Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken
Kapitel 3
Die Bezeichnung »Allmacht der Gedanken« habe ich von einem
hochintelligenten, an Zwangsvorstellungen leidenden Manne angenommen, dem
es nach seiner Herstellung durch psychoanalytische Behandlung möglich
geworden ist, auch seine Tüchtigkeit und Verständigkeit zu erweisen(24). Er
hatte sich dieses Wort geprägt zur Begründung aller jener sonderbaren und
unheimlichen Geschehnisse, die ihn wie andere mit seinem Leiden Behaftete zu
verfolgen schienen. Dachte er eben an eine Person, so kam sie ihm auch schon
entgegen, als ob er sie beschworen hätte; erkundigte er sich plötzlich nach dem
Befinden eines lange vermißten Bekannten, so mußte er hören, daß dieser eben
gestorben sei, so daß er glauben konnte, er habe sich ihm telepathisch bemerkbar
gemacht; stieß er gegen einen Fremden eine nicht einmal ganz ernst gemeinte
Verwünschung aus, so durfte er erwarten, daß dieser bald darauf starb und ihn
mit der Verantwortlichkeit für sein Ableben belastete. Von den meisten dieser
Fälle konnte er mir im Laufe der Behandlung selbst mitteilen, wie der
täuschende Anschein entstanden war, und was er selbst an Veranstaltungen
hinzugetan hatte, um sich in seinen abergläubischen Erwartungen zu
bestärken(25). Alle Zwangskranken sind in solcher Weise, meist gegen ihre
bessere Einsicht, abergläubisch.
Der Fortbestand der Allmacht der Gedanken tritt uns bei der Zwangsneurose
am deutlichsten entgegen, die Ergebnisse dieser primitiven Denkweise sind hier
dem Bewußtsein am nächsten. Wir müssen uns aber davor hüten, darin einen
auszeichnenden Charakter dieser Neurose zu erblicken, denn die analytische
Untersuchung deckt das nämliche bei den anderen Neurosen auf. Bei ihnen allen
ist nicht die Realität des Erlebens, sondern die des Denkens für die
Symptombildung maßgebend. Die Neurotiker leben in einer besonderen Welt, in
welcher, wie ich es an anderer Stelle ausgedrückt habe, nur die »neurotische
Währung« gilt, d. h. nur das intensiv Gedachte, mit Affekt Vorgestellte ist bei
ihnen wirksam, dessen Übereinstimmung mit der äußeren Realität aber
nebensächlich. Der Hysteriker wiederholt in seinen Anfällen und fixiert durch
seine Symptome Erlebnisse, die sich nur in seiner Phantasie so zugetragen
haben, allerdings in letzter Auflösung auf wirkliche Ereignisse zurückgehen oder
aus solchen aufgebaut worden sind. Das Schuldbewußtsein der Neurotiker würde
man ebenso schlecht verstehen, wenn man es als unberechtigt abweisen, wie wenn man es auf reale Missetaten zurückführen wollte. Ein Zwangsneurotiker
kann von einem Schuldbewußtsein gedrückt sein, das einem Massenmörder
wohl anstünde; er wird sich dabei gegen seine Mitmenschen als der
rücksichtsvollste und skrupulöseste Genosse benehmen und seit seiner Kindheit
so benommen haben. Doch ist sein Schuldgefühl begründet; es fußt auf den
intensiven und häufigen Todeswünschen, die sich in ihm unbewußt gegen seine
Mitmenschen regen. Es ist begründet, insoferne unbewußte Gedanken und nicht
absichtliche Taten in Betracht kommen. So erweist sich die Allmacht der
Gedanken, die Überschätzung der seelischen Vorgänge gegen die Realität, als
unbeschränkt wirksam im Affektleben des Neurotikers und in allen von diesem
ausgehenden Folgen. Unterzieht man ihn aber der psychoanalytischen
Behandlung, welche das bei ihm Unbewußte bewußt macht, so wird er nicht
glauben können, daß Gedanken frei sind, und wird sich jedesmal fürchten, böse
Wünsche zu äußern, als ob sie infolge dieser Äußerung in Erfüllung gehen
müßten. Durch dieses Verhalten wie durch seinen im Leben betätigten
Aberglauben zeigt er uns aber, wie nahe er dem Wilden steht, der durch seine
bloßen Gedanken die Außenwelt zu verändern meint.
