Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken

Sigmund Freud · Kapitel 2 von 3

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Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken

Kapitel 3

 

Die Bezeichnung »Allmacht der Gedanken« habe ich von einem

hochintelligenten, an Zwangsvorstellungen leidenden Manne angenommen, dem

es nach seiner Herstellung durch psychoanalytische Behandlung möglich

geworden ist, auch seine Tüchtigkeit und Verständigkeit zu erweisen(24). Er

hatte sich dieses Wort geprägt zur Begründung aller jener sonderbaren und

unheimlichen Geschehnisse, die ihn wie andere mit seinem Leiden Behaftete zu

verfolgen schienen. Dachte er eben an eine Person, so kam sie ihm auch schon

entgegen, als ob er sie beschworen hätte; erkundigte er sich plötzlich nach dem

Befinden eines lange vermißten Bekannten, so mußte er hören, daß dieser eben

gestorben sei, so daß er glauben konnte, er habe sich ihm telepathisch bemerkbar

gemacht; stieß er gegen einen Fremden eine nicht einmal ganz ernst gemeinte

Verwünschung aus, so durfte er erwarten, daß dieser bald darauf starb und ihn

mit der Verantwortlichkeit für sein Ableben belastete. Von den meisten dieser

Fälle konnte er mir im Laufe der Behandlung selbst mitteilen, wie der

täuschende Anschein entstanden war, und was er selbst an Veranstaltungen

hinzugetan hatte, um sich in seinen abergläubischen Erwartungen zu

bestärken(25). Alle Zwangskranken sind in solcher Weise, meist gegen ihre

bessere Einsicht, abergläubisch.

Der Fortbestand der Allmacht der Gedanken tritt uns bei der Zwangsneurose

am deutlichsten entgegen, die Ergebnisse dieser primitiven Denkweise sind hier

dem Bewußtsein am nächsten. Wir müssen uns aber davor hüten, darin einen

auszeichnenden Charakter dieser Neurose zu erblicken, denn die analytische

Untersuchung deckt das nämliche bei den anderen Neurosen auf. Bei ihnen allen

ist nicht die Realität des Erlebens, sondern die des Denkens für die

Symptombildung maßgebend. Die Neurotiker leben in einer besonderen Welt, in

welcher, wie ich es an anderer Stelle ausgedrückt habe, nur die »neurotische

Währung« gilt, d. h. nur das intensiv Gedachte, mit Affekt Vorgestellte ist bei

ihnen wirksam, dessen Übereinstimmung mit der äußeren Realität aber

nebensächlich. Der Hysteriker wiederholt in seinen Anfällen und fixiert durch

seine Symptome Erlebnisse, die sich nur in seiner Phantasie so zugetragen

haben, allerdings in letzter Auflösung auf wirkliche Ereignisse zurückgehen oder

aus solchen aufgebaut worden sind. Das Schuldbewußtsein der Neurotiker würde

man ebenso schlecht verstehen, wenn man es als unberechtigt abweisen, wie wenn man es auf reale Missetaten zurückführen wollte. Ein Zwangsneurotiker

kann von einem Schuldbewußtsein gedrückt sein, das einem Massenmörder

wohl anstünde; er wird sich dabei gegen seine Mitmenschen als der

rücksichtsvollste und skrupulöseste Genosse benehmen und seit seiner Kindheit

so benommen haben. Doch ist sein Schuldgefühl begründet; es fußt auf den

intensiven und häufigen Todeswünschen, die sich in ihm unbewußt gegen seine

Mitmenschen regen. Es ist begründet, insoferne unbewußte Gedanken und nicht

absichtliche Taten in Betracht kommen. So erweist sich die Allmacht der

Gedanken, die Überschätzung der seelischen Vorgänge gegen die Realität, als

unbeschränkt wirksam im Affektleben des Neurotikers und in allen von diesem

ausgehenden Folgen. Unterzieht man ihn aber der psychoanalytischen

Behandlung, welche das bei ihm Unbewußte bewußt macht, so wird er nicht

glauben können, daß Gedanken frei sind, und wird sich jedesmal fürchten, böse

Wünsche zu äußern, als ob sie infolge dieser Äußerung in Erfüllung gehen

müßten. Durch dieses Verhalten wie durch seinen im Leben betätigten

Aberglauben zeigt er uns aber, wie nahe er dem Wilden steht, der durch seine

bloßen Gedanken die Außenwelt zu verändern meint.

