Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen

Zweiter Abschnitt Von den Eigenschaften des Erhabenen und Schönen am Menschen überhaupt

Zweiter Abschnitt

 

Von den Eigenschaften des Erhabenen und Schönen am

 

Menschen überhaupt

 

V erstand ist erhaben, Witz ist schön. Kühnheit ist erhaben und groß, List ist klein, aber schön. Die Behutsamkeit, sagte Cromwell , ist eine

Bürgermeistertugend. Wahrhaftigkeit und Redlichkeit ist einfältig und edel,

Scherz und gefällige Schmeichelei ist fein und schön. Artigkeit ist die Schönheit

der Tugend. Uneigennütziger Diensteifer ist edel, Geschliffenheit (Politesse) und

Höflichkeit sind schön. Erhabene Eigenschaften flößen Hochachtung, schöne

aber Liebe ein. Leute, deren Gefühl vornehmlich auf das Schöne geht, suchen

ihre redlichen, beständigen und ernsthaften Freunde nur in der Not auf; den

scherzhaften, artigen und höflichen Gesellschafter aber erwählen sie sich zum

Umgange. Man schätzt manchen viel zu hoch, als daß man ihn lieben könnte. Er

flößt Bewunderung ein, aber er ist zu weit über uns, als daß wir mit der

Vertraulichkeit der Liebe uns ihm zu nähern getrauten.

Diejenige, welche beiderlei Gefühl in sich vereinbaren, werden finden: daß

die Rührung von dem Erhabenen mächtiger ist wie die vom Schönen, nur daß sie

ohne Abwechselung oder Begleitung der letzteren ermüdet und nicht so lange

genossen werden kann.(2) Die hohen Empfindungen, zu denen die Unterredung

in einer Gesellschaft von guter Wahl sich bisweilen erhebt, müssen sich

dazwischen in heiteren Scherz auflösen, und die lachenden Freuden sollen mit

der gerührten, ernsthaften Miene den schönen Kontrast machen, welcher beide

Arten von Empfindung ungezwungen abwechseln läßt. Freundschaft hat

hauptsächlich den Zug des Erhabenen, Geschlechterliebe aber des Schönen an

sich. Doch geben Zärtlichkeit und tiefe Hochachtung der letzteren eine gewisse

Würde und Erhabenheit, dagegen gaukelhafter Scherz und Vertraulichkeit das

Kolorit des Schönen in dieser Empfindung erhöhen. Das Trauerspiel

unterscheidet sich meiner Meinung nach vom Lustspiele vornehmlich darin: daß

in dem ersteren das Gefühl fürs Erhabene, im zweiten für das Schöne gerührt

wird. In dem ersteren zeigen sich großmütige Aufopferung für fremdes Wohl,

kühne Entschlossenheit in Gefahren und geprüfte Treue. Die Liebe ist daselbst

schwermütig, zärtlich und voll Hochachtung; das Unglück anderer bewegt in dem Busen des Zuschauers teilnehmende Empfindungen und läßt sein großmütig

Herz für fremde Not klopfen. Er wird sanft gerührt und fühlt die Würde seiner

eigenen Natur. Dagegen stellt das Lustspiel feine Ränke, wunderliche

Verwirrungen und Witzige, die sich herauszuziehen wissen, Narren, die sich

betrügen lassen, Späße und lächerliche Charaktere vor. Die Liebe ist hier nicht

so grämisch, sie ist lustig und vertraulich. Doch kann so wie in andern Fällen,

also auch in diesen das Edle mit dem Schönen in gewissem Grade vereinbart

werden.

Selbst die Laster und moralischen Gebrechen führen öfters gleichwohl einige

Züge des Erhabenen oder Schönen bei sich; wenigstens so wie sie unserem

sinnlichen Gefühl erscheinen, ohne durch Vernunft geprüft zu sein. Der Zorn

eines Furchtbaren ist erhaben, wie Achilles’ Zorn in der Iliade. Überhaupt ist der

Held des Homers schrecklich erhaben, des Virgils seiner dagegen edel.

Offenbare dreiste Rache nach großer Beleidigung hat etwas Großes an sich, und

so unerlaubt sie auch sein mag, so rührt sie in der Erzählung gleichwohl mit

Grausen und Wohlgefallen. Als Schach Nadir zur Nachtzeit von einigen

Verschwornen in seinem Zelte überfallen ward, so rief er, wie Hanway erzählt,

nachdem er schon einige Wunden bekommen und sich voll Verzweiflung wehrte:

»Erbarmung! ich will euch allen vergeben.« Einer unter ihnen antwortete, indem

er den Säbel in die Höhe hob: »Du hast keine Erbarmung bewiesen und

verdienst auch keine.« Entschlossene Verwegenheit an einem Schelmen ist

höchst gefährlich, aber sie rührt doch in der Erzählung, und selbst wenn er zu

einem schändlichen Tode geschleppt wird, so veredelt er ihn noch

gewissermaßen dadurch, daß er ihm trotzig und mit Verachtung entgegengeht.

Von der andern Seite hat ein listig ausgedachter Entwurf, wenn er gleich auf ein

Bubenstück ausgeht, etwas an sich, was fein ist und belacht wird. Buhlerische

Neigung (Koketterie) im feinen Verstande, nämlich eine Geflissenheit

einzunehmen und zu reizen, an einer sonst artigen Person ist vielleicht tadelhaft,

aber doch schön und wird gemeiniglich dem ehrbaren, ernsthaften Anstande

vorgezogen.

