Traum und Telepathie

Sigmund Freud · Kapitel 1 von 2

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Traum und Telepathie

Kapitel 1

waren doch eine gute Sammlung von schwer neuropathischen und

»hochsensitiven« Naturen; viele unter ihnen haben mir die merkwürdigsten

Vorkommnisse aus ihrem früheren Leben erzählt, auf die sie ihren Glauben an

geheimnisvolle okkulte Einflüsse stützten. Ereignisse wie Unfälle, Erkrankungen

naher Angehöriger, insbesondere Todesfälle eines Elternteiles, haben sich

während der Kur oft genug zugetragen und dieselbe unterbrochen, aber nicht ein

einziges Mal verschafften mir diese ihrem Wesen nach so geeigneten Zufälle die

Gelegenheit, eines telepathischen Traumes habhaft zu werden, obwohl die Kur

sich über halbe, ganze Jahre und eine Mehrzahl von Jahren ausdehnte. Um die

Erklärung dieser Tatsache, die wiederum eine Einschränkung meines Materials

mit sich bringt, möge sich bemühen, wer immer will. Sie werden sehen, daß sie

selbst für den Inhalt meiner Mitteilung nicht in Betracht kommt.

 

Ebensowenig kann mich die Frage in Verlegenheit bringen, warum ich nicht aus

der reichen Fülle der in der Literatur niedergelegten telepathischen Träume

geschöpft habe. Ich hätte nicht lange zu suchen gehabt, da mir die

Veröffentlichungen der englischen wie der amerikanischen Society for Psychical

Research als deren Mitglied zu Gebote stehen. In all diesen Mitteilungen wird

eine analytische Würdigung der Träume, wie sie uns in erster Linie interessieren

muß, niemals versucht[1]. Anderseits werden Sie bald einsehen, daß den

Absichten dieser Mitteilung auch durch ein einziges Traumbeispiel Genüge

geleistet wird.

 

Mein Material besteht also einzig und allein aus zwei Berichten, die ich von

Korrespondenten aus Deutschland erhalten habe. Die Betreffenden sind mir

persönlich nicht bekannt, sie geben aber Namen und Wohnort an; ich habe nicht

den mindesten Grund an eine irreführende Absicht der Schreiber zu glauben.

 

I. Mit dem einen der beiden stand ich schon früher in Briefverkehr; er war so

liebenswürdig, mir, wie es auch viele andere Leser tun, Beobachtungen aus dem

Alltagsleben und ähnliches mitzuteilen. Diesmal stellt der offenbar gebildete und

intelligente Mann mir sein Material ausdrücklich zur Verfügung, wenn ich es

»literarisch verwerten« wollte.

 

Sein Brief lautet:

 

»Nachstehenden Traum halte ich für interessant genug, um ihn Ihnen als Material für Ihre Studien

zu liefern.

Vorausschicken muß ich: Meine Tochter, die in B e r l i n verheiratet ist, erwartet Mitte Dezember

d. J. ihre erste Niederkunft. Ich beabsichtige, mit meiner (zweiten) Frau, der Stiefmutter meiner

Tochter, um diese Zeit nach Berlin zu fahren. In der Nacht vom 16. auf 17. November träume ich,

und zwar so lebhaft und anschaulich wie sonst nie, daß meine Frau Zwillinge geboren hat. Ich sehe

die beiden prächtig ausschauenden Kinder mit ihren roten Pausbacken deutlich nebeneinander in

ihrem Bettchen liegen, das Geschlecht stelle ich nicht fest, das eine mit semmelblondem Haar trägt

deutlich meine Züge, gemischt mit Zügen meiner Frau, das andere mit kastanienbraunem Haar, trägt

deutlich die Züge meiner Frau, gemischt mit Zügen von mir. Ich sage zu meiner Frau, die rotblondes

Haar hat, wahrscheinlich wird das kastanienbraune Haar »deines« Kindes später auch rot werden.

Meine Frau gibt den Kindern die Brust. Sie hatte in einer Waschschüssel Marmelade gekocht (auch

Traum) und beide Kinder klettern auf allen vieren in der Schüssel herum und lecken sie aus.

Dies der Traum. Vier- oder fünfmal bin ich dabei halb erwacht, frage mich, ob es wahr ist, daß wir

Zwillinge bekommen haben, komme aber doch nicht mit voller Sicherheit zu dem Ergebnis, daß ich

nur geträumt habe. Der Traum dauert bis zum Erwachen und auch danach dauert es eine Weile, bis

ich mir über die Wahrheit klar geworden bin. Beim Kaffee erzähle ich meiner Frau den Traum, der

sie sehr belustigt. Sie meint: Ilse (meine Tochter) wird doch nicht etwa Zwillinge bekommen? Ich

erwidere: Das kann ich mir kaum denken, denn weder in meiner noch in Gs. (ihres Mannes) Familie

sind Zwillinge heimisch. Am 18. November früh zehn Uhr erhalte ich ein nachmittags vorher

aufgegebenes Telegramm meines Schwiegersohnes, in dem er mir die Geburt von Zwillingen, eines

Knaben und eines Mädchens anzeigt. Die Geburt ist also in der Zeit vor sich gegangen, wo ich

träumte, daß meine Frau Zwillinge bekommen habe. Die Niederkunft ist vier Wochen früher erfolgt,

als wir alle auf Grund der Vermutungen meiner Tochter und ihres Mannes annahmen.

Und nun weiter: In der nächsten Nacht träume ich, meine verstorbene Frau, die Mutter meiner

Tochter, habe achtundvierzig neugeborene Kinder in Pflege genommen. Als das erste Dutzend

eingeliefert wird, protestiere ich. Damit endet der Traum.

Meine verstorbene Frau war sehr kinderlieb. Oft sprach sie davon, daß sie eine ganze Schar um sich

haben möchte, je mehr desto lieber, daß sie sich als Kindergärtnerin ganz besonders eignen und

wohlfühlen würde. Kinderlärm und Geschrei war ihr Musik. Gelegentlich lud sie auch einmal eine

ganze Schar Kinder aus der Straße und traktierte sie auf dem Hof unserer Villa mit Schokolade und

Kuchen. Meine Tochter hat nach der Entbindung und besonders nach der Überraschung durch das

vorzeitige Eintreten, durch die Zwillinge und die Verschiedenheit des Geschlechts gewiß gleich an

ihre Mutter gedacht, von der sie wußte, daß sie das Ereignis mit lebhafter Freude und Anteilnahme

aufnehmen werde. »Was würde erst Mutti sagen, wenn sie jetzt an meinem Wochenbett stände?«

Dieser Gedanke ist ihr zweifellos durch den Kopf gegangen. Und ich träume nun diesen Traum von

meiner verstorbenen ersten Frau, von der ich sehr selten träume, nach dem ersten Traum aber auch

nicht gesprochen und mit keinem Gedanken an sie gedacht habe.

Halten Sie das Zusammentreffen von Traum und Ereignis in beiden Fällen für Zufall? Meine

Tochter, die sehr an mir hängt, hat in ihrer schweren Stunde sicher besonders an mich gedacht, wohl

auch, weil ich oft mit ihr über Verhalten in der Schwangerschaft korrespondiert und ihr immer

wieder Ratschläge gegeben habe.«

 

Es ist leicht zu erraten, was ich auf diesen Brief antwortete. Es tat mir leid, daß

auch bei meinem Korrespondenten das analytische Interesse vom telepathischen

so völlig erschlagen worden war; ich lenkte also von seiner direkten Frage ab,

bemerkte, daß der Traum auch sonst noch allerlei enthielt, außer seiner

Beziehung zur Zwillingsgeburt, und bat, mir jene Auskünfte und Einfälle

mitzuteilen, die mir eine Deutung des Traumes ermöglichen könnten.

