Abhandlung über den Ursprung der Sprache
Abhandlung über den Urspung der Sprache
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 4 Teile geteilt.
Die jungen Enten entschlupfen der Henne, die sie ausgebrütet, und hören, vergnügt in dem Elemente plätschernd, in das sie der Ruf der mütterlichen Natur hinzog, die warnende, rufende Stimme ihrer Stiefmutter nicht, die am Ufer jammert. So würde es das Menschenkind auch machen, wenn es mit dem Instinkt der Ente auf die Welt käme. Jeder Vogel bringt die Geschicklichkeit, Nester zu bauen, aus seinem Ei und nimmt sie auch, ohne sie fortzupflanzen, in sein Grab: die Natur unterrichtet für ihn. Alles bleibt also einzeln, das unmittelbare Werk der Natur, und so wird keine Progression der Seele des Geschlechts, kein Ganzes, wie es die Natur am Menschen wollte. Den band sie also durch Not und einen zuvorkommenden Elterntrieb, für den die Griechen das Wort st???? hatten, zusammen, und so wurde ein Band des Unterrichts und der Erziehung ihm wesentlich. Da hatten Eltern den Kreis ihrer Ideen nicht für sich gesammlet, er war zugleich da, um mitgeteilt zu werden, und der Sohn hat den Vorteil, den Reichtum ihres Geistes schon frühe, wie im Auszuge, zu erben. Jene tragen die Schuld der Natur ab, indem sie lehren, diese füllen das ideenlose Bedürfnis ihrer Natur aus, indem sie lernen, so wie sie nachher wieder ihre Schuld der Natur abtragen werden, diesen Reichtum mit eignem zu vermehren und ihn wieder weiter fortzupflanzen. Kein einzelner Mensch ist für sich da, er ist in das Ganze des Geschlechts eingeschoben, er ist nur eins für die fortgehende Folge.
Was dies auf die ganze Kette für Würkung tue, sehen wir später, hier schränken wir uns nur auf den Zusammenhang der ersten zween Ringe ein, auf die Bildung einer Familiendenkart durch den Unterricht der Erziehung und – da der Unterricht der eignen Seele, der Ideenkreis der Elternsprache ist, so wird die Fortbildung des menschlichen Unterrichts durch den Geist der Familie, durch den die Natur das ganze Geschlecht verknüpft hat, auch Fortbildung der Sprache.
Warum hängt dieser Unmündige so schwach und unwissend an den Brüsten seiner Mutter, an den Knien seines Vaters? Damit er lehrbegierig sei und Sprache lerne. Er ist schwach, damit sein Geschlecht stark werde. Nun teilt sich ihm mit der Sprache die ganze Seele, die ganze Denkart seiner Erzeuger mit, aber ebendeswegen teilen sie es ihm gerne mit, weil es ihr Selbstgedachtes, Selbstgefühltes, Selbsterfundenes ist, was sie mitteilen. Der Säugling, der die ersten Worte stammlet, stammlet die Gefühle seiner Eltern wieder und schwört mit jedem frühen Stammlen, nach dem sich seine Zunge und Seele bildet, diese Gefühle zu verewigen, so wahr er sie Vater- oder Muttersprache nennet. Lebenslang werden diese ersten Eindrücke seiner Kindheit, diese Bilder aus der Seele und dem Herzen seiner Eltern in ihm leben und würken; mit dem Wort wird das ganze Gefühl wiederkommen, was damals frühe seine Seele überströmte, mit der Idee des Worts alle Nebenideen, die ihm damals bei diesem neuen frühen Morgenausblick in das Reich der Schöpfung vorlagen – sie werden wiederkommen und mächtiger würken als die reine, klare Hauptidee selbst. Das wird also Familiendenkart und mithin Familiensprache. Da steht nun der kalte Philosoph und frägt: »Durch welches Gesetz denn wohl die Menschen ihre willkürlich erfundne Sprache einander hätten aufdringen und den andern Teil hätten veranlassen können, das Gesetz anzunehmen?« Diese Frage, über die Rousseau so pathetisch und ein andrer Schriftsteller so lange predigt, beantwortet sich, wenn wir einen Blick in die Ökonomie der Natur des menschlichen Geschlechts tun, von selbst, und wer kann nun die vorigen Predigten aushalten?
Ists denn nicht Gesetz und Verewigung gnug, diese Familienfortbildung der Sprache? Das Weib, in der Natur so sehr der schwächere Teil, muß es nicht von dem erfahrnen, versorgenden, sprachbildenden Manne Gesetz annehmen? Ja heißts Gesetz, was bloß milde Wohltat des Unterrichts ist? Das schwache Kind, das so eigentlich ein Unmündiger heißt, muß es nicht Sprache annehmen, da es mit ihr die Milch seiner Mutter und den Geist seines Vaters genießet? Und muß diese Sprache nicht verewigt werden, wenn etwas verewigt wird? O die Gesetze der Natur sind mächtiger als alle Konventionen, die die schlaue Politik schließet und der weise Philosoph aufzählen will! Die Worte der Kindheit – diese unsre frühen Gespielen in der Morgenröte des Lebens, mit denen sich unsre ganze Seele zusammen bildete –, wenn werden wir sie verkennen? wenn werden wir sie vergessen? Unsre Muttersprache war ja zugleich die erste Welt, die wir sahen, die ersten Empfindungen, die wir fühlten, die erste Würksamkeit und Freude, die wir genossen! Die Nebenideen von Ort und Zeit, von Liebe und Haß, von Freude und Tätigkeit, und was die feurige, heraufwallende Jugendseele sich dabei dachte, wird alles mit verewigt – nun wird die Sprache schon Stamm!
Und je kleiner dieser Stamm ist, desto mehr gewinnt er an innerer Stärke. Unsre Väter, die nichts selbst gedacht, nichts selbst erfunden, die alles mechanisch gelernt haben – was bekümmern sich die um Unterricht ihrer Söhne, um Verewigung dessen, was sie ja selbst nicht besitzen? Aber der erste Vater, die ersten dürftigen Spracherfinder, die fast an jedem Worte die Arbeit ihrer Seele hingaben, die überall in der Sprache noch den warmen Schweiß fühlten, den er ihrer Würksamkeit gekostet – welchen Informator konnten die bestellen? Die ganze Sprache ihrer Kinder war ein Dialekt ihrer Gedanken, ein Loblied ihrer Taten, wie die Lieder Ossians auf seinen Vater Fingal.
Rousseau und andre haben so viel Paradoxien über den Ursprung und das Anrecht des ersten Eigentums gemacht, und hätte der erste nur die Natur seines geliebten Tiermenschen befragt, so hätte der ihm geantwortet. Warum gehört diese Blume der Biene, die auf ihr sauget? Die Biene wird antworten: »Weil mich die Natur zu diesem Saugen gemacht hat! Mein Instinkt, der auf diese und keine andre Blume hinfällt, ist mir Diktator gnug, der mir sie und ihren Garten zum Eigentum anweise!« Und wenn wir nun den ersten Menschen fragen: »Wer hat dir das Recht auf diese Kräuter gegeben?« Was kann er antworten, als: »Die Natur, die mir Besinnung gab! Diese Kräuter habe ich mit Mühe kennengelernt, mit Mühe habe ich sie mein Weib und meinen Sohn kennen gelehrt! Wir alle leben von ihnen! Ich habe mehr Recht daran als die Biene, die darauf summet, und das Vieh, das darauf weidet; denn die haben alle die Mühe des Kennenlernens und Kennenlehrens nicht gehabt. Jeder Gedanke also, den ich darauf gezeichnet, ist ein Siegel meines Eigentums, und wer mich davon vertreibet, der nimmt mir nicht bloß mein Leben, wenn ich diesen Unterhalt nicht wiederfinde, sondern würklich auch den Wert meiner verlebten Jahre, meinen Schweiß, meine Mühe, meine Gedanken, meine Sprache – ich habe sie mir erworben!« Und sollte für den Erstling der Menschheit eine solche Signatur der Seele auf eine Sache, durch Kennenlernen, durch Merkmal, durch Sprache, nicht mehr Recht des Eigentums sein als ein Stempel in der Münze?
