Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen

Dritter Abschnitt Von dem Unterschiede des Erhabenen und Schönen in dem Gegenverhältnis beider Geschlechter

Dritter Abschnitt

 

Von dem Unterschiede des Erhabenen und Schönen in

 

dem Gegenverhältnis beider Geschlechter

 

D erjenige, so zuerst das Frauenzimmer unter dem Namen des schönen Geschlechts begriffen hat, kann vielleicht etwas Schmeichelhaftes haben sagen

wollen, aber er hat es besser getroffen, als er wohl selbst geglaubt haben mag.

Denn ohne in Erwägung zu ziehen, daß ihre Gestalt überhaupt feiner, ihre Züge

zarter und sanfter, ihre Miene im Ausdrucke der Freundlichkeit, des Scherzes

und der Leutseligkeit bedeutender und einnehmender ist als bei dem männlichen

Geschlecht, ohne auch dasjenige zu vergessen, was man für die geheime

Zauberkraft abrechnen muß, wodurch sie unsere Leidenschaft zum vorteilhaften

Urteile für sie geneigt machen, so liegen vornehmlich in dem Gemütscharakter

dieses Geschlechts eigentümliche Züge, die es von dem unseren deutlich

unterscheiden und die darauf hauptsächlich hinauslaufen, sie durch das Merkmal

des Schönen kenntlich zu machen. Andererseits könnten wir auf die Benennung

des edlen Geschlechts Anspruch machen, wenn es nicht auch von einer edlen

Gemütsart erfordert würde, Ehrennamen abzulehnen und sie lieber zu erteilen als

zu empfangen. Hiedurch wird nun nicht verstanden: daß das Frauenzimmer

edeler Eigenschaften ermangelte oder das männliche Geschlecht der Schönheiten

gänzlich entbehren müßte, vielmehr erwartet man, daß ein jedes Geschlecht

beide vereinbare, doch so, daß von einem Frauenzimmer alle anderen Vorzüge

sich nur dazu vereinigen sollen, um den Charakter des Schönen zu erhöhen,

welcher der eigentliche Beziehungspunkt ist, und dagegen unter den männlichen

Eigenschaften das Erhabene als das Kennzeichen seiner Art deutlich

hervorsteche. Hierauf müssen alle Urteile von diesen zwei Gattungen, sowohl

die rühmliche als die des Tadels, sich beziehen, alle Erziehung und

Unterweisung muß dieses vor Augen haben und alle Bemühung, die sittliche

Vollkommenheit des einen oder des andern zu befördern, wo man nicht den

reizenden Unterschied unkenntlich machen will, den die Natur zwischen zwei

Menschengattungen hat treffen wollen. Denn es ist hier nicht genug, sich

vorzustellen, daß man Menschen vor sich habe, man muß zugleich nicht aus der

Acht lassen, daß diese Menschen nicht von einerlei Art sind.

Das Frauenzimmer hat ein angebornes stärkeres Gefühl für alles, was schön,

zierlich und geschmückt ist. Schon in der Kindheit sind sie gerne geputzt und

gefallen sich, wenn sie geziert sind. Sie sind reinlich und sehr zärtlich in

Ansehung alles dessen, was Ekel verursacht. Sie lieben den Scherz und können

durch Kleinigkeiten, wenn sie nur munter und lachend sind, unterhalten werden.

Sie haben sehr früh ein sittsames Wesen an sich, wissen sich einen feinen

Anstand zu geben und besitzen sich selbst; und dieses in einem Alter, wenn

unsere wohlerzogene männliche Jugend noch unbändig, tölpisch und verlegen

ist. Sie haben viel teilnehmende Empfindungen, Gutherzigkeit und Mitleiden,

ziehen das Schöne dem Nützlichen vor und werden den Überfluß des Unterhalts

gerne in Sparsamkeit verwandeln, um den Aufwand auf das Schimmernde und

den Putz zu unterstützen. Sie sind von sehr zärtlicher Empfindung in Ansehung

der mindesten Beleidigung, und überaus fein, den geringsten Mangel der

Aufmerksamkeit und Achtung gegen sie zu bemerken. Kurz, sie enthalten in der

menschlichen Natur den Hauptgrund der Abstechung der schönen Eigenschaften

mit den edelen, und verfeinern selbst das männliche Geschlecht.

Man wird mir hoffentlich die Herzählung der männlichen Eigenschaften,

insofern sie jenen parallel sind, schenken und sich befriedigen, beide nur in der

Gegeneinanderhaltung zu betrachten. Das schöne Geschlecht hat ebensowohl

Verstand als das männliche, nur es ist ein schöner Verstand, der unsrige soll ein

tiefer Verstand sein, welches ein Ausdruck ist, der einerlei mit dem Erhabenen

bedeutet.