 

Daraufhin erhielt ich den nachstehenden zweiten Brief, der meine Wünsche freilich nicht ganz befriedigte:

 

»Erst heute komme ich dazu, Ihren freundlichen Brief vom 24. d. M. zu beantworten. Ich will Ihnen

gern »lückenlos und rückhaltlos« alle Assoziationen, auf die ich komme, mitteilen. Leider ist es

nicht viel geworden, bei einer mündlichen Aussprache käme mehr heraus.

Also! Meine Frau und ich wünschen uns keine Kinder mehr. Wir verkehren auch so gut wie gar

nicht geschlechtlich miteinander, wenigstens lag zur Zeit des Traumes keinerlei »Gefahr« vor. Die

Niederkunft meiner Tochter, die Mitte Dezember erwartet wurde, war natürlich öfter Gegenstand

unserer Unterhaltung. Meine Tochter war im Sommer untersucht und geröntgt worden, dabei stellte

der Untersuchende fest, daß es ein Junge werde. Meine Frau äußerte gelegentlich: »Ich würde

lachen, wenn es nun doch ein Mädchen würde.« Sie meinte auch gelegentlich, es wäre besser, wenn

es ein H. als ein G. (Name meines Schwiegersohnes) würde, meine Tochter ist hübscher und

stattlicher in der Figur als mein Schwiegersohn, obgleich er Marineoffizier war. Ich beschäftigte

mich mit Vererbungsfragen und habe die Gewohnheit, mir kleine Kinder darauf anzusehen, wem sie

gleichen. Noch eins! Wir haben ein kleines Hündchen, das abends mit am Tisch sitzt, sein Futter

bekommt und Teller und Schüsseln ausleckt. All dieses Material kehrt im Traum wieder.

Ich habe kleine Kinder gern und schon oft gesagt, ich möchte noch einmal so ein Wesen aufziehen,

jetzt wo man es mit sehr viel mehr Verständnis, Interesse und Ruhe vermag, aber mit meiner Frau,

die nicht die Fähigkeiten zur vernünftigen Erziehung eines Kindes besitzt, möchte ich keins

zusammen haben. Nun beschert mir der Traum zwei – das Geschlecht habe ich nicht festgestellt. Ich

sehe sie noch heute im Bett liegen und erkenne scharf die Züge, das eine mehr »Ich«, das andere

mehr meine Frau, jedes aber kleine Züge vom andern Teil. Meine Frau hat rotblondes Haar, eines

der Kinder aber kastanien(rotes) braunes. Ich sage: »Na, das wird später auch noch rot werden.« Die

beiden Kinder kriechen in einer großen Waschschüssel, in der meine Frau Marmelade gerührt hat,

herum und lecken den Boden und die Ränder ab (Traum). Die Herkunft dieses Details ist leicht

erklärlich, wie der Traum überhaupt nicht schwer verständlich und deutbar ist, wenn er nicht mit

dem wider Erwarten frühen Eintreten der Geburt meiner Enkel (drei Wochen zu früh) zeitlich fast

auf die Stunde (genau kann ich nicht sagen, wann der Traum begann, um neun und viertel zehn

wurden meine Enkel geboren, um elf etwa ging ich zu Bett und nachts träumte ich)

zusammengetroffen wäre und wir nicht schon vorher gewußt hätten, daß es ein Junge werden würde.

Freilich kann wohl der Zweifel, ob die Feststellung richtig gewesen sei – Junge oder Mädchen – im

Traume Zwillinge auftreten lassen, es bleibt aber immer noch das zeitliche Zusammentreffen des

Traumes von den Zwillingen mit dem unerwarteten und drei Wochen zu frühen Eintreffen von

Zwillingen bei meiner Tochter.

Es ist nicht das erste Mal, daß Ereignisse in der Ferne sich mir bewußt machen, ehe ich die

Nachricht erhalte. Eines unter zahlreichen! Im Oktober besuchten mich meine drei Brüder. Wir

haben uns seit dreißig Jahren nicht wieder zusammen (der eine den andern natürlich öfter) gesehen,

nur einmal ganz kurz beim Begräbnis meines Vaters und dem meiner Mutter. Beider Tod war zu

erwarten, in keinem Falle habe ich »vorgefühlt«. Aber als vor zirka fünfundzwanzig Jahren mein

jüngster Bruder im zehnten Lebensjahr plötzlich und unerwartet starb, kam mir, als mir der

Briefbote die Postkarte mit der Nachricht von seinem Tode übergab, ohne daß ich einen Blick darauf

geworfen hatte, sofort der Gedanke: Da steht darauf, daß dein Bruder gestorben ist. Er war doch

allein im Elternhaus, ein kräftiger gesunder Bub, während wir vier älteren Brüder alle vom

Elternhaus schon flügge geworden und abwesend waren. Zufällig kam das Gespräch beim Besuch

meiner Brüder jetzt auf dieses mein Erlebnis damals, und alle drei Brüder kamen nun wie auf

Kommando mit der Erklärung heraus, daß ihnen damals genau dasselbe passiert sei wie mir. Ob auf

dieselbe Weise, kann ich nicht mehr sagen, jedenfalls erklärte jeder, den Tod vorher als Gewißheit

im Gefühl gehabt zu haben, ehe die bald darauf eintreffende und gar nicht zu erwartende Nachricht

ihn angezeigt hatte. Wir sind alle vier von Mutters Seite her sensible Naturen, große kräftige

Menschen dabei, aber keiner etwa spiritistisch oder okkultistisch angehaucht, im Gegenteil, wir

lehnen beides entschieden ab. Meine Brüder sind alle drei Akademiker, zwei Gymnasiallehrer, einer

Oberlandmesser, eher Pedanten als Phantasten. — Das ist alles, was ich Ihnen zum Traum zu sagen

weiß. Wenn Sie ihn etwa literarisch verwerten wollen, stelle ich ihn gern zur Verfügung.«

 

Ich muß befürchten, daß Sie sich ähnlich verhalten werden wie der Schreiber der

beiden Briefe. Auch Sie werden sich vor allem dafür interessieren, ob man

diesen Traum wirklich als eine telepathische Anzeige der unerwarteten

Zwillingsgeburt auffassen darf, und gar nicht dazu geneigt sein, ihn wie einen

anderen der Analyse zu unterziehen. Ich sehe voraus, daß es immer so sein wird,

wenn Psychoanalyse und Okkultismus zusammenstoßen. Die erstere hat

sozusagen alle seelischen Instinkte gegen sich, dem letzteren kommen starke,

dunkle Sympathien entgegen. Ich werde aber nicht den Standpunkt einnehmen,

ich sei nichts als ein Psychoanalytiker, die Fragen des Okkultismus gehen mich

nichts an; das würden Sie doch nur als Problemflüchtigkeit beurteilen. Sondern,

ich behaupte, daß es mir ein großes Vergnügen wäre, wenn ich mich und andere

durch untadelige Beobachtungen von der Existenz telepathischer Vorgänge

überzeugen könnte, daß aber die Mitteilungen zu diesem Traum viel zu

unzulänglich sind, um eine solche Entscheidung zu rechtfertigen. Sehen Sie,

dieser intelligente und an den Problemen seines Traumes interessierte Mann

denkt nicht einmal daran, uns anzugeben, wann er die ein Kind erwartende

Tochter zuletzt gesehen oder welche Nachrichten er kürzlich von ihr erhalten; er

schreibt im ersten Brief, daß die Geburt um einen Monat verfrüht kam, im

zweiten sind es aber nur drei Wochen und in keinem erhalten wir Auskunft

darüber, ob die Geburt wirklich vorzeitig erfolgte, oder ob sich die Beteiligten,

wie es so häufig vorkommt, verrechnet hatten. Von diesen und anderen Details

der Begebenheit würden wir aber abhängen, wenn wir die Wahrscheinlichkeit

eines dem Träumer unbewußten Abschätzens und Erratens zu erwägen hätten.

