Zwei Prager Geschichten

Rainer Maria Rilke · Kapitel 4 von 4 · Teil 2/2

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Zwei Prager Geschichten

Die Geschwister.

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 2 Teile geteilt.

und beim Geschirrwaschen, die Nachbaren beteten und die Höckin unter den

Steinlauben betete auch. Und Weihwasser spritzte man hinter den beiden Frauen

her, welche mit jenen langsamen taktmäßigen Schritten durch den Flur und die

Gänge kamen, wie sie sie gelernt hatten hinter dem Leichenwagen. Frau Wanka

ging oft aus, eilte ein paar Gassen entlang, um planlos wieder heimzukehren.

Luisa aber rührte sich nicht von ihrem Platz. Sie hatte keine Phantasien mehr,

und in ihren Träumen waren alle Farben so blaß geworden wie die Tage draußen.

Manchmal zählte sie die Tropfen an den Fenstern und horchte: es rauschte an ihr

vorbei wie ein großer Strom, in dem viele zerbrochene, unverständliche Worte

trieben, immer mehr und mehr – und sie dachte: wie nach einer

Überschwemmung. Dann zuckte sie plötzlich zusammen, als hätte sie jemand

gerufen und – begann wieder die vielen rinnenden Tropfen zu zählen.

 

So kam Allerseelen. Da sehen sogar die breiten Straßen der Neustadt

nachdenklich aus. In den vornehmen Blumenläden liegen reiche, prahlerische

Kränze bereit und die fremden Blüten in ihnen können nicht lächeln. Die

Vergnügungsspalten der Reklamesäulen sind leer überklebt, nur das

Landestheater verkündete die Aufführung der alten Kirchhofkomödie »Der

Müller und sein Kind« und in den Schaufenstern der Kunsthandlungen sind vor

die bunten, englischen Drucke drei, vier, fünf dunkle Photographieen geschoben,

die Illustrationen zu dem leisen Wehmutliede Hermann von Gilms: »Stell auf

den Tisch die duftenden Reseden . . .« Früh werden auf dem feuchtglänzenden

»Graben« die Laternen angezündet, und immer noch fahren Fiacres und

Droschken vorbei mit großen Palmenkränzen auf Kutschbock und Wagendach

und an mancher Trambahn ist über die farbige Rücklaterne ein Tannengewinde

oder gar ein Kranz von Blech gehängt, der nicht zum erstenmal am Tage der Verstorbenen diese Reise überstehen muß. Über dem unfreundlichen Zizkov sind

schon die unglaublich langhalsigen Bogenlampen wie viele, traurige Monde

aufgegangen und drunter hin, vor den Thoren des immer weiter wachsenden

Totenparkes, ist ein unfestliches Gedränge von Menschen, von verweinten

Menschen, die ein paar halbwelke Blumen in der Hand, in dunkler Sehnsucht

sich ihrem Ziele entgegendrängen, von erzürnten Menschen, welche die Hast des

Schmerzes nicht begreifen, von teilnahmslosen, von feiernden, von lachenden

und beobachtenden Menschen und von vielen anderen. Die Pfade sind durch die

vorlauten lauernden Verkaufsbuden verengt, und die Kinder des langen Zuges

hängen sich wie Widerhaken an die aushängenden Lampen und Lebkuchen und

Spielsachen, so daß immer neue Stockungen geschehen. Mit der Menge aber und

über ihr wälzt sich dieser dicke schwere Dunst von traurigen, müde duftenden

Blüten, welken Blättern, durchregnetem Erdreich und feuchten Kleidern, in

welchem die Worte gleichsam hängen blieben, zu dem weiten leuchtenden

Garten. Dort verteilen sich die Massen zwar in die einzelnen Alleen, aber

eigentlich sind die wenigsten bestrebt, schnell zu dem Grabe zu kommen,

welches sie beschenken wollen. Sie wollen erst auch die anderen Seligen im

Festkleid gesehen haben und finden es zu unterhaltsam, an den Steingrüften der

Vornehmen hinzuschlendern, die fremden langen Namen zu lesen und sich an

den Blumen zu freuen, welche den kostbaren Marmor ganz verdecken. Dann

hineinzulugen in die dämmerigen Grabkapellen mit den hellen glänzenden

Altären, vor welchen ein verwittertes altes Mütterchen schon den zweiten Tag

bemüht ist, den ihr ganz unbekannten Verewigten die gutbezahlten Vaterunser

und Gegrüßetseistdu der hinterbliebenen Familienmitglieder begreiflich zu

machen. Und aus diesem Schatten von Licht und Glanz schleicht sich eine

unbewußte, lebendige Fröhlichkeit in die Gesichter der Menge, welche seltsam

absticht von den paar wunden dunklen Menschen, die sich scheu und schwarz

am Wegrand hindrücken. In blinder Ungeduld schieben sie da und dort einen

Schaufrohen zur Seite und der denkt hinter ihnen her: Totenvögel, was wollen

denn die hier?

