„Es werden im Laufe der Woche Busse geschickt, die die Menschen zu provisorisch errichteten und gut bewachten Notunterkünften bringen sollen“, sagte die Nachrichtensprecherin gerade. „Diese werden zumeist in Kleinstädten errichtet. Teilweise kann es infolgedessen zu vorübergehenden Enteignungen von Häusern und Grundstücken kommen. In den Städten wird es nicht mehr lange sicher sein, die Rote Zone breitet sich weiter mit erschreckender Geschwindigkeit aus, etliche Großstädte im Norden wurden bereits überrannt. Seit den Mittagsstunden verbreitet sich die Seuche akut. Die Evakuierung beginnt in den Städten, da dort aufgrund der enormen Bevölkerungsdichte eine potenziell höhere Infektionsgefahr besteht,“ Jenny und Chris tauschten einen unruhigen Blick, „anschließend wird sie auf die umliegenden Gemeinden erweitert. Bitte packen Sie nur das Nötigste ein. Aus Platzgründen sind pro Person maximal zehn Kilo Gepäck gestattet, das entspricht etwa einer kleinen Reisetasche oder einem großen Rucksack. Sie werden in den Unterkünften mit allem Nötigen versorgt, nehmen Sie daher nur Ihre persönlichen Dokumente und ein paar Kleidungsstücke mit. Die genauen Termine der Räumung werden voraussichtlich morgen im Teletext und im Internet auf den Seiten Ihrer Gemeinde veröffentlicht. Die Sammelpunkte für die Busse werden durch Schilder markiert. Der Katastrophenschutz bittet ausdrücklich davon abzusehen, mit dem eigenen Wagen die Städte zu verlassen. Das würde zu Staus führen, welche die Evakuierung erheblich behindern würden. Weitere Tipps, die Sie unbedingt beachten sollten, finden Sie auf unserer hier eingeblendeten Homepage. Dort können Sie ebenfalls einen offiziellen Prospekt des Katastrophenschutzes einsehen. Weiterhin wurde eine bundesweite Notfallhotline eingerichtet, die ab sofort für Sie geöffnet ist. Über die aktuellen Entwicklungen halten wir Sie natürlich weiterhin auf dem Laufenden. Das war Sarah Lehmann mit einer Sondersendung. Wir melden uns heute regulär um 22:00 Uhr wieder, bis dahin bleiben Sie bitte in ihren Wohnungen und Häusern und warten Sie auf weitere Informationen. Guten Abend.“
Chris schnaubte. „Das wird niemals funktionieren.“
„Die wissen schon, was sie tun.“
„Pff“, machte er. „Niemals wird das glatt gehen! Hier hat es noch nie eine so groß angelegte Evakuierung gegeben. Ich sage dir, es wird alles aus dem Ruder laufen. Es wird Massenpaniken geben und die Leute werden sich gegenseitig tot treten, wenn erst einmal akute Gefahr besteht und sie realisiert haben, dass es hier um ihr Leben geht.“
„Du bist zu dramatisch, Chris.“
„Du scheinst es auch noch nicht kapiert zu haben.“ Er kratzte sich am Hintern und trat ihr dabei in die Seite. Sie verzog das Gesicht.
„Es geht hier nicht um ein Hochwasser, bei dem man auf das Dach klettern kann oder um einen Tornado, der schnell wieder vorbei ist. Wir reden hier von Ausmaßen, die die Welt noch nie gesehen hat. Wenn es auch nur annähernd so ist, wie in Filmen, wird die Welt innerhalb von Tagen vor die Hunde gehen. Es wird keine Regierung mehr geben. Und keine Soldaten, die uns den Rücken frei halten.“
„Du zockst zu viel“, sagte Jenny müde. „Wir sind hier weder in einem deiner PC-Spiele, noch im Film. Das wird hier alles anders ablaufen.“
„Trotzdem.“
„Mann, bist du heute wieder schlagfertig“, gab sie genervt zurück.
Er warf ihr einen vernichtenden Blick zu.
„Ich finde es einfach nicht gut, mich in einen Bus zu setzen, mit nicht mehr als einer Unterhose im Gepäck, und darauf zu hoffen, dass andere alles für mich regeln.“
Das war typisch für Chris. Alles in Frage stellen und sich bei allen Erfahrungen und Überlegungen auf irgendwelche Filme und Spiele beziehen. Jenny hob resignierend die Schultern.
„Sie werden uns keine Wahl lassen. Ich bin sicher, dass sie bestimmte Maßnahmen einleiten, damit nicht jeder Dödel unkontrolliert durch die Gegend fährt und den Verkehr behindert“, sagte sie ohne jede Emotion.
Jenny legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Inzwischen hatte sie beinahe andauernd Kopfschmerzen. Seitdem vor knapp zwei Tagen in den Nachrichten von Untoten und Zombies die Rede gewesen war, konnte sie kaum noch schlafen. Wie die meisten anderen waren sie aufgebrochen, um Lebensmittel einzukaufen, doch sie hatten nur noch wenig bekommen. Die Regale sahen schon Minuten nach Öffnung des Ladens aus, als wären sie seit Wochen nicht mehr mit Nachschub versorgt worden. Sie atmete tief durch. Zwei Tage. Es verbreitete umso schneller, je mehr Infizierte es gab. Und das nicht nur in Europa, sondern auf der ganzen Welt.
Hierzulande wurde gleich von Anfang an der Katastrophenschutz eingeschaltet, der mit dem Militär zusammen arbeitete, um an vorderster Front das Problem zu bekämpfen. Jedoch mit nur mäßigem Erfolg. Nicht nur, dass die Soldaten von der Situation überfordert waren, viele desertierten und versuchten zu ihren Familien zu gelangen. Jenny konnte es ihnen nicht verübeln. Sie musste oft an ihre Eltern denken. Seit fast zwei Jahren hatten sie nicht mehr miteinander gesprochen und jetzt, als Chris und sie versucht hatten, sie zu erreichen, waren die Leitungen blockiert. Der Gedanke versetzte ihrem Herz einen schmerzhaften Stich und sie schluckte schwer. Sie hoffte, dass sie, wenn sie erst einmal im Flüchtlingslager angekommen waren, dort in einer Vermisstenkartei nach ihnen suchen konnten.
