Unter Palmen und Buchen: Dritter Band
Zweites Capitel. Die Kathrine.
»Wir verstehen darunter das Taufzeugniß. Aber ich werde Ihnen lieber das kleine Verzeichniß der nöthigen Papiere aufschreiben; Sie könnten sonst leicht etwas vergessen und das Aufgebot dadurch verzögern. Die nöthigen Papiere der Braut werde ich mir von deren Vater selber geben lassen.«
Damit ging er an seinen Schreibtisch, notirte die genannten Zeugnisse und Scheine auf ein Blatt, und Hans steckte es indessen in die Tasche; heute verstand es sich doch von selbst, daß er in Wetzlau bei seiner Braut blieb. Nicht zehn Pferde hätten ihn von da weggebracht.
Zweites Capitel.
Die Kathrine.
Am nächsten Morgen bekam Hans seinen Vater erst zu sehen, als er zum Frühstück aus dem Felde zurückkehrte. Es gab jetzt außerordentlich viel zu thun draußen, und bei der Arbeit durfte Hans nicht fehlen.
»Also Alles in Ordnung, Hans?« schmunzelte der Alte, der aus dem vergnügten Gesicht des Sohnes schon genau wußte, wie die Sache abgelaufen. »War auch kein Wunder, denn des Heinrich Barthold Sohn kam nicht so leicht in Gefahr, sich bei seines Gleichen einen Korb zu holen und – hätte auch vielleicht noch eine Stufe höher steigen dürfen, oder zwei, wie die Mutter meinte.«
»Alles in Ordnung, Vater, – guten Morgen miteinander,« sagte der Sohn, der seinen Hut an einen Nagel hing und dann ohne Weiteres Platz am Frühstückstisch nahm; »Montag in vierzehn Tagen kann die Hochzeit sein.«
»Hallo!« lachte der Alte, und die Mutter schlug die Hände vor Erstaunen zusammen, »nur stat! das geht ja verwünscht schnell. Und glaubt denn der Mosje, daß, wenn Er auch fix und fertig ist in den Ehestand hinein zu springen, die Anderen auch nur eben so auf dem Sprunge sitzen? Da gehört mehr dazu, als Du wohl denkst.«
»Unter acht Wochen ist gar keine Möglichkeit,« sagte die Mutter, »und dann weiß ich nicht wie ich fertig werden will.«
»Die Frau Mutter?« rief Hans lachend, »ja was hat denn die Frau Mutter dabei zu thun, daß sie nicht fertig werden kann?«
»Und glaubst Du denn,« rief aber die Mutter in Eifer, »daß ich Dich wie eines Häuslers Sohn will heirathen lassen, der Nichts mitbringt in die neue Wirthschaft, als was er auf dem Rücken und vielleicht noch unter dem Arm trägt? Nein Hans, daraus wird nichts; ehe ich nicht mit Deiner Ausstattung fertig bin, bekommst Du meine Einwilligung nicht, und wenn das noch drei Monate dauern sollte, und daß Lieschens Mutter bis dahin mit der ihrigen fertig wird, glaub' ich noch lange nicht.«
»Aber beste Herzensmutter!«
»Laß nur sein,« lachte aber der Vater, »werden schon noch etwas davon herunterhandeln können, Alte. Aber so holter-dipolter geht die Sache auch nicht, wie der Hans glaubt. Bei derlei Dingen hat man immer eine Menge von Umständen, an die man vorher gar nicht denkt, und sechs, acht Wochen sind da eine kurze Zeit. Muß auch vorher noch mit dem Traubenwirth reden, was ich Dir mitgebe und was das Mädel mitbekommt, wenn ich auch grad' nicht glaube, daß uns das besonders lang aufhalten wird. Jedenfalls werden wir früher damit fertig, als die Mutter mit ihrer Wäsche und was sonst noch drum und dran hängt. Was hast Du denn da für einen Zettel? etwas für mich?«
»Ach,« sagte der Hans, indem er den Zettel dem Vater hinüberschob, »der Herr Pfarrer drüben in Wetzlau hat ihn mir gegeben. Es stehen die Papiere d'rauf, die er haben muß, um das Aufgebot zu erlassen. Er meinte, es wäre nur der Form wegen.«
»Also beim Pfarrer ist er auch schon gewesen,« nickte der Alte seiner Frau schmunzelnd zu, indem er seine Brille aus der Tasche nahm, um den Zettel durchzulesen. »Er hat wenigstens das Gras nicht unter den Füßen wachsen lassen. Na, da wollen wir denn einmal sehen, was der Herr Pfarrer Alles verlangt. Hm, das ist ja ein ordentliches Recept, was er da geschrieben hat.«
»Aber so erzähle doch nun auch einmal, wie's gestern drüben war,« sagte die Mutter, indem sie dem Sohn den Butterteller hinschob und den duftenden Handkäse etwas näher rückte. »Sitzt der Mensch da und spricht kein Wort. Ich möchte doch auch wissen, was die Mutter sagte und das Mädel und – was sie für ein Gesicht dazu gemacht haben, alle Beide.«