 

Auf dem VII. Friedhof ist es etwas freier und einsamer. Es ist mehr Raum

hier; denn nur ein Teil des umzäunten Landes ist mit Gräbern und Grüften

erfüllt, weiterhin ist ahnungsloser, gesunder, gutgewässerter Boden, dem man

noch die früheren Ernten ansieht und der aus seiner müßig gewordenen Kraft

ratlos einen üppigen, wilden, sinnlosen Garten gezeugt hat. Das war eine gute

Nachbarschaft für den armen Zdenko Wanka, der immer noch die Reihe der

Gräber an der linken Mauer hin abschloß, als wagte niemand zu sterben seither

in der großen, abgrundvollen Stadt. Die beiden vereinsamten Frauen, Mutter und Tochter, leisteten ihm nun schon den zweiten Tag Gesellschaft, und die alte

Rosalka kam ab und zu und erzählte dem tauben Schmerz der beiden von der

Pracht und dem Glanze anderer Grüfte. Daß der Hügel des Zdenko nicht so recht

festlich werden wollte, trotz der vielen Levkoien, Astern und Vergißmeinnicht,

kam daher, daß durch allen Schmuck irgendwo immer wieder das nasse, neue

Erdreich durchdrang, in welchem der Grassamen noch nicht Zeit gehabt hatte,

aufzugehen. Etwas scheu schien das frische Grab sich zurückzuziehen – wie

einer, der zum erstenmal in einer Gesellschaft ist, deren Art und Anstand er noch

nicht kennt. Auch die beiden Gäste fanden nicht recht die Sprache des Verkehrs

mit dem Verlorenen, und so mag des toten Zdenko erster Feiertag recht trübe

gewesen sein. Frau Josephine weinte nicht mehr. Sie saß auf einem der

Holzbänkchen, wie sie sich am Fußende der Grabstätten finden, und hatte gewiß

vergessen, daß der fremde, feuchte Herbstabend immer dichter über ihr

hereinsank. Die Tochter, die in dem Kleidchen von schwarzem Kaschmir noch

kleiner und blasser aussah wie sonst, beobachtete, ohne daß sie davon wußte, die

Scene, die an einem Grabe gegenüber geschah. Ein hagerer, verhärmter Mann

hatte eben eine kleine, blaue Lampe und einen Maiglöckchenstrauß auf die Stätte

niedergelegt, und es war eine zaghafte, rührende Zärtlichkeit in seiner Bewegung

gewesen, etwas von jener unbeholfenen Anmut junger, verliebter Menschen.

Aber wie er nun wieder aufrecht stand und sein weinendes, dreijähriges Kind an

den schwarzen verschnittenen Sonntagsrock preßte, da brach diese Geste hart ab

und eine zitternde, hoffnungslose Wehmut begann ihn zu beugen. Er kämpfte mit

ihr und suchte immer wieder die Augen des Kindes, vielleicht um zu wissen, wie

die Augen der Mutter waren, oder um sich daraus ein wenig Glanz und

Hoffnung zu holen. Das Kind aber weinte . . .

 

Da schob sich eine Gruppe von schwarzgekleideten, jungen Männern in dem

Nationalrock, der Tschamara, zwischen Luisa und jene beiden Mutterlosen. Es

waren größtenteils Studenten, Freunde und Genossen des Wanka, welche an

diesem Tage mit politischen Ovationen und Liedern an die Gräber ihrer Großen

und Genossen kamen, um sie über das Gesetz der Gleichheit, welches in diesen

stillen Mauern herrschte, zu erheben. Der Widerstand, der ihrem Beginnen jedes

Jahr aufs neue von den vorsichtigen Behörden entgegengesetzt wurde, war

Schuld daran, daß diese Kundgebungen einen über alle Herzlichkeit lauten

prahlerischen Charakter bekamen und das jugendliche Ungestüm sich nicht mit

dem leisen Niederlegen seiner blühenden Liebe begnügen wollte. So ordneten

sich auch jetzt die Reihen, um an Wankas Grab eines der scharfen Kampflieder

anzustimmen, welches den mit allem Versöhnten an die Tage des Sturmes

erinnern sollte. Es mußte dem getreuen Genossen – und Wanka war in Treuen gestorben – doch auch lieb sein, von dem Ausharren der Brüder zu vernehmen,

er mußte gleichsam einen Augenblick wieder mitten unter sie treten, wenn seine

eigenen Worte und Wünsche über seinem Hügel erwachten. Allein als schon das

Zeichen des Anfangs gegeben werden sollte, traten die jungen Leute mit einem

dumpfen Gemurmel auseinander. Sie schämten sich plötzlich, ihr rohes Streitlied

in den tiefen, geweihten Schmerz dieser schwarzen Frauen hineinzuschreien,

und die Besten unter ihnen ahnten die Ewigkeit. Sie senkten den großen Kranz,

in dessen Immergrün Karten mit ihren Namen staken, ganz an das Ende des

Grabes nieder, als empfänden sie unbestimmt, daß der, welcher bis an diesen

Platz Hand in Hand mit ihnen gewandert war, doch nicht mehr voll zu ihnen

gehörte, wenigstens in seiner eigensten Sehnsucht nicht.

 

Und aus ihnen blieb Rezek zurück. Ernst und hoch, die Arme auf der Brust

verschränkt, stand er da und hatte nur das blasse harte Gesicht, wie sinnend,

gesenkt. Vielleicht war er der einzige, welcher dachte, daß Zdenko an der

zerstörten Freude gestorben sei, wenngleich er selbst es am wenigsten verstehen

konnte. Er war eine strenge Savonarolanatur, welche da und dort im Land

Scheiterhaufen entzündete; und es kamen junge, gläubige Menschen, welche

ihren ganzen Reichtum in die Flammen legten: die Freude und das Lachen und

die Sehnsucht. Denn der Fanatiker wollte ein verarmtes und entsagendes Heer

hinter sich, weil er wußte, daß es keine wildere Waffe giebt, als die

Verzweiflung. Und sein Gesetz fand Anhänger auch in diesem weichen,

slavischen Volke, welches mit den Schätzen seines Gemütes sich selbst verliert

und verleugnet.

