Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken

Sigmund Freud · Kapitel 3 von 3

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Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken

Kapitel 4

 

Die erste Weltauffassung, welche den Menschen gelang, die des Animismus,

war also eine psychologische. Sie bedurfte noch keiner Wissenschaft zu ihrer

Begründung, denn Wissenschaft setzt erst ein, wenn man eingesehen hat, daß

man die Welt nicht kennt und darum nach Wegen suchen muß, um sie kennen zu

lernen. Der Animismus war aber dem primitiven Menschen natürlich und

selbstgewiß; er wußte, wie die Dinge der Welt sind, nämlich so wie der Mensch

sich selbst verspürte. Wir sind also vorbereitet darauf, zu finden, daß der

primitive Mensch Strukturverhältnisse seiner eigenen Psyche in die Außenwelt

verlegte(30), und dürfen anderseits den Versuch machen, was der Animismus

von der Natur der Dinge lehrt, in die menschliche Seele zurückzuversetzen.

Die Technik des Animismus, die Magie, zeigt uns am deutlichsten und

unvermengtesten die Absicht, den realen Dingen die Gesetze des Seelenlebens

aufzuzwingen, wobei Geister noch keine Rolle spielen müssen, während auch

Geister zu Objekten magischer Behandlung genommen werden können. Die

Voraussetzungen der Magie sind also ursprünglicher und älter als die

Geisterlehre, die den Kern des Animismus bildet. Unsere psychoanalytische

Betrachtung trifft hier mit einer Lehre von R. R. Marett zusammen, welche ein

präanimistisches Stadium dem Animismus vorhergehen läßt, dessen Charakter

am besten durch den Namen Animatismus (Lehre von der allgemeinen

Belebtheit) angedeutet wird. Es ist wenig mehr aus der Erfahrung über den

Präanimismus zu sagen, da man noch kein Volk angetroffen hat, welches der

Geistervorstellungen entbehrte(31).

Während die Magie noch alle Allmacht den Gedanken vorbehält, hat der

Animismus einen Teil dieser Allmacht den Geistern abgetreten und damit den

Weg zur Bildung einer Religion eingeschlagen. Was soll nun den Primitiven zu

dieser ersten Verzichtleistung bewogen haben? Kaum die Einsicht in die

Unrichtigkeit seiner Voraussetzungen, denn er behält ja die magische Technik

bei.

Die Geister und Dämonen sind, wie an anderer Stelle angedeutet wurde(32),

nichts als die Projektionen seiner Gefühlsregungen(33); er macht seine

Affektbesetzungen zu Personen, bevölkert mit ihnen die Welt, und findet nun

seine inneren seelischen Vorgänge außer seiner wieder, ganz ähnlich wie der

geistreiche Paranoiker Schreber, der die Bindungen und Lösungen seiner Libido in den Schicksalen der von ihm kombinierten »Gottesstrahlen« gespiegelt

fand(34).

Wir wollen hier wie bei einem früheren Anlasse(35) dem Problem

ausweichen, woher die Neigung überhaupt rührt, seelische Vorgänge nach außen

zu projizieren. Der einen Annahme dürfen wir uns aber getrauen, daß diese

Neigung dort eine Verstärkung erfährt, wo die Projektion den Vorteil einer

psychischen Erleichterung mit sich bringt. Ein solcher Vorteil ist mit

Bestimmtheit zu erwarten, wenn die nach Allmacht strebenden Regungen in

Konflikt miteinander geraten sind, dann können sie offenbar nicht alle

allmächtig werden. Der Krankheitsprozeß der Paranoia bedient sich tatsächlich

des Mechanismus der Projektion, um solche im Seelenleben entstandene

Konflikte zu erledigen. Nun ist der vorbildliche Fall eines solchen Konfliktes der

zwischen den beiden Gliedern eines Gegensatzpaares, der Fall der ambivalenten

Einstellung, den wir in der Situation des Trauernden beim Tode eines teuern

Angehörigen eingehend zergliedert haben(36). Ein solcher Fall wird uns

besonders geeignet scheinen, die Schöpfung von Projektionsgebilden zu

motivieren. Wir treffen hier wiederum mit Meinungen der Autoren zusammen,

welche die bösen Geister für die erstgeborenen unter den Geistern erklären und

die Entstehung der Seelenvorstellungen aus dem Eindruck des Todes auf die

Überlebenden ableiten. Wir machen nur den einen Unterschied, daß wir nicht

das intellektuelle Problem voranstellen, welches der Tod dem Lebenden aufgibt,

sondern die zur Erforschung treibende Kraft in den Gefühlskonflikt verlegen, in

welchen diese Situation den Überlebenden stürzt.

