The Undead, Der Anfang vom Ende
Hindernisse und Bekanntschaften
27. September bis 01. Oktober
Es begann wieder zu regnen, als sie in Richtung Stadtausgang fuhren. Sie hatten beschlossen die Autobahn zu meiden und München über die Bundesstraße zu verlassen. Je weiter sie fuhren, desto weniger Menschen sahen sie. Mehrere Autos kamen ihnen entgegen, manche überholten sie, aber im Gegensatz zu normalen Umständen, war der Verkehr kaum der Rede wert. Ihren Stadtteil hatte es offensichtlich als erstes und am schlimmsten getroffen. Sie sahen Menschen, die vor den Toten davon liefen, sich Wunden hielten, verzweifelt versuchten, vorbei fahrende Wagen zu stoppen. Zwei nebeneinander parkende Autos hatten Feuer gefangen und die Flammen drohten, auf weitere überzugreifen. Hier und da waren da Leute, die Elektrogeschäfte und andere Läden ausräumten. Dafür sahen sie ein paar Kilometer weiter überhaupt keine Zombies mehr. Ab und an überquerte jemand die Straße, einige kamen aus dem Supermarkt, andere packten ihre Autos. Offensichtlich hatte sich der Virus doch nicht so schnell ausgebreitet, wie sie zuerst befürchtet hatten. Trotzdem merkte man auch hier, dass etwas nicht stimmte. Jeder einzelne wirkte gehetzt, ängstlich und aufgebracht. Im Radio lief nur noch eine Dauerschleife, die ihnen keine neuen Informationen mehr brachte.
Hatten sie anfangs noch gehofft, es recht schnell aus der Stadt heraus zu schaffen, mussten sie bald feststellen, dass sie keine Chance hatten, an Tempo zuzulegen. Als sie auf die Bundesstraße auffuhren, stießen sie direkt an das Ende eines Staus. Steve fluchte und schlug mit den Handflächen auf das Lenkrad.
„Was ist da vorne los?“, wollte Jenny wissen und lehnte sich nach vorne, um durch die Frontscheibe etwas erkennen zu können. Blaulicht reflektierte sich an den Regentropfen, die auf die Scheibe prasselten.
„Ich steige aus und sehe mal nach“, sagte Chris und schnallte sich ab.
„Ich komme mit.“ Jenny machte Anstalten, die Türe zu öffnen.
„Hey, Moment! Was ist mit mir?“
„Du wartest hier“, meinte Jenny trocken. „Wir sind in fünf Minuten wieder da.“
Sie warf ihm feixend eine Kusshand zu. Es dauerte eine Weile, bis sie die Autos passiert hatten und an den Anfang des Staus gelangten. Schon von Weitem erkannten sie, dass es sich um ein Auto und einen Kleinbus der Polizei handelte. Unterwegs kamen ihnen einige Fahrzeuge entgegen, die gewendet hatten und wieder in die Stadt fuhren. Schließlich sahen sie, dass die komplette Straße abgesperrt war.
Was sollte das? Warum gaben sie den Menschen nicht die Chance aus der Stadt herauszukommen? Sich und ihre Familien zu retten?
Eine Menschentraube hatte sich um einige Polizisten versammelt.
„Bitte haben Sie Verständnis dafür. Die Straße wird für das Militär und die Fahrzeuge für die Evakuierung frei gehalten. Bitte warten Sie auf weitere Busse oder versuchen Sie es auf anderem Weg. Wir versichern Ihnen, dass zurzeit für Sie noch keine Gefahr besteht! Die Straßen in die Stadt wurden alle gesperrt, gebissene und infizierte Personen haben keine Möglichkeit, hier auf normalem Weg in die Stadt zu kommen.“
Laute Proteste brachen aus. Manche fingen an, die Polizisten zu beschimpfen. Kalter Wind blies Jenny den Regen ins Gesicht und sie musste die Augen zusammen kneifen, um das Szenario besser beobachten zu können.