 

Auch Luisa hatte zaghaft alles vor ihm niedergelegt, was sie aus ihrer

traumdunklen Kindheit besaß; er hatte es nicht bemerkt, denn sie schien ihm

kein Mitstreiter zu sein, dessen Gewinnung wertvoll wäre. Und dann hatte Luisa

noch etwas hinzugelegt, etwas Unklares, Schmerzlich-seliges, wofür sie keinen

Namen wußte: das aber hatte Rezek nicht erkannt, weil es ihre erste, bebende

Liebe war. – Wie er jetzt näher zu dem Mädchen trat, fühlte er vielleicht zum

erstenmal, daß er sich nicht über ein Kind neigte, und unwillkürlich grüßte sein

Auge das Weib. Aber Luisa verstand ihn nicht, er war ihr weit und vergangen

wie alles. Kaum eine Erinnerung war er ihr. Und da nahm sein Auge zugleich

Abschied von ihr, und er verneigte sich einmal tief, wie Luisa es nie bei ihm

gesehen hatte und ging. Es war schon fast Nacht, und Luisa konnte ihn mit ihren

wunden Augen nicht begleiten über die nächsten Kreuze hinaus.

 

In der Nacht nach diesem Allerseelentage war kein Weinen in dem Hause,

gegenüber der Maltheserkirche. Noch ehe es ganz licht war, stand Frau Josephine auf, zog sich sorgfältiger als sonst an und teilte der Tochter mit, daß

sie heute, da sie so viele Montage versäumt hätte, zu Oberstens ginge. Luisa sah

mit schwachem Erstaunen auf. Die Stimme der Mutter erschien ihr ganz

unbekannt als sie nun noch anfügte, sie hätte durchaus nicht die Absicht, dieses

gute und vornehme Haus zu verlieren. Auch würde sie es gern sehen, wenn

Luisa sie abholen wollte, um sich bei Meerings in Erinnerung zu bringen. Dann

ging Frau Wanka. Und das ganze Haus sah wie ein einziges steinernes Staunen

hinter ihren Schritten her, welche fast ganz dieselbe energische Rüstigkeit wieder

zeigten, welche sie vor dem Unglück besaß. Dieses rasche, ruckweise Sich-

aufrichten nach Wochen des haltlosesten Hingegebenseins hatte in der That

etwas Überraschendes und Unheimliches. Frau Josephine mußte in den beiden

Tagen am Grabe des Sohnes irgend eine Ersparnis an Kraft und Energie, dessen

Vorhandensein sie während mancher Jahre vergessen hatte, in sich entdeckt

haben und daß sie es nun wohl anzuwenden wußte, beweist der Umstand, daß

Frau von Meering den Schmerz der Mutter als nicht tief und herzlich genug

bezeichnen konnte. Sie erwartete eine gebrochene Frau zu sehen und fand sie

fast steif vor Aufgerichtetsein, sie war so gerne bereit gewesen, gerührt und

gefühlvoll zu werden vor dem beredten Schmerze und sah nun etwas, was man

im besten Fall stumme Trauer nennen durfte, und welchem gegenüber sie eine

starke, unbehagliche Verlegenheit empfand. Dazu kam noch die Neugierde, aus

dieser treuesten Quelle zu entnehmen, wie viel an dem, »was man sich so

erzählt,« Wahrheit sei. Der Oberst hatte vom Stammtisch im »Hecht«, wo man

gerne kannegießerte, ganz eigentümliche Gerüchte heimgebracht, Geschichten,

in denen alle politischen Schlagworte der letzten Zeit vorkamen und zwar in

solchem Sinne, daß es dem Herrn von Meering und seiner Gemahlin mit

einemmale bedenklich erschien, Mitglieder einer so anrüchigen tschechischen

Familie in ihrem Hause zu sehen und ein ernstlicher Familienrat abgehalten

wurde, in welchem Für und Wider gerechtermaßen abgewogen, keine eigentliche

Entscheidung ergab. Der Tod des jungen auf Abwege geratenen Menschen

stimmte den alten Militär etwas nachsichtiger, und den Ausschlag gab endlich

die kluge Überlegung, daß ja zunächst nur die an und für sich anständige Mutter,

Witwe eines fürstlichen Försters, im Hause Meering von Meerhelm Zutritt hätte

und daß obbesagte tüchtige Wittib nur mit der Putzwäsche in nähere Berührung

träte, welche ihrerseits wieder, dadurch daß sie aus Rumburg stammte, gegen

Tschechisierung und durch die fünfzackige Adelskrone derer von Meerhelm (seit

zehn Jahren) auch vor allen demokratischen Einflüssen gesichert war. So kam es,

daß Frau Josephine eine ganz freundliche Aufnahme gefunden hatte und daß

man es für selbstverständlich hielt, daß die alten Wäschemontage fortab wieder

eingehalten würden. Frau von Meering gab die stille Zuversicht nicht auf, bei einem der künftigenmale näheres zu erfahren; daß dies nicht schon beim ersten

Wiedersehen sich gefügt hatte, empfand sie als Kränkung und konnte denn auch

nicht umhin, der Witwe im allerunschuldigsten Tone ihre tiefe Teilnahme an dem

Unglück, »welches durch seine besonderen Umstände noch so viel

schmerzlicher sei,« – zu versichern. Diese Zwischenbemerkung, welche sie als

Eingeweihte und Wissende erscheinen ließ, imponierte ihr sehr und sie hielt

dieselbe für einen feinen Angriff gegen die »undankbare Verschlossenheit dieser

Leute«.