Die erste theoretische Leistung des Menschen – die Schöpfung der Geister –

würde also aus derselben Quelle entspringen wie die ersten sittlichen

Beschränkungen, denen er sich unterwirft, die Tabuvorschriften. Doch soll die

Gleichheit des Ursprungs nichts für die Gleichzeitigkeit der Entstehung

präjudizieren. Wenn es wirklich die Situation des Überlebenden gegen den Toten

war, die den primitiven Menschen zuerst nachdenklich machte, ihn nötigte, einen

Teil seiner Allmacht an die Geister abzugeben und ein Stück der freien Willkür

seines Handelns zu opfern, so wären diese Kulturschöpfungen eine erste

Anerkennung der Ἀνάγκη, die sich dem menschlichen Narzißmus widersetzt.

Der Primitive würde sich vor der Übermacht des Todes beugen mit derselben

Geste, durch die er diesen zu verleugnen scheint.

Wenn wir den Mut zur weiteren Ausbeutung unserer Voraussetzungen haben,

können wir fragen, welches wesentliche Stück unserer psychologischen Struktur

in der Projektionsschöpfung der Seelen und Geister seine Spiegelung und

Wiederkehr findet. Es ist dann schwer zu bestreiten, daß die primitive

Seelenvorstellung, soweit sie auch noch von der späteren völlig immateriellen Seele absteht, doch das Wesen derselben teilt, also Person oder Ding als eine

Zweiheit auffaßt, auf deren beide Bestandteile die bekannten Eigenschaften und

Veränderungen des Ganzen verteilt sind. Diese ursprüngliche Dualität – nach

einem Ausdruck von H. Spencer(37) – ist bereits identisch mit jenem Dualismus,

der sich in der uns geläufigen Trennung von Geist und Körper kundgibt, und

dessen unzerstörbare sprachliche Äußerungen wir z. B. in der Beschreibung des

Ohnmächtigen oder Rasenden: er sei nicht bei sich, erkennen(38).

Was wir so, ganz ähnlich wie der Primitive, in die äußere Realität

projizieren, kann kaum etwas anderes sein als die Erkenntnis eines Zustandes, in

dem ein Ding den Sinnen und dem Bewußtsein gegeben, präsent ist, neben

welchem ein anderer besteht, in dem dasselbe latent ist, aber wiedererscheinen

kann, also die Koëxistenz von Wahrnehmen und Erinnern, oder, ins Allgemeine

ausgedehnt, die Existenz unbewußter Seelenvorgänge neben den bewußten(39).

Man könnte sagen, der »Geist« einer Person oder eines Dinges reduziere sich in

letzter Analyse auf deren Fähigkeit erinnert und vorgestellt zu werden, wenn sie

der Wahrnehmung entzogen sind.

Man wird nun freilich weder von der primitiven, noch von der heutigen

Vorstellung der »Seele« erwarten dürfen, daß ihre Abgrenzung vom anderen

Teile die Linien einhalte, welche unsere heutige Wissenschaft zwischen der

bewußten und der unbewußten Seelentätigkeit zieht. Die animistische Seele

vereinigt vielmehr Bestimmungen von beiden Seiten in sich. Ihre Flüchtigkeit

und Beweglichkeit, ihre Fähigkeit, den Körper zu verlassen, dauernd oder

vorübergehend von einem anderen Leib Besitz zu nehmen, dies sind Charaktere,

die unverkennbar an das Wesen des Bewußtseins erinnern. Aber die Art, wie sie

sich hinter der persönlichen Erscheinung verborgen hält, mahnt an das

Unbewußte; die Unveränderlichkeit und Unzerstörbarkeit schreiben wir heute

nicht mehr den bewußten, sondern den unbewußten Vorgängen zu, und diese

betrachten wir auch als die eigentlichen Träger der seelischen Tätigkeit.

