Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen

Vierter Abschnitt Von den Nationalcharaktern(11), insofern sie auf dem unterschiedlichen Gefühl des Erhabenen und Schönen beruhen

Vierter Abschnitt

 

Von den Nationalcharaktern(11), insofern sie auf dem

 

unterschiedlichen Gefühl des Erhabenen und Schönen

 

beruhen

 

U nter den Völkerschaften unseres Weltteils sind meiner Meinung nach die Italiener und Franzosen diejenigen, welche im Gefühl des Schönen , die

Deutschen aber, Engländer und Spanier, die durch das Gefühl des Erhabenen

sich unter allen übrigen am meisten ausnehmen. Holland kann für dasjenige

Land gehalten werden, wo dieser feinere Geschmack ziemlich unmerklich wird.

Das Schöne selbst ist entweder bezaubernd und rührend, oder lachend und

reizend. Das erstere hat etwas von dem Erhabenen an sich, und das Gemüt in

diesem Gefühl ist tiefsinnig und entzückt, in dem Gefühl der zweiten Art aber

lächlend und fröhlich. Den Italienern scheint die erstere, den Franzosen die

zweite Art des schönen Gefühls vorzüglich angemessen zu sein. In dem

Nationalcharaktere, der den Ausdruck des Erhabenen an sich hat, ist dieses

entweder das von der schreckhaften Art, das sich ein wenig zum

Abenteuerlichen neigt, oder es ist ein Gefühl für das Edle, oder für das

Prächtige. Ich glaube Gründe zu haben, das Gefühl der ersteren Art dem Spanier,

der zweiten dem Engländer und der dritten dem Deutschen beilegen zu können.

Das Gefühl fürs Prächtige ist seiner Natur nach nicht original, so wie die übrigen

Arten des Geschmacks, und obgleich ein Nachahmungsgeist mit jedem andern

Gefühl kann verbunden sein, so ist er doch dem für das Schimmernd-Erhabene

mehr eigen, denn es ist dieses eigentlich ein gemischtes Gefühl aus dem des

Schönen und des Edlen, wo jedes, für sich betrachtet, kälter ist, und daher das

Gemüt frei genug ist, bei der Verknüpfung desselben auf Beispiele zu merken,

und auch deren Antrieb vonnöten hat. Der Deutsche wird demnach weniger

Gefühl in Ansehung des Schönen haben, als der Franzose, und weniger von

demjenigen, was auf das Erhabene geht, als der Engländer, aber in den Fällen,

wo beides verbunden erscheinen soll, wird es seinem Gefühl mehr gemäß sein,

wie er denn auch die Fehler glücklich vermeiden wird, in die eine

ausschweifende Stärke einer jeden dieser Arten des Gefühls allein geraten könnte.

Ich berühre nur flüchtig die Künste und die Wissenschaften, deren Wahl den

Geschmack der Nationen bestätigen kann, welchen wir ihnen beigemessen

haben. Das italienische Genie hat sich vornehmlich in der Tonkunst, der Malerei,

Bildhauerkunst und der Architektur hervorgetan. Alle diese schönen Künste

finden einen gleich feinen Geschmack in Frankreich für sich, obgleich die

Schönheit derselben hier weniger rührend ist. Der Geschmack in Ansehung der

dichterischen oder rednerischen Vollkommenheit fällt in Frankreich mehr in das

Schöne, in England mehr in das Erhabene. Die feinen Scherze, das Lustspiel, die

lachende Satire, das verliebte Tändeln und die leicht und natürlich fließende

Schreibart sind dort original. In England dagegen Gedanken von tiefsinnigem

Inhalt, das Trauerspiel, das epische Gedicht und überhaupt schweres Gold von

Witze, welches unter französischem Hammer zu dünnen Blättchen von großer

Oberfläche kann gedehnt werden. In Deutschland schimmert der Witz noch sehr

durch die Folie. Ehedem war er schreiend, durch Beispiele aber und den

Verstand der Nation ist er zwar reizender und edler geworden, aber jenes mit

weniger Naivetät, dieses mit einem minder kühnen Schwunge als in den

erwähnten Völkerschaften. Der Geschmack der holländischen Nation an einer

peinlichen Ordnung und einer Zierlichkeit, die in Bekümmernis und

Verlegenheit setzt, läßt auch wenig Gefühl in Ansehung der ungekünstelten und

freien Bewegungen des Genies vermuten, dessen Schönheit durch die ängstliche

Verhütung der Fehler nur würde entstellt werden. Nichts kann allen Künsten und

Wissenschaften mehr entgegen sein als ein abenteuerlicher Geschmack, weil

dieser die Natur verdreht, welche das Urbild alles Schönen und Edlen ist. Daher

hat die spanische Nation auch wenig Gefühl für die schönen Künste und

Wissenschaften an sich gezeigt.

Die Gemütscharaktere der Völkerschaften sind am kenntlichsten bei

demjenigen, was an ihnen moralisch ist; um deswillen wollen wir noch das

verschiedene Gefühl derselben in Ansehung des Erhabenen und Schönen aus

diesem Gesichtspunkte in Erwägung ziehen.(12)

Der Spanier ist ernsthaft, verschwiegen und wahrhaft. Es gibt wenig

redlichere Kaufleute in der Welt als die spanischen. Er hat eine stolze Seele und

mehr Gefühl für große als für schöne Handlungen. Da in seiner Mischung wenig

von dem gütigen und sanften Wohlwollen anzutreffen ist, so ist er öfters hart und

auch wohl grausam. Das Autodafé erhält sich nicht sowohl durch den

Aberglauben, als durch die abenteuerliche Neigung der Nation, welche durch

einen ehrwürdig-schrecklichen Aufzug gerührt wird, worin es den mit Teufelsgestalten bemalten San Benito den Flammen, die eine wütende Andacht

entzündet hat, überliefern sieht. Man kann nicht sagen, der Spanier sei

hochmütiger oder verliebter als jemand aus einem andern Volke, allein er ist

beides auf eine abenteuerliche Art, die seltsam und ungewöhnlich ist. Den Pflug

stehen lassen und mit einem langen Degen und Mantel so lange auf dem

Ackerfelde spazieren, bis der vorüberreisende Fremde vorbei ist, oder in einem

Stiergefechte, wo die Schönen des Landes einmal unverschleiert gesehen

werden, seine Beherrscherin durch einen besonderen Gruß ankündigen und dann

ihr zu Ehren sich in einen gefährlichen Kampf mit einem wilden Tiere wagen,

sind ungewöhnliche und seltsame Handlungen, die von dem Natürlichen weit

abweichen.