 

Frau Wanka aber hatte gar nichts, weder von der Enttäuschung der Oberstin,

noch von dem Hieb bemerkt, in welchem diese sich rächte; sie mußte in diesen

Tagen so manches mit sich überlegen, und die Folgen ihrer Versonnenheit traten

jetzt Schlag um Schlag in rascher Reihe ins Leben. Da war zunächst in einer

böhmischen und in einer deutschen Tageszeitung je ein kleines Inserat

erschienen, welches einem anständigen, jungen Mann ein stilles, gutmöbliertes

Zimmer in ruhiger Gegend versprach, und wer den Spuren dieser Verheißung

nachgegangen wäre, hätte sich unversehens auf der Kleinseite gefunden, hätte

die Höckin unter den Steinlauben nach »Nummer 87 neu« gefragt und die breite,

ausführliche Antwort erhalten, daß dies drei Treppen hoch bei Wankas sei und

daß Wankas jetzt an Herren abmieten wollten, wahrscheinlich weil sie gar so

unglaublich viel Unglück gehabt hätten. Es kommt nun darauf an, ob der junge,

anständige Mann mehr jung oder mehr anständig ist, um hier im lauschigen

Plauderdunkel der Steinlauben mehr oder wenig von dem Schicksal der

Förstersfamilie zu vernehmen. Es ist ungewiß, inwieweit Ernst Land unterrichtet

war, als er an einem Novembertag auf der bekannten Wendeltreppe von »87

neu« zweimal in Gefahr kam, Hals und Beine zu brechen, und nachdem

unterschiedliche Thüren vor seiner deutschen Frage entrüstet ins Schloß gefallen

waren, endlich vor der alten Rosalka stand, welche ihn mit großem Mißtrauen

betrachtete. Er gefiel ihr nicht, das wußte sie im Augenblick. Er war ihr »zu

deutsch«. Das empfand sie dann und wann einem Menschen gegenüber, obwohl

sie nicht wußte, was diesen Eindruck hervorrief, kaum, ob es ein Zuviel oder ein

Mangel war. Sie starrte in die Gläser seines angelaufenen Kneifers, konnte die

Augen dahinter nicht finden und ließ sich die deutsche Frage zweimal

wiederholen, obwohl sie dieselbe verstanden hatte. Es versöhnte sie erst ein

wenig, als der junge Herr in einem sehr seltsamen Böhmisch unter großen

Anstrengungen die Geschichte eines Zimmers erzählte, welches irgendwo zu

vermieten sein sollte. Seit fünf Tagen wiederholte Land diese Behauptung vor

allen Thüren und war ganz satt und matt von den Speisedünsten und

Verwünschungen, welche er dafür mitbekommen hatte. Da Frau Wanka, mit welcher er sich deutsch verständigen konnte, keine unverhältnismäßigen

Ansprüche machte, und das Hinterzimmer ihm ruhig und erträglich schien,

beschloß er zu bleiben. »Lärm mache ich keinen,« sagte er mit seiner etwas

ängstlichen Stimme am Ende ihrer Unterredung, »und gestört werden Sie durch

mich nicht sein. Unter Tags bin ich ja viel im Geschäft und abends, – Gott, da

liest man ein wenig und . . .« »Bitte, bitte,« erwiderte Frau Wanka auch etwas

verlegen. Und in der Thüre wandte sie sich etwas zurück: »Verzeihen Sie, Herr,

vielleicht darf ich fragen, was Sie sind?« Pause. – »Apotheker,« sagte der junge

Mensch traurig und sah dabei in die Mauern der Maltheserkirche hinein. –

 

Sie störten einander wirklich nicht, Wankas und der junge Provisor. Sie

sahen einander kaum. Luisa vermied es, ihm zu begegnen; es schmerzte sie zu

sehr, einen fremden Menschen in das Zimmer des Zdenko eintreten zu sehen,

und sie konnte nicht fassen, wie die Mutter das hatte über sich bringen können.

Sie verstand die Mutter überhaupt nicht mehr, seit sie ihr eines Abends eine

lange Rede gehalten hatte, drin viel von dem ewigen Nichtsthun, mehr noch von

Pflicht und Arbeit handelte. Und als sich Luisa zage bereit gefunden hatte, in die

Häuser zu gehen oder für ein Geschäft zu arbeiten, geschah etwas sehr

Erstaunliches. »Du mußt höher hinauf, das ist nichts für dich,« so etwan war die

Erwiderung der Witwe, »ich hätte gleich von vornherein daran denken sollen.

Wozu hast du denn in Krummau Klavierstunden genommen; da kamst du doch

ziemlich weit. Und im Französischen. Wenn du es nach unserem Umzug nach

Prag nicht vernachlässigt hättest, könntest du heute schon Stunden geben.«

 

Luisa lauschte: »Stunden geben?«

 

»Freilich. Erst neulich sagte mir die Frau Oberstin, sie wüßte eine schöne

Stelle für dich, wenn du nur ein bißchen mit Kindern umzugehen verständest

und die Anfangsgründe im Französischen . . .« Das weitere vernahm Luisa gar

nicht, es war ihr zu neu und fremd, was die Mutter erzählte. Aber abends oft,

wenn die Mutter mit Rosalka in der Küche abrechnete, und Luisa, schon halb

entkleidet, am Rande ihres Bettes saß und sich so recht müde und klein fühlte,

faltete sie die Hände und sprach ihr erstes Kindergebet und glaubte seinen

lieben, verblaßten Worten, daß sie wirklich noch ein Kind, ein kleines, blondes

Kind sei, und sie sehnte etwas über sich wie einen treuen, traulichen Schutz und

träumte dann von Engeln mit breiten, goldenen Flügeln.

 

Aber trotz alledem war es wirklich nach dem Willen der Mutter geschehen.

