Vor Sonnenaufgang: Soziales Drama
Zweiter Akt.
Morgens gegen vier Uhr.
Im Wirthshaus sind die Fenster erleuchtet, ein grau-fahler Morgenschein durch den Thorweg, der sich
ganz allmählich im Laufe des Vorgangs zu einer dunklen Röthe entwickelt, die sich dann, eben so allmählich, in helles Tageslicht auflöst. Unter dem Thorweg, auf der Erde sitzt Beibst (etwa 60jährig) und dengelt seine Sense. Wie der Vorhang aufgeht, sieht man kaum mehr als seine Silhouette, die gegen den grauen Morgenhimmel absticht, vernimmt aber das eintönige, ununterbrochene, regelmäßige Aufschlagen des Dengelhammers auf den Dengelambos. Dieses Geräusch bleibt während einiger Minuten allein hörbar, hierauf die feierliche Morgenstille, unterbrochen durch das Geschrei aus dem Wirthshaus abziehender Gäste. Die Wirthshausthür fliegt krachend ins Schloß. Die Lichter in den Fenstern verlöschen. Hundebellen fern, Hähne krähen laut durcheinander. Auf dem Gange vom Wirthshaus her wird eine dunkle Gestalt bemerklich, dieselbe bewegt sich in Zickzacklinien dem Hofe zu; es ist der Bauer Krause, welcher wie immer als letzter Gast das Wirthshaus verlassen hat.
Bauer Krause ist gegen den Gartenzaun getaumelt, klammert sich mit den Händen daran fest und
brüllt mit einer etwas näselnden, betrunkenen Stimme nach dem Wirthshaus zurück. ’s Gaartla iis mei
—ne! ... d’r Kratsch’m iis mei—ne ... du Gostwerthlops! Dohie hä! Er macht sich, nachdem er noch einiges Unverständliche gemurmelt und geknurrt hat, vom Zaune los und stürzt in den
Hof, wo er glücklich den Sterzen eines Pfluges zu fassen bekommt. ’s ’Gittla iis mei—ne. Er
quasselt halb singend. Trink ... ei ... Briderla, trink ... ei ... ’iderla, Branntw... wwein ...
’acht Kurasche. Dohie hä — laut brüllend — bien iich nee a hibscher Moan? ....
Hoa iich nee a hibsch Weibla dohie hä? ... Hoa iich nee a poar hibsche Madel?
Helene kommt hastig aus dem Hause. Man sieht, sie hat an Kleidern nur umgenommen, soviel in
aller Eile ihr möglich gewesen war. Papa! ... lieber Papa!! so komm doch schon. Sie faßt ihn
unterm Arm, versucht ihn zu stützen und ins Haus zu ziehen. K—omm doch ... nur ... schn—ell
in’s Haus, komm doch n—ur schn—ell! Ach!
Bauer Krause hat sich aufgerichtet, versucht gerade zu stehen, bringt mit einiger Mühe und unter Zuhilfenahme beider Hände einen ledernen, strotzenden Geldbeutel aus der Tasche seiner Hose. In dem ein wenig helleren Morgenlichte erkennt man die sehr schäbige Bekleidung des etwa 50jährigen Mannes, die um nichts besser ist, als die des allergeringsten Landarbeiters. Er ist im bloßen Kopf, sein graues, spärliches Haar ungekämmt und struppig. Das schmutzige Hemd steht bis auf den Nabel herab weit offen; an einem einzigen gestickten Hosenträger hängt die ehemals gelbe, jetzt schmutzig glänzende, an den Knöcheln zugebundene Lederhose; die nackten Füße stecken in einem Paar gestickter Schlafschuhe, deren Stickerei noch sehr neu zu sein scheint. Jacke und Weste trägt der Bauer nicht, die Hemdärmel sind nicht zugeknöpft. Nachdem er den Geldbeutel glücklich herausgebracht hat, setzt er ihn mit der rechten mehrmals auf die Handfläche der linken Hand, so daß das Geld darin laut klimpert und klingt, dabei fixirt er seine Tochter mit
lascivem Blicke. Dohie hä! ’s Gald iis mei—neee! hä? Mech’st a poar Thoalerla?
Helene. Ach, gr—oßer Gott! Sie versucht mehrmals vergebens, ihn mitzuziehen. Bei einem dieser Versuche umarmt er sie mit der Plumpheit eines Gorillas und macht einige unzüchtige Griffe. Helene
stößt unterdrückte Hilfeschreie aus. Gl—eich läßt Du l—os! Laß l—os! bitte, Papa, ach!