Der Italiener scheint ein gemischtes Gefühl zu haben von dem eines

Spaniers und dem eines Franzosen; mehr Gefühl für das Schöne als der erstere

und mehr für das Erhabene als der letztere. Auf diese Art können, wie ich meine,

die übrigen Züge seines moralischen Charakters erklärt werden.

Der Franzose hat ein herrschendes Gefühl für das moralisch Schöne. Er ist

artig, höflich und gefällig. Er wird sehr geschwinde vertraulich, ist scherzhaft

und frei im Umgange, und der Ausdruck ein Mann oder eine Dame von gutem

Tone hat nur eine verständliche Bedeutung für den, der das artige Gefühl eines

Franzosen erworben hat. Selbst seine erhabenen Empfindungen, deren er nicht

wenige hat, sind dem Gefühle des Schönen untergeordnet und bekommen nur

ihre Stärke durch die Zusammenstimmung mit dem letzteren. Er ist sehr gerne

witzig und wird einem Einfalle ohne Bedenken etwas von der Wahrheit

aufopfern. Dagegen, wo man nicht witzig sein kann(13), zeigt er ebensowohl

gründliche Einsicht als jemand aus irgendeinem andern Volke, z. E. in der

Mathematik und in den übrigen trockenen oder tiefsinnigen Künsten und

Wissenschaften. Ein Bonmot hat bei ihm nicht den flüchtigen Wert als

anderwärts, es wird begierig verbreitet und in Büchern aufbehalten, wie die

wichtigste Begebenheit. Er ist ein ruhiger Bürger und rächt sich wegen der

Bedrückungen der Generalpächter durch Satiren, oder durch Parlaments-

Remonstrationen, welche, nachdem sie ihrer Absicht gemäß den Vätern des

Volks ein schönes patriotisches Ansehen gegeben haben, nichts weiter tun, als

daß sie durch eine rühmliche Verweisung gekrönt und in sinnreichen

Lobgedichten besungen werden. Der Gegenstand, auf welchen sich die

Verdienste und Nationalfähigkeiten dieses Volks am meisten beziehen, ist das

Frauenzimmer.(14) Nicht, als wenn es hier mehr als anderwärts geliebt oder

geschätzt würde, sondern weil es die beste Veranlassung gibt, die beliebtesten Talente des Witzes, der Artigkeit und der guten Manieren in ihrem Lichte zu

zeigen; übrigens liebt eine eitele Person eines jeden Geschlechts jederzeit nur

sich selbst; die andere ist bloß ihr Spielwerk. Da es den Franzosen an edlen

Eigenschaften gar nicht gebricht, nur daß diese durch die Empfindung des

Schönen allein können belebt werden, so würde das schöne Geschlecht hier

einen mächtigern Einfluß haben können, die edelsten Handlungen des

männlichen zu erwecken und rege zu machen, als irgend sonst in der Welt, wenn

man bedacht wäre, diese Richtung des Nationalgeistes ein wenig zu begünstigen.

Es ist schade, daß die Lilien nicht spinnen.

Der Fehler, woran dieser Nationalcharakter am nächsten grenzt, ist das

Läppische oder, mit einem höflicheren Ausdrucke das Leichtsinnige. Wichtige

Dinge werden als Spaße behandelt, und Kleinigkeiten dienen zur ernsthaftesten

Beschäftigung. Im Alter singt der Franzose alsdann noch lustige Lieder und ist,

soviel er kann, auch galant gegen das Frauenzimmer. Bei diesen Anmerkungen

habe ich große Gewährsmänner aus ebenderselben Völkerschaft auf meiner Seite

und ziehe mich hinter einen Montesquieu und d’Alembert, um wider jenen

besorglichen Unwillen sicher zu sein.

Der Engländer ist im Anfange einer jeden Bekanntschaft kaltsinnig und

gegen einen Fremden gleichgültig. Er hat wenig Neigung zu kleinen

Gefälligkeiten; dagegen wird er, sobald er ein Freund ist, zu großen

Dienstleistungen auferlegt. Er bemüht sich wenig, im Umgange witzig zu sein

oder einen artigen Anstand zu zeigen, dagegen ist er verständig und gesetzt. Er

ist ein schlechter Nachahmer, frägt nicht viel darnach, was andere urteilen, und

folgt lediglich seinem eigenen Geschmacke. Er ist in Verhältnis auf das

Frauenzimmer nicht von französischer Artigkeit, aber bezeigt gegen dasselbe

weit mehr Achtung und treibt diese vielleicht zu weit, indem er im Ehestande

seiner Frauen gemeiniglich ein unumschränktes Ansehen einräumt. Er ist

standhaft, bisweilen bis zur Hartnäckigkeit, kühn und entschlossen, oft bis zur

Vermessenheit, und handelt nach Grundsätzen gemeiniglich bis zum Eigensinne.

Er wird leichtlich ein Sonderling, nicht aus Eitelkeit, sondern weil er sich wenig

um andre bekümmert und seinem Geschmacke aus Gefälligkeit oder

Nachahmung nicht leichtlich Gewalt tut; um deswillen wird er selten so sehr

geliebt als der Franzose, aber, wenn er gekannt ist, gemeiniglich mehr

hochgeachtet.