„Von wegen, in der Stadt gibt es schon Tote!“, rief ein Mann. „Beinahe hat es meine Frau erwischt. Wenn Sie uns hier einsperren, sind wir bald tot.“ Andere Leute stimmten mit ein.
„Bitte steigen Sie wieder in ihre Wagen und fahren Sie nach Hause! Wir sind angewiesen, niemanden passieren zu lassen. Bitte kehren Sie um, oder wir sind gezwungen Gewalt anzuwenden!“, wiederholte einer der Polizisten, wahrscheinlich schon zum hundertsten Mal.
Obwohl seine Stimme fest und bestimmend war, konnte Jenny sehen, wie er einem seiner Kollegen einen unsicheren Blick zuwarf. Sie wusste, dass sie sich nicht mehr sicher sein konnten, wie lange die Situation noch unter Kontrolle war. Wütende und verängstigte Menschen waren nicht zu unterschätzen.
„Das wird ja immer schöner“, schimpfte ein dicker Mann, der seine Mütze tief ins Gesicht gezogen hatte.
Chris nahm Jenny am Arm und zog sie zurück.
„Komm, gehen wir, ich habe genug gehört“, flüsterte er. „Das hat keinen Zweck, wenden wir, bevor es die anderen tun. Wir suchen uns einen anderen Weg aus der Stadt heraus.“
Jenny nickte. Ängstliche Gesichter schauten sie aus den Autofenstern heraus an. Wartend, hoffend. Sie ahnte, dass viele von ihnen in ein paar Tagen wohl nicht mehr am Leben sein würden.
Als sie wieder am Wagen ankamen, trommelte Steve bereits ungeduldig mit den Fingern auf dem Lenkrad.
„Und?“, fragte er, als sie eingestiegen waren.
„Du musst wenden, da gibt es kein Durchkommen. Sie haben die Straße gesperrt.“
Steve fluchte erneut. „Dann probieren wir es doch über die Autobahn. Und sobald wir hier raus sind, sollten wir volltanken. Wir haben nur einen halb vollen Tank“, meinte er mit einem Blick auf die Anzeige. „Sonst schaffen wir es nicht zu Lissy.“
Jenny fing Chris‘ Blick auf und wusste, dass er dasselbe dachte, wie sie.
„Steve“, begann sie zögerlich. „Wie genau hast du dir die Sache mit deiner Freundin vorgestellt?“
Er reagierte nicht. Den Blick auf die Straße geheftet, lenkte er das Auto in die entgegengesetzte Richtung.
„Ich meine, du kannst nicht sicher sein, dass sie deine Nachricht bekommen hat. Sie könnte trotzdem in einen der Busse gestiegen sein. Wie willst du sie dann finden? Sie könnte überall sein, in ihrer Wohnung, in dieser Notunterkunft, oder aber überall dazwischen …“
Steves Kopf schnellte herum. „Wie meinst du das?“
Er schaute wieder nach vorne, er hatte kurz die Kontrolle über den Wagen verloren und konzentrierte sich wieder auf die Fahrbahn.
„Willst du damit sagen, ich soll sie im Stich lassen?“
„Ich meine nur, die Wahrscheinlichkeit, dass wir sie finden, ist sehr gering. Ganz abgesehen davon, dass wir direkt auf die Rote Zone zufahren müssten – zu ihr zu fahren würde einen Umweg von zig Kilometern bedeuten.“
Sie wartete wieder einen Moment, um ihm die Möglichkeit zu geben, das sacken zu lassen.
„Vielleicht sollten wir uns erst einmal um uns kümmern.“
Ihr schwante, dass es ein schlechter Zeitpunkt war, das anzusprechen, aber wahrscheinlich gab es dafür gar keinen richtigen. Sie sah aus dem Fenster und bemerkte, dass es in diesem Teil der Stadt noch keine Zombies gab. Sie waren nun fast am Stadtrand und würden gleich das Autobahnkreuz erreichen.
„Ihr versteht das nicht. Ich kann sie nicht einfach sitzen lassen.“ Er zögerte kurz. „Sie ist schwanger.“
„Von dir?“, fragte Chris verdutzt.