Zur Schönheit aller Handlungen gehört vornehmlich, daß sie Leichtigkeit an

sich zeigen und ohne peinliche Bemühung scheinen vollzogen zu werden;

dagegen Bestrebungen und überwundene Schwierigkeiten Bewunderung erregen

und zum Erhabenen gehören. Tiefes Nachsinnen und eine lange fortgesetzte

Betrachtung sind edel, aber schwer, und schicken sich nicht wohl für eine

Person, bei der die ungezwungenen Reize nichts anders als eine schöne Natur

zeigen sollen. Mühsames Lernen oder peinliches Grübeln, wenn es gleich ein

Frauenzimmer darin hoch bringen sollte, vertilgen die Vorzüge, die ihrem

Geschlechte eigentümlich sind, und können dieselbe wohl um der Seltenheit

willen zum Gegenstande einer kalten Bewunderung machen, aber sie werden

zugleich die Reize schwächen, wodurch sie ihre große Gewalt über das andere

Geschlecht ausüben. Ein Frauenzimmer, das den Kopf voll Griechisch hat, wie

die Frau Dacier, oder über die Mechanik gründliche Streitigkeiten führt, wie die

Marquisin von Chastelet, mag nur immerhin noch einen Bart dazu haben; denn

dieser würde vielleicht die Miene des Tiefsinns noch kenntlicher ausdrücken, um welchen sie sich bewerben. Der schöne Verstand wählt zu seinen Gegenständen

alles, was mit dem feineren Gefühl nahe verwandt ist, und überläßt abstrakte

Spekulationen oder Kenntnisse, die nützlich, aber trocken sind, dem emsigen,

gründlichen und tiefen Verstande. Das Frauenzimmer wird demnach keine

Geometrie lernen; es wird vom Satze des zureichenden Grundes oder den

Monaden nur so viel wissen, als da nötig ist, um das Salz in den Spottgedichten

zu vernehmen, welche die seichten Grübler unseres Geschlechts durchzogen

haben. Die Schönen können den Cartesius seine Wirbel immer drehen lassen,

ohne sich darum zu bekümmern, wenn auch der artige Fontenelle ihnen unter

den Wandelsternen Gesellschaft leisten wollte, und die Anziehung ihrer Reize

verliert nichts von ihrer Gewalt, wenn sie gleich nichts von allem dem wissen,

was Algarotti zu ihrem Besten von den Anziehungskräften der groben Materien

nach dem Newton aufzuzeichnen bemüht gewesen. Sie werden in der Geschichte

sich nicht den Kopf mit Schlachten und in der Erdbeschreibung nicht mit

Festungen anfüllen; denn es schickt sich für sie ebensowenig, daß sie nach

Schießpulver, als für die Mannspersonen, daß sie nach Bisam riechen sollen.

Es scheint eine boshafte List der Mannspersonen zu sein, daß sie das schöne

Geschlecht zu diesem verkehrten Geschmacke haben verleiten wollen. Denn

wohl bewußt ihrer Schwäche in Ansehung der natürlichen Reize desselben, und

daß ein einziger schalkhafter Blick sie mehr in Verwirrung setze als die

schwerste Schulfrage, sehen sie sich, sobald das Frauenzimmer in diesen

Geschmack einschlägt, in einer entschiedenen Überlegenheit und sind in dem

Vorteile, den sie sonst schwerlich haben würden, mit einer großmütigen

Nachsicht den Schwächen ihrer Eitelkeit aufzuhelfen. Der Inhalt der großen

Wissenschaft des Frauenzimmers ist vielmehr der Mensch und unter den

Menschen der Mann. Ihre Weltweisheit ist nicht Vernünfteln, sondern

Empfinden. Bei der Gelegenheit, die man ihnen geben will, ihre schöne Natur

auszubilden, muß man dieses Verhältnis jederzeit vor Augen haben. Man wird

ihr gesamtes moralisches Gefühl und nicht ihr Gedächtnis zu erweitern suchen,

und zwar nicht durch allgemeine Regeln, sondern durch einiges Urteil über das

Betragen, welches sie um sich sehen. Die Beispiele, die man aus andern Zeiten

entlehnt, um den Einfluß einzusehen, den das schöne Geschlecht in die

Weltgeschäfte gehabt hat, die mancherlei Verhältnisse, darin es in andern

Zeitaltern oder in fremden Landen gegen das männliche gestanden, der

Charakter beider, sofern er sich hiedurch erläutern läßt, und der veränderliche

Geschmack der Vergnügungen machen ihre ganze Geschichte und Geographie

aus. Es ist schön, daß einem Frauenzimmer der Anblick einer Karte, die entweder den ganzen Erdkreis oder die vornehmsten Teile der Welt vorstellt,

angenehm gemacht werde. Dieses geschieht dadurch, daß man sie nur in der

Absicht vorlegt, um die unterschiedlichen Charaktere der Völker, die sie

bewohnen, die Verschiedenheiten ihres Geschmacks und sittlichen Gefühls,

vornehmlich in Ansehung der Wirkung, die diese auf die

Geschlechterverhältnisse haben, dabei zu schildern, mit einigen leichten

Erläuterungen aus der Verschiedenheit der Himmelsstriche, ihrer Freiheit oder

Sklaverei. Es ist wenig daran gelegen, ob sie die besonderen Abteilungen dieser

Länder, ihr Gewerbe, Macht und Beherrscher wissen oder nicht. Ebenso werden

sie von dem Weltgebäude nichts mehr zu kennen nötig haben, als nötig ist, den

Anblick des Himmels an einem schönen Abende ihnen rührend zu machen,

wenn sie einigermaßen begriffen haben, daß noch mehr Welten und daselbst

noch mehr schöne Geschöpfe anzutreffen sind. Gefühl für Schildereien von

Ausdruck und für die Tonkunst, nicht insofern sie Kunst, sondern Empfindung

äußert, alles dieses verfeinert oder erhebt den Geschmack dieses Geschlechts

und hat jederzeit einige Verknüpfung mit sittlichen Regungen. Niemals ein kalter

und spekulativer Unterricht, jederzeit Empfindungen, und zwar die so nahe wie

möglich bei ihrem Geschlechtverhältnisse bleiben. Diese Unterweisung ist

darum so selten, weil sie Talente, Erfahrenheit und ein Herz voll Gefühl

erfordert, und jeder andern kann das Frauenzimmer sehr wohl entbehren, wie es

denn auch ohne diese sich von selbst gemeiniglich sehr wohl ausbildet.

