Abhandlung über den Ursprung der Sprache
Abhandlung über den Urspung der Sprache
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 4 Teile geteilt.
Ich habe Süßmilchs Schlußart einen ewigen Kreisel genannt: denn ich kann ihn ja ebensowohl gegen ihn, als er gegen mich drehen: und das Ding kreiselt immer fort. Ohne Sprache hat der Mensch keine Vernunft und ohne Vernunft keine Sprache. Ohne Sprache und Vernunft ist er keines göttlichen Unterrichts fähig, und ohne göttlichen Unterricht hat er doch keine Vernunft und Sprache – wo kommen wir da je hin? Wie kann der Mensch durch göttlichen Unterricht Sprache lernen, wenn er keine Vernunft hat? Und er hat ja nicht den mindsten Gebrauch der Vernunft ohne Sprache. Er soll also Sprache haben, ehe er sie hat und haben kann? Oder vernünftig werden können ohne den mindesten eignen Gebrauch der Vernunft? Um der ersten Silbe im göttlichen Unterricht fähig zu sein, mußte er ja, wie Herr Süßmilch selbst zugibt, ein Mensch sein, das ist deutlich denken können, und bei dem ersten deutlichen Gedanken war schon Sprache in seiner Seele da; sie war also aus eignen Mitteln und nicht durch göttlichen Unterricht erfunden. – Ich weiß wohl, was man bei diesem göttlichen Unterricht meistens im Sinne hat, nämlich den Sprachunterricht der Eltern an die Kinder; allein man besinne sich, daß das hier gar nicht der Fall ist. Eltern lehren die Kinder nie Sprache, ohne daß diese nicht immer selbst mit erfänden. Jene machen diese nur auf Unterschiede der Sachen, mittelst gewisser Wortzeichen, aufmerksam, und so ersetzen sie ihnen nicht etwa, sondern erleichtern und befördern ihnen nur den Gebrauch der Vernunft durch die Sprache. Will man solche übernatürliche Erleichterung aus andern Gründen annehmen, so geht das meinen Zweck nichts an; nur alsdenn hat Gott durchaus für die Menschen keine Sprache erfunden, sondern diese haben immer noch mit Würkung eigner Kräfte, nur unter höherer Veranstaltung, sich ihre Sprache finden müssen. Um das erste Wort, als Wort, d. i. als Merkzeichen der Vernunft, auch aus dem Munde Gottes empfangen zu können, war Vernunft nötig, und der Mensch mußte dieselbe Besinnung anwenden, dies Wort, als Wort, zu verstehen, als hätte ers ursprünglich ersonnen. Alsdenn fechten alle Waffen meines Gegners gegen ihn selbst: er mußte würklichen Gebrauch der Vernunft haben, um göttliche Sprache zu lernen; den hat immer ein lernendes Kind auch, wenn es nicht wie ein Papagei bloß Worte ohne Gedanken sagen soll. Was wären aber das für würdige Schüler Gottes, die so lernten? Und wenn die ewig so gelernt hätten, wo hätten wir denn unsre Vernunftsprache her?
Ich schmeichle mir, daß, wenn mein würdiger Gegner noch lebte, er einsähe, daß sein Einwurf, etwas mehr bestimmt, selbst der stärkste Beweis gegen ihn werde und daß er also unwissend in seinem Buche selbst Materialien zu seiner Widerlegung zusammengetragen. Er würde sich nicht hinter das Wort »Vernunftfähigkeit, die aber noch nicht im mindsten Vernunft ist« verstecken; denn man kehre, wie man wolle, so werden Widersprüche! Ein vernünftiges Geschöpf ohne den mindsten Gebrauch der Vernunft oder ein vernunftgebrauchendes Geschöpf ohne – Sprache! Ein vernunftloses Geschöpf, dem Unterricht Vernunft geben kann, oder ein unterrichtfähiges Geschöpf, was doch ohne Vernunft ist! Ein Wesen ohne den mindsten Gebrauch der Vernunft – und doch Mensch! Ein Wesen, das seine Vernunft aus natürlichen Kräften nicht brauchen konnte und doch beim übernatürlichen Unterricht natürlich brauchen lernte! Eine menschliche Sprache, die gar nicht menschlich war, d. i. die durch keine menschliche Kraft entstehen konnte, und eine Sprache, die doch so menschlich ist, daß sich ohne sie keine seiner eigentlichen Kräfte äußern kann! Ein Ding, ohne das er nicht Mensch war, und doch ein Zustand, da er Mensch war und das Ding nicht hatte, das also da war, ehe es da war, sich äußern mußte, ehe es sich äußern konnte usw. – Alle diese Widersprüche sind offenbar, wenn Mensch, Vernunft und Sprache für das Würkliche genommen werden, was sie sind, und das Gespenst von Worte »Fähigkeit« (Menschenfähigkeit, Vernunftfähigkeit, Sprachfähigkeit) in seinem Unsinn entlarvt wird.
»Aber die wilden Menschenkinder unter den Bären, hatten die Sprache? Und waren sie nicht Menschen?« Allerdings! Nur zuerst Menschen in einem widernatürlichen Zustande! Menschen in Verartung! Legt den Stein auf diese Pflanze, wird sie nicht krumm wachsen? Und ist sie nicht demungeachtet ihrer Natur nach eine aufschießende Pflanze? Und hat sich diese geradschießende Kraft nicht selbst da geäußert, da sie sich dem Steine krumm umschlang? Also zweitens selbst die Möglichkeit dieser Verartung zeigt menschliche Natur. Eben weil der Mensch keine so hinreißende Instinkte hat als die Tiere, weil er zu so mancherlei und zu allem schwächer fähig – kurz! weil er Mensch ist, so konnte er verarten. Würde er wohl so bärähnlich haben brummen und so bärähnlich haben kriechen lernen, wenn er nicht gelenksame Organe, wenn er nicht gelenksame Glieder gehabt hätte? Würde jedes andre Tier, ein Affe und Esel es so weit gebracht haben? Würkte also nicht würklich seine menschliche Natur dazu, daß er so unnatürlich werden konnte? Aber drittens blieb sie deswegen noch immer menschliche Natur; denn brummte, kroch, fraß, witterte er völlig wie ein Bär? Oder wäre er nicht ewig ein strauchelnder, stammlender Menschenbär und also ein unvollkommenes Doppelgeschöpf geblieben? Sowenig sich nun seine Haut und sein Antlitz, seine Füße und seine Zunge in völlige Bärengestalt ändern und wandeln konnten, sowenig, lasset uns nimmer zweifeln! konnte es die Natur seiner Seele. Seine Vernunft lag unter dem Druck der Sinnlichkeit, der bärartigen Instinkte begraben; aber sie war noch immer menschliche Vernunft, weil jene Instinkte nimmer völlig bärmäßig waren. Und daß das so gewesen, zeugt ja endlich die Entwicklung der ganzen Szene. Als die Hindernisse weggewälzet, als diese Bärmenschen zu ihrem Geschlecht zurückgekehrt waren, lernten sie nicht natürlicher aufrecht gehen und sprechen, als sie dort, immer unnatürlich, kriechen und brummen gelernt hatten? Dies konnten sie immer nur bärähnlich; jenes lernten sie in weniger Zeit ganz menschlich. Welcher ihrer vorigen Mitbrüder des Waldes lernte das mit ihnen? Und weil es kein Bär lernen konnte, weil er nicht Anlage des Körpers und der Seele dazu besaß, mußte der Menschenbär diese nicht noch immer im Zustande seiner Verwilderung erhalten haben? Hätte sie ihm bloß Unterricht und Gewohnheit gegeben, warum nicht dem Bären? Und was hieße es doch, jemand durch Unterricht Vernunft und Menschlichkeit geben, der sie nicht schon hat? Vermutlich hat alsdenn diese Nadel dem Auge die Sehkraft gegeben, dem sie die Starhaut wegschaffet. Was wollen wir also aus dem unnatürlichsten Falle von der Natur schließen? Gestehen wir aber ein, daß er ein unnatürlicher Fall sei – wohl! so bestätigt er die Natur!