Der Deutsche hat ein gemischtes Gefühl aus dem eines Engländers und dem

eines Franzosen, scheint aber dem ersteren am nächsten zu kommen, und die

größere Ähnlichkeit mit dem letzteren ist nur gekünstelt und nachgeahmt. Er hat eine glückliche Mischung in dem Gefühle sowohl des Erhabenen und des

Schönen; und wenn er in dem ersteren es nicht einem Engländer, im zweiten

aber dem Franzosen nicht gleichtut, so übertrifft er sie beide, insofern er sie

verbindet. Er zeigt mehr Gefälligkeit im Umgange als der erstere, und wenn er

gleich nicht so viel angenehme Lebhaftigkeit und Witz in die Gesellschaft bringt,

als der Franzose, so äußert er doch darin mehr Bescheidenheit und Verstand. Er

ist, sowie in aller Art des Geschmacks, also auch in der Liebe ziemlich

methodisch, und indem er das Schöne mit dem Edlen verbindet, so ist er in der

Empfindung beider kalt genug, um seinen Kopf mit den Überlegungen des

Anstandes, der Pracht und des Aufsehens zu beschäftigen. Daher sind Familie,

Titel und Rang bei ihm sowohl im bürgerlichen Verhältnisse als in der Liebe

Sachen von großer Bedeutung. Er frägt weit mehr als die vorigen darnach, was

die Leute von ihm urteilen möchten, und wo etwas in seinem Charakter ist, das

den Wunsch einer Hauptverbesserung rege machen könnte, so ist es diese

Schwachheit, nach welcher er sich nicht erkühnt, original zu sein, ob er gleich

dazu alle Talente hat, und daß er sich zu viel mit der Meinung anderer einläßt,

welches den sittlichen Eigenschaften alle Haltung nimmt, indem es sie

wetterwendisch und falsch gekünstelt macht.

Der Holländer ist von einer ordentlichen und emsigen Gemütsart, und indem

er lediglich auf das Nützliche sieht, so hat er wenig Gefühl für dasjenige, was im

feineren Verstande schön oder erhaben ist. Ein großer Mann bedeutet bei ihm

ebensoviel als ein reicher Mann, unter dem Freunde versteht er seinen

Korrespondenten, und ein Besuch ist ihm sehr langweilig, der ihm nichts

einbringt. Er macht den Kontrast sowohl gegen den Franzosen als den Engländer

und ist gewissermaßen ein sehr phlegmatisierter Deutscher.

Wenn wir den Versuch dieser Gedanken in irgendeinem Falle anwenden, um

z. E. das Gefühl der Ehre zu erwägen, so zeigen sich folgende

Nationalunterschiede. Die Empfindung für die Ehre ist am Franzosen Eitelkeit,

an dem Spanier Hochmut, an dem Engländer Stolz, an dem Deutschen Hoffart

und an dem Holländer Aufgeblasenheit. Diese Ausdrücke scheinen beim ersten

Anblicke einerlei zu bedeuten, allein sie bemerken nach dem Reichtum unserer

deutschen Sprache sehr kenntliche Unterschiede. Die Eitelkeit buhlt um Beifall,

ist flatterhaft und veränderlich, ihr äußeres Betragen aber ist höflich. Der

Hochmütige ist voll von fälschlich eingebildeten großen Vorzügen und bewirbt

sich nicht viel um den Beifall anderer, seine Aufführung ist steif und

hochtrabend. Der Stolz ist eigentlich nur ein größeres Bewußtsein seines eigenen

Wertes, der öfters sehr richtig sein kann (um deswillen er auch bisweilen ein edler Stolz heißt; niemals aber kann ich jemanden einen edlen Hochmut

beilegen, weil dieser jederzeit eine unrichtige und übertriebene Selbstschätzung

anzeigt), das Betragen des Stolzen gegen andere ist gleichgültig und kaltsinnig.

Der Hoffärtige ist ein Stolzer, der zugleich eitel ist.(15) Der Beifall aber, den er

bei andern sucht, besteht in Ehrenbezeugungen. Daher schimmert er gerne durch

Titel, Ahnenregister und Gepränge. Der Deutsche ist vornehmlich von dieser

Schwachheit angesteckt. Die Wörter: Gnädig, Hochgeneigt, Hoch- und

Wohlgeb. und dergleichen Bombast mehr, machen seine Sprache steif und

ungewandt und verhindern gar sehr die schöne Einfalt, welche andere Völker

ihrer Schreibart geben können. Das Betragen eines Hoffärtigen in dem Umgange

ist Zeremonie. Der Aufgeblasene ist ein Hochmütiger, welcher deutliche

Merkmale der Verachtung anderer in seinem Betragen äußert. In der Aufführung

ist er grob. Diese elende Eigenschaft entfernt sich am weitesten vom feineren

Geschmacke, weil sie offenbar dumm ist; denn das ist gewiß nicht das Mittel,

dem Gefühl für Ehre ein Gnüge zu leisten, daß man durch offenbare Verachtung

alles um sich zum Hasse und zur beißenden Spötterei auffordert. In der Liebe

haben der Deutsche und der Engländer einen ziemlich guten Magen, etwas fein

von Empfindung, mehr aber von gesundem und derbem Geschmacke. Der

Italiener ist in diesem Punkte grüblerisch, der Spanier phantastisch, der

Franzose vernascht.

Die Religion unseres Weltteils ist nicht die Sache eines eigenwilligen

Geschmacks, sondern von ehrwürdigerem Ursprunge. Daher können auch nur

die Ausschweifungen in derselben und das, was darin den Menschen

eigentümlich angehört, Zeichen von den verschiedenen Nationaleigenschaften

abgeben. Ich bringe diese Ausschweifungen unter folgende Hauptbegriffe:

Leichtgläubigkeit (Credulität), Aberglaube (Superstition), Schwärmerei

(Fanaticism) und Gleichgültigkeit (Indifferentism). Leichtgläubig ist mehrenteils

der unwissende Teil einer jeden Nation, ob er gleich kein merkliches feineres

Gefühl hat. Die Überredung kommt lediglich auf das Hörensagen und das

scheinbare Ansehen an, ohne daß einige Art des feinern Gefühls dazu die

Triebfeder enthielte. Die Beispiele ganzer Völker von dieser Art muß man im

Norden suchen. Der Leichtgläubige, wenn er von abenteuerlichem Geschmack

ist, wird abergläubisch. Dieser Geschmack ist sogar an sich selbst ein Grund,

etwas leichter zu glauben(16), und von zwei Menschen, deren der eine von

diesem Gefühl angesteckt, der andere aber von kalter und gemäßigter Gemütsart

ist, wird der erstere, wenn er gleich wirklich mehr Verstand hat, dennoch durch

seine herrschende Neigung eher verleitet werden, etwas Unnatürliches zu glauben, als der andere, welchen nicht seine Einsicht, sondern sein gemeines und