Die Tugend des Frauenzimmers ist eine schöne Tugend.(8) Die des

männlichen Geschlechts soll eine edele Tugend sein. Sie werden das Böse

vermeiden, nicht weil es unrecht, sondern weil es häßlich ist, und tugendhafte

Handlungen bedeuten bei ihnen solche, die sittlich schön sind. Nichts von

Sollen, nichts von Müssen, nichts von Schuldigkeit. Das Frauenzimmer ist aller

Befehle und alles mürrischen Zwanges unleidlich. Sie tun etwas nur darum, weil

es ihnen so beliebt, und die Kunst besteht darin, zu machen, daß ihnen nur

dasjenige beliebe, was gut ist. Ich glaube schwerlich, daß das schöne Geschlecht

der Grundsätze fähig sei, und ich hoffe dadurch nicht zu beleidigen, denn diese

sind auch äußerst selten beim männlichen. Dafür aber hat die Vorsehung in ihren

Busen gütige und wohlwollende Empfindungen, ein feines Gefühl für

Anständigkeit und eine gefällige Seele gegeben. Man fordere ja nicht

Aufopferungen und großmütigen Selbstzwang. Ein Mann muß es seiner Frauen

niemals sagen, wenn er einen Teil seines Vermögens um einen Freund in Gefahr

setzt. Warum will er ihre muntere Gesprächigkeit fesseln, dadurch, daß er ihr

Gemüt mit einem wichtigen Geheimnisse belästigt, dessen Aufbewahrung ihm allein obliegt? Selbst viele von ihren Schwachheiten sind sozureden schöne

Fehler. Beleidigung oder Unglück bewegen ihre zarte Seele zur Wehmut. Der

Mann muß niemals andre als großmütige Tränen weinen. Die, so er in

Schmerzen oder über Glücksumstände vergießt, machen ihn verächtlich. Die

Eitelkeit, die man dem schönen Geschlechte so vielfältig vorrückt, wofern sie ja

an demselben ein Fehler ist, so ist sie nur ein schöner Fehler. Denn zu

geschweigen, daß die Mannspersonen, die dem Frauenzimmer so gerne

schmeicheln, übel daran sein würden, wenn dieses nicht geneigt wäre, es wohl

aufzunehmen, so beleben sie dadurch wirklich ihre Reize. Diese Neigung ist ein

Antrieb, Annehmlichkeiten und den guten Anstand zu zeigen, ihren munteren

Witz spielen zu lassen, imgleichen durch die veränderlichen Erfindungen des

Putzes zu schimmern und ihre Schönheit zu erhöhen. Hierin ist nun so gar nichts

Beleidigendes für andere, sondern vielmehr, wenn es mit gutem Geschmacke

gemacht wird, so viel Artiges, daß es sehr ungezogen ist, dagegen mit

mürrischem Tadel loszuziehen. Ein Frauenzimmer, das hierin gar zu flatterhaft

und gaukelnd ist, heißt eine Närrin; welcher Ausdruck gleichwohl keine so harte

Bedeutung hat als mit veränderter Endsilbe beim Manne, sogar daß, wenn man

sich untereinander versteht, es wohl bisweilen eine vertrauliche Schmeichelei

anzeigen kann. Wenn die Eitelkeit ein Fehler ist, der an einem Frauenzimmer

sehr wohl Entschuldigung verdient, so ist das aufgeblasene Wesen an ihnen nicht

allein, so wie an Menschen überhaupt, tadelhaft, sondern verunstaltet gänzlich

ihren Geschlechtscharakter. Denn diese Eigenschaft ist überaus dumm und

häßlich und dem einnehmenden bescheidenen Reize gänzlich entgegengesetzt.

Alsdann ist eine solche Person in einer schlüpfrigen Stellung. Sie wird sich

gefallen lassen müssen, ohne alle Nachsicht und scharf beurteilt zu werden; denn

wer auf Hochachtung pocht, fordert alles um sich zum Tadel auf. Eine jede

Entdeckung, auch des mindesten Fehlers, macht jedermann eine wahre Freude,

und das Wort Närrin verliert hier seine gemilderte Bedeutung. Man muß

Eitelkeit und Aufgeblasenheit jederzeit unterscheiden. Die erstere sucht Beifall

und ehrt gewissermaßen diejenige, um deren willen sie sich diese Bemühung

gibt, die zweite glaubt sich schon in dem völligen Besitze desselben, und indem

sie keinen zu erwerben bestrebt, so gewinnt sie auch keinen.

Wenn einige Ingredienzien von Eitelkeit ein Frauenzimmer in den Augen des

männlichen Geschlechts gar nicht verunzieren, so dienen sie doch, je sichtbarer

sie sind, um desto mehr, das schöne Geschlecht untereinander zu veruneinigen.

Sie beurteilen einander alsdann sehr scharf, weil eine der anderen Reize zu

verdunkeln scheint, und es sind auch wirklich diejenigen, die noch starke Anmaßungen auf Eroberung machen, selten Freundinnen voneinander im

wahren Verstande.