Jenny schlug nach ihm. „Natürlich von ihm, du Idiot.“
Trotzdem war auch sie überrascht. Davon hatte er ihnen zuvor nichts erzählt. Sie fragte sich, wie lange er das schon wusste. Zugegeben änderte das die Situation, allerdings nicht unbedingt grundlegend. Es war nicht klug, wenn sie weiter durch die Gegend fuhren. Sie beschloss, nicht weiter nachzuhaken.
„Steve, verstehe das bitte nicht falsch, ich würde mir auch wünschen, dass alles einfacher wäre. Dass wir hinfahren, sie abholen und das gemeinsam in aller Ruhe aussitzen können. Aber du musst zugeben, dass das nicht die Realität ist. Sie wird sich bestimmt auch irgendwo versteckt haben oder vielleicht ist sie schon im Lager und ihr geht es gut. Wir müssen zusehen, dass wir in Sicherheit sind. Es ist nicht gut, wenn wir jetzt alles überstürzen. Tot nützt du ihr nichts. Glaub mir, ich kann verstehen, dass du schnellst möglich zu ihr möchtest, vor allem, weil sie mit deinem Kind schwanger ist, aber lass uns ein paar Tage warten und sehen, wie sich die Lage entwickelt. Bitte.“
„Bist du auch ihrer Meinung?“
Chris drückte sich etwas unbehaglich in seinen Sitz. „Na ja, sie hat recht, das musst du einsehen.“ Steve warf ihm einen halb wütenden, halb verzweifelten Blick zu.
„Kumpel, du musst verstehen, wir wollen einfach nur, dass …“
Steve bremste abrupt und sie ruckten nach vorne. Er wollte gerade auf die Autobahn auffahren, als er hinter der Kurve den Stau sah.
„Nicht schon wieder“, stöhnte Chris. „Wenn es so weiter geht, dauert es bis morgen früh, bis wir überhaupt aus der Stadt raus sind. Die Zeit haben wir nicht, verdammt.“
Jenny beschloss, nicht weiter nachzubohren. Abwarten und Tee trinken, dachte sie. Erst einmal aus der Stadt herauskommen.
Schnell hatte sich auch hinter ihnen eine lange Schlange gebildet. Nahezu alle Autos, die Jenny betrachtete, waren bis zur Decke vollgepackt. Niemand befolgte mehr die Anweisungen aus dem Fernsehen und Radio, auf die Busse wollte sich wohl keiner mehr verlassen. Das war nun die Quittung.
Jenny fror. Ab und an fuhren sie ein paar Meter weiter, aber es dauerte fast eine halbe Stunde, bis sie überhaupt auf die Autobahn kamen. Alle vier Spuren und der Standstreifen waren voll wartender Autos. Doch selbst, wenn sie noch hätten umkehren können, hätten sie es nicht getan. Sie mussten aus der Stadt hinaus und sie schätzte, dass es auf allen Straßen so aussah, die nach außerhalb führten. Mehrere Hubschrauber donnerten über sie hinweg in Richtung Stadt. Der Herbstwind fegte über ihr Auto und wirbelte Blätter durch die Luft. Das schlechte Wetter hinterließ bei allen eine gedrückte Stimmung.
„Vielleicht ist da vorne wieder eine Polizeisperre?“, meinte Chris und reckte sich, um etwas sehen zu können. Viele Leute waren ausgestiegen und liefen ein Stück nach vorne. Man konnte dort tatsächlich ein blaues Licht vermuten, aber es war zu weit vorne, um etwas Bestimmtes ausmachen zu können. Das konnte noch Stunden dauern. Man konnte es drehen und wenden, wie man mochte, sie saßen fest. Das gefiel ihr gar nicht. Es war genau so, wie sie es anfangs befürchtet hatte.