Die Gestalt der Personen, die durch ihr äußeres Ansehen gefallen, schlägt

bald in eine, bald in die andere Art des Gefühls ein. Eine große Statur erwirbt

sich Ansehen und Achtung, eine kleine mehr Vertraulichkeit. Selbst die

bräunliche Farbe und schwarze Augen sind dem Erhabenen, blaue Augen und

blonde Farbe dem Schönen näher verwandt. Ein etwas größeres Alter vereinbart

sich mehr mit den Eigenschaften des Erhabenen, Jugend aber mit denen des

Schönen. So ist es auch mit dem Unterschiede der Stände bewandt, und in allen diesen nur erwähnten Beziehungen müssen sogar die Kleidungen auf diesen

Unterschied des Gefühls eintreffen. Große, ansehnliche Personen müssen

Einfalt, höchstens Pracht in ihrer Kleidung beobachten, kleine können geputzt

und geschmückt sein. Dem Alter geziemen dunklere Farben und Einförmigkeit

im Anzuge, die Jugend schimmert durch hellere und lebhaft abstechende

Kleidungsstücke. Unter den Ständen muß bei gleichem Vermögen und Range der

Geistliche die größte Einfalt, der Staatsmann die meiste Pracht zeigen. Der

Cicisbeo kann sich ausputzen, wie es ihm beliebt.

Auch in äußerlichen Glücksumständen ist etwas, das wenigstens nach dem

Wahne der Menschen in diese Empfindungen einschlägt. Geburt und Titel finden

die Menschen gemeiniglich zur Achtung geneigt. Reichtum auch ohne

Verdienste wird selbst von Uneigennützigen geehrt, vermutlich weil sich mit

seiner Vorstellung Entwürfe von großen Handlungen vereinbaren, die dadurch

könnten ausgeführt werden. Diese Achtung trifft gelegentlich auch manchen

reichen Schurken, der solche Handlungen niemals ausüben wird und von dem

edlen Gefühl keinen Begriff hat, welches Reichtümer einzig und allein schätzbar

machen kann. Was das Übel der Armut vergrößert, ist die Geringschätzung,

welche auch nicht durch Verdienste gänzlich kann überwogen werden,

wenigstens nicht vor gemeinen Augen, wo nicht Rang und Titel dieses plumpe

Gefühl täuschen und einigermaßen zu dessen Vorteil hintergehen.

In der menschlichen Natur finden sich niemals rühmliche Eigenschaften,

ohne daß zugleich Abartungen derselben durch unendliche Schattierungen bis

zur äußersten Unvollkommenheit übergehen sollten. Die Eigenschaft des

Schrecklich-Erhabenen, wenn sie ganz unnatürlich wird, ist abenteuerlich.(3)

Unnatürliche Dinge, insofern das Erhabene darin gemeint ist, ob es gleich wenig

oder gar nicht angetroffen wird, sind Fratzen. Wer das Abenteuerliche liebt und

glaubt, ist ein Phantast, die Neigung zu Fratzen macht den Grillenfänger.

Andererseits artet das Gefühl des Schönen aus, wenn das Edle dabei gänzlich

mangelt, und man nennt es läppisch. Eine Mannsperson von dieser Eigenschaft,

wenn sie jung ist, heißt ein Laffe; ist sie im mittleren Alter, so ist es ein Geck.

Weil dem höheren Alter das Erhabene am notwendigsten ist, so ist ein alter Geck

das verächtlichste Geschöpf in der Natur, so wie ein junger Grillenfänger das

widrigste und unleidlichste ist. Scherze und Munterkeit schlagen in das Gefühl

des Schönen ein. Gleichwohl kann noch ziemlich viel Verstand

hindurchscheinen, und insofern können sie mehr oder weniger dem Erhabenen

verwandt sein. Der, in dessen Munterkeit diese Dazumischung unmerklich ist,

faselt. Der beständig faselt, ist albern. Man merkt leicht, daß auch kluge Leute bisweilen faseln und daß nicht wenig Geist dazu gehöre, den Verstand eine kurze

Zeit von seinem Posten abzurufen, ohne daß dabei etwas versehen wird.

Derjenige, dessen Reden oder Handlungen weder belustigen noch rühren, ist

langweilig. Der Langweilige, insofern er gleichwohl beides zu tun geschäftig ist,

ist abgeschmackt. Der Abgeschmackte, wenn er aufgeblasen ist, ist ein Narr.(4)

Ich will diesen wunderlichen Abriß der menschlichen Schwachheiten durch

Beispiele etwas verständlicher machen; denn der, welchem Hogarths Grabstichel

fehlt, muß, was der Zeichnung am Ausdrucke mangelt, durch Beschreibung

ersetzen. Kühne Übernehmung der Gefahren für unsere, des Vaterlandes oder

unserer Freunde Rechte ist erhaben. Die Kreuzzüge, die alte Ritterschaft waren

abenteuerlich: die Duelle, ein elender Rest der letztern aus einem verkehrten

Begriff des Ehrenrufs, sind Fratzen. Schwermütige Entfernung von dem

Geräusche der Welt aus einem rechtmäßigen Überdrusse ist edel. Der alten

Eremiten einsiedlerische Andacht war abenteuerlich. Klöster und dergleichen

Gräber, um lebendige Heilige einzusperren, sind Fratzen. Bezwingung seiner

Leidenschaften durch Grundsätze ist erhaben. Kasteiungen, Gelübde und andere

Mönchstugenden mehr sind Fratzen. Heilige Knochen, heiliges Holz und aller

dergleichen Plunder, den heiligen Stuhlgang des großen Lama von Tibet nicht

ausgeschlossen, sind Fratzen. Von den Werken des Witzes und des feinen

Gefühls fallen die epischen Gedichte des Virgils und Klopstocks ins Edle,

Homers und Miltons ins Abenteuerliche. Die Verwandelungen des Ovids sind

Fratzen, die Feenmärchen des französischen Aberwitzes sind die elendesten

Fratzen, die jemals ausgeheckt worden. Anakreontische Gedichte sind

gemeiniglich sehr nahe beim Läppischen.

Die Werke des Verstandes und der Scharfsinnigkeit, insofern ihre

Gegenstände auch etwas für das Gefühl enthalten, nehmen gleichfalls einigen

Anteil an den gedachten Verschiedenheiten. Die mathematische Vorstellung von

der unermeßlichen Größe des Weltbaues, die Betrachtungen der Metaphysik von

der Ewigkeit, der Vorsehung, der Unsterblichkeit unserer Seele enthalten eine

gewisse Erhabenheit und Würde. Hingegen wird die Weltweisheit auch durch

viel leere Spitzfindigkeiten entstellt, und der Anschein der Gründlichkeit hindert

nicht, daß die vier syllogistischen Figuren nicht zu Schulfratzen gezählt zu

werden verdienten.