 

Wir sagten vorhin, der Animismus sei ein Denksystem, die erste vollständige

Theorie der Welt, und wollen nun aus der psychoanalytischen Auffassung eines

solchen Systems gewisse Folgerungen ableiten. Die Erfahrung jedes unserer

Tage kann uns die Haupteigenschaften des »Systems« immer von neuem

vorführen. Wir träumen in der Nacht und haben es erlernt, am Tage den Traum

zu deuten. Der Traum kann, ohne seine Natur zu verleugnen, wirr und

zusammenhangslos erscheinen, er kann aber auch im Gegenteil die Ordnung der Eindrücke eines Erlebnisses nachahmen, eine Begebenheit aus der anderen

ableiten und ein Stück seines Inhaltes auf ein anderes beziehen. Dies scheint ihm

besser oder schlechter gelungen zu sein, fast niemals gelingt es so vollkommen,

daß nicht irgendwo eine Absurdität, ein Riß im Gefüge zum Vorschein käme.

Wenn wir den Traum der Deutung unterziehen, erfahren wir, daß diese

inkonstante und ungleichmäßige Anordnung der Traumbestandteile auch etwas

für das Verständnis des Traumes recht Unwichtiges ist. Das Wesentliche am

Traum sind die Traumgedanken, die allerdings sinnreich, zusammenhängend und

geordnet sind. Aber deren Ordnung ist eine ganz andere als die von uns am

manifesten Trauminhalt erinnerte. Der Zusammenhang der Traumgedanken ist

aufgegeben worden und kann dann entweder überhaupt verloren bleiben oder

durch den neuen Zusammenhang des Trauminhalts ersetzt werden. Fast

regelmäßig hat, außer der Verdichtung der Traumelemente, eine Umordnung

derselben stattgefunden, die von der früheren Anordnung mehr oder weniger

unabhängig ist. Wir sagen abschließend, das, was durch die Traumarbeit aus dem

Material der Traumgedanken geworden ist, hat eine neue Beeinflussung

erfahren, die sogenannte »sekundäre Bearbeitung«, deren Absicht offenbar

dahingeht, die aus der Traumarbeit resultierende Zusammenhangslosigkeit und

Unverständlichkeit zugunsten eines neuen »Sinnes« zu beseitigen. Dieser neue,

durch die sekundäre Bearbeitung erzielte Sinn ist nicht mehr der Sinn der

Traumgedanken.

Die sekundäre Bearbeitung des Produktes der Traumarbeit ist ein

vortreffliches Beispiel für das Wesen und die Ansprüche eines Systems. Eine

intellektuelle Funktion in uns fordert Vereinheitlichung, Zusammenhang und

Verständlichkeit von jedem Material der Wahrnehmung oder des Denkens,

dessen sie sich bemächtigt, und scheut sich nicht einen unrichtigen

Zusammenhang herzustellen, wenn sie infolge besonderer Umstände den

richtigen nicht erfassen kann. Wir kennen solche Systembildungen nicht nur

vom Traume, sondern auch von den Phobien, dem Zwangsdenken und den

Formen des Wahnes. Bei den Wahnerkrankungen (der Paranoia) ist die

Systembildung das Sinnfälligste, sie beherrscht das Krankheitsbild, sie darf aber

auch bei den anderen Formen von Neuropsychosen nicht übersehen werden. In

allen Fällen können wir dann nachweisen, daß eine Umordnung des psychischen

Materials zu einem neuen Ziel stattgefunden hat, oft eine im Grunde recht

gewaltsame, wenn sie nur unter dem Gesichtspunkt des Systems begreiflich

erscheint. Es wird dann zum besten Kennzeichen der Systembildung, daß jedes

der Ergebnisse desselben mindestens zwei Motivierungen aufdecken läßt, eine

Motivierung aus den Voraussetzungen des Systems – also eventuell eine

wahnhafte – und eine versteckte, die wir aber als die eigentlich wirksame, reale, anerkennen müssen.