Die primären Zwangshandlungen dieser Neurotiker sind eigentlich durchaus

magischer Natur. Sie sind, wenn nicht Zauber, so doch Gegenzauber, zur

Abwehr der Unheilserwartungen bestimmt, mit denen die Neurose zu beginnen

pflegt. So oft ich das Geheimnis zu durchdringen vermochte, zeigte es sich, daß

diese Unheilserwartung den Tod zum Inhalt hatte. Das Todesproblem steht nach

Schopenhauer am Eingang jeder Philosophie; wir haben gehört, daß auch die

Bildung der Seelenvorstellungen und des Dämonenglaubens, die den Animismus

kennzeichnen, auf den Eindruck zurückgeführt wird, den der Tod auf den

Menschen macht. Ob diese ersten Zwangs- oder Schutzhandlungen dem Prinzip

der Ähnlichkeit, respektive des Kontrastes folgen, ist schwer zu beurteilen, denn

sie werden unter den Bedingungen der Neurose gewöhnlich durch die

Verschiebung auf irgendein Kleinstes, eine an sich höchst geringfügige Aktion

entstellt(26). Auch die Schutzformeln der Zwangsneurose finden ihr Gegenstück

in den Zauberformeln der Magie. Die Entwicklungsgeschichte der

Zwangshandlungen kann man aber beschreiben, indem man hervorhebt, wie sie,

vom Sexuellen möglichst weit entfernt, als Zauber gegen böse Wünsche

beginnen, um als Ersatz für verbotenes sexuelles Tun, das sie möglichst getreu

nachahmen, zu enden.

Wenn wir die vorhin erwähnte Entwicklungsgeschichte der menschlichen

Weltanschauungen annehmen, in welcher die animistische Phase von der

religiösen, diese von der wissenschaftlichen abgelöst wird, wird es uns nicht

schwer, die Schicksale der »Allmacht der Gedanken« durch diese Phasen zu

verfolgen. Im animistischen Stadium schreibt der Mensch sich selbst die

Allmacht zu; im religiösen hat er sie den Göttern abgetreten, aber nicht ernstlich

auf sie verzichtet, denn er behält sich vor, die Götter durch mannigfache

Beeinflussungen nach seinen Wünschen zu lenken. In der wissenschaftlichen

Weltanschauung ist kein Raum mehr für die Allmacht des Menschen, er hat sich

zu seiner Kleinheit bekannt und sich resigniert dem Tode wie allen anderen

Naturnotwendigkeiten unterworfen. Aber in dem Vertrauen auf die Macht des

Menschengeistes, welcher mit den Gesetzen der Wirklichkeit rechnet, lebt ein

Stück des primitiven Allmachtglaubens weiter.

 

Bei der Rückverfolgung der Entwicklung libidinöser Strebungen im

Einzelmenschen, von ihrer Gestaltung in der Reife bis zu den ersten Anfängen

der Kindheit, hat sich zunächst eine wichtige Unterscheidung ergeben, die in den

»Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 1905« niedergelegt ist. Die Äußerungen

der sexuellen Triebe sind von Anfang an zu erkennen, aber sie richten sich zuerst

noch auf kein äußeres Objekt. Die einzelnen Triebkomponenten der Sexualität

arbeiten jede für sich auf Lustgewinn und finden ihre Befriedigung am eigenen

Körper. Dies Stadium heißt das des Autoerotismus, es wird von dem der

Objektwahl abgelöst.

Es hat sich bei weiterem Studium als zweckmäßig, ja als unabweisbar

gezeigt, zwischen diese beiden Stadien ein drittes einzuschieben, oder, wenn

man so will, das erste Stadium des Autoerotismus in zwei zu zerlegen. In diesem

Zwischenstadium, dessen Bedeutsamkeit sich der Forschung immer mehr

aufdrängt, haben die vorher vereinzelten Sexualtriebe sich bereits zu einer

Einheit zusammengesetzt und auch ein Objekt gefunden; dies Objekt ist aber

kein äußeres, dem Individuum fremdes, sondern es ist das eigene, um diese Zeit

konstituierte Ich. Mit Rücksicht auf später zu beobachtende pathologische

Fixierungen dieses Zustandes heißen wir das neue Stadium das des Narzißmus.