Die ganze Rousseausche Hypothese von Ungleichheit der Menschen ist, bekannterweise, auf solche Fälle der Abartung gebauet, und seine Zweifel gegen die Menschlichkeit der Sprache betreffen entweder falsche Ursprungsarten oder die beregte Schwürigkeit, daß schon Vernunft zur Spracherfindung gehört hätte. Im ersten Fall haben sie recht, im zweiten sind sie widerlegt und lassen sich ja aus Rousseaus Munde selbst widerlegen. Sein Phantom, der Naturmensch, dieses entartete Geschöpf, das er auf der einen Seite mit der Vernunftfähigkeit abspeiset, wird auf der andern mit der Perfektibilität, und zwar mit ihr als Charaktereigenschaft, und zwar mit ihr in so hohem Grade belehnet, daß er dadurch von allen Tiergattungen lernen könne – und was hat nun Rousseau ihm nicht zugestanden! Mehr, als wir wollen und brauchen! Der erste Gedanke: »Siehe! das ist dem Tier eigen! Der Wolf heult! Der Bär brummt!«, schon der ist (in einem solchen Lichte gedacht, daß er sich mit dem zweiten verbinden könnte: »Das habe ich nicht«!) würkliche Reflexion; und nun der dritte und vierte: »Wohl! das wäre auch meiner Natur gemäß! Das könnte ich nachahmen! Das will ich nachahmen! Dadurch wird mein Geschlecht vollkommner!«, welche Menge von feinen, fortschließenden Reflexionen! da das Geschöpf, das nur die erste sich auseinandersetzen konnte, schon Sprache der Seele haben mußte! schon die Kunst zu denken besaß, die die Kunst zu sprechen schuf. Der Affe äffet immer nach, aber nachgeahmt hat er nie, nie mit Besonnenheit zu sich gesprochen: »Das will ich nachahmen, um mein Geschlecht vollkommner zu machen!«, denn hätte er das je, hätte er eine einzige Nachahmung sich zu eigen gemacht, sie in seinem Geschlecht mit Wahl und Absicht verewigt, hätte er auch nur ein einziges Mal eine einzige solche Reflexion denken können – denselben Augenblick war er kein Affe mehr! In aller seiner Affengestalt, ohne einen Laut seiner Zunge, war er inwendig sprechender Mensch, der sich über kurz oder lang seine äußerliche Sprache erfinden mußte – welcher Orang-Utan aber hat je mit allen menschlichen Sprachwerkzeugen ein einziges menschliches Wort gesprochen?
Es gibt freilich noch Negerbrüder in Europa, die da sagen: »Ja vielleicht – wenn er nur sprechen wollte! – oder in Umständen käme! – oder könnte!« – Könnte! das wäre wohl das beste. Denn die beiden vorigen »Wenn« sind durch die Tiergeschichte gnugsam widerlegt – und durch die Werkzeuge wird, wie gesagt, bei ihm das Können nicht aufgehalten! Er hat einen Kopf von außen und innen wie wir, hat er aber je geredet? Papagei und Star haben gnug menschliche Schälle gelernet; aber auch ein menschliches Wort gedacht? – Überhaupt gehen uns hier noch die äußern Schälle der Worte nicht an; wir reden von der innern, notwendigen Genesis eines Worts, als dem Merkmal einer deutlichen Besinnung – wenn aber hat das je eine Tierart, auf welche Weise es sei, geäußert? Abgemerkt müßte dieser Faden der Gedanken, dieser Diskurs der Seele, immer werden können, er äußere sich, wie er wolle; wer hat das aber je? Der Fuchs hat tausendmal so gehandelt, als ihn Äsop handeln läßt; er hat aber nie in Äsops Sinne gehandelt, und das erstemal, daß er das kann, wird Meister Fuchs sich seine Sprache erfinden und über Äsop so fabeln können als Äsop jetzt über ihn. Der Hund hat viele Worte und Befehle verstehen gelernt, aber nicht als Worte, sondern als Zeichen, mit Gebärden, mit Handlungen verbunden; verstünde er je ein einziges Wort im menschlichen Sinne, so dienet er nicht mehr, so schaffet er sich selbst Kunst und Republik und Sprache. Man siehet, wenn man einmal den Punkt der genauen Genese verfehlt, so ist das Feld des Irrtums zu beiden Seiten unermeßlich groß! Da ist die Sprache bald so übermenschlich, daß sie Gott erfinden muß, bald so unmenschlich, daß jedes Tier sie erfinden könnte, wenn es sich die Mühe nähme. Das Ziel der Wahrheit ist nur ein Punkt! Auf den hingestellet, sehen wir aber auf alle Seiten: Warum kein Tier Sprache erfinden kann? kein Gott Sprache erfinden darf? und der Mensch, als Mensch, Sprache erfinden kann und muß?
Weiter mag ich aus der Metaphysik die Hypothese des göttlichen Sprachenursprunges nicht verfolgen, da psychologisch ihr Ungrund darin gezeigt ist, daß, um die Sprache der Götter im Olymp zu verstehen, der Mensch schon Vernunft, folglich schon Sprache haben müsse. Noch weniger kann ich mich in ein angenehmes Detail der Tiersprachen einlassen, da sie doch alle, wie wir gesehen, total und inkommensurabel von der menschlichen Sprache abstehen. Dem ich am ungernsten entsage, wären hier die mancherlei Aussichten, die von diesem genetischen Punkt der Sprache in der menschlichen Seele in die weiten Felder der Logik, Ästhetik und Psychologie, insonderheit über die Frage gehen: Wie weit kann man ohne? – Was muß man mit der Sprache denken? – eine Frage, die sich nachher in Anwendungen fast über alle Wissenschaften ausbreitet. Hier sei es gnug, die Sprache als den wirklichen Unterscheidungscharakter unsrer Gattung von außen zu bemerken, wie es die Vernunft von innen ist.
In mehr als einer Sprache hat also auch »Wort« und »Vernunft«, »Begriff« und »Wort«, »Sprache« und »Ursache« einen Namen, und diese Synonymie enthält ihren ganzen genetischen Ursprung. Bei den Morgenländern ists der gewöhnlichste Idiotismus geworden, das Anerkennen einer Sache Namengebung zu nennen; denn im Grunde der Seele sind beide Handlungen eins. Sie nennen den Menschen das redende Tier und die unvernünftigen Tiere die Stummen. Der Ausdruck ist sinnlich charakteristisch, und das griechische a????? fasset beides. Es wird sonach die Sprache ein natürliches Organ des Verstandes, ein solcher Sinn der menschlichen Seele, wie sich die Sehekraft jener sensitiven Seele der Alten das Auge und der Instinkt der Biene seine Zelle bauet.
Vortrefflich, daß dieser neue, selbstgemachte Sinn des Geistes gleich in seinem Ursprunge wieder ein Mittel der Verbindung ist. Ich kann nicht den ersten menschlichen Gedanken denken, nicht das erste besonnene Urteil reihen, ohne daß ich in meiner Seele dialogiere oder zu dialogieren strebe; der erste menschliche Gedanke bereitet also seinem Wesen nach, mit andern dialogieren zu können! Das erste Merkmal, was ich erfasse, ist Merkwort für mich, und Mitteilungswort für andre!
– Sic verba, quibus voces sensusque notarent
Nominaque invenere –
Horat.
Dritter Abschnitt
Der Brennpunkt ist ausgemacht, auf welchem Prometheus' himmlischer Funke in der menschlichen Seele zündet: beim ersten Merkmal ward Sprache. Aber welches waren die ersten Merkmale zu Elementen der Sprache?
I. Töne
Cheseldens Blinder zeigt, wie langsam sich das Gesicht entwickle, wie schwer die Seele zu den Begriffen von Raum, Gestalt und Farbe komme, wieviel Versuche gemacht, wieviel Meßkunst erworben werden muß, um diese Merkmale deutlich zu gebrauchen; das war also nicht der füglichste Sinn zu Sprache. Zudem waren seine Phänomene so kalt und stumm, die Empfindungen der grobern Sinne wiederum so undeutlich und ineinander, daß nach aller Natur entweder nichts oder das Ohr der erste Lehrmeister der Sprache wurde.