Sie weint, schreit dann, plötzlich in äußerster Angst, Abscheu und Wuth: Thier, Schwein!
Sie stößt ihn von sich. Der Bauer fällt langhin auf die Erde. Beibst kommt von seinem Platz unter dem
Thorweg herbeigehinkt. Helene und Beibst machen sich daran, den Bauer aufzuheben.
Bauer Krause lallt. Tr—ink mei Bri’erla, tr— ...
Der Bauer wird aufgehoben und stürzt, Beibst und Helene mit sich reißend, in das Haus. Einen
Augenblick bleibt die Bühne leer. Im Hause hört man Lärm, Thürenschlagen. In einem Fenster wird Licht, hierauf kommt Beibst wieder aus dem Hause. Er reißt an seiner Lederhose ein Schwefelholz an, um die kurze Pfeife, welche ihm fast nie aus dem Munde kommt, damit in Brand zu stecken. Als er damit noch beschäftigt ist, schleicht Kahl aus der Hausthüre. Er ist in Strümpfen, hat sein Jaquet über dem linken Arm hängen und trägt mit der linken Hand seine Schlafschuhe. Mit der rechten hält er seinen Hut, mit dem Munde seinen Hemdkragen. Etwa bis in die Mitte des Hofes gelangt, wendet er sich und sieht das Gesicht des Beibst auf sich gerichtet. Einen Augenblick scheint er unschlüssig, dann bringt er Hut und Hemdkragen in der Linken unter, greift in die Hosentasche und geht auf Beibst zu, dem er etwas in die Hand drückt.
Kahl. Do hot ’r an Thoaler .... oaber halt’t Eure Gusche! Er geht eiligst über den Hof und steigt über den Staketenzaun rechts. Ab.
Beibst hat mittels eines neuen Streichholzes seine Pfeife angezündet, hinkt bis unter den Thorweg, läßt
sich nieder und nimmt seine Dengelarbeit von Neuem auf. Wieder eine Zeit lang nichts als das eintönige Aufschlagen des Dengelhammers und das Aechzen des alten Mannes, von kurzen Flüchen unterbrochen, wenn ihm etwas bei seiner Arbeit nicht nach Wunsch geht. Es ist um ein Beträchtliches heller geworden.
Loth tritt aus der Hausthür, steht still, dehnt sich, thut mehrere tiefe Athemzüge . H! .. h! ..
Morgenluft! Er geht langsam nach dem Hintergrunde zu bis unter den Thorweg. Zu Beibst. Guten
Morgen! Schon so früh wach?
Beibst mißtrauisch aufschielend, unfreundlich. ’Murja! Kleine Pause, hierauf Beibst, ohne Loth’s Anwesenheit weiter zu beachten, gleichsam im Zwiegespräch mit seiner Sense, die er mehrmals
aufgebracht hin und herreißt. Krummes Oos! na, werd’s glei?! Ekch!
Himmeldunnerschlag ja! Er dengelt weiter.
Loth hat sich zwischen die Sterzen eines Exstirpators niedergelassen. Es giebt wohl Heuernte
heut?
Beibst grob . De Äsel gihn ei’s Hä itzunder.
Loth. Nun, Ihr dengelt doch aber die Sense ...?
Beibst zur Sense. Ekch! tumme Dare.
Kleine Pause, hierauf.
Loth. Wollt Ihr mir nicht sagen, wozu Ihr die Sense scharf macht, wenn doch
nicht Heuernte ist?
Beibst. Na, — braucht ma ernt keene Sahnse zum Futter macha?
Loth. Ach so! Futter soll also geschnitten werden.
Beibst. Woas d’n suste?
Loth. Wird das alle Morgen geschnitten?
Beibst. Na! — sool’s Viech derhingern?
Loth. Ihr müßt schon ’n bischen Nachsicht mit mir haben! Ich bin eben ein
Städter; da kann man nicht alles so genau wissen von der Landwirthschaft.
Beibst. Die Staadter glee — ekch! — de Staadter, die wissa doo glee oals
besser wie de Mensche vum Lande, hä?
Loth. Das trifft bei mir nicht zu. — Könnt Ihr mir vielleicht nicht erklären,
was das für ein Instrument ist? Ich hab’s wohl schon mal wo gesehen, aber der
Name ...
Beibst. Doasjenigte, uf dan Se sitza?! Woas ma su soat Extrabater nennt ma
doas.
Loth. Richtig, ein Exstirpator; wird der hier auch gebraucht?