Zur Erläuterung ein Beispiel aus der Neurose: In der Abhandlung über das

Tabu erwähnte ich eine Kranke, deren Zwangsverbote die schönsten

Übereinstimmungen mit dem Tabu der Maori zeigen(40). Die Neurose dieser

Frau ist auf ihren Mann gerichtet; sie gipfelt in der Abwehr des unbewußten

Wunsches nach seinem Tod. Ihre manifeste, systematische Phobie gilt aber der

Erwähnung des Todes überhaupt, wobei ihr Mann völlig ausgeschaltet ist und

niemals Gegenstand bewußter Sorge wird. Eines Tages hört sie den Mann den

Auftrag erteilen, seine stumpf gewordenen Rasiermesser sollen in einen

bestimmten Laden zum Schleifen gebracht werden. Von einer eigentümlichen

Unruhe getrieben, macht sie sich selbst auf den Weg nach diesem Laden und

fordert nach ihrer Rückkehr von dieser Rekognoszierung von ihrem Manne, er

müsse diese Messer für alle Zeiten aus dem Wege räumen, denn sie habe

entdeckt, daß neben dem von ihm genannten Laden sich eine Niederlage von

Särgen, Trauerwaren u. dgl. befindet. Die Messer seien durch seine Absicht in

eine unlösbare Verbindung mit dem Gedanken an den Tod geraten. Dies ist nun

die systematische Motivierung des Verbots. Wir dürfen sicher sein, daß die

Kranke auch ohne die Entdeckung jener Nachbarschaft das Verbot der

Rasiermesser nach Hause gebracht hätte. Denn es hätte dazu hingereicht, daß sie

auf dem Wege nach dem Laden einem Leichenwagen, einer Person in

Trauerkleidung oder einer Trägerin eines Leichenkranzes begegnete. Das Netz

der Bedingungen war weit genug ausgespannt, um die Beute in jedem Falle zu

fangen; es lag dann an ihr, ob sie es zuziehen wollte oder nicht. Man konnte mit

Sicherheit feststellen, daß sie für andere Fälle die Bedingungen des Verbots nicht

aktivierte. Dann hieß es eben, es sei ein »besserer Tag« gewesen. Die wirkliche

Ursache des Verbots der Rasiermesser war natürlich, wie wir mit Leichtigkeit

erraten, ihr Sträuben gegen eine Lustbetonung der Vorstellung, der Mann könne

sich mit dem geschärften Rasiermesser den Hals abschneiden.

In ganz ähnlicher Weise vervollständigt und detailliert sich eine

Gehhemmung, eine Abasie oder Agoraphobie, wenn es diesem Symptom einmal

gelungen ist, sich zur Vertretung eines unbewußten Wunsches oder der Abwehr

gegen denselben aufzuschwingen. Was sonst noch an unbewußten Phantasien

und an wirksamen Reminiszenzen in dem Kranken vorhanden ist, drängt diesem

einmal eröffneten Ausweg zum symptomatischen Ausdruck zu und bringt sich in

zweckmäßiger Neuordnung im Rahmen der Gehstörung unter. Es wäre also ein

vergebliches, eigentlich ein törichtes Beginnen, wenn man das symptomatische

Gefüge und die Einzelheiten, z. B. einer Agoraphobie aus der

Grundvoraussetzung derselben verstehen wollte. Alle Konsequenz und Strenge

des Zusammenhanges ist doch nur scheinbar. Schärfere Beobachtung kann, wie bei der Fassadenbildung des Traumes, die ärgsten Inkonsequenzen und

Willkürlichkeiten der Symptombildung aufdecken. Die Einzelheiten einer

solchen systematischen Phobie entnehmen ihre reale Motivierung versteckten

Determinanten, die mit der Gehhemmung nichts zu tun haben müssen, und

darum fallen auch die Gestaltungen einer solchen Phobie bei verschiedenen

Personen so mannigfaltig und so widersprechend aus.

 

Suchen wir nun den Rückweg zu dem uns beschäftigenden System des

Animismus, so schließen wir aus unseren Einsichten über andere psychologische

Systeme, daß die Motivierung einer einzelnen Sitte oder Vorschrift durch den

»Aberglauben« auch bei den Primitiven nicht die einzige und die eigentliche

Motivierung zu sein braucht und uns der Verpflichtung nicht überhebt, nach den

versteckten Motiven derselben zu suchen. Unter der Herrschaft eines

animistischen Systems ist es nicht anders möglich, als daß jede Vorschrift und

jede Tätigkeit eine systematische Begründung erhalte, welche wir heute eine

»abergläubische« heißen. »Aberglaube« ist wie »Angst«, wie »Traum«, wie

»Dämon«, eine der psychologischen Vorläufigkeiten, die vor der

psychoanalytischen Forschung zergangen sind. Kommt man hinter diese, die

Erkenntnis wie Wandschirme abwehrenden Konstruktionen, so ahnt man, daß

dem Seelenleben und der Kulturhöhe der Wilden ein Stück verdienter

Würdigung bisher vorenthalten wurde.