Da ist z. E. das Schaf. Als Bild schwebet es dem Auge mit allen Gegenständen, Bildern und Farben auf einer großen Naturtafel vor – wie viel, wie mühsam zu unterscheiden! Alle Merkmale sind fein verflochten, nebeneinander – alle noch unaussprechlich! Wer kann Gestalt reden? Wer kann Farben tönen? Er nimmt das Schaf unter seine tastende Hand – das Gefühl ist sicherer und voller, aber so voll, so dunkel ineinander. Wer kann, was er fühlt, sagen? Aber horch! das Schaf blöket! Da reißt sich ein Merkmal von der Leinwand des Farbenbildes, worin so wenig zu unterscheiden war, von selbst los, ist tief und deutlich in die Seele gedrungen. »Ha!« sagt der lernende Unmündige wie jener Blindgewesene Cheseldens, »nun werde ich dich wiederkennen – du blökst!« Die Turteltaube girrt! Der Hund bellet! Da sind drei Worte, weil er drei deutliche Ideen versuchte, diese in seine Logik, jene in sein Wörterbuch! Vernunft und Sprache taten gemeinschaftlich einen furchtsamen Schritt, und die Natur kam ihnen auf halbem Wege entgegen – durchs Gehör. Sie tönte das Merkmal nicht bloß vor, sondern tief in die Seele hinein! Es klang! Die Seele haschte – da hat sie ein tönendes Wort!
Der Mensch ist also als ein horchendes, merkendes Geschöpf zur Sprache natürlich gebildet, und selbst ein Blinder und Stummer, siehet man, müßte Sprache erfinden, wenn er nur nicht fühllos und taub ist. Setzet ihn gemächlich und behaglich auf eine einsame Insel: die Natur wird sich ihm durchs Ohr offenbaren. Tausend Geschöpfe, die er nicht sehen kann, werden doch mit ihm zu sprechen scheinen, und bliebe auch ewig sein Mund und sein Auge verschlossen, seine Seele bleibt nicht ganz ohne Sprache. Wenn die Blätter des Baumes dem armen Einsamen Kühlung herabrauschen, wenn der vorbeimurmelnde Bach ihn in den Schlaf wieget und der hinzusäuselnde West seine Wangen fächelt – das blökende Schaf gibt ihm Milch, die rieselnde Quelle Wasser, der rauschende Baum Früchte – Interesse gnug, die wohltätigen Wesen zu kennen, Dringnis gnug, ohne Augen und Zunge in seiner Seele sie zu nennen. Der Baum wird der Rauscher, der West Säusler, die Quelle Riesler heißen. – Da liegt ein kleines Wörterbuch fertig und wartet auf das Gepräge der Sprachorgane. Wie arm und sonderbar aber müßten die Vorstellungen sein, die dieser Verstümmelte mit solchen Schällen verbindet!
Nun lasset dem Menschen alle Sinne frei; er sehe und taste und fühle zugleich alle Wesen, die in sein Ohr reden – Himmel! Welch ein Lehrsaal der Ideen und der Sprache! Führet keinen Merkur und Apollo als Opernmaschinen von den Wolken herunter – die ganze vieltönige, göttliche Natur ist Sprachlehrerin und Muse! Da führet sie alle Geschöpfe bei ihm vorbei: jedes trägt seinen Namen auf der Zunge und nennet sich, diesem verhülleten sichtbaren Gotte! als Vasall und Diener. Es liefert ihm sein Merkwort ins Buch seiner Herrschaft, wie einen Tribut, damit er sich bei diesem Namen seiner erinnere, es künftig rufe und genieße. Ich frage, ob je diese Wahrheit: »Eben der Verstand, durch den der Mensch über die Natur herrschet, war der Vater einer lebendigen Sprache, die er aus Tönen schallender Wesen zu Merkmalen der Unterscheidung sich abzog«, ich frage, ob je diese trockne Wahrheit auf morgenländische Weise edler und schöner könne gesagt werden als: »Gott führte die Tiere zu ihm, daß er sähe, wie er sie nennete! Und wie er sie nennen würde, so sollten sie heißen!« Wo kann es auf morgenländische, poetische Weise bestimmter gesagt werden: Der Mensch erfand sich selbst Sprache! – aus Tönen lebender Natur! – zu Merkmalen seines herrschenden Verstandes! – Und das ist, was ich beweise.
Hätte Engel oder himmlischer Geist die Sprache erfunden: wie anders, als daß ihr ganzer Bau ein Abdruck von der Denkart dieses Geistes sein müßte? Denn woran könnte ich ein Bild, von einem Engel gemalt, kennen als an dem Englischen, Überirdischen seiner Züge? Wo findet das aber bei unsrer Sprache statt? Bau und Grundriß, ja selbst der erste Grundstein dieses Palastes verrät Menschheit!
In welcher Sprache sind himmlische, geistige Begriffe die ersten? Jene Begriffe, die auch nach der Ordnung unsres denkenden Geistes die ersten sein müßten – Subjekte, notiones communes, die Samenkörner unsrer Erkenntnis, die Punkte, um die sich alles wendet und alles zurückführt – sind diese lebende Punkte Elemente der Sprache? Die Subjekte müßten doch natürlicherweise vor dem Prädikat und die einfachsten Subjekte vor den zusammengesetzten, was da tut und handelt vor dem, was es handelt, das Wesentliche und Gewisse vor dem Ungewissen, Zufälligen vorhergegangen sein. – Ja, was man nicht alles schließen könnte, und – in unsern ursprünglichen Sprachen findet durchgängig das offenbare Gegenteil statt. Ein hörendes, aufhorchendes Geschöpf ist kennbar, aber kein himmlischer Geist: denn – tönende Verba sind die ersten Machtelemente. Tönende Verba? Handlungen und noch nichts, was da handelt? Prädikate und noch kein Subjekt? Der himmlische Genius mag sich dessen zu schämen haben, aber nicht das sinnliche menschliche Geschöpf; denn was rührte dies wie wir gesehen, inniger als diese tönenden Handlungen? Und was ist also die ganze Bauart der Sprache anders als eine Entwickelungsweise seines Geistes, eine Geschichte seiner Entdeckungen! Der göttliche Ursprung erklärt nichts und läßt nichts aus sich erklären; er ist, wie Bako von einer andern Sache sagt, heilige Vestalin – Gott geweihet, aber unfruchtbar, fromm, aber zu nichts nütze!
Das erste Wörterbuch war also aus den Lauten aller Welt gesammlet. Von jedem tönenden Wesen klang sein Name: Die menschliche Seele prägte ihr Bild drauf, dachte sie als Merkzeichen – wie anders, als daß diese tönenden Interjektionen die ersten wurden, und so sind z. E. die morgenländischen Sprachen voll Verba als Grundwurzeln der Sprache. Der Gedanke an die Sache selbst schwebte noch zwischen dem Handelnden und der Handlung; der Ton mußte die Sache bezeichnen, so wie die Sache den Ton gab; aus den Verbis wurden also Nomina und nicht Verba aus den Nominibus. Das Kind nennet das Schaf als Schaf nicht, sondern als ein blökendes Geschöpf und macht also die Interjektion zu einem Verbo. Im Stufengange der menschlichen Sinnlichkeit wird diese Sache erklärbar, aber nicht in der Logik des höhern Geistes.
Alle alte, wilde Sprachen sind voll von diesem Ursprunge, und in einem philosophischen Wörterbuch der Morgenländer wäre jedes Stammwort mit seiner Familie, recht gestellet und gesund entwickelt, eine Karte vom Gange des menschlichen Geistes, eine Geschichte seiner Entwicklung und ein ganzes solches Wörterbuch die vortrefflichste Probe von der Erfindungskunst der menschlichen Seele – ob aber auch von der Sprach- und Lehrmethode Gottes? Ich zweifle!