»Ja, Mutter,« lachte der Hans verlegen, »was soll ich denn da erzählen? Ein vergnügtes Gesicht haben sie gemacht, und eine Flasche vom besten Rheinwein haben wir nachher getrunken. Das Lieschen weinte wohl ein Bischen, aber – das dauerte nicht lange, und die – die Frau Erlau war auch ein wenig gerührt, und fuhr sich ein paar Mal mit der Schürze nach den Augen, doch – das dauerte auch nicht lange, und dann – dann haben sie uns eine Menge guter Lehren gegeben; wenn ich aber ehrlich sein will, so weiß ich wirklich nicht mehr recht über was, denn das Lieschen guckte mich dabei mit den großen dunklen Augen an, und da – da hab' ich an ganz andere Dinge dabei gedacht, als an das, was die zukünftige Frau Schwiegermutter sagte.«
Während der Sohn sprach, saß die Mutter dabei und nickte und schmunzelte vergnügt vor sich hin.
»Also gute Lehren haben sie Euch gegeben – ja lieber Gott, junges Volk, junges Volk; leichtsinnig und obenhinaus, was kümmert sich das um gute Lehren in der Brautzeit! Das weiß Alles besser, und – muß nachher doch Alles aus eigener Erfahrung und oft mit vieler Trübsal kennen lernen. Hören will keins.«
»Papperlapapp, Alte,« brummte der Vater, indem er sein Käppchen rückte und sich in den grauen Haaren kratzte, ohne aber die Augen von dem Papier zu nehmen – »wir haben's eben auch nicht besser gemacht in unserer Jugend; so laß das junge Volk sich nun ebenfalls die Hörner ablaufen. Wer nicht hören will, muß fühlen.«
»Ich dachte, Vater,« sagte der Sohn, als der Alte noch immer in dem Zettel studirte, »wenn ich nun selber vielleicht heut Nachmittag in die Stadt ritte, um das von den Papieren zu besorgen, was vielleicht noch fehlt. Die drei Knechte werden auch ohne mich heute mit Pflügen drüben auf der Rainerspitze fertig, wenn ich ihnen noch bis Mittag helfe, und nachher ist's doch immer besser, das ist abgemacht. Meint Ihr nicht?«
»Hm, hm, hm,« überlegte der Alte aber noch immer, indem er das kleine Papier wieder und wieder überlas – »ich fürchte beinah, daß Du in der Stadt verwünscht wenig ausrichten wirst, und ich muß am Ende noch selber hinein. Wäre mir gar nicht so besonders lieb, denn in der linken Schulter zwickt's mich wieder ganz heidenmäßig, und bei dem linken Beine hat's mich auch. Aber was kann's helfen, man muß doch jedenfalls sehen, was zu machen ist, denn die Papiere müssen geschafft werden.«
»Was muß er denn nur für Papiere haben?« frug die Mutter. »Sie kennen uns doch hier und wissen, daß wir ordentliche und rechtschaffene Leute sind, und unser Auskommen haben wir doch auch.«
»Ja, ja, Mutterchen,« lachte der Vater, »das hilft Nichts bei den Gerichten, die wollen Alles Schwarz auf Weiß haben, und womöglich auch auf einem Stempelbogen, mit einem großen Siegel drunter, und daß Einer ein ehrlicher und rechtschaffener Mensch ist, glauben sie ihm erst recht nicht, wenn er nicht im Stande ist, es ihnen schriftlich zu beweisen. Komm Du denen!«
»Wir brauchen ja aber doch Niemanden, da sollen sie uns wenigstens in Frieden lassen.«
»Aber sie brauchen uns,« lachte der Vater wieder, »und damit sie sicher sind, daß die neuen Staatsbürger auch ihre Steuern und Abgaben richtig bezahlen können und nicht etwa gar einmal dem Staate zur Last fallen, müssen sie sich legitimiren oder ausweisen.«
»Staatsbürger,« brummte die Frau kopfschüttelnd – »wir sind keine Staatsbürger, wir sind Bauern, und es wird doch wahrhaftigen Gott kein Mensch glauben, daß unser Hans einmal Jemandem zur Last fallen könnte? Was wollen sie denn nur?«
»Nun, erstlich einmal seinen Geburts- oder Taufschein.«
»Nun, den hast Du ja – der liegt in der gelben Lade, bei den andern Papieren.«
»Dann seinen Impfschein.«
»Impfschein? Den haben wir nie bekommen.«
»Das macht weiter nichts,« sagte der Vater, »die Narben sind noch deutlich zu sehen, und den kann man sich hier vom ersten besten Arzt ausstellen lassen. Nachher einen Heimathschein.«
»Was ist das?«
»Nun, eine Bescheinigung der Behörde, wo er geboren ist, daß er dort seine Heimath hat,« sagte der Alte.