Als bekannt wurde, dass die Untoten zum Abschuss freigegeben waren, gelangte sie zur festen Überzeugung, dass die Welt am Ende war, auch wenn sie es vor Chris nicht zugeben wollte. Ein Schuss in den Kopf. Wäre das nicht absolut paradox, hätte sie wahrscheinlich darüber gelacht. Ja, es wurde in den Nachrichten tatsächlich erzählt, dass man diesen Menschen, was sie zweifellos einmal gewesen waren, das Gehirn zerstören musste, um sie unschädlich zu machen.
„Und, was machen wir jetzt?“
Jenny blinzelte verwirrt und versuchte den Faden wieder aufzunehmen. „Was?“
„Die Evakuierung. Was machen wir jetzt?“
Sie zuckte mit den Schultern. „Ich würde sagen, wir packen unsere Sachen und warten, bis sie die Termine herausgeben. Dann werden wir weitersehen.“
Er nickte.
„Gut“, meinte er. „Wir haben eigentlich auch keine andere Wahl. Die einzige Alternative wäre, hier zu bleiben.“
Jenny schnaubte.
„Also, ich möchte nicht unbedingt auf mich allein gestellt sein, wenn die Dinger erst einmal hier sind. Und hier sind wir sowieso nicht sicher. Wir wohnen im dritten Stock in einem Plattenbau mitten in der Stadt. Es gibt keinen Ort, der ungünstiger ist.“
„Ich weiß ja, dass unsere Möglichkeiten sehr begrenzt sind. Trotzdem sollten wir immer im Hinterkopf behalten: Wo viele Menschen sind, ist die Infektionsgefahr höher. Das haben sie so ähnlich sogar im Fernsehen gesagt. Und das Militär ist jetzt schon komplett überfordert.“
Chris stand auf und faltete die Hände über seinen fast kahl geschorenen Schädel. Sein Shirt spannte sich um seinen durchtrainierten Oberkörper, während er im Zimmer umher tigerte.
„Ich bin jedenfalls froh, wenn wir die ganze Scheiße überstanden haben“, meinte er leise.
Eine Weile sagten sie nichts. Jenny lauschte dem Lärm draußen auf der Straße, der zu ihnen herauf schallte. Viele Leute dachten nicht daran, die Ratschläge im Fernsehen zu befolgen, und zogen auf eigene Faust los, bevor es zu spät war. Vielleicht hätten sie das besser auch tun sollen. Vielleicht sollten sie es noch tun. Seit zwei Tagen wurde es im Haus immer ruhiger. Etliche Leute waren schon aufgebrochen, um zu irgendwelchen Verwandten auf dem Land zu fahren. Eigentlich keine schlechte Idee – wenn man denn Verwandte auf dem Land hatte. Sie musste an ihre Arbeit denken, die sie schon seit zwei Tagen nicht mehr besuchte. Ihre Stelle als Verkäuferin im Einkaufszentrum hatte sie nicht mehr besucht, seit die ersten seltsamen Nachrichten im Fernsehen kamen. Mit der Behauptung sich eine schlimme Erkältung eingefangen zu haben, hatte sie sich krank gemeldet. Sie hatte zu Hause bei ihrem Bruder sein wollen, wenn es schlimmer wurde. Was ihr zuerst noch übertrieben vorgekommen war, hatte sich im Nachhinein als weise Voraussicht entpuppt und sie war froh so gehandelt zu haben. Sie fragte sich, ob sie jemals wieder dort arbeiten würde.
Als es klopfte, schreckte sie hoch und hielt instinktiv den Atem an. Sie war ganz in ihren Gedanken versunken gewesen und sofort in Alarmbereitschaft. Ihr Nervenkostüm war schon deutlich in Mitleidenschaft gezogen.
„Leute, ich bin es!“, hallte es durch die Tür. „Macht mal auf!“
Jenny atmete erleichtert aus. „Das ist Steve“, sagte sie.
„Habt ihr es auch gehört?“, fragte er ohne Umschweife, als sie die Tür öffnete. Ihr Nachbar schob sich an ihr vorbei und setzte sich auf den einzigen Sessel in dem kleinen, vollgestellten Wohnzimmer.
„Die Evakuierung?“, fragte Chris. „Ja, wir haben gerade darüber gesprochen.“
„Ich habe schon gestern meine Sachen gepackt, ich bin bereit.“
„Hast du schon was von deiner Freundin gehört?“, fragte Jenny. „Bier?“
„Ja, ein Pils, bitte!“, rief er ihr hinterher, als sie in die Küche ging. „Von Melissa habe ich noch nichts gehört. Das Netz ist total überlastet. Vor ein paar Stunden ist eine SMS durchgekommen, das war es aber auch schon. Ich hoffe, dass wir uns in diesem Sammellager wieder treffen.“
Jenny hatte seine Freundin erst einmal durch den Türspion hindurch gesehen. Meistens fuhr Steve übers Wochenende zu ihr. Melissa wohnte ein ganzes Stück außerhalb der Stadt, was ihre Beziehung oft auf die Probe stellte. Jenny schnappte sich ein Bier und die Flasche Pepsi aus dem Kühlschrank und gesellte sich wieder zu den anderen. Chris lehnte sich nach vorne und holte unter dem Tisch eine Packung Tabak und Papers hervor.
Während des Abends schlief Jenny mehrmals auf dem Sofa ein und wurde öfter geweckt, weil die beiden Jungs Radau machten. Mitten in der Nacht fuhr in der Haltebucht der Bushaltestelle gegenüber ein orangenes Fahrzeug der Straßenmeisterei vor. Zwei Männer stiegen aus und stellten ein grünes Schild mit weißem Druck auf.
„Dieses Schild haben sie vorhin im Fernsehen gezeigt“, erklärte Steve. „Das heißt, hier ist ein Sammelpunkt für die Evakuierung. Sieht aus, als hätten wir Glück.“
„Was habe ich noch alles verpennt?“, fragte sie, als sie sich wieder aufs Sofa setzte und sich in die Decke einwickelte.
„Die Evakuierungs- und Fahrpläne wurden online gestellt“, antwortete Chris. „In knapp zwei Stunden kommen die ersten Busse.“
„Dann sollten wir unseren Kram zusammenpacken.“ Sie gähnte.