Wieviel Ordnung und Ausbildung bekommt die Sprache also schon eben damit, daß sie väterliche Lehre wird! Wer lernt nicht, indem er lehret? Wer versichert sich nicht seiner Ideen, wer mustert nicht seine Worte, indem er sie andern mitteilt und sie so oft von den Lippen des Unmündigen stammlen höret? Hier gewinnt also schon die Sprache eine Form der Kunst, der Methode! Hier wurde die erste Grammatik, die ein Abdruck der menschlichen Seele und ihrer natürlichen Logik war, schon durch eine scharfprüfende Zensur berichtigt.
Rousseau, der hier, wie gewöhnlich nach seiner Art, aufruft: »Was hatte denn die Mutter ihrem Kinde viel zu sagen? Hatte das Kind nicht seiner Mutter mehr zu sagen? Woher lernte denn dies schon Sprache, sie seine Mutter zu lehren?«, macht aber auch hier, wie nach seiner Art gewöhnlich, ein panisches Feldgeschrei. Allerdings hatte die Mutter mehr das Kind zu lehren als das Kind die Mutter – weil jene es mehr lehren konnte und der mütterliche Instinkt, Liebe und Mitleiden, den Rousseau aus Barmherzigkeit den Tieren zugibt und aus Großmut seinem Geschlecht versagt, sie zu diesem Unterricht, wie der Überfluß der Milch zum Säugen, zwang. Sehen wir denn nicht selbst an manchen Tieren, daß die Eltern ihre Jungen zu ihrer Lebensart gewöhnen? Und wenn denn nun ein Vater seinen Sohn von früher Jugend an zur Jagd gewöhnte, ging dies ohne Unterricht und Sprache ab? »Ja! ein solches Wörterdiktieren zeigt schon eine gebildete Sprache an, die man lehrt; nicht eine, die sich erst bildet!« Und ist das wieder ein Unterschied, der Ausnahme mache? Freilich war die Sprache schon im Vater und in der Mutter gebildet, die sie die Kinder lehrten, aber dorfte deswegen schon die Sprache ganz gebildet sein, auch selbst die, die sie sie nicht lehrten? Und konnten denn die Kinder in einer neuen, weitern, feinern Welt nichts mehr dazu erfinden? Und ist denn eine zum Teil gebildete, sich weiter fortbildende Sprache ein Widerspruch? Wenn ist die französische, durch Akademien und Autoren und Wörterbücher so gebildete Sprache, denn so zu Ende gebildet, daß sie sich nicht mit jedem neuen originalen Autor, ja mit jedem Kopfe, der neuen Ton in die Gesellschaft bringt, neu bilden oder mißbilden müßte? – Mit solchen Paralogismen sind die Verfechter der gegenseitigen Meinung behangen – man urteile, ob es lohne, sich auf jede Kleinigkeiten ihrer Einwürfe einzulassen.
Ein andrer z. B. sagt: »Wie doch die Menschen wohl je aus Notdurft ihre Sprache hätten fortbilden wollen, wenn sie Horazens mutum et turpe pecus gewesen wären?« und läßt sich auf eine Menge halbwahrer Instanzen der Wilden ein. Ich antworte bloß: Niemals! Niemals hätten sie es wollen und können, wenn sie ein mutum pecus gewesen; denn da hatten sie ja keine Sprache. Sind aber die Wilden von der Art, ist denn die barbarischte menschliche Nation ohne Sprache? Und ists denn je der Mensch, als in der Abstraktion der Philosophen und also in ihrem Gehirn gewesen?
Er fragt: »Ob denn wohl, da alle Tiere Zwang scheuen und alle Menschen Faulheit lieben, es je von den Orenocks des Condamine erwartet werden könne, daß sie ihre langgedehnte, achtsilbige, schwere und höchstbeschwerliche Sprache ändern und verbessern sollten?« Und ich antworte: Zuerst ist wieder das Faktum unrichtig, wie fast alle, die er anführt. »Ihre langgedehnte, achtsilbige Sprache«? Das ist sie nicht! Condamine sagt bloß: sie sei so unaussprechlich und eigenorganisiert, daß, wo sie drei oder vier Silben aussprechen, wir sieben bis acht schreiben müßten, und doch hätten wir sie noch nicht ganz geschrieben. Heißt das: sie ist langgedehnt, achtsilbigt? Und »schwer, höchstbeschwerlich«? Für wen ist sie dies anders als für Fremde? Und für die sollen sie sie ausbessern? für einen kommenden Franzosen, der je kaum eine Sprache als die seinige, ohne sie zu verstümmeln, lernt, sie verbessern, sie also franzisieren? Haben aber deswegen die Orenoker noch nichts in ihrer Sprache gebildet, ja sich noch gar keine Sprache gebildet, weil sie nicht den Genius, der ihnen so eigen ist, für einen herabschiffenden Fremdling vertauschen mögen? Ja gesetzt, sie bildeten auch nichts mehr in ihrer Sprache, auch nicht für sich – ist man denn nie gewachsen, wenn man nicht mehr wächst? Und haben denn die Wilden nichts getan, weil sie nichts gern ohne Not tun?
Und welcher Schatz ist Familiensprache für ein werdendes Geschlecht! Fast in allen kleinen Nationen aller Weltteile, so wenig gebildet sie auch sein mögen, sind Lieder von ihren Vätern, Gesänge von den Taten ihrer Vorfahren der Schatz ihrer Sprache und Geschichte und Dichtkunst, ihre Weisheit und ihre Aufmunterung, ihr Unterricht und ihre Spiele und Tänze. Die Griechen sangen von ihren Argonauten, von Herkules und Bacchus, von Helden und Trojabezwingern und die Kelten von den Vätern ihrer Stämme, von Fingal und Ossian! Unter Peruanern und Nordamerikanern, auf den Karaibischen und Marianischen Inseln herrscht noch dieser Ursprung der Stammessprache in den Liedern ihrer Stämme und Väter, so wie fast in allen Teilen der Welt Vater und Mutter ähnliche Namen haben. Nur läßt sich auch eben hier anmerken, warum unter so manchen Völkern, von denen wir Beispiele angeführt, das männliche und weibliche Geschlecht fast zwo verschiedne Sprachen haben, nämlich weil beide nach den Sitten der Nation, als das edle und unedle Geschlecht, fast zwei ganz abgetrennte Völker ausmachen, die nicht einmal zusammen speisen. Nachdem nun die Erziehung väterlich oder mütterlich war, so mußte auch die Sprache Vater- oder Muttersprache werden, so wie nach der Sitte der Römer es gar lingua vernacula wurde.