Dem Schönen ist nichts so sehr entgegengesetzt als der Ekel, so wie nichts

tiefer unter das Erhabene sinkt als das Lächerliche. Daher kann einem Manne

kein Schimpf empfindlicher sein, als daß er ein Narr, und einem Frauenzimmer,

daß sie ekelhaft genannt werde. Der englische Zuschauer hält dafür: daß einem

Manne kein Vorwurf könne gemacht werden, der kränkender sei, als wenn er für

einen Lügner, und einem Frauenzimmer kein bitterer, als wenn sie für unkeusch

gehalten wird. Ich will dieses, insofern es nach der Strenge der Moral beurteilt

wird, in seinem Werte lassen. Allein hier ist die Frage nicht, was an sich selbst

den größten Tadel verdiene, sondern was wirklich am allerhärtesten empfunden

werde. Und da frage ich einen jeden Leser, ob, wenn er sich in Gedanken auf

diesen Fall setzt, er nicht meiner Meinung beistimmen müsse. Die Jungfer Ninon

Lenclos machte nicht die mindesten Ansprüche auf die Ehre der Keuschheit, und

gleichwohl würde sie unerbittlich beleidigt worden sein, wenn einer ihrer

Liebhaber sich in seinem Urteile so weit sollte vergangen haben; und man weiß

das grausame Schicksal des Monaldeschi um eines beleidigenden Ausdrucks

willen von solcher Art bei einer Fürstin, die eben keine Lukretia hat vorstellen

wollen. Es ist unausstehlich, daß man nicht einmal sollte Böses tun können,

wenn man gleich wollte, weil auch die Unterlassung desselben alsdann jederzeit

nur eine sehr zweideutige Tugend ist.

Um von diesem Ekelhaften sich so weit als möglich zu entfernen, gehört die

Reinlichkeit, die zwar einem jeden Menschen wohl ansteht, bei dem schönen

Geschlechte unter die Tugenden vom ersten Range und kann schwerlich von

demselben zu hoch getrieben werden, da sie gleichwohl an einem Manne

bisweilen zum Übermaße steigt und alsdann läppisch wird.

Die Schamhaftigkeit ist ein Geheimnis der Natur, sowohl einer Neigung

Schranken zu setzen, die sehr unbändig ist und, indem sie den Ruf der Natur für

sich hat, sich immer mit guten, sittlichen Eigenschaften zu vertragen scheint,

wenn sie gleich ausschweift. Sie ist demnach als ein Supplement der Grundsätze

höchst nötig; denn es gibt keinen Fall, da die Neigung so leicht zum Sophisten

wird, gefällige Grundsätze zu erklügeln, als hier. Sie dient aber auch zugleich,

um einen geheimnisvollen Vorhang selbst vor die geziemendsten und nötigsten

Zwecke der Natur zu ziehen, damit die gar zu gemeine Bekanntschaft mit

denselben nicht Ekel oder zum mindesten Gleichgültigkeit veranlasse in

Ansehung der Endabsichten eines Triebes, worauf die feinsten und lebhaftesten

Neigungen der menschlichen Natur gepfropft sind. Diese Eigenschaft ist dem schönen Geschlecht vorzüglich eigen und ihm sehr anständig. Es ist auch eine

plumpe und verächtliche Ungezogenheit, durch die Art pöbelhafter Scherze,

welche man Zoten nennt, die zärtliche Sittsamkeit desselben in Verlegenheit oder

Unwillen zu setzen. Weil indessen, man mag nun um das Geheimnis so weit

herumgehen, als man immer will, die Geschlechterneigung doch allen den

übrigen Reizen endlich zum Grunde liegt, und ein Frauenzimmer immer als ein

Frauenzimmer der angenehme Gegenstand einer wohlgesitteten Unterhaltung ist,

so möchte daraus vielleicht zu erklären sein, warum sonst artige Mannspersonen

sich bisweilen die Freiheit nehmen, durch den kleinen Mutwillen ihrer Scherze

einige feine Anspielungen durchscheinen zu lassen, welche machen, daß man sie

lose oder schalkhaft nennt, und wo, indem sie weder durch ausspähende Blicke

beleidigen, noch die Achtung zu verletzen gedenken, sie glauben berechtigt zu

sein, die Person, die es mit unwilliger oder spröder Miene aufnimmt, eine

Ehrbarkeitspedantin zu nennen. Ich führe dieses nur an, weil es gemeiniglich als

ein etwas kühner Zug vom schönen Umgange angesehen wird, auch in der Tat

von jeher viel Witz darauf ist verschwendet worden; was aber das Urteil nach

moralischer Strenge anlangt, so gehört das nicht hieher, da ich in der

Empfindung des Schönen nur die Erscheinungen zu beobachten und zu erläutern

habe.

Die edlen Eigenschaften dieses Geschlechts, welche jedoch, wie wir schon

angemerkt haben, niemals das Gefühl des Schönen unkenntlich machen müssen,

kündigen sich durch nichts deutlicher und sicherer an als durch die

Bescheidenheit einer Art von edler Einfalt und Naivetät bei großen Vorzügen.

Aus derselben leuchtet eine ruhige Wohlgewogenheit und Achtung gegen andere

hervor, zugleich mit einem gewissen edlen Zutrauen auf sich selbst und einer

billigen Selbstschätzung verbunden, welche bei einer erhabenen Gemütsart

jederzeit anzutreffen ist. Indem diese feine Mischung zugleich durch Reize

einnimmt und durch Achtung rührt, so stellt sie alle übrigen schimmernden

Eigenschaften wider den Mutwillen des Tadels und der Spottsucht in Sicherheit.

Personen von dieser Gemütsart haben auch ein Herz zur Freundschaft, welches

an einem Frauenzimmer niemals kann hoch genug geschätzt werden, weil es so

gar selten ist und zugleich so überaus reizend sein muß.