Luisa nahm Unterricht in Musik und im Französischen, täglich mehrere Stunden,

und ihre Lehrerinnen versicherten, daß sie gute Fortschritte mache. Sie selbst wußte nichts davon. Sie begriff allmählich, daß sie einmal andere prächtige und

märchenhafte Dinge besessen hätte – es war lange her – und, daß der Ersatz, den

man ihr nun gab, arm und kalt und ohne alle Schönheit war. Und sie lebte einen

Winter in stumpfer, williger Ergebenheit hin, ohne daß irgend etwas sich

veränderte, als daß sie blasser, kleiner und leiser wurde. Ihr Schritt war kaum

mehr zu vernehmen, und wie oft erschrak eines von den Nachbarskindern, wenn

sie, ohne daß die Treppe geknarrt hatte, mitten im Gange stand, und es lief meist

schreiend davon, wenn das Mädchen die bleichen Hände ihm mit zaghafter

Zärtlichkeit entgegenhielt. – So schienen es äußerlich ganz ruhige Zeiten zu sein,

in welchen jeder seine Pflicht that ohne Erregung oder Störung und doch bestand

ein stiller und unerbittlicher Kampf zwischen der tüchtigen, thätigen Witwe, die

mit jedem Tag rüstiger wurde, und dem duldenden Mädchen, welches vor

Erstaunen noch nicht wußte, wie ihm geschah und gegen die rücksichtslose

Entschlossenheit der Mutter keine andere Waffe fand, als dieses unmerkliche,

stumme Verwelken, das seinem Gesichtchen eine so rührende, wehmütige

Schönheit verlieh.

 

Vielleicht sah Ernst Land diese Schönheit, aber er erkannte sie nicht. Er

fürchtete sich vor den Frauen und doch dachte er manchen Abend an sie, an

irgend ein unbestimmtes Bild von Anmut und Güte, welches bald die hütenden

Hände über ihm hielt, bald bang und zaghaft von seinem Schutz und seiner Hilfe

lebte. Er war in engen Verhältnissen mitten in der Stadt herangewachsen, ohne

Geschwister, ohne Freunde, förmlich großgehetzt von seinem alten, verbitterten

Vater, der nicht erwarten konnte, bis der Sohn zu verdienen begann. Er riß ihn

endlich aus den Studien, gerade als der Jüngling Gefallen gefunden hatte an der

Wissenschaft, und hielt seine Pflicht für erfüllt von dem Augenblicke an, da

Ernst in einer Apotheke untergebracht und versorgt war. Nun konnte er machen,

was er wollte. »Nun steht dir die Welt offen,« pflegte der alte Land mit dem

letzten Pathos, dessen er fähig war, zu erklären. Der junge Mann aber schien

keine Sehnsucht zu haben nach dieser »offenen Welt«. Seine Gedanken pilgerten

nicht hinaus in das Neue und Unbestimmte, wenn er sie nicht beobachtete,

kehrten sie auf tausend heimlichen Pfaden zu der einzigen, erloschenen

Schönheit seiner Kindheit zurück und knieten hin vor einer kleinen, traurigen

Frau, von der er nichts wußte, als daß sie weiche, slavische Lieder sang und zur

Zeit, da er begann in die Schule zu gehen, im dunklen Hinterzimmer auf dem

Bette lag und, ohne jemandem davon zu sagen, ganz langsam und lautlos,

vielleicht ein Jahr lang, starb. Damals fürchtete er sich fast vor ihr, aber als sie so

früh fortgegangen war, vermißte er sie überall und gewöhnte sich, alles Gute,

was ihm geschah, immer wieder ihrer zarten Liebe zuzuschreiben, von welcher er glaubte, daß sie über seinen Tagen wach geblieben sei. Es geht früh

verwaisten Kindern so: Alle Freuden, die ihre Gespielen sorglos und selig

untereinander teilen, wollen sie nicht antasten und winden sie in stiller Treue

immer wieder um das eine dunkle Bild ihrer Sehnsucht, das in diesem Rahmen

rührender Opfer mählich klarer, glücklicher, teilnehmender scheint. Und weil sie

arm bleiben, bleiben sie einsam und weil sie ihre Freuden nicht verraten,

gewinnen sie keine Genossen dafür. Überhaupt: wem die Mutter nicht den Weg

in die Welt gezeigt hat, der sucht und sucht und kann keine Thüre finden.

 

Erst seit der Provisor bei Wankas wohnte, konnte es geschehen, daß er

manchmal das Gefühl hatte, zu Hause zu sein. Er war gerne in seinem Stübchen

und brachte die freien Sonntage damit zu, vor dem großen Schreibtische, in den

schweren Rauchwolken seiner Pfeife verloren, in alten Büchern zu lesen, über

deren vergilbten Blättern er Heut und Morgen vergaß. Was Wunder, daß er ein

leises Pochen an seiner Thüre überhörte und erst erschreckt auffuhr, als Luisa

eintrat und hinter dem dichten Tabaksqualm zag und unschlüssig stehen blieb.

Sie war wie ein Traum in ihrem verblaßten, schmucklosen, blauen Kleid, mit den

großen, schweigsamen Augen, und weil sie Blumen in der Hand trug, drei

kleine, weiße Rosen, die sich scheu an sie anzuschmiegen schienen.

 

»Oh bitte, entschuldigen Sie,« sagte sie jetzt deutsch mit ein wenig

slavischem Tonfall, »ich habe gedacht, Sie sind schon fort zum Essen . . . Ich

will nur . . .« und jetzt ging sie an ihm vorbei und steckte die drei weißen Rosen

hinter ein kleines Brustbild Zdenkos, welches an der Fensterwand hing. Land

hatte es oft betrachtet. Er sah jetzt, wie ihre Hände zitterten vor schmerzlicher

Zärtlichkeit und, ganz in Anspruch genommen von diesem Schauen, war er nicht

imstande, etwas zu sagen oder zu thun oder zu denken. Er hörte noch das

Mädchen: »Sein erster Geburtstag, den er nicht mehr bei uns ist,« – und dann

war alles wie vordem, er stand allein in dem sonntagstillen Stübchen, und hätte

nun wohl weiterlesen können. Allein das gelang ihm nicht. Er mußte immer

wieder nach der Thüre hinsehen, als ob er irgendwen erwartete, und endlich

begann der Rauch ihn zu ärgern und er öffnete das Fenster, so daß die Luft des

klaren Februartages frisch und licht hereinfloß. Da war ihm einen Augenblick

sehr festlich zu Mute und er dachte: »ich habe hohe Gäste bekommen: drei

weiße Rosen« und lächelte wie im Traum.