phlegmatisches Gefühl vor dieser Ausschweifung bewahrt. Der Abergläubische

in der Religion stellt zwischen sich und dem höchsten Gegenstande der

Verehrung gerne gewisse mächtige und erstaunliche Menschen, Riesen

sozureden der Heiligkeit, denen die Natur gehorcht und deren beschwörende

Stimme die eisernen Tore des Tartarus auf- oder zuschließt, die, indem sie mit

ihrem Haupte den Himmel berühren, ihren Fuß noch auf der niederen Erde

stehen haben. Die Unterweisung der gesunden Vernunft wird demnach in

Spanien große Hindernisse zu überwinden haben, nicht darum, weil sie die

Unwissenheit daselbst zu vertreiben hat, sondern weil ein seltsamer Geschmack

ihr entgegensteht, welchem das Natürliche gemein ist und der niemals glaubt, in

einer erhabenen Empfindung zu sein, wenn sein Gegenstand nicht abenteuerlich

ist. Die Schwärmerei ist sozusagen eine andächtige Vermessenheit und wird

durch einen gewissen Stolz und ein gar zu großes Zutrauen zu sich selbst

veranlaßt, um den himmlischen Naturen näherzutreten und sich durch einen

erstaunlichen Flug über die gewöhnliche und vorgeschriebene Ordnung zu

erheben. Der Schwärmer redet nur von unmittelbarer Eingebung und vom

beschaulichen Leben, indessen daß der Abergläubische vor den Bildern großer

wundertätiger Heiligen Gelübde tut und sein Zutrauen auf die eingebildeten und

unnachahmlichen Vorzüge anderer Personen von seiner eigenen Natur setzt.

Selbst die Ausschweifungen führen, wie wir oben bemerkt haben, Zeichen des

Nationalgefühls bei sich, und so ist der Fanaticismus(17) wenigstens in den

vorigen Zeiten am meisten in Deutschland und England anzutreffen gewesen

und ist gleichsam ein unnatürlicher Auswuchs des edlen Gefühls, welches zu

dem Charakter dieser Völker gehört, und überhaupt bei weitem nicht so

schädlich als die abergläubische Neigung, wenn er gleich im Anfange ungestüm

ist, weil die Erhitzung eines schwärmerischen Geistes allmählich verkühlt und

seiner Natur nach endlich zur ordentlichen Mäßigung gelangen muß, anstatt daß

der Aberglaube sich in einer ruhigen und leidenden Gemütsbeschaffenheit

unvermerkt tiefer einwurzelt und dem gefesselten Menschen das Zutrauen

gänzlich benimmt, sich von einem schädlichen Wahne jemals zu befreien.

Endlich ist ein Eiteler und Leichtsinniger jederzeit ohne stärkeres Gefühl für das

Erhabene, und seine Religion ist ohne Rührung, mehrenteils nur eine Sache der

Mode, welche er mit aller Artigkeit begeht und kalt bleibt. Dieses ist der

praktische Indifferentismus, zu welchem der französische Nationalgeist am

meisten geneigt zu sein scheint, wovon bis zur frevelhaften Spötterei nur ein

Schritt ist, und der im Grunde, wenn auf den inneren Wert gesehen wird, vor einer gänzlichen Absagung wenig voraushat.

Gehen wir mit einem flüchtigen Blicke noch die anderen Weltteile durch, so

treffen wir den Araber als den edelsten Menschen im Oriente an, doch von

einem Gefühl, welches sehr in das Abenteuerliche ausartet. Er ist gastfrei,

großmütig und wahrhaft; allein seine Erzählung und Geschichte und überhaupt

seine Empfindung ist jederzeit mit etwas Wunderbarem durchflochten. Seine

erhitzte Einbildungskraft stellt ihm die Sachen in unnatürlichen und verzogenen

Bildern dar, und selbst die Ausbreitung seiner Religion war ein großes

Abenteuer. Wenn die Araber gleichsam die Spanier des Orients sind, so sind die

Perser die Franzosen von Asien. Sie sind gute Dichter, höflich und von ziemlich

feinem Geschmacke. Sie sind nicht so strenge Befolger des Islam und erlauben

ihrer zur Lustigkeit aufgelegten Gemütsart eine ziemlich milde Auslegung des

Koran. Die Japoneser könnten gleichsam als die Engländer dieses Weltteils

angesehen werden, aber kaum in einer andern Eigenschaft als ihrer

Standhaftigkeit, die bis zur äußersten Halsstarrigkeit ausartet, ihrer Tapferkeit

und Verachtung des Todes. Übrigens zeigen sie wenig Merkmale eines feineren

Gefühls an sich. Die Indianer haben einen herrschenden Geschmack von Fratzen

von derjenigen Art, die ins Abenteuerliche einschlägt. Ihre Religion besteht aus

Fratzen. Götzenbilder von ungeheurer Gestalt, der unschätzbare Zahn des

mächtigen Affen Hanuman, die unnatürlichen Büßungen der Fakirs (heidnischer

Bettelmönche) usw. sind in diesem Geschmacke. Die willkürliche Aufopferung

der Weiber in ebendemselben Scheiterhaufen, der die Leiche ihres Mannes

verzehrt, ist ein scheußliches Abenteuer. Welche läppische Fratzen enthalten

nicht die weitschichtigen und ausstudierten Komplimente der Chineser; selbst

ihre Gemälde sind fratzenhaft und stellen wunderliche und unnatürliche

Gestalten vor, dergleichen nirgend in der Welt anzutreffen sind. Sie haben auch

ehrwürdige Fratzen, darum, weil sie von uraltem Gebrauch sind(18), und keine

Völkerschaft in der Welt hat deren mehr als diese.

