Unter Palmen und Buchen: Dritter Band
Der Gevatterbrief. Geschichte zur Warnung für Jedermann.
Der Gevatterbrief.
Geschichte zur Warnung für Jedermann.
Der geheime Regierungsrath von Fischer in – saß Morgens in seinem Studirzimmer, als der Diener ihm ein kleines zierlich gefaltetes Briefchen hereinbrachte, das keinen Poststempel trug.
»Von wem?« frug der Regierungsrath, zu gleicher Zeit die Papierscheere aufnehmend.
»Ein Bäckergesell hat ihn gebracht und bittet um Antwort.«
»Ein Bäckergesell?« murmelte der würdige Mann vor sich hin, »was habe ich denn eigentlich mit einem Bäckergesellen zu thun?« Nichtsdestoweniger öffnete er das kleine Schreiben das seine richtige Adresse trug, und überflog den Inhalt.
»Hm, hm, hm, hm,« schüttelte er aber dabei den Kopf – es mußte etwas ganz Absonderliches in dem Briefe stehen – »hm, hm, hm, hm, das ist doch merkwürdig – sehr merkwürdig – der Bursche soll warten,« sagte er dann zu dem Diener, der sich mit einer Verbeugung verabschiedete und der geheime Regierungsrath, der sich doch nicht allein zu rathen wußte, stand auf und ging in das Zimmer seiner Frau hinüber, um dieser den etwas absonderlichen Inhalt des Briefes mitzutheilen. Der Inhalt war aber eigentlich gar nicht so absonderlich, sondern lautete nur einfach:
»Der Himmel hat meine liebe Frau, Sophie, vor acht Tagen mit einem gesunden, kräftigen Knäblein beschenkt und meine Bitte geht an Sie, verehrter Herr Regierungsrath, dasselbe am nächsten Sonntag aus der Taufe zu heben. Sie würden dadurch unendlich verbinden
Ihren
Ihnen gehorsamst ergebenen
Jacob Hellmann, Bäckermeister.
Die Taufe ist 11 Uhr Morgens, hohe Gasse Nr. 17, 1 Treppe.«
»Sieh 'mal, Louise,« sagte der Regierungsrath, als er das Zimmer seiner Frau betrat und ihr den Brief entgegen hielt. »Dieses Schreiben habe ich eben bekommen und der Bäckerbursche wartet auf Antwort.«
»Ich habe Nichts bestellt,« sagte die Frau Regierungsräthin.
»Nein, die Sache betrifft auch kein Backwerk,« erwiederte ihr Mann, »lies nur einmal den Brief.«
»Um Gottes Willen, wie kommst D u dazu?« rief aber seine Frau indignirt, als sie die Zeilen erstaunt durchgelesen hatte – »laß' Du das die Leute einmal merken, daß Du Gevatter stehst und Du kannst die Kinder sämmtlicher Innungen aus der Taufe heben.«
»Hm, ja, das ist schon wahr – aber was soll ich thun?« sagte ihr Mann verlegen.
»Was Du thun sollst? – danken; das ist eine einfache Bettelei.«
»Doch wohl nicht,« schüttelte der Regierungsrath bedenklich mit dem Kopfe, »der Bäcker Hellmann ist einer der reichsten und angesehensten Bürger in der Stadt; der Mann hat viel Geld und noch mehr Freunde, ich begreife deshalb auch gar nicht, wie er in dieser unglückseligen Geschichte gerade auf m i c h fallen konnte; hm, hm, das ist mir doch ungemein fatal.«
»Aber ich sehe nicht ein, weshalb Du so große Umstände machen willst,« sagte seine Frau, »was kann Dir der Bäcker Hellmann nützen?«
»Ja liebes Kind, das ist eine eigene Sache,« meinte der Regierungsrath, »ich – ich möchte ihn doch auch nicht gerade vor den Kopf stoßen. – Dieß leidige Gevatterstehen ist doch eine furchtbare Einrichtung und trotzdem giebt es solche glückselige Menschen, die sich etwas derartiges noch zur Ehre rechnen und dadurch befangen genug werden zu glauben, sie ehrten den Eingeladenen ebenfalls.«
»So werde krank an dem Tage.«
»Das geht auch nicht,« sagte der Regierungsrath kopfschüttelnd, »sieh nur den Datum an, es ist derselbe Abend an dem der Tannhäuser zum ersten Mal gegeben wird und wir müssen die Vorstellung, zu der ich für uns die Plätze schon bestellt habe, dann ebenfalls versäumen.«
»Nein, das geht auf keinen Fall,« sagte die Frau Regierungsräthin.
»Dann wird mir wahrhaftig nichts weiter übrig bleiben, als die Einladung anzunehmen,« seufzte ihr Mann, »aber fünf Thaler gäb' ich darum, wenn ich wüßte, wer den Menschen auf den unglückseligen Gedanken gebracht hat, gerade m i c h zu wählen – und das kostet dabei wieder ein Heidengeld.«
»Thu' was Du willst,« sagte die Frau Regierungsräthin, »aber soviel weiß ich, wenn i c h eingeladen wäre, ich ginge n i c h t .«
Ihr Mann schüttelte mit dem Kopf, ging noch ein paar Mal mit auf den Rücken gelegten Händen im Zimmer auf und ab und dann wieder zurück in seine eigene Studirstube, wo er einen Briefbogen aus dem Gefach nahm und schrieb:
Verehrter Herr!