Ich sagte mir auch, es würde nichts nützen, wenn ich auf einige solcher

Anfragen Antwort bekäme. Im Laufe des angestrebten Beweisverfahrens würden

doch immer neue Zweifel auftauchen, die nur beseitigt werden könnten, wenn

man den Mann vor sich hätte und alle die dazugehörigen Erinnerungen bei ihm

auffrischen würde, die er vielleicht als unwesentlich beiseite geschoben hat. Er

hat gewiß Recht, wenn er zu Anfang seines zweiten Briefes sagt, bei einer

mündlichen Aussprache wäre mehr herausgekommen.

 

Denken Sie an einen anderen, ähnlichen Fall, an dem das störende okkultistische

Interesse gar keinen Anteil hat. Wie oft sind Sie in die Lage gekommen, die

Anamnese und den Krankheitsbericht, den Ihnen ein beliebiger Neurotiker in der

ersten Besprechung gab, mit dem zu vergleichen, was Sie nach einigen Monaten

Psychoanalyse von ihm erfahren haben. Von der begreiflichen Verkürzung abgesehen, wieviel wesentliche Mitteilungen hat er ausgelassen oder

unterdrückt, wieviel Beziehungen verschoben, im Grunde: wieviel Unrichtiges

und Unwahres hat er Ihnen das erste Mal erzählt! Ich glaube, Sie werden mich

nicht für überbedenklich erklären, wenn ich unter den uns vorliegenden

Verhältnissen es ablehne, darüber zu urteilen, ob der uns mitgeteilte Traum einer

telepathischen Tatsache entspricht oder einer besonders feinen unbewußten

Leistung des Träumers oder einfach als ein zufälliges Zusammentreffen

hingenommen werden muß. Unsere Wißbegierde werden wir auf eine spätere

Gelegenheit vertrösten, in der uns eine eingehende, mündliche Ausforschung des

Träumers vergönnt sein mag. Sie können aber nicht sagen, daß dieser Ausgang

unserer Untersuchung Sie enttäuscht hat, denn ich hatte Sie darauf vorbereitet,

Sie würden nichts erfahren, was auf das Problem der Telepathie Licht wirft.

 

Wenn wir jetzt zur analytischen Behandlung dieses Traumes übergehen, so

müssen wir von neuem unser Mißvergnügen bekennen. Das Material von

Gedanken, die der Träumer an den manifesten Trauminhalt anknüpft, ist

wiederum ungenügend; damit können wir keine Traumanalyse machen. Der

Traum verweilt z. B. ausführlich bei der Ähnlichkeit der Kinder mit den Eltern,

erörtert deren Haarfarbe und die voraussichtliche Wandlung derselben in

späteren Zeiten, und zur Aufklärung dieser breit ausgesponnenen Details haben

wir nur die dürftige Auskunft des Träumers, er habe sich immer für Fragen der

Ähnlichkeit und Vererbung interessiert; da sind wir doch gewohnt,

weitergehende Ansprüche zu stellen! Aber an e i n e r Stelle gestattet der Traum

eine analytische Deutung, gerade hier kommt die Analyse, die sonst nichts mit

dem Okkultismus zu tun hat, der Telepathie in merkwürdiger Weise zur Hilfe.

Dieser einen Stelle wegen nehme ich überhaupt Ihre Aufmerksamkeit für diesen

Traum in Anspruch.

 

Wenn Sie es recht ansehen, so hat ja dieser Traum auf den Namen eines

»telepathischen« gar kein Anrecht. Er teilt dem Träumer nichts mit, was sich –

seinem sonstigen Wissen entzogen – gleichzeitig an einem anderen Orte

vollzieht, sondern was der Traum erzählt, ist etwas ganz anderes als das

Ereignis, von dem ein Telegramm am zweiten Tag nach der Traumnacht

berichtet. Traum und Ereignis weichen in einem ganz besonders wichtigen Punkt

voneinander ab, nur stimmen sie, von der Gleichzeitigkeit abgesehen, in einem

anderen, sehr interessanten Element zusammen. Im Traum hat die F r a u des

Träumers Zwillinge bekommen. Das Ereignis besteht aber darin, daß seine

entfernt lebende T o c h t e r Zwillinge geboren hat. Der Träumer übersieht diesen

Unterschied nicht, er scheint keinen Weg zu kennen, über ihn hinwegzukommen, und da er nach seiner eigenen Angabe keine okkultistische Vorliebe hat, fragt er

nur ganz schüchtern an, ob das Zusammentreffen von Traum und Ereignis im

Punkte der Zwillingsgeburt mehr als ein Zufall sein kann. Die psychoanalytische

Traumdeutung hebt aber diesen Unterschied zwischen Traum und Ereignis auf

und gibt beiden den nämlichen Inhalt. Ziehen wir das Assoziationsmaterial zu

diesem Traum zu Rate, so zeigt es uns trotz seiner Spärlichkeit, daß hier eine

innige Gefühlsbindung zwischen Vater und Tochter besteht, eine

Gefühlsbindung, die so gewöhnlich und natürlich ist, daß man aufhören sollte,

sich ihrer zu schämen, die im Leben gewiß nur als zärtliches Interesse zum

Ausdruck kommt und ihre letzten Konsequenzen erst im Traume zieht. Der Vater

weiß, daß die Tochter sehr an ihm hängt, er ist überzeugt, daß sie in ihrer

schweren Stunde viel an ihn gedacht hat; ich meine, im Grunde gönnt er sie dem

Schwiegersohn nicht, den er im Briefe mit einigen abschätzigen Bemerkungen

streift. Beim Anlaß ihrer (erwarteten oder telepathisch vernommenen)

Niederkunft wird im Verdrängten der unbewußte Wunsch rege: Sie sollte lieber

meine (zweite) Frau sein, und dieser Wunsch ist es, der den Traumgedanken

entstellt und den Unterschied zwischen dem manifesten Trauminhalt und dem

Ereignis verschuldet. Wir haben das Recht, für die zweite Frau im Traume die

Tochter einzusetzen. Besäßen wir mehr Material zum Traum, so würden wir

diese Deutung gewiß versichern und vertiefen können.

 

Und nun bin ich bei dem, was ich Ihnen zeigen wollte. Wir haben uns der

strengsten Unparteilichkeit bemüht und zwei Auffassungen des Traumes als

gleich möglich und gleich unbewiesen gelten gelassen. Nach der ersten ist der

Traum die Reaktion auf eine telepathische Botschaft: Deine Tochter bringt eben

jetzt Zwillinge zur Welt. Nach der zweiten liegt ihm eine unbewußte

Gedankenarbeit zugrunde, die sich etwa derart übersetzen ließe: Heute ist ja der

Tag, an dem die Entbindung eintreten müßte, wenn sich die jungen Leute in

Berlin wirklich um einen Monat verrechnet haben, wie ich eigentlich glaube.