Die Negers von Afrika haben von der Natur kein Gefühl, welches über das

Läppische stiege. Herr Hume fordert jedermann auf, ein einziges Beispiel

anzuführen, da ein Neger Talente gewiesen habe, und behauptet: daß unter den

Hunderttausenden von Schwarzen, die aus ihren Ländern anderwärts verführt

werden, obgleich deren sehr viele auch in Freiheit gesetzt werden, dennoch nicht

ein einziger jemals gefunden worden, der entweder in Kunst oder Wissenschaft

oder irgendeiner andern rühmlichen Eigenschaft etwas Großes vorgestellt habe,

obgleich unter den Weißen sich beständig welche aus dem niedrigsten Pöbel

emporschwingen und durch vorzügliche Gaben in der Welt ein Ansehen erwerben. So wesentlich ist der Unterschied zwischen diesen zwei

Menschengeschlechtern, und er scheint ebenso groß in Ansehung der

Gemütsfähigkeiten als der Farbe nach zu sein. Die unter ihnen weit ausgebreitete

Religion der Fetische ist vielleicht eine Art von Götzendienst, welcher so tief ins

Läppische sinkt, als es nur immer von der menschlichen Natur möglich zu sein

scheint. Eine Vogelfeder, ein Kuhhorn, eine Muschel oder jede andere gemeine

Sache, sobald sie durch einige Worte eingeweiht worden, ist ein Gegenstand der

Verehrung und der Anrufung in Eidschwüren. Die Schwarzen sind sehr eitel,

aber auf Negerart, und so plauderhaft, daß sie mit Prügeln müssen

auseinandergejagt werden.

Unter allen Wilden ist keine Völkerschaft, welche einen so erhabenen

Gemütscharakter an sich zeigte, als die von Nordamerika. Sie haben ein starkes

Gefühl für Ehre, und indem sie, um sie zu erjagen, wilde Abenteuer Hunderte

von Meilen weit aufsuchen, so sind sie noch äußerst aufmerksam, den mindesten

Abbruch derselben zu verhüten, wenn ihr ebenso harter Feind, nachdem er sie

ergriffen hat, durch grausame Qualen feige Seufzer von ihnen zu erzwingen

sucht. Der kanadische Wilde ist übrigens wahrhaft und redlich. Die

Freundschaft, die er errichtet, ist ebenso abenteuerlich und enthusiastisch, als

was jemals aus den ältesten und fabelhaften Zeiten davon gemeldet worden. Er

ist äußerst stolz, empfindet den ganzen Wert der Freiheit und erduldet selbst in

der Erziehung keine Begegnung, welche ihm eine niedrige Unterwerfung

empfinden ließe. Lykurgus hat wahrscheinlicherweise eben dergleichen Wilden

Gesetze gegeben, und wenn ein Gesetzgeber unter den sechs Nationen aufstände,

so würde man eine spartanische Republik sich in der neuen Welt erheben sehen;

wie denn die Unternehmung der Argonauten von den Kriegeszügen dieser

Indianer wenig unterschieden ist, und Jason vor dem Attakakullakulla nichts als

die Ehre eines griechischen Namens voraushat. Alle diese Wilden haben wenig

Gefühl für das Schöne im moralischen Verstande, und die großmütige Vergebung

einer Beleidigung, die zugleich edel und schön ist, ist als Tugend unter den

Wilden völlig unbekannt, sondern wird wie eine elende Feigheit verachtet.

Tapferkeit ist das größte Verdienst des Wilden, und Rache seine süßeste Wollust.

Die übrigen Eingebornen dieses Weltteils zeigen wenig Spuren eines

Gemütscharakters, welcher zu feineren Empfindungen aufgelegt wäre, und eine

außerordentliche Fühllosigkeit macht das Merkmal dieser Menschengattungen

aus.

Betrachten wir das Geschlechterverhältnis in diesen Weltteilen, so finden

wir, daß der Europäer einzig und allein das Geheimnis gefunden hat, den sinnlichen Reiz einer mächtigen Neigung mit so viel Blumen zu schmücken und

mit so viel Moralischem zu durchflechten, daß er die Annehmlichkeiten

desselben nicht allein überaus erhöht, sondern auch sehr anständig gemacht hat.

Der Bewohner des Orients ist in diesem Punkte von sehr falschem Geschmacke.

Indem er keinen Begriff hat von dem sittlich Schönen, das mit diesem Triebe

kann verbunden werden, so büßt er auch sogar den Wert des sinnlichen

Vergnügens ein, und sein Harem ist ihm eine beständige Quelle von Unruhe. Er

gerät auf allerlei verliebte Fratzen, worunter das eingebildete Kleinod eins der

vornehmsten ist, dessen er sich vor allem zu versichern sucht, dessen ganzer

Wert nur darin besteht, daß man es zerbricht, und von welchem man überhaupt

in unserem Weltteil viel hämischen Zweifel hegt und zu dessen Erhaltung er sich

sehr unbilliger und öfters ekelhafter Mittel bedient. Daher ist die Frauensperson

daselbst jederzeit im Gefängnisse, sie mag nun ein Mädchen sein oder einen

barbarischen, untüchtigen und jederzeit argwöhnischen Mann haben. In den

Ländern der Schwarzen: was kann man da Besseres erwarten, als was

durchgängig daselbst angetroffen wird, nämlich das weibliche Geschlecht in der

tiefsten Sklaverei? Ein Verzagter ist allemal ein strenger Herr über den

Schwächeren, sowie auch bei uns derjenige Mann jederzeit ein Tyrann in der

Küche ist, welcher außer seinem Hause sich kaum erkühnt, jemanden unter die

Augen zu treten. Der Pater Labat meldet zwar, daß ein Negerzimmermann, dem

er das hochmütige Verfahren gegen seine Weiber vorgeworfen, geantwortet

habe: »Ihr Weißen seid rechte Narren, denn zuerst räumet ihr euren Weibern so

viel ein, und hernach klagt ihr, wenn sie euch den Kopf toll machen«; es ist auch,

als wenn hierin so etwas wäre, was vielleicht verdiente, in Überlegung gezogen

zu werden, allein kurzum, dieser Kerl war vom Kopf bis auf die Füße ganz

schwarz, ein deutlicher Beweis, daß das, was er sagte, dumm war. Unter allen

Wilden sind keine, bei denen das weibliche Geschlecht in größerem wirklichen

Ansehen stände, als die von Kanada. Vielleicht übertreffen sie darin sogar

unseren gesitteten Weltteil. Nicht als wenn man den Frauen daselbst demütige

Aufwartungen machte; das sind nur Komplimente. Nein, sie haben wirklich zu

befehlen. Sie versammlen sich und beratschlagen über die wichtigsten

Anordnungen der Nation, über Krieg und Frieden. Sie schicken darauf ihre

Abgeordneten an den männlichen Rat, und gemeiniglich ist ihre Stimme

diejenige, welche entscheidet. Aber sie erkaufen diesen Vorzug teuer genug. Sie

haben alle häuslichen Angelegenheiten auf dem Halse und nehmen an allen

Beschwerlichkeiten der Männer mit Anteil.

