Unter Palmen und Buchen: Dritter Band

Friedrich Gerstäcker · Kapitel 14 von 26

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Unter Palmen und Buchen: Dritter Band

Der Heimathschein.

 

Erstes Capitel.

Was der Traubenwirth dazu sagte.

»Meinen Segen habt Ihr, Kinder,« sagte der Traubenwirth in dem thüringischen Dorfe Wetzlau, indem er dem jungen Barthold derb die Hand schüttelte, während Lieschen, seine Tochter, ihren Kopf an der Mutter Schulter legte. »Du bist ein braver Bursch, Dein Vater hat ein hübsches Gut, und ich denke, Ihr werdet schon mit einander auskommen. Arbeiten habt Ihr ja alle Beide gelernt, und das ist und bleibt doch immer die Hauptsache; so macht denn Hochzeit, wann Ihr eben wollt, Hans. Das Uebrige werd' ich schon mit Deinem Vater in Richtigkeit bringen.«

Vorher wird es aber auch nöthig sein, daß wir uns die Leute einmal betrachten, mit denen wir hier bekannt werden, und das ist bald geschehen, denn wir haben es keineswegs mit etwa besonderen oder außergewöhnlichen Menschen zu thun.

Christoph Erlau, oder der Traubenwirth, wie er gewöhnlich genannt wurde, da sein Gasthof »zur goldenen Traube« hieß, war eigentlich ein Metzger, der sich in Wetzlau niedergelassen und durch Fleiß und Aufmerksamkeit gegen seine Gäste ein ganz hübsches Besitzthum erworben hatte. Lieschen, seine einzige Tochter, galt wenigstens im Dorf für eine vortreffliche Partie. Er hielt auch viel auf das Kind und ließ sie, sowie sie aus der Schule war, erst ein paar Jahr in der Stadt, bei einem Schwager, daß sie nicht zwischen den Bauermädchen aufwachsen, sondern auch ein Bischen »Manieren lernen sollte«, wie er's nannte. Mit siebzehn Jahren nahm er sie aber wieder zu sich heraus, denn einestheils hatte sich seine Wirthschaft so vergrößert, daß er ihre Hülfe wirklich nothwendig brauchte, und dann fehlte es ihm auch an allen Ecken und Enden, wenn er das Mädel nicht bei sich hatte.

Lieschen, obgleich sie ihre Eltern von Herzen liebte, war anfangs nicht gern auf das Dorf gezogen, denn es gefiel ihr besser in der Stadt; aber das elterliche Haus übte doch seine Anziehungskraft, und sie fand zuletzt auch Gefallen an der Wirthschaft selber, wo viele fremde Leute einkehrten und ein reges Leben herrschte. Sie nahm sich der Arbeit dabei mit gutem Willen an, und Vater wie Mutter hatten ihre Freude an dem Kind.

Lieschen war eben zwanzig Jahre geworden, als Barthold's Vater in die Nachbarschaft – d.~h. auf das nächste Dorf, nach Dreiberg, zog und sich dort niederließ.

Der alte Barthold hatte sich aber schon – wie man so sagt – »etwas in der Welt versucht« und gehörte nicht zu denen, die mit dem Sprüchwort »bleibe im Lande und nähre Dich redlich« an der Scholle kleben, auf der sie geboren sind – obgleich das wohl auch manchmal sein Gutes haben mag. Er war als junger Bauer nach Schlesien gezogen, wo er sich verheirathete, später aber, durch ein paar schlechte Jahre verdrießlich gemacht und durch glänzende Anpreisungen verlockt, verkaufte er sein dortiges Gut und wanderte nach Ungarn aus, wo er mit deutschem Fleiß und altgewohnter Sparsamkeit auch hier wieder »was Ordentliches vor sich brachte«. In Ungarn blieb er auch viele Jahre, und sein Gut galt bald für eine Musterwirthschaft in der ganzen Nachbarschaft. Allein auf die Länge der Zeit konnte es ihm trotzdem nicht gefallen.

Daß die Eingeborenen des Landes, die Ungarn selber, die eingewanderten Deutschen nicht leiden mochten, darüber hätte er sich vielleicht hinweggesetzt, denn der gutmüthige Deutsche dachte sich in ihre Lage und meinte: »Uns daheim wär's am Ende auch nicht recht, wenn Fremde von der Regierung begünstigt und uns auf die Nase gesetzt würden.« Aber die Ungarn verachten auch die Deutschen und ließen sie das merken, wo sich nur immer eine Gelegenheit dazu bot. Das ärgerte ihn. Im Anfang nahm er sich freilich aus Leibeskräften zusammen und sagte zu sich: »Warte, Du willst den ungarischen Hochnasen einmal zeigen, was ein Deutscher leisten kann,« und er hielt sich redlich Wort, doch es half Nichts. Wo ein Volk ein anderes aus Ueberzeugung verachtet, da kann ein solch Gefühl gehoben werden, wenn man eben im Stande ist ihm zu beweisen, daß es Unrecht hat; wo das aber aus Vorurtheil und Nationalhaß geschieht, da ist eine Aenderung nicht zu erhoffen und wird auch nie stattfinden.