Noch bevor sie sich aufraffen konnte, aufzustehen und sich fertig zu machen, hatte sich auf der Straße schon eine Ansammlung von Menschen gebildet. Nicht nach zwei, sondern nach drei Stunden kamen die ersten Busse. Obwohl die Schlange der anstehenden Transportmittel endlos lang schien, brach der Ansturm brach nicht ab. Immer mehr Menschen drängten sich unten auf den Straßen, Polizei und Feuerwehr versuchten das Chaos zu bändigen. Immer wieder sah man Fahrzeuge der Bundeswehr vorbei fahren. Jenny fluchte. Sie hätten sich beeilen sollen. Hätten sie sich gleich angestellt, wären sie nun schon längst auf dem Weg in die schützenden Mauern des Flüchtlingslagers.
„Sieht so aus, als wären hier eine Menge Leute von außerhalb“, meinte Steve.
„Kann ich mir gut vorstellen. In den Städten wird zuerst evakuiert. Die Leute vom Dorf wollen wohl nicht zurückgelassen werden“, antwortete Chris und warf Jenny einen Wanderrucksack auf das Sofa.
„Mach mal hinne, Schwester.“
Doch Beeilung war nicht nötig. Sie beschlossen zu warten, bis die Menschenmassen auf den Straßen sich lichten würden. Unter diesen Umständen hätte es wenig Sinn, sich schon jetzt dort anzustellen. Inzwischen hatte das Militär auch in ihrem Block Barrikaden errichtet und Lager aufgeschlagen. Der Platz für die Bürger schwand.
„Spätestens morgen früh stellen wir uns an. Wenn das so weiter geht, sind alle Busse weg und wir sitzen immer noch hier oben und warten“, sagte Chris.
Steve und Jenny stimmten ihm zu. Langsam wurde die Sache brenzlig. Im Fernsehen sagten sie, dass in manchen Städten die Evakuierung abgebrochen worden war, teils weil es Massenpaniken gab, teils weil die Zombies schon vorgerückt waren. Das normale Fernsehprogramm lief nicht mehr. In Dauerschleife zogen sich Infos über den Bildschirm, zwischenzeitlich schalteten sich die Nachrichten ein, wenn es Neuigkeiten gab. So wurde für manche Gebiete durchgegeben, dass sich die Menschen selbstständig zu den nächst gelegenen Notlagern aufmachen sollten. In Bayern und Baden-Württemberg hielt man jedoch an den Evakuierungsplänen fest.
Auch die zweite Nacht verbrachte Steve bei ihnen auf dem Sofa. Jenny war zwar irgendwann zu Bett gegangen, bekam aber kaum ein Auge zu. Die ganze Nacht über fuhren die Busse und der Lärm auf der Straße brach nicht ab. Sie wurde unruhig. Was, wenn sie keinen Bus mehr bekommen würden? Was, wenn vorher die Zombies kamen oder der Weg aus der Stadt hinaus aus anderen Gründen blockiert war? Sie hatte das Gefühl, sofort aufstehen zu müssen und irgendetwas zu unternehmen. Es war nicht ihre Art, einfach zu warten. Sie lag auf dem Rücken und starrte an die Decke. Alle paar Minuten schaute sie auf die Leuchtziffern ihres Weckers. Jede Minute zog sich scheinbar unendlich in die Länge. Obwohl sie sich schlapp und müde fühlte, pochte ihr Herz und sie kam innerlich nicht zur Ruhe. Im Zimmer war es kühl, dennoch schwitzte sie unablässig, als säße sie in einer Sauna. Es dauerte lange, bis sie endlich einschlafen konnte, doch schon knapp eine Stunde später, die sich für sie nur wie Sekunden anfühlte, riss Chris sie aus ihrem unruhigen Schlaf.
„Jenny, wach auf, wir müssen los“, sagte er sanft.
Sie blinzelte mehrmals und hob schützend die Hand vor ihre Augen. Licht fiel vom Flur durch die offene Tür in ihr Zimmer. Sie hörte Steve im Flur werkeln.
„Was ist denn los? Ist es schon so weit?“
„Ja, dort unten ist es ein klein wenig ruhiger geworden.“
Sie drehte sich auf den Bauch und zog die Gardine ein Stück zur Seite, um auf die Straße sehen zu können. Es waren nicht nennenswert weniger Leute dort unten, als am Tag zuvor, aber das war wahrscheinlich ihre letzte Chance, hier heraus zu kommen. Sie schaute auf den Wecker. Es war kurz vor drei. Sie stieg aus dem Bett und fröstelte. Obwohl sie fast nicht geschlafen hatte, war sie nun hellwach. Wahrscheinlich wurde mittlerweile reines Adrenalin durch ihre Venen gepumpt.
Im Spiegel an ihrem Schrank betrachtete Jenny sich. Ihre Augen waren geschwollen und ließen ihren sonst so frischen Teint grau und fahl wirken. Ihre ungekämmten Haare fielen ihr wirr ins Gesicht und bei genauerem Hinsehen konnte man den straßenköterblonden Haaransatz unter ihrer sonst heller gefärbten Mähne erkennen. Mit beiden Händen fuhr sie über ihr Gesicht, um die Durchblutung anzukurbeln und sich so wenigstens ein bisschen Farbe auf die Wangen zu zaubern. Mit wenig Erfolg. Mit ihren vierundzwanzig Jahren sah sie im Moment eher aus, wie eine alte, von Sorgen geplagte Frau. Sie stöhnte leidig und öffnete die Schranktür. Sie kramte eine Jeans heraus, dazu ein T-Shirt, Kapuzenpullover und eine Daunenweste. Eher wahllos zog sie weitere Kleidungsstücke hervor und verstaute sie in dem dunkelblauen Wanderrucksack, den sie sich vor vier Jahren gekauft hatte, als sie mit Chris, Steve und zwei weiteren Freunden eine Wanderung durch die Schweiz und Italien unternommen hatte. Ihre angespannten Nerven ließen ihre Finger zittern und hinderten sie daran, die Riemen festzuziehen. Hätte sie doch schon vorher ihre Sachen gepackt. Selbst wenn das nur eine Kleinigkeit war, überforderte es sie in diesem Moment. Sie beließ es dabei und ging ins Bad, um in aller Eile ihre letzten Sachen zusammenzutragen und sich fertig zu machen. Sie wünschte sich nichts sehnlicher, als das Anstehen und Gedränge überspringen zu können und einfach schon da zu sein. In Sicherheit.
Als sie ins Wohnzimmer kam, standen die anderen bereits fix und fertig da. Die Rucksäcke lehnten an der Wand neben der Tür. Keine fünf Minuten später brachen sie auf. Jenny ließ ihren Blick ein letztes Mal durch die Wohnung gleiten. Hatten sie wirklich alles Wichtige eingepackt? Waren alle Elektrogeräte aus? Hatten sie alle verderblichen Lebensmittel entsorgt? War das überhaupt noch wichtig? Irritiert schüttelte sie den Kopf und zog die Wohnungstür hinter sich zu.