Diesmal machten sie sich nicht die Mühe, nach vorne zu laufen und zu fragen was los war. Ab und an stiegen sie aus und vertraten sich etwas die Beine. Von den anderen Leuten hörte man die abenteuerlichsten Gerüchte, von wegen, wenn alle wichtigen Politiker und einflussreiche Personen in Sicherheit wären, würde das Land mit Atombomben beschossen werden und das Militär wäre Schuld an der Katastrophe, da es mit biologischen Waffen experimentiert hätte. Letzteres würde Jenny gar nicht wundern, wenn es stimmte, doch sie glaubte nicht, dass auch nur eine dieser Behauptungen auf Tatsachen basierte. Nach einigen weiteren abstrusen Geschichten wollte sie sich das nicht mehr antun und blieb im Wagen sitzen. Und sie taten das Einzige, was sie konnten: sie warteten. Mehrere Stunden lang. Jenny war eingenickt und in einen unruhigen Schlaf gefallen, ehe sich durch einen Stoß durch einen der beiden geweckt wurde. Sie brauchte eine Sekunde, um sich zu orientieren. Draußen war es schon beinahe dunkel und es schüttete wie aus Eimern.
„Es geht weiter“, sagte Steve.
Sie wischte mit dem Ärmel über die angelaufenen Scheiben und schaute aus dem Fenster. Einige Leute stiegen wieder in ihre Autos. Vorne löste sich der Stau bereits. Sie kamen nur langsam voran und beschlossen, bei der nächsten Ausfahrt wieder abzufahren. Wenigstens hatten sie dann die Stadtgrenze hinter sich gelassen und würden auf den Landstraßen hoffentlich schneller voran kommen. Ab und an kamen im Radio wieder ein paar Neuigkeiten. Sie berichteten einerseits von der Ausbreitung der Seuche, andererseits von Fortschritten des Militärs. In einigen Städten und Landstrichen waren Brandbomben eingesetzt worden, um die Gefahr flächendeckend zu eliminieren. Zum wiederholten Male wurden die Bürger angewiesen, zugunsten ihres eigenen Schutzes nicht zu zögern, die Untoten zu töten, sollten sie welchen begegnen, sie sollten allerdings vorzugsweise das Haus nicht verlassen, wenn keine Hilfe von außen in Sicht war.
Steve sprach das Thema mit seiner Freundin nur noch einmal kurz an. Er erklärte sich bereit, noch eine Nacht abzuwarten, dann würde er losfahren und sie suchen. Ob sie mitkamen oder nicht. Sie beließen es vorerst dabei. Dass sie ihn noch zur Vernunft bringen konnten, bezweifelte sie stark. Irgendwie war das ja auch verständlich. Trotzdem war sie nicht gerade scharf darauf, sich auf dieses Abenteuer einzulassen. Ihre Vorstellung war es gewesen, aufs Land zu fahren, ein leer stehendes Haus zu übernehmen und sich dort mit ein paar Vorräten zu verschanzen, bis sich die Lage beruhigt hatte. Sie wusste nicht, ob es so einfach wäre, wie es klang. Derzeit entwickelte sich ihr Leben zu einem klassischen Zombiefilm, in dem die Protagonisten sich andauernd lächerlich leichtsinnig in Gefahr brachten.
Es dauerte noch eine ganze Weile, bis sie endlich die Abfahrt erreicht hatten. Doch wieder wurde ihnen ein Strich durch die Rechnung gemacht. Mehrere Autos waren ineinander gefahren und blockierten den Weg. Gepäckstücke lagen auf dem Grünstreifen neben den zerbeulten Wracks. Einige Männer waren aufeinander losgegangen und schlugen sich die Seele aus dem Leib, während die Frauen und Kinder weinend, schreiend und völlig aufgelöst daneben standen und den Kämpfenden unverständliche Worte zuriefen. Genervt atmete Steve aus und umfuhr einen Wagen, der auf dem Standstreifen abgestellt worden war. Immerhin lichtete sich nach ein paar Kilometern der Verkehr etwas. Sie hatten noch zwei weitere Ausfahrten passiert und wollten die darauffolgende nehmen, in der Hoffnung, dass dort etwas weniger los war, als bei den bisherigen, und sie dann umso schneller voran kämen. Als sie endlich abfuhren, war zwar noch genauso viel Verkehr wie zuvor, aber immerhin waren sie jetzt aus der unmittelbaren Nähe der Stadt weg gekommen. Sie fuhren eher ziellos durch ein Gewirr von Bundesstraßen und hatten keinen Plan, wo sie in dieser Nacht unterkommen konnten. Jenny befürchtete, dass sie die erste Nacht tatsächlich im Auto verbringen mussten.