Drittes Naturgesetz
So wie das ganze menschliche Geschlecht unmöglich eine Herde
bleiben konnte, so konnte es auch nicht eine Sprache behalten. Es
wird also eine Bildung verschiedner Nationalsprachen.
Im eigentlichen metaphysischen Verstande ist schon nie eine Sprache bei Mann und Weib, Vater und Sohn, Kind und Greis möglich. Man gehe z. E. unter den Morgenländern die langen und kurzen Vokale, die mancherlei Hauche und Kehlbuchstaben, die leichte und so mannigfaltige Verwechselung der Buchstaben von einerlei Organ, die Ruhe- und Sprachzeichen, mit allen Verschiedenheiten, die sich schriftlich so schwer ausdrücken lassen, durch: Ton und Akzent, Vermehrung und Verringerung desselben und hundert andre zufällige Kleinigkeiten in den Elementen der Sprache, und bemerke auf der andern Seite die Verschiedenheit der Sprachwerkzeuge bei beiderlei Geschlecht, in der Jugend und im Alter, auch nur bei zween gleichen Menschen nach so manchen Zufällen und Einzelheiten, die den Bau dieser Organe verändern, bei so manchen Gewohnheiten, die zur zweiten Natur werden usw. So wenig als es zween Menschen ganz von einerlei Gestalt und Gesichtszügen, so wenig kann es zwo Sprachen, auch nur der Aussprache nach, im Munde zweener Menschen geben, die doch nur eine Sprache wären.
Jedes Geschlecht wird in seine Sprache Haus- und Familienton bringen: das wird, der Aussprache nach, verschiedne Mundart.
Klima, Luft und Wasser, Speise und Trank, werden auf die Sprachwerkzeuge und natürlich auch auf die Sprache einfließen.
Die Sitte der Gesellschaft und die mächtige Göttin der Gewohnheit werden bald nach Gebärden und Anstand diese Eigenheiten und jene Verschiedenheiten einführen – ein Dialekt! Ein philosophischer Versuch über die verwandten Spracharten der Morgenländer wäre der angenehmste Beweis dieser Sätze.
Das war nur Aussprache. Aber Worte selbst, Sinn, Seele der Sprache – welch ein unendliches Feld von Verschiedenheiten! Wir haben gesehen, wie die ältesten Sprachen voller Synonyme haben werden müssen, und wenn nun von diesen Synonymen dem einen dies, dem andern jenes geläufiger, seinem Sehepunkt angemeßner, seinem Empfindungskreise ursprünglicher, in seiner Lebensbahn öfter vorkommend, kurz, von mehrerm Eindruck auf ihn wurde, so gabs Lieblingsworte, eigne Worte, Idiotismen, ein Idiom der Sprache.
Bei jenem ging jenes Wort aus, das blieb. Jenes ward durch einen Nebengesichtspunkt von der Hauptsache weggebogen, hier veränderte sich mit der Zeitfolge der Geist des Hauptbegriffs selbst – da wurden also eigne Biegungen, Ableitungen, Veränderungen, Vor-und Zusätze und Versetzungen und Wegnahmen von ganzen und halben Bedeutungen – ein neues Idiom! Und das alles so natürlich, als Sprache dem Menschen Sinn seiner Seele ist.
Je lebendiger eine Sprache, je näher sie ihrem Ursprunge und also noch in den Zeiten der Jugend und des Wachstums ist: desto veränderlicher. Ist sie nur in Büchern da, wo sie nach Regeln gelernt, nur in Wissenschaften und nicht im lebendigen Umgange gebraucht wird, wo sie ihre bestimmte Zahl von Gegenständen und von Anwendungen hat, wo also ihr Wörterbuch geschlossen, ihre Grammatik geregelt, ihre Sphäre fixiert ist – eine solche Sprache kann noch eher im Merklichen unverändert bleiben, und doch auch da nur im Merklichen. Allein eine im wilden, freien Leben, im Reich der großen, weiten Schöpfung, noch ohne förmlich geprägte Regeln, noch ohne Bücher und Buchstaben und angenommene Meisterstücke, so dürftig und unvollendet, um noch täglich bereichert werden zu müssen, und so jugendlich gelenkig, um es noch täglich auf den ersten Wink der Aufmerksamkeit, auf den ersten Befehl der Leidenschaft und Empfindung werden zu können – sie muß sich verändern in jeder neuen Welt, die man sieht, in jeder Methode, nach der man denkt und fortdenkt. Ägyptische Gesetze der Einförmigkeit können hier nicht das Gegenteil bewürken.
Nun ist offenbar der ganze Erdboden für das Menschengeschlecht und dies für den ganzen Erdboden gemacht – (ich sage nicht, jeder Bewohner der Erde, jedes Volk ist plötzlich durch den raschesten Übersprung für das entgegengesetzteste Klima und so für alle Weltzonen, sondern das ganze Geschlecht für den ganzen Erdkreis). Wo wir uns umher sehen, da ist der Mensch so zu Hause wie die Landtiere, die ursprünglich für diese Gegend bestimmt sind. Er dauret in Grönland unter dem Eise und bratet sich in Guinea unter der senkrechten Sonne, ist auf seinem Felde, wenn er in Lappland mit dem Renntier über den Schnee schlüpft und wenn er die arabische Wüste mit dem durstigen Kamel durchtrabet. Die Höhle der Troglodyten und die Bergspitzen der Kabylen, der Rauchkamin der Ostiaken und der goldne Palast des Moguls enthält – Menschen. Für die ist die Erde am Pol geplättet und am Äquator erhöhet, für die wälzt sie sich so und nicht anders um die Sonne, für die sind ihre Zonen und Jahreszeiten und Veränderungen – und diese sind wieder für die Zonen, für die Jahreszeiten und Veränderungen der Erde. Das Naturgesetz ist also auch hier sichtbar: Menschen sollen überall auf der Erde wohnen, da jede Tiergattung bloß ihr Land und engere Sphäre haben: der Erdbewohner wird sichtbar. Und ist das, so wird auch seine Sprache Sprache der Erde. Eine neue in jeder neuen Welt, Nationalsprache in jeder Nation – ich kann alle vorige Bestimmungsursachen der Veränderung nicht wiederholen – die Sprache wird ein Proteus auf der runden Oberfläche der Erde.
Manche neue Modephilosophen haben diesen Proteus so wenig fesseln und in seiner wahren Gestalt erblicken können, daß es ihnen wahrscheinlicher vorgekommen, daß die Natur in jeden großen Erdstrich so gut ein paar Menschen zu Stammeltern habe hinschaffen können wie in jedes Klima eigne Tiere. Diese hätten sich sodann solch eine eigne Land- und Nationalsprache erfunden, wie ihr ganzer Bau nur für dies Land sei gemacht worden. Der kleine Lappländer mit seiner Sprache und mit seinem dünnen Bart, mit seinen Geschicklichkeiten und seinem Temperament sei ein so ursprünglich lappländisches Menschentier als sein Renntier, und der Neger mit seiner Haut, mit seiner Tintbläschenschwärze, mit seinen Lippen und Haar und Truthühnersprache und Dummheit und Faulheit sei ein natürlicher Bruder der Affen desselben Klimas. Es sei so wenig Ähnlichkeit zwischen den Sprachen der Erde auszuträumen als zwischen den Bildungen der Menschengattungen, und es hieße sehr unweise von Gott gedacht, nur ein Paar Menschen als Stammeltern für die ganze Erde so schwach und schüchtern, zum Raube der Elemente und Tiere in einen Erdewinkel dahingesetzt und einem tausendfachen Ungefähr von Gefahren überlassen zu haben.