Im Haus war es sehr ruhig, wahrscheinlich waren so gut wie alle ausgeflogen. Trotz ihrer Bemühungen leise zu sein, hallten ihre flüsternden Stimmen durch das Treppenhaus, das an die in den Verwaltungsgebäuden der Siebziger erinnerte. Wie immer roch es muffig nach abgestandener Luft und verbranntem Essen. Unwillkürlich versuchte sie leise aufzutreten, um weniger Geräusche zu machen. Sie wusste, dass es schwachsinnig war, aber es gab ihr das Gefühl vorsichtig zu sein und ihr Schicksal selbst in der Hand zu haben. Unten angekommen, stellten sie sich hinter einer Traube von Menschen an. Sie würden mindestens drei, vier Busse abwarten müssen, bis sie an die Reihe kamen.
Jenny konnte Menschenmengen nicht ausstehen. Der Geruch der fremden Leute löste bei ihr einen Würgereiz aus und jedes Mal, wenn jemand sie berührte, hatte sie das Bedürfnis um sich zu schlagen, sich Platz zum Atmen zu verschaffen. Immer mehr Menschen drängten nach vorne und die Abstände, in denen die Busse kamen, erschienen ihr immer länger. Immerhin standen Steve und Chris hinter ihr und schirmten sie wenigstens ein bisschen von den Fremden ab. Als der zweite Bus wegfuhr, brach weiter vorne eine Frau zusammen. Wahrscheinlich der Kreislauf. Sie war nicht die erste, aber wie bei den anderen, kümmerte sich kaum jemand um sie. Jeder hatte sein eigenes Päckchen zu tragen.
Einige Väter hatten ihre Kinder auf die Schulter genommen, manche Leute hatten sich auf ihre Taschen gesetzt. Angespannte und besorgte Gesichter dominierten und spiegelten das Empfinden der Leute wider.
Eine weitere Stunde verging und der nächste Bus war immer noch nicht da. Ab und an fuhr ein bereits voller an ihnen vorbei, der an anderen Sammelstellen die Leute abgeholt hatte.
Schon jetzt sah die Stadt merkwürdig unbewohnt aus. Die Fenster der Häuser starrten wie leere, seelenlose Augen in das Dunkel der Straßen, die nur schwach von dem orangenen Schein der Straßenlaternen beleuchtet wurden. Auch die Neonleuchten der sonst so gut besuchten Bar am Ende der Straße blieben aus. Jenny begann zu schwitzen. Vorhin hatte es leicht geregnet und sie hatte ihre Jacke übergezogen, doch nun hatte sie weder den Platz, noch die Lust, sich derer wieder zu entledigen. Sie setzte ihren Rucksack ab und stellte ihn vor sich auf den Boden. Nach beinah anderthalb Stunden kam endlich ihr Bus. Sie würden keinen Sitzplatz bekommen, aber sie würden es zumindest hinein schaffen. Das Gedränge begann erneut. Sie wurden von hinten nach vorne gedrückt. Vom Bus kam ein Zischen, gleich würden sich die Türen öffnen. Ein Feuerwehrmann musste die Leute nach hinten schieben, damit sie aufschwingen konnten. Die Menge strömte hinein und die drei kamen immer weiter nach vorne.
Plötzlich kam von irgendwo in ihrer Nähe ein Schrei. Jenny konnte förmlich spüren, wie die Stimmung von Erwarten und unterschwelliger Angst in reine Panik umschlug. Sie versuchte den Schrei zu orten, dann bemerkte sie, wie sich vorne links etwas tat. Die Menschen stoben auseinander, doch sie hatten keinen Platz, wo sie hin konnten. Manche wurden nach unten gezogen, viele kamen nicht mehr hoch. Jenny hatte nicht das Bedürfnis nachzusehen, was passiert war. Sie ahnte es bereits. Die Frau, die vorhin zusammengebrochen war, war infiziert gewesen. So musste es gewesen sein. Vielleicht eine von außerhalb, die in die Stadt gekommen war, um einen der Busse zu erwischen. Doch das war jetzt nicht wichtig. In ihr machte sich ein uralter Reflex breit. Lauf! Doch wohin? Hinter ihr, vor ihr, überall waren Menschen. Sie umringten sie wie eine zähe Masse, die nach ihr griff und sie umschlang, sodass sie ihre ganze Kraft aufwenden musste, um sich von ihren klebrigen Fängen zu lösen. Lauf! Sie drehte sich nach links und kämpfte sich, vom Grauen gepackt, durch die Menge. Ihr Herz verkrampfte sich und schnürte ihr, wahrscheinlich buchstäblich, die Blutzufuhr zu ihrem Hirn ab. Ihr wurde schwindelig, doch sie kämpfte sich weiter durch die schwitzenden Körper. Sie hoffte, dass Steve und Chris noch hinter ihr waren. Sie achtete kaum auf die Leute um sich herum, die versuchten noch in den Bus zu kommen oder das Weite suchten. Der Bus fuhr mit quietschenden Reifen los. Einer der Polizisten nahm Anlauf und sprang durch die noch offene Tür, doch das bekam sie nur aus den Augenwinkeln mit. Sie stolperte über etwas, das unter ihr lag und fiel der Länge nach auf den feuchten, kalten Boden. Jenny versuchte, sich mit den Händen abzufangen, trotzdem schlug sie mit dem Kinn hart auf den Pflasterstein auf. Sie spürte den Dreck unter sich und kleine spitze Steine, die sich selbst durch ihre dicke Kleidung in ihren Körper bohrten.
Nein, dachte sie. Du musst wieder hoch kommen, wenn du auf dem Boden bist, zertrampeln sie dich!