Beibst. Leeder Goott’s, nee. — A läßt a verludern ... a ganza Acker, reen
verludern läßt a’n, d’r Pauer. A Oarmes mecht a Flecka hoa’nn — ei insa Bärta
wächst kee Getreide — oaber nee, lieberscht läßt a’n verludern! — Nischt thit
wachsa, ok blußig Seide und Quecka.
Loth. Ja, die kriegt man schon damit heraus. Ich weiß, bei den Ikariern hatte
man auch solche Exstirpatoren, um das urbar gemachte Land vollends zu
reinigen.
Beibst. Wu sein denn die I..., wie Se glei soa’n, I...
Loth. Die Ikarier? In Amerika.
Beibst. Doo gibbts an schunn a sune Dinger?
Loth. Ja freilich.
Beibst. Woas iis denn doas fer a Vulk: die I... I...
Loth. Die Ikarier? — Es ist gar kein besonderes Volk; es sind Leute aus allen
Nationen, die sich zusammen gethan haben; sie besitzen in Amerika ein
hübsches Stück Land, das sie gemeinsam bewirthschaften; alle Arbeit und allen
Verdienst theilen sie gleichmäßig. Keiner ist arm, es giebt keine Armen unter
ihnen.
Beibst , dessen Gesichtsausdruck ein wenig freundlicher geworden war, nimmt bei den letzten Worten Loth’s wieder das alte mißtrauisch feindselige Gepräge an; ohne Loth weiter zu beachten, hat er sich
neuerdings wieder ganz seiner Arbeit zugewendet und zwar mit den Eingangsworten: Oost vu enner
Sahnse!
Loth, immer noch sitzend, betrachtet den Alten zuerst mit einem ruhigen Lächeln und blickt dann hinaus in den erwachenden Morgen. Durch den Thorweg erblickt man weitgedehnte Kleefelder und Wiesenflächen; zwischendurch schlängelt sich ein Bach, dessen Lauf durch Erlen und Weiden verrathen wird. Am Horizonte ein einzelner Bergkegel. Allerorten haben die Lerchen eingesetzt, und ihr ununterbrochenes Getriller schallt bald näher, bald ferner her bis in den Gutshof herein. Jetzt erhebt sich
Loth mit den Worten: Man muß spazieren geh’n, der Morgen ist zu prächtig. Er geht durch den Thorweg hinaus. — Man hört das Klappen von Holzpantinen. Jemand kommt sehr schnell über die Bodentreppe des Stallgebäudes herunter: es ist Guste.
Guste, eine ziemlich dicke Magd: bloßes Mieder, nackte Arme und Waden, die bloßen Füße in
Holzpantinen. Sie trägt eine brennende Laterne. Guda Murja, Voater Beibst.
Beibst brummt.
Guste blickt, die Augen mit der Hand beschattend, durch das Thor Loth nach. Woas iis denn
doas fer enner?
Beibst verärgert. Dar koan Battelleute zum Noarr’n hoa’nn ... dar leugt egelganz
wie a Forr... vu dan luuß der de Hucke vuul liega. Beibst steht auf. Macht enk de
Roawer zerecht, Madel.
Guste, welche dabei war, ihre Waden am Brunnen abzuwaschen, ist damit fertig und sagt, bevor sie
im Innern des Kuhstalls verschwindet: Glei, glei! Voater Beibst.
Loth kommt zurück, giebt Beibst Geld. Da ist ’ne Kleinigkeit. Geld kann man immer
brauchen.
Beibst aufthauend, wie umgewandelt, mit aufrichtiger Gemüthlichkeit. Ju, ju! do ha’n Se au
recht ... na da dank ich au vielmools. — Se sein wull d’r Besuch zum
Schwiegersuhne? Auf einmal sehr gesprächig. Wissa Se: wenn Se, und Se wull’n da naus gihn auf a Barch zu, wissa Se, do haal’n Se siich links, wissa Se, zängst
’nunder links, rechts gibt’s Risse. Mei Suhn meente, ’s käm do dervoone, meent’
a, weil se zu schlecht verzimmern thäten, meent’ a, de Barchmoanne, ’s soatzt zu
wing Luhn, meent’ a, und do giht’s ok a su: woas hust’de, woas koanst’de, ei a
Gruba, verstiehn Se. — Sahn Se! — doo! — immer links, rechts gibt’s Lecher.
Vurigtes Johr erscht iis a Putterweib, wie se ging und stoand iis se ei’s Ardreich
versunka, iich wiß nee amool, wie viel Kloaftern tief. Kee Mensch wußte wuhie
— wie gesoa’t, links, immer links, doo gihn Se sicher. Ein Schuß fällt, Beibst, wie electrisirt, hinkt einige Schritt in’s Freie.