In moralischen Eigenschaften ist wahre Tugend allein erhaben. Es gibt

gleichwohl gute sittliche Qualitäten, die liebenswürdig und schön sind und,

insofern sie mit der Tugend harmonieren, auch als edel angesehen werden, ob sie

gleich eigentlich nicht zur tugendhaften Gesinnung gezählt werden können. Das Urteil hierüber ist fein und verwickelt. Man kann gewiß die Gemütsverfassung

nicht tugendhaft nennen, die ein Quell solcher Handlungen ist, auf welche zwar

auch die Tugend hinauslaufen würde, allein aus einem Grunde, der nur

zufälligerweise damit übereinstimmt, seiner Natur nach aber den allgemeinen

Regeln der Tugend auch öfters widerstreiten kann. Eine gewisse

Weichmütigkeit, die leichtlich in ein warmes Gefühl des Mitleidens gesetzt wird,

ist schön und liebenswürdig; denn es zeigt eine gütige Teilnehmung an dem

Schicksale anderer Menschen an, worauf Grundsätze der Tugend gleichfalls

hinausführen. Allein diese gutartige Leidenschaft ist gleichwohl schwach und

jederzeit blind. Denn setzet, diese Empfindung bewege euch, mit eurem

Aufwande einem Notleidenden aufzuhelfen, allein ihr seid einem andern

schuldig und setzt euch dadurch außerstand, die strenge Pflicht der Gerechtigkeit

zu erfüllen, so kann offenbar die Handlung aus keinem tugendhaften Vorsatze

entspringen, denn ein solcher könnte euch unmöglich anreizen, eine höhere

Verbindlichkeit dieser blinden Bezauberung aufzuopfern. Wenn dagegen die

allgemeine Wohlgewogenheit gegen das menschliche Geschlecht in euch zum

Grundsatze geworden ist, welchem ihr jederzeit eure Handlungen unterordnet,

alsdann bleibt die Liebe gegen den Notleidenden noch, allein sie ist jetzt aus

einem höhern Standpunkte in das wahre Verhältnis gegen eure gesamte Pflicht

versetzt worden. Die allgemeine Wohlgewogenheit ist ein Grund der

Teilnehmung an seinem Übel, aber auch zugleich der Gerechtigkeit, nach deren

Vorschrift ihr jetzt diese Handlung unterlassen müsset. Sobald nun dieses Gefühl

zu seiner gehörigen Allgemeinheit gestiegen ist, so ist es erhaben, aber auch

kälter. Denn es ist nicht möglich, daß unser Busen für jedes Menschen Anteil

von Zärtlichkeit aufschwelle und bei jeder fremden Not in Wehmut schwimme,

sonst würde der Tugendhafte, unaufhörlich in mitleidigen Tränen wie Heraklit

schmelzend, bei aller dieser Gutherzigkeit gleichwohl nichts weiter als ein

weichmütiger Müßiggänger werden.(5)

Die zweite Art des gütigen Gefühls, welches zwar schön und liebenswürdig,

aber noch nicht die Grundlage einer wahren Tugend ist, ist die Gefälligkeit, eine

Neigung, andern durch Freundlichkeit, durch Einwilligung in ihr Verlangen und

durch Gleichförmigkeit unseres Betragens mit ihren Gesinnungen angenehm zu

werden. Dieser Grund einer reizenden Geselligkeit ist schön und die

Biegsamkeit eines solchen Herzens gutartig. Allein sie ist so gar keine Tugend,

daß, wo nicht höhere Grundsätze ihr Schranken setzen und sie schwächen, alle

Laster daraus entspringen können. Denn nicht zu gedenken, daß diese

Gefälligkeit gegen die, mit welchen wir umgehen, sehr oft eine Ungerechtigkeit gegen andre ist, die sich außer diesem kleinen Zirkel befinden, so wird ein

solcher Mann, wenn man diesen Antrieb allein nimmt, alle Laster haben können,

nicht aus unmittelbarer Neigung, sondern weil er gerne zu gefallen lebt. Er wird

aus liebreicher Gefälligkeit ein Lügner, ein Müßiggänger, ein Säufer usw. usw.

sein, denn er handelt nicht nach den Regeln, die auf das Wohlverhalten

überhaupt gehen, sondern nach einer Neigung, die an sich schön, aber, indem sie

ohne Haltung und ohne Grundsätze ist, läppisch wird.

Demnach kann wahre Tugend nur auf Grundsätze gepfropft werden, und je

allgemeiner sie sind, desto erhabener und edler wird sie. Diese Grundsätze sind

nicht spekulativische Regeln, sondern das Bewußtsein eines Gefühls, das in

jedem menschlichen Busen lebt und sich viel weiter als auf die besonderen

Gründe des Mitleidens und der Gefälligkeit erstreckt. Ich glaube, ich fasse alles

zusammen, wenn ich sage, es sei das Gefühl von der Schönheit und der Würde

der menschlichen Natur. Das erstere ist ein Grund der allgemeinen

Wohlgewogenheit, das zweite der allgemeinen Achtung, und wenn dieses Gefühl

die größte Vollkommenheit in irgendeinem menschlichen Herzen hätte, so würde

dieser Mensch sich zwar auch selbst lieben und schätzen, aber nur insofern er

einer von allen ist, auf die sein ausgebreitetes und edles Gefühl sich ausdehnt.

Nur indem man einer so erweiterten Neigung seine besondere unterordnet,

können unsere gütigen Triebe proportioniert angewandt werden und den edlen

Anstand zuwege bringen, der die Schönheit der Tugend ist.