Wenigstens, fährt eine weniger behauptende Meinung fort, wäre die Sprache eine natürliche Produktion des menschlichen Geistes, die sich nur allmählich mit dem Menschengeschlecht nach fremden Klimaten hingezogen hätte, so müßte sie sich auch nur allmählich verändert haben. Man müßte die Abändrung, den Fortzug und die Verwandtschaft der Völker im Verhältnisse fortgehen sehen und sich überall nach kleinen Nuancen von Denk- und Mund- und Lebensart genaue Rechenschaft geben können. Wer aber kann das? Findet man nicht in demselben Klima, ja dicht aneinander in allen Weltteilen kleine Völker, die in einerlei Kreise so verschiedne und entgegengesetzte Sprachen haben, daß alles ein Böhmischer Wald wird? Wer Reisebeschreibungen von Nord- und Südamerika, von Afrika und Asien gelesen, dem dörfen nicht die Stämme dieses Waldes vorgerechnet werden – hier, schließen diese Zweifler, hört also alle menschliche Untersuchung auf.
Und weil diese letzten bloß zweiflen, so will ich versuchen, zu zeigen, daß hier die Untersuchung nicht aufhöre, sondern daß sich diese Verschiedenheit dicht aneinander ebenso natürlich erklären lasse als die Einheit der Familiensprache in einer Nation.
Die Trennung der Familien in abgesonderte Nationen geht gewiß nicht nach den langweiligen Verhältnissen von Entfernung, Wanderung, neuer Beziehung und dergl., wie der müßige kalte Philosoph, den Zirkel in der Hand, auf der Landkarte abmißt und wie nach diesem Maße große Bücher von Verwandtschaften der Völker geschrieben worden, an denen alles, nur die Regel nicht, wahr ist, nach der alles berechnet wurde. Tun wir einen Blick in die lebendige, würksame Welt, so sind Triebfedern da, die die Verschiedenheit der Sprache unter den nahen Völkern sehr natürlich veranlassen müssen, nur man wolle den Menschen nach keinem Lieblingssystem umzwingen. Er ist kein Rousseauscher Waldmann: er hat Sprache. Er ist kein Hobbesischer Wolf: er hat eine Familiensprache. Er ist aber auch in andern Verhältnissen kein unzeitiges Lamm. Er kann sich also entgegengesetzte Natur, Gewohnheit und Sprache bilden – kurz: Der Grund von dieser Verschiedenheit so naher kleiner Völker in Sprache, Denk- und Lebensart ist – gegenseitiger Familien- und Nationalhaß.
Ohne alle Verschwärzung und Verketzerung der menschlichen Natur können zween oder mehrere nahe Stämme, wenn wir uns in ihre Familiendenkart setzen, nicht anders als bald Gegenstände des Zwistes finden. Nicht bloß, daß ähnliche Bedürfnisse sie bald in einen Streit, wenn ich so sagen darf, des Hungers und Durstes verwickeln, wie sich z. E. zwo Rotten von Hirten über Brunnen und Weide zanken und nach Beschaffenheit der Weltgegenden oft sehr natürlich zanken dörfen; ein viel heißerer Funke glimmt ihr Feuer an Eifersucht, Gefühl der Ehre, Stolz auf ihr Geschlecht und ihren Vorzug. Dieselbe Familienneigung, die, in sich selbst gekehrt, Stärke der Eintracht eines Stammes gab, macht, außer sich gekehrt, gegen ein andres Geschlecht Stärke der Zwietracht, Familienhaß. Dort zogs viele zu einem desto fester zusammen; hier machts aus zwei Parteien gleich Feinde. Der Grund dieser Feindschaft und ewigen Kriege ist in solchem Falle mehr edle menschliche Schwachheit als niederträchtiges Laster.
Da die Menschheit auf dieser Stufe der Bildung mehr Kräfte der Würksamkeit als Güter des Besitzes hat, so ist auch der Stolz auf jene mehr Ehrenpunkt als das leidige Besitztum der letzten, wie in spätern nervenlosen Zeiten. Ein braver Mann zu sein und einer braven Familie zugehören war aber im damaligen Zeitalter fast eins, da der Sohn in vielem Betracht noch eigentlicher als bei uns seine Tugend und Tapferkeit vom Vater erbte, lernte und der ganze Stamm überhaupt bei allen Gelegenheiten für einen braven Mann stand. Es ward also bald das Wort natürlich: Wer nicht mit und aus uns ist, der ist unter uns! Der Fremdling ist schlechter als wir, ist Barbar. In diesem Verstande war Barbar das Losungswort der Verachtung: ein Fremder und zugleich ein Unedlerer, der uns an Weisheit oder Tapferkeit, oder was der Ehrenpunkt des Zeitalters sei, nicht gleichkommt.
Nun ist dies freilich, wie ein Engländer richtig anmerkt, wenn es bloß auf Eigennutz und Sicherheit des Besitzes ankommt, kein Grund zum Hasse, daß der Nachbar nicht so tapfer als wir ist, sondern wir sollten uns in der Stille darüber freuen. Allein, eben weil diese Meinung nur Meinung und von beiden Teilen, die gleiches Gefühl des Stammes haben, gleiche Meinung ist, so ist eben damit die Trompete des Krieges geblasen! Das gilt die Ehre, das weckt den Stolz und Mut des ganzen Stammes! Von beiden Seiten Helden und Patrioten! Und weil jeden die Ursache des Krieges traf und jeder sie einsehen und fühlen konnte, so wurde der Nationalhaß in ewigen, bittern Kriegen verewigt; und da war die zweite Synonyme fertig: Wer nicht mit mir ist, ist gegen mich. Barbar und Gehässiger! Fremdling, Feind! wie bei den Römern ursprünglich das Wort hostis.
Das dritte folgte unmittelbar, völlige Trennung und Absonderung. Wer wollte mit einem solchen Feinde, dem verächtlichen Barbar, was gemein haben? Keine Familiengebräuche, kein Andenken an einen Ursprung und am wenigsten Sprache, da Sprache eigentlich Merkwort des Geschlechts, Band der Familie, Werkzeug des Unterrichts, Heldengesang von den Taten der Väter, und die Stimme derselben aus ihren Gräbern war. Die konnte also unmöglich einerlei bleiben, und so schuf dasselbe Familiengefühl, das eine Sprache gebildet hatte, da es Nationalhaß wurde, oft Verschiedenheit, völlige Verschiedenheit der Sprache. Er ist Barbar, er redet eine fremde Sprache – die dritte, so gewöhnliche Synonyme.