Betrachtet man die Triebverdrängung als ein Maß des erreichten

Kulturniveaus, so muß man zugestehen, daß auch unter dem animistischen

System Fortschritte und Entwicklungen vorgefallen sind, die man mit Unrecht

ihrer abergläubischen Motivierung wegen geringe schätzt. Wenn wir hören, daß

Krieger eines wilden Volksstammes sich die größte Keuschheit und Reinlichkeit

auferlegen, sobald sie sich auf den Kriegspfad begeben(41), so wird uns die

Erklärung nahegelegt, daß sie ihren Unrat beseitigen, damit sich der Feind dieses

Teiles ihrer Person nicht bemächtige, um ihnen auf magische Weise zu schaden,

und für ihre Enthaltsamkeit sollen wir analoge abergläubische Motivierungen

vermuten. Nichtsdestoweniger bleibt die Tatsache des Triebverzichtes bestehen,

und wir verstehen den Fall wohl besser, wenn wir annehmen, daß der wilde

Krieger sich solche Beschränkungen zur Ausgleichung auferlegt, weil er im

Begriffe steht, sich die sonst untersagte Befriedigung grausamer und feindseliger

Regungen im vollen Ausmaße zu gestatten. Dasselbe gilt für die zahlreichen

Fälle von sexueller Beschränkung, solange man mit schwierigen oder

verantwortlichen Arbeiten beschäftigt ist(42). Mag sich die Begründung dieser

Verbote immerhin auf einen magischen Zusammenhang berufen, die

fundamentale Vorstellung, durch Verzicht auf Triebbefriedigung größere Kraft

zu gewinnen, bleibt doch unverkennbar, und die hygienische Wurzel des Verbots

ist neben der magischen Rationalisierung derselben nicht zu vernachlässigen.

Wenn die Männer eines wilden Volksstammes zur Jagd, zum Fischfang, zum

Krieg, zum Einsammeln kostbarer Pflanzenstoffe ausgezogen sind, so bleiben

ihre Frauen unterdes im Hause zahlreichen drückenden Beschränkungen

unterworfen, denen von den Wilden selbst eine in die Ferne reichende,

sympathetische Wirkung auf das Gelingen der Expedition zugeschrieben wird.

Doch gehört wenig Scharfsinn dazu, um zu erraten, daß jenes in die Ferne

wirkende Moment kein anderes als das Heimwärtsdenken, die Sehnsucht der

Abwesenden, ist, und daß hinter diesen Einkleidungen die gute psychologische

Einsicht steckt, die Männer werden ihr Bestes nur dann tun, wenn sie über den

Verbleib der unbeaufsichtigten Frauen vollauf beruhigt sind. Andere Male wird

es direkt, ohne magische Motivierung ausgesprochen, daß die eheliche Untreue

der Frau die Bemühungen des in verantwortlicher Tätigkeit abwesenden Mannes

zum Scheitern bringt.

Die unzähligen Tabuvorschriften, denen die Frauen der Wilden während

ihrer Menstruation unterliegen, werden durch die abergläubische Scheu vor dem

Blute motiviert und haben in ihr wohl auch eine reale Begründung. Aber es wäre

unrecht die Möglichkeit zu übersehen, daß diese Blutscheu hier auch

ästhetischen und hygienischen Absichten dient, die sich in allen Fällen mit

magischen Motivierungen drapieren müßten.

Wir täuschen uns wohl nicht darüber, daß wir uns durch solche

Erklärungsversuche dem Vorwurf aussetzen, daß wir den heutigen Wilden eine

Feinheit der seelischen Tätigkeiten zumuten, die weit über die

Wahrscheinlichkeit hinausgeht. Allein ich meine, es könnte uns mit der

Psychologie dieser Völker, die auf der animistischen Stufe stehen geblieben sind,

leicht so ergehen wie mit dem Seelenleben des Kindes, das wir Erwachsene nicht

mehr verstehen, und dessen Reichhaltigkeit und Feinfühligkeit wir darum so

sehr unterschätzt haben.