Loth. Wer schießt denn da schon so frühe?
Beibst. Na, war denn suste? — d’r Junge, dar meschante Junge.
Loth. Welcher Junge denn?
Beibst. Na, Kahl-Willem — d’r Nupperschsuhn ... Na woart ok blußig due!
Ich hoa’s gesahn, a schißt meiner Gitte de Lärcha.
Loth. Ihr hinkt ja.
Beibst. Doaß ’s Goot erbarm’, ja. Droht mit der Faust nach dem Felde. Na woart’ Du!
woart’ Du! ...
Loth. Was habt Ihr denn mit dem Bein gemacht?
Beibst. Iich?
Loth. Ja.
Beibst. ’s iis a su ’nei kumma.
Loth. Habt Ihr Schmerzen?
Beibst nach dem Bein greifend. ’S zerrt a su, ’s zerrt infamt.
Loth. Habt Ihr keinen Arzt?
Beibst. Wissa Se, — de Dukter, doas sein Oaffa, enner wie d’r andere! —
Blußig inse Dukter, doas iis a ticht’er Moan.
Loth. Hat er Ihnen was genützt?
Beibst. Na — verlecht a klee wing wull au oam Ende. A hoot mer’sch Been
geknet’t: sahn Se, a su geknutscht und gehackt un ... oaber nee!! derwegen nich!
— A iis ... na kurz un gutt, a hoot mit’n aarma Mensche a Mitleed. — A keeft’n
de Med’zin und a verlangt nischt. A kimmt zu jeder Zeet ...
Loth. Sie müssen sich das doch aber irgendwo zugezogen haben?! Haben Sie
immer so gehinkt?
Beibst. Nich die Oahnung!
Loth. Dann verstehe ich nicht recht, es muß doch eine Ursache ...
Beibst. Weeß iich’s? Er droht wieder mit der Faust. Woart ok Due! woart ok mit dem
Geknackse.
Kahl erscheint innerhalb seines Gartens. Er trägt in der rechten eine Flinte am Lauf, seine linke Hand
ist geschlossen. Ruft herüber. Guten Morjen ooch, Herr Dukter!
Loth geht quer durch den Hof auf ihn zu. Inzwischen hat Guste sowie eine andere Magd mit Namen
Liese je eine Radwer zurecht gemacht, worauf Harke und Dunggabel liegen. Damit fahren sie durch den Thorweg hinaus auf’s Feld, an Beibst vorüber, der nach einigen grimmigen Blicken und verstohlenen Zornesgesten zu Kahl hinüber seine Sense schultert und ihnen nachhumpelt. Beibst und die Mägde ab.
Loth zu Kahl. Guten Morgen!
Kahl. Wull’n ’S amol was hibsches sah’n? Er streckt den Arm mit der geschlossenen Hand über den Zaun.
Loth nähergehend . Was haben Sie denn da?
Kahl. Rootha See! Er öffnet gleich darauf seine Hand.
Loth. Waas?! — es ist also wirklich wahr: Sie schießen Lerchen! Nun für
diesen Unfug, Sie nichtsnutziger Bursche, verdienten Sie geohrfeigt zu werden,
verstehen Sie mich! Er kehrt ihm den Rücken zu und geht quer durch den Hof zurück, Beibst und den Mädchen nach. Ab.
Kahl starrt Loth einige Augenblicke dumm verblüfft nach, dann ballt er die Faust verstohlen, sagt:
Dukterluder! wendet sich und verschwindet rechts. — Während einiger Augenblicke bleibt der Hof leer.
Helene, aus der Hausthür tretend, helles Sommerkleid, großer Gartenhut. Sie blickt sich ringsum, thut
dann einige Schritte auf den Thorweg zu, steht still und späht hinaus. Hierauf schlendert sie rechts durch den Hof und biegt in den Weg ein, welcher nach dem Wirthshause führt. Große Packete von allerhand Thee hängen zum Trocknen über dem Zaune: daran riecht sie im Vorübergehen. Sie biegt auch Zweige von den Obstbäumen und betrachtet die sehr niedrig hängenden, rothwangigen Aepfel. Als sie bemerkt, daß Loth vom Wirthshaus her ihr entgegen kommt, bemächtigt sich ihrer eine noch stärkere Unruhe, so daß sie sich schließlich umwendet und vor Loth her in den Hof zurückgeht. Hier bemerkt sie, daß der Taubenschlag noch geschlossen ist und begiebt sich dorthin durch das kleine Zaunpförtchen des Obstgartens. Noch damit beschäftigt, die Leine, welche, vom Winde getrieben, irgendwo festgehakt ist, herunter zu ziehen, wird sie von Loth, der inzwischen herangekommen ist angeredet.