Die primären Zwangshandlungen dieser Neurotiker sind eigentlich durchaus
magischer Natur. Sie sind, wenn nicht Zauber, so doch Gegenzauber, zur
Abwehr der Unheilserwartungen bestimmt, mit denen die Neurose zu beginnen
pflegt. So oft ich das Geheimnis zu durchdringen vermochte, zeigte es sich, daß
diese Unheilserwartung den Tod zum Inhalt hatte. Das Todesproblem steht nach
Schopenhauer am Eingang jeder Philosophie; wir haben gehört, daß auch die
Bildung der Seelenvorstellungen und des Dämonenglaubens, die den Animismus
kennzeichnen, auf den Eindruck zurückgeführt wird, den der Tod auf den
Menschen macht. Ob diese ersten Zwangs- oder Schutzhandlungen dem Prinzip
der Ähnlichkeit, respektive des Kontrastes folgen, ist schwer zu beurteilen, denn
sie werden unter den Bedingungen der Neurose gewöhnlich durch die
Verschiebung auf irgendein Kleinstes, eine an sich höchst geringfügige Aktion
entstellt(26). Auch die Schutzformeln der Zwangsneurose finden ihr Gegenstück
in den Zauberformeln der Magie. Die Entwicklungsgeschichte der
Zwangshandlungen kann man aber beschreiben, indem man hervorhebt, wie sie,
vom Sexuellen möglichst weit entfernt, als Zauber gegen böse Wünsche
beginnen, um als Ersatz für verbotenes sexuelles Tun, das sie möglichst getreu
nachahmen, zu enden.
Wenn wir die vorhin erwähnte Entwicklungsgeschichte der menschlichen
Weltanschauungen annehmen, in welcher die animistische Phase von der
religiösen, diese von der wissenschaftlichen abgelöst wird, wird es uns nicht
schwer, die Schicksale der »Allmacht der Gedanken« durch diese Phasen zu
verfolgen. Im animistischen Stadium schreibt der Mensch sich selbst die
Allmacht zu; im religiösen hat er sie den Göttern abgetreten, aber nicht ernstlich
auf sie verzichtet, denn er behält sich vor, die Götter durch mannigfache
Beeinflussungen nach seinen Wünschen zu lenken. In der wissenschaftlichen
Weltanschauung ist kein Raum mehr für die Allmacht des Menschen, er hat sich
zu seiner Kleinheit bekannt und sich resigniert dem Tode wie allen anderen
Naturnotwendigkeiten unterworfen. Aber in dem Vertrauen auf die Macht des
Menschengeistes, welcher mit den Gesetzen der Wirklichkeit rechnet, lebt ein
Stück des primitiven Allmachtglaubens weiter.
Bei der Rückverfolgung der Entwicklung libidinöser Strebungen im
Einzelmenschen, von ihrer Gestaltung in der Reife bis zu den ersten Anfängen
der Kindheit, hat sich zunächst eine wichtige Unterscheidung ergeben, die in den
»Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 1905« niedergelegt ist. Die Äußerungen
der sexuellen Triebe sind von Anfang an zu erkennen, aber sie richten sich zuerst
noch auf kein äußeres Objekt. Die einzelnen Triebkomponenten der Sexualität
arbeiten jede für sich auf Lustgewinn und finden ihre Befriedigung am eigenen
Körper. Dies Stadium heißt das des Autoerotismus, es wird von dem der
Objektwahl abgelöst.
Es hat sich bei weiterem Studium als zweckmäßig, ja als unabweisbar
gezeigt, zwischen diese beiden Stadien ein drittes einzuschieben, oder, wenn
man so will, das erste Stadium des Autoerotismus in zwei zu zerlegen. In diesem
Zwischenstadium, dessen Bedeutsamkeit sich der Forschung immer mehr
aufdrängt, haben die vorher vereinzelten Sexualtriebe sich bereits zu einer
Einheit zusammengesetzt und auch ein Objekt gefunden; dies Objekt ist aber
kein äußeres, dem Individuum fremdes, sondern es ist das eigene, um diese Zeit
konstituierte Ich. Mit Rücksicht auf später zu beobachtende pathologische
Fixierungen dieses Zustandes heißen wir das neue Stadium das des Narzißmus.
