Aus der Jugendzeit

Eduard Mörike · Kapitel 13 von 34

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Aus der Jugendzeit

Schön-Rotraut.

 

Wie heißt König Ringangs Töchterlein?

Rotraut, Schön-Rotraut.

Was tut sie denn den ganzen Tag,

da sie wohl nicht spinnen und nähen mag?

Tut fischen und jagen.

O daß ich doch ihr Jäger wär'!

Fischen und jagen freute mich sehr.

— Schweig stille, mein Herze!

 

Und über eine kleine Weil',

Rotraut, Schön-Rotraut,

so dient der Knab' auf Ringangs Schloß

in Jägertracht und hat ein Roß,

mit Rotraut zu jagen.

O daß ich doch ein Königssohn wär'!

Rotraut, Schön-Rotraut lieb' ich so sehr.

— Schweig stille, mein Herze!

Einsmals sie ruhten am Eichenbaum,

da lacht Schön-Rotraut:

„Was siehst mich an so wunniglich?

Wenn du das Herz hast, küsse mich!“

Ach erschrak der Knabe!

Doch denket er: ‚mir ist's vergunnt‘,

und küsset Schön-Rotraut auf den Mund.

— Schweig stille, mein Herze!

Darauf sie ritten schweigend heim,

Rotraut, Schön-Rotraut;

es jauchzt der Knab' in seinem Sinn:

‚Und würd'st du heute Kaiserin,

mich sollt's nicht kränken!

Ihr tausend Blätter im Walde wißt,

ich hab' Schön-Rotrauts Mund geküßt!

— Schweig stille, mein Herze!‘