Immerhin waren sie eine Weile gut vorangekommen – bis es sich wieder staute. Ein Stück weiter erkannten sie auch den Grund: ein silberner Wagen stand rechts auf der Fahrbahn. Das Warnlicht blinkte und der Kofferraum war offen. Davor stand eine blonde, schlanke Frau und versuchte gestikulierend eines der vorbeifahrenden Autos anzuhalten. Ohne Erfolg.
Jenny tippte Steve auf die Schulter.
„Komm, halte an, wir können die Frau doch nicht dort alleine stehen lassen.“
Steve seufzte. Ohne zu blinken fuhr er rechts ran. Hinter ihnen hupte es und ein Transporter rauschte an ihnen vorbei. Knapp hinter dem Wagen kam Steve zum Stehen. Die Frau kam auf sie zu und Steve ließ das Fenster hinunter.
„Worum geht‘s?“, fragte er unvermittelt.
Sie lehnte sich ans Auto. Sie war hübsch, Mitte dreißig und elegant gekleidet. Ihre hellblaue Bluse hatte sie in den Bund ihrer Markenjeans gesteckt, ihre goldenen Ohrringe passten perfekt zu dem Chanel-Emblem auf ihrer Sonnenbrille, die sie in ihr lockiges Haar geschoben hatte.
„Danke fürs Anhalten!“, sagte sie, merklich erleichtert. „Es hat meinen Reifen erwischt.“ Sie verzog das Gesicht. „Bitte denkt jetzt nicht, dass ich eine der Tussis bin, die ihren Reifen nicht wechseln können. Ich gehöre zu der Sorte, die keinen Wagenheber einpacken.“
„Ich denke, da können wir helfen“, sagte Steve und stieg aus.
Jenny und Chris folgten ihm. Gott sei Dank hatte es aufgehört, stark zu regnen, sodass sie sich nur Kapuzen und Caps überzogen, als sie das Auto verließen.
Während die beiden Jungs den halben Kofferraum ausräumten, um an den Wagenheber zu kommen, erzählte die Frau, die sich als Alex vorstellte, dass sie auf dem Weg zu ihrer Schwester und deren Familie war. Sie hatten sich am vorherigen Tag einer kleinen Gruppe angeschlossen, die am Waldrand ein Camp aufgeschlagen hatten, als sie nicht mehr in die Stadt gelassen wurden. Ihre Schwester hatte sie in der Nacht über ihr Handy erreicht und sie gebeten, zu ihnen zu kommen.
„Ein paar Stunden später habe ich mich dann auf den Weg gemacht“, beendete sie ihre Erzählung. „Wie sieht es aus, kommt ihr mit? Sie haben sicher nichts dagegen und ich denke, dort wären wir vorerst in Sicherheit, zumindest bis wir die Lage einschätzen können.“
Jenny fand, dass sich das ziemlich vernünftig anhörte. Von offizieller Seite hatten sie derzeit keine Hilfe zu erwarten. Die Menschen waren auf sich allein gestellt, so viel stand fest. Vielleicht konnten sie dort auf Unterstützung hoffen. Sie drehte sich zu den anderen um, die mittlerweile ihre Arbeit an dem Mercedes beendet hatten.
Sie sah, wie Steve mit sich kämpfte, als sie von Alex Angebot erzählte. Jenny hoffte, dass er nicht ausflippen würde, das war eine seiner weniger schönen Eigenschaften. Reizbarkeit und ungezügelte Wutausbrüche.
„Na klar“, presste er zwischen den Zähnen hervor. „Dann lassen wir uns dort nieder und leben glücklich bis an unser Lebensende, oder was?“ Steve war etwas laut geworden. Alex drehte sich ein wenig von ihnen weg, damit sie das unter sich klären konnten. Ihr war sein Benehmen sichtlich unangenehm.