Und wenn meine (erste) Frau noch leben würde, die wäre doch mit e i n e m

Enkelkind nicht zufrieden! Für sie müßten es mindestens Zwillinge sein. Hat

diese zweite Auffassung Recht, so entstehen keine neuen Probleme für uns. Es

ist eben ein Traum wie ein anderer. Zu den erwähnten (vorbewußten)

Traumgedanken ist der (unbewußte) Wunsch hinzugetreten, daß keine andere als

die Tochter die zweite Frau des Träumers hätte werden sollen, und so ist der uns

mitgeteilte manifeste Traum entstanden.

 

Wollen Sie aber lieber annehmen, daß die telepathische Botschaft von der

Entbindung der Tochter an den Schlafenden herangetreten ist, so erheben sich neue Fragen nach der Beziehung einer solchen Botschaft zum Traum und nach

ihrem Einfluß auf die Traumbildung. Die Antwort liegt dann sehr nahe und ist

ganz eindeutig zu geben. Die telepathische Botschaft wird behandelt wie ein

Stück des Materials zur Traumbildung, wie ein anderer Reiz von außen oder

innen, wie ein störendes Geräusch von der Straße, wie eine aufdringliche

Sensation von einem Organ des Schlafenden. In unserem Beispiel ist es

ersichtlich, wie sie mit Hilfe eines lauernden, verdrängten Wunsches zur

Wunscherfüllung umgearbeitet wird, und leider weniger deutlich zu zeigen, daß

sie mit anderem gleichzeitig rege gewordenem Material zu einem Traum

verschmilzt. Die telepathische Botschaft – wenn eine solche wirklich

anzuerkennen ist – kann also an der Traumbildung nichts ändern, die Telepathie

hat mit dem Wesen des Traumes nichts zu tun. Und um den Eindruck zu

vermeiden, daß ich hinter einem abstrakten und vornehm klingenden Wort eine

Unklarheit verbergen möchte, bin ich bereit zu wiederholen: Das Wesen des

Traumes besteht in dem eigentümlichen Prozeß der Traumarbeit, welcher

vorbewußte Gedanken (Tagesreste) mit Hilfe einer unbewußten Wunschregung

in den manifesten Trauminhalt überführt. Das Problem der Telepathie geht aber

den Traum so wenig an wie das Problem der Angst.

 

Ich hoffe, Sie werden das zugeben, mir aber bald einwenden, es gibt doch auch

andere telepathische Träume, in denen kein Unterschied zwischen Ereignis und

Traum besteht, und in denen nichts anders zu finden ist als die unentstellte

Wiedergabe des Ereignisses. Ich kenne solche telepathische Träume wieder nicht

aus eigener Erfahrung, weiß aber, daß sie häufig berichtet worden sind. Nehmen

wir an, wir hätten es mit einem solchen unentstellten und unvermischten

telepathischen Traum zu tun, dann erhebt sich eine andere Frage: Soll man ein

derartiges, telepathisches Erlebnis überhaupt einen »Traum« nennen? Sie werden

es ja gewiß tun, solange Sie mit dem populären Sprachgebrauch gehen, für den

alles Träumen heißt, was sich während der Schlafzeit in Ihrem Seelenleben

ereignet. Sie sagen vielleicht auch: Ich habe mich im Traum herumgewälzt und

finden erst recht keine Inkorrektheit darin zu sagen: Ich habe im Traum geweint

oder mich im Traum geängstigt. Aber Sie merken doch wohl, daß Sie in all

diesen Fällen »Traum« und »Schlaf« oder »Schlafzustand« unterscheidungslos

miteinander vertauschen. Ich meine, es wäre im Interesse wissenschaftlicher

Genauigkeit, wenn wir »Traum« und »Schlafzustand« besser auseinanderhielten.

Warum sollten wir ein Seitenstück zu der von M a e d e r heraufbeschworenen

Konfusion schaffen, der für den Traum eine neue Funktion entdeckte, indem er

die Traumarbeit durchaus nicht von den latenten Traumgedanken sondern

wollte? Wenn wir also einen solchen reinen telepathischen »Traum« antreffen sollten, so wollen wir ihn doch lieber ein telepathisches Erlebnis im

Schlafzustand heißen. Ein Traum ohne Verdichtung, Entstellung,

Dramatisierung, vor allem ohne Wunscherfüllung, verdient ja doch nicht diesen

Namen. Sie werden mich daran mahnen, daß es noch andere seelische

Produktionen im Schlaf gibt, denen man dann das Recht auf den Namen

»Traum« absprechen müßte. Es kommt vor, daß reale Erlebnisse des Tages im

Schlaf einfach wiederholt werden, die Reproduktionen traumatischer Szenen im

»Traume« haben uns erst kürzlich zu einer Revision der Traumtheorie

herausgefordert; es gibt Träume, die sich durch ganz besondere Eigenschaften

von der gewohnten Art unterscheiden, die eigentlich nichts anders sind als

unversehrte und unvermengte nächtliche Phantasien, den bekannten

Tagesphantasien sonst durchaus ähnlich. Es wäre gewiß mißlich, diese

Bildungen von der Bezeichnung »Träume« auszuschließen. Aber sie alle

kommen doch von innen, sind Produkte unseres Seelenlebens, während der reine

»telepathische Traum« seinem Begriff nach eine Wahrnehmung von außen wäre,

gegen welche sich das Seelenleben rezeptiv und passiv verhielte.

 

II. Der zweite Fall, von dem ich Ihnen berichten will, liegt eigentlich auf einer

anderen Linie. Er bringt uns keinen telepathischen Traum, sondern einen seit

Kindheitsjahren rekurrierenden Traum bei einer Person, die viel telepathische

Erlebnisse gehabt hat. Ihr Brief, den ich nachstehend wiedergebe, enthält

manches Merkwürdige, worüber uns zu urteilen versagt ist. Einiges davon kann

für das Verhältnis der Telepathie zum Traum verwertet werden.

 

1.

 

»… Mein Arzt, Herr Doktor N., riet mir, Ihnen einen Traum zu erzählen, der mich seit ungefähr

dreißig bis zweiunddreißig Jahren verfolgt. Ich folge seinem Rate, vielleicht hat der Traum in

wissenschaftlicher Beziehung für Sie Interesse. Da nach Ihrer Meinung solche Träume auf ein

Erlebnis in sexueller Beziehung während der ersten Kinderjahre zurückzuführen sind, gebe ich

Kindheitserinnerungen wieder, es sind Erlebnisse, die heute noch ihren Eindruck auf mich machen

und so nachdrücklich gewesen sind, daß sie mir meine Religion bestimmt haben.

Darf ich Sie bitten, mir nach Kenntnisnahme vielleicht mitzuteilen, in welcher Weise Sie sich diesen

Traum erklären und ob es nicht möglich ist, ihn aus meinem Leben verschwinden zu lassen, da er

mich wie ein Gespenst verfolgt und durch die Umstände, von denen er begleitet ist – ich falle stets

aus dem Bette und habe mir schon nicht unerhebliche Verletzungen zugezogen – sehr unangenehm

und peinlich für mich ist.

 

2.