Da unsere Absicht ist, über Empfindungen zu urteilen, so kann es nicht

unangenehm sein, die Verschiedenheit des Eindrucks, den die Gestalt und

Gesichtszüge des schönen Geschlechts auf das männliche machen, womöglich

unter Begriffe zu bringen. Diese ganze Bezauberung ist im Grunde über den

Geschlechtertrieb verbreitet. Die Natur verfolgt ihre große Absicht; und alle Feinigkeiten, die sich hinzugesellen, sie mögen nun so weit davon abzustehen

scheinen, wie sie wollen, sind nur Verbrämungen und entlehnen ihren Reiz doch

am Ende aus derselben Quelle. Ein gesunder und derber Geschmack, der sich

jederzeit sehr nahe bei diesem Triebe hält, wird durch die Reize des Anstandes,

der Gesichtszüge, der Augen usw. usw. an einem Frauenzimmer wenig

angefochten, und indem er eigentlich nur aufs Geschlecht geht, so sieht er

mehrenteils die Delikatesse anderer als leere Tändelei an.

Wenn dieser Geschmack gleich nicht fein ist, so ist er deswegen doch nicht

zu verachten. Denn der größte Teil der Menschen befolgt vermittelst desselben

die große Ordnung der Natur auf eine sehr einfältige und sichere Art.(9)

Dadurch werden die meisten Ehen bewirkt, und zwar von dem emsigsten Teile

des menschlichen Geschlechts; und indem der Mann den Kopf nicht von

bezaubernden Mienen, schmachtenden Augen, edlem Anstande usw. usw. voll

hat, auch nichts von allem diesem versteht, so wird er desto aufmerksamer auf

haushälterische Tugenden, Sparsamkeit usw. usw. und auf das Eingebrachte. Was

den etwas feineren Geschmack anlangt, um dessentwillen es nötig sein möchte,

einen Unterschied unter den äußerlichen Reizen des Frauenzimmers zu machen,

so ist derselbe entweder auf das, was in der Gestalt und dem Ausdrucke des

Gesichts moralisch ist, oder auf das Unmoralische geheftet. Ein Frauenzimmer

wird in Ansehung der Annehmlichkeiten von der letzteren Art hübsch genannt.

Ein proportionierlicher Bau, regelmäßige Züge, Farben von Auge und Gesicht,

die zierlich abstechen, lauter Schönheiten, die auch an einem Blumenstrauße

gefallen und einen kalten Beifall erwerben. Das Gesicht selber sagt nichts, ob es

gleich hübsch ist, und redet nicht zum Herzen. Was den Ausdruck der Züge, der

Augen und der Mienen anlangt, der moralisch ist, so geht er entweder auf das

Gefühl des Erhabenen oder des Schönen. Ein Frauenzimmer, an welchem die

Annehmlichkeiten, die ihrem Geschlecht geziemen, vornehmlich den

moralischen Ausdruck des Erhabenen hervorstechen lassen, heißt schön im

eigentlichen Verstande, diejenige, deren moralische Zeichnung, sofern sie in den

Mienen oder Gesichtszügen sich kennbar macht, die Eigenschaften des Schönen

ankündigt, ist annehmlich und, wenn sie es in einem höheren Grade ist, reizend.

Die erstere läßt unter einer Miene von Gelassenheit und einem edlen Anstande

den Schimmer eines schönen Verstandes aus bescheidenen Blicken

hervorspielen, und indem sich in ihrem Gesicht ein zärtlich Gefühl und

wohlwollend Herz abmalt, so bemächtigt sie sich sowohl der Neigung als der

Hochachtung eines männlichen Herzens. Die zweite zeigt Munterkeit und Witz

in lachenden Augen, etwas feinen Mutwillen, das Schäkerhafte der Scherze und schalkhafte Sprödigkeit. Sie reizt, wenn die erstere rührt, und das Gefühl der

Liebe, dessen sie fähig ist und welche sie anderen einflößt, ist flatterhaft, aber

schön, dagegen die Empfindung der ersteren zärtlich, mit Achtung verbunden

und beständig ist. Ich mag mich nicht in gar zu ausführliche Zergliederungen

von dieser Art einlassen; denn in solchen Fällen scheint der Verfasser jederzeit

seine eigene Neigung zu malen. Indessen berühre ich noch: daß der Geschmack,

den viele Damen an einer gesunden, aber blassen Farbe finden, sich hier

verstehen lasse. Denn diese begleitet gemeiniglich eine Gemütsart von mehr

innerem Gefühl und zärtlicher Empfindung, welches zur Eigenschaft des

Erhabenen gehört, dagegen die rote und blühende Farbe weniger von der

ersteren, allein mehr von der fröhlichen und muntern Gemütsart ankündigt; es ist

aber der Eitelkeit gemäßer, zu rühren und zu fesseln, als zu reizen und

anzulocken. Es können dagegen Personen ohne alles moralische Gefühl und

ohne einigen Ausdruck, der auf Empfindungen deutete, sehr hübsch sein, allein

sie werden weder rühren noch reizen, es sei denn denjenigen derben Geschmack,

von dem wir Erwähnung getan haben, welcher sich bisweilen etwas verfeinert

und dann nach seiner Art auch wählt. Es ist schlimm, daß dergleichen schöne

Geschöpfe leichtlich in den Fehler der Aufgeblasenheit verfallen durch das

Bewußtsein der schönen Figur, die ihnen ihr Spiegel zeigt, und aus einem

Mangel feinerer Empfindungen; da sie dann alles gegen sich kaltsinnig machen,

den Schmeichler ausgenommen, der auf Absichten ausgeht und Ränke

schmiedet.