Loth. Guten Morgen, Fräulein!
Helene. Guten Morgen! — Der Wind hat die Schnur hinaufgejagt.
Loth. Erlauben Sie! Geht ebenfalls durch das Pförtchen, bringt die Schnur herunter und zieht den Schlag auf. Die Tauben fliegen aus.
Helene. Ich danke sehr.
Loth ist durch das Pförtchen wieder herausgetreten, bleibt aber außerhalb des Zaunes und an diesen
gelehnt stehen. Helene innerhalb desselben. Nach einer kleinen Pause. Pflegen Sie immer so früh
auf zu sein, Fräulein?
Helene. Das eben — wollte ich Sie auch fragen.
Loth. Ich —? nein! Die erste Nacht in einem fremden Hause passirt es mir
jedoch gewöhnlich.
Helene. Wie ... kommt das?
Loth. Ich habe darüber noch nicht nachgedacht, es hat keinen Zweck.
Helene. Ach, wieso denn nicht?
Loth. Wenigstens keinen ersichtlichen, praktischen Zweck.
Helene. Also wenn Sie irgend etwas thun oder denken, muß es einem praktischen Zweck dienen?
Loth. Ganz recht? Uebrigens ...
Helene. Das hätte ich von Ihnen nicht gedacht.
Loth. Was, Fräulein?
Helene. Genau das meinte die Stiefmutter, als sie mir vorgestern den Werther
aus der Hand riß.
Loth. Das ist ein dummes Buch.
Helene. Sagen Sie das nicht.
Loth. Das sage ich nochmal, Fräulein. Es ist ein Buch für Schwächlinge.
Helene. Das — kann wohl möglich sein.
Loth. Wie kommen Sie gerade auf dieses Buch? Ist es Ihnen denn
verständlich?
Helene. Ich hoffe, ich ... zum Theil ganz gewiß. Es beruhigt so, darin zu lesen.
Nach einer Pause. Wenn’s ein dummes Buch ist, wie Sie sagen, könnten Sie mir
etwas Besseres empfehlen?
Loth. Le... lesen Sie ... noa! ... kennen Sie den Kampf um Rom von Dahn?
Helene. Nein! Das Buch werde ich mir aber nun kaufen. Dient es einem
praktischen Zweck?
Loth. Einem vernünftigen Zweck überhaupt. Es malt die Menschen nicht wie
sie sind, sondern wie sie einmal werden sollen. Es wirkt vorbildlich.
Helene mit Ueberzeugung. Das ist schön. Kleine Pause, dann. Vielleicht geben Sie mir
Auskunft, man redet so viel von Zola und Ibsen in den Zeitungen: sind das große
Dichter?
Loth. Es sind gar keine Dichter, sondern nothwendige Uebel, Fräulein. Ich bin
ehrlich durstig und verlange von der Dichtkunst einen klaren, erfrischenden
Trunk. — Ich bin nicht krank. Was Zola und Ibsen bieten, ist Medizin.
Helene gleichsam unwillkürlich . Ach, dann wäre es doch vielleicht für mich etwas.
Loth bisher theilweise, jetzt ausschließlich in den Anblick des thauigen Obstgartens vertieft. Es ist
prächtig hier. Sehen Sie, wie die Sonne über der Bergkuppe herauskommt. —
Viel Aepfel giebt es in Ihrem Garten: eine schöne Ernte.
Helene. Drei Viertel davon wird auch dies Jahr wieder gestohlen werden. Die
Armuth hier herum ist zu groß.
Loth. Sie glauben gar nicht, wie sehr ich das Land liebe! Leider wächst mein
Weizen zum größten Theile in der Stadt. Aber nun will ich’s mal durchgenießen,
das Landleben. Unsereiner hat so ’n bischen Sonne und Frische mehr nöthig als
sonst Jemand.
Helene seufzend . Mehr nöthig, als .... inwiefern?
Loth. Weil man in einem harten Kampfe steht, dessen Ende man nicht erleben
kann.
Helene. Stehen wir anderen nicht in einem solchen Kampfe?
Loth. Nein.
Helene. Aber — in einem Kampfe — stehen wir doch auch?!
Loth. Natürlicherweise! aber der kann enden.