 

Ich bin siebenunddreißig Jahre alt, sehr kräftig und körperlich gesund, habe außer Masern und

Scharlach in der Kindheit eine Nierenentzündung durchgemacht. Im fünften Jahre hatte ich eine sehr

schwere Augenentzündung, nach der ein Doppeltsehen zurückblieb. Die Bilder stehen schräg

zueinander, die Umrisse des Bildes sind verwischt, weil Narben von Geschwüren die Klarheit

beeinträchtigen. Nach fachärztlichem Urteil ist am Auge aber nichts mehr zu ändern oder zu

bessern. Durch das Zukneifen des linken Auges, um klarer zu sehen, hat sich die linke

Gesichtshälfte nach oben verzerrt. Ich vermag, durch Übung und Wille, die feinsten Handarbeiten zu

machen; ebenso habe ich mir als sechsjähriges Kind das schiefe Sehen vor dem Spiegel weggelernt,

so daß heute von dem Augenfehler äußerlich nichts zu sehen ist.

In den frühesten Kinderjahren schon bin ich immer einsam gewesen, habe mich von allen Kindern

zurückgezogen und habe schon Gesichte gehabt (hellhören und hellsehen), habe das aber von der

Wirklichkeit nicht unterscheiden können und bin deshalb oft in Konflikte geraten, die aus mir einen

sehr zurückhaltenden, scheuen Menschen gemacht haben. Da ich schon als kleinstes Kind viel mehr

gewußt habe, als ich hatte lernen können, verstand ich einfach die Kinder meines Alters nicht mehr.

Ich selbst bin die älteste von zwölf Geschwistern.

Von sechs bis zehn Jahren besuchte ich die Gemeindeschule und dann bis sechzehn Jahre die höhere

Schule der Ursulinerinnen in B. Mit zehn Jahren habe ich innerhalb vier Wochen, es waren acht

Nachhilfestunden, soviel Französisch nachgeholt, als andere Kinder in zwei Jahren lernen. Ich hatte

nur zu repetieren, es war, als ob ich es schon gelernt und nur vergessen hätte. Überhaupt habe ich

auch später Französisch nie zu lernen brauchen, im Gegensatz zu Englisch, das mir zwar keine

Mühe machte, das mir aber unbekannt war. Ähnlich wie mit Französisch ging es mir mit Latein, das

ich eigentlich nie richtig gelernt habe, sondern nur vom Kirchenlatein her kenne, das mir aber

vollkommen vertraut ist. Lese ich heute ein französisches Werk, dann denke ich auch sofort in

Französisch, während mir das bei Englisch nie passiert, trotzdem ich englisch besser beherrsche. –

Meine Eltern sind Bauersleute, die durch Generationen nie andere Sprachen als deutsch und

polnisch gesprochen haben.

G e s i c h t e: Zuweilen verschwindet für Augenblicke die Wirklichkeit und ich sehe etwas ganz

anderes. In meiner Wohnung sehe ich z. B. sehr oft ein altes Ehepaar und ein Kind, die Wohnung hat

dann andere Einrichtung. – Noch in der Heilanstalt kam früh gegen vier Uhr meine Freundin in mein

Zimmer, ich war wach, hatte die Lampe brennen und saß am Tische lesend, da ich sehr viel an

Schlaflosigkeit leide. Stets bedeutet diese Erscheinung für mich Ärger, auch dieses Mal.

Im Jahre 1914 war mein Bruder im Felde, ich nicht bei den Eltern in B., sondern in Ch. Es war

vormittags 10 Uhr, 22. August, da hörte ich »Mutter, Mutter« von der Stimme meines Bruders rufen.

Nach zehn Minuten nochmals, habe aber n i c h t s gesehen. Am 24. August kam ich heim, fand

Mutter bedrückt und auf Befragen erklärte sie, der Junge hätte sich am 22. August angemeldet. Sie

sei vormittags im Garten gewesen, da hätte sie den Jungen »Mutter, Mutter« rufen hören. Ich

tröstete sie und sagte ihr nichts von mir. Drei Wochen darauf kam eine Karte meines Bruders an, die

er am 22. August zwischen neun und zehn Uhr vormittags geschrieben hatte, kurz darauf starb er.

Am 27. September 1921 meldete sich mir etwas in der Heilanstalt an. Es wurde zwei- bis dreimal an

das Bett meiner Zimmerkollegin heftig geklopft. Wir waren beide wach, ich fragte, ob sie geklopft

hätte, sie hatte nicht einmal etwas gehört. Nach acht Wochen hörte ich, daß eine meiner Freundinnen

in der Nacht vom 26. auf 27. gestorben wäre.

Nun etwas, was Sinnestäuschung sein soll, Ansichtssache! Ich habe eine Freundin, die sich einen

Witwer mit fünf Kindern geheiratet hat, den Mann lernte ich erst durch meine Freundin kennen. In

deren Wohnung sehe ich fast jedes Mal, wenn ich bei ihr bin, eine Dame aus- und eingehen. Die

Annahme lag nahe, daß das die erste Frau des Mannes sei. Ich fragte gelegentlich nach einem Bilde,

konnte aber nach der Photographie die Erscheinung nicht identifizieren. Nach sieben Jahren sehe ich

bei einem der Kinder ein Bild mit den Zügen der Dame. Es war doch die erste Frau. Auf dem ersten

Bilde sah sie bedeutend besser aus, sie hatte gerade eine Mastkur durchgemacht und daher das für

eine Lungenkranke veränderte Aussehen. – Das sind nur Beispiele von vielen.

D e r T r a u m: Ich sehe eine Landzunge, von Wasser umgeben. Die Wellen werden von der

Brandung herangetrieben und wieder zurückgerissen. Auf der Landzunge steht eine Palme, die

etwas zum Wasser gebogen ist. Um den Stamm der Palme schlingt eine Frau ihren Arm und beugt

sich ganz tief ins Wasser, wo ein Mann versucht, an Land zu kommen. Zuletzt legt sie sich auf die

Erde, hält sich mit der Linken an der Palme fest und reicht, so weit wie möglich, ihre Rechte dem

Manne ins Wasser, ohne ihn zu erreichen. Dabei falle ich aus dem Bette und wache auf. – Ich war

ungefähr fünfzehn bis sechzehn Jahre, als ich wahrnahm, daß ich ja selbst diese Frau sei und nun

erlebte ich nicht nur die Angst der Frau um den Mann, sondern stand manchmal auch als

unbeteiligte Dritte dabei und sah zu. Auch in Etappen träumte ich dieses Erlebnis. Wie das Interesse

am Manne wach wurde (achtzehn bis zwanzig Jahre), versuchte ich das Gesicht des Mannes zu

erkennen, es war mir nie möglich. Die Gischt ließ nur Nacken und Hinterkopf frei. Ich bin zweimal

verlobt gewesen, aber dem Kopf und Körperbau nach war es keiner dieser beiden Männer. – Als ich

in der Heilanstalt einmal im Paraldehydrausche lag, sah ich das Gesicht des Mannes, das ich

nunmehr in jedem Traume sehe. Es ist das des mich in der Anstalt behandelnden Arztes, der mir

wohl als Arzt sympathisch ist, mit dem mich aber nichts verbindet.

E r i n n e r u n g e n: ½ bis ¾ Jahr alt. Ich im Kinderwagen, rechts mir zur Seite zwei Pferde, das

eine, ein Brauner, sieht mich groß und eindrucksvoll an. Das ist das stärkste Erlebnis, ich hatte das

Gefühl, es sei ein Mensch.

E i n J a h r a l t. Vater und ich im Stadtparke, wo mir ein Parkwärter ein Vögelchen in die Hand

gibt. Seine Augen sehen mich wieder an, ich fühle, das ist ein Wesen wie du.