Ich will noch einer Gruppe von bisher unerklärten Tabuvorschriften

gedenken, weil sie eine dem Psychoanalytiker vertraute Aufklärung zuläßt. Bei

vielen wilden Völkern ist es unter verschiedenen Verhältnissen verboten, scharfe

Waffen und schneidende Instrumente im Hause zu halten(43). Frazer zitiert

einen deutschen Aberglauben, daß man ein Messer nicht mit der Schneide nach

oben liegen lassen dürfe. Gott und die Engel könnten sich daran verletzen. Soll

man in diesem Tabu nicht die Ahnung gewisser »Symptomhandlungen« erkennen, zu denen die scharfe Waffe durch unbewußte böse Regungen

gebraucht werden könnte?

(1) Die geforderte Zusammendrängung des Stoffes bringt auch den Verzicht

auf eingehende Literaturnachweise mit sich. An deren Stelle stehe der Hinweis

auf die bekannten Werke von Herbert Spencer, J. G. Frazer, A. Lang, E. B. Tylor

und W. Wundt, aus denen alle Behauptungen über Animismus und Magie

entnommen sind. Die Selbständigkeit des Verfassers kann sich nur in der von

ihm getroffenen Auswahl der Materien sowie der Meinungen kundgeben.

(2) E. B. Tylor, Primitive Culture. I. Bd., p. 425, 4. Aufl., 1903. – W. Wundt,

Mythus und Religion, II. Bd., p. 173, 1906.

(3) Wundt, l. c., IV. Kapitel »Die Seelenvorstellungen«.

(4) Vgl. außer bei Wundt und H. Spencer die orientierenden Artikel der

Encyclopedia Britannica 1911 (Animism, Mythology usw.).

(5) l. c., p. 154.

(6) Bei Tylor, Primitive Culture, I. Bd., p. 477.

(7) Cultes, Mythes et Religions, T. II, Introduction, p. XV, 1909.

(8) Année sociologique, VII. Bd., 1904.

(9) Wenn man einen Geist durch Lärm und Geschrei verscheucht, so ist dies

eine rein zauberische Handlung; wenn man ihn zwingt, indem man sich seines

Namens bemächtigt, so hat man Magie gegen ihn gebraucht.

(10) The magic art. II, p. 67.

(11) Das biblische Verbot, sich ein Bild von irgend etwas Lebendem zu

machen, entstammte wohl keiner prinzipiellen Ablehnung der bildenden Kunst,

sondern sollte der von der hebräischen Religion verpönten Magie ein Werkzeug

entziehen. Frazer, l. c., p. 87, Note.

(12) The magic art. II, p. 98.

(13) Davon ein Nachklang im König Oedipus des Sophokles.

(14) The magic art. I, p. 120.

(15) l. c., p. 122.

(16) Imago, I, p. 317 und ff.

(17) Frazer, The magic art. I, p. 201–203.

(18) The magic art. I, p. 420 ff.

(19) Vgl. den Artikel Magic (N. W. T.) in der 11. Auflage der Encyclopedia Britannica.

(20) l. c., p. 54.

(21) Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens.

Jahrb. f. psychoanalyt. Forschungen, III. Bd., 1912, p. 2.

(22) Der König in »Hamlet« (III, 4.): »My words fly up, my thoughts remain

below; Words without thoughts never to heaven go«.

(23) Vgl. die vorige Abhandlung dieser Reihe, Imago, I.

(24) Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose, Jahrb. f.

psychoanalyt. u. psychopath. Forschungen, I. Bd., 1909.

(25) Es scheint, daß wir den Charakter des »Unheimlichen« solchen

Eindrücken verleihen, welche die Allmacht der Gedanken und die animistische

Denkweise überhaupt bestätigen wollen, während wir uns bereits im Urteil von

ihr abgewendet haben.

(26) Ein weiteres Motiv für diese Verschiebung auf eine kleinste Aktion wird

sich aus den nachstehenden Erörterungen ergeben.

(27) It is almost an axiom with writers on this subject, that a sort of

Solipsism or Berkleianism (as Professor Sully terms it as he finds it in the Child)

operates in the savage to make him refuse to recognise death as a fact. – Marett,

Pre-animistic religion, Folklore, XI. Bd., 1900, p. 178.