Indem die ganze Natur tönt, so ist einem sinnlichen Menschen nichts natürlicher, als daß sie lebt, sie spricht, sie handelt. Jener Wilde sahe den hohen Baum mit seinem prächtigen Gipfel und bewunderte: der Gipfel rauschte! Das ist webende Gottheit! Der Wilde fällt nieder und betet an! Sehet da die Geschichte des sinnlichen Menschen, das dunkle Band, wie aus den Verbis Nomina werden – und den leichtesten Schritt zur Abstraktion! Bei den Wilden von Nordamerika z. B. ist noch alles belebt: jede Sache hat ihren Genius, ihren Geist, und daß es bei Griechen und Morgenländern ebenso gewesen, zeugt ihr ältestes Wörterbuch und Grammatik – sie sind wie die ganze Natur dem Erfinder war, ein Pantheon! ein Reich belebter, handelnder Wesen!
Indem der Mensch aber alles auf sich bezog, indem alles mit ihm zu sprechen schien und würklich für oder gegen ihn handelte, indem er also mit oder dagegen teilnahm, liebte oder haßte und sich alles menschlich vorstellte; alle diese Spuren der Menschlichkeit drückten sich auch in die ersten Namen! Auch sie sprachen Liebe oder Haß, Fluch oder Segen, Sanftes oder Widrigkeit, und insonderheit wurden aus diesem Gefühl in so vielen Sprachen die Artikel! Da wurde alles menschlich, zu Weib und Mann personifiziert; überall Götter, Göttinnen, handelnde, bösartige oder gute Wesen! Der brausende Sturm und der süße Zephyr, die klare Wasserquelle und der mächtige Ozean – ihre ganze Mythologie liegt in den Fundgruben, den Verbis und Nominibus der alten Sprachen, und das älteste Wörterbuch war so ein tönendes Pantheon, ein Versammlungssaal beider Geschlechter, als den Sinnen des ersten Erfinders die Natur. Hier ist die Sprache einer alten, einfältigen, wilden Nation ein Studium in den Irrgängen menschlicher Phantasie und Leidenschaften, wie ihre Mythologie. Jede Familie von Wörtern ist ein verwachsnes Gebüsche um eine sinnliche Hauptidee, um eine heilige Eiche, auf der noch Spuren sind, welchen Eindruck der Erfinder von dieser Dryade hatte. Die Gefühle sind ihm zusammengewebt; was sich beweget, lebt; was da tönet, spricht – und da es für oder wider dich tönt, so ists Freund oder Feind, Gott oder Göttin, es handelt aus Leidenschaften wie du!
Ein menschliches, sinnliches Geschöpf liebe ich über diese Denkart. Ich sehe überall den schwachen, schüchternen Empfindsamen, der lieben oder hassen, trauen oder fürchten muß und diese Empfindungen aus seiner Brust über alle Wesen ausbreiten möchte. Ich sehe überall das schwache und doch mächtige Geschöpf, das das ganze Weltall nötig hat und alles mit sich in Krieg und Frieden verwickelt; das von allem abhangt und doch über alles herrschet. Die Dichtung und die Geschlechterschaffung der Sprache sind also Interesse der Menschheit und die Genitalien der Rede gleichsam das Mittel ihrer Fortpflanzung. Aber nun – wenn sie ein höherer Genius aus den Sternen hinuntergebracht – wie? Wurde dieser Genius aus den Sternen auf unsrer Erde unter dem Monde in solche Leidenschaften von Liebe und Schwachheit, von Haß und Furcht verwickelt, daß er alles in Zuneigung und Haß verflocht, daß er alle Worte mit Furcht und Freude bezeichnete, daß er endlich alles auf Begattungen bauete? Sahe und fühlte er, wie ein Mensch siehet, daß sich ihm die Nomina in Geschlechter und Artikel paaren mußten, daß er die Verba tätig und leidend zusammengab, ihnen so viel echte und Doppelkinder zuerkannte, kurz, daß er die ganze Sprache auf das Gefühl menschlicher Schwachheiten bauete? – Sahe und fühlte er so?
Einem Verteidiger des übernatürlichen Ursprunges ists göttliche Ordnung der Sprache, »daß die meisten Stammwörter einsilbig, die Verba meistens zweisilbig sind und also die Sprache nach dem Maße des Gedächtnisses eingeteilt sei«. Das Faktum ist nicht genau und der Schluß unsicher. In den Resten der für die älteste angenommenen Sprache sind die Wurzeln alle zweisilbige Verba, welches ich nun aus dem vorigen sehr gut erklären kann, da die Hypothese des Gegenteils keinen Grund findet. Diese Verba nämlich sind unmittelbar auf die Laute und Interjektionen der tönenden Natur gebauet, die oft noch in ihnen tönen, hie und da auch noch als Interjektionen aufbehalten sind; meistens aber mußten sie, als halbinartikulierte Töne, verlorengehen, da sich die Sprache formte. In den morgenländischen Sprachen fehlen also diese ersten Versuche der stammelnden Zunge; aber daß sie fehlen und nur ihre regelmäßigen Reste in den Verbis tönen, das eben zeigt von der Ursprünglichkeit und – Menschlichkeit der Sprache. Sind diese Stämme Schätze und Abstraktionen aus dem Verstande Gottes oder die ersten Laute des horchenden Ohrs? Die ersten Schälle der stammelnden Zunge? Das Menschengeschlecht in seiner Kindheit hat sich ja eben die Sprache geformet, die ein Unmündiger stammlet: es ist das lallende Wörterbuch der Ammenstube – wo bleibt das im Munde der Erwachsnen?
Was so viele Alten sagen und so viel Neuere ohne Sinn nachgesagt, nimmt hieraus sein sinnliches Leben, daß nämlich Poesie älter gewesen als Prose! Denn was war diese erste Sprache als eine Sammlung von Elementen der Poesie? Nachahmung der tönenden, handelnden, sich regenden Natur! Aus den Interjektionen aller Wesen genommen und von Interjektionen menschlicher Empfindung belebet! Die Natursprache aller Geschöpfe vom Verstande in Laute gedichtet, in Bilder von Handlung, Leidenschaft und lebender Einwürkung! Ein Wörterbuch der Seele, was zugleich Mythologie und eine wunderbare Epopee von den Handlungen und Reden aller Wesen ist! Also eine beständige Fabeldichtung mit Leidenschaft und Interesse! – Was ist Poesie anders?
Ferner. Die Tradition des Altertums sagt, die erste Sprache des menschlichen Geschlechts sei Gesang gewesen, und viele gute musikalische Leute haben geglaubt, die Menschen könnten diesen Gesang wohl den Vögeln abgelernt haben. – Das ist freilich viel geglaubt! Eine große, wichtige Uhr mit allen ihren scharfen Rädern und neugespannten Federn und Zentnergewichten kann wohl ein Glockenspiel von Tönen machen, aber den neugeschaffnen Menschen mit seinen würksamen Triebfedern, mit seinen Bedürfnissen, mit seinen starken Empfindungen, mit seiner fast blind beschäftigten Aufmerksamkeit und endlich mit seiner rohen Kehle dahinsetzen, um die Nachtigall nachzuäffen und sich von ihr eine Sprache zu ersingen, ist, in wie vielen Geschichten der Musik und Poesie es auch stehe, für mich unbegreiflich. Freilich wäre eine Sprache durch musikalische Töne möglich (wie auch Leibniz auf den Gedanken gekommen!). Aber für die ersten Naturmenschen war diese Sprache nicht möglich, so künstlich und fein ist sie. In der Reihe der Wesen hat jedes Ding seine Stimme und eine Sprache nach seiner Stimme. Die Sprache der Liebe ist im Nest der Nachtigall süßer Gesang wie in der Höhle des Löwen Gebrüll, im Forste des Wildes wiehernde Brunst und im Winkel der Katze Zetergeschrei; jede Gattung redet die ihrige, nicht für den Menschen, sondern für sich, und für sich so angenehm als Petrarcas Gesang an seine Laura! Sowenig also die Nachtigall singt, um den Menschen, wie man sich einbildet, vorzusingen, sowenig wird der Mensch sich dadurch je Sprache erfinden wollen, daß er der Nachtigall nachtrillert. – Und was ists doch für ein Ungeheuer, eine menschliche Nachtigall in einer Höhle oder im Walde der Jagd?