H a u s s c h l a c h t u n g e n. Beim Quieken der Schweine habe ich stets um Hilfe geschrien und

immer gerufen: Ihr schlagt ja einen Menschen tot (vier Jahre alt). Ich habe Fleisch als

Nahrungsmittel stets abgelehnt. Schweinefleisch hat mir stets Erbrechen verursacht. Erst im Kriege

habe ich Fleisch essen gelernt, aber nur mit Widerwillen, jetzt entwöhne ich mich dessen wieder.

F ü n f J a h r e a l t. Mutter kam nieder und ich hörte sie schreien. Ich hatte die Empfindung, dort

ist ein Tier oder Mensch in höchster Not, ebenso wie ich es bei den Schlachtungen hatte.

In sexueller Beziehung bin ich als Kind ganz indifferent gewesen, mit zehn Jahren gingen Sünden

wider die Keuschheit noch nicht in mein Begriffsvermögen. Mit zwölf Jahren wurde ich menstruiert.

Mit sechsundzwanzig Jahren, nachdem ich einem Kinde das Leben gegeben hatte, erwachte erst das

Weib in mir, bis dahin (ein halbes Jahr) hatte ich beim Koitus stets heftiges Erbrechen. Auch später

trat Erbrechen ein, wenn die kleinste Verstimmung mich bedrückte.

Ich habe eine außerordentlich scharfe Beobachtungsgabe und ein ganz ausnahmsweise scharfes

Gehör, Geruch ist ebenso ausgebildet. Bekannte Menschen kann ich mit verbundenen Augen unter

einem Haufen anderer herausriechen.

Ich führe mein Mehrsehen und Hören nicht auf krankhaftes Wesen, sondern auf feineres Empfinden

und schnelleres Kombinationsvermögen zurück, habe aber darüber nur mit meinem Religionslehrer

und Herrn Dr. … gesprochen, zu letzterem auch nur sehr widerwillig, weil ich mich davor scheute,

zu hören, daß ich Minuseigenschaften habe, die ich persönlich als Pluseigenschaften ansehe, und

weil ich durch Mißverständnis in meiner Jugend sehr scheu geworden bin.«

 

Der Traum, dessen Deutung uns die Schreiberin auferlegt, ist nicht schwer zu

verstehen. Es ist ein Traum der Rettung aus dem Wasser, also ein typischer

Geburtstraum. Die Sprache der Symbolik kennt, wie Sie wissen, keine

Grammatik, sie ist das Extrem einer Infinitivsprache, auch das Aktivum und das

Passivum werden durch dasselbe Bild dargestellt. Wenn im Traum eine Frau

einen Mann aus dem Wasser zieht (oder ziehen will), so kann das heißen, sie will seine Mutter sein (anerkennt ihn als Sohn wie die Pharaotochter den Moses) oder

auch: sie will durch ihn Mutter werden, einen Sohn von ihm haben, welcher als

sein Ebenbild ihm gleichgesetzt wird. Der Baumstamm, an den die Frau sich

hält, ist leicht als Phallussymbol zu erkennen, auch wenn er nicht gerade steht,

sondern gegen den Wasserspiegel geneigt – im Traum heißt es: gebogen – ist.

Das Andrängen und Zurückfluten der Brandung legte einmal einer anderen

Träumerin, die einen ganz ähnlichen Traum produziert hatte, den Vergleich mit

der intermittierenden Wehentätigkeit nahe, und als ich sie, die noch nie geboren

hatte, fragte, woher sie diesen Charakter der Geburtsarbeit kenne, sagte sie, man

stellt sich die Wehen wie eine Art Kolik vor, was physiologisch ganz untadelig

ist. Sie assoziierte dazu: »Des Meeres und der Liebe Wellen.« Woher unsere

Träumerin die feinere Ausstattung des Symbols in so frühen Jahren genommen

haben kann (Landzunge, Palme), weiß ich natürlich nicht zu sagen. Übrigens

vergessen wir nicht daran: Wenn Personen behaupten, daß sie seit Jahren von

demselben Traum verfolgt werden, so stellt sich oft heraus, daß es manifester

Weise nicht ganz derselbe ist. Nur der Kern des Traumes ist jedesmal

wiedergekehrt, Einzelheiten des Inhalts sind abgeändert worden oder neu

hinzugekommen.

 

Am Ende dieses offenbar angstvollen Traumes fällt die Träumerin aus dem Bett.

Das ist eine neuerliche Darstellung der Niederkunft. Die analytische Erforschung

der Höhenphobien, der Angst vor dem Impuls, sich aus dem Fenster zu stürzen,

hat Ihnen gewiß allen das nämliche Ergebnis geliefert.

 

Wer ist nun der Mann, von dem sich die Träumerin ein Kind wünscht oder zu

dessen Ebenbild sie Mutter sein möchte? Sie hat sich oft bemüht, sein Gesicht zu

sehen, aber der Traum ließ es nicht zu, der Mann sollte inkognito bleiben. Wir

wissen aus ungezählten Analysen, was diese Verschleierung bedeutet, und unser

Analogieschluß wird durch eine andere Angabe der Träumerin gesichert. In

einem Paraldehydrausch erkannte sie einmal das Gesicht des Mannes im Traum

als das des Anstaltsarztes, der sie behandelte und der ihrem bewußten

Gefühlsleben nichts weiter bedeutete. Das Original hatte sich also nie gezeigt,

aber dessen Abdruck in der »Übertragung« gestattet den Schluß, daß es immer

früher der Vater hätte sein sollen. Wie Recht hatte doch F e r e n c z i, als er auf

die »Träume der Ahnungslosen« als wertvolle Urkunden zur Bestätigung unserer

analytischen Vermutungen hinwies! Unsere Träumerin war die älteste von zwölf

Kindern; wie oft muß sie die Qualen der Eifersucht und Enttäuschung

durchgemacht haben, wenn nicht sie, sondern die Mutter das ersehnte Kind vom

Vater empfing!

Ganz richtig hat unsere Träumerin verstanden, daß ihre ersten

Kindheitserinnerungen für die Deutung ihres frühen und seither

wiederkehrenden Traumes wertvoll sein würden. In der ersten Szene vor einem

Jahr sitzt sie im Kinderwagen, neben ihr zwei Pferde, von denen eines sie groß

und eindrucksvoll ansieht. Sie bezeichnet das ihr stärkstes Erlebnis, sie hatte das

Gefühl, es sei ein Mensch. Wir aber können uns in diese Wertung nur einfühlen,

wenn wir annehmen, zwei Pferde ständen hier, wie so oft, für ein Ehepaar, für

Vater und Mutter. Es ist dann wie ein Aufblitzen des infantilen Totemismus.

Könnten wir die Schreiberin sprechen, so würden wir die Frage an sie richten, ob

nicht der Vater seiner Farbe nach in dem b r a u n e n Pferd, das sie so menschlich

ansieht, erkannt werden darf. Die zweite Erinnerung ist mit der ersten durch das

gleiche »verständnisvolle Ansehen« assoziativ verknüpft. Aber das

Indiehandnehmen des Vögelchens mahnt den Analytiker, der nun einmal seine

Vorurteile hat, an einen Zug des Traumes, der die Hand der Frau in Beziehung zu

einem anderen Phallussymbol bringt.