In Ansehung der Schwäche der menschlichen Natur und der geringen Macht,

welche das allgemeine moralische Gefühl über die mehrsten Herzen ausüben

würde, hat die Vorsehung dergleichen hülfeleistende Triebe als Supplemente der

Tugend in uns gelegt, die, indem sie einige auch ohne Grundsätze zu schönen

Handlungen bewegen, zugleich andern, die durch diese letzteren regiert werden,

einen größeren Stoß und einen stärkern Antrieb dazu geben können. Mitleiden

und Gefälligkeit sind Gründe von schönen Handlungen, die vielleicht durch das

Übergewicht eines gröberen Eigennutzes insgesamt würden erstickt werden,

allein nicht unmittelbare Gründe der Tugend, wie wir gesehen haben, obgleich,

da sie durch die Verwandtschaft mit ihr geadelt werden, sie auch ihren Namen

erwerben. Ich kann sie daher adoptierte Tugenden nennen, diejenige aber, die auf

Grundsätzen beruht, die echte Tugend. Jene sind schön und reizend, diese allein

ist erhaben und ehrwürdig. Man nennt ein Gemüt, in welchem die ersteren

Empfindungen regieren, ein gutes Herz und den Menschen von solcher Art

gutherzig; dagegen man mit Recht dem Tugendhaften aus Grundsätzen ein edles

Herz beilegt, ihn selber aber einen rechtschaffenen nennt. Diese adoptierten Tugenden haben gleichwohl mit den wahren Tugenden große Ähnlichkeit, indem

sie das Gefühl einer unmittelbaren Lust an gütigen und wohlwollenden

Handlungen enthalten. Der Gutherzige wird ohne weitere Absicht aus

unmittelbarer Gefälligkeit friedsam und höflich mit euch umgehen und

aufrichtiges Beileid bei der Not eines andern empfinden.

Allein da diese moralische Sympathie gleichwohl noch nicht genug ist, die

träge menschliche Natur zu gemeinnützigen Handlungen anzutreiben, so hat die

Vorsehung in uns noch ein gewisses Gefühl gelegt, welches fein ist und uns in

Bewegung setzen oder auch dem gröberen Eigennutze und der gemeinen Wollust

das Gleichgewicht leisten kann. Dieses ist das Gefühl für Ehre und dessen Folge

die Scham. Die Meinung, die andere von unserm Werte haben mögen, und ihr

Urteil von unsern Handlungen ist ein Bewegungsgrund von großem Gewichte,

der uns manche Aufopferungen ablockt, und was ein guter Teil der Menschen

weder aus einer unmittelbar aufsteigenden Regung der Gutherzigkeit noch aus

Grundsätzen würde getan haben, geschieht oft genug bloß um des äußeren

Scheines willen aus einem Wahne, der sehr nützlich, obzwar an sich selbst sehr

seicht ist, als wenn das Urteil anderer den Wert von uns und unsern Handlungen

bestimmte. Was aus diesem Antriebe geschieht, ist nicht im mindesten

tugendhaft, weswegen auch ein jeder, der für einen solchen gehalten werden

will, den Bewegungsgrund der Ehrbegierde wohlbedächtig verhehlt. Es ist auch

diese Neigung nicht einmal so nahe wie die Gutherzigkeit der echten Tugend

verwandt, weil sie nicht unmittelbar durch die Schönheit der Handlungen,

sondern durch den in fremde Augen fallenden Anstand derselben bewegt werden

kann. Ich kann demnach, da gleichwohl das Gefühl für Ehre fein ist, das

Tugendähnliche, was dadurch veranlaßt wird, den Tugendschimmer nennen.

Vergleichen wir die Gemütsarten der Menschen, insofern eine von diesen

drei Gattungen des Gefühls in ihnen herrscht und den moralischen Charakter

bestimmt, so finden wir, daß eine jede derselben mit einem der

gewöhnlichermaßen eingeteilten Temperamente in näherer Verwandtschaft stehe,

doch so, daß über dieses ein größerer Mangel des moralischen Gefühls dem

phlegmatischen zum Anteil werden würde. Nicht als wenn das Hauptmerkmal in

dem Charakter dieser verschiedenen Gemütsarten auf die gedachten Züge

ankäme; denn das gröbere Gefühl, z. E. des Eigennutzes, der gemeinen Wollust

usw. usw., erwägen wir in dieser Abhandlung gar nicht, und auf dergleichen

Neigungen wird bei der gewöhnlichen Einteilung gleichwohl vorzüglich

gesehen; sondern weil die erwähnten feineren moralischen Empfindungen sich

leichter mit einem oder dem andern dieser Temperamente vereinbaren lassen und wirklich meistenteils damit vereinigt sind.

Ein innigliches Gefühl für die Schönheit und Würde der menschlichen Natur,

und eine Fassung und Stärke des Gemüts, hierauf als auf einen allgemeinen

Grund seine gesamten Handlungen zu beziehen, ist ernsthaft und gesellt sich

nicht wohl mit einer flatterhaften Lustigkeit, noch mit dem Unbestand eines

Leichtsinnigen. Es nähert sich sogar der Schwermut, einer sanften und edlen

Empfindung, insofern sie sich auf dasjenige Grausen gründet, das eine

eingeschränkte Seele fühlt, wenn sie, von einem großen Vorsatze voll, die

Gefahren sieht, die sie zu überstehen hat, und den schweren, aber großen Sieg

der Selbstüberwindung vor Augen hat. Die echte Tugend also aus Grundsätzen

hat etwas an sich, was am meisten mit der melancholischen Gemütsverfassung

im gemilderten Verstande zusammenzustimmen scheint.

Die Gutherzigkeit, eine Schönheit und feine Reizbarkeit des Herzens, nach

dem Anlaß, der sich vorfindet, in einzelnen Fällen mit Mitleiden oder

Wohlwollen gerührt zu werden, ist dem Wechsel der Umstände sehr

unterworfen, und indem die Bewegung der Seele nicht auf einem allgemeinen

Grundsatze beruht, so nimmt sie leichtlich veränderte Gestalten an, nachdem die

Gegenstände eine oder die andere Seite darbieten. Und da diese Neigung auf das

Schöne hinausläuft, so scheint sie sich mit derjenigen Gemütsart, die man

sanguinisch nennt, welche flatterhaft und den Belustigungen ergeben ist, am

natürlichsten zu vereinbaren. In diesem Temperamente werden wir die beliebten

Eigenschaften, die wir adoptierte Tugenden nannten, zu suchen haben.