So umgekehrt die Etymologie dieser Worte scheine, so beweiset doch die Geschichte aller kleinen Völker und Sprachen, über die die Frage gilt, völlig ihre Wahrheit; die Absätze der Etymologie sind auch nur Abstraktionen, nicht Trennungen in der Geschichte. Alle solche nahen Polyglotten sind zugleich die grimmigsten, unversöhnlichsten Feinde, und zwar alle nicht aus Raub und Habsucht, da sie meistens nicht plündern, sondern nur töten und verwüsten und dem Schatten ihrer Väter opfern. Schatten der Väter sind die Gottheiten und die einzigen unsichtbaren Maschinen der ganzen blutigen Epopee, wie in den Gesängen Ossians. Sie sinds, die den Anführer in Träumen wecken und beleben und denen er seine Nächte wacht; sie sinds, deren Namen seine Begleiter in Schwüren und Gesängen nennen; sie sinds, denen man die Gefangnen in allen Martern weihet, und sie sinds auch Gegenteils, die den Gemarterten in seinen Gesängen und Todesliedern stärken. Verewigter Familienhaß ist also die Ursache ihrer Kriege, ihrer so eifersüchtigen Abtrennungen in Völker, die oft kaum nur Familien gleichen, und nach aller Wahrscheinlichkeit auch der völligen Unterschiede ihrer Gebräuche und Sprachen.
Eine morgenländische Urkunde über die Trennung der Sprachen (die ich hier nur als ein poetisches Fragment zur Archäologie der Völkergeschichte betrachte) bestätigt durch eine sehr dichterische Erzählung, was so viel Nationen aller Weltteile durch ihr Beispiel bestätigen. Nicht allmählich verwandelten sich die Sprachen, wie sie der Philosoph durch Wanderungen vervielfältige; die Völker vereinigten sich, sagt das Poem, zu einem großen Werke, da floß über sie der Taumel der Verwirrung und der Vielheit der Sprachen – daß sie abließen und sich trennten – was war dies als eine schnelle Verbitterung und Zwietracht, zu der eben ein solches großes Werk den reichsten Anlaß gab? Da wachte der vielleicht bei einer kleinen Gelegenheit beleidigte Familiengeist auf: Bund und Absicht zerschlug sich, der Funke der Uneinigkeit schoß in Flammen, sie flogen auseinander und taten das jetzt und so heftiger, dem sie durch ihr Werk hatten zuvorkommen wollen: sie verwirrten das Eine ihres Ursprungs, ihre Sprache. So wurden verschiedne Völker und »da«, sagt der spätere Bericht, »heißt noch die Trümmer: Verwirrung der Völker«! – Wer den Geist der Morgenländer in ihren oft so umhergeholten Einkleidungen und epischwunderbaren Geschichten kennet (ich will hier für die Theologie keine höhere Veranstaltung ausschließen), der wird vielleicht den sinnlich gemachten Hauptgedanken nicht verkennen, daß Veruneinigung über einer großen gemeinschaftlichen Absicht und nicht bloß die Völkerwandrung mit eine Ursache zu so vielen Sprachen geworden.
Dies morgenländische Zeugnis (was ich doch überdem hier nur als Poem anführen wollte) dahingestellet, siehet man, daß die Vielheit der Sprachen keinen Einwurf gegen das Natürliche und Menschliche der Fortbildung einer Sprache abgeben könne. Hier und da können freilich Berge durch Erdbeben hervorgehoben sein; allein folgt denn daraus, daß die Erde im ganzen mit ihren Gebürgen und Strömen und Meeren nicht ihre Gestalt aus Wasser könne gewonnen haben? – Nur freilich wird auch eben damit den Etymologisten und Völkerforschern ein nützlicher Stein der Behutsamkeit auf die Zunge gelegt, aus den Sprachunähnlichkeiten nicht zu despotisch auf ihre Abstammung zu schließen. Es können Familien sehr nahe verwandt sein und doch Ursache gehabt haben, die Verwandtschaft der Wappen zu unterdrücken. Der Geist solcher kleinen Völker gibt dazu Ursache gnug.
Viertes Naturgesetz
So wie nach aller Wahrscheinlichkeit das menschliche Geschlecht
ein progressives Ganze von einem Ursprunge in einer großen
Haushaltung ausmacht, so auch die Sprachen und mit ihnen die
ganze Kette der Bildung.
Der sonderbare charakteristische Plan ist bemerkt, der über einen Menschen waltet: Seine Seele ist gewohnt, immer das, was sie sieht, zu reihen mit dem, was sie sahe, und durch Besonnenheit wird also ein progressives Eins aller Zustände des Lebens – mithin Fortbildung der Sprache.
Der sonderbare charakteristische Plan ist bemerkt, der über ein Menschengeschlecht waltet, daß durch die Kette des Unterrichts Eltern und Kinder eins werden und jedes Glied also nur von der Natur zwischen zwei andre hingeschoben wird, um zu empfangen und mitzuteilen – dadurch wird Fortbildung der Sprache.
Endlich geht dieser sonderbare Plan auch aufs ganze Menschengeschlecht fort, und dadurch wird eine Fortbildung im höchsten Verstande, die aus den beiden vorigen unmittelbar folgt.
Jedes Individuum ist Mensch, folglich denkt er die Kette seines Lebens fort. Jedes Individuum ist Sohn oder Tochter, ward durch Unterricht gebildet: folglich bekam es immer einen Teil der Gedankenschätze seiner Vorfahren frühe mit und wird sie nach seiner Art weiterreichen – also ist auf gewisse Weise kein Gedanke, keine Erfindung, keine Vervollkommung, die nicht weiter, fast ins Unendliche reiche. So wie ich keine Handlung tun, keinen Gedanken denken kann, der nicht auf die ganze Unermeßlichkeit meines Daseins natürlich hinwürke, so nicht ich und kein Geschöpf meiner Gattung, was nicht mit jedem auch für die ganze Gattung und für das fortgehende Ganze der ganzen Gattung würke. Jedes treibt immer, eine große oder kleine Welle, jedes verändert den Zustand der einzelnen Seele, mithin das Ganze dieser Zustände, würkt immer auf andre, verändert auch in diesen etwas – der erste Gedanke in der ersten menschlichen Seele hängt mit dem letzten in der letzten menschlichen Seele zusammen.
Wäre Sprache dem Menschen so angeboren als den Bienen der Honigbau, so zerfiele mit einmal dies größeste prächtigste Gebäude in Trümmern! Jeder brächte sich sein wenig Sprache auf die Welt, oder da doch das Auf-die-Welt-Bringen für eine Vernunft nichts heißt, als sie sich gleich erfinden – welch ein trauriges einzelne wird jeder Mensch! Jeder erfindet seine Rudimente, stirbt über ihnen und nimmt sie ins Grab, wie die Biene ihren Kunstbau; der Nachfolger kommt, quält sich über denselben Anfängen, kommt ebensoweit oder ebensowenig weit, stirbt – und so gehts ins Unendliche. Man siehet, der Plan, der über die Tiere geht, die nichts erfinden, kann nicht über Geschöpfe gehen, die erfinden müssen, oder es wird ein planloser Plan! Erfindet jedes für sich allein, so wird unnütze Mühe ins Unendliche verdoppelt und der erfindende Verstand seines besten Preises beraubt zu wachsen.