(28) Es soll hier nur angedeutet werden, daß der ursprüngliche Narzißmus

des Kindes maßgebend für die Auffassung seiner Charakterentwicklung ist und

die Annahme eines primitiven Minderwertigkeitsgefühles bei demselben

ausschließt.

(29) S. Reinach, L'art et la magie in der Sammlung Cultes, Mythes et

Religions, I. Bd., p. 125 bis 136. – Reinach meint, die primitiven Künstler,

welche uns die eingeritzten oder aufgemalten Tierbilder in den Höhlen

Frankreichs hinterlassen haben, wollten nicht »Gefallen erregen«, sondern

»beschwören«. Er erklärt es so, daß sich diese Zeichnungen an den dunkelsten

und unzugänglichsten Stellen der Höhlen befinden, und daß die Darstellungen

der gefürchteten Raubtiere unter ihnen fehlen. »Les modernes parlent souvent,

par hyperbole, de la magie du pinceau ou du ciseau d'un grand artiste et, en

général, de la magie de l'art. Entendu au sens propre, qui est celui d'une

contrainte mystique exercée par la volonté de l'homme sur d'autres volontés ou

sur les choses, cette expression n'est plus admissible; mais nous avons vu qu'elle

était autrefois rigoureusement vraie, du moins dans l'opinion des artistes«

(p. 136).

(30) Durch sogenannte endopsychische Wahrnehmung erkannte.

(31) R. R. Marett, Pre-animistic religion, Folklore, XI. Bd., Nr. 2, London

1900. – Vgl. Wundt, Mythus und Religion, II. Bd., p. 171 und ff.

(32) Imago, I. Bd., Tabu, p. 324.

(33) Wir nehmen an, daß in diesem frühen narzißtischen Stadium

Besetzungen aus libidinöser und anderen Erregungsquellen vielleicht noch

ununterscheidbar miteinander vereinigt sind.

(34) Schreber, Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken. 1903. – Freud,

Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch beschriebenen

Fall von Paranoia, Jahrb. f. psychoanalyt. Forsch., III. Bd., 1911.

(35) Vgl. die letztzitierte Abhandlung über Schreber, p. 59.

(36) Abhandlung über das Tabu, Imago, I. Bd., p. 322 und ff.

(37) Im I. Band der »Prinzipien der Soziologie«.

(38) H. Spencer, l. c., p. 179.

(39) Vgl. meine kleine Schrift: A note on the Unconscious in Psycho-

Analysis aus den Proceedings of the Society for Psychical Research, Part LXVI,

vol. XXVI, London 1912.

(40) Imago, Bd. I, p. 221.

(41) Frazer, Taboo and the perils of the soul, p. 158.

(42) Frazer, l. c., p. 200.

(43) Frazer, l. c., p. 237.

Anmerkungen zur Transkription:

 

Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt, wobei jeweils zuerst

die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle steht.

Seite 2:

gehabt haben mögen, die über Traumbilder, Schatten, Spiegelbilder

gehabt haben mögen, über Traumbilder, Schatten, Spiegelbilder

Seite 16:

eine erste Anerkennung der Ἀναγκη, die sich dem

eine erste Anerkennung der Ἀνάγκη, die sich dem

Fußnote 29:

plus admissible; mais nous avons vu qu'elle était autrefois rigouresement vraie,

plus admissible; mais nous avons vu qu'elle était autrefois rigoureusement vraie,

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License. You must require such a user to return or

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and discontinue all use of and all access to other copies of

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Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of electronic works in formats readable by the widest variety of computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will remain freely available for generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.

 

Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit 501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information can be found at the Foundation's web site and official page at http://pglaf.org

For additional contact information:

Dr. Gregory B. Newby

Chief Executive and Director

gbnewby@pglaf.org

 

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide spread public support and donations to carry out its mission of increasing the number of public domain and licensed works that can be freely distributed in machine readable form accessible by the widest array of equipment including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating charities and charitable donations in all 50 states of the United States. Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these requirements. We do not solicit donations in locations where we have not received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make any statements concerning tax treatment of donations received from outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including including checks, online payments and credit card donations. To donate, please visit: http://pglaf.org/donate

 

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be freely shared with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

 

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

 

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

http://www.gutenberg.net

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, including how to make donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.