Sie versuchte aufzustehen, doch ihre Füße hatten sich in etwas verfangen. Sie trat um sich, doch es gelang ihr nicht, sich, von was auch immer, zu lösen. In Panik begann sie, sich auf dem Boden zu winden, dabei sah sie, dass ihre Knöchel von den Trägern eines Rucksacks umwickelt waren. Das war zu viel für sie, Tränen vernebelten ihren Blick, während sie weiter hilflos mit den Füßen strampelte. Ständig stolperte jemand über sie, trat ihr auf die Hände oder fiel über ihre Beine. Das Gewicht ihres Rucksackes drückte sie unbarmherzig zu Boden. Plötzlich spürte sie, wie ihr jemand unter die Arme griff und sie hochzog. Chris und Steve hatten sie gepackt, auf die Beine gestellt und trieben sie weiter. Die Menge hinter ihnen hatte sich zerstreut. Als sie sich umdrehte, sah sie aus der Mündung einer schmalen Gasse weitere Untote auf sich zukommen. Wo kamen die nun auf einmal her? Ein Polizist zog seine Waffe und schoss auf einen blutigen Haufen aus Körpern zu seinen Füßen.
Der Schuss hallte zwischen den Fassaden der Häuser und ließ sie für einen Moment erstarren. Einige Leute robbten verletzt weg, hielten sich die blutenden Wunden. Sie war sich sicher, dass es Bisswunden waren. Jeder von ihnen würde innerhalb der nächsten Minuten oder Stunden daran sterben und Sekunden später als einer von ihnen wiederkommen. Der Polizist wusste das zu verhindern und schoss einem, und noch einem in den Kopf. Als er sich dem Dritten, einem kleinen Jungen, zuwandte, fiel jemand über den ausgestreckten Arm her, mit dem er zielte. Erst nach Sekunden bemerkte sie, dass das einer der Untoten sein musste. Wie normal er aussah. Nur sein blutverschmiertes Gesicht und eine Bisswunde an der Hand ließen auf einen Infizierten schließen. Der Schrei des Polizisten riss sie aus ihrer Trance. Chris und Steve, die ebenfalls einen Moment innegehalten hatten, zogen sie weiter.
„Los, wir müssen zurück ins Haus!“, rief Chris und sie rannten über die Straße. Reifen quietschten, als ein Polizeiauto gerade noch zum Stehen kam, doch das bemerkte sie kaum.
Mit zitternden Händen schloss Chris die Tür zum Treppenhaus auf. Zusammen sprinteten sie die Treppen hoch. Von außen klopften Menschen mit Fäusten an die Tür, doch je weiter sie nach oben kamen, desto leiser wurde es. Zweimal kam ihnen jemand entgegen, ansonsten schien das Haus wie ausgestorben. In der Wohnung angekommen, sackte Jenny auf die Knie. Ihr waren die Tränen ausgegangen. Sie atmete schwer und unregelmäßig, ihr Herz schlug schmerzhaft in der Brust. Von der Straße her konnten sie immer noch Schreie hören. Steve zog sie hoch und nahm sie in den Arm.
„Alles klar?“, fragte er, selbst noch nach Atem ringend.
Sie schluckte und nickte. Nun kam auch Chris und legte einen Arm um sie.
„Komm, setz dich hin und beruhige dich erst einmal.“
Er zog sie ins Wohnzimmer und sie ließen sich auf das zerfledderte Ledersofa fallen. Ein neuer Plan musste her.
„Das war ganz große Scheiße“, meldete sich Chris als erster zu Wort.
Jenny nickte. „Jetzt sitzen wir hier fest.“
Wieder war sie den Tränen nahe.
„Unsinn, wir machen uns jetzt selbst auf den Weg und fahren eigenständig zu diesem Flüchtlingszentrum.“
Sie schnaubte. „Und wie willst du das anstellen? Sieh mal aus dem Fenster, da unten ist der Teufel los. Da kommen wir keinen Kilometer weit. Und wer sagt dir, dass nicht schon jemand Infiziertes in einen der Busse gestiegen ist und gerade das ganze gottverdammte Zentrum ansteckt?“ Sie hatte die Fassung verloren und ihre Stimme überschlug sich beinahe.
„Sie hat recht“, mischte sich nun auch Steve ein. „Wir sollten uns jetzt gut überlegen, was wir tun. Fakt ist, hier können wir nicht bleiben. Wir können aber genauso wenig einfach hier raus spazieren. Zuallererst werde ich meiner Freundin eine SMS schreiben, dass sie in ihrer Wohnung warten und auf keinen Fall in einen der Busse steigen soll. Wie Jenny schon sagte, dort könnte es ebenfalls bereits zu einem Ausbruch des Virus gekommen sein. Was wir brauchen, ist ein Plan.“ Er stand auf und lief im Zimmer hin und her.
„Du hast gut reden“, sagte Jenny. „Wir sitzen hier knietief in der Scheiße. Wie, zum Teufel, sollen wir aus der Stadt kommen? Wenn wir uns wirklich alleine da durchschlagen wollen, brauchen wir jede Menge Sachen. Willst du die alle in deinem kleinen Ford transportieren? Das ist lächerlich. Da passt noch nicht einmal meine Kosmetiktasche rein! Ganz abgesehen davon, dass dir die Karre regelmäßig stehen bleibt und sie am anderen Ende der Straße parkt.“
Chris setzte sich. „Ja, mit deiner Kiste brauchen wir gar nicht erst loszufahren. Wir brauchen ein größeres Auto, etlichen Kram, Vorräte und so weiter. Dann wäre noch das klitzekleine Problem, einen Weg aus der Stadt heraus zu finden. Wenn es in den restlichen Teilen auch so aussieht, haben wir schlechte Karten.“
„Nun ja, ein Auto werden wir hier wohl irgendwo finden, viele Besitzer sind hier nicht mehr in der Stadt oder schon tot. Die Schwierigkeit wird sein, einen Schlüssel dafür aufzutreiben. Also wird das unsere erste Priorität sein. Oder hat einer von euch schon mal ein Auto geknackt?“
Steve ließ sich wieder auf das Sofa fallen. Schweißperlen standen auf seiner Stirn, seine dunklen, kurz gelockten Haare glänzten im Licht der matten Energiesparlampe. Obwohl er recht muskulös war, sah er neben Chris beinah schwächlich aus.
„Ich würde vorschlagen, dass wir möglichst schnell eine Lösung finden, bevor sich dort unten die Dinger weiter verbreiten und es dann kein Durchkommen mehr gibt. Hat jemand einen Vorschlag?“ Steve blickte erwartungsvoll in die Runde.