Wenn wir zuletzt noch einige Blicke auf die Geschichte werfen, so sehen wir den Geschmack der Menschen wie einen Proteus stets wandelbare Gestalten

annehmen. Die alten Zeiten der Griechen und Römer zeigen deutliche Merkmale

eines echten Gefühls für das Schöne sowohl als das Erhabene in der Dichtkunst,

der Bildhauerkunst, der Architektur, der Gesetzgebung und selbst in den Sitten.

Die Regierung der römischen Kaiser veränderte die edle sowohl als die schöne

Einfalt in das Prächtige und dann in den falschen Schimmer, wovon uns noch die

Überbleibsel ihrer Beredsamkeit, Dichtkunst und selbst die Geschichte ihrer

Bitten belehren können. Allmählich erlosch auch dieser Rest des feinern

Geschmacks mit dem gänzlichen Verfall des Staats. Die Barbaren, nachdem sie

ihrerseits ihre Macht befestigten, führten einen gewissen verkehrten Geschmack

ein, den man den gotischen nennt und der auf Fratzen auslief. Man sah nicht

allein Fratzen in der Baukunst, sondern auch in den Wissenschaften und den

übrigen Gebräuchen. Das verunartete Gefühl, da es einmal durch falsche Kunst

geführt ward, nahm eher eine jede andere natürliche Gestalt als die alte Einfalt

der Natur an, und war entweder beim Übertriebenen oder beim Läppischen. Der

höchste Schwung, den das menschliche Genie nahm, um zu dem Erhabenen

aufzusteigen, bestand in Abenteuern. Man sah geistliche und weltliche

Abenteurer und oftmals eine widrige und ungeheure Bastardart von beiden.

Mönche mit dem Meßbuch in einer und der Kriegesfahne in der andern Hand,

denen ganze Heere betrogener Schlachtopfer folgten, um in andern

Himmelsgegenden und in einem heiligeren Boden ihre Gebeine verscharren zu

lassen, eingeweihte Krieger, durch feierliche Gelübde zur Gewalttätigkeit und

Missetaten geheiligt, in der Folge eine seltsame Art von heroischen Phantasten,

welche sich Ritter nannten und Abenteuer aufsuchten, Turniere, Zweikämpfe

und romantische Handlungen. Während dieser Zeit ward die Religion zusamt

den Wissenschaften und Sitten durch elende Fratzen entstellt, und man bemerkt,

daß der Geschmack nicht leichtlich auf einer Seite ausartet, ohne auch in allem

übrigen, was zum feineren Gefühl gehört, deutliche Zeichen seiner Verderbnis

darzulegen. Die Klostergelübde machten aus einem großen Teil nutzbarer

Menschen zahlreiche Gesellschaften emsiger Müßiggänger, deren grüblerische

Lebensart sie geschickt machte, tausend Schulfratzen auszuhecken, welche von

da in größere Welt ausgingen und ihre Art verbreiteten. Endlich, nachdem das

menschliche Genie von einer fast gänzlichen Zerstörung sich durch eine Art von

Palingenesie glücklich wiederum erhoben hat, so sehen wir in unsern Tagen den

richtigen Geschmack des Schönen und Edlen, sowohl in den Künsten und

Wissenschaften als in Ansehung des Sittlichen, aufblühen, und es ist nichts mehr

zu wünschen, als daß der falsche Schimmer, der so leichtlich täuscht, uns nicht unvermerkt von der edlen Einfalt entferne, vornehmlich aber, daß das noch

unentdeckte Geheimnis der Erziehung dem alten Wahne entrissen werde, um das

sittliche Gefühl frühzeitig in dem Busen eines jeden jungen Weltbürgers zu einer

tätigen Empfindung zu erhöhen, damit nicht alle Feinigkeit bloß auf das

flüchtige und müßige Vergnügen hinauslaufe, dasjenige, was außer uns vorgeht,

mit mehr oder weniger Geschmacke zu beurteilen.

1764.

 

Gedruckt in der Roßberg’schen Buchdruckerei in Leipzig.

(1) Ich will nur ein Beispiel von dem edlen Grausen geben, welches die

Beschreibung einer gänzlichen Einsamkeit einflößen kann, und ziehe um

deswillen einige Stellen aus Carazans Traum im Brem. Magazin, Band IV,

Seite 539 aus. Dieser karge Reiche hatte nach dem Maße, als seine Reichtümer

zunahmen, sein Herz dem Mitleiden und der Liebe gegen jeden andern

verschlossen. Indessen, so wie die Menschenliebe in ihm erkaltete, nahm die

Emsigkeit seiner Gebete und der Religionshandlungen zu. Nach diesem

Geständnisse fährt er also fort zu reden. An einem Abende, da ich bei meiner

Lampe meine Rechnungen zog und den Handlungsvorteil überschlug,

überwältigte mich der Schlaf. In diesem Zustande sah ich den Engel des Todes

wie einen Wirbelwind über mich kommen, er schlug mich, ehe ich den

schrecklichen Streich abbitten konnte. Ich erstarrte, als ich gewahr ward, daß

mein Los für die Ewigkeit geworfen sei und daß zu allem Guten, das ich verübt,

nichts konnte hinzugetan, und von allem Bösen, das ich getan, nichts konnte

hinweggenommen werden. Ich ward vor den Thron dessen, der in dem dritten

Himmel wohnt, geführt. Der Glanz, der vor mir flammte, redete mich also an:

»Carazan, dein Gottesdienst ist verworfen. Du hast dein Herz der Menschenliebe

verschlossen und deine Schätze mit einer eisernen Hand gehalten. Du hast nur

für dich selbst gelebt, und darum sollst du auch künftig in Ewigkeit allein und

von aller Gemeinschaft mit der ganzen Schöpfung ausgestoßen leben.« In

diesem Augenblicke ward ich durch eine unsichtbare Gewalt fortgerissen und

durch das glänzende Gebäude der Schöpfung getrieben. Ich ließ bald unzählige

Welten hinter mir. Als ich mich dem äußersten Ende der Natur näherte, merkte

ich, daß die Schatten des grenzenlosen Leeren sich in die Tiefe vor mich

herabsenkten. Ein fürchterliches Reich von ewiger Stille, Einsamkeit und

Finsternis. Unaussprechliches Grausen überfiel mich bei diesem Anblick. Ich

verlor allgemach die letzten Sterne aus dem Gesichte, und endlich erlosch der

letzte glimmernde Schein des Lichts in der äußersten Finsternis. Die Todesängste

der Verzweiflung nahmen mit jedem Augenblicke zu, so wie jeder Augenblick

meine Entfernung von der letzten bewohnten Welt vermehrte. Ich bedachte mit

unleidlicher Herzensangst, daß, wenn zehntausendmal tausend Jahre mich jenseit den Grenzen alles Erschaffenen würden weitergebracht haben, ich doch noch

immerhin in den unermeßlichen Abgrund der Finsternis vorwärts schauen würde

ohne Hülfe oder Hoffnung einiger Rückkehr. – – In dieser Betäubung streckte

ich meine Hände mit solcher Heftigkeit nach Gegenständen der Wirklichkeit aus,

daß ich darüber erwachte. Und nun bin ich belehrt worden, Menschen

hochzuschätzen; denn auch der Geringste von denjenigen, die ich im Stolze

meines Glücks von meiner Türe gewiesen hatte, würde in jener erschrecklichen

Einöde von mir allen Schätzen von Golconda weit sein vorgezogen worden. – –

(2) Die Empfindungen des Erhabenen spannen die Kräfte der Seele stärker

an und ermüden daher eher. Man wird ein Schäfergedicht länger in einer Folge

lesen können als Miltons Verlorenes Paradies und den de la Bruyere länger wie

den Young. Es scheint mir sogar ein Fehler des letzteren als eines moralischen

Dichters zu sein, daß er gar zu einförmig im erhabenen Tone anhält; denn die

Stärke des Eindrucks kann nur durch Abstechungen mit sanfteren Stellen

erneuert werden. Bei dem Schönen ermüdet nichts mehr als mühsame Kunst, die

sich dabei verrät. Die Bemühung zu reizen wird peinlich und mit

Beschwerlichkeit empfunden.

(3) Insofern die Erhabenheit oder Schönheit das bekannte Mittelmaß

überschreitet, so pflegt man sie romantisch zu nennen.

(4) Man bemerkt bald, daß diese ehrwürdige Gesellschaft sich in zwei Logen

teile, in die der Grillenfänger und die der Gecken. Ein gelehrter Grillenfänger

wird bescheidentlich ein Pedant genannt. Wenn er die trotzige Weisheitsmiene

annimmt, wie die Dunse alter und neuer Zeiten, so steht ihm die Kappe mit

Schellen gut zum Gesichte. Die Klasse der Gecken wird mehr in der großen Welt

angetroffen. Sie ist vielleicht noch besser als die erstere. Man hat an ihnen viel

zu verdienen und viel zu lachen. In dieser Karikatur macht gleichwohl einer dem

andern ein schief Maul und stößt mit seinem leeren Kopf an den Kopf seines

Bruders.

(5) Bei näherer Erwägung findet man, daß, so liebenswürdig auch die

mitleidige Eigenschaft sein mag, sie doch die Würde der Tugend nicht an sich

habe. Ein leidendes Kind, ein unglückliches und artiges Frauenzimmer wird

unser Herz mit dieser Wehmut anfüllen, indem wir zu gleicher Zeit die Nachricht

von einer großen Schlacht mit Kaltsinn vernehmen, in welcher, wie leicht zu

erachten, ein ansehnlicher Teil des menschlichen Geschlechts unter grausamen

Übeln unverschuldet erliegen muß. Mancher Prinz, der sein Gesicht vor Wehmut

für eine einzige unglückliche Person wegwandte, gab gleichwohl aus einem

öfters eitlen Bewegungsgrunde zu gleicher Zeit den Befehl zum Kriege. Es ist hier gar keine Proportion in der Wirkung, wie kann man denn sagen, daß die

allgemeine Menschenliebe die Ursache sei?

(6) Er hält sich auch sogar nur insofern für glücklich, als er vermutet, daß er

dafür von andern gehalten wird.

(7) Man sieht auch, daß eine gewisse Feinigkeit des Gefühls einem

Menschen zum Verdienste angerechnet wird. Daß jemand in Fleisch oder

Kuchen eine gute Mahlzeit tun kann, imgleichen daß er unvergleichlich wohl

schläft, das wird man ihm wohl als ein Zeichen eines guten Magens, aber nicht

als ein Verdienst auslegen. Dagegen wer einen Teil seiner Mahlzeit dem

Anhören einer Musik aufopfert oder bei einer Schilderei sich in eine angenehme

Zerstreuung vertiefen kann, oder einige witzige Sachen, wenn es auch nur

poetische Kleinigkeiten wären, gerne liest, hat doch fast in jedermanns Augen

den Anstand eines feineren Menschen, von dem man eine vorteilhaftere und für

ihn rühmlichere Meinung hat.

(8) Diese wurde oben, Seite 19, in einem strengen Urteil adoptierte Tugend

genannt; hier, da sie um des Geschlechtscharakters willen eine günstige

Rechtfertigung verdient, heißt sie überhaupt eine schöne Tugend.

(9) Wie alle Dinge in der Welt auch ihre schlimme Seite haben, so ist bei

diesem Geschmacke nur zu bedauern, daß er leichter wie ein anderer in

Lüderlichkeit ausartet. Denn weil das Feuer, das eine Person entzündet hat, eine

jede andre wieder löschen kann, so sind nicht genug Schwierigkeiten da, die eine

unbändige Neigung einschränken könnten.