Was für Grund hätte ich nun, irgendwo in der Kette stillezustehen und nicht, solange ich denselben Plan wahrnehme, auch auf die Sprache hinaufzuschließen? Kam ich auf die Welt, um sogleich in den Unterricht der Meinigen eintreten zu müssen, so mein Vater, so der erste Sohn des ersten Stammvaters auch, und wie ich meine Gedanken um mich und in meine Abfolge breite, so mein Vater, so sein Stammvater, so der erste aller Väter. Die Kette reicht fort und steht nur bei einem, dem ersten stille; so sind wir alle seine Söhne: von ihm fängt sich Geschlecht, Unterricht, Sprache an. Er hat zu erfinden angefangen, wir alle haben ihm nacherfunden, bilden und mißbilden. Kein Gedanke in einer menschlichen Seele war verloren, nie aber war auch eine Fertigkeit dieses Geschlechts auf einmal ganz da wie bei den Tieren: Zufolge der ganzen Ökonomie war sie immer im Fortschritte, im Gange, nichts Erfundnes, wie der Bau einer Zelle, sondern alles im Erfinden, im Fortwürken, strebend. In diesem Gesichtspunkt, wie groß wird die Sprache! Eine Schatzkammer menschlicher Gedanken, wo jeder auf seine Art etwas beitrug! Eine Summe der Würksamkeit aller menschlichen Seelen.
Höchstens – tritt hier die vorige Philosophie, die den Menschen gern als ein Land- und Domänengut betrachten möchte, dazwischen –, höchstens dürfte diese Kette doch wohl nur bis an jeden einzelnen ersten Stammvater eines Landes reichen, von dem sich sein Geschlecht wie seine Landsprache erzeugte. Ich wüßte nicht, warum sie nur bis dahin und nicht weiter reichen sollte? warum diese Landesväter nicht wieder unter sich einen Erdenvater könnten gehabt haben, da die ganze fortgehende Ähnlichkeit der Haushaltung dieses Geschlechts es so fordert. »Ja«, hörten wir den Einwurf, »als wenns weise gewesen wäre, ein schwaches, elendes Menschenpaar in einen Winkel der Erde zum Raube der Gefahr auszustellen.« Und als wenns weiser gewesen wäre, viele solche schwache Menschenpaare einzeln in verschiedene Winkel der Erde zum Raube zehnfach ärgerer Gefahren zu machen! Der Fall wagender Unvorsichtigkeit ist nicht bloß überall derselbe, sondern er wird auch mit jeder Vervielfältigung unendlich vermehrt. Ein Menschenpaar, irgendwo, im besten, bequemsten Klima der Erde, wo die Jahreszeit ihrer Nacktheit am wenigsten strenge ist, wo der fruchtbare Boden den Bedürfnissen ihrer Unerfahrenheit von selbst zustatten kommt, wo gleichsam alles umhergelagert ist wie eine Werkstätte, um der Kindheit ihrer Künste zu Hülfe zu kommen – ist dies Paar nicht weiser versorgt als jedes andre menschliche Landtier, was unter dem unfreundlichsten Himmel in Lappland oder Grönland, mit der ganzen Dürftigkeit der nackten erfrornen Natur umgeben, den Klauen ebenso dürftiger, hungriger und um so grausamerer Tiere, mithin unendlich mehrern Ungemächlichkeiten ausgesetzt ist? Die Sicherheit der Erhaltung nimmt also ab, je mehr die ursprünglichen Erdemenschen verdoppelt werden. Und denn wie lange bleibt das Paar im seligen Klima ein Paar? Es wird bald Familie, bald kleines Volk, und wenn es sich nun als Volk ausbreitet: es kommt in ein ander Land – es kommt schon als Volk hinein – wie weiser! wie sichrer! Viel an Anzahl, mit gehärteten Körpern, mit versuchten Seelen, ja mit dem ganzen Schatze von Erfahrungen ihrer Vorfahren beerbt – wie vielfach also verstärkte und verdoppelte Seelen! Nun sind sie fähig, sich bald zu Landgeschöpfen dieser Gegend zu vervollkommen! Sie werden in kurzem so eingeboren als die Tiere des Klima mit Lebensart, Denkart und Sprache – beweiset nicht aber eben dies den natürlichen Fortgang des menschlichen Geistes, der sich aus einem gewissen Mittelpunkt zu allem bilden kann? Es kommt nie auf eine Menge bloßer Zahlen, sondern auf die Gültigkeit und Progression ihrer Bedeutung, nie auf eine Menge schwacher Subjekte, sondern auf Kräfte an, mit denen sie würken. Diese würken eben im simpelsten Verhältnis am stärksten, und nur die Bande umfangen also das ganze Geschlecht, die von einem Punkte der Verknüpfung ausgehen.
Ich lasse mich in keine weitere Gründe dieses einstämmigen Ursprungs ein: daß z. E. noch keine wahren Data von neuen Menschengattungen, die diesen Namen, wie die Tiergattungen, verdienten, aufgefunden sind, daß die offenbar allmähliche und fortgehende Bevölkerung der Erde gerade das Gegenteil von eingebornen Landtieren zeige, daß die Kette der Kultur und ähnlicher Gewohnheiten es auch, nur dunkler, zeige usw.; ich bleibe bei der Sprache. Wären die Menschen Nationaltiere, wo jedes die seinige sich ganz unabhängig und abgetrennt von andern selbst erfunden hätte, so müßte diese gewiß eine Verschiedenartigkeit zeigen, als vielleicht die Einwohner des Saturns und der Erde gegeneinander haben mögen – und doch geht bei uns offenbar alles auf einem Grunde fort. Auf einem Grunde nicht bloß, was die Form, sondern was würklich den Gang des menschlichen Geistes betrifft; denn unter allen Völkern der Erde ist die Grammatik beinahe auf einerlei Art gebaut. Die einzige chinesische macht meines Wissens eine wesentliche Ausnahme, die ich mir aber als Ausnahme sehr zu erklären getraue. Wieviel Chineser-Grammatiken und wie viele Arten derselben müßten sein, wenn die Erde voll spracherfindender Landtiere gewesen wäre!
Woher kommts, daß so viel Völker ein Alphabet haben und daß doch fast nur ein Alphabet auf dem Erdboden sei? Der sonderbare und schwere Gedanke, sich aus den Bestandteilen der willkürlichen Worte, aus Lauten, willkürliche Zeichen zu bilden, ist so springend, so verwickelt, so sonderbar, daß es gewiß unerklärlich wäre, wie viele und so viele auf den einen so entfernten Gedanken und alle ganz auf eine Art auf ihn gefallen wären. Daß sie alle die weit natürlichern Zeichen, die Bilder von Sachen, vorbeiließen und Hauche malten, unter allen möglichen dieselben zwanzig malten und sich gegen die übrigen fehlenden dürftig behalfen, daß zu diesen zwanzig so viele dieselben willkürlichen Zeichen nahmen – wird hier nicht Überlieferung sichtbar? Die morgenländischen Alphabete sind im Grunde eins: das griechische, lateinische, runische, deutsche usw. Ableitungen. Das deutsche hat also noch mit dem koptischen Buchstaben gemein, und Irländer sind kühn gnug gewesen, den Homer für eine Übersetzung aus ihrer Sprache zu erklären. Wer kann, so wenig oder viel er drauf rechne, im Grunde der Sprachen Verwandtschaft ganz verkennen? Wie ein Menschenvolk nur auf der Erde wohnet, so auch nur eine Menschensprache; wie aber diese große Gattung sich in so viele kleine Landarten nationalisiert hat, so ihre Sprachen nicht anders.