Man kann nach diesen Begriffen vielleicht etwas von der so verschiedenen

Wirkung verstehen, die die Gestalt ebendesselben Frauenzimmers auf den

Geschmack der Männer tut. Dasjenige, was in diesem Eindrucke sich zu nahe

auf den Geschlechtertrieb bezieht und mit dem besondern wollüstigen Wahne,

darin sich eines jeden Empfindung einkleidet, einstimmig sein mag, berühre ich

nicht, weil es außer dem Bezirke des feinern Geschmackes ist; und es kann

vielleicht richtig sein, was der Herr v. Buffon vermutet, daß diejenige Gestalt,

die den ersten Eindruck macht, zu der Zeit, wenn dieser Trieb noch neu ist und

sich zu entwickeln anfängt, das Urbild bleibe, worauf in der künftigen Zeit alle

weiblichen Bildungen mehr oder weniger einschlagen müssen, welche die

phantastische Sehnsucht rege machen können, dadurch eine ziemlich grobe

Neigung unter den verschiedenen Gegenständen eines Geschlechts zu wählen

genötigt wird. Was den etwas feineren Geschmack anlangt, so behaupte ich, daß

diejenige Art von Schönheit, welche wir die hübsche Gestalt genannt haben, von

allen Männern ziemlich gleichförmig beurteilt werde und daß darüber die Meinungen nicht so verschieden seien, wie man wohl gemeiniglich dafür hält.

Die zirkassischen und georgischen Mädchen sind von allen Europäern, die durch

ihre Länder reisen, jederzeit für überaus hübsch gehalten worden. Die Türken,

die Araber, die Perser müssen wohl mit diesem Geschmacke sehr einstimmig

sein, weil sie sehr begierig sind, ihre Völkerschaft durch so feines Blut zu

verschönern, und man merkt auch an, daß der persischen Rasse dieses wirklich

gelungen ist. Die Kaufleute von Indostan ermangeln gleichfalls nicht, von einem

boshaften Handel mit so schönen Geschöpfen großen Vorteil zu ziehen, indem

sie solche den leckerhaften Reichen ihres Landes zuführen, und man sieht, daß,

so sehr auch der Eigensinn des Geschmacks in diesen verschiedenen

Weltgegenden abweichend sein mag, dennoch dasjenige, was einmal in einer

derselben als vorzüglich hübsch erkannt wird, in allen übrigen auch dafür

gehalten werde. Wo aber sich in das Urteil über die feine Gestalt dasjenige

einmengt, was in den Zügen moralisch ist, so ist der Geschmack bei

verschiedenen Mannspersonen jederzeit sehr verschieden, sowohl nachdem ihr

sittliches Gefühl selbst unterschieden ist, als auch nach der verschiedenen

Bedeutung, die der Ausdruck des Gesichts in eines jeden Wahne haben mag.

Man findet, daß diejenigen Bildungen, die beim ersten Anblicke nicht

sonderliche Wirkung tun, weil sie nicht auf eine entschiedene Art hübsch sind,

gemeiniglich, sobald sie bei näherer Bekanntschaft zu gefallen anfangen, auch

weit mehr einnehmen und sich beständig zu verschönern scheinen; dagegen das

hübsche Ansehen, was sich auf einmal ankündigt, in der Folge mit größerem

Kaltsinn wahrgenommen wird, welches vermutlich daher kommt, daß

moralische Reize, wo sie sichtbar werden, mehr fesseln, imgleichen weil sie sich

nur bei Gelegenheit sittlicher Empfindungen in Wirksamkeit setzen und sich

gleichsam entdecken lassen, jede Entdeckung eines neuen Reizes aber immer

noch mehr derselben vermuten läßt; anstatt daß alle Annehmlichkeiten, die sich

gar nicht verhehlen, nachdem sie gleich anfangs ihre ganze Wirkung ausgeübt

haben, in der Folge nichts weiter tun können, als den verliebten Vorwitz

abzukühlen und ihn allmählich zur Gleichgültigkeit zu bringen.

Unter diesen Beobachtungen bietet sich ganz natürlich folgende Anmerkung

dar. Das ganz einfältige und grobe Gefühl in den Geschlechterneigungen führt

zwar sehr grade zum großen Zwecke der Natur, und indem es ihre Forderungen

erfüllt, ist es geschickt, die Person selbst ohne Umschweife glücklich zu machen,

allein um der großen Allgemeinheit willen artet es leichtlich in Ausschweifung

und Lüderlichkeit aus. An der anderen Seite dient ein sehr verfeinigter

Geschmack zwar dazu, einer ungestümen Neigung die Wildheit zu benehmen und, indem er solche nur auf sehr wenig Gegenstände einschränkt, sie sittsam

und anständig zu machen, allein sie verfehlt gemeiniglich die große Endabsicht

der Natur, und da sie mehr fordert oder erwartet, als diese gemeiniglich leistet,

so pflegt sie die Person von so delikater Empfindung sehr selten glücklich zu

machen. Die erstere Gemütsart wird ungeschlacht, weil sie auf alle von einem

Geschlechte geht, die zweite grüblerisch, indem sie eigentlich auf keinen geht,

sondern nur mit einem Gegenstande beschäftigt ist, den die verliebte Neigung

sich in Gedanken schafft und mit allen edlen und schönen Eigenschaften

ausziert, welche die Natur selten in einem Menschen vereinigt und noch seltner

demjenigen zuführt, der sie schätzen kann und der vielleicht eines solchen

Besitzes würdig sein würde. Daher entspringt der Aufschub und endlich die

völlige Entsagung auf die eheliche Verbindung, oder, welches vielleicht ebenso

schlimm ist, eine grämische Reue nach einer getroffenen Wahl, welche die

großen Erwartungen nicht erfüllt, die man sich gemacht hatte; denn nicht selten

findet der äsopische Hahn eine Perle, welchem ein gemeines Gerstenkorn besser

würde geziemt haben.