Das Gefühl für die Ehre ist sonst schon gewöhnlich als ein Merkmal der

cholerischen Komplexion angenommen worden, und wir können dadurch Anlaß

nehmen, die moralischen Folgen dieses feinen Gefühls, welche mehrenteils nur

aufs Schimmern abgezielt sind, zu Schilderung eines solchen Charakters

aufzusuchen.

Niemals ist ein Mensch ohne alle Spuren der feineren Empfindung, allein ein

größerer Mangel derselben, der vergleichungsweise auch Fühllosigkeit heißt,

kommt in den Charakter des phlegmatischen, den man sonst auch sogar der

gröbern Triebfedern, als der Geldbegierde usw. usw., beraubt, die wir aber

zusamt andern, verschwisterten Neigungen ihm allenfalls lassen können, weil sie

gar nicht in diesen Plan gehören.

Laßt uns anjetzt die Empfindungen des Erhabenen und Schönen,

vornehmlich sofern sie moralisch sind, unter der angenommenen Einteilung der

Temperamente näher betrachten.

Der, dessen Gefühl ins Melancholische einschlägt, wird nicht darum so genannt, weil er, der Freuden des Lebens beraubt, sich in finsterer Schwermut

härmt, sondern weil seine Empfindungen, wenn sie über einen gewissen Grad

vergrößert würden oder durch einige Ursachen eine falsche Richtung bekämen,

auf dieselbe leichter als einen andern Zustand auslaufen würden. Er hat

vorzüglich ein Gefühl für das Erhabene. Selbst die Schönheit, für welche er

ebensowohl Empfindung hat, muß ihn nicht allein reizen, sondern, indem sie

ihm zugleich Bewunderung einflößt, rühren. Der Genuß der Vergnügen ist bei

ihm ernsthafter, aber um deswillen nicht geringer. Alle Rührungen des

Erhabenen haben mehr Bezauberndes an sich als die gaukelnden Reize des

Schönen. Sein Wohlbefinden wird eher Zufriedenheit als Lustigkeit sein. Er ist

standhaft. Um deswillen ordnet er seine Empfindungen unter Grundsätze. Sie

sind desto weniger dem Unbestande und der Veränderung unterworfen, je

allgemeiner dieser Grundsatz ist, welchem sie untergeordnet werden, und je

erweiterter also das hohe Gefühl ist, welches die niederen unter sich befaßt. Alle

besonderen Gründe der Neigungen sind vielen Ausnahmen und Änderungen

unterworfen, wofern sie nicht aus einem solchen oberen Grunde abgeleitet sind.

Der muntere und freundliche Alcest sagt: »Ich liebe und schätze meine Frau,

denn sie ist schön, schmeichelhaft und klug.« Wie aber, wenn sie nun durch

Krankheit entstellt, durch Alter mürrisch und, nachdem die erste Bezauberung

verschwunden, euch nicht klüger scheinen würde wie jede andere? Wenn der

Grund nicht mehr da ist, was kann aus der Neigung werden? Nehmet dagegen

den wohlwollenden und gesetzten Adrast, welcher bei sich denkt: »Ich werde

dieser Person liebreich und mit Achtung begegnen, denn sie ist meine Frau.«

Diese Gesinnung ist edel und großmütig. Nunmehr mögen die zufälligen Reize

sich ändern, sie ist gleichwohl noch immer seine Frau. Der edle Grund bleibt

und ist nicht dem Unbestande äußerer Dinge so sehr unterworfen. Von solcher

Beschaffenheit sind Grundsätze in Vergleichung der Regungen, die bloß bei

einzelnen Veranlassungen aufwallen, und so ist der Mann von Grundsätzen in

Gegenhalt mit demjenigen, welchem gelegentlich eine gutherzige und liebreiche

Bewegung anwandelt. Wie aber, wenn sogar die geheime Sprache seines

Herzens also lautete: »Ich muß jenem Menschen da zu Hülfe kommen, denn er

leidet; nicht daß er etwa mein Freund oder Gesellschafter wäre oder daß ich ihn

fähig hielte, dereinst Wohltat mit Dankbarkeit zu erwidern. Es ist jetzt keine Zeit

zu vernünfteln und sich bei Fragen aufzuhalten: er ist ein Mensch, und was

Menschen widerfährt, das trifft auch mich.« Alsdann stützt sich sein Verfahren

auf den höchsten Grad des Wohlwollens in der menschlichen Natur und ist

äußerst erhaben, sowohl seiner Unveränderlichkeit nach, als um der Allgemeinheit seiner Anwendung willen.

Ich fahre in meinen Anmerkungen fort. Der Mensch von melancholischer

Gemütsverfassung bekümmert sich wenig darum, was andere urteilen, was sie

für gut oder für wahr halten, er stützt sich desfalls bloß auf seine eigene Einsicht.

Weil die Bewegungsgründe in ihm die Natur der Grundsätze annehmen, so ist er

nicht leicht auf andere Gedanken zu bringen; seine Standhaftigkeit artet auch

bisweilen in Eigensinn aus. Er sieht den Wechsel der Moden mit

Gleichgültigkeit und ihren Schimmer mit Verachtung an. Freundschaft ist

erhaben und daher für sein Gefühl. Er kann vielleicht einen veränderlichen

Freund verlieren, allein dieser verliert ihn nicht ebensobald. Selbst das

Andenken der erloschenen Freundschaft ist ihm noch ehrwürdig. Gesprächigkeit

ist schön, gedankenvolle Verschwiegenheit erhaben. Er ist ein guter Verwahrer

seiner und anderer Geheimnisse. Wahrhaftigkeit ist erhaben, und er haßt Lügen

oder Verstellung. Er hat ein hohes Gefühl von der Würde der menschlichen

Natur. Er schätzt sich selbst und hält einen Menschen für ein Geschöpf, das da

Achtung verdient. Er erduldet keine verworfene Untertänigkeit und atmet

Freiheit in einem edlen Busen. Alle Ketten von den vergoldeten an, die man am

Hofe trägt, bis zu dem schweren Eisen des Galeerensklaven sind ihm

abscheulich. Er ist ein strenger Richter seiner selbst und anderer, und nicht selten

seiner sowohl als der Welt überdrüssig.