Viele haben sich mit den Stammlisten dieser Sprachengeschlechter versucht, ich versuche es nicht – denn wie viele, viele Nebenursachen konnten in dieser Abstammung und in der Kenntlichkeit dieser Abstammung Veränderungen machen, auf die der etymologisierende Philosoph nicht rechnen kann und die seinen Stammbaum trügen. Zudem sind unter den Reisebeschreibern und selbst Missionarien so wenig wahre Sprachphilosophen gewesen, die uns von dem Genius und dem charakteristischen Grunde ihrer Völkersprachen hätten Nachricht geben können oder wollen, daß man im allgemeinen hier noch in der Irre gehet. Sie geben Verzeichnisse von Wörtern – und aus dem Schellenkrame soll man schließen! Die Regeln der wahren Sprachdeduktion sind auch so fein, daß wenige – – doch das ist alles nicht mein Werk! Im ganzen bleibt das Naturgesetz sichtbar: Sprache pflanze und bilde sich mit dem menschlichen Geschlechte fort; in diesem Gesetze zähle ich nur Hauptarten auf, die verschiedne Dimension geben.
I. Jeder Mensch hat freilich alle Fähigkeiten, die sein ganzes Geschlecht, und jede Nation die Fähigkeiten, die alle Nationen haben; es ist indessen doch wahr, daß eine Gesellschaft mehr als ein Mensch, und das ganze menschliche Geschlecht mehr als ein einzelnes Volk erfinde, und das zwar nicht bloß nach Menge der Köpfe, sondern nach vielfach- und innig vermehrten Verhältnissen. Man sollte denken, daß ein einsamer Mensch, ohne drängende Bedürfnisse, mit aller Gemächlichkeit der Lebensart z. E. viel mehr Sprache erfinden, daß seine Muße ihn dazu antreiben werde, seine Seelenkräfte zu üben, mithin immer etwas Neues zu erdenken usw., allein das Gegenteil ist klar. Er wird ohne Gesellschaft immer auf gewisse Weise verwildern und bald in Untätigkeit ermatten, wenn er sich nur erst in den Mittelpunkt gesetzt hat, seine nötigsten Bedürfnisse zu befriedigen. Er ist immer eine Blume, die aus ihren Wurzeln gerissen, von ihrem Stamm gebrochen daliegt und welkt. – Setzt ihn in Gesellschaft und mehrere Bedürfnisse, er habe für sich und andre zu sorgen: man sollte denken, diese neue Lasten nehmen ihm die Freiheit, sich emporzuheben, dieser Zuwachs von Peinlichkeiten, die Muße zu erfinden; aber gerade umgekehrt. Das Bedürfnis strengt ihn an, die Peinlichkeit weckt ihn, die Rastlosigkeit hält seine Seele in Bewegung: er wird desto mehr tun, je wundersamer es wird, daß ers tue. So wächst also die Fortbildung einer Sprache von einem einzelnen bis zu einem Familienmenschen schon in sehr zusammengesetztem Verhältnis. Alles andre abgerechnet, wie wenig würde doch der Einsame, selbst der einsame Sprachenphilosoph, auf seiner wüsten Insel erfinden! wieviel mehr und stärker der Stammvater, der Familienmann. Die Natur hat also diese Fortbildung gewählet.
II. Eine einzelne, abgetrennte Familie, denkt man, wird ihre Sprache bei Bequemlichkeit und Muße mehr ausbilden können als bei Zerstreuungen, Krieg gegen einen andern Stamm usw.; allein nichts weniger. Je mehr sie gegen andre gekehrt ist, desto stärker wird sie in sich zusammengedrängt, desto mehr setzt sie sich auf ihre Wurzel, macht die Taten ihrer Vorfahren zu Liedern, zu Aufrufungen, zu ewigen Denkmalen, erhält dieses Sprachandenken um desto reiner und patriotischer – die Fortbildung der Sprache, als Mundart der Väter, geht desto stärker fort: darum hat die Natur diese Fortbildung gewählet.
III. Mit der Zeit aber setzt sich dieser Stamm, wenn er in eine kleine Nation angewachsen ist, auch in seinen Zirkel fest. Er hat seinen gemeßnen Kreis von Bedürfnissen und für diese auch Sprache. Weiter gehet er nicht, wie wir an allen kleinen, sogenannten barbarischen Nationen sehen. Mit ihren Notwendigkeiten abgeteilt, können sie jahrhundertelang in der sonderbarsten Unwissenheit bleiben, wie jene Inseln ohne Feuer und so viel andre Völker ohne die leichtesten mechanischen Künste. Es ist, als ob sie nicht Augen hätten zu sehen, was ihnen vorliegt. Daher alsdenn das Geschrei andrer Völker auf solche als auf dumme unmenschliche Barbaren, da wir alle doch vor weniger Zeit ebendieselben Barbaren waren und diese Kenntnisse nur von andern Völkern bekamen! Daher auch das Geschrei so mancher Philosophen über diese Dummheit als die unbegreiflichste Sache, da doch nach der Analogie der ganzen Haushaltung mit unsrem Geschlecht nichts begreiflicher ist als sie! – Hier hat die Natur eine neue Kette geknüpft, die Überlieferung von Volk zu Volk! So haben sich Künste, Wissenschaften, Kultur und Sprache in einer großen Progression Nationen hin verfeinert – das feinste Band der Fortbildung, was die Natur gewählet.
Wir Deutsche würden noch ruhig, wie die Amerikaner, in unsern Wäldern leben, oder vielmehr noch in ihnen rauh kriegen und Helden sein, wenn die Kette fremder Kultur nicht so nah an uns gedrängt und mit der Gewalt ganzer Jahrhunderte uns genötigt hätte, mit einzugreifen. Der Römer holte so seine Bildung aus Griechenland, der Grieche bekam sie aus Asien und Ägypten, Ägypten aus Asien, China vielleicht aus Ägypten – so geht die Kette von einem ersten Ringe fort und wird vielleicht einmal über die Erde reichen. Die Kunst, die einen griechischen Palast bauete, zeigt sich bei dem Wilden schon im Bau einer Waldhütte, wie die Malerei Mengs' und Dietrichs schon im rohesten Grunde auf dem rotbemalten Schilde Hermanns glänzte. Der Eskimo vor seinem Kriegsheere hat schon alle Keime zu einem künftigen Demosthen und jene Nation von Bildhauern am Amazonenstrome vielleicht tausend künftige Phidias. Lasset nur andre Nationen vor- und jene umrücken, so ist alles, wenigstens in den gemäßigten Zonen, wie in der alten Welt. Ägypter und Griechen und Römer und Neuere taten nichts als fortbauen; Perser, Tataren, Goten und Pfaffen kommen dazwischen und machen Trümmern; desto frischer bauet sichs aus und nach und auf solchen alten Trümmern weiter. Die Kette einer gewissen Vervollkommung der Kunst geht über alles fort (obgleich andre Eigenschaften der Natur wiederum dagegen leiden) und so auch über die Sprache. Die arabische ist ohne Zweifel hundertmal feiner als ihre Mutter im ersten rohen Anfange; unser Deutsch ohne Zweifel feiner als das alte Keltische; die Grammatik der Griechen konnte besser sein und werden als die morgenländische, denn sie war Tochter; die römische philosophischer als die griechische, die französische als die römische: – ist der Zwerg auf den Schultern des Riesen nicht immer größer als der Riese selbst?