Wir können hiebei überhaupt bemerken, daß, so reizend auch die Eindrücke

des zärtlichen Gefühls sein mögen, man doch Ursache habe in der Verfeinigung

desselben behutsam zu sein, wofern wir uns nicht durch übergroße Reizbarkeit

nur viel Unmut und eine Quelle von Übel erklügeln wollen. Ich möchte edleren

Seelen wohl vorschlagen, das Gefühl in Ansehung der Eigenschaften, die ihnen

selbst zukommen, oder der Handlungen, die sie selber tun, so sehr zu

verfeineren, als sie können, dagegen in Ansehung dessen, was sie genießen oder

von andern erwarten, den Geschmack in seiner Einfalt zu erhalten: wenn ich nur

einsähe, wie dieses zu leisten möglich sei. In dem Falle aber, daß es anginge,

würden sie andere glücklich machen und auch selbst glücklich sein. Es ist

niemals aus den Augen zu lassen: daß, in welcher Art es auch sei, man keine

sehr hohen Ansprüche auf die Glückseligkeiten des Lebens und die

Vollkommenheit der Menschen machen müsse; denn derjenige, welcher jederzeit

nur etwas Mittelmäßiges erwartet, hat den Vorteil, daß der Erfolg selten seine

Hoffnung widerlegt, dagegen bisweilen ihn auch wohl unvermutete

Vollkommenheiten überraschen.

Allen diesen Reizen droht endlich das Alter, der große Verwüster der

Schönheit, und es müssen, wenn es nach der natürlichen Ordnung gehen soll,

allmählich die erhabenen und edlen Eigenschaften die Stelle der schönen

einnehmen, um eine Person, sowie sie nachläßt liebenswürdig zu sein, immer

einer größeren Achtung wert zu machen. Meiner Meinung nach sollte in der schönen Einfalt, die durch ein verfeinertes Gefühl an allem, was reizend und

edel ist, erhoben worden, die ganze Vollkommenheit des schönen Geschlechts in

der Blüte der Jahre bestehen. Allmählich, sowie die Ansprüche auf Reizungen

nachlassen, könnte das Lesen der Bücher und die Erweiterung der Einsicht

unvermerkt die erledigte Stelle der Grazien durch die Musen ersetzen, und der

Ehemann sollte der erste Lehrmeister sein. Gleichwohl, wenn selbst die allem

Frauenzimmer so schreckliche Epoche des Altwerdens herankommt, so gehört es

doch auch alsdann noch immer zum schönen Geschlecht, und es verunziert sich

selbst, wenn es in einer Art von Verzweiflung, diesen Charakter länger zu

erhalten, sich einer mürrischen und grämischen Laune überläßt.

Eine bejahrte Person, welche mit einem sittsamen und freundlichen Wesen

der Gesellschaft beiwohnt, auf eine muntere und vernünftige Art gesprächig ist,

die Vergnügen der Jugend, darin sie selbst nicht Anteil nimmt, mit Anstand

begünstigt und, indem sie für alles sorgt, Zufriedenheit und Wohlgefallen an der

Freude, die um sie vorgeht, verrät, ist noch immer eine feinere Person als ein

Mann in gleichem Alter, und vielleicht noch liebenswürdiger als ein Mädchen,

wiewohl in einem anderen Verstande. Zwar möchte die platonische Liebe wohl

etwas zu mystisch sein, welche ein alter Philosoph vorgab, wenn er von dem

Gegenstande seiner Neigung sagte: »Die Grazien residieren in ihren Runzeln,

und meine Seele scheint auf meinen Lippen zu schweben, wenn ich ihren welken

Mund küsse«; allein dergleichen Ansprüche müssen alsdann auch aufgegeben

werden. Ein alter Mann, der verliebt tut, ist ein Geck, und die ähnlichen

Anmaßungen des andern Geschlechts sind alsdann ekelhaft. An der Natur liegt

es niemals, wenn wir nicht mit einem guten Anstande erscheinen, sondern daran,

daß man sie verkehren will.

Damit ich meinen Text nicht aus den Augen verliere, so will ich noch einige

Betrachtungen über den Einfluß anstellen, den ein Geschlecht aufs andere haben

kann, dessen Gefühl zu verschöneren oder zu veredlen. Das Frauenzimmer hat

ein vorzügliches Gefühl für das Schöne, sofern es ihnen selbst zukommt, aber für

das Edle, insoweit es am männlichen Geschlechte angetroffen wird. Der Mann

dagegen hat ein entschiedenes Gefühl für das Edle, was zu seinen Eigenschaften

gehört, für das Schöne aber, insofern es an dem Frauenzimmer anzutreffen ist.

Daraus muß folgen, daß die Zwecke der Natur darauf gehen, den Mann durch

die Geschlechterneigung noch mehr zu veredlen und das Frauenzimmer durch

ebendieselbe noch mehr zu verschönern. Ein Frauenzimmer ist darüber wenig

verlegen, daß sie gewisse hohe Einsichten nicht besitzt, daß sie furchtsam und zu

wichtigen Geschäften nicht auferlegt ist usw. usw., sie ist schön und nimmt ein, und das ist genug. Dagegen fordert sie alle diese Eigenschaften am Manne, und

die Erhabenheit ihrer Seele zeigt sich nur darin, daß sie diese edlen

Eigenschaften zu schätzen weiß, sofern sie bei ihm anzutreffen sind. Wie würde

es sonst wohl möglich sein, daß so viel männliche Fratzengesichter, ob sie gleich

Verdienste besitzen mögen, so artige und feine Frauen bekommen könnten!