 

Die nächsten beiden Erinnerungen gehören zusammen, sie bieten der Deutung

noch geringere Schwierigkeiten. Das Schreien der Mutter bei ihrer Niederkunft

erinnert sie direkt an das Quieken der Schweine bei einer Hausschlachtung und

versetzt sie in dieselbe mitleidige Raserei. Wir vermuten aber auch, hier liegt

eine heftige Reaktion gegen einen bösen Todeswunsch vor, welcher der Mutter

galt.

 

Mit diesen Andeutungen der Zärtlichkeit für den Vater, der genitalen

Berührungen mit ihm und der Todeswünsche gegen die Mutter ist der Umriß des

weiblichen Ödipuskomplexes gezogen. Die lang bewahrte sexuelle Unwissenheit

und spätere Frigidität entsprechen diesen Voraussetzungen. Unsere Schreiberin

ist virtuell – und zeitweise gewiß auch faktisch – eine hysterische Neurotika

geworden. Die Mächte des Lebens haben sie zu ihrem Glück mit sich

fortgerissen, ihr weibliches Sexualempfinden, Mutterglück und mannigfache

Erwerbsleistung möglich gemacht, aber ein Anteil ihrer Libido haftet noch

immer an den Fixierungsstellen ihrer Kindheit, sie träumt noch immer jenen

Traum, der sie aus dem Bette wirft und für die inzestuöse Objektwahl mit »nicht

unerheblichen Verletzungen« bestraft.

 

Was die stärksten Einflüsse späteren Erlebens nicht zustande brachten, soll jetzt

die briefliche Aufklärung eines fremden Arztes leisten. Wahrscheinlich würde es

einer regelrechten Analyse in längerer Zeit gelingen. Wie die Verhältnisse liegen,

mußte ich mich damit begnügen ihr zu schreiben, ich sei überzeugt, daß sie an

der Nachwirkung einer starken Gefühlsbindung an den Vater und der entsprechenden Identifizierung mit der Mutter leide, hoffe aber selbst nicht, daß

diese Aufklärung ihr nützen werde. Spontanheilungen von Neurosen hinterlassen

in der Regel Narben und diese werden von Zeit zu Zeit wieder schmerzhaft. Wir

sind sehr stolz auf unsere Kunst, wenn wir eine Heilung durch Psychoanalyse

vollbracht haben, können aber einen solchen Ausgang in Bildung einer

schmerzhaften Narbe auch nicht immer abwenden.

 

Die kleine Erinnerungsreihe soll unsere Aufmerksamkeit noch ein wenig

festhalten. Ich habe einmal behauptet, daß solche Kindheitsszenen

»Denkerinnerungen« sind, die zu einer späteren Zeit herausgesucht,

zusammengestellt, und dabei nicht selten verfälscht werden. Mitunter läßt sich

erraten, welcher Tendenz diese späte Umarbeitung dient. In unserem Falle hört

man geradezu das Ich der Schreiberin sich mittels dieser Erinnerungsreihe

rühmen oder beschwichtigen: Ich war von klein auf ein besonders edles und

mitleidiges Menschenkind. Ich habe frühzeitig erkannt, daß die Tiere ebenso

eine Seele haben wie wir und habe Grausamkeit gegen Tiere nicht vertragen. Die

Sünden des Fleisches sind mir fern geblieben und meine Keuschheit habe ich bis

in späte Jahre bewahrt. Mit solcher Erklärung widerspricht sie laut den

Annahmen, die wir auf Grund unserer analytischen Erfahrung über ihre frühe

Kindheit machen müssen, daß sie voll war von vorzeitigen Sexualregungen und

heftigen Haßregungen gegen die Mutter und die jüngeren Geschwister. (Das

kleine Vögelchen kann, außer der ihm zugewiesenen genitalen Bedeutung, auch

die eines Symbols für ein kleines Kind haben, wie alle kleinen Tiere, und die

Erinnerung betont so sehr aufdringlich die Gleichberechtigung dieses kleinen

Wesens mit ihr selbst.) Die kurze Erinnerungsreihe gibt so ein hübsches Beispiel

für eine psychische Bildung mit zweifachem Aspekt. Oberflächlich betrachtet,

gibt sie einem abstrakten Gedanken Ausdruck, der hier wie meistens sich auf

Ethisches bezieht, sie hat nach V. S i l b e r e r s Bezeichnung a n a g o g i s c h e n

Inhalt; bei tiefer eindringender Untersuchung erweist sie sich als eine Kette von

Tatsachen aus dem Gebiet des verdrängten Trieblebens, sie offenbart ihren

p s y c h o a n a l y t i s c h e n Gehalt. Wie Sie wissen, hat S i l b e r e r, der als

einer der ersten die Warnung an uns ergehen ließ, ja nicht an den edleren Anteil

der menschlichen Seele zu vergessen, die Behauptung aufgestellt, daß alle oder

die meisten Träume eine solche doppelte Deutung, eine reinere, anagogische,

über der gemeinen, psychoanalytischen, zulassen. Dies ist nun leider nicht der

Fall; im Gegenteil, eine solche Überdeutung gelingt recht selten; es ist auch

meines Wissens bisher nicht ein brauchbares Beispiel einer solchen

doppeldeutigen Traumanalyse veröffentlicht worden. Aber an den

Assoziationsreihen, welche unsere Patienten in der analytischen Kur vorbringen, können Sie solche Beobachtungen relativ häufig machen. Die aufeinander

folgenden Einfälle verknüpfen sich einerseits durch eine klar zutage liegende,

durchlaufende Assoziation, anderseits werden Sie auf ein tiefer liegendes,

geheim gehaltenes Thema aufmerksam, welches gleichzeitig an all diesen

Einfällen beteiligt ist. Der Gegensatz zwischen beiden in derselben Einfallsreihe

dominierenden Themen ist nicht immer der von hoch-anagogisch und gemein-

analytisch, eher der von a n s t ö ß i g und a n s t ä n d i g oder indifferent, was Sie

dann das Motiv für die Entstehung einer solchen Assoziationskette mit doppelter

Determinierung leicht verstehen läßt. In unserem Beispiel ist es natürlich kein

Zufall, daß Anagogie und psychoanalytische Deutung in so scharfem Gegensatze

stehen; beide beziehen sich auf das nämliche Material und die spätere Tendenz

ist gerade die der Reaktionsbildungen, die sich gegen die verleugneten

Triebregungen erhoben hatten.

 

Warum wir aber überhaupt nach einer psychoanalytischen Deutung suchen und

uns nicht mit der näher liegenden anagogischen begnügen? Das hängt mit

vielerlei zusammen, mit der Existenz der Neurose überhaupt, mit den

Erklärungen, die sie notwendig fordert, mit der Tatsache, daß die Tugend die

Menschen nicht so froh und lebensstark macht, wie man erwarten sollte, als ob

sie noch zuviel von ihrer Herkunft an sich trüge – auch unsere Träumerin ist für

ihre Tugend nicht recht belohnt worden – und mit manchem anderen, was ich

gerade vor Ihnen nicht zu erörtern brauche.

 

Wir haben aber bisher die Telepathie, die andere Determinante unseres Interesses

an diesem Fall, ganz beiseite gelassen. Es ist Zeit, zu ihr zurückzukehren. Wir

haben es hier in gewissem Sinne leichter als im Falle des Herrn G. Bei einer

Person, der so leicht und schon in früher Jugend die Wirklichkeit entschwindet,

um einer Phantasiewelt Platz zu machen, wird die Versuchung überstark, ihre

telepathischen Erlebnisse und »Gesichte« mit ihrer Neurose zusammenzubringen

und aus dieser abzuleiten, wenngleich wir uns auch hier über die zwingende

Kraft unserer Aufstellungen nicht täuschen dürfen. Wir setzen nur verständliche

Möglichkeiten an die Stelle des Unbekannten und Unverständlichen.