In der Ausartung dieses Charakters neigt sich die Ernsthaftigkeit zur

Schwermut, die Andacht zur Schwärmerei, der Freiheitseifer zum Enthusiasmus.

Beleidigung und Ungerechtigkeit zünden in ihm Rachbegierde an. Er ist alsdann

sehr zu fürchten. Er trotzt der Gefahr und verachtet den Tod. Bei der

Verkehrtheit seines Gefühls und dem Mangel einer aufgeheiterten Vernunft

verfällt er aufs Abenteuerliche. Eingebungen, Erscheinungen, Anfechtungen. Ist

der Verstand noch schwächer, so gerät er auf Fratzen. Bedeutende Träume,

Ahndungen und Wunderzeichen. Er ist in Gefahr, ein Phantast oder ein

Grillenfänger zu werden.

Der von sanguinischer Gemütsverfassung hat ein herrschendes Gefühl für

das Schöne. Seine Freuden sind daher lachend und lebhaft. Wenn er nicht lustig

ist, so ist er mißvergnügt und kennt wenig die zufriedne Stille. Mannigfaltigkeit

ist schön, und er liebt die Veränderung. Er sucht die Freude in sich und um sich,

belustigt andere und ist ein guter Gesellschafter. Er hat viel moralische

Sympathie. Anderer Fröhlichkeit macht ihn vergnügt und ihr Leid weichherzig.

Sein sittliches Gefühl ist schön, allein ohne Grundsätze, und hängt jederzeit

unmittelbar von dem gegenwärtigen Eindrucke ab, den die Gegenstände auf ihn machen. Er ist ein Freund von allen Menschen oder, welches einerlei sagen will,

eigentlich niemals ein Freund, ob er zwar gutherzig und wohlwollend ist. Er

verstellt sich nicht. Er wird euch heute mit seiner Freundlichkeit und guten Art

unterhalten, morgen, wenn ihr krank oder im Unglücke seid, wahres und

ungeheucheltes Beileid empfinden, aber sich sachte davonschleichen, bis sich

die Umstände geändert haben. Er muß niemals Richter sein. Die Gesetze sind

ihm gemeiniglich zu strenge, und er läßt sich durch Tränen bestechen. Er ist ein

schlimmer Heiliger, niemals recht gut und niemals recht böse. Er schweift öfters

aus und ist lasterhaft, mehr aus Gefälligkeit als aus Neigung. Er ist freigebig und

wohltätig, aber ein schlechter Zahler dessen, was er schuldig ist, weil er wohl

viel Empfindung für Güte, aber wenig für Gerechtigkeit hat. Niemand hat eine

so gute Meinung von seinem eigenen Herzen als er. Wenn ihr ihn gleich nicht

hochachtet, so werdet ihr ihn doch lieben müssen. In dem größeren Verfall seines

Charakters gerät er ins Läppische, er ist tändelnd und kindisch. Wenn nicht das

Alter noch etwa die Lebhaftigkeit mindert oder mehr Verstand herbeibringt, so

ist er in Gefahr, ein alter Geck zu werden.

Der, welchen man unter der cholerischen Gemütsbeschaffenheit meint, hat

ein herrschendes Gefühl für diejenige Art des Erhabenen, welche man das

Prächtige nennen kann. Sie ist eigentlich nur der Schimmer der Erhabenheit und

eine stark abstechende Farbe, welche den inneren Gehalt der Sache oder Person,

der vielleicht nur schlecht und gemein ist, verbirgt und durch den Schein täuscht

und rührt. So wie ein Gebäude durch eine Übertünchung, welche gehauene

Steine vorstellt, einen ebenso edlen Eindruck macht, als wenn es wirklich daraus

bestände, und geklebtem Gesimse und Pilastern die Meinung von Festigkeit

geben, ob sie gleich wenig Haltung haben und nichts unterstützen: also glänzen

auch tombakene Tugenden, Flittergold von Weisheit und gemaltes Verdienst.

Der Cholerische betrachtet seinen eigenen Wert und den Wert seiner Sachen

und Handlungen aus dem Anstande oder dem Scheine, womit er in die Augen

fällt. In Ansehung der inneren Beschaffenheit und der Bewegungsgründe, die der

Gegenstand selber enthält, ist er kalt, weder erwärmt durch wahres Wohlwollen,

noch gerührt durch Achtung.(6) Sein Betragen ist künstlich. Er muß allerlei

Standpunkte zu nehmen wissen, um seinen Anstand aus der verschiedenen

Stellung der Zuschauer zu beurteilen; denn er frägt wenig darnach, was er sei,

sondern nur, was er scheine. Um deswillen muß er die Wirkung auf den

allgemeinen Geschmack und die mancherlei Eindrücke wohl kennen, die sein

Verhalten außer ihm haben wird. Da er in dieser schlauen Aufmerksamkeit

durchaus kalt Blut bedarf und nicht durch Liebe, Mitleiden und Teilnehmung seines Herzens sich muß blenden lassen, so wird er auch vielen Torheiten und

Verdrießlichkeiten entgehen, in welche ein Sanguinischer gerät, der durch seine

unmittelbare Empfindung bezaubert wird. Um deswillen scheint er gemeiniglich

verständiger, als er wirklich ist. Sein Wohlwollen ist Höflichkeit, seine Achtung