War also die erste Menschensprache Gesang, so wars Gesang, der ihm so natürlich, seinen Organen und Naturtrieben so angemessen war als der Nachtigallengesang ihr selbst, die gleichsam eine schwebende Lunge ist, und das war – eben unsre tönende Sprache. Condillac, Rousseau und andre sind hier halb auf den Weg gekommen, indem sie die Prosodie und den Gesang der ältesten Sprachen vom Geschrei der Empfindung herleiten, und ohne Zweifel belebte Empfindung freilich die ersten Töne und erhob sie; so wie aber aus den bloßen Tönen der Empfindung nie menschliche Sprache entstehen konnte, die dieser Gesang doch war, so fehlt noch etwas, ihn hervorzubringen, und das war eben die Namennennung eines jeden Geschöpfs nach seiner Sprache. Da sang und tönte also die ganze Natur vor, und der Gesang des Menschen war ein Konzert aller dieser Stimmen, sofern sie sein Verstand brauchte, seine Empfindung faßte, seine Organe sie ausdrücken konnten. – Es ward Gesang, aber weder Nachtigallenlied noch Leibnizens musikalische Sprache, noch ein bloßes Empfindungsgeschrei der Tiere: Ausdruck der Sprache aller Geschöpfe, innerhalb der natürlichen Tonleiter der menschlichen Stimme!
Selbst da die Sprache später mehr regelmäßig, eintönig und gereihet wurde, blieb sie noch immer eine Gattung Gesang, wie es die Akzente so vieler Wilden bezeugen; und daß aus diesem Gesange, nachher veredelt und verfeinert, die älteste Poesie und Musik entstanden, hat jetzt schon mehr als einer bewiesen. Der philosophische Engländer, der sich in unserm Jahrhunderte an diesen Ursprung der Poesie und Musik gemacht, hätte am weitsten kommen können, wenn er nicht den Geist der Sprache von seiner Untersuchung ausgeschlossen und minder auf sein System ausgegangen wäre, Poesie und Musik auf einen Vereinigungspunkt einzuschließen, auf welchem keine sich recht zeigen kann, als auf den Ursprung von beiden aus der ganzen Natur des Menschen. Überhaupt, da die besten Stücke der alten Poesie Reste dieser sprachsingenden Zeiten sind, so sind die Mißkenntnisse, die Veruntreuungen und die schiefen Geschmacksfehler ganz unzählig, die man aus dem Gange der ältesten Gedichte, der griechischen Trauerspiele und Deklamationen herausbuchstabiert hat. Wieviel hätte hier noch ein Philosoph zu sagen, der unter den Wilden, wo noch dies Zeitalter lebt, den Ton gelernt hätte, diese Stücke zu lesen! Sonst und gewöhnlich sieht man immer nur Gewebe des verkehrten Teppichs! Disiecti membra poetae! – Doch ich verlöre mich in ein unermeßliches Feld, wenn ich mich in einzelne Sprachanmerkungen einlassen wollte – also zurück auf den ersten Erfindungsweg der Sprache!
Wie aus Tönen, zu Merkmalen vom Verstande geprägt, Worte wurden, war sehr begreiflich; aber nicht alle Gegenstände tönen; woher nun für diese Merkworte, bei denen die Seele sie nenne? Woher dem Menschen die Kunst, was nicht Schall ist, in Schall zu verwandeln? Was hat die Farbe, die Rundheit mit dem Namen gemein, der aus ihr so entstehe wie der Name »Blöken« aus dem Schafe? – Die Verteidiger des übernatürlichen Ursprungs wissen hier gleich Rat: »Willkürlich! Wer kanns begreifen und im Verstande Gottes nachsuchen, warum grün, grün und nicht blau heißt? Ohne Zweifel hats ihm so beliebt!«, und damit ist der Faden abgeschnitten! Alle Philosophie über die Erfindungskunst der Sprache schwebt also willkürlich in den Wolken, und für uns ist jedes Wort eine qualitas occulta, etwas Willkürliches! – Nun mag mans nicht übelnehmen, daß ich in diesem Falle das Wort »willkürlich« nicht begreife. Eine Sprache willkürlich und ohne allen Grund der Wahl aus dem Gehirn zu erfinden, ist wenigstens für eine menschliche Seele, die zu allem einen, wenn auch nur einigen Grund haben will, solch eine Qual, als für den Körper, sich zu Tode streicheln zu lassen. Bei einem rohen sinnlichen Naturmenschen überdem, dessen Kräfte noch nicht fein gnug sind, um ins Unnütze hinzuspielen, der, ungeübt und stark, nichts ohne dringende Ursache tut und nichts vergebens tun will, bei dem ist die Erfindung einer Sprache aus schaler, leerer Willkür der ganzen Analogie seiner Natur entgegen; und es ist überhaupt der ganzen Analogie aller menschlichen Seelenkräfte entgegen, eine aus reiner Willkür ausgedachte Sprache.
Also zur Sache. Wie hat der Mensch, seinen Kräften überlassen, sich auch
II. eine Sprache, wo ihm kein Ton vortönte,
erfinden können? Wie hängt Gesicht und Gehör, Farbe und Wort, Duft und Ton zusammen?
Nicht unter sich in den Gegenständen; aber was sind denn diese Eigenschaften in den Gegenständen? Sie sind bloß sinnliche Empfindungen in uns, und als solche fließen sie nicht alle in eins? Wir sind ein denkendes sensorium commune, nur von verschiednen Seiten berührt – da liegt die Erklärung.
Allen Sinnen liegt Gefühl zum Grunde, und dies gibt den verschiedenartigsten Sensationen schon ein so inniges, starkes, unaussprechliches Band, daß aus dieser Verbindung die sonderbarsten Erscheinungen entstehen. Mir ist mehr als ein Beispiel bekannt, da Personen natürlich, vielleicht aus einem Eindruck der Kindheit, nicht anders konnten, als unmittelbar durch eine schnelle Anwandelung mit diesem Schall jene Farbe, mit dieser Erscheinung jenes ganz verschiedne, dunkle Gefühl verbinden, was durch die Vergleichung der langsamen Vernunft mit ihr gar keine Verwandtschaft hat; denn wer kann Schall und Farbe, Erscheinung und Gefühl vergleichen? Wir sind voll solcher Verknüpfungen der verschiedensten Sinne; nur wir bemerken sie nicht anders als in Anwandlungen, die uns aus der Fassung setzen, in Krankheiten der Phantasie oder bei Gelegenheiten, wo sie außerordentlich merkbar werden. Der gewöhnliche Lauf unsrer Gedanken geht so schnell, die Wellen unsrer Empfindungen rauschen so dunkel ineinander, es ist auf einmal so viel in unsrer Seele, daß wir in Absicht der meisten Ideen wie im Schlummer an einer Wasserquelle sind, wo wir freilich noch das Rauschen jeder Welle hören, aber so dunkel, daß uns endlich der Schlaf alles merkbare Gefühl nimmt. Wäre es möglich, daß wir die Kette unsrer Gedanken anhalten und an jedem Gliede seine Verbindung suchen könnten – welche Sonderbarkeiten! welche fremde Analogien der verschiedensten Sinne, nach denen doch die Seele geläufig handelt! Wir wären alle, für ein bloß vernünftiges Wesen, jener Gattung von Verrückten ähnlich, die klug denken, aber sehr unbegreiflich und albern verbinden!
Bei sinnlichen Geschöpfen, die durch viele verschiedne Sinne auf einmal empfinden, ist diese Versammlung von Ideen unvermeidlich; denn was sind alle Sinne anders als bloße Vorstellungsarten einer positiven Kraft der Seele? Wir unterscheiden sie, aber wieder nur durch Sinne; also Vorstellungsarten durch Vorstellungsarten. Wir lernen mit vieler Mühe, sie im Gebrauche trennen – in einem gewissen Grunde aber würken sie noch immer zusammen. Alle Zergliederungen der Sensation bei Buffons, Condillacs und Bonnets empfindendem Menschen sind Abstraktionen: Der Philosoph muß einen Faden der Empfindung liegenlassen, indem er den andern verfolgt – in der Natur aber sind alle die Fäden ein Gewebe! – Je dunkler nun die Sinne sind, desto mehr fließen sie ineinander; und je ungeübter, je weniger man noch gelernt hat, einen ohne den andern zu brauchen, mit Adresse und Deutlichkeit zu brauchen, desto dunkler! – Laßt uns dies auf den Anfang der Sprache anwenden! Die Kindheit und Unerfahrenheit des menschlichen Geschlechts hat sie erleichtert!
