Traum und Telepathie

Sigmund Freud · Anhang

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Traum und Telepathie

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The Project Gutenberg EBook of Traum und Telepathie, by Sigmund Freud

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Title: Traum und Telepathie

Vortrag in der Wiener psychoanalytischen Vereinigung

Author: Sigmund Freud

Release Date: March 8, 2010 [EBook #31560]

Language: German

 

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Anmerkungen zur Transkription:

 

Der Text stammt aus: Imago. Zeitschrift für Anwendung der

Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften VIII (1922). S. 1–

22.

 

Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden

übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden

korrigiert. Änderungen sind im Text gekennzeichnet, der

Originaltext erscheint beim Überfahren mit der Maus.

Traum und Telepathie.

 

(Vortrag in der Wiener psychoanalytischen Vereinigung.)

 

Von SIGM. FREUD.

 

Eine Ankündigung wie die meinige muß in diesen Zeiten, die so voll sind von

Interesse für die sogenannt o k k u l t e n Phänomene, ganz bestimmte

Erwartungen erwecken. Ich beeile mich also, diesen zu widersprechen. Sie

werden aus meinem Vortrag nichts über das Rätsel der Telepathie erfahren, nicht

einmal Aufschluß darüber erhalten, ob ich an die Existenz einer »Telepathie«

glaube oder nicht. Ich habe mir hier die sehr bescheidene Aufgabe gestellt, das

Verhältnis der telepathischen Vorkommnisse, welcher Herkunft immer sie sein

mögen, zum Traum, genauer: zu unserer Theorie des Traumes, zu untersuchen.

Es ist Ihnen bekannt, daß man die Beziehung zwischen Traum und Telepathie

gemeinhin für eine sehr innige hält; ich werde vor Ihnen die Ansicht vertreten,

daß die beiden wenig miteinander zu tun haben, und daß, wenn die Existenz

telepathischer Träume sichergestellt würde, dies an unserer Auffassung des

Traumes nichts zu ändern brauchte.

 

Das Material, das dieser Mitteilung zugrunde liegt, ist sehr klein. Ich muß vor

allem meinem Bedauern Ausdruck geben, daß ich nicht wie damals, als ich die

»Traumdeutung« (1900) schrieb, an eigenen Träumen arbeiten konnte. Aber ich

habe nie einen »telepathischen« Traum gehabt. Nicht etwa, daß es mir an

Träumen gefehlt hätte, welche die Mitteilung enthielten, an einem gewissen

entfernten Ort spiele sich ein bestimmtes Ereignis ab, wobei es der Auffassung

des Träumers überlassen ist, zu entscheiden, ob das Ereignis eben jetzt eintrete

oder zu irgend einer späteren Zeit; auch Ahnungen entfernter Vorgänge mitten

im Wachleben habe ich oft verspürt, aber alle diese Anzeigen, Vorhersagen und

Ahnungen sind, wie wir uns ausdrücken: nicht eingetroffen; es zeigte sich, daß

ihnen keine äußere Realität entsprach, und sie mußten darum als rein subjektive

Erwartungen aufgefaßt werden.

 

Ich habe z. B. einmal während des Krieges geträumt, daß einer meiner an der

Front befindlichen Söhne gefallen sei. Der Traum sagte dies nicht direkt, aber

doch unverkennbar, er drückte es mit den Mitteln der bekannten, zuerst von W.

S t e k e l angegebenen Todessymbolik aus. (Versäumen wir nicht, hier die oft

unbequeme Pflicht literarischer Gewissenhaftigkeit zu erfüllen!) Ich sah den jungen Krieger an einem Landungssteg stehen, an der Grenze von Land und

Wasser; er kam mir sehr bleich vor, ich sprach ihn an, er aber antwortete nicht.

Dazu kamen andere nicht mißverständliche Anspielungen. Er trug nicht

militärische Uniform, sondern ein Skifahrerkostüm, wie er es bei seinem

schweren Skiunfall mehrere Jahre vor dem Krieg getragen hatte. Er stand auf

einer schemelartigen Erhöhung vor einem Kasten, welche Situation mir die

Deutung des »Fallens« mit Hinsicht auf eine eigene Kindheitserinnerung nahe

legen mußte, denn ich selbst war als Kind von wenig mehr als zwei Jahren auf

einen solchen Schemel gestiegen, um etwas von einem Kasten herunterzuholen –

wahrscheinlich etwas Gutes – bin dabei umgefallen und habe mir eine Wunde

geschlagen, deren Spur ich noch heute zeigen kann. Mein Sohn aber, den jener

Traum totsagte, ist heil aus den Gefahren des Krieges zurückgekehrt.

 

Vor kurzem erst habe ich einen anderen Unheil verkündenden Traum gehabt, ich

glaube, es war, unmittelbar ehe ich mich zur Abfassung dieser kleinen

Mitteilung entschloß; diesmal war nicht viel Verhüllung aufgewendet worden;

ich sah meine beiden in England lebenden Nichten, sie waren schwarz gekleidet

und sagten mir: am Donnerstag haben wir sie begraben. Ich wußte, daß es sich

um den Tod ihrer jetzt siebenundachtzigjährigen Mutter, der Frau meines

verstorbenen ältesten Bruders, handle.

 

Es gab natürlich eine Zeit peinlicher Erwartung bei mir; das plötzliche Ableben

einer so alten Frau wäre ja nichts Überraschendes und es wäre doch so

unerwünscht, wenn mein Traum gerade mit diesem Ereignis zusammenträfe.

Aber der nächste Brief aus England zerstreute diese Befürchtung. Für alle

diejenigen, welche um die Wunschtheorie des Traumes besorgt sind, will ich die

beruhigende Versicherung einschalten, daß es der Analyse nicht schwer

geworden ist, auch für diese Todesträume die zu vermutenden unbewußten

Motive aufzudecken.

 

Unterbrechen Sie mich jetzt nicht mit dem Einwand, daß solche Mitteilungen

wertlos sind, weil negative Erfahrungen hier so wenig, wie auf anderen minder

okkulten Gebieten, irgend etwas beweisen können. Ich weiß das auch selbst und

habe diese Beispiele auch gar nicht in der Absicht angeführt, um einen Beweis

zu geben oder eine bestimmte Einstellung bei Ihnen zu erschleichen. Ich wollte

nur die Einschränkung meines Materials rechtfertigen.

 

Bedeutsamer erscheint mir allerdings eine andere Tatsache, daß ich nämlich

während meiner ungefähr siebenundzwanzigjährigen Tätigkeit als Analytiker

niemals in die Lage gekommen bin, bei einem meiner Patienten einen richtigen telepathischen Traum mitzuerleben. Die Menschen, an denen ich arbeitete,