Jenny überlegte. Im Hinterhof stand immer ein alter Land Rover. Steve hatte sich schon mehrmals aufgeregt, weil der immer wieder zwei Parkplätze in Anspruch nahm. Ein schwarzer, bulliger Kasten mit Dellen und durchzogen von Rost. Sie konnte sich vorstellen, dass es darin so roch, wie in dem alten Golf ihrer Eltern. Sie versuchte sich an den muffigen Geruch der Sitze zu erinnern und an den des Duftanhängers, der ihn überdecken sollte. Wenn sie nur wüsste …
„Der Land Rover unten im Hof, wem gehört der noch mal? Jemandem hier aus dem Haus, oder irre ich mich?“, sagte sie langsam und in nachdenklichem Ton.
„Ha!“ Steve schlug sich mit der Hand auf den Schenkel. „Na klar, dieser haarige Typ, der ein Stockwerk unter uns wohnt.“
„Gut, das ist schon einmal ein Ansatzpunkt“, übernahm Chris das Wort. „Das Auto wäre optimal, notfalls könnten wir auch querfeldein fahren und es hat eine Menge Stauraum. Trotzdem brauchen wir dann immer noch den Schlüssel. Wir werden uns dafür strafbar machen müssen.“
Jenny hob fragend die Augenbrauen.
„Wir müssen in seine Wohnung einbrechen und den Schlüssel holen. Wobei es auch sein könnte, eigentlich ist es sogar wahrscheinlich, dass er seine Schlüssel mitgenommen hat. Wir haben ihn unten an der Haltestelle gesehen.“
„Was ist mit dem Ersatzschlüssel?“, warf Jenny ein.
„Der könnte überall sein!“
Einen Atemzug lang schwiegen sie.
„Okay, das hilft jetzt alles nichts“, sagte Chris. „Steve und ich gehen runter in die Wohnung und suchen nach dem Schlüssel, und zwar jetzt. Jenny, du kannst solange hier ein paar Vorräte zusammen packen.“
„Das kannst du vergessen, Freundchen. Ich bleibe nicht alleine hier oben.“
„Stell dich nicht so an, was soll dir hier schon passieren? Es dauert doch nur ein paar Minuten.“
„Ich will aber nicht alleine hier oben bleiben“, sagte sie bockig.
Sie funkelte die beiden böse an. Sie wusste, dass sie sich wie ein Kind aufführte, aber der Trotz tat ihr gut.
„Du bist doch bescheuert, es ist doch viel gefährlicher, in eine fremde Wohnung einzubrechen, als hier oben zu warten, du blöde Kuh!“, rief Chris.
„Du bist selber blöd, du Arsch!“, gab sie zurück und trat vor Wut gegen die Kommode, die sie von ihren Großeltern geerbt hatten. „Wenn ich mit will, dann will ich mit und basta. Ihr könnt ja diese bescheuerten Weiber-Arbeiten machen. Ich will mich auch nützlich machen.“
Chris raufte sich den nicht vorhandenen Haarschopf. Beinahe hätte Jenny laut gelacht, man merkte ihm nicht an, dass er fast drei Jahre älter war als sie, denn sie führten sich beide auf wie Kleinkinder.
„Das darf doch nicht wahr sein“, presste er mit hochrotem Kopf hervor. „Fang nicht schon wieder damit an.“
„Hey!“, rief Steve, um Ruhe zwischen die Geschwister zu bringen. „Beruhigt euch mal! Dann bleibe ich eben hier und ihr beide geht da runter. Mir egal, aber beeilt euch. Wir haben für eure Kindereien hier keine Zeit.“
Nun war auch Steve sauer und die ohnehin schon angespannte Stimmung war völlig hinüber. Jenny grinste zufrieden und band ihre blonde Mähne zu einem Pferdeschwanz zusammen.
„Also gut“, meinte Chris. „Wir zwei gehen den Schlüssel holen, Steve bleibt hier und trägt aus beiden Wohnungen Essen und anderen Kram zusammen.“
Steve nickte.
„Wir werden sehen, dass wir schnell wieder hier sind“, fügte Chris noch hinzu und ging zur Tür.
Steve folgte ihm und meinte: „Nimm die Feueraxt vom Flur mit, damit kannst du die Tür aufbrechen. Ich hoffe, das ist der einzige Grund, aus dem ihr sie braucht.“
Jenny bereute es mitgekommen zu sein, noch bevor sie das Treppenhaus erreicht hatten. Bei dem kleinsten Geräusch zuckte sie zusammen. Sie hielt sich etwas hinter Chris und klammerte sich an seinem Ärmel fest. Die Axt hing zusammen mit einem kleinen Feuerlöscher hinter einer Glaswand, die Chris, darauf bedacht, möglichst wenig Lärm zu verursachen, mit dem Ellbogen einschlug. Immerhin war zwischen ihnen und den Treppen eine gläserne Brandschutztür, die zumindest dorthin die Geräusche etwas dämmte. Jenny schaute durch die Scheibe. Draußen war alles ruhig. Leise öffnete sie die Tür und schaute nach oben. Niemand war zu sehen. Der raue Teppich auf den Stufen dämpfte ihre Schritte und sorgte zusammen mit ihren keuchenden Atemzügen für eine schaurige Stimmung. Sie bogen in den langen Korridor ein. Hinter jeder Wohnungstür, die sie passierten, stellte Jenny sich vor, schmatzende Fressgeräusche zu hören. Sie schüttelte den Kopf, als könnte sie so diese Gedanken aus ihrem Kopf vertreiben und folgte Chris weiter, immer mit zwei Schritten Abstand. Als sie endlich die Wohnungstür erreicht hatten, dankte sie innerlich allen Göttern, dass niemand ihnen begegnet war.
Chris klopfte zögerlich an die Tür.
„Was machst du denn da?“
„Na, schauen, ob er Zuhause ist.“
„Er war unten an der Haltestelle, Blödmann, er ist nicht da.“
„Waren wir auch, und trotzdem stehen wir hier vor seiner Tür. Er könnte jetzt genauso gut dahinter stehen.“
„Jetzt mach einfach“, drängelte sie.
Chris presste genervt die Lippen zusammen, wie er es immer tat, wenn ihm etwas nicht passte.
„Okay, schau dich um, ich breche jetzt die Tür auf.“
Chris steckte die Klinge der Axt in die Türspalte, etwas unterhalb des Schlosses, und trat mit aller Kraft dagegen. Die Türe schwang auf und knallte an die dahinterliegende Wand. Er gab ihr ein Zeichen, die Tür zu schließen und aufzupassen, dass niemand sie überraschen konnte. Sie schaute sich um. Der Flur war in Braun-und Grüntönen gehalten und erinnerte sie irgendwie an die Wohnung ihrer Großeltern. Sie roch altes Essen und Schmutzwäsche.