Der Mensch trat in die Welt hin; von welchem Ozean wurde er auf einmal bestürmt! Mit welcher Mühe lernte er unterscheiden! Sinne erkennen! erkannte Sinne allein gebrauchen! Das Sehen ist der kälteste Sinn, und wäre er immer so kalt, so entfernt, so deutlich gewesen, als ers uns durch eine Mühe und Übung vieler Jahre geworden ist, so sehe ich freilich nicht, wie man, was man sieht, hörbar machen könne? Allein die Natur hat dafür gesorgt und den Weg näher angezogen; denn selbst dies Gesicht war, wie Kinder und Blindgewesene zeugen, anfangs nur Gefühl. Die meisten sichtbaren Dinge bewegen sich; viele tönen in der Bewegung, wo nicht, so liegen sie dem Auge in seinem ersten Zustande gleichsam näher, unmittelbar auf ihm und lassen sich also fühlen. Das Gefühl liegt dem Gehör so nahe, seine Bezeichnungen, z. E. hart, rauh, weich, wolligt, sammet, haarigt, starr, glatt, schlicht, borstig usw., die doch alle nur Oberflächen betreffen und nicht einmal tief einwürken, tönen alle, als ob mans fühlte. Die Seele, die im Gedränge solcher zusammenströmenden Empfindungen und in der Bedürfnis war, ein Wort zu schaffen, griff und bekam vielleicht das Wort eines nachbarlichen Sinnes, dessen Gefühl mit diesem zusammenfloß – so wurden für alle und selbst für den kältesten Sinn Worte. Der Blitz schallet nicht, wenn er nun aber ausgedrückt werden soll, dieser Bote der Mitternacht!
Der jetzt im Nu enthüllet Himmel und Erd
und eh ein Mensch noch sagen kann: Sieh da!
Schon in den Schlund der Finsternis hinab ist –
natürlich wirds ein Wort machen, das durch Hülfe eines Mittelgefühls dem Ohr die Empfindung des Urplötzlichschnellen gibt, die das Auge hatte – »Blitz«! – Das Wort: Duft, Ton, süß, bitter, sauer usw. tönen alle, als ob man fühlte; denn was sind ursprünglich alle Sinne anders als Gefühl? – Wie aber Gefühl sich in Laut äußern könne, das haben wir schon im ersten Abschnitte als ein unmittelbares Naturgesetz der empfindenden Maschine angenommen, das wir weiter nicht erklären mögen!
Und so führen sich alle Schwürigkeiten auf folgende zwo erwiesene deutliche Sätze zurück.
1) Da alle Sinne nichts als Vorstellungsarten der Seele sind, so habe sie nur deutliche Vorstellung, mithin Merkmal, mit dem Merkmal hat sie innere Sprache.
2) Da alle Sinne, insonderheit im Zustande der menschlichen Kindheit, nichts als Gefühlsarten einer Seele sind, alles Gefühl aber nach einem Empfindungsgesetz der tierischen Natur unmittelbar seinen Laut hat, so werde dies Gefühl nur zum Deutlichen eines Merkmals erhöht, so ist das Wort zur äußern Sprache da. Hier kommen wir auf eine Menge sonderbarer Betrachtungen, wie die Weisheit der Natur den Menschen durchaus dazu organisiert hat, um sich selbst Sprache zu erfinden. Hier ist die Hauptbemerkung: »Da der Mensch bloß durch das Gehör die Sprache der lehrenden Natur empfängt und ohne das die Sprache nicht erfinden kann, so ist Gehör auf gewisse Weise der mittlere seiner Sinne, die eigentliche Tür zur Seele und das Verbindungsband der übrigen Sinne geworden.« Ich will mich erklären!
1. Das Gehör ist der mittlere der menschlichen Sinne an Sphäre der Empfindbarkeit von außen. Gefühl empfindet alles nur in sich und in seinem Organ; das Gesicht wirft uns große Strecken weit aus uns hinaus; das Gehör steht an Grad der Mitteilbarkeit in der Mitte. Was das für die Sprache tut? Setzet ein Geschöpf, selbst ein vernünftiges Geschöpf, dem das Gefühl Hauptsinn wäre (im Fall dies möglich ist!), wie klein ist seine Welt! Und da es diese nicht durchs Gehör empfindet, so wird es sich wohl vielleicht wie das Insekt ein Gewebe, aber nicht durch Töne eine Sprache bauen! Wiederum ein Geschöpf, ganz Auge – wie unerschöpflich ist die Welt seiner Beschauungen! wie unermeßlich weit wird es aus sich geworfen, in welche unendliche Mannigfaltigkeit zerstreuet! Seine Sprache (wir haben davon keinen Begriff!) würde eine Art unendlich feiner Pantomime, seine Schrift eine Algebra durch Farben und Striche werden – aber tönende Sprache nie! Wir hörende Geschöpfe stehn in der Mitte: wir sehen, wir fühlen; aber die gesehene, gefühlte Natur tönet! Sie wird Lehrmeisterin zur Sprache durch Töne! Wir werden gleichsam Gehör durch alle Sinne!
Lasset uns die Bequemlichkeit unsrer Stelle fühlen – dadurch wird jeder Sinn sprachfähig. Freilich gibt Gehör nur eigentlich Töne, und der Mensch kann nichts erfinden, sondern nur finden, nur nachahmen; allein auf der einen Seite liegt das Gefühl nebenan, auf der andern ist das Gesicht der nachbarliche Sinn; die Empfindungen vereinigen sich und kommen also alle der Gegend nahe, wo Merkmale zu Schällen werden. So wird, was man sieht, so wird, was man fühlt, auch tönbar. Der Sinn zur Sprache ist unser Mittel- und Vereinigungssinn geworden; wir sind Sprachgeschöpfe.
2. Das Gehör ist der mittlere unter den Sinnen an Deutlichkeit und Klarheit und also wiederum Sinn zur Sprache. Wie dunkel ist das Gefühl! es wird übertäubt! es empfindet alles ineinander. Da ist mit Mühe ein Merkmal der Anerkennung abzusondern: es wird unaussprechlich!
Wiederum das Gesicht ist so helle und überglänzend, es liefert eine solche Menge von Merkmalen, daß die Seele unter der Mannigfaltigkeit erliegt und etwa eins nur so schwach absondern kann, daß die Wiedererkennung daran schwer wird. Das Gehör ist in der Mitte. Alle ineinanderfallende dunkle Merkmale des Gefühls läßts liegen! Alle zu feine Merkmale des Gesichts auch! Aber da reißt sich vom belasteten, betrachteten Objekt ein Ton los? In den sammlen sich die Merkmale jener beiden Sinne – der wird Merkwort! Das Gehör greift also von beiden Seiten um sich: macht klar, was zu dunkel; macht angenehmer, was zu helle war: bringt in das Dunkel-Mannigfaltige des Gefühls mehr Einheit, und in das Zu-hell-Mannigfaltige des Gesichts auch. Und da diese Anerkennung des Mannigfaltigen durch eins, durch ein Merkmal, Sprache wird, ists Organ der Sprache.
3. Das Gehör ist der mittlere Sinn in Ansehung der Lebhaftigkeit und also Sinn der Sprache. Das Gefühl überwältigt, das Gesicht ist zu kalt und gleichgültig; jenes dringt zu tief in uns, als daß es Sprache werden könnte, dies bleibt zu ruhig vor uns. Der Ton des Gehörs dringt so innig in unsre Seele, daß er Merkmal werden muß; aber noch nicht so übertäubend, daß er nicht klares Merkmal werden könnte. – Das ist Sinn der Sprache.