 

Im September kommen viele aus den Waldsommern und von der See in die

Stadt zurück. Sie sind des Gehens in den Gassen nicht mehr gewohnt und halten

plötzlich, ehe sie sich dessen versehen, ihren Hut in der Hand wie im Walde,

oder sie singen ganz laut vor sich hin. Das macht: die Erinnerungen schlafen noch nicht in ihnen. Und wenn sie einander begegnen, sind sie redselig und

mitteilsam. Sie fühlen wie aus dem Erzählen etwas, wie der Glanz der letzten

lauschenden Tage aufsteigt und sich tröstend über die schwülen Straßen und

Plätze breitet. Und vielleicht sagen sich die beiden beim Abschiednehmen: »Sie

sehen sehr gut aus« – und »wie Sie sich verändert haben.« Und sie lächeln sich

einen Augenblick verlegen und dankbar an.

 

So war auch Luisa zurückgekehrt. Seit dem frühen Frühling war sie

fortgewesen: Es giebt da ein heißes, heimliches Land. Glühende Blumen sehen

sich in schwarze Teiche, über denen Vögel und Wolken rauschen. Weiße Wege

drängen sich zwischen die Stämme hoher und dunkler Bäume, und finden in

diesen Wäldern ein lautloses, wogendes Leben. Gestalten kommen in

unbegreiflichen Gewanden, und es können Menschen sein mit traurigen Mienen

oder mit kühlen, lächelnden Lippen. Erst geschieht dir, du hättest von ihnen

sagen hören und du mußt sinnen, wann und was. Aber sie küssen dich und da

erkennst du Freunde in ihnen, welche du geliebt und vergessen hast. Und du

willst sie reuig wieder küssen. Vor deinem Gruße aber entfremden ihre Züge,

und sie weichen zurück in den weiten, wogenden Wald, oder sie fallen dich an

mit grausamen, blutenden Worten und wollen, du sollst ihnen dein Herz

schenken dafür. Und es ist ein Land der Jugend: Kinder und Jünglinge,

Jungfrauen und junge Mütter mit ihrem wehen Glück tanzen und tasten die

leuchtenden Gelände hin und ihre Wangen sind heiß von einer fremden Freude.

Aber sie sehen einander nicht; denn in ihren Augen hat nichts Raum neben dem

Staunen. Wenn sie die anderen Pilger klagen oder lachen hören, lauschen sie hin

und glauben, daß das die Vögel sind oder die Wipfel oder die Winde. Sie haben

alle e i n Ziel: den Flammenberg, mitten im Lande. Und von dort findet manch

einer nicht mehr heim.

 

Luisa aber kam aus dem Lande, welches Fieber heißt, langsam und lächelnd

durch die Gärten der Genesung zurück. Zögernd erkannte sie sich selbst und die

Mutter, welche ihr weinend die Hände küßte, und die Stube, die wie geschmückt

war mit dem goldenen, vollen Septemberlicht. Es war eine festliche Wiederkehr.

 

Und was waren das für Tage seit dem ersten Ausgehen. Dieses fortwährende

Wiedersehen und Begrüßen mit allen Dingen und mit allen Leuten. Und die

Menschen lächelten, und die Dinge glänzten so. Sie ging wie an lauter

schimmernden Spiegeln hin, welche ihr verraten wollten, wie breit und groß sie

geworden sei. Sie wußte das auch. Sie fühlte sich stark und ausgeruht. Ohne

davon zu erzählen, begann sie ihre Stunden zu besuchen. Sie hatte nichts

vergessen, und noch vor Weihnachten konnte sie selbst einem kleinen Mädchen Klavierunterricht geben. Die Kleine hatte einen großen Respekt vor ihrer

Lehrerin, und doch waren ihre Rollen in Wirklichkeit umgekehrt. Die Liebe

dieses kleinen Wesens und seine Anhänglichkeit riefen täglich in Luisa eine

Menge neuer freudiger Empfindungen wach, und in ihr war ein Hinhorchen,

welchem des Kindes Fragen wie schöne, segnende Antworten klangen. Und ihr

geschah mit einemmale so Vieles in diesen heitern und ereignislosen Tagen, daß

sie nicht Zeit fand, über das Gestern hinauszublicken; was dahinter war, schien

eine einzige, große Vergangenheit und Versöhnung zu sein, aus welcher kein

Schatten mehr in dieses neue, reiche Leben hineinragte.

 

Am Weihnachtstage trat Luisa bei dem Provisor ein.

 

»Ich wollte Sie nur bitten, Herr Land, kommen Sie doch heute abend zu uns,

wenn Sie sonst nichts vorhaben.«

 

Ernst Land lächelte dankbar. Dann folgte er dem Blicke des Mädchens und

wurde verlegen. Über Zdenkos kleinem Brustbild waren drei frische, weiße

Rosen.

 

Luisa streckte ihm beide Hände hin: »Das haben Sie gethan?«

 

»Immer . . .« und Land ärgerte sich über sein Rotwerden und versprach

schnell, zu kommen.

 

In der Thür blieb das Mädchen nochmals stehen: »Sie sind immer so traurig,

Herr Land.«

 

Land schwieg.

 

»Woran denken Sie?« und der Blick, mit welchem sie das fragte, ergriff ihn

so, daß er mit einem Weinen in der Stimme gestand:

 

»An meine Mutter.«

 

Am Weihnachtsabend war über diese Menschen eine seltsame feierliche

Stimmung gekommen. Und sie wollte auch nachher nicht mehr aus den Stuben.