„Ich sage euch etwas: Wir fahren los, holen meine Freundin und sie“, er nickte in Richtung Alex, „sagt uns den Weg und wir treffen uns dort.“
Jenny spürte, wie die aufsteigende Wut in ihr aufquoll und an die Oberfläche drängte.
„Steve, jetzt vergiss endlich deine blöde Freundin!“, rief sie aufgebracht. „Bei dem Verkehr kommst du nicht weit. Bis du bei ihr ankommst, ist sie längst über alle Berge. Oder denkst du etwa, sie hockt in ihrer Wohnung und wartet, bis ihr Ritter auf dem weißen Pferd kommt und sie rettet? Sie hat wahrscheinlich den ersten Bus genommen und hockt längst in einem dieser Flüchtlingslager und schlürft ihre heiße Hühnerbrühe. Mann, denk doch mal nach! Wenn wir unnötig in der Gegend herumfahren, sind wir so gut wie tot. Wir sind sicherer, wenn wir uns außerhalb irgendwo verstecken.“
„Du!“ Steve ging wutentbrannt auf sie zu und wollte sie packen. Erschrocken wich sie zurück, doch Chris ging dazwischen, packte ihn am Kragen und riss ihn zurück.
„Wage es nicht, meine Schwester anzufassen, oder ich poliere dir die Fresse!“, rief er und baute sich vor ihm auf.
Steve richtete sich auf und schlug mit der flachen Hand gegen das Auto. Seiner Wut war ein nachdenklicher Gesichtsausdruck gewichen. Sein innerlicher Kampf hatte getobt, und wer wusste es, vielleicht hatte die Vernunft gesiegt?
„Gut, wir kommen mit und schauen uns mal um, aber ich fahre weiter und suche sie, da könnt ihr machen, was ihr wollt.“
Er hob den Wagenheber auf. „Wo geht‘s lang?“
Alex holte aus dem Seitenfach der Fahrertür ein zusammengefaltetes Blatt Papier hervor.
„Noch ein paar Kilometer weiter die Straße entlang, dann geht es rechts von der Bundesstraße ab. Dort fahren wir direkt auf ein Dorf zu, davor müsste es irgendwo auf der linken Seite einen Feldweg geben, der in den Wald führt. Mein Schwager meinte, ab da geht es eine ganze Weile den Berg hinauf, mehrere Minuten lang. Wir müssten quasi auf sie stoßen. Ich denke, wir haben knapp eine halbe Stunde zu fahren.“
Steve gab mit einem Nicken sein Einverständnis. Chris, der sich ganz aus der Sache rausgehalten hatte, drehte auf den Fersen um und folgte Steve zum Auto. Jenny schüttelte den Kopf und sah den beiden nach. Sie verstand nicht, wie die beiden so gut befreundet sein konnten. Sie waren grundverschieden. Steve war ein aufbrausender, fast aggressiver Typ, für den seine Arbeit das Hauptgesprächsthema war und der immer den Ton angab, während Chris der ausgeglichene war, der Ärger gerne aus dem Weg ging und nicht daran dachte, einen richtigen Beruf zu lernen. Ihm reichte die Kohle, die er schwarz auf Baustellen und bei anderen Jobs verdiente. Sie lächelte und wandte sich Alex zu.
„Hast du was dagegen, wenn ich bei dir mitfahre?“
Alex schüttelte den Kopf. „Ganz und gar nicht, ich kann etwas weibliche Unterstützung gut gebrauchen.“
- Ende der Leseprobe -
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Texte: Anne Reef
Bildmaterialien: Cover: S. Nikolay; Hintergrundbild © Kwest -Fotolia.com; Überschriften: Dirty Ego, © misprinted type Lektorat: Simone Nikolay / Fantastic Shades Verlag
Alle Rechte vorbehalten.
Tag der Veröffentlichung: 27.05.2014
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Sie haben The Undead, Der Anfang vom Ende zu Ende gelesen
Anne Reef