»Aber wenn wir deshalb einen Brief nach Schlesien schicken sollen,« rief der Sohn, »so kann das vierzehn Tage dauern, bis der Schein hierher kommt. So lange mag ich doch nicht warten.«
»Nun, vierzehn Tage wohl nicht,« sagte der Vater, »aber ich will selber heute nach Schlesien schreiben. Unser Gerichtsverwalter in Kreuzberg wird mir schon die Freundschaft thun und das besorgen; ein Brief geht leicht in zwei Tagen hin, und wenn nichts dazwischen kommt, kann der Wisch in acht Tagen hier sein.«
»Aber noch volle acht Tage, Vater –«
»Mach' mir den Kopf nicht warm,« rief aber der Alte, seine Mütze rückend, »hast Du so lange warten können, wird's auf die acht Tage auch nicht ankommen – also dabei bleibt's.«
»Dabei bleibt's,« wenn der Alte das einmal sagte, so wußte der Hans recht gut, daß dann weiter kein Einwenden half. Die Sache war abgemacht, und ein Widerspruch hätte den wohl herzensguten, aber auch starrköpfigen Mann nur böse machen können, erreicht wäre aber nichts weiter worden.
Der Hans setzte sich wieder zu seinem Frühstück, denn seine Zeit war bald verflossen und er durfte nicht der Letzte draußen bei der Arbeit sein, schon der Knechte wegen. Er war aber auch gleich fertig, denn die Sache ging ihm im Kopf herum, daß er noch eine ganze Woche warten solle, bis das erste Aufgebot erfolgen könne, und nahm ihm den Appetit. Gerade war er aufgestanden und wollte eben wieder hinausgehen, als die Thür sich aufthat und seine Pflegeschwester Kathrine hereintrat. Sie hatte drüben in der Milchkammer die frisch gemolkene Milch eingegossen und nach Butter und Käse gesehen.
»Guten Morgen, Kathrin',« sagte Hans und streckte ihr die Hand entgegen, »haben uns ja seit gestern Morgen nicht einmal gesehen.«
»Guten Morgen, Hans,« sagte das junge Mädchen freundlich, auch ihm die Hand reichend, »ja, wenn man freilich so wichtige Geschäfte hat. Nun, ist Alles gut abgelaufen?«
»Alles, Kathrin', schön Dank für die Nachfrage,« sagte der Hans. »Die Eltern haben eingewilligt, und das Lieschen ist meine Braut. Hoffentlich haben wir in vier Wochen Hochzeit. Da müssen wir auch zusammen tanzen.«
Die Kathrine stand vor dem Pflegebruder, dessen Hand sie noch gefaßt hielt, und sah ihn mit ihren großen blauen Augen recht voll und treuherzig an. Wie er aber endete, drückte sie ihm die Hand herzlich und sprach mit leiser, aber bewegter Stimme: »Da wünsch' ich Dir recht von Herzen Glück dazu, und möge Gottes Segen auf Euch ruhen immerdar – auf Dir und auf Deiner jungen Frau.« Damit zog sie die Hand aus der seinen, wandte sich ab und verließ das Zimmer wieder. Hans sah ihr nach.
»Was hat nur die Kathrin'?« sagte er, »sie war ordentlich gerührt.«
»Sie hat ein weich' Gemüth,« sagte die Mutter, mit dem Kopf nickend, »und hängt an uns Allen mit großer Liebe. Da ist's denn wohl natürlich, daß ihr bei einem so wichtigen Ereigniß etwas weich um's Herz wird. Ja, Ihr Mannsleute nehmt das Alles nur so leicht hin und denkt nicht weiter darüber nach. Laß mir die Kathrin' zufrieden, das ist ein wacker Ding, und ich hab' sie gerade so lieb, als wenn sie meine eigene Tochter wäre.«