Zeremonie, seine Liebe ausgesonnene Schmeichelei. Er ist jederzeit voll von

sich selbst, wenn er den Anstand eines Liebhabers oder eines Freundes annimmt,

und ist niemals weder das eine noch das andere. Er sucht, durch Moden zu

schimmern; aber weil alles an ihm künstlich und gemacht ist, so ist er darin steif

und ungewandt. Er handelt weit mehr nach Grundsätzen als der Sanguinische,

der bloß durch gelegentliche Eindrücke bewegt wird; aber diese sind nicht

Grundsätze der Tugend, sondern der Ehre, und er hat kein Gefühl für die

Schönheit oder den Wert der Handlungen, sondern für das Urteil der Welt, das

sie davon fällen möchte. Weil sein Verfahren, insofern man nicht auf die Quelle

sieht, daraus es entspringt, übrigens fast ebenso gemeinnützig als die Tugend

selbst ist, so erwirbt er vor gemeinen Augen eben die Hochschätzung als der

Tugendhafte, aber vor feineren Augen verbirgt er sich sorgfältig, weil er wohl

weiß, daß die Entdeckung der geheimen Triebfeder der Ehrbegierde ihn um die

Achtung bringen würde. Er ist daher der Verstellung sehr ergeben, in der

Religion heuchlerisch, im Umgange ein Schmeichler, in Staatsparteien

wetterwendisch nach den Umständen. Er ist gerne ein Sklave der Großen, um

dadurch ein Tyrann über Geringere zu werden. Die Naivetät, diese edle oder

schöne Einfalt, welche das Siegel der Natur und nicht der Kunst auf sich trägt,

ist ihm gänzlich fremde. Daher wenn sein Geschmack ausartet, so wird sein

Schimmer schreiend, d. i. auf eine widrige Art prahlend. Er gerät alsdann sowohl

seinem Stil als dem Ausputze nach in den Gallimathias (das Übertriebene), eine

Art Fratzen, die in Ansehung des Prächtigen dasjenige ist, was das

Abenteuerliche oder Grillenhafte in Ansehung des Ernsthaft-Erhabenen. In

Beleidigungen fällt er alsdann auf Zweikämpfe oder Prozesse und in dem

bürgerlichen Verhältnisse auf Ahnen, Vortritt und Titel. Solange er nur noch eitel

ist, d. i. Ehre sucht und bemüht ist, in die Augen zu fallen, so kann er noch wohl

geduldet werden, allein wenn bei gänzlichem Mangel wirklicher Vorzüge und

Talente er aufgeblasen wird, so ist er das, wofür er am mindesten gerne möchte

gehalten werden, nämlich ein Narr.

Da in der phlegmatischen Mischung keine Ingredienzien vom Erhabenen

oder Schönen in sonderlich merklichem Grade hineinzukommen pflegen, so

gehört diese Gemütseigenschaft nicht in den Zusammenhang unserer

Erwägungen.

Von welcher Art auch diese feineren Empfindungen sein mögen, von denen

wir bis daher gehandelt haben, es mögen erhabene oder schöne sein, so haben sie

doch das Schicksal gemein, daß sie in dem Urteil desjenigen, der kein darauf

gestimmtes Gefühl hat, jederzeit verkehrt und ungereimt scheinen. Ein Mensch

von einer ruhigen und eigennützigen Emsigkeit hat sozureden gar nicht die

Organen, um den edlen Zug in einem Gedichte oder in einer Heldentugend zu

empfinden, er liest lieber einen Robinson als einen Grandison und hält den Cato

für einen eigensinnigen Narren. Ebenso scheint Personen von etwas ernsthafter

Gemütsart dasjenige läppisch, was andern reizend ist, und die gaukelnde

Naivetät einer Schäferhandlung ist ihnen abgeschmackt und kindisch. Auch

selbst wenn das Gemüt nicht gänzlich ohne ein einstimmiges feineres Gefühl ist,

sind doch die Grade der Reizbarkeit desselben sehr verschieden, und man sieht,

daß der eine etwas edel und anständig findet, was dem andern zwar groß, aber

abenteuerlich vorkommt. Die Gelegenheiten, die sich darbieten, bei

unmoralischen Dingen etwas von dem Gefühl des andern auszuspähen, können

uns Anlaß geben, mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit auch auf seine Empfindung

in Ansehung der höheren Gemütseigenschaften und selbst derer des Herzens zu

schließen. Wer bei einer schönen Musik Langeweile hat, gibt starke Vermutung,

daß die Schönheiten der Schreibart und die feinen Bezauberungen der Liebe

wenig Gewalt über ihn haben werden.

Es ist ein gewisser Geist der Kleinigkeiten (esprit des bagatelles), welcher

eine Art von feinem Gefühl anzeigt, welches aber gerade auf das Gegenteil von

dem Erhabenen abzielt. Ein Geschmack für etwas, weil es sehr künstlich und

mühsam ist, Verse, die sich vor- und rückwärts lesen lassen, Rätsel, Uhren in

Ringen, Flohketten usw. usw. Ein Geschmack für alles, was abgezirkelt und auf

peinliche Weise ordentlich, obzwar ohne Nutzen ist, z. E. Bücher, die fein

zierlich in langen Reihen im Bücherschranke stehen, und ein leerer Kopf, der sie

ansieht und sich erfreuet; Zimmer, die wie optische Kasten geziert und überaus

sauber gewaschen sind, zusamt einem ungastfreien und mürrischen Wirte, der sie

bewohnt. Ein Geschmack an allem demjenigen, was selten ist, so wenig wie es

auch sonst innern Wert haben mag. Epiktets Lampe, ein Handschuh von König

Karl dem Zwölften; in gewisser Art schlägt die Münzensucht mit hierauf ein.

Solche Personen stehen sehr im Verdacht, daß sie in den Wissenschaften Grübler

und Grillenfänger, in den Sitten aber für alles das, was auf freie Art schön oder

edel ist, ohne Gefühl sein werden.