Nun sieht man auf einmal, wie trüglich der Beweis für die Göttlichkeit der Sprache aus ihrer Ordnung und Schönheit werde. – Ordnung und Schönheit sind da, aber wenn, wie und woher gekommen? Ist denn diese so bewunderte Sprache die Sprache des Ursprungs? oder nicht schon das Kind ganzer Jahrhunderte und vieler Nationen? Siehe! an diesem großen Gebäude haben Nationen und Weltteile und Zeitalter gebauet; und darum konnte jene arme Hütte nicht der Ursprung der Baukunst sein? Darum mußte gleich ein Gott die Menschen solchen Palast bauen lehren? weil Menschen gleich solchen Palast nicht hätten bauen können – welch ein Schluß! Und welch ein Schluß überhaupt ists: diese große Brücke zwischen zwo Bergen begreife ich nicht ganz, wie sie gebauet sei – folglich hat sie der Teufel gebauet! Es gehört ein großer Grad Kühnheit oder Unwissenheit dazu, zu leugnen, daß sich nicht die Sprache mit dem menschlichen Geschlecht nach allen Stufen und Veränderungen fortgebildet: das zeigt Geschichte und Dichtkunst, Beredsamkeit und Grammatik, ja, wenn alles nicht, so Vernunft. Hat sie sich nun ewig so fortgebildet und nie zu bilden angefangen? oder immer menschlich gebildet, so daß Vernunft nicht ohne sie, und sie ohne Vernunft nicht gehen konnte – und mit einmal ist ihr Anfang anders? und das so ohne Sinn und Grund anders, wie wir anfangs gezeigt? In allen Fällen wird die Hypothese eines göttlichen Ursprungs in der Sprache – versteckter, feiner Unsinn!
Ich wiederhole das mit Bedacht gesagte harte Wort: Unsinn! und will mich zum Schluß erklären. Was heißt ein göttlicher Ursprung der Sprache als:
Entweder: »Ich kann die Sprache aus der menschlichen Natur nicht erklären, folglich ist sie göttlich.« – Ist Sinn in dem Schlusse? Der Gegner sagt: »Ich kann sie aus der menschlichen Natur und aus ihr vollständig erklären.« – Wer hat mehr gesagt? Jener versteckt sich hinter eine Decke und ruft hervor: »Hier ist Gott!«; dieser stellt sich sichtbar auf den Schauplatz, handelt – »Sehet! ich bin ein Mensch!«
Oder ein höherer Ursprung sagt: »Weil ich die menschliche Sprache nicht aus der menschlichen Natur erklären kann, so kann durchaus keiner sie erklären – sie ist durchaus unerklärbar.« Ist in dem Schlusse Folge? Der Gegner sagt: »Mir ist kein Element der Sprache in ihrem Beginn und in jeder ihrer Progression aus der menschlichen Seele unbegreiflich, ja die ganze menschliche Seele wird mir unerklärbar, wenn ich in ihr nicht Sprache setze; das ganze menschliche Geschlecht bleibt nicht das Naturgeschlecht mehr, wenns nicht die Sprache fortbildet.« – Wer hat mehr gesagt? – Wer sagt Sinn?
Oder endlich die höhere Hypothese sagt gar: »Nicht bloß keiner kann die Sprache aus der menschlichen Seele begreifen, sondern ich sehe auch deutlich die Ursache, warum sie ihrer Natur und der Analogie ihres Geschlechts nach durchaus für Menschen unerfindbar war. Ja ich sehe in der Sprache und im Wesen der Gottheit die Ursache deutlich, warum keiner als Gott sie erfinden konnte.« Nun bekäme zwar der Schluß Folge; aber nun wird er auch der gräßlichste Unsinn. Er wird so beweisbar als jener Beweis der Türken von der Göttlichkeit des Korans: »Wer anders als der Prophet Gottes konnte so schreiben?« Und wer anders als ein Prophet Gottes kann auch wissen, daß nur der Prophet Gottes so schreiben konnte? Niemand als Gott konnte die Sprache erfinden! Niemand als Gott kann aber auch einsehen, daß niemand als Gott sie erfinden konnte! Und welche Hand kann es wagen, nicht bloß etwa Sprache und die menschliche Seele, sondern Sprache und Gottheit auszumessen?
Ein höherer Ursprung hat nichts für sich, selbst nicht das Zeugnis der morgenländischen Schrift, auf die er sich beruft, denn diese gibt offenbar der Sprache einen menschlichen Anfang durch Namennennung der Tiere. Die menschliche Erfindung hat alles für und durchaus nichts gegen sich: Wesen der menschlichen Seele und Element der Sprache; Analogie des menschlichen Geschlechts und Analogie der Fortgänge der Sprache – das große Beispiel aller Völker, Zeiten und Teile der Welt!
Der höhere Ursprung ist, so fromm er scheine, durchaus ungöttlich. Bei jedem Schritte verkleinert er Gott durch die niedrigsten, unvollkommensten Anthropomorphien. Der menschliche zeigt Gott im größesten Lichte: sein Werk, eine menschliche Seele, durch sich selbst eine Sprache schaffend und fortschaffend, weil sie sein Werk, eine menschliche Seele ist. Sie bauet sich diesen Sinn der Vernunft als eine Schöpferin, als ein Bild seines Wesens. Der Ursprung der Sprache wird also nur auf eine würdige Art göttlich, sofern er menschlich ist.
Der höhere Ursprung ist zu nichts nütze und äußerst schädlich. Er zerstört alle Würksamkeit der menschlichen Seele, erklärt nichts und macht alles, alle Psychologie und alle Wissenschaften unerklärlich – denn mit der Sprache haben ja die Menschen alle Samen von Kenntnissen von Gott empfangen? Nichts ist also aus der menschlichen Seele? Der Anfang jeder Kunst, Wissenschaft und Kenntnis also ist immer unbegreiflich? – Der menschliche läßt keinen Schritt tun ohne Aussichten und die fruchtbarsten Erklärungen in allen Teilen der Philosophie und in allen Gattungen und Vorträgen der Sprache. Der Verfasser hat einige hier geliefert und kann davon eine Menge liefern. – –
Wie würde er sich freuen, wenn er mit dieser Abhandlung eine Hypothese verdränge, die, von allen Seiten betrachtet, dem menschlichen Geist nur zum Nebel und zur Unehre ist und es zu lange dazu gewesen! Er hat eben deswegen das Gebot der Akademie übertreten und keine Hypothese geliefert: denn was wärs, wenn eine Hypothese die andre auf- oder gleichwöge? Und wie pflegt man, was die Form einer Hypothese hat, zu betrachten, als wie philosophischen Roman – Rousseaus, Condillacs und andrer? Er befliß sich lieber, feste Data aus der menschlichen Seele, der menschlichen Organisation, dem Bau aller alten und wilden Sprachen und der ganzen Haushaltung des menschlichen Geschlechts zu sammlen und seinen Satz so zu beweisen, wie die festeste philosophische Wahrheit bewiesen werden kann. Er glaubt also mit seinem Ungehorsam den Willen der Akademie eher erreicht zu haben, als er sich sonst erreichen ließ. – – –
Tag der Veröffentlichung: 29.07.2011
https://www.bookrix.de/-bx.jg.herder
Sie haben Abhandlung über den Ursprung der Sprache zu Ende gelesen
Johann Gottfried Herder