Es wird mir zur großen Freude gereichen, Ihrer Einladung zu dem glücklichen Feste – zu dem ich Ihrer werthen Frau Gemahlin meine besten Glückwünsche darzubringen mir erlaube – Folge zu leisten. Ich werde mich pünktlich einfinden und zeichne mich indessen hochachtungsvoll als
Ihren
ergebensten Diener
Johann v. Fischer, geh. Regierungsrath.
Der Tag kam; Herr von Fischer hatte die nöthigen Erkundigungen eingezogen und seiner Mitgevatterin ein Körbchen mit sehr schönen Blumen und Handschuhen gesandt. Die Feier selber fand im Hause des Bäckermeisters statt und nach der Ceremonie, zu der noch eine Anzahl Gäste geladen war, führte Herr Hellmann, der seinen Gevatter auf's Herzlichste empfangen hatte, sämmtliche Eingeladene in das Speisezimmer hinüber. Die Tafel war gedeckt und brach fast unter der Last der Speisen und Getränke; der geheime Regierungsrath hatte den Ehrenplatz am Tische und da der Wein ausgezeichnet und von Fischer ein Kenner war, fing er sich nach der ersten halben Stunde schon an wohler, und nicht lange nachher auch behaglich zu fühlen. Die etwas gemischte Gesellschaft bestand dabei aus höchst liebenswürdigen, jovialen Menschen und es wurde erzählt und gelacht und ein Toast nach dem anderen ausgebracht; ja der Regierungsrath, der den ersten auf das Wohl der Wöchnerin getrunken, thaute ordentlich auf; er lachte und erzählte mit und amüsirte sich vortrefflich.
Gegen das Ende der Mahlzeit stand auch Herr Hellmann auf, hob sein Glas und ließ den Herrn Regierungsrath und seine werthe Familie leben, und wie derselbe jubelnd getrunken war, ging er zu seinem Gast um den Tisch herum, um mit ihm anzustoßen, rückte sich dann einen Stuhl zu ihm und es entspann sich bald ein kleines Gespräch über Mahlzeit und Wein, worin der Regierungsrath sein Entzücken über beides ausdrückte, und überhaupt versicherte, sich nicht der Zeit erinnern zu können, wo er sich so gut unterhalten habe.
»Nun das freut mich wirklich herzlich, daß es Ihnen bei mir gefällt,« sagte der Bäckermeister.
»Nein wahrhaftig, mein guter Herr Hellmann, es ist Alles vorzüglich, außerordentlich – aber – aber eine Frage erlauben Sie mir wohl?«
»Bitte, mit dem größten Vergnügen, Herr Regierungsrath, wenn ich sie irgend beantworten kann.«
»Es ist mir eine Ehre gewesen, Ihren kleinen Burschen von Sohn aus der Taufe gehoben zu haben, wir essen und trinken hier ausgezeichnet, wir amüsiren uns, wie man sich nur amüsiren kann, aber –«
»Aber?«
»Aber sagen Sie mir doch, mein guter Herr Hellmann,« fuhr der Regierungsrath fort, den neben ihm Sitzenden dabei freundlich auf das Knie klopfend, »wie sind Sie gerade auf m i c h zum Taufpathen gefallen? – ich habe mir schon den ganzen Tag den Kopf darüber zerbrochen und kann es doch unmöglich meinen geringen Verdiensten, dem Staat gegenüber, zuschreiben.«
»Hm, Herr Regierungsrath,« lächelte Hellmann still vor sich hin, »das hat eine eigene Bewandtniß und ich sehe keinen Grund ein, sie Ihnen zu verheimlichen.«
»Wäre mir lieb,« sagte der Regierungsrath.
»Ich weiß nicht einmal, ob Sie sich meiner von früher noch erinnern –«
»Glaube kaum früher das Vergnügen Ihrer persönlichen Bekanntschaft gehabt zu haben.«
»Doch, doch,« sagte Hellmann, »besinnen Sie sich auf den letzten Winter, wo wir einmal zwei Tage hintereinander so entsetzliches Glatteis in der Stadt hatten.«
»Ja allerdings – es kamen auch mehrere Unglücksfälle damals vor.«
»Ganz recht – an einem von diesen Tagen ging ich Vormittags an Ihrem Hause vorüber, dessen Parterre Sie bewohnen; Sie standen am Fenster und sahen auf die Straße hinaus und demselben gerade gegenüber rutschte ich aus – die Füße glitten mir unter dem Leib fort und ich fiel der Länge nach hin.«
»Das waren Sie?« rief der Regierungsrath, noch in der Erinnerung an den Augenblick lächelnd.
»Das war ich, mein bester Herr und wie ich mich nach Ihnen umdrehte – und ich hatte mir weh gethan – wollten Sie sich ausschütten vor Lachen.«
»Hahahaha,« lachte der Regierungsrath, »das sah auch wirklich zu komisch aus, die Beine kamen Ihnen mit einem ordentlichen Ruck in die Höhe.«
»Ja allerdings,« sagte Herr Hellmann, ohne jedoch in das Lachen mit einzustimmen, »an dem Morgen aber schwor ich es mir: dem Regierungsrath spielst Du für das Lachen einmal einen Possen, wo sich die erste Gelegenheit dazu bietet – und die habe ich mir auch nicht entgehen lassen.«
Der Regierungsrath nahm die Sache natürlich als Scherz auf, und lachte daß ihm die Thränen in die Augen kamen; amüsirte sich auf wohl noch eine Stunde vortrefflich, wo er dann nach Hause mußte um das Theater nicht zu versäumen. Er tritt aber von der Zeit an bei Glatteis nie mehr an's Fenster, denkt gar nicht daran zu lachen, wenn er Jemanden hinfallen sieht, und seine Frau weiß heut noch nicht, weshalb er damals zu Gevatter gebeten wurde.