Buch von der deutschen Poeterey
Das VIII. Capitel. Beschluß dieses buches.
Das VIII. Capitel.
Beschluß dieses buches.
[I 4b]
S O viel ist es, was ich von vnserer Poesie auffsetzen wollen. Wiewol ich
keinen zweiffel trage, es sey noch allerseits eines vnd das andere zue erinnern,
welches nicht weniger notwendig seyn mag, als etwas von denen sachen, derer
ich erwehne. Es kan auch wol sein, das mir in dem eilen (denn ich vor fünff
tagen, wie meine freunde wissen, die feder erst angesetzt habe) diß vnd jenes
mag einkommen sein, das entweder gar außengelassen, oder ja im minsten
verbeßert sollte werden. Ich hoffe aber, es wird mir der guethertzige Leser, in
betrachtung der kurtzen zeit so ich hierbey verschloßen, etwas vbersehen, vnd
bedencken, Rom sey nicht auff einen tag gebawet worden. Was noch vbrig ist,
wil ich entweder inkünfftig selbst gründtlicher verführen, oder denen lassen, die
mir an liebe gegen vnsere sprache gleiche, vnd an geschickligkeit vberlegen
sein. Von denselben zue lernen bin ich so begierig, als ich willig gewesen bin,
andere, die auch dieses nicht gewust haben, zue vnterrichten. Welche meine
geringschätzige arbeit bey statlichen auffgeweckten gemütern, wo nicht mehr,
doch so viel verfangen wird, das sie gleichsam als durch einen sporen hiermit
auffgemuntert, vnserer Muttersprache die hand bietten, vnd jhrer Poesie den
glantz, welchen sie lengest hette kriegen sollen, geben werden. Welches aber
alsdenn vollkömlich geschehen kan, wenn zue dem was hiebevor in diesem
buche erzehlet ist worden, die vornemlich jhren fleiß werden anlegen, welche
von natur selber hierzue geartet sein, vnnd von sich sagen können was Ovidius:
Est Deus in nobis, agitante calescimus illo.
Es ist ein Geist in vns, vnd was von vns geschrieben,
Gedacht wird vnd gesagt, das wird durch jhn getrieben.
Wo diese natürliche regung ist, welche Plato einen Göttli-[K 1a]chen furor
nennet, zum vnterscheide des aberwitzes oder blödigkeit, dürffen weder
erfindung noch worte gesucht werden; vnnd wie alles mit lust vnd anmutigkeit
geschrieben wird, so wird es auch nachmals von jederman mit dergleichen lust
vnd anmutigkeit gelesen. An den andern wollen wir zwar den willen vnd die
bemühung loben, der nachkommenen gunst aber können wir jhnen nicht
verheißen.
Wiewol wir die vbung vnd den fleiß nicht verwerffen: dann im fall
dieselbigen mit der natur vereiniget werden, muß etwas folgen das böse mäuler
leichtlicher tadeln können als nachmachen.
Eine guete art der vbung aber ist, das wir vns zueweilen auß den
Griechischen vnd Lateinischen Poeten etwas zue vbersetzen vornemen: dadurch
denn die eigenschafft vnd glantz der wörter, die menge der figuren, vnd das
vermögen auch dergleichen zue erfinden zue wege gebracht wird. Auff diese
weise sind die Römer mit den Griechen, vnd die newen scribenten mit den alten
verfahren: so das sich Virgilius selber nicht geschämet, gantze plätze auß andern
zue entlehnen; wie sonderlich Macrobius im fünfften vnd sechsten buche
beweiset. Wir sollen vns auch an vnserem eigenen fleiße nicht genügen laßen;
sondern, weil viel augen mehr sehen als eines, vber die sachen welche wir an das
liecht zue bringen vermeinen, berühmbter männer vrtheil ergehen laßen.
Welches inngleichen die Römer so wol verstanden, vnd in acht genommen, das
sie nicht leichtlich etwas offentlich außkommen laßen, das nicht zuevor von
einem vnd dem andern geschätzet vnd durchgezogen worden. Ja, wie man
keinen ringer oder fechter in offentlichen schawplatze auffführete, er mußte
vorher seinen namen geben, vnd eine probe thun: welches sie ἀπογράφεσθαι
vnnd ἐγκρίνεσθαι . einschreiben vnnd approbiren hiessen: so gaben auch die,
welche in der zahl der Poeten wolten gerechnet werden, jhre getichte anderen
Poeten zue vbersehen, vnd erkündigten sich darüber jhrer meinung: dieses war
[K 1b] jhre ἀπογραφὴ vnnd ἔγκρισις; wie Casaubonus vber den Persium
erinnert, vnd auß einer alten Inscription zue sehen ist:
HIC . CVM . ESSET . ANNORVM.
XIII . ROMAE . CERTAMINE.
IOVIS . CAPITOLINI . LVSTRO.
SEXTO . CLARITATE . INGENI.
CORONATUS . EST . INTER.
POETAS . LATINOS . OMNIBVS.
SENTENTIIS . IVDICVM.
Plinius der Jüngere, welcher vber alle seine sachen gelehrter freunde guet achten erfordert, saget in der 17. Epistel des 7. Buches, das jhn diese gewohnheit
gar nicht rewe. Denn er bedächte, welch ein grosses es sey, durch der leute hände
gehen, vnd könne jhm nicht einbilden, das man dasselbe nicht solle mit vielen
vnd zum offtern vbersehen, was man begehret, das es allen vnd immer gefallen
solle. Welches denn der grösseste lohn ist, den die Poeten zue gewarten haben;
daß sie nemlich inn königlichen vnnd fürstlichen Zimmern platz finden, von
grossen vnd verständigen Männern getragen, von schönen leuten (denn sie auch
das Frawenzimmer zue lesen vnd offte in goldt zue binden pfleget) geliebet, in
die bibliothecken einverleibet, offentlich verkauffet vnd von jederman gerhümet
werden. Hierzue kömpt die hoffnung vieler künfftigen zeiten, in welchen sie fort
für fort grünen, vnd ein ewiges gedächtniß in den hertzen der nachkommenen