Wie kurz, ermüdend und unausstehlich wäre die Sprache jedes gröbern Sinnes für uns? Wie verwirrend und kopfleerend für uns die Sprache des zu feinen Gesichts? Wer kann immer schmecken, fühlen und riechen, ohne nicht bald, wie Pope sagt, einen aromatischen Tod zu sterben? Und wer immer mit Aufmerksamkeit ein Farbenklavier begaffen, ohne nicht bald zu erblinden? Aber hören, gleichsam hörend Worte denken, können wir länger und fast immer – das Gehör ist für die Seele, was die grüne, die Mittelfarbe, fürs Gesicht ist. Der Mensch ist zum Sprachgeschöpfe gebildet.
4. Das Gehör ist der mittlere Sinn in Betracht der Zeit, in der es würkt, und also Sinn der Sprache. Das Gefühl wirft alles auf einmal in uns hin; es regt unsre Saiten stark, aber kurz und springend, das Gesicht stellt uns alles auf einmal vor, und schreckt also den Lehrling durch die unermeßliche Tafel des Nebeneinander ab. Durchs Gehör, sehet! wie uns die Lehrmeisterin der Sprache schonet! Sie zählt uns nur einen Ton nach dem andern in die Seele, gibt und ermüdet nie, gibt und hat immer mehr zu geben – sie übet also das ganze Kunststück der Methode: sie lehret progressiv! Wer könnte da nicht Sprache fassen, sich Sprache erfinden?
5. Das Gehör ist der mittlere Sinn in Absicht des Bedürfnisses sich auszudrücken und also Sinn der Sprache. Das Gefühl würkt unaussprechlich dunkel, allein um so weniger darfs ausgesprochen werden – es geht so sehr unser Selbst an! Es ist so eigennützig und in sich gesenkt! – Das Gesicht ist für den Spracherfinder unaussprechlich; allein was brauchts sogleich ausgesprochen zu werden? Die Gegenstände bleiben! Sie lassen sich durch Winke zeigen! Die Gegenstände des Gehörs aber sind mit Bewegung verbunden: sie streichen vorbei. Eben dadurch aber tönen sie auch. Sie werden aussprechlich, weil sie ausgesprochen werden müssen, und dadurch, daß sie ausgesprochen werden müssen, durch ihre Bewegung, werden sie aussprechlich. – Welche Fähigkeit zur Sprache!
6. Das Gehör ist der mittlere Sinn in Absicht seiner Entwicklung und also Sinn der Sprache. Gefühl ist der Mensch ganz: der Embryon in seinem ersten Augenblick des Lebens fühlet wie der Junggeborne. Das ist Stamm der Natur, aus dem die zärtern Aste der Sinnlichkeit wachsen, und der verflochtne Knäuel, aus dem sich alle feinere Seelenkräfte entwickeln. Wie entwickeln sich diese? Wie wir gesehen, durchs Gehör, da die Natur die Seele zur ersten deutlichen Empfindung durch Schälle wecket, also gleichsam aus dem dunkeln Schlaf des Gefühls wecket und zu noch feinerer Sinnlichkeit reifet. Wäre z. B. das Gesicht schon vor ihm entwickelt da, oder wäre es möglich, daß es anders als durch den Mittelsinn des Gehörs aus dem Gefühl erwecket wäre – welche weise Armut! welche hellsehende Dummheit! Wie schwürig würde es einem solchen Geschöpf, ganz Auge! wenn es doch Mensch sein sollte, das, was es sähe, zu benennen! das kalte Gesicht mit dem wärmern Gefühl, mit dem ganzen Stamme der Menschheit zu einverbinden! – Doch die Instanz selbst wird widersprechend; der Weg zu Entwicklung der menschlichen Natur – ist besser und einzig! Da alle Sinne zusammenwürken, sind wir, durchs Gehör, gleichsam immer in der Schule der Natur, lernen abstrahieren und zugleich sprechen; das Gesicht verfeinert sich und die Vernunft: die Vernunft und die Gabe der Bezeichnung, und so wenn der Mensch zu der feinsten Charakteristik sichtlicher Phänomene kommt – welch ein Vorrat von Sprache und Sprachähnlichkeiten liegt schon fertig! Er nahm den Weg aus dem Gefühl in den Sinn feiner Phantasmen nicht anders als über den Sinn der Sprache und hat also gelernt tönen, sowohl was er siehet, als was er fühlte.
Könnte ich nun hier alle Enden zusammennehmen und mit einmal das Gewebe sichtbar machen, was menschliche Natur heißt: durchaus ein Gewebe zur Sprache. Dazu, sahen wir, war dieser positiven Denkkraft Raum und Sphäre erteilet, dazu ihr Stoff und Materie abgewogen, dazu Gestalt und Form geschaffen, dazu endlich Sinne organisiert und gereihet – zu Sprache! Darum denkt der Mensch nicht heller, nicht dunkler; darum sieht und fühlt er nicht schärfer, nicht länger, nicht lebhafter; darum hat er diese, nicht mehr und nicht andre Sinne – alles wiegt gegeneinander! ist ausgespart und ersetzt! mit Absicht angelegt und verteilt! Einheit und Zusammenhang! Proportion und Ordnung! Ein Ganzes! Ein System! Ein Geschöpf von Besonnenheit und Sprache, von Besinnung und Sprachschaffung! Wollte jemand, nach allen Beobachtungen, noch diese Bestimmung zum Sprachgeschöpfe leugnen, der müßte aus dem Beobachter der Natur erst ihr Zerstörer werden, alle angezeigte Harmonien in Mißtöne zerreißen, das ganze Prachtgebäude der menschlichen Kräfte in Trümmern schlagen, seine Sinnlichkeit verwüsten und statt des Meisterstücks der Natur ein Geschöpf fühlen, voll Mängel und Lücken, voll Schwächen und Konvulsionen! Und wenn denn nun auf der andern Seite die Sprache auch genau so ist, wie sie nach dem Grundriß und der Wucht des vorigen Geschöpfes hat entstehen müssen? –
Ich gehe, das letzte zu beweisen, obgleich hier mir noch ein sehr angenehmer Spaziergang vorläge, es nach den Regeln der Sulzerschen Theorie des Vergnügens zu berechnen, was eine Sprache durchs Gehör für uns für Vorzüge und Annehmlichkeiten für der Sprache andrer Sinne hätte. – Der Spaziergang führte aber zu weit, und man muß ihm entsagen, wenn noch die Hauptstraße zu sichern und zu berichtigen weit vorliegt. – Also erstlich
I. »Je älter und ursprünglicher die Sprachen sind, desto mehr wird diese Analogie der Sinne in ihren Wurzeln merklich!«
Wenn wir in spätern Sprachen den Zorn schon als Phänomenon des Gesichts oder als Abstraktum in den Wurzeln charakterisieren; z. E. durch das Funkeln der Augen, das Glühen der Wangen usw., und ihn also nur sehen oder denken, so höret ihn der Morgenländer! Höret ihn schnauben! Höret ihn brennenden Rauch und stürmende Funken sprühen! Das ward Stamm des Worts: die Nase Sitz des Zorns. Das ganze Geschlecht der Zornwörter und Zornmetaphern schnauben ihren Ursprung.
Wenn uns das Leben sich durch Pulsschlag, durch Wallen und feine Merkmale auch in der Sprache äußert, so offenbarte es sich jenem laut othmend, der Mensch lebte, da er hauchte; starb, da er aushauchte; und man hört die Wurzel des Worts wie den ersten belebten Adam hauchen.
Wenn wir das Gebären nach unsrer Art charakterisieren, so hört jener auch in den Benennungen Geschrei der Mutterangst oder bei Tieren das Ausschütteln eines Fruchtschlauches; um diese Mittelidee wenden sich seine Bilder!