Helene. Kann — da haben Sie recht! — und wieso kann der nicht endigen —
der, den Sie kämpfen, Herr Loth?
Loth. Ihr Kampf, das kann nur ein Kampf sein um persönliches Wohlergehen.
Der Einzelne kann dies, so weit menschenmöglich, erreichen. Mein Kampf ist
ein Kampf um das Glück aller; sollte ich glücklich sein, so müßten es erst alle
anderen Menschen um mich herum sein; ich müßte um mich herum weder
Krankheit noch Armuth, weder Knechtschaft noch Gemeinheit sehen. Ich könnte
mich so zu sagen nur als letzter an die Tafel setzen.
Helene mit Ueberzeugung. Dann sind Sie ja ein sehr, sehr guter Mensch!
Loth ein wenig betreten. Verdienst ist weiter nicht dabei, Fräulein, ich bin so
veranlagt. Ich muß übrigens sagen, daß mir der Kampf im Interesse des
Fortschritts doch große Befriedigung gewährt. Eine Art Glück, die ich weit
höher anschlage, als die, mit der sich der gemeine Egoist zufrieden giebt.
Helene. Es giebt wohl nur sehr wenige Menschen, die so veranlagt sind. — Es
muß ein Glück sein, mit solcher Veranlagung geboren zu sein.
Loth. Geboren wird man wohl auch nicht damit. Man kommt dazu durch die
Verkehrtheit unserer Verhältnisse, scheint mir; — nur muß man für das Verkehrte
einen Sinn haben: das ist es! Hat man den und leidet man so bewußt unter den
verkehrten Verhältnissen, dann wird man mit Nothwendigkeit zu dem, was ich
bin.
Helene. Wenn ich Sie nur besser .... welche Verhältnisse nennen Sie zum
Beispiel verkehrt?
Loth. Es ist zum Beispiel verkehrt, wenn der im Schweiße seines Angesichts
Arbeitende hungert und der Faule im Ueberflusse leben darf. — Es ist verkehrt,
den Mord im Frieden zu bestrafen und den Mord im Krieg zu belohnen. Es ist
verkehrt, den Henker zu verachten und selbst, wie es die Soldaten thun, mit
einem Menschenabschlachtungs-Instrument, wie es der Degen oder der Säbel ist,
an der Seite stolz herumzulaufen. Den Henker, der das mit dem Beile thäte,
würde man zweifelsohne steinigen. Verkehrt ist es dann, die Religion Christi,
diese Religion der Duldung, Vergebung und Liebe, als Staatsreligion zu haben
und dabei ganze Völker zu vollendeten Menschenschlächtern heranzubilden.
Dies sind einige unter Millionen, müssen Sie bedenken. Es kostet Mühe, sich
durch alle diese Verkehrtheiten hindurchzuringen; man muß früh anfangen.
Helene. Wie sind Sie denn nur so auf alles dies gekommen? Es ist so einfach
und doch kommt man nicht darauf.
Loth. Ich mag wohl durch meinen Entwickelungsgang darauf gekommen
sein, durch Gespräche mit Freunden, durch Lecture, durch eigenes Denken.
Hinter die erste Verkehrtheit kam ich als kleiner Junge. Ich log mal sehr stark
und bekam dafür die schrecklichsten Prügel von meinem Vater. Kurz darauf fuhr
ich mit ihm auf der Eisenbahn, und da merkte ich, daß mein Vater auch log und
es für ganz selbstverständlich hielt, zu lügen; ich war damals fünf Jahre und
mein Vater sagte dem Schaffner, ich sei noch nicht vier, der freien Fahrt halber,
welche Kinder unter vier Jahren genießen. Dann sagte der Lehrer auch mal: sei
fleißig, halt Dich brav, dann wird es Dir auch unfehlbar gut gehen im Leben. Der
Mann lehrte uns eine Verkehrtheit, dahinter kam ich sehr bald. Mein Vater war
brav, ehrlich, durch und durch bieder, und ein Schuft, der noch jetzt als reicher
Mann lebt, betrog ihn um seine paar Tausend Thaler. Bei eben diesem Schuft,
der eine große Seifenfabrik besaß, mußte mein Vater sogar, durch die Noth
getrieben, in Stellung treten.
Helene. Unsereins wagt es gar nicht — wagt es gar nicht, so etwas für
verkehrt anzusehen, höchstens ganz im Stillen empfindet man es. Man empfindet
es oft sogar, und dann — wird einem ganz verzweifelt zu Muth.