Sie blieb, wie der leise Tannenduft, über allen Dingen, selbst als Frau Josephine,

von einer jähen Schwäche befallen, die langen Tage im Bette zubrachte. Luisa

nahm ihr leise alle die kleinen häuslichen Mühen aus den Händen, eine nach der

anderen, so daß sie endlich nichts kannte, als diesen lautlosen, dämmernden

Feiertag hinter halbgesenkten Gardinen mit dem Ofensingen und dem silbernen

Uhrenschlagen. Und am Abend gab es sanfte und schweigsame Gespräche zwischen den beiden Frauen, und es kam kein Gestern darin vor; nur im Klange

der Stimmen bebte es noch: in der der Mutter als eine leise, zaghafte Bitte und in

den Worten des Mädchens als ein lichtes, tröstendes Verzeihen. Und dieses war

auch noch in dem tiefen Weinen wach, mit welchem Luisa sich eines Morgens

über die Mutter beugte, die ohne Kampf und Schmerz in einem versöhnten

Frieden von ihr gegangen war.

 

Schon eine Woche später nahm Luisa ihre Stunden wieder auf. Ihre Tage

waren alle randvoll von der Menge freudiger Pflichten, und wenn auch die

Nächte leer und bange über sie hereinbrachen, sie fühlte, daß ihr auch aus dem

Dunkel des Leides keine feindlichen Gefahren mehr entgegenkamen. In jener

Stille ihrer Genesung hatte sie sich zum erstenmal selbst gefunden und hatte sich

so reich und weit erkannt, daß ihr Heiligstes durch diesen Verlust nicht einsamer

geworden war. Der Gram lag nur wie in eine feine Begrenzung auf ihrem

Lächeln und auf ihrem Bewegen und konnte nicht mehr das Erwachen ihres

Wesens hemmen.

 

Im Februar dieses Jahres war noch viel Winter gewesen; allein im März gab

es einen Feiertag – es war das Josephifest – der alle Welt toll machte. Nicht nur

daß der Schnee nur da und dort noch an Hügeln und Bahndämmen, vergessen

und verachtet, lag, – ein Grünen war über die befreiten Wiesen gekommen, und

über Nacht wiegten sich in dem lauen, lichterjagenden Wind gelbe Kätzchen an

den langen, kahlen Ruten.

 

Da war Luisa ausgegangen, um in der Kirche von Loretto bei dem großen

Mittagshochamt zu beten. Aber sie war dann – kaum konnte sie sagen wie, an

dem lockenden Glockenspiel der Kapuziner vorübergewandert und hatte erst

aufgesehen, als sie hinter dem Baumgarten in einer der weiten einsamen Alleen

stand und die Arme ausbreitete. Sie empfand, wie sehr sie alles um sich liebte,

wie sehr das alles zu ihr gehörte, und daß dieses leise, freudige Werden mit

seinem heimlichen Glück und seiner süßen Sehnsucht ihr Schicksal sei, nicht

aber das, was Menschen in dunklem Drange wollten und irrten.

 

Auf dem Heimwege kamen ihr die lichten Schwärme fröhlicher Menschen

entgegen, und da blieb sie lächelnd stehen und schaute über die helle, lebende

Landschaft: Man konnte nicht glauben, daß alle diese lachenden Scharen wieder

Raum finden würden in den engen Häusern drüben. Das macht: jeder von ihnen

ist über sich selbst hinausgewachsen in den schimmernden Tag, den er kaum auf

den Schultern spürt. Und der leuchtende Himmel wirft seinen goldenen Glanz so

reich und rasch über die Menschen und Dinge, daß sie vergessen, ihre alltäglichen Schatten zu haben und selber Licht sind in dem flimmernden

Land. –

 

Bei diesem Bild mußte Luisa, sie wußte nicht warum, an Zdenko denken,

und ob es ihm einmal geschehen sei in seinem dunklen Leben, daß Menschen so,

licht und glücklich ihm entgegenkamen.

 

Dann wandte sie sich heimwärts. Die Schatten der Menschen lagen grau in

den kalten, verlassenen Gassen aufgeschichtet wie vergessene Alltagskleider,

und ein dumpfer Wintergeruch schien von ihnen auszugehen. Luisa fröstelte und

auf den ersten tückischen Vorschlag der schiefen Bürgersteige, zu laufen, ging

sie lustig ein und trabte nun recht kindisch bergab an den uralten Palästen vorbei,

deren mürrische Thorriesen zürnend auf sie niedersahen. Vor denen aber hatte

sie keine Furcht mehr.

 

In der Thür stand Rosalka und erzählte mit vielen Gesten den Nachbarinnen,

welche sie umdrängten, eine wichtige Neuigkeit, an welcher die Frauen eifrig

nickend Anteil nahmen. Sobald eine von ihnen Luisa erblickt hatte, begannen sie

alle in ungeduldigem Ungestüm zu winken und zu rufen. Einige Kinder schrieen

mit, und Luisa begriff von allem endlich nur das Wort: Besuch. Das genügte für

ihr größtes Erstaunen. Während sie die finstere Stiege hinauf jagte, gab es in

ihren Gedanken nur ein einziges, riesiges »Wer?«. Mit dieser Neugierde in den

Augen sprang sie in die Stube, wo Frau von Meering mit unverhehlter

Gekränktheit, steif und stramm, auf dem Sofa wartete. Aber das größere

Erstaunen war doch auf der Seite der Oberstin, welche eben erst ihr Beileid für

den letzten Unglücksfall mitgebracht hatte und außer stande war, diesem

strahlenden, atemlosen Kind eines von ihren schönen, gnädigen Trauerworten zu

zeigen. Sie fühlte eine mächtige, gerechte Entrüstung dieser lachenden

Gesundheit gegenüber und kam sich ebenso überflüssig vor wie bei jenem

früheren Fall. »Diese Leute,« dachte sie, »das muß in der Familie liegen.«

 