Der alte Barthold sah das endlich ein, und wenn er auch Bescheidenheit genug besaß, nicht stolz darauf zu sein daß er ein Deutscher war, sagte ihm doch sein eigenes Selbstgefühl, daß er sich wenigstens von einem Ungarn noch lange nicht brauche verachten zu lassen. Möglich, daß auch noch ein wenig Heimweh nach dem eigenen Vaterland dazu kam, kurz, er faßte in einer Lebenszeit, wo man doch eigentlich nicht mehr so leicht daran denkt seinen Wohnsitz zu verändern, nochmals den Entschluß, fortzuziehen. Er bot sein trefflich eingerichtetes Gut aus, und es hielt wahrlich nicht schwer, einen Käufer dafür zu finden, machte Alles zu baarem Gelde, was er sonst noch an Eigenthum besaß, und zog diesmal nach dem Lande, aus dem seine Eltern stammten, nach Thüringen, um hier seine Tage zu beschließen.

Er hatte einen einzigen Sohn, den er Hans genannt, und dazu in Schlesien noch ein damals kleines Mädchen, eine Waise, an Kindesstatt angenommen, die aber auch wirklich wie ein Kind im Hause gehalten wurde und so an ihrer Pflegemutter hing, als ob sie diese selber unter dem Herzen getragen. Hans war jetzt fünfundzwanzig Jahr, Katharina, wie die Waise hieß, wurde im nächsten Winter achtzehn, und Beide wuchsen wie Bruder und Schwester auf.

Der alte Barthold fühlte sich übrigens in den letzten Jahren nicht mehr so recht fest auf den Füßen wie in früherer Zeit; es geht das ja so im Leben. Er hatte das »Reißen« in den Gliedern, was die Stadtleute mit einem etwas gelehrteren Namen »Rheumatismus« nennen, wenn die Sache auch dieselbe bleibt, denn »reißen« thun beide, und da er oft tagelang das Zimmer hüten mußte, so fing er an sich nach Ruhe zu sehnen. Sein Hans war ohnedies in den Jahren, wo er schon an's Heirathen denken durfte, denn »jung gefreit hat Niemand gereut« meinte der Alte. Der Hans ließ sich denn das auch nicht zweimal sagen und »ging auf die Freite«.

Die Bauerstöchter in seinem Dorfe behagten ihm aber nicht; er war draußen gewesen und hatte sich schon in der Welt umgesehen, und wenn auch selber ein tüchtiger Bauer, glaubte er doch, er müsse von seiner Frau ein wenig mehr verlangen, als daß sie nur im Feld den Mägden vorneweg arbeiten und daheim die Wirthschaft ordentlich führen konnte. Da stach ihm denn des Traubenwirths Lieschen in die Augen.

Das war ein Mädel zum Anbeißen, flink und gewandt dazu, keine der gewöhnlichen plumpen Bauerdirnen. Mit der konnte er sich auf jedem Tanzboden, ja selbst in der Stadt, wohin er oftmals kam, sehen lassen. Ihr Vater hatte außerdem ein hübsches Besitzthum mit Land, Vieh und Pferden dazu, wie ein richtiger Bauer, und da seine Eltern der Sache ebenfalls nicht im Wege standen und Lieschen an dem schmucken Bauerssohn bald Gefallen fand, so ging Alles eigentlich von selber. Wir kamen ja auch gerade dazu, wie der Traubenwirth, den die Werbung recht innig freute, aus vollem Herzen sein Jawort gab, und Hans, da man alte Gebräuche ehren soll, nahm dann Lieschen beim Kopf und küßte sein hübsches Bräutchen so herzhaft ab, daß sie gleich nachher wieder auf ihr Zimmer gehen mußte, um sich die Haare frisch zu ordnen. Sie schien aber trotzdem nicht böse darüber.

Die Sache war also in Ordnung, und da beide Elternpaare Nichts dagegen hatten, wenn die Hochzeit b a l d gefeiert würde, so lief Hans, überhaupt ein wenig ungeduldiger Natur, schon an demselben Nachmittag noch zum Herrn Pfarrer hinüber, um das erste Aufgebot gleich auf den nächsten Sonntag zu bestellen. Dreimal mußten sie ja doch, wie es Sitte war, von der Kanzel herab aufgeboten werden. Der Herr Pfarrer, der seinen Vater recht gut kannte, empfing ihn auch auf das Freundlichste, wünschte ihm zu seiner Wahl von Herzen Glück und versprach das Aufgebot am nächsten Sonntag, heute war Mittwoch, recht gern zu erlassen. Der Bräutigam möchte nur so gut sein und ihm bis dahin die nöthigen Papiere verschaffen.

»Papiere?« sagte Hans erstaunt, »was für Papiere?«

»Nun, Geburtsschein, Impfschein, Heimathschein, die Erlaubniß der Eltern kann mündlich erfolgen, dann ein Schein von da, wo Sie sich früher aufgehalten, daß Sie sich dort nicht schon verehelicht haben. Es ist dies natürlich nur Formsache.«

»Ja aber um Gotteswillen, Herr Pfarrer,« rief Hans lachend aus, »ich war in Schlesien und Ungarn, in Schlesien freilich nur als ganz junger Bursch, und bis ich von unserm Comitat in Ungarn einen solchen Schein hierher bekäme, darüber könnten ja Monate vergehen, und so lange soll ich doch wahrhaftig nicht mehr mit meiner Heirath warten?«

»Nun, nun,« meinte der Pfarrer freundlich, »das läßt sich auch vielleicht vereinfachen, denn Ihr Vater ist ja als Ehrenmann hier bekannt. Ungarn liegt freilich ein wenig weit von hier entfernt« – der Herr Pfarrer hielt es noch für viel weiter, als es wirklich war, – »besorgen Sie mir nur bis spätestens Sonnabend Nachmittag das Uebrige, und ich werde dann schon Alles in Ordnung bringen.«

»Also Geburtsschein. Glauben Sie mir denn nicht einmal auf mein Wort, daß ich geboren bin?«