Loth. Ich erinnere mich einer Verkehrtheit, die mir ganz besonders klar als
solche vor Augen trat. Bis dahin glaubte ich: der Mord werde unter allen
Umständen als ein Verbrechen bestraft; danach wurde mir jedoch klar, daß nur
die milderen Formen des Mordes ungesetzlich sind.
Helene. Wie wäre das wohl ....
Loth. Mein Vater war Siedemeister, wir wohnten dicht an der Fabrik, unsere
Fenster gingen auf den Fabrikhof. Da sah ich auch noch manches außerdem. Es
war ein Arbeiter, der fünf Jahre in der Fabrik gearbeitet hatte. Er fing an stark zu
husten und abzumagern ... ich weiß, wie uns mein Vater bei Tisch erzählte:
Burmeister — so hieß der Arbeiter — bekommt die Lungenschwindsucht, wenn
er noch länger bei der Seifenfabrikation bleibt. Der Doktor hat es ihm gesagt. —
Der Mann hatte acht Kinder, und ausgemergelt wie er war, konnte er nirgends
mehr Arbeit finden. Er mußte also in der Seifenfabrik bleiben, und der Prinzipal
that sich viel darauf zu gute, daß er ihn beibehielt. Er kam sich unbedingt äußerst
human vor. — Eines Nachmittags, im August, es war eine furchtbare Hitze, da
quälte er sich mit einer Karre Kalk über den Fabrikhof. — Ich sah gerade aus
dem Fenster, da merke ich, wie er still steht — wieder still steht und schließlich
schlägt er lang auf die Steine. — Ich lief hinzu — mein Vater kam, andere
Arbeiter kamen, aber er röchelte nur noch, und sein ganzer Mund war voll Blut.
Ich half ihn ins Haus tragen. Ein Haufe kalkiger, nach allerhand Chemikalien
stinkender Lumpen war er; bevor wir ihn im Hause hatten, war er schon
gestorben.
Helene. Ach, schrecklich ist das.
Loth. Kaum acht Tage später zogen wir seine Frau aus dem Fluß, in den die
verbrauchte Lauge unserer Fabrik abfloß. — Ja, Fräulein! wenn man dies alles
kennt, wie ich es jetzt kenne — glauben Sie mir! — dann läßt es einem keine
Ruhe mehr. Ein einfaches Stückchen Seife, bei dem sich in der Welt sonst
Niemand etwas denkt, ja, ein paar rein gewaschene, gepflegte Hände schon
können einen in die bitterste Laune versetzen.
Helene. Ich hab auch mal so was gesehen. Hu! schrecklich war das,
schrecklich!
Loth. Was?
Helene. Der Sohn von einem Arbeitsmann wurde halbtodt hier
hereingetragen. Es ist nun ... drei Jahre vielleicht ist es her.
Loth. War er verunglückt?
Helene. Ja, drüben im Bärenstollen.
Loth. Ein Bergmann also?
Helene. Ja, die meisten jungen Leute hier herum gehen auf die Grube. — Ein
zweiter Sohn desselben Vaters war auch Schlepper und ist auch verunglückt.
Loth. Beide todt?
Helene. Beide todt .... Einmal riß etwas an der Fahrkunst, das andere Mal
waren es schlagende Wetter. — Der alte Beibst hat aber noch einen dritten Sohn,
der fährt auch seit Ostern ein.
Loth. Was Sie sagen! — hat er nichts dawider?
Helene. Gar nichts, nein! Er ist nur jetzt noch weit mürrischer als früher.
Haben Sie ihn nicht schon gesehen?
Loth. Wieso ich?
Helene. Er saß ja heut früh nebenan, unter der Durchfahrt.
Loth. Ach! — wie? .. Er arbeitet hier im Hofe?
Helene. Schon seit Jahren.
Loth. Er hinkt?
Helene. Ziemlich stark sogar.
Loth. Soosoo. — Was ist ihm denn da passirt, mit dem Bein?
Helene. Das ist ’ne heikle Geschichte. Sie kennen doch den Herrn Kahl? ... da
muß ich Ihnen aber ganz nahe kommen. Sein Vater, müssen Sie wissen, war
genau so ein Jagdnarr wie er. Er schoß hinter den Handwerksburschen her, die
auf den Hof kamen, wenn auch nur in die Luft, um ihnen Schrecken einzujagen.
Er war auch sehr jähzornig, wissen Sie; wenn er getrunken hatte, erst recht. Nu
hat wohl der Beibst mal gemuckscht — er muckscht gern, wissen Sie, — und da
hat der Bauer die Flinte zu packen gekriegt und ihm eine Ladung gegeben.