(10) Dieser Vorteil selbst wird gar sehr gemindert durch die Beobachtung,

welche man gemacht haben will, daß diejenigen Mannspersonen, welche zu früh

und zu häufig in solchen Gesellschaften eingeflochten sind, denen das

Frauenzimmer den Ton gibt, gemeiniglich etwas läppisch werden und im

männlichen Umgange langweilig oder auch verächtlich sind, weil sie den

Geschmack an einer Unterhaltung verloren haben, die zwar munter, aber doch

auch von wirklichem Gehalt, zwar scherzhaft, aber auch durch ernsthafte

Gespräche nützlich sein muß.

(11) Meine Absicht ist gar nicht, die Charaktere der Völkerschaften

ausführlich zu schildern, sondern ich entwerfe nur einige Züge, die das Gefühl

des Erhabenen und Schönen an ihnen ausdrücken. Man kann leicht erachten, daß

an dergleichen Zeichnung nur eine leidliche Richtigkeit könne verlangt werden,

daß die Urbilder davon nur in dem großen Haufen derjenigen, die auf ein

feineres Gefühl Anspruch machen, hervorstechen und daß es keiner Nation an

Gemütsarten fehle, welche die vortrefflichsten Eigenschaften von dieser Art vereinbaren. Um deswillen kann der Tadel, der gelegentlich auf ein Volk fallen

möchte, keinen beleidigen, wie er denn von solcher Natur ist, daß ein jeglicher

ihn wie einen Ball auf seinen Nachbar schlagen kann. Ob diese

Nationalunterschiede zufällig seien und von den Zeitläuften und der

Regierungsart abhängen, oder mit einer gewissen Notwendigkeit an das Klima

gebunden seien, das untersuche ich hier nicht.

(12) Es ist kaum nötig, daß ich hier meine vorige Entschuldigung

wiederhole. In jedem Volke enthält der feinste Teil rühmliche Charaktere von

aller Art, und wen ein oder anderer Tadel treffen sollte, der wird, wenn er fein

genug ist, seinen Vorteil verstehen, der daraus ankommt, daß er jeden andern

seinem Schicksale überläßt, sich selbst aber ausnimmt.

(13) In der Metaphysik, der Moral und den Lehren der Religion kann man

bei den Schriften dieser Nation nicht behutsam genug sein. Es herrscht darin

gemeiniglich viel schönes Blendwerk, welches in einer kalten Untersuchung die

Probe nicht hält. Der Franzose liebt das Kühne in seinen Aussprüchen; allein,

um zur Wahrheit zu gelangen, muß man nicht kühn, sondern behutsam sein. In

der Geschichte hat er gerne Anekdoten, denen nichts weiter fehlt, als daß zu

wünschen ist, daß sie nur wahr wären.

(14) Das Frauenzimmer gibt in Frankreich allen Gesellschaften und allem

Umgange den Ton. Nun ist wohl nicht zu leugnen, daß die Gesellschaften ohne

das schöne Geschlecht ziemlich schmacklos und langweilig sind; allein wenn die

Dame darin den schönen Ton angibt, so sollte der Mann seinerseits den edlen

angeben. Widrigenfalls wird der Umgang ebensowohl langweilig, aber aus

einem entgegengesetzten Grunde: weil nichts so sehr verekelt als lauter

Süßigkeit. Nach dem französischen Geschmacke heißt es nicht: Ist der Herr zu

Hause?, sondern: Ist Madame zu Hause? Madame ist vor der Toilette, Madame

hat Vapeurs (eine Art schöner Grillen); kurz, mit Madame und von Madame

beschäftigen sich alle Unterredungen und alle Lustbarkeiten. Indessen ist das

Frauenzimmer dadurch gar nicht mehr geehrt. Ein Mensch, welcher tändelt, ist

jederzeit ohne Gefühl sowohl der wahren Achtung als auch der zärtlichen Liebe.

Ich möchte wohl, um wer weiß wieviel, dasjenige nicht gesagt haben, was

Rousseau so verwegen behauptet: daß ein Frauenzimmer niemals etwas mehr als

ein großes Kind werde. Allein der scharfsichtige Schweizer schrieb dieses in

Frankreich, und vermutlich empfand er es als ein so großer Verteidiger des

schönen Geschlechts mit Entrüstung, daß man demselben nicht mit mehr

wirklicher Achtung daselbst begegnet.

(15) Es ist nicht nötig, daß ein Hoffärtiger zugleich hochmütig sei, d. h. sich eine übertriebene, falsche Einbildung von seinen Vorzügen mache, sondern er

kann vielleicht sich nicht höher schätzen, als er wert ist, er hat aber nur einen

falschen Geschmack, diesen seinen Wert äußerlich geltend zu machen.

(16) Man hat sonst bemerkt, daß die Engländer als ein so kluges Volk

gleichwohl leichtlich durch eine dreiste Ankündigung einer wunderlichen und

ungereimten Sache können berückt werden, sie anfänglich zu glauben; wovon

man viele Beispiele hat. Allein eine kühne Gemütsart, vorbereitet durch

verschiedene Erfahrungen, in welchen manche seltsamen Dinge gleichwohl

wahr befunden worden, bricht geschwinde durch die kleinen Bedenklichkeiten,

von denen ein schwacher und mißtrauischer Kopf bald aufgehalten wird und so

ohne sein Verdienst bisweilen vor dem Irrtum verwahrt wird.

(17) Der Fanaticism muß vom Enthusiasmus jederzeit unterschieden werden.

Jener glaubt eine unmittelbare und außerordentliche Gemeinschaft mit einer

höheren Natur zu fühlen, dieser bedeutet den Zustand des Gemüts, da dasselbe

durch irgendeinen Grundsatz über den geziemenden Grad erhitzt worden, es sei

nun durch die Maxime der patriotischen Tugend, oder der Freundschaft, oder der

Religion, ohne daß hiebei die Einbildung einer übernatürlichen Gemeinschaft

etwas zu schaffen hat.

(18) Man begeht noch in Peking die Zeremonie, bei einer Sonnen- oder

Mondfinsternis durch großes Geräusch den Drachen zu verjagen, der diese

Himmelskörper verschlingen will, und behält einen elenden Gebrauch aus den

ältesten Zeiten der Unwissenheit bei, ob man gleich jetzt besser belehrt ist.

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