Wenn wir im Wort Morgenröte etwa das Schöne, Glänzende, Frische dunkel hören, so fühlt der harrende Wandrer in Orient auch in der Wurzel des Worts den ersten, schnellen, erfreulichen Lichtstrahl, den unsereiner vielleicht nie gesehen, wenigstens nie mit dem Gefühl gefühlet. – Die Beispiele aus den alten und wilden Sprachen werden unzählig, wie herzlich und starkempfindend sie aus Gehör und Gefühl charakterisieren, und ein Werk von der Art, was so recht das Grundgefühl solcher Ideen bei verschiednen Völkern aufsuchte, wäre eine völlige Demonstration für meinen Satz und für die menschliche Erfindung der Sprache.
II. »Je älter und ursprünglicher die Sprachen sind, desto mehr durchkreuzen sich auch die Gefühle in den Wurzeln der Wörter!«
Man schlage das erste beste morgenländische Wörterbuch auf, und man wird den Drang sehen, sich ausdrücken zu wollen! Wie der Erfinder Ideen aus einem Gefühl hinausriß und für ein anderes borgte! wie er bei den schwersten, kältesten, deutlichsten Sinnen am meisten borgte! wie alles Gefühl und Laut werden mußte, um Ausdruck zu werden! Daher die starken, kühnen Metaphern in den Wurzeln der Worte! daher die Übertragungen aus Gefühl in Gefühl, so daß die Bedeutungen eines Stammworts, und noch mehr seiner Abstammungen, gegeneinandergesetzt, das buntscheckigste Gemälde werden. Die genetische Ursache liegt in der Armut der menschlichen Seele und im Zusammenfluß der Empfindungen eines rohen Menschen. Man sieht sein Bedürfnis, sich auszudrücken, so deutlich. Man siehts in immer größerm Maß, je weiter die Idee vom Gefühl und Ton in der Empfindung weg lag, daß man nicht mehr an der Menschlichkeit des Ursprungs der Sprache zweifeln darf. Denn wie wollen die Verfechter einer andern Entstehung diese Durchwebung der Ideen in den Wurzeln der Wörter erklären? War Gott so ideen- und wortarm, daß er zu dergleichen verwirrendem Wortgebrauch seine Zuflucht nehmen mußte? Oder war er so sehr Liebhaber von Hyberbolen, ungereimten Metaphern, daß er diesen Geist bis in die Grundwurzeln seiner Sprache prägte?
Die sogenannte göttliche Sprache, die ebräische, ist von diesen Kühnheiten ganz geprägt, so daß der Orient auch die Ehre hat, sie mit seinem Namen zu bezeichnen. Allein, daß man doch ja nicht diesen Metapherngeist asiatisch nenne, als wenn er sonst nirgend anzutreffen wäre! In allen wilden Sprachen lebt er; nur freilich in jeder nach Maß der Bildung der Nation und nach Eigenheit ihrer Denkart. Ein Volk, das seine Gefühle nicht viel und nicht scharf unterschied, ein Volk, das nicht Herz gnug hatte, sich auszudrücken und Ausdrücke mächtig zu rauben – wird auch wegen Nuancen des Gefühls weniger verlegen sein oder sich mit schleichenden Halbausdrücken behelfen. Eine feurige Nation offenbart ihren Mut in solchen Metaphern, sie mag in Orient oder Nordamerika wohnen; die aber in ihrem tiefsten Grunde die meisten solcher Verpflanzungen zeigt, deren Sprache ist voraus die ärmste, die älteste, die ursprünglichste gewesen, und die war ohne Zweifel in Orient.
Man siehet, wie schwer bei einer solchen Sprache ein wahres Etymologikon sein müsse. Die so verschiedne Bedeutungen eines radicis, die in einer Stammtafel abgeleitet und auf ihren Ursprung zurückgeführt werden sollen, sind nur durch so dunkle Gefühle, durch flüchtige Nebenideen, durch Mitempfindungen verwandt, die aus dem Grunde der Seele steigen und wenig in Regeln gefasset werden können! Ihre Verwandtschaften sind ferner so national, so sehr nach der eignen Denk- und Sehart des Volks, des Erfinders, in dem Lande, in der Zeit, in den Umständen, daß sie von einem Nord-und Abendländer unendlich schwer zu treffen sind und in langen, kalten Umschreibungen unendlich leiden müssen. Da sie ferner von der Not erzwungen und im Affekt, im Gefühl, in der Verlegenheit des Ausdrucks erfunden wurden – welch ein Glück gehört dazu, dasselbe Gefühl zu treffen? Und endlich, da im Wörterbuche von der Art die Wörter und die Bedeutungen eines Worts aus so verschiednen Zeiten, Anlässen und Denkarten gesammlet werden sollen und sich also diese augenblickliche Bestimmungen ins Unendliche vermehren – wie vervielfältigt sich da die Mühe! Welch ein Scharfsinn, in diese Umstände und Bedürfnisse einzudringen, und welche Mäßigung, bei den Auslegungen verschiedner Zeiten darin maßzuhalten! Welche Kenntnis und Biegsamkeit der Seele gehört dazu, sich so ganz diesen rohen Witz, diese kühne Phantasie, dies Nationalgefühl fremder Zeiten zu geben und es nach den unsrigen zu modernisieren! Aber eben damit würde auch nicht bloß in die Geschichte, Denkart und Literatur des Landes, sondern überhaupt in die dunkle Gegend der menschlichen Seele eine Fackel getragen, wo sich die Begriffe durchkreuzen und verwickeln! Wo die verschiedenste Gefühle einander erzeugen, wo eine dringende Gelegenheit alle Kräfte der Seele aufbietet und die ganze Erfindungskunst, der sie fähig ist, zeiget. Jeder Schritt wäre in einem solchen Werk Entdeckung und jede neue Bemerkung der vollständigste Beweis von der Menschlichkeit des Ursprungs der Sprache.
Schultens hat sich an der Entwicklung einiger solchen Originum der hebräischen Sprache Ruhm erworben. Jede Entwicklung ist eine Probe meiner Regel. Ich glaube aber, vieler Ursachen wegen, nicht, daß die Origines der ersten menschlichen Sprache, wenn es auch die hebräische wäre, je vollständig entwickelt werden können.
Ich folgre noch eine Anmerkung, die zu allgemein und wichtig ist, um übergangen zu werden. Der Grund der kühnen Wortmetaphern lag in der ersten Erfindung; aber wie? wenn spät nachher, wenn schon alles Bedürfnis weggefallen ist, aus bloßer Nachahmungssucht oder Liebe zum Altertum dergleichen Wort- und Bildergattungen bleiben? und gar noch ausgedehnt und erhöhet werden? Denn, o denn wird der erhabne Unsinn, das aufgedunsne Wortspiel daraus, was es im Anfang eigentlich nicht war. Dort wars kühner, männlicher Witz, der denn vielleicht am wenigsten spielen wollte, wenn er am meisten zu spielen schien! Es war rohe Erhabenheit der Phantasie, die solch Gefühl in solchem Worte herausarbeitete; aber nun im Gebrauche schaler Nachahmer, ohne solches Gefühl, ohne solche Gelegenheit – Ach! Ampullen von Worten ohne Geist! Und das ist das Schicksal aller derer Sprachen in spätern Zeiten gewesen, deren erste Formen so kühn waren. Die spätern französischen Dichter können sich nicht versteigen, weil die ersten Erfinder ihrer Sprache sich nicht verstiegen haben: ihre ganze Sprache ist Prose der gesunden Vernunft und hat ursprünglich fast kein poetisches Wort, das dem Dichter eigen wäre; aber die Morgenländer? die Griechen? die Engländer? und wir Deutschen?
Daraus folgt, daß je älter eine Sprache ist, je mehr solcher Kühnheiten in ihren Wurzeln ist, hat sie lange gelebt, sich lange fortgebildet, um so weniger muß man auf jede Kühnheit des Ursprungs losdringen, als wenn jeder dieser sich durchkreuzenden Begriffe auch jedesmal in jedem späten Gebrauch mitgedacht worden wäre. Die Metapher des Anfangs war Drang zu sprechen; nimmt mans nachher in jedem Fall, wo das Wort schon geläufig geworden war und seine Schärfe abgenutzt hatte, für Fruchtbarkeit und Energie, alle solche Sonderbarkeiten zu verbinden – was für klägliche Beispiele wimmeln da in ganzen Schulen der morgenländischen Sprachen!