Beibst, wissen Sie, war nämlich früher beim Nachbar Kahl für Kutscher.
Loth. Frevel über Frevel, wohin man hört.
Helene immer unsicherer und erregter. Ich hab auch schon manchmal so bei mir
gedacht .... sie haben mir alle mitunter schon so furchtbar leid gethan —: der alte
Beibst und ..... Wenn die Bauern so roh und dumm sind wie der — wie der
Streckmann, der — läßt seine Knechte hungern und füttert die Hunde mit
Conditorzeug. Hier bin ich wie dumm, seit ich aus der Pension zurück bin ... Ich
hab auch mein Päckchen! — aber ich rede ja wohl Unsinn, — es interessirt Sie
ja gar nicht — Sie lachen mich im Stillen bloß aus.
Loth. Aber Fräulein, wie können Sie nur .... weshalb sollte ich Sie denn ....
Helene. Nun, etwa nicht? Sie denken doch: die ist auch nicht besser wie die
Anderen hier.
Loth. Ich denke von Niemand schlecht, Fräulein!
Helene. Das machen Sie mir nicht weis .... nein, nein!
Loth. Aber Fräulein! wann hatte ich Ihnen Veranlassung ...
Helene nahe am Weinen . Ach, reden Sie doch nicht! Sie verachten uns, verlassen
Sie sich d’rauf — Sie müssen uns ja doch verachten, — weinerlich — den
Schwager mit, mich mit. Mich vor allen Dingen und dazu, da — zu haben Sie
wahr... wahrhaftig auch Grund. Sie wendet Loth schnell den Rücken und geht, ihrer Bewegung nicht mehr Herr, durch den Obstgarten nach dem Hintergrunde zu ab. Loth tritt durch das Pförtchen und folgt ihr langsam.
Frau Krause in überladener Morgentoilette, puterroth im Gesicht, aus der Hausthür, schreit.
Doas Loaster vu Froovulk! Marie! Ma—rie!! unter men’n Dache? Weg muß
doas Froovulk! Sie rennt über den Hof und verschwindet in der Stallthür. Frau Spiller, mit Häkelarbeit, erscheint in der Hausthür. Im Stalle hört man Schimpfen und Heulen.
Frau Krause die heulende Magd vor sich hertreibend, aus dem Stall. Du Hurenfroovulk
Du! — Die Magd heult stärker — uuf der Stelle ’naus! Sich Deine sieba Sacha
z’samma und dann ’naus! Helene, mit rothen Augen kommt durch den Thorweg, bemerkt die Scene und steht abwartend still.
Die Magd entdeckt Frau Spiller, wirft Schemel und Milchgelte weg und geht wüthend auf sie zu.
Doas biin iich Ihn’n schuldig! Doas war iich Ihn’n eitränka!! Sie rennt schluchzend davon, die Bodentreppe hinauf. Ab.
Helene zu Frau Krause tretend . Was hat sie denn gemacht?
Frau Krause grob. Gieht’s Diich oan, Goans?
Helene heftig, fast weinend. Ja, mich geht’s an.
Frau Spiller schnell hinzutretend. Mein gnädiges Fräulein, so etwas ist nicht für
das Ohr eines jungen Mädchens wie ...
Frau Krause. Worum ok ne goar, Spillern! die iis au ne vu Marzepane. Mit’n
Grußknecht zusoamma gelah’n hot se ei en Bette. Do wißt de’s.
Helene in befehlendem Tone. Die Magd wird aber doch bleiben.
Frau Krause. Weibsstück!
Helene. Gut! dann will ich dem Vater erzählen, daß Du mit Kahl Wilhelm die
Nächte ebenso verbringst.
Frau Krause schlägt ihr eine Maulschelle. Du hust’ an’ Denkzettel!
Helene todtbleich, aber noch fester. Die Magd bleibt aber doch, sonst ... sonst bring
ich’s herum! Mit Kahl Wilhelm, Du! Dein Vetter ... mein Bräut’jam ... Ich
bring’s herum.
Frau Krause mit wankender Fassung. Wer koan doas soa’n?
Helene. Ich! Denn ich hab ihn heut Morgen aus Deinem Schlafzimmer ..... Schnell ab ins Haus.
Frau Krause, taumelnd, nahe einer Ohnmacht. Frau Spiller mit Riechfläschchen zu ihr.
Frau Spiller. Gnädige Frau, gnädige Frau!
Frau Krause. Sp...illern, die Moa’d sss... sool dooblei’n.
Der Vorhang fällt schnell.