Man tut einander zwar unrecht, wenn man denjenigen, der den Wert oder die

Schönheit dessen, was uns rührt oder reizt, nicht einsieht, damit abfertigt, daß er es nicht verstehe. Es kommt hiebei nicht so sehr darauf an, was der Verstand

einsehe, sondern was das Gefühl empfinde. Gleichwohl haben die Fähigkeiten

der Seele einen so großen Zusammenhang, daß man mehrenteils von der

Erscheinung der Empfindung auf die Talente der Einsicht schließen kann. Denn

es würden demjenigen, der viele Verstandesvorzüge hat, diese Talente vergeblich

erteilt sein, wenn er nicht zugleich starke Empfindung für das wahrhaftig Edle

oder Schöne hätte, welche die Triebfeder sein muß, jene Gemütsgaben wohl und

regelmäßig anzuwenden.(7)

Es ist einmal gebräuchlich, nur dasjenige nützlich zu nennen, was unserer

gröberen Empfindung ein Gnüge leisten kann, was uns Überfluß im Essen und

Trinken, Aufwand in Kleidung und in Hausgeräte, imgleichen Verschwendung in

Gastereien verschaffen kann, ob ich gleich nicht sehe, warum nicht alles, was

nur immer meinem lebhaftesten Gefühl erwünscht ist, ebensowohl den

nützlichen Dingen sollte beigezählt werden. Allein alles gleichwohl auf diesen

Fuß genommen, so ist derjenige, welchen der Eigennutz beherrscht, ein Mensch,

mit welchem man über den feineren Geschmack niemals vernünfteln muß. Ein

Huhn ist freilich in solchem Betracht besser als ein Papagei, ein Kochtopf

nützlicher als ein Porzellängeschirr, alle witzigen Köpfe in der Welt gelten nicht

den Wert eines Bauren, und die Bemühung, die Weite der Fixsterne zu

entdecken, kann so lange ausgesetzt bleiben, bis man übereingekommen sein

wird, wie der Pflug auf das vorteilhafteste könne geführt werden. Allein welche

Torheit ist es, sich in einen solchen Streit einzulassen, wo es unmöglich ist, sich

einander auf einstimmige Empfindungen zu führen, weil das Gefühl gar nicht

einstimmig ist! Gleichwohl wird doch ein Mensch von der gröbsten und

gemeinsten Empfindung wahrnehmen können: daß die Reize und

Annehmlichkeiten des Lebens, welche die entbehrlichsten zu sein scheinen,

unsere meiste Sorgfalt auf sich ziehen, und daß wir wenig Triebfedern zu so

vielfältigen Bemühungen übrig haben würden, wenn wir jene ausschließen

wollten. Imgleichen ist wohl niemand so grob, daß er nicht empfinde, daß eine

sittliche Handlung wenigstens an einem andern um desto mehr rühre, je weiter

sie vom Eigennutze ist und je mehr jene edleren Antriebe in ihr hervorstechen.

Wenn ich die edele und schwache Seite der Menschen wechselsweise

bemerke, so verweise ich es mir selbst, daß ich nicht denjenigen Standpunkt zu

nehmen vermag, von wo diese Abstechungen das große Gemälde der ganzen

menschlichen Natur gleichwohl in einer rührenden Gestalt darstellen. Denn ich

bescheide mich gerne: daß, sofern es zu dem Entwurfe der großen Natur gehört,

diese grotesken Stellungen nicht anders als einen edelen Ausdruck geben können, ob man schon viel zu kurzsichtig ist, sie in diesem Verhältnisse zu

übersehen. Um indessen doch einen schwachen Blick hierauf zu werfen: so

glaube ich folgendes anmerken zu können. Derjenigen unter den Menschen, die

nach Grundsätzen verfahren, sind nur sehr wenige, welches auch überaus gut ist,

da es so leicht geschehen kann, daß man in diesen Grundsätzen irre und alsdann

der Nachteil, der daraus erwächst, sich um desto weiter erstreckt, je allgemeiner

der Grundsatz und je standhafter die Person ist, die ihn sich vorgesetzt hat.

Derer, so aus gutherzigen Trieben handeln, sind weit mehrere, welches äußerst

vortrefflich ist, ob es gleich einzeln nicht als ein sonderliches Verdienst der

Person kann angerechnet werden; denn diese tugendhaften Instinkte fehlen wohl

bisweilen, allein im Durchschnitte leisten sie ebensowohl die große Absicht der

Natur, wie die übrigen Instinkte, die so regelmäßig die tierische Welt bewegen.

Derer, die ihr allerliebstes Selbst als den einzigen Beziehungspunkt ihrer

Bemühungen starr vor Augen haben und die um den Eigennutz als um die große

Achse alles zu drehen suchen, gibt es die meisten, worüber auch nichts

Vorteilhafteres sein kann, denn diese sind die emsigsten, ordentlichsten und

behutsamsten; sie geben dem Ganzen Haltung und Festigkeit, indem sie auch

ohne ihre Absicht gemeinnützig werden, die notwendigen Bedürfnisse

herbeischaffen und die Grundlage liefern, über welche feinere Seelen Schönheit

und Wohlgereimtheit verbreiten können. Endlich ist die Ehrliebe in aller

Menschen Herzen, obzwar in ungleichem Maße, verbreitet worden, welches dem

Ganzen eine bis zur Bewunderung reizende Schönheit geben muß. Denn

wiewohl die Ehrbegierde ein törichter Wahn ist, sofern er zur Regel wird, der

man die übrigen Neigungen unterordnet, so ist sie doch als ein begleitender

Trieb äußerst vortrefflich. Denn indem ein jeder auf der großen Bühne seinen

herrschenden Neigungen gemäß die Handlungen verfolgt, so wird er zugleich

durch einen geheimen Antrieb bewogen, in Gedanken außer sich selbst einen

Standpunkt zu nehmen, um den Anstand zu beurteilen, den sein Betragen hat,

wie es aussehe und dem Zuschauer in die Augen falle. Dadurch vereinbaren sich

die verschiedenen Gruppen in ein Gemälde von prächtigem Ausdruck, wo mitten

unter großer Mannigfaltigkeit Einheit hervorleuchtet und das Ganze der

moralischen Natur Schönheit und Würde an sich zeigt.