Jenny lehnte sich an die Tür und beobachtete Chris, der mit erhobener Axt in die Zimmer lugte, als erwarte er, ihm würde Bigfoot persönlich entgegenspringen. Als er sicher war, dass sich außer ihnen niemand in der Wohnung befand, stellte er die Waffe im Flur neben die Garderobe und machte sich daran, die Schubladen der Kommode zu durchwühlen.
„Nichts“, sagte er nach einer Weile.
„Schau in den Küchenschubladen nach, wenn er dort nicht ist, würde ich im Wohnzimmerschrank schauen.“
Er nickte und begab sich in die Küche. Sie schaute durch den Türspion, während sie ihn in der Küche herumwerkeln hörte. Schon nach wenigen Minuten kam er wieder. In seiner erhobenen Hand hielt er einen Schlüsselbund. Sie musste grinsen. Bisher lief alles wie geschmiert. Er nahm die Axt wieder auf. Jetzt mussten sie nur wieder heil nach oben kommen, dann konnte es losgehen.
„Gut, lass uns hier verschwinden“, drängelte Chris und schob Jenny vor sich her.
Sie öffnete die Tür und schreckte zurück, als sie sich einem Mann gegenüber sah. Plötzlich ging alles schnell. Sie wurde zur Seite gestoßen, knallte an den Türrahmen und fiel an dem Mann vorbei in den Flur. In derselben Sekunde fiel etwas Großes direkt neben ihr zu Boden. Sie erkannte den Typen, dem der Land Rover gehörte. Aus einer Wunde zwischen Hals und Schulter sprudelte Blut. Unwillkürlich schrie sie auf und robbte von ihm weg. Chris hatte wohl mehr aus Reflex, als bewusst, reagiert und ihm die Klinge ins Fleisch geschlagen. Sie sah nach oben und beobachtete, wie sich seine Augen weiteten, als er erkannte, was er getan hatte. Sie fing seinen Blick ein.
„Chris, alles okay?“
Zögernd nickte er. Offenbar stand er unter Schock. Oder zumindest war er von seinem Handeln so überrascht, dass er vorübergehend nicht in der Lage war, sich zu bewegen. Mühsam rappelte sie sich auf. Sie war hart auf den Linoleumboden gekracht und ihre Hüfte schmerzte. Sie ignorierte es und ging neben dem Mann in die Hocke, um seinen Puls zu fühlen, jedoch ohne ein Lebenszeichen von ihm zu erwarten. Sie hatten tatsächlich gerade einen Menschen umgebracht. Und gleich würden sie ihn auch noch bestehlen. Tiefer konnte man nicht sinken. Ohne jede Vorwarnung, bäumte sich der Mann auf und schnappte nach Luft. Erschrocken wollte sie zurück springen, verlor aber das Gleichgewicht und fiel nach hinten. Erneut krachte ihr Steiß auf den harten Boden. Sie konnte förmlich sehen, wie Chris wieder zu sich kam und instinktiv nach ihrem Arm griff. Der Kerl sackte nach hinten und blieb reglos liegen.
„Scheiße, der lebt noch“, sagte Chris nüchtern und zog sie auf die Beine.
„Sei froh, dass du ihn nicht umgebracht hast.“
„Er wird sowieso sterben. Oder glaubst du etwa, jetzt würde noch ein Krankenwagen kommen? Ich habe ihm fast den Kopf abgeschlagen, er wird innerhalb von Minuten verbluten. Dann lieber kurz und schmerzlos.“
„Wir könnten“, ihre Stimme wurde ganz leise und sie konnte nicht glauben, dass sie darüber auch nur nachdachte, „etwas … nachhelfen.“ Noch während sie das aussprach, wunderte sie sich über ihre eigenen Worte. Hatte sie das soeben tatsächlich in Erwägung gezogen?
Chris antwortete nicht darauf, stattdessen sagte er: „Los, hilf mir den Typen in die Wohnung zu schaffen. Ich glaube nicht, dass es schlau ist, ihn hier draußen liegen zu lassen.“
„Was, wenn -“, Jenny überlegte, ob sie das wirklich aussprechen wollte. „Was, wenn sein Blut uns ansteckt mit … mit diesem Virus?“
Chris schnaubte. „Er wurde doch gar nicht gebissen.“
„Wer sagt uns, dass er nicht trotzdem infiziert ist? Dass wir es nicht alle sind?“
Er schaute sie irritiert an. „Durch die Luft oder was? Rede keinen Unsinn und pack mit an!“
Sie half ihm, den Mann in den Flur zu ziehen, wobei sie eine Blutspur hinterließen, die auf dem hellen Boden nur zu deutlich zu erkennen war. Der Kerl roch wie seine Wohnung, der ungepflegte Vollbart und seine Haare waren dunkel und wirr. Seine Augen huschten umher, doch er war kaum noch bei Bewusstsein und außer Stande sich zu bewegen. Wieder ging Jenny neben ihm in die Hocke, um nach der Wunde zu sehen, doch Chris umfasste ihr Handgelenk und zog sie nach oben.
„Gehen wir“, sagte er gehetzt.
Sie schlossen die Tür so gut es ging und schlichen wieder nach oben. Während des ganzen Weges dachte sie an den Sterbenden, der in seiner eigenen Wohnung lag, alleine, und langsam ausblutete. Normalerweise hätten die Nachbarn längst die Polizei gerufen und Chris, und wahrscheinlich auch sie, ständen mit einem Bein im Knast. Sie hatten einen Menschen getötet. Gequält verzog sie das Gesicht, das schlechte Gewissen drohte sie zu erdrücken. Sie wurde langsamer, brauchte eine Pause. Das war einfach zu viel. Chris, der sie immer noch am Handgelenk hatte, zog sie erbarmungslos hinter sich her. Auf seinem Gesicht war keine Regung zu erkennen.
Steve erwartete sie bereits am Eingang. Als er die blutverschmierte Klinge sah, erstarrte er kaum merklich, wartete aber, bis beide drinnen waren und die Tür geschlossen war, bevor er fragte: „Was ist passiert?“
Chris ging wortlos an ihm vorbei ins Bad, um die Blutspritzer abzuwischen und sich frische Klamotten anzuziehen. Jenny sah an sich hinunter. An ihrem Ellbogen hatte sie etwas abbekommen. Sie zog ein Taschentuch aus ihrer Jackentasche, nässte es mit Spucke und wischte es ab.