Die Person verhält sich so, als wäre sie in sich selbst verliebt, die Ichtriebe und

die libidinösen Wünsche sind für unsere Analyse noch nicht voneinander zu

sondern.

Wenngleich uns eine genügend scharfe Charakteristik dieses narzißtischen Stadiums, in welchem die bisher dissoziierten Sexualtriebe zu einer Einheit

zusammentreten und das Ich als Objekt besetzen, noch nicht möglich ist, so

ahnen wir doch bereits, daß die narzißtische Organisation nie mehr völlig

aufgegeben wird. Der Mensch bleibt in gewissem Maße narzißtisch, auch

nachdem er äußere Objekte für seine Libido gefunden hat; die

Objektbesetzungen, die er vornimmt, sind gleichsam Emanationen der beim Ich

verbleibenden Libido und können wieder in dieselbe zurückgezogen werden. Die

psychologisch so merkwürdigen Zustände von Verliebtheit, die Normalvorbilder

der Psychosen, entsprechen dem höchsten Stande dieser Emanationen im

Vergleich zum Niveau der Ichliebe.

Es liegt nun nahe, die von uns aufgefundene Hochschätzung der psychischen

Aktionen – die wir von unserem Standpunkt aus eine Überschätzung heißen –

bei den Primitiven und Neurotikern in Beziehung zum Narzißmus zu bringen

und sie als wesentliches Teilstück desselben aufzufassen. Wir würden sagen, das

Denken ist bei den Primitiven noch in hohem Maße sexualisiert, daher rührt der

Glaube an die Allmacht der Gedanken, die unerschütterliche Zuversicht auf die

Möglichkeit der Weltbeherrschung und die Unzugänglichkeit gegen die leicht zu

machenden Erfahrungen, welche den Menschen über seine wirkliche Stellung in

der Welt belehren könnten. Bei den Neurotikern ist einerseits ein beträchtliches

Stück dieser primitiven Einstellung konstitutionell verblieben, anderseits wird

durch die bei ihnen eingetretene Sexualverdrängung eine neuerliche

Sexualisierung der Denkvorgänge herbeigeführt. Die psychischen Folgen

müssen in beiden Fällen dieselben sein, bei ursprünglicher, wie bei regressiv

erzielter libidinöser Überbesetzung des Denkens: intellektueller Narzißmus,

Allmacht der Gedanken(27).

Wenn wir im Nachweis der Allmacht der Gedanken bei den Primitiven ein

Zeugnis für deren Narzißmus erblicken dürfen, so können wir den Versuch

wagen, die Entwicklungsstufen der menschlichen Weltanschauung mit den

Stadien der libidinösen Entwicklung des Einzelnen in Vergleich zu ziehen. Es

entspricht dann zeitlich wie inhaltlich die animistische Phase dem Narzißmus,

die religiöse Phase jener Stufe der Objektfindung, welche durch die Bindung an

die Eltern charakterisiert ist, und die wissenschaftliche Phase hat ihr volles

Gegenstück in jenem Reifezustand des Individuums, welcher auf das Lustprinzip

verzichtet hat und unter Anpassung an die Realität sein Objekt in der Außenwelt

sucht(28).

Nur auf einem Gebiete ist auch in unserer Kultur die »Allmacht der

Gedanken« erhalten geblieben, auf dem der Kunst. In der Kunst allein kommt es

noch vor, daß ein von Wünschen verzehrter Mensch etwas der Befriedigung

ähnliches macht, und daß dieses Spielen – dank der künstlerischen Illusion – Affektwirkungen hervorruft, als wäre es etwas Reales. Mit Recht spricht man

vom Zauber der Kunst und vergleicht den Künstler mit einem Zauberer. Aber

dieser Vergleich ist vielleicht bedeutsamer, als er zu sein beansprucht. Die Kunst,

die gewiß nicht als l'art pour l'art begonnen hat, stand ursprünglich im Dienste

von Tendenzen, die heute zum großen Teile erloschen sind. Unter diesen lassen

sich mancherlei magische Absichten vermuten(29).