 

Am 22. August 1914, vormittags zehn Uhr, unterliegt die Schreiberin der

telepathischen Wahrnehmung, daß ihr im Feld befindlicher Bruder »Mutter,

Mutter« ausruft. Das Phänomen ist ein rein akustisches, wiederholt sich kurz

nachher, sie sieht aber nichts dabei. Zwei Tage später sieht sie ihre Mutter und

findet sie schwer bedrückt, da sich der Junge bei ihr mit dem wiederholten

Ausruf: Mutter, Mutter angemeldet. Sie erinnert sich sofort an die nämliche

telepathische Botschaft, die ihr zur gleichen Zeit zuteil geworden, und wirklich läßt sich nach Wochen feststellen, daß der junge Krieger an jenem Tag, zur

bezeichneten Stunde, gestorben ist.

 

Es ist nicht zu beweisen, aber auch nicht abzuweisen, daß der Vorgang vielmehr

der folgende war: Die Mutter macht ihr eines Tages die Mitteilung, daß sich der

Sohn telepathisch bei ihr angezeigt. Sofort entsteht bei ihr die Überzeugung, sie

habe um dieselbe Zeit das gleiche Erlebnis gehabt. Solche

Erinnerungstäuschungen treten mit zwanghafter Stärke auf, die sie aus realer

Quelle beziehen; sie setzen aber psychische Realität in materielle um. Das Starke

an der Erinnerungstäuschung ist, daß sie ein guter Ausdruck für die in der

Schwester vorhandene Tendenz zur Identifizierung mit der Mutter werden kann.

»Du sorgst dich um den Jungen, aber ich bin ja eigentlich seine Mutter. Also hat

sein Ausruf mich gemeint, ich habe jene telepathische Botschaft empfangen.«

Die Schwester würde natürlich unseren Erklärungsversuch entschieden ablehnen

und ihren Glauben an das eigene Erlebnis festhalten. Allein sie kann gar nicht

anders; sie muß an die Realität des pathologischen Erfolges glauben, solange ihr

die Realität der unbewußten Voraussetzung unbekannt ist. Die Stärke und

Unangreifbarkeit eines jeden Wahns führt sich ja auf seine Abstammung von

einer unbewußten psychischen Realität zurück. Ich bemerke noch, das Erlebnis

der Mutter haben wir hier nicht zu erklären und dessen Tatsächlichkeit nicht zu

untersuchen.

 

Der verstorbene Bruder ist aber nicht nur das imaginäre Kind unserer

Schreiberin, sondern er steht auch für einen schon bei der Geburt mit Haß

empfangenen Rivalen. Weitaus die zahlreichsten telepathischen Ahnungen

beziehen sich auf Tod und Todesmöglichkeit; den analytischen Patienten, die uns

von der Häufigkeit und Untrüglichkeit ihrer düsteren Vorahnungen berichten,

können wir mit ebensolcher Regelmäßigkeit nachweisen, daß sie besonders

starke unbewußte Todeswünsche gegen ihre Nächsten im Unbewußten hegen

und darum seit langem unterdrücken. Der Patient, dessen Geschichte ich 1909 in

den »Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose« erzählt, war ein

Beispiel hiefür; er hieß bei seinen Angehörigen auch der »Leichenvogel«; aber

als der liebenswürdige und geistreiche Mann – der seither selbst im Kriege

untergegangen ist – auf den Weg der Besserung kam, verhalf er mir selbst dazu,

seine psychologischen Taschenspielereien aufzuhellen. Auch die im Brief

unseres ersten Korrespondenten enthaltene Mitteilung, wie er und seine drei

Brüder die Nachricht vom Tod ihres jüngsten Bruders als etwas innerlich längst

Gewußtes aufgenommen, scheint keiner anderen Aufklärung zu bedürfen. Die

älteren Brüder werden alle die gleiche Überzeugung von der Überflüssigkeit dieses jüngsten Ankömmlings bei sich entwickelt haben.

 

Ein anderes »Gesicht« unserer Träumerin, dessen Verständnis vielleicht durch

analytische Einsicht erleichtert wird! Freundinnen haben offenbar eine große

Bedeutung für ihr Gefühlsleben. Der Tod einer derselben zeigte sich ihr kürzlich

durch nächtliches Klopfen an das Bett einer Zimmerkollegin in der Heilanstalt

an. Eine andere Freundin hatte vor vielen Jahren einen Witwer mit vielen (fünf)

Kindern geheiratet. In deren Wohnung sah sie regelmäßig bei ihren Besuchen die

Erscheinung einer Dame, in der sie die verstorbene erste Frau vermuten mußte,

was sich zunächst nicht bestätigen ließ und ihr erst nach sieben Jahren durch die

Auffindung einer neuen Photographie der Verstorbenen zur Gewißheit wurde.

Diese visionäre Leistung steht in der nämlichen innigen Abhängigkeit von den

uns bekannten Familienkomplexen der Schreiberin wie ihre Ahnung vom Tod

des Bruders. Wenn sie sich mit der Freundin identifizierte, konnte sie in deren

Person ihre Wunscherfüllung finden, denn alle ältesten Töchter kinderreicher

Familien schaffen im Unbewußten die Phantasie, durch den Tod der Mutter die

zweite Frau des Vaters zu werden. Wenn die Mutter krank ist oder stirbt, rückt

die älteste Tochter wie selbstverständlich an ihre Stelle im Verhältnis zu den

Geschwistern und darf auch beim Vater einen Teil der Funktionen der Frau

übernehmen. Der unbewußte Wunsch ergänzt hiezu den anderen Teil.

 

Das ist nun bald alles, was ich Ihnen erzählen wollte. Ich könnte noch die

Bemerkung hinzufügen, daß die Fälle von telepathischer Botschaft oder

Leistung, die wir hier besprochen haben, deutlich an Erregungen geknüpft sind,

welche dem Bereich des Ödipuskomplexes angehören. Das mag frappant

klingen, ich möchte es aber nicht für eine große Entdeckung ausgeben. Wir

wollen lieber zu dem Ergebnis zurückkehren, welches wir aus der Untersuchung

des Traumes in unserem ersten Fall gewonnen haben. Die Telepathie hat mit

dem Wesen des Traumes nichts zu tun, sie kann auch unser analytisches

Verständnis des Traumes nicht vertiefen. Im Gegenteil kann die Psychoanalyse

das Studium der Telepathie fördern, indem sie mit Hilfe ihrer Deutungen manche

Unbegreiflichkeiten der telepathischen Phänomene unserem Verständnis näher

bringt, oder von anderen, noch zweifelhaften Phänomenen erst nachweist, daß

sie telepathischer Natur sind.

 

Was von dem Anschein einer innigen Beziehung zwischen Telepathie und Traum

übrig bleibt, ist die unbestrittene Begünstigung der Telepathie durch den

Schlafzustand. Dieser ist zwar keine unumgängliche Bedingung für das

Zustandekommen telepathischer Vorgänge, – beruhen sie nun auf Botschaften

oder auf unbewußter Leistung. Wenn Sie dies noch nicht wissen sollten, so muß das Beispiel unseres zweiten Falles, in dem der Junge sich zwischen neun und