„Habt ihr den Schlüssel?“, fragte er weiter.
„Ja, den haben wir. Bis dahin hat auch alles super geklappt, wir sind rein, ich habe die Tür beobachtet, Chris hat den Schlüssel gesucht und auch schnell gefunden.“
In diesem Moment kam Chris mit nacktem Oberkörper aus dem Bad und warf wie auf Kommando den Schlüssel auf die Kommode, bevor er in seinem Zimmer verschwand.
„Hat er –“
Jenny nickte. „Wir wollten gerade wieder gehen, als der Typ plötzlich vor der Tür stand.“
„Der, der dort wohnt? War er nicht unten am Bus?“
„Anscheinend hat er den Bus auch nicht mehr bekommen, ich habe keine Ahnung. Bevor ich ihn abhalten konnte, hatte Chris ihm schon die Axt in den Hals gehauen.“
Steve verzog das Gesicht.
„Wir haben ihn in die Wohnung geschleift und sind schleunigst wieder zurück gekommen. Ich hoffe nur, dass ihn niemand findet, bevor wir hier weg sind.“
Dass sie ihn einfach zurück gelassen hatten, ohne ihm zu helfen, verschwieg sie wohlweislich. Sie hoffte, sie konnte das schreckliche Bild, das sich in ihr Gehirn eingebrannt hatte, irgendwann vergessen.
Steve hatte während ihrer Abwesenheit ganze Arbeit geleistet, Etliches zusammengetragen und in großen Rucksäcken sowie zwei Reisetaschen verstaut. Schlafsäcke und anderes Camping-Equipment standen sauber aufgeschichtet bereit. Wenn sie Pech hatten, mussten sie einige Nächte im Wagen verbringen. Allein wenn sie daran dachte, wie kalt es sogar in Sommernächten werden konnte, lief ihr ein Schauer über den Rücken.
Nachdem Chris zwei Zigaretten geraucht hatte, war er etwas ruhiger. Mittlerweile war die Sonne aufgegangen, doch es versprach ein trüber Tag zu werden. Der Himmel war wolkenverhangen und die Sonne schaffte es nicht, ihnen etwas Licht und Wärme zu schicken. Von den Lebenden war auf der Straße nichts mehr zu sehen, ein paar einzelne Untote wankten über den Bürgersteig – komisch, wie normal es Jenny gerade vorkam – aber alles in Allem hatte sich die Situation dort unten merklich beruhigt. Eine ganze Weile saß sie dort und beobachtete die Gegend. Und die Zombies. Sie sahen wie ganz normale Menschen aus. Ihr fiel es schwer zu begreifen, was sie da sah. Sie kamen ihr vor wie, ja, wie Betrunkene. Sie musste bei dem Vergleich glucksen, hatte aber gleich darauf ein schlechtes Gewissen. Das dort unten waren immerhin einmal Menschen gewesen. Wahrscheinlich waren sie noch gestern Abend mit ihrer Familie zusammen an einem Tisch gesessen. Sie fragte sich, ob wohl tief in deren Bewusstsein diese Erinnerung an ihr vorheriges Leben noch schlummerte.
Sie hatte nicht lange Zeit, sich auszuruhen. Um sich einen Überblick zu verschaffen, mussten sie in Steves Wohnung, wo die Fenster in den Hof wiesen. Nur wenige Minuten später waren sie auf dem Weg nach unten, jeder mit einer Schlagwaffe ausgerüstet, und bereiteten sich auf ihren ersten hautnahen Kontakt mit den Zombies vor. Am liebsten hätte Jenny diesen Zeitpunkt noch lange, sehr lange, hinausgezögert, doch sie wusste, dass ihre Chancen sanken, je mehr sie zögerten. Je länger sie warteten, desto mehr Infizierte gab es, desto mehr sank die Moral der Überlebenden. Der Rucksack war schwer, schon nach kurzer Zeit tat ihr der Rücken weh. Auf dem Weg zur Haustür begegnete ihnen keine Menschenseele. Unten im Flur ging es geradeaus zur Straße, um auf den Parkplatz zu kommen, mussten sie in die entgegengesetzte Richtung zum Hinterausgang gehen. Durch die Milchglasscheibe konnte sie schlurfende Gestalten erkennen, nach hinten hinaus gab es zum Glück klare Scheiben in der Türe. Dort sahen sie, was sie schon von Steves Wohnung aus gesehen hatten: einen einzelnen Zombie, der zwischen den parkenden Autos umher wandelte. Ohne zu zögern, taten sie, wie sie vorher besprochen hatten.
„Bereit?“ Steve steckte den Hammer in seinen Gürtel und umfasste den Türgriff. Chris und Jenny nickten.
„Eins. Zwei. Los!“
Steve riss die Tür auf und steuerte direkt auf den Wagen zu, sein eigenes und Teile von Chris Gepäck auf dem Rücken. Chris rannte mit der Axt auf den Zombie zu und spaltete ihm mit einem sauberen Schlag den Schädel. Dann warf er seinen Rucksack ab, direkt vor Steves Füße, der in der Zwischenzeit den Kofferraum geöffnet hatte, und wandte sich dem nächsten zu, der an der Einfahrt herumlungerte. Jenny war Steve dicht auf den Fersen, erstarrte aber, als sie die Untoten sah und verfiel kurzzeitig in Panik. Würde sich das jemals ändern? Würde sie jemals gefasst auf sie zugehen können und ihnen den Kopf einschlagen, mit einer Routine, als würde sie sich einen Donut kaufen? Sie wunderte sich, wie Chris das so einfach konnte.
„Jennifer!“, rief Steve und erinnerte sie daran, weiter zu laufen und ihm zu helfen, alles im Kofferraum zu verstauen. Während sie noch den Deckel zuschlug, startete Steve bereits den Wagen. Sie sprang auf den Rücksitz. Chris hatte den Zombie erledigt und sich einem weiteren zugewandt, der durch das Tor in den Innenhof gekommen war. Steve fuhr mit quietschenden Reifen aus der Parklücke, schaltete in den Vorwärtsgang und hielt unmittelbar neben Chris an, der einstieg und noch bevor die Tür ganz geschlossen war, gab Steve Gas. Sie passierten das Tor, preschten die Einfahrt hinaus und konnten gerade noch einem Auto ausweichen, das die Straße entlang raste. Als sie die Hauptstraße erreicht hatten, atmeten sie auf. Die erste Hürde war geschafft.