Die Person verhält sich so, als wäre sie in sich selbst verliebt, die Ichtriebe und
die libidinösen Wünsche sind für unsere Analyse noch nicht voneinander zu
sondern.
Wenngleich uns eine genügend scharfe Charakteristik dieses narzißtischen Stadiums, in welchem die bisher dissoziierten Sexualtriebe zu einer Einheit
zusammentreten und das Ich als Objekt besetzen, noch nicht möglich ist, so
ahnen wir doch bereits, daß die narzißtische Organisation nie mehr völlig
aufgegeben wird. Der Mensch bleibt in gewissem Maße narzißtisch, auch
nachdem er äußere Objekte für seine Libido gefunden hat; die
Objektbesetzungen, die er vornimmt, sind gleichsam Emanationen der beim Ich
verbleibenden Libido und können wieder in dieselbe zurückgezogen werden. Die
psychologisch so merkwürdigen Zustände von Verliebtheit, die Normalvorbilder
der Psychosen, entsprechen dem höchsten Stande dieser Emanationen im
Vergleich zum Niveau der Ichliebe.
Es liegt nun nahe, die von uns aufgefundene Hochschätzung der psychischen
Aktionen – die wir von unserem Standpunkt aus eine Überschätzung heißen –
bei den Primitiven und Neurotikern in Beziehung zum Narzißmus zu bringen
und sie als wesentliches Teilstück desselben aufzufassen. Wir würden sagen, das
Denken ist bei den Primitiven noch in hohem Maße sexualisiert, daher rührt der
Glaube an die Allmacht der Gedanken, die unerschütterliche Zuversicht auf die
Möglichkeit der Weltbeherrschung und die Unzugänglichkeit gegen die leicht zu
machenden Erfahrungen, welche den Menschen über seine wirkliche Stellung in
der Welt belehren könnten. Bei den Neurotikern ist einerseits ein beträchtliches
Stück dieser primitiven Einstellung konstitutionell verblieben, anderseits wird
durch die bei ihnen eingetretene Sexualverdrängung eine neuerliche
Sexualisierung der Denkvorgänge herbeigeführt. Die psychischen Folgen
müssen in beiden Fällen dieselben sein, bei ursprünglicher, wie bei regressiv
erzielter libidinöser Überbesetzung des Denkens: intellektueller Narzißmus,
Allmacht der Gedanken(27).
Wenn wir im Nachweis der Allmacht der Gedanken bei den Primitiven ein
Zeugnis für deren Narzißmus erblicken dürfen, so können wir den Versuch
wagen, die Entwicklungsstufen der menschlichen Weltanschauung mit den
Stadien der libidinösen Entwicklung des Einzelnen in Vergleich zu ziehen. Es
entspricht dann zeitlich wie inhaltlich die animistische Phase dem Narzißmus,
die religiöse Phase jener Stufe der Objektfindung, welche durch die Bindung an
die Eltern charakterisiert ist, und die wissenschaftliche Phase hat ihr volles
Gegenstück in jenem Reifezustand des Individuums, welcher auf das Lustprinzip
verzichtet hat und unter Anpassung an die Realität sein Objekt in der Außenwelt
sucht(28).
Nur auf einem Gebiete ist auch in unserer Kultur die »Allmacht der
Gedanken« erhalten geblieben, auf dem der Kunst. In der Kunst allein kommt es
noch vor, daß ein von Wünschen verzehrter Mensch etwas der Befriedigung
ähnliches macht, und daß dieses Spielen – dank der künstlerischen Illusion – Affektwirkungen hervorruft, als wäre es etwas Reales. Mit Recht spricht man
vom Zauber der Kunst und vergleicht den Künstler mit einem Zauberer. Aber
dieser Vergleich ist vielleicht bedeutsamer, als er zu sein beansprucht. Die Kunst,
die gewiß nicht als l'art pour l'art begonnen hat, stand ursprünglich im Dienste
von Tendenzen, die heute zum großen Teile erloschen sind. Unter diesen lassen
sich mancherlei magische Absichten vermuten(29).