Inzwischen hatte Luisa sich zu einigen Entschuldigungen erholt und fragte

die Dame artig nach dem Grunde ihres Besuches. Frau von Meering drückte

hastig ihr Taschentuch vor das Gesicht und schluchzte aus einer Falte heraus:

»Ihre arme, arme Mutter.«

 

Als auf diese ergreifende Bemerkung keine Antwort kam, sah die Oberstin

auf und betonte mit strengen Augen: »Sie war eine sehr achtbare, brave Frau.«

 

Luisa saß mit gesenktem Blicke da und betrachtete – so schien es – die

Spitze ihres zierlichen Fußes. Die Dame wartete noch eine Weile, und da Luisa immer noch nicht zu weinen begann, erkannte sie, daß diesem verstockten

Mädchen gegenüber doch alle Milde und Anteilnahme erfolglos sein würde. Und

indem sie gleichsam in ihrer Miene schon anfing, sich zu erheben, fügte sie in

bitterem Tone hinzu:

 

»Ich wollte Ihnen nur das Eine sagen, mein Kind. Sie haben doch wohl

schon die Veränderungen überlegt, welche seit dem Tode ihrer braven Mutter

nötig geworden sind?«

 

»Ich weiß nicht« – zögerte Luisa verlegen.

 

»Es versteht sich doch von selbst, daß Sie diesem jungen Mann

augenblicklich kündigen müssen, der, wie ich mit Erstaunen vernehme, immer

noch bei Ihnen wohnt.«

 

»Aber –« machte Luisa mit großen, erstaunten Augen. Dann zuckte ein

Lächeln über ihr Gesicht, welches fast schelmisch war.

 

Frau von Meering stand schon an der Thür.

 

»Ich habe es für meine Pflicht gehalten, Sie darauf aufmerksam zu machen.

Sie können ja thun, wie es Ihnen beliebt.«

 

»Ja, gnädige Frau,« erwiderte Luisa in plötzlichem Übermut und stellte sich

auf die Fußspitzen, um die Oberstin, welche immer größer zu werden schien, zu

erreichen. Dann fragte sie lächelnd: »Wollen Sie nicht noch einen Augenblick

ausruhen, gnädige Frau?«

 

Die Dame aber entfloh aus diesem gräßlichen Hause. Sie war schon in der

Küche, wo sich ihr die alte Magd Rosalka ungestüm entgegenwarf, um ihr dann

ganz behutsam den Ärmel der Seidenmantille in der Nähe des Ellbogens zu

küssen. Die Beleidigte entriß sich mit einem knappen »Adieu« der sklavischen

Verehrung und fand in dem Gaffen der Hausgenossen auf Stiegen und Gängen

und in ihrer tuschelnden Bewunderung nur ein kleines Entgelt für diese

»erlittene Mißhandlung.«

 

Luisa blieb eine Weile nachdenklich stehen. Rosalka war nach vorn ans

Fenster gelaufen, um noch etwas von der vornehmen Dame zu sehen, welche,

wie sie betonte, »bei uns« zu Besuch war.

 

Als sie wieder zurückkam, hatte sie sehr neugierige Augen.

Luisa bemerkte es nicht. Sie sagte während des Auf- und Niederschreitens:

»Ich glaube, wir bleiben in dieser Wohnung. Und darüber hab' ich ganz

vergessen, mit Ihnen zu sprechen, Rosalka. Sie sind also jetzt bei mir im Dienst

und unter den alten Bedingungen. Sie wollen doch?«

 

Die Alte verschwor ihre zeitliche und ewige Glückseligkeit dafür, und dabei

passierte es, daß sie unter Thränen mit einemmal, statt wie von Kindheit her:

Loisinka, »Fräulein« zu ihrer Herrin gesagt hatte.

 

Dann pochte Luisa an Lands Thüre.

 

Er kam ihr lächelnd entgegen. »Sie Maulwurf,« rief sie ihn scherzend an,

»immer in der Stube. Heute müssen Sie mal hinaus aus der Stadt. Frühling! Ich

war draußen weit, weit« und sie machte eine Bewegung, als wollte sie ihm

zeigen, wo der Frühling liegt. Ihre Augen glänzten so verheißend. Dann fuhr sie

fort in wichtigem, geschäftlichem Ton: »Ich will Sie nicht stören, Herr Land.

Nur das wollte ich Ihnen mitteilen. Ich behalte die Wohnung; es bleibt also alles

beim alten, d. h. wenn Sie mit dem Zimmer sonst zufrieden sind?«

 

Er suchte ihre Augen und sah dann rasch zu Boden: »Oh,« sagte er weich,

»ich bin sehr gerne hier, ich glaube . . .« Er begann die Handflächen aneinander

zu reiben . . .

 

Luisa hatte die Klinke in der Hand behalten: »Das ist schön,« half sie ihm

und wurde auch etwas ratlos.

 

Er sah aus, als hätte er etwas auf dem Herzen.

 

Die beiden jungen Menschen schwiegen.

 

Dann begann das Mädchen: »Ich möchte so gern etwas besser deutsch

lernen, vielleicht können Sie ein wenig böhmisch brauchen dafür.«

 

»Ja« atmete Land auf, »ich liebe Ihre Sprache.«

 

»Also,« bat Luisa heiter, »dann kommen Sie doch, wenn Sie Zeit haben, eine

Weile nach vorn. Es giebt ein paar Bücher da, auch deutsche.«

 

Und in der Thüre fügte sie an: »Kommen Sie so oft Sie wollen,« und leiser:

»Sie müssen mir viel von Ihrer Mutter erzählen.«

End of Project Gutenberg's Zwei Prager Geschichten, by Rainer Maria Rilke

 

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