Dagegen ist der Mann viel delikater in Ansehung der schönen Reize des

Frauenzimmers. Er ist durch die feine Gestalt desselben, die muntere Naivetät

und die reizende Freundlichkeit genugsam schadlos gehalten wegen des Mangels

von Büchergelehrsamkeit und wegen anderer Mängel, die er durch seine eigenen

Talente ersetzen muß. Eitelkeit und Moden können wohl diesen natürlichen

Trieben eine falsche Richtung geben und aus mancher Mannsperson einen süßen

Herren, aus dem Frauenzimmer aber eine Pedantin oder Amazone machen, allein

die Natur sucht doch jederzeit zu ihrer Ordnung zurückzuführen. Man kann

daraus urteilen, welche mächtigen Einflüsse die Geschlechterneigung

vornehmlich auf das männliche Geschlecht haben könnte, um es zu veredlen,

wenn anstatt vieler trockenen Unterweisungen das moralische Gefühl des

Frauenzimmers zeitig entwickelt würde, um dasjenige gehörig zu empfinden,

was zu der Würde und zu den erhabenen Eigenschaften des anderen Geschlechts

gehört, und dadurch vorbereitet würde, den läppischen Zieraffen mit Verachtung

anzusehen und sich keinen andern Eigenschaften als den Verdiensten zu ergeben.

Es ist auch gewiß, daß die Gewalt ihrer Reize dadurch überhaupt gewinnen

würde; denn es zeigt sich, daß die Bezauberung derselben mehrenteils nur auf

edlere Seelen wirke, die anderen sind nicht fein genug, sie zu empfinden. Ebenso

sagte der Dichter Simonides, als man ihm riet, vor den Thessaliern seine schönen

Gesänge hören zu lassen: »Diese Kerle sind zu dumm dazu, als daß sie von

einem solchen Manne, wie ich bin, könnten betrogen werden.« Man hat es sonst

schon als eine Wirkung des Umganges mit dem schönen Geschlecht angesehen,

daß die männlichen Sitten sanfter, ihr Betragen artiger und geschliffener und ihr

Anstand zierlicher geworden; allein dieses ist nur ein Vorteil in der Nebensache.

(10) Es liegt am meisten daran, daß der Mann als Mann vollkommner werde und

die Frau als ein Weib, d. i. daß die Triebfedern der Geschlechterneigung dem

Winke der Natur gemäß wirken, den einen noch mehr zu veredlen und die

Eigenschaften der andren zu verschönern. Wenn alles aufs Äußerste kommt, so

wird der Mann, dreist auf seine Verdienste, sagen können: »Wenn ihr mich gleich

nicht liebt, so will ich euch zwingen, mich hochzuachten«, und das

Frauenzimmer, sicher der Macht ihrer Reize, wird antworten: »Wenn ihr uns

gleich nicht innerlich hochschätzet, so zwingen wir euch doch, uns zu lieben.« In Ermangelung solcher Grundsätze sieht man Männer Weiblichkeiten annehmen,

um zu gefallen, und Frauenzimmer bisweilen (wiewohl viel seltner) einen

männlichen Anstand künstlen, um Hochachtung einzuflößen; was man aber

wider den Dank der Natur macht, das macht man jederzeit sehr schlecht.

In dem ehelichen Leben soll das vereinigte Paar gleichsam eine einzige

moralische Person ausmachen, welche durch den Verstand des Mannes und den

Geschmack der Frauen belebt und regiert wird. Denn nicht allein, daß man

jenem mehr auf Erfahrung gegründete Einsicht, diesem aber mehr Freiheit und

Richtigkeit in der Empfindung zutrauen kann, so ist eine Gemütsart, je erhabener

sie ist, auch um desto geneigter, die größte Absicht der Bemühungen in der

Zufriedenheit eines geliebten Gegenstandes zu setzen, und andererseits je

schöner sie ist, desto mehr sucht sie durch Gefälligkeit diese Bemühung zu

erwidern. Es ist also in einem solchen Verhältnisse ein Vorzugsstreit läppisch

und, wo er sich ereignet, das sicherste Merkmal eines plumpen oder ungleich

gepaarten Geschmackes. Wenn es dahin kommt, daß die Rede vom Rechte des

Befehlshabers ist, so ist die Sache schon äußerst verderbt; denn wo die ganze

Verbindung eigentlich nur auf Neigung errichtet ist, da ist sie schon halb

zerrissen, sobald sich das Sollen anfängt hören zu lassen. Die Anmaßung des

Frauenzimmers in diesem harten Tone ist äußerst häßlich und des Mannes im

höchsten Grade unedel und verächtlich. Indessen bringt es die weise Ordnung

der Dinge so mit sich: daß alle diese Feinigkeiten und Zärtlichkeiten der

Empfindung nur im Anfange ihre ganze Stärke haben, in der Folge aber durch

Gemeinschaft und häusliche Angelegenheiten allmählich stumpfer werden und

dann in vertrauliche Liebe ausarten, wo endlich die große Kunst darin besteht,

noch genugsame Reste von jenen zu erhalten, damit Gleichgültigkeit und

Überdruß nicht den ganzen Wert des Vergnügens aufheben, um dessentwillen es

einzig und allein verlohnt hat, eine solche Verbindung einzugehen.