Abhandlung über den Ursprung der Sprache
Abhandlung über den Urspung der Sprache
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 4 Teile geteilt.
Noch eins. Wenn gar an solchen kühnen Wortkämpfen, an solchen Versetzungen der Gefühle in einen Ausdruck, an solchen Durchkreuzungen der Ideen ohne Regel und Richtschnur – gewisse feine Begriffe eines Dogma, eines Systems kleben – oder daran geheftet werden – oder daraus untersucht werden sollen – Himmel! wie wenig waren diese Wortversuche einer werdenden oder früh gewordnen Sprache Definitionen eines Systems, und wie oft kommt man in den Fall, Wortidole zu schaffen, an die der Erfinder oder der spätere Gebrauch nicht dachte! – Doch solche Anmerkungen wären unendlich; ich gehe zu einem neuen Kanon:
III. »Je ursprünglicher eine Sprache ist, je häufiger solche Gefühle sich in ihr durchkreuzen, desto weniger können diese sich genau und logisch untergeordnet sein. Die Sprache ist reich an Synonymen: bei aller wesentlichen Dürftigkeit hat sie den größten unnötigen Überfluß.«
Die Verteidiger des göttlichen Ursprunges, die in allem göttliche Ordnung zu finden wissen, können ihn hier schwerlich finden und leugnen die Synonyme. – Sie leugnen? Wohlan nun, laß es sein, daß unter den 50 Wörtern, die der Araber für den Löwen, unter den 200, die er für die Schlange, unter den 80, die er für den Honig, und mehr als 1000, die er fürs Schwert hat, sich feine Unterschiede finden oder gefunden hätten, die aber verlorengegangen wären – warum waren sie da, wenn sie verlorengehen mußten? Warum erfand Gott einen unnötigen Wortschatz, den nur, wie die Araber sagen, ein göttlicher Prophet in seinem ganzen Umfange fassen konnte? Erfand er ins Leere der Vergessenheit? Vergleichungsweise aber sind diese Worte doch immer Synonymen, in Betracht der vielen andern Ideen, für die Wörter gar mangeln. Nun entwickle man doch darin göttliche Ordnung, daß Er, der den Plan der Sprache übersahe, für den Stein 70 Wörter erfand und für alle so nötige Ideen, innerliche Gefühle und Abstraktionen keine? daß er dort mit unnötigem Überfluß überhäufte, hier in der größten Dürftigkeit ließ, zu stehlen, Metaphern zu usurpieren, halben Unsinn zu reden usw.
Menschlich erklärt sich die Sache von selbst. So uneigentlich schwere, seltne Ideen ausgedrückt werden mußten, so häufig konntens die vorliegenden und leichten. Je unbekannter man mit der Natur war, von je mehrern Seiten man sie aus Unerfahrenheit ansehen und kaum wiedererkennen konnte, je weniger man a priori, sondern nach sinnlichen Umständen erfand, desto mehr Synonyme! Je mehrere erfanden, je umherirrender und abgetrennter sie erfanden, und doch nur meistens in einem Kreise für einerlei Sachen erfanden; wenn sie nachher zusammenkamen, wenn ihre Sprachen in einen Ozean von Wörterbuch flossen: desto mehr Synonyme! Verworfen konnten alle nicht werden, denn welche solltens? Sie waren bei diesem Stamm, bei dieser Familie, bei diesem Dichter bräuchlich; es ward also, wie jener arabische Wörterbuchschreiber sagt, da er 400 Wörter von Elend aufgezählt hatte, das 401. Elend, die Wörter des Elends aufzählen zu müssen. Eine solche Sprache ist reich, weil sie arm ist, weil ihre Erfinder noch nicht Plan genug hatten, arm zu werden – und der müßige Erfinder eben der unvollkommensten Sprache wäre Gott?
Die Analogien aller wilden Sprachen bestätigen meinen Satz: jede ist auf ihre Weise verschwenderisch und dürftig, nur jede auf eigne Art. Wenn der Araber für Stein, Kamel, Schwert, Schlange (Dinge, unter denen er lebt!) so viel Wörter hat, so ist die ceylanische Sprache, den Neigungen ihres Volks gemäß, reich an Schmeicheleien, Titeln und Wortgepränge. Für das Wort »Frauenzimmer« hat sie nach Stand und Range zwölferlei Namen, da selbst wir unhöfliche Deutsche z. E. hierin von unsern Nachbarn borgen müssen. Nach Stand und Range wird das »Du« und »Ihr« auf achterlei Weise gegeben, und das sowohl vom Tagelöhner als vom Hofmanne: der Wust ist Form der Sprache. In Siam gibt es achterlei Manieren, »Ich« und »Wir« zu sagen, nachdem der Herr mit dem Knechte oder der Knecht mit dem Herrn redet. Die Sprache der wilden Kariben ist beinahe in zwo Sprachen der Weiber und Männer verteilt, und die gemeinsten Sachen: Bette, Mond, Sonne, Bogen benennen beide anders; welch ein Überfluß von Synonymen! Und doch haben eben diese Kariben nur vier Wörter für die Farben, auf die sie alle andre beziehen müssen – welche Armut! Die Huronen haben jedesmal ein doppeltes Verbum für eine beseelte und unbeseelte Sache, so daß Sehen bei »einen Stein sehen« und Sehen bei »einen Menschen sehen« immer zween verschiedne Ausdrücke sind – man verfolge das durch die ganze Natur – welch ein Reichtum! »Sich seines Eigentums bedienen« oder »des Eigentums dessen, mit dem man redet«, hat immer zwei verschiedne Wörter – welch ein Reichtum! In der peruanischen Hauptsprache nennen sich die Geschlechter so sonderbar abgetrennt, daß die Schwester des Bruders und die Schwester der Schwester, das Kind des Vaters und der Mutter ganz verschieden heißt, und doch hat eben diese Sprache keinen wahren Pluralis! Jede dieser Synonymien hängt so sehr mit Sitte, Charakter und Ursprung des Volks zusammen; überall aber charakterisiert sich der erfindende menschliche Geist. – Ein neuer Kanon:
IV. »So wie die menschliche Seele sich keiner Abstraktion aus dem Reiche der Geister erinnern kann, zu der sie nicht durch Gelegenheiten und Erweckungen der Sinne gelangte, so hat auch keine Sprache ein Abstraktum, zu dem sie nicht durch Ton und Gefühl gelangt wäre. Und je ursprünglicher die Sprache, desto weniger Abstraktionen, desto mehr Gefühle.« Ich kann in diesem unermeßlichen Felde wieder nur Blumen brechen:
Der ganze Bau der morgenländischen Sprachen zeuget, daß alle ihre Abstrakta voraus Sinnlichkeiten gewesen: Der Geist war »Wind«, »Hauch«, »Nachtsturm«! Heilig hieß »abgesondert«, »einsam«; die Seele hieß »der Othem«; der Zorn »das Schnauben der Nase« usw. Die allgemeinem Begriffe wurden ihr also erst später durch Abstraktion, Witz, Phantasie, Gleichnis, Analogie usw. angebildet – im tiefsten Abgrunde der Sprache liegt keine einzige!
Bei allen Wilden findet dasselbe nach Maß der Kultur statt. In der Sprache von Barantola wußte man nicht »heilig« und bei den Hottentotten nicht das Wort »Geist« zu finden. Alle Missionarien in allen Weltteilen klagen über die Schwürigkeit, christliche Begriffe den Wilden in ihren Sprachen mitzuteilen, und doch dörften diese Mitteilungen ja nimmer eine scholastische Dogmatik, sondern nur die gemeinen Begriffe des gemeinen Verstandes sein. Wenn man hie und da Proben dieses Vortrages unter den Wilden, auch nur unter den ungebildeten Sprachen Europens, z. E. der lappländischen, finnischen, estnischen, übersetzt lieset und die Sprachlehren und Wörterbücher dieser Völker siehet, so werden die Schwürigkeiten offenbar.
Will man den Missionarien nicht glauben, so lese man die Philosophen, de la Condamine in Peru und am Amazonenstrome, Maupertuis in Lappland usw. Zeit, Dauer, Raum, Wesen, Stoff, Körper, Tugend, Gerechtigkeit, Freiheit, Erkenntlichkeit – sind im Munde der Peruaner nicht, wenn sie gleich mit ihrer Vernunft oft zeigen, daß sie nach diesen Begriffen schließen, und mit ihren Taten zeigen, daß sie die Tugenden haben. Solange sie die Idee nicht als Merkmal sich deutlich gemacht, so haben sie dazu kein Wort.
Wo also solche Worte in die Sprache hineingekommen, siehet man ihnen offenbar ihren Ursprung an. Die Kirchensprache der russischen Nation ist meistens griechisch; die christlichen Begriffe der Letten sind deutsche Worte oder deutsche Begriffe lettisiert. Der Mexikaner, der seinen armen Sünder ausdrücken will, malt ihn wie einen Knienden, der Ohrenbeicht ableget, und seine Dreieinigkeit wie drei Gesichte mit Scheinen. Man weiß, auf welchen Wegen die meisten Abstraktionen in unsre wissenschaftliche Sprache gekommen sind, in Theologie und Rechtsgelehrsamkeit, in Philosophie und andre. Man weiß, wie oft Scholastiker und Polemiker nicht einmal mit Worten ihrer Sprache streiten konnten und also Streitgewehr (Hypostasis und Substanz, ?µ???s??? und ? µ????s???) aus denen Sprachen herüberholen mußten, in denen die Begriffe abstrahiert, in denen das Streitgewehr geschärft war! Unsre ganze Psychologie, so verfeinert und bestimmt sie ist, hat kein eigentliches Wort.
Dies ist so wahr, daß es sogar Schwärmern und Entzückten nicht möglich ist, ihre neue Geheimnisse aus der Natur, aus Himmel und Hölle anders als durch Bilder und sinnliche Vorstellungen zu charakterisieren. Swedenborg konnte seine Engel und Geister nicht anders als aus allen Sinnen zusammenwittern und der erhabne Klopstock, jenem die größeste Antithese! seinen Himmel und Hölle nicht anders als aus sinnlichen Materialien bauen. Der Neger wittert sich seine Götter vom Gipfel der Bäume herunter, und der Chingulese erhört sich seinen Teufel aus dem Geklatsche der Wälder. Ich bin einigen dieser Abstraktionen unter verschiednen Völkern, in verschiednen Sprachen nachgeschlichen und habe die sonderbarsten Erfindungskunstgriffe des menschlichen Geistes wahrgenommen; der Gegenstand ist viel zu groß; der Grund ist immer derselbe. Wenn der Wilde denkt, daß dies Ding einen Geist hat, so muß ein sinnliches Ding dasein, aus dem er sich den Geist abstrahiert. Nur hat die Abstraktion ihre sehr verschiedne Arten, Stufen und Methoden. Das leichteste Beispiel, daß keine Nation in ihrer Sprache mehr und andre Wörter habe, als sie abstrahieren gelernt, sind die ohne Zweifel sehr leichte Abstraktionen, die Zahlen. Wie wenige haben die meisten Wilden, so reich, vortrefflich und ausgebildet ihre Sprachen sein mögen! nie mehr, als sie brauchten. Der handelnde Phönizier war der erste, der die Rechenkunst erfand. Der seine Herde überzählende Hirte lernt auch zählen. Die Jagdnationen, die nie vielzählige Geschäfte haben, wissen eine Armee nicht anders zu bezeichnen als wie Haare auf dem Haupt! Wer mag sie zählen? Wer, der nie so weit hinauf gezählet hat, hat dazu Worte?
Ists möglich, von allen diesen Spuren des wandelnden, sprachschaffenden Geistes wegzugehen und Ursprung in den Wolken zu suchen? Was hat man für einen Beweis von einem einzigen Worte, was nur Gott erfinden konnte? Existiert in irgendeiner Sprache nur ein einziger reiner, allgemeiner Begriff, der dem Menschen vom Himmel gekommen? Wo ist er auch nur möglich? Und was für 100 000 Gründe und Analogien, und Beweise von der Genesis der Sprache in der menschlichen Seele, nach den menschlichen Sinnen und Seharten! was für Beweise von der Fortwandrung der Sprache mit der Vernunft und ihrer Entwicklung aus derselben unter allen Völkern, Weltgürteln und Umständen! Welches Ohr ist, das diese allgemeine Stimme der Nationen nicht höre?
Und doch seh ich mit Verwundrung, daß Herr Süßmilch sich wieder mit mir begegne und auf dem Wege göttliche Ordnung finde, wo ich die allermenschlichste entdecke. »Daß man noch zur Zeit keine Sprache entdeckt hat, die ganz zu Künsten und Wissenschaften ungeschickt gewesen«, was zeugt denn das anders, als daß keine Sprache viehisch, daß sie alle menschlich sind? Wo hat man denn einen Menschen entdeckt, der ganz zu Künsten und Wissenschaften ungeschickt wäre, und war das ein Wunder? Oder nicht eben die gemeinste Sache, weil er Mensch war? »Alle Missionarien haben mit den wildesten Völkern reden und sie überzeugen können; das konnte ohne Schlüsse und Gründe nicht geschehen: Ihre Sprachen mußten also terminos abstractos enthalten usw.« Und wenn das, so wars göttliche Ordnung? Oder war es nicht eben die menschlichste Sache, sich Worte zu abstrahieren, wo man sie brauchte? Und welches Volk hat je eine einzige Abstraktion in seiner Sprache gehabt, die es sich nicht selbst erworben? Und waren denn bei allen Völkern gleichviel? Konnten die Missionarien sich überall gleich leicht ausdrücken, oder hat man nicht das Gegenteil aus allen Weltteilen gelesen? Und wie drückten sie sich denn aus, als daß sie ihre neuen Begriffe der Sprache nach Analogie derselben anbogen? Und geschahe dies überall auf gleiche Art? – Über das Faktum wäre so viel, so viel zu sagen! Der Schluß sagt gar das Gegenteil. Eben weil die menschliche Vernunft nicht ohne Abstraktion sein kann und jede Abstraktion nicht ohne Sprache wird, so muß die Sprache auch in jedem Volk Abstraktionen enthalten, das ist ein Abdruck der Vernunft sein, von der sie ein Werkzeug gewesen. Wie aber jede nur so viel enthält, als das Volk hat machen können, und keine einzige, die ohne Sinne gemacht wäre, als welches ihr ursprünglich sinnlicher Ausdruck zeigt, so ist nirgends göttliche Ordnung zu sehen, als sofern die Sprache durchaus menschlich ist.
V. Endlich: »Da jede Grammatik nur eine Philosophie über die Sprache und eine Methode ihres Gebrauchs ist, so muß je ursprünglicher die Sprache, desto weniger Grammatik in ihr sein, und die älteste ist bloß das vorangezeigte Wörterbuch der Natur!« Ich reiße einige Steigerungen ab.
1. Deklinationen und Konjugationen sind nichts anders als Verkürzungen und Bestimmungen des Gebrauchs der Nominum und Verborum nach Zahl, Zeit und Art und Person. Je roher also eine Sprache, desto unregelmäßiger ist sie in diesen Bestimmungen und zeigt bei jedem Schritte den Gang der menschlichen Vernunft. Hintenan ohne Kunst des Gebrauchs, ist sie simples Wörterbuch.
2. Wie Verba einer Sprache eher sind als die von ihnen rund abstrahierten Nomina, so auch anfangs um so mehr Konjugationen, je weniger man Begriffe untereinander zu ordnen gelernt hat. Wieviel haben die Morgenländer! Und doch sinds eigentlich keine, denn was gibts noch immer für Verpflanzungen und Umwerfungen der Verborum aus Konjugation in Konjugation! Die Sache ist ganz natürlich. Da nichts den Menschen so angeht und wenigstens so sprachartig ihn trifft, als was er erzählen soll, Taten, Handlungen, Begebenheiten, so müssen sich ursprünglich eine solche Menge Taten und Begebenheiten sammlen, daß fast für jeden Zustand ein neues Verbum wird. »In der huronischen Sprache wird alles konjugiert. Eine Kunst, die nicht kann erkläret werden, läßt darin von den Zeitwörtern, die Nenn-, die Für-, die Zuwörter unterscheiden. Die einfachen Zeitwörter haben eine doppelte Konjugation, eine für sich und eine, die sich auf andre Dinge beziehet. Die dritten Personen haben die beiden Geschlechter. Was die Tempora anbetrifft, findet man die feinen Unterschiede, die man z. E. im Griechischen bemerket; ja wenn man die Erzählung einer Reise tun will, so drückt man sich verschieden aus, wenn man sie zu Lande und zu Wasser getan hat. Die Activa vervielfältigen sich so oft, als es Sachen gibt, die unter das Tun kommen; das Wort »Essen« verändert sich mit jeder eßbaren Sache. Das Tun einer beseelten Sache wird anders ausgedrückt als einer unbeseelten. Sich seines und des Eigentums dessen bedienen, mit dem man redet, hat zweierlei Ausdruck usw.« Man denke sich alle diese Vielheit von Verbis, Modis, Temporibus, Personen, Zuständen, Geschlechtern usw., welche Mühe und Kunst, das einigermaßen untereinander zu bringen! aus dem, was ganz Wörterbuch war, einigermaßen Grammatik zu machen! – Des P. Lery Grammatik der Topinambuer in Brasilien zeigt ebendasselbe! – Denn wie das erste Wörterbuch der menschlichen Seele eine lebendige Epopee der tönenden, handelnden Natur war, so war die erste Grammatik fast nichts als ein philosophischer Versuch, diese Epopee zur regelmäßigem Geschichte zu machen. Sie zerarbeitet sich also mit lauter Verbis und arbeitet in einem Chaos, was für die Dichtkunst unerschöpflich, mehr geordnet sehr reich für die Bestimmung der Geschichte, am spätsten aber für Axiome und Demonstrationen brauchbar ist.
3. Das Wort, was unmittelbar auf den Schall der Natur, nachahmend, folgte, folgte schon einem Vergangnen: Präterita sind also die Wurzeln der Verborum, aber Präterita, die noch fast für die Gegenwart gelten. A priori ist das Faktum sonderbar und unerklärlich, da die gegenwärtige Zeit die erste sein müßte, wie sie es auch in allen spätergebildeten Sprachen geworden; nach der Geschichte der Spracherfindung konnte es nicht anders sein. Die Gegenwart zeigt man, aber das Vergangne muß man erzählen. Und da man dies auf so viel Art erzählen konnte und anfangs im Bedürfnis, Worte zu finden, es so vielfältig tun mußte, so wurden in allen alten Sprachen viel Präterita, aber nur ein oder kein Präsens. Dessen hatte sich nun in den gebildetem Zeiten Dichtkunst und Geschichte sehr, die Philosophie aber sehr wenig zu erfreuen, weil die keinen verwirrenden Vorrat liebt. – Hier sind wieder Huronen, Brasilianer, Morgenländer und Griechen gleich: überall Spuren vom Gange des menschlichen Geistes!
4. Alle neuere philosophische Sprachen haben das Nomen feiner, das Verbum weniger, aber regelmäßiger modifiziert; denn die Sprache erwuchs mehr zur kalten Beschauung dessen, was da ist und was gewesen ist, als daß sie noch ein unregelmäßig stammelndes Gemisch von dem, was etwa gewesen ist, geblieben wäre. Jenes gewöhnte man sich nacheinander zu sagen und also durch Numeros und Artikel und Kasus usw. zu bestimmen. Die alten Erfinder wollten alles auf einmal sagen, nicht bloß, was getan wäre, sondern wer es getan, wenn, wie und wo es geschehen. Sie brachten also in die Nomina gleich den Zustand, in jede Person des Verbi gleich das Genus; sie unterschieden gleich durch Prae- und Afformativa, durch Af- und Suffixa. Verbum und Adverbium, Verbum und Nomen und alles floß zusammen. Je später, desto mehr wurde unterschieden und hergezählt: aus den Hauchen wurden Artikel, aus den Ansätzen Personen, aus den Vorsätzen Modi oder Adverbia; die Teile der Rede flossen auseinander: nun ward allmählich Grammatik. So ist diese Kunst zu reden, diese Philosophie über die Sprache erst langsam und Schritt vor Schritt, Jahrhunderte und Zeiten hinabgebildet, und der erste Kopf, der an eine wahre Philosophie der Grammatik, an die Kunst zu reden denkt, muß gewiß erst die Geschichte derselben durch Völker und Stufen hinab überdacht haben. Hätten wir doch eine solche Geschichte, sie wäre mit allen ihren Fortgängen und Abweichungen eine Karte von der Menschlichkeit der Sprache.
5. Aber wie hat eine Sprache ganz ohne Grammatik bestehen können? Ein bloßer Zusammenfluß von Bildern und Empfindungen ohne Zusammenhang und Bestimmung? Für beide war gesorgt: es war lebende Sprache. Da gab die große Einstimmung der Gebärden gleichsam den Takt und die Sphäre, wohin es gehörte; und der große Reichtum der Bestimmungen, der im Wörterbuch selbst lag, ersetzte die Kunst der Grammatik. Sehet die alte Schrift der Mexikaner! Sie malen lauter einzelne Bilder. Wo kein Bild in die Sinne fällt, haben sie sich über Striche vereinigt, und den Zusammenhang zu allen muß die Welt geben, in die es gehört, aus der es geweissagt wird. Diese Weissagungskunst, aus einzelnen Zeichen Zusammenhang zu erraten – wie weit können sie noch nur einzelne Stumme und Taube treiben! Und wenn diese Kunst selbst mit zur Sprache gehört, von Jugend auf, als Sprache, mit gelernt wird; wenn sie sich mit der Tradition von Geschlechtern immer mehr erleichtert und vervollkommet, so sehe ich nichts Unbegreifliches. Je mehr sie aber erleichtert wird, desto mehr nimmt sie ab; desto mehr wird Grammatik – und das ist Stufengang des menschlichen Geistes!
Proben davon sind z. E. des la Loubère Nachrichten von der siamischen Sprache: wie ähnlich ist sie noch dem Zusammenhange der Morgenländer, insonderheit ehe durch spätere Bildung noch mehr von ihm hineinkam. Der Siamer will sagen: »Wäre ich zu Siam, so wäre ich vergnügt!« Und sagt: »Wenn ich sein Stadt Siam; ich wohl Herz viel!« – Er will das Vaterunser beten und muß sagen: »Vater, uns sein Himmel! Namen Gottes wollen heiligen aller Ort usw.« – Wie morgenländisch und ursprünglich ist das! Gerade so zusammenhangend als eine mexikanische Bilderschrift oder das Stammeln der Ungelehrigen aus fremden Sprachen!
6. Ich muß hier noch eine Sonderbarkeit erklären, die ich auch in Herrn Süßmilchs göttlicher Ordnung mißverstanden sehe: »nämlich die Mannigfaltigkeit der Bedeutungen eines Worts nach dem Unterschiede kleiner Artikulationen«! Ich finde diesen Kunstgriff fast unter allen Wilden, wie ihn z. E. Garcilasso di Vega von den Peruanern, Condamine von den Brasilianern, la Loubère von den Siamesen, Resnel von den Nordamerikanern anführt. Ich finde ihn ebenso bei den alten Sprachen, z. E. der chinesischen und den morgenländischen, vorzüglich der hebräischen, wo ein kleiner Schall, Akzent, Hauch die ganze Bedeutung ändert, und ich finde doch nichts als etwas sehr Menschliches in ihm, Dürftigkeit und Bequemlichkeit der Erfinder! Sie hatten ein neues Wort nötig, und da das müßige Erfinden aus leerem Kopf so schwer ist, so nahmen sie ein ähnliches mit der Veränderung vielleicht nur eines Hauchs. Das war Gesetz der Sparsamkeit, ihnen anfangs bei ihren sich durchwebenden Gefühlen sehr natürlich und bei ihrer mächtigern Aussprache der Wörter noch ziemlich bequem; aber für einen Fremden, der sein Ohr nicht von Jugend auf daran gewöhnt hat und dem die Sprache jetzt mit Phlegma, wo der Schall halb im Munde bleibt, vorgezischt wird, macht dies Gesetz der Sparsamkeit und Notdurft die Rede unvernehmlich und unaussprechlich. Je mehr eine gesunde Grammatik in die Sprachen Haushaltung eingeführt, desto minder wird diese Kargheit nötig – also gerade das Gegenteil als Kennzeichen göttlicher Erfindung, wo der Erfinder sich gewiß sehr schlecht zu helfen gewußt, wenn er so etwas nötig hatte.
7. Am offenbarsten wird endlich der Fortgang der Sprache durch die Vernunft und der Vernunft durch die Sprache, wenn diese schon einige Schritte getan, wenn in ihr schon Stücke der Kunst, z. B. Gedichte, existieren, wenn Schrift erfunden ist; wenn sich eine Gattung der Schreibart nach der andern ausbildet. Da kann kein Schritt getan, kein neues Wort erfunden, keine neue glückliche Form in Gang gebracht werden, wo nicht Abdruck der menschlichen Seele liege. Da kommen durch Gedichte Silbenmaße, Wahl der stärksten Worte und Farben, Ordnung und Schwung der Bilder; da kommt durch Geschichte Unterschied der Zeiten, Genauigkeit des Ausdrucks; da kommt endlich durch die Redner die völlige Rundung des Perioden in die Sprache. So wie nun vor jedem solchen Zusatz nichts dergleichen vorher in der Sprache dalag, aber alles durch die menschliche Seele hineingebracht wurde und hineingebracht werden konnte: wo will man dieser Hervorbringung, dieser Fruchtbarkeit Grenzen setzen? Wo will man sagen: hier fing die menschliche Seele zu würken an, aber eher nicht? Hat sie das Feinste, das Schwerste erfinden können, warum nicht das Leichteste? Konnte sie zustande bringen, warum nicht Versuche machen, warum nicht anfangen? Denn was war doch der Anfang als die Produktion eines einzigen Worts, als Zeichen der Vernunft, und das mußte sie, blind und stumm in ihrem Innern, so wahr sie Vernunft besaß.
Ich bilde mir ein, das Können der Erfindung menschlicher Sprache sei mit dem, was ich gesagt, von innen aus der menschlichen Seele, von außen aus der Organisation des Menschen und aus der Analogie aller Sprachen und Völker, teils in den Bestandteilen aller Rede, teils im ganzen großen Fortgange der Sprache mit der Vernunft so bewiesen, daß, wer dem Menschen nicht Vernunft abspricht, oder, was ebensoviel ist, wer nur weiß, was Vernunft ist, wer sich ferner je um die Elemente der Sprache philosophisch bekümmert, wer dazu die Beschaffenheit und Geschichte der Sprachen auf dem Erdboden mit dem Auge des Beobachters in Rücksicht genommen, der kann nicht einen Augenblick zweifeln, wenn ich auch weiter kein Wort mehr hinzusetzte. Die Genesis in der menschlichen Seele ist so demonstrativ als irgendein philosophischer Beweis und die äußere Analogie aller Zeiten, Sprachen und Völker solch ein Grad der Wahrscheinlichkeit, als bei der gewissesten Sache der Geschichte möglich ist. Indessen, um auf immer allen Einwendungen vorzubeugen und den Satz gleichsam auch äußerlich so gewiß zu machen, als eine philosophische Wahrheit sein kann, so lasset uns noch aus allen äußern Umständen und aus der ganzen Analogie der menschlichen Natur beweisen, »daß der Mensch sich seine Sprache hat erfinden müssen und unter welchen Umständen er sie sich am füglichsten habe erfinden können«.
Zweiter Teil
Auf welchem Wege der Mensch sich am füglichsten hat Sprache erfinden können und müssen
Die Natur gibt keine Kräfte umsonst. Wenn sie also dem Menschen nicht bloß Fähigkeiten gab, Sprache zu erfinden, sondern auch diese Fähigkeit zum Unterscheidungscharakter seines Wesens und zur Triebfeder seiner vorzüglichen Richtung machte, so kam diese Kraft nicht anders als lebend aus ihrer Hand, und so konnte sie nicht anders, als in eine Sphäre gesetzt sein, wo sie würken mußte. Lasset uns einige dieser Umstände und Anliegenheiten genauer betrachten, die sogleich den Menschen, da er mit der nächsten Anlage, sich Sprache zu bilden, in die Welt trat, sogleich zur Sprache veranlaßten, und da dieser Anliegenheiten viel sind, so bringe ich sie unter gewisse Hauptgesetze seiner Natur und seines Geschlechts.
Erstes Naturgesetz
Der Mensch ist ein freidenkendes, tätiges Wesen, dessen Kräfte in
Progression fortwürken; darum sei er ein Geschöpf der Sprache!
Als nacktes, instinktloses Tier betrachtet, ist der Mensch das elendeste der Wesen. Da ist kein dunkler, angeborner Trieb, der ihn in sein Element und in seinen Würkungskreis, zu seinem Unterhalt und an sein Geschäfte zeucht. Kein Geruch und keine Witterung, die ihn auf die Kräuter hinreißen damit er seinen Hunger stille! Kein blinder, mechanischer Lehrmeister, der für ihn sein Nest baue! Schwach und unterliegend, dem Zwist der Elemente, dem Hunger, allen Gefahren, den Klauen aller stärkern Tiere, einem tausendfachen Tode überlassen, stehet er da! einsam und einzeln! ohne den unmittelbaren Unterricht seiner Schöpferin und ohne die sichere Leitung ihrer Hand, von allen Seiten also verloren – – –
Doch so lebhaft dies Bild ausgemalt werde, so ists nicht das Bild des Menschen – es ist nur eine Seite seiner Oberfläche, und auch die stehet im falschen Licht. Wenn Verstand und Besonnenheit die Naturgabe seiner Gattung ist, so mußte diese sich sogleich äußern, da sich die schwächere Sinnlichkeit und alle das Klägliche seiner Entbehrungen äußerte. Das instinktlose, elende Geschöpf, was so verlassen aus den Händen der Natur kam, war auch vom ersten Augenblicke an das freitätige, vernünftige Geschöpf, das sich selbst helfen sollte und nicht anders als konnte. Alle Mängel und Bedürfnisse als Tier waren dringende Anlässe, sich mit allen Kräften als Mensch zu zeigen; so wie diese Kräfte der Menschheit nicht etwa bloß schwache Schadloshaltungen gegen die ihm versagten größern Tier-Vollkommenheiten waren, wie unsre neue Philosophie, die große Gönnerin der Tiere, will, sondern sie waren ohne Vergleichung und eigentliche Gegeneinandermessung seine Art! Der Mittelpunkt seiner Schwere, die Hauptrichtung seiner Seelenwürkungen fiel so auf diesen Verstand, auf menschliche Besonnenheit hin, wie bei der Biene sogleich aufs Saugen und Bauen.
Wenn es nun bewiesen ist, daß nicht die mindeste Handlung seines Verstandes ohne Merkwort geschehen konnte, so war auch das erste Moment der Besinnung Moment zu innerer Entstehung der Sprache.
Man lasse ihm zu dieser ersten deutlichen Besinnung soviel Zeit, als man will, man lasse, nach Buffons Manier (nur philosophischer als er), dies gewordne Geschöpf sich allmählich sammlen, man vergesse aber nicht, daß gleich vom ersten Momente an kein Tier, sondern ein Mensch, zwar noch kein Geschöpf von Besinnung, aber schon von Besonnenheit ins Universum erwache. Nicht wie eine große, schwerfällige, unbehülfliche Maschine, die gehen sollte und mit starren Gliedern nicht gehen kann, die sehen, hören, kosten sollte und mit starren Säften im Auge, mit verhärtetem Ohr und mit versteinter Zunge nichts von alle diesem kann. Leute, die Zweifel der Art machen, sollten doch bedenken, daß dieser Mensch nicht aus Platons Höhle, aus einem finstern Kerker, wo er von seinem ersten Augenblick des Lebens eine Reihe von Jahren hin ohne Licht und Bewegung sich mit offnen Augen blind und mit gesunden Gliedern ungelenk gesessen, sondern daß er aus den Händen der Natur, im frischesten Zustande seiner Kräfte und Säfte und mit der besten, nächsten Anlage kam, vom ersten Augenblicke sich zu entwickeln. Über die ersten Momente der Sammlung muß freilich die schaffende Vorsicht gewaltet haben – doch das ist nicht Werk der Philosophie, das Wunderbare in diesen Momenten zu erklären, sowenig sie seine Schöpfung erklären kann. Sie nimmt ihn im ersten Zustande der freien Tätigkeit, im ersten vollen Gefühl seines gesunden Daseins und erklärt also diese Momente nur menschlich.
Nun kann ich mich auf das vorige beziehen. Da hier keine metaphysische Trennung der Sinne stattfindet, da die ganze Maschine empfindet und gleich vom dunkeln Gefühl heraufarbeitet zur Besinnung, da dieser Punkt, die Empfindung des ersten deutlichen Merkmals, eben auf das Gehör, den mittlern Sinn zwischen Auge und Gefühl trifft, so ist die Genesis der Sprache ein so inneres Dringnis wie der Drang des Embryons zur Geburt bei dem Moment seiner Reife. Die ganze Natur stürmt auf den Menschen, um seine Kräfte, um seine Sinne zu entwickeln, bis er Mensch sei. Und wie von diesem Zustande die Sprache anfängt, so ist die ganze Kette von Zuständen in der menschlichen Seele von der Art, daß jeder die Sprache fortbildet. – Dies große Gesetz der Naturordnung will ich ins Licht stellen.
Tiere verbinden ihre Gedanken dunkel oder klar, aber nicht deutlich. So wie freilich die Gattungen, die nach Lebensart und Nervenbau dem Menschen am nächsten stehen, die Tiere des Feldes, oft viel Erinnerung, viel Gedächtnis, und in manchen Fällen ein stärkeres als der Mensch zeigen, so ists nur immer sinnliches Gedächtnis, und keines hat die Erinnerung je durch eine Handlung bewiesen, daß es für sein ganzes Geschlecht seinen Zustand verbessert und Erfahrungen generalisiert hätte, um sie in der Folge zu nutzen. Der Hund kann freilich die Gebärde erkennen, die ihn geschlagen, und der Fuchs den unsichern Ort, wo ihm nachgestellt wurde, fliehen; aber keins von beiden sich eine allgemeine Reflexion aufklären, wie es dieser schlagdrohenden Gebärde und dieser Hinterlist der Jäger je auf immer entgehen könnte. Es blieb also nur immer bei dem einzelnen sinnlichen Falle hangen, und sein Gedächtnis wurde eine Reihe dieser sinnlichen Fälle, die sich produzieren und reproduzieren – aber nie durch Überlegung verbunden: ein Mannigfaltiges ohne deutliche Einheit, ein Traum sehr sinnlicher, klarer, lebhafter Vorstellungen, ohne ein Hauptgesetz des hellen Wachens, das diesen Traum ordne.
Freilich ist unter diesen Geschlechtern und Gattungen noch ein großer Unterschied. Je enger der Kreis, je stärker die Sinnlichkeit und der Trieb, je einförmiger die Kunstfähigkeit und das Werk des Lebens ist, desto weniger ist, wenigstens für uns, die geringste Progression durch Erfahrung merklich. Die Biene bauet in ihrer Kindheit so wie im hohen Alter und wird zu Ende der Welt so bauen als im Beginn der Schöpfung. Sie sind einzelne Punkte, leuchtende Funken aus dem Licht der Vollkommenheit Gottes, die aber immer einzeln leuchten. Ein erfahrner Fuchs hingegen unterscheidet sich schon sehr von dem ersten Lehrlinge der Jagd: er kennet schon viele Kunstgriffe voraus und sucht ihnen zu entweichen – aber woher kennt er sie? und wie sucht er ihnen zu entweichen? Weil er sie voraus unmittelbar erfahren und weil unmittelbar aus solcher Erfahrung das Gesetz dieser Handlung folget. In keinem Falle würkt deutliche Reflexion, denn werden nicht immer die klügsten Füchse noch jetzt so berückt wie vom ersten Jäger in der Welt? Bei dem Menschen waltet offenbar ein andres Naturgesetz über die Sukzession seiner Ideen, Besonnenheit; sie waltet noch selbst im sinnlichsten Zustande, nur minder merklich. Das unwissendste Geschöpf, wenn er auf die Welt kommt, aber sogleich wird er Lehrling der Natur auf eine Weise wie kein Tier. Ein Tag nicht bloß lehrt den andern, sondern jede Minute des Tages die andre, jeder Gedanke den andern. Der Kunstgriff ist seiner Seele wesentlich, nichts für diesen Augenblick zu lernen, sondern alles entweder an das zu reihen, was sie schon wußte, oder für das, was sie künftig daran zu knüpfen gedenkt; sie berechnet also ihren Vorrat, den sie gesammlet oder noch zu sammlen gedenkt, und so wird sie eine Kraft, unverrückt zu sammlen. Solch eine Kette geht bis an den Tod fort: gleichsam nie der ganze Mensch, immer in Entwicklung, im Fortgange, in Vervollkommung. Eine Würksamkeit hebt sich durch die andre, eine baut auf die andre, eine entwickelt sich aus der andren. Es werden Lebensalter, Epochen, die wir nur nach den Stufen der Merklichkeit benennen, die aber, weil der Mensch nie fühlt, wie er wächset, sondern nur immer, wie er gewachsen ist, sich in ein unendlich Kleines teilen lassen. Wir wachsen immer aus einer Kindheit, so alt wir sein mögen, sind immer im Gange, unruhig, ungesättigt. Das Wesentliche unsres Lebens ist nie Genuß, sondern immer Progression, und wir sind nie Menschen gewesen, bis wir – zu Ende gelebt haben; dahingegen die Biene Biene war, als sie ihre erste Zelle bauete.
Zu allen Zeiten würkt freilich dies Gesetz der Vervollkommung, der Progression durch Besonnenheit, nicht gleich merklich; ist aber das minder merkliche deswegen nicht da? Im Traume, im Gedankentraume, denkt der Mensch nicht so ordentlich und deutlich als wachend, deswegen aber denkt er noch immer als ein Mensch – als Mensch in einem Mittelzustande, nie als ein völliges Tier. Bei einem Gesunden müssen seine Träume so gut eine Regel der Verbindung haben als seine wachenden Gedanken; nur daß es nicht dieselbe Regel sein oder diese so einförmig würken kann; selbst diese Ausnahmen zeugen also von der Gültigkeit des Hauptgesetzes, und die offenbaren Krankheiten und unnatürlichen Zustände, Ohnmachten, Verrückungen usw. zeugen es noch mehr. Nicht jede Handlung der Seele ist unmittelbar eine Folge der Besinnung; jede aber eine Folge der Besonnenheit: keine, so wie sie beim Menschen geschiehet, könnte sich äußern, wenn der Mensch nicht Mensch wäre und nach solchem Naturgesetz dächte.
Konnte nun der erste Zustand der Besinnung des Menschen nicht ohne Wort der Seele würklich werden, so werden alle Zustände der Besonnenheit in ihm sprachmäßig: seine Kette von Gedanken wird eine Kette von Worten.
Will ich damit sagen, daß der Mensch jede Empfindung seines dunkelsten Gefühls zu einem Worte machen oder sie nicht anders als mittelst eines Worts empfinden könne? Unsinn wäre es, dies zu sagen, da gerade umgekehrt bewiesen ist: Was sich bloß durchs dunkle Gefühl empfinden läßt, ist keines Worts für uns fähig, weil es keines deutlichen Merkmals fähig ist. Die Basis der Menschheit ist also, wenn wir von willkürlicher Sprache reden, unaussprechlich. Aber ist denn Basis die ganze Figur? Fußgestelle die ganze Bildsäule? Ist der Mensch seiner ganzen Natur nach denn eine bloß dunkel fühlende Auster? Lasset uns also den ganzen Faden seiner Gedanken nehmen: Da er von Besonnenheit gewebt ist, da sich in ihm kein Zustand findet, der im ganzen genommen nicht selbst Besinnung sei oder doch in Besinnung aufgeklärt werden könne, da bei ihm das Gefühl nicht herrschet, sondern die ganze Mitte seiner Natur auf feinere Sinne, Gesicht und Gehör, fällt und diese ihm immerfort Sprache geben: so folgt, daß im ganzen genommen auch kein Zustand in der menschlichen Seele sei, der nicht wortfähig oder würklich durch Worte der Seele bestimmt werde. Es müßte der dunkelste Schwärmer oder ein Vieh, der abstrakteste Götterseher oder eine träumende Monade sein, der ganz ohne Worte dächte. Und in der menschlichen Seele ist, wie wir selbst in Träumen und bei Verrückten sehen, kein solcher Zustand möglich. So kühn es klinge, so ists wahr: Der Mensch empfindet mit dem Verstande und spricht, indem er denket. Und indem er nun immer so fortdenket und, wie wir gesehen, jeden Gedanken in der Stille mit dem vorigen und der Zukunft zusammenhält, so muß jeder Zustand, der durch Reflexion so verkettet ist, besser denken, mithin auch besser sprechen. Lasset ihm den freien Gebrauch seiner Sinne: Da der Mittelpunkt dieses Gebrauchs in Gesicht und Gehör fällt, wo jenes ihm Merkmal und dieses Ton zum Merkmale gibt, so wird mit jedem leichtern, gebildetern Gebrauch dieser Sinne ihm Sprache fortgebildet. Lasset ihm den freien Gebrauch seiner Seelenkräfte. Da der Mittelpunkt ihres Gebrauchs auf Besonnenheit fällt, mithin nicht ohne Sprache ist, so wird mit jedem leichtern, gebildetern Gebrauch der Besonnenheit ihm Sprache mehr gebildet. Folglich wird die Fortbildung der Sprache dem Menschen so natürlich als seine Natur selbst.
Wer ist nun, der den Umfang der Kräfte einer Menschenseele kenne, wenn sie sich zumal in aller Anstrengung gegen Schwürigkeiten und Gefahren äußern? Wer ist, der den Grad der Vollkommenheit abwiege, zu dem sie durch eine beständige, innig verwickelte, so vielfache Fortbildung gelangen kann? Und da alles auf Sprache hinausläuft, wie ansehnlich, was ein einzelner Mensch zur Sprache sammlen muß! Mußte sich schon der Blinde und Stumme auf seinem einsamen Eilande eine dürftige Sprache schaffen; der Mensch, der Lehrling aller Sinne! der Lehrling der ganzen Welt! wie weit reicher muß er werden! Was soll er genießen? Sinne, Geruch, Witterung für die Kräuter, die ihm gesund, Abneigung für die, so ihm schädlich sind, hat die Natur ihm nicht gegeben, er muß also versuchen, schmecken, wie die Europäer in Amerika den Tieren absehen, was eßbar sei, sich also Merkmale der Kräuter, mithin Sprache sammlen! Er hat nicht Stärke gnug, um dem Löwen zu begegnen; er entweiche also ferne von ihm, kenne ihn von fern an seinem Schalle, und um ihm menschlich und mit Bedacht entweichen zu können, lerne er ihn und hundert andre schädliche Tiere deutlich erkennen, mithin sie nennen! Je mehr er nun Erfahrungen sammlet, verschiedne Dinge und von verschiednen Seiten kennenlernt, desto reicher wird seine Sprache! Je öfter er diese Erfahrungen siehet und die Merkmale bei sich wiederholet, desto fester und geläufiger wird seine Sprache. Je mehr er unterscheidet und untereinander ordnet, desto ordentlicher wird seine Sprache! Dies Jahre durch, in einem muntern Leben, in steten Abwechselungen, in beständigem Kampf mit Schwürigkeiten und Notdurft, mit beständiger Neuheit der Gegenstände fortgesetzt: ist der Anfang zur Sprache unbeträchtlich? Und siehe! es ist nur das Leben eines einzigen Menschen!
Ein stummer Mensch, in dem Verstande, wie es die Tiere sind, der auch nicht in seiner Seele Worte denken könnte, wäre das traurigste, sinnloseste, verlassenste Geschöpf der Schöpfung und der größeste Widerspruch mit sich selbst! Im ganzen Universum gleichsam allein, an nichts geheftet und für alles da, durch nichts gesichert, und durch sich selbst noch minder, muß der Mensch entweder unterliegen oder über alles herrschen, mit Plan einer Weisheit, deren kein Tier fähig ist, von allem deutlichen Besitz nehmen oder umkommen! Sei nichts oder Monarch der Schöpfung durch Verstand! Zertrümmere oder schaffe dir Sprache! Und wenn sich nun in diesem andringenden Kreise von Bedürfnissen alle Seelenkräfte sammlen, wenn die ganze Menschheit, Mensch zu sein, kämpfet – wieviel kann erfunden, getan, geordnet werden!
Wir gesellschaftlichen Menschen denken uns in einen solchen Zustand nur immer mit Zittern hinein: »Ei, wenn der Mensch sich gegen alles auf so langsame, schwache, unhinreichende Art erst retten soll – durch Vernunft, durch Überlegung? Wie langsam überlegt diese und wie schnell, wie andringend sind seine Bedürfnisse, seine Gefahren!« – Es kann dieser Einwurf freilich mit Beispielen sehr ausgeschmückt werden, er streitet aber immer gegen eine ganz andre Spitze, als die wir verteidigen. Unsre Gesellschaft, die viele Menschen zusammengebracht, daß sie mit ihren Fähigkeiten und Verrichtungen eins sein sollen, muß also von Jugend auf Fähigkeiten verteilen und Gelegenheiten ausspenden, daß eine für der andern gebildet werde. So wird der eine Mensch für die Gesellschaft gleichsam ganz Algebra, ganz Vernunft; so wie sie am andern bloß Herz, Mut und Faust braucht: der nutzt ihr, daß er kein Genie und viel Fleiß, jener, daß er Genie in einem und in allem andern nichts habe. Jedes Triebrad muß sein Verhältnis und Stelle haben, sonst machen sie kein Ganzes einer Maschine. – Aber daß man diese Verteilung der Seelenkräfte, da man alle andre merklich erstickt, um in einer andre zu übertreffen, nicht in den Zustand eines natürlichen Menschen übertrage! Setzet einen Philosophen, in der Gesellschaft geboren und erzogen, der nichts als seinen Kopf zu denken und seine Hand zum Schreiben geübet, setzet ihn mit einmal aus allem Schutz und gegenseitigen Bequemlichkeiten, die ihm die Gesellschaft für seine einseitigen Dienste leistet, hinaus, er soll sich selbst in einem unbekannten Lande Unterhalt suchen und gegen die Tiere kämpfen und in allem eigner Schutzgott sein – wie verlegen! Er hat dazu weder Sinne noch Kräfte, noch Übung in beiden! Vielleicht hat er in den Irrgängen seiner Abstraktion Geruch und Gesicht und Gehör und rasche Erfindungsgabe – und gewiß jenen Mut, jene schnelle Entschließung verloren, die sich nur unter Gefahren bildet und äußert, die in steter, neuer Würksamkeit sein will, oder sie entschläft. Ist er nun in Jahren, wo der Lebensquell seiner Geister schon stillesteht oder zu vertrocknen anfängt, so wird es freilich ewig zu spät sein, ihn in diesen Kreis hineinbilden zu wollen – aber ist denn das der gegebne Fall? Alle die Versuche zur Sprache, die ich anführe, werden durchaus nicht gemacht, um philosophische Versuche zu sein, die Merkmale der Kräuter nicht ausgefunden, wie sie Linné klassifizieret; die ersten Erfahrungen sind nicht kalte, vernunftlangsame, sorgsam abstrahierende Experimente, wie sie der müßige, einsame Philosoph macht, wenn er der Natur in ihrem verborgnen Gange nachschleicht und nicht mehr wissen will, daß, sondern wie sie würke? Daran war eben dem ersten Naturbewohner am wenigsten gelegen. Mußte es ihm demonstriert werden, daß das oder jenes Kraut giftig sei? War er denn so mehr als viehisch, daß er hierin nicht einmal dem Vieh nachahmte? Und wars nötig, daß er vom Löwen angefallen würde, um sich vor ihm zu fürchten? Ist seine Schüchternheit mit seiner Schwachheit und seine Besonnenheit mit aller Feinheit seiner Seelenkräfte verbunden nicht gnug, ihm einen behaglichen Zustand von selbst zu verschaffen, da die Natur selbst sie dazu für gnugsam erkannt? Da wir also durchaus keinen schüchternen, abstrakten Stubenphilosophen zum Erfinder der Sprache brauchen, da der rohe Naturmensch, der noch seine Seele so ganz, wie seinen Körper, aus einem Stück fühlet, uns mehr als alle sprachschaffende Akademien und doch nichts minder als ein Gelehrter ist – was wollen wir diesen denn zum Muster nehmen? Wollen wir einander Staub in die Augen streuen, um bewiesen zu haben, der Mensch könne nicht sehen?
Süßmilch ist hier wieder der Gegner, mit dem ich kämpfe. Er hat einen ganzen Abschnitt darauf verwandt, um zu zeigen, »wie unmöglich sich der Mensch eine Sprache hat fortbilden können, wenn er sie auch durch Nachahmung erfunden hätte«! Daß das Erfinden durch bloße Nachahmung ohne menschliche Seele Unsinn sei, ist bewiesen, und wäre der Verteidiger des göttlichen Ursprungs dieser Sache demonstrativ gewiß gewesen, daß es Unsinn sei, so traue ich ihm zu, daß er gegen ihn nicht ein Menge von halbwahren Gründen zusammengetragen hätte, die jetzt gegen eine menschliche Erfindung der Sprache durch Verstand sämtlich nichts beweisen. Ich kann unmöglich den ganzen Abschnitt, so verflochten mit willkürlich angenommenen Heischesätzen und falschen Axiomen über die Natur der Sprache er ist, hier ganz auseinandersetzen, weil der Verfasser immer in einem gewissen Licht erschiene, in dem er hier nicht erscheinen soll – ich nehme also nur so viel heraus, als nötig ist, nämlich, daß in seinen Einwürfen die Natur einer sich fortbildenden menschlichen Sprache und einer sich fortbildenden menschlichen Seele durchaus verkannt sei.
»Wenn man annimmt, daß die Einwohner der ersten Welt nur aus etlichen tausend Familien bestanden hätten, da das Licht des Verstandes durch den Gebrauch der Sprache schon so helle geschienen, daß sie eingesehen, was die Sprache sei, und daß sie also an die Verbesserung dieses herrlichen Mittels haben können anfangen zu denken, so...« Aber von allen diesen Vordersätzen nimmt niemand nichts an. Mußte mans erst in tausend Generationen einsehen, was Sprache sei? Der erste Mensch sahe es ein, da er den ersten Gedanken dachte. Mußte man erst in tausend Generationen so weit kommen, es einzusehen, daß die Sprache zu verbessern gut sei? Der erste Mensch sahe es ein, da er seine ersten Merkmale besser ordnen, berichtigen, unterscheiden und zusammensetzen lernte, und verbesserte jedesmal unmittelbar die Sprache, da er so etwas von neuem lernte. Und denn, wie hätte sich doch durch tausend Generationen hin das Licht des Verstandes durch die Sprache so helle aufklären können, wenn im Ablauf dieser Generationen sich nicht schon Sprache aufgeklärt hätte. Also Aufklärung ohne Verbesserung! Und hinter einer Verbesserung tausend Familien hinunter noch der Anfang zu einer Verbesserung unmöglich? Das heißt mit Widersprüchen gespielt!
»Würde aber nicht, als ein ganz unentbehrlich Hülfsmittel dieses philosophischen und philologischen Collegii, Schrift müssen angenommen werden?« Nein! denn es war durchaus kein philosophisch und philologisch Kollegium, diese erste natürliche, lebendige, menschliche Fortbildung der Sprache. Und was kann denn der Philosoph und Philolog in seinem toten Museum an einer Sprache verbessern, die in alle ihrer Würksamkeit lebt?
»Sollen denn nun alle Völker auf gleiche Weise mit der Verbesserung zu Werke gegangen sein?« Ganz auf gleiche Weise, denn sie gingen alle menschlich, so daß wir uns hier in den wesentlichsten Rudimenten der Sprache einen für alle anzunehmen getrauen. Wenn das aber das größte Wunder sein soll, daß alle Sprachen acht partes orationis haben, so ist wieder das Faktum falsch und der Schluß unrichtig. Nicht alle Sprachen haben von allen Zeiten herunter achte gehabt, sondern der erste philosophische Blick in die Bauart einer Sprache zeigt, daß diese achte sich auseinander entwickelt. In den ältesten sind Verba eher gewesen als Nomina und vielleicht Interjektionen eher als selbst regelmäßige Verba. In den spätern sind Nomina mit Verbis gleich zusammen abgeleitet; allein selbst von der griechischen sagte Aristoteles, daß auch in ihr dies anfangs alle Redeteile gewesen und die andern sich nur später durch die Grammatiker aus jenen entwickelt. Von der huronischen habe ich ebendasselbe gelesen, und von den morgenländischen ists offenbar – ja was ists denn endlich für ein Kunststück, die willkürliche und zum Teil unphilosophische Abstraktion der Grammatiker in acht partes orationis? Ist die so regelmäßig und göttlich als die Form einer Bienenzelle? Und wenn sies wäre, ist sie nicht durchaus aus der menschlichen Seele erklärbar und als notwendig gezeigt?
»Und was sollte die Menschen zu dieser höchst sauren Arbeit der Verbesserung gereizet haben?« O durchaus keine saure, spekulative Stubenarbeit! durchaus keine abstrakte Verbesserung a priori! und also auch gewiß keine Anreizungen dazu, die nur in unserm Zustande der verfeinerten Gesellschaft stattfinden. Ich muß hier meinen Gegner ganz verlassen. Er nimmt an, daß »die ersten Verbesserer recht gute philosophische Köpfe gewesen sein müßten, die gewiß weiter und tiefer gesehen, als die meisten Gelehrte jetzt in Ansehung der Sprache und ihrer innern Beschaffenheit zu tun pflegen.« Er nimmt an, daß »diese Gelehrte überall erkannt haben müßten, daß ihre Sprache unvollkommen und daß sie einer Verbesserung nicht nur fähig, sondern auch bedürftig sei«. Er nimmt an, daß »sie den Zweck der Sprache haben gehörig beurteilen müssen usw., daß die Vorstellung dieses zu erlangenden Gutes hinlänglich, stark und lebhaft gnug gewesen sein müsse, um ein Bewegungsgrund zur Übernehmung dieser schweren Arbeit zu werden«. Kurz, der Philosoph unsres Zeitalters wollte sich nicht einen Schritt auch aus allem Zufälligen desselben hinauswagen, und wie konnte er denn nach solchem Gesichtspunkt von der Entstehung einer Sprache schreiben? Freilich, in unserm Jahrhundert hätte sie so wenig entstehen können, als sie entstehen darf!
Aber kennen wir denn nicht jetzt schon die Menschen in so verschiednen Zeitaltern, Gegenden und Stufen der Bildung, daß uns dies so veränderte große Schauspiel nicht sichrer auf die erste Szene schließen lehrte? Wissen wir denn nicht, daß eben in den Winkeln der Erde, wo noch die Vernunft am wenigsten in die feine, gesellschaftliche, vielseitige, gelehrte Form gegossen ist, noch Sinnlichkeit und roher Scharfsinn und Schlauheit und mutige Würksamkeit und Leidenschaft und Erfindungsgeist – die ganze ungeteilte menschliche Seele am lebhaftesten würke? am lebhaftesten würke, weil sie noch auf keine langweilige Regeln gebracht, immer in einem Kreise von Bedürfnissen, von Gefahren, von andringenden Erfordernissen ganz lebt und sich also immer neu und ganz fühlt. Da, nur da zeigt sie Kräfte, sich Sprache zu bilden und fortzubilden! Da hat sie Sinnlichkeit und gleichsam Instinkt gnug, um den ganzen Laut und alle sich äußernde Merkmale der lebenden Natur so ganz zu empfinden, wie wir nicht mehr können, und wenn die Besinnung alsdenn eins derselben lostrennet, es so stark und innig zu nennen, als wirs nicht nennen würden. Je minder die Seelenkräfte noch entwickelt und jede zu einer eignen Sphäre abgerichtet ist, desto stärker würken alle zusammen, desto inniger ist der Mittelpunkt ihrer Intensität; nehmet aber diesen großen unzerbrechlichen Pfeilbund auseinander und ihr könnt sie alle zerbrechen, und denn läßt sich gewiß nicht mit einem Stabe das Wunder tun, gewiß nicht mit der einzigen kalten Abstraktionsgabe der Philosophen je Sprache erfinden – war das aber unsre Frage? Drang jener Weltsinn nicht tiefer? Und waren bei dem beständigen Zusammenstrom aller Sinne, in dessen Mittelpunkt immer der innere Sinn wachte, nicht immer neue Merkmale, Ordnungen, Gesichtspunkte, schnelle Schlußarten gegenwärtig, und also immer neue Bereicherungen der Sprache? Und empfing also zu dieser, wenn man nicht auf acht partes orationis rechnen will, die menschliche Seele nicht ihre besten Eingebungen, solange sie noch ohne alle Anreizungen der Gesellschaft sich nur selbst desto mächtiger anreizte, sich alle die Tätigkeit der Empfindung und des Gedankens gab, die sie sich nach innerm Drang und äußern Erfordernissen geben mußte – da gebar sich Sprache mit der ganzen Entwicklung der menschlichen Kräfte.
Es ist für mich unbegreiflich, wie unser Jahrhundert so tief in die Schatten, in die dunkeln Werkstätten des Kunstmäßigen sich verlieren kann, ohne auch nicht einmal das weite, helle Licht der uneingekerkerten Natur erkennen zu wollen. Aus den größesten Heldentaten des menschlichen Geistes, die er nur im Zusammenstoß der lebendigen Welt tun und äußern konnte, sind Schulübungen im Staube unsrer Lehrkerker, aus den Meisterstücken menschlicher Dichtkunst und Beredsamkeit Kindereien geworden, an welchen greise Kinder und junge Kinder Phrases lernen und Regeln klauben. Wir haschen ihre Formalitäten und haben ihren Geist verloren, wir lernen ihre Sprache und fühlen nicht die lebendige Welt ihrer Gedanken. Derselbe Fall ists mit unsern Urteilen über das Meisterstück des menschlichen Geistes, die Bildung der Sprache überhaupt. Da soll uns das tote Nachdenken Dinge lehren, die bloß aus dem lebendigen Hauche der Welt, aus dem Geiste der großen würksamen Natur den Menschen beseelen, ihn aufrufen und fortbilden konnten. Da sollen die stumpfen, späten Gesetze der Grammatiker das Göttlichste sein, was wir verehren, und vergessen die wahre göttliche Sprachnatur, die sich in ihrem Herzen mit dem menschlichen Geiste bildete, so unregelmäßig sie auch scheine. Die Sprachbildung ist in die Schatten der Schule gewichen, aus denen sie nichts mehr für die lebendige Welt würket, drum soll auch nie eine helle Welt gewesen sein, in der die ersten Sprachbildner leben, fühlen, schaffen und dichten mußten. – Ich berufe mich auf das Gefühl derer, die den Menschen im Grunde seiner Kräfte und das Kräftige, Mächtige, Große in den Sprachen der Wilden und Wesen der Sprache überhaupt nicht verkennen – daher fahre ich fort:
Zweites Naturgesetz
Der Mensch ist in seiner Bestimmung ein Geschöpf der Herde, der
Gesellschaft: die Fortbildung einer Sprache wird ihm also natürlich,
wesentlich, notwendig.
Das menschliche Weib hat keine Jahreszeit der Brunst wie die Tierweiber. Und die Zeugungskraft des Mannes ist nicht so ungebändigt, aber fortwährend. Wenn nun Störche und Tauben Ehen haben, so wüßte ich nicht, warum sie der Mensch aus mehrern Ursachen nicht hätte.
Der Mensch, gegen den struppichten Bär und den borstigten Igel gesetzt, ist ein schwächeres, dürftigeres, nackteres Tier, es hat Höhlen nötig, und diese werden, mit den vorigen Veranlassungen, sehr natürlich gemeinschaftliche Höhlen.
Der Mensch ist ein schwächeres Tier, was in mehrern Himmelsgegenden sehr übel den Jahreszeiten ausgesetzt wäre; das menschliche Weib hat also als Schwangere, als Gebärerin einer gesellschaftlichen Hülfe mehr nötig als der Strauß, der seine Eier in die Wüste leget.
Endlich insonderheit das menschliche Junge, der auf die Welt gesetzte Säugling, wie sehr ist er ein Vasall menschlicher Hülfe und geselliger Erbarmung. Aus einem Zustande, wo er als Pflanze am Herzen seiner Mutter hing, wird er auf die Erde geworfen – das schwächste, hülfloseste Geschöpf unter allen Tieren, wenn nicht mütterliche Brüste da wären, ihn zu nähren, und väterliche Knie entgegenkämen, ihn als Sohn aufzunehmen. Wem wird hiemit nicht Haushaltung der Natur zur Gesellung der Menschheit vorleuchtend? und zwar die so unmittelbar, so nahe am Instinkt, als es bei einem besonnenen Geschöpf sein konnte!
Ich muß den letzten Punkt mehr entwickeln, denn in ihm zeigt sich das Werk der Natur am augenscheinlichsten, und mein Schluß wird hieraus nur desto schneller. Wenn man alles, wie unsre groben Epikuräer, aus blinder Wohllust oder unmittelbarem Eigennutz erklären will – wer kann das Gefühl der Eltern gegen Kinder erklären? und die starken Bande, die dadurch bewürkt werden? Siehe! Dieser arme Erdbewohner kommt elend auf die Welt, ohne zu wissen, daß er elend sei; er ist der Erbarmung bedürftig, ohne daß er sich ihrer im mindsten wert machen könnte; er weinet – aber selbst dies Weinen müßte so beschwerlich werden als das Geheul des Philoktet, der doch so viel Verdienste hatte, den Griechen, die ihn der wüsten Insel übergaben. Hier müßten also eben, nach unsrer kalten Philosophie, die Bande der Natur am ehesten reißen, wo sie am stärksten würken! Die Mutter hat sich der Frucht, die ihr so viel Ungemach machte, endlich mit Schmerzen entledigt; kommts bloß aufs Vergnügen und neue Wollust an, so wirft sie sie weg. Der Vater hat in wenigen Minuten seine Brunst gekühlet – was soll er sich weiter um Mutter und Kind, als Gegenstände seiner Mühe, bekümmern, er läuft, wie Rousseaus Manntier in den Wald und sucht sich einen andern Gegenstand seines tierischen Vergnügens. Wie ganz umgekehrt ist hier die Ordnung der Natur bei Tieren und Menschen und wie weiser! Eben die Schmerzen und Ungemächlichkeiten vermehren die mütterliche Liebe! Eben das Bejammerns- und nicht Liebenswürdige des Säuglings, das Schwache, Hinfällige seines Temperaments, die beschwerliche, verdrießliche Mühe der Erziehung verdoppelt die Regungen seiner Eltern! Die Mutter sieht den Sohn mit wärmerer Wallung an, der ihr die meisten Schmerzen gekostet, der ihr am öftersten mit seinem Abschiede gedrohet, auf den ihre meisten Zähren des Kummers flossen. Der Vater sieht den Sohn mit wärmerer Wallung an, den er frühe aus einer Gefahr riß, den er mit der größten Mühwaltung erzog, der ihm in Unterricht und Bildung das meiste kostete. Und so weiß auch im Ganzen des Geschlechts die Natur aus der Schwachheit Stärke zu machen. Eben deswegen kommt der Mensch so schwach, so dürftig, so verlassen von dem Unterricht der Natur, so ganz ohne Fertigkeiten und Talente auf die Welt, wie kein Tier, damit er, wie kein Tier, eine Erziehung genieße und das menschliche Geschlecht, wie kein Tiergeschlecht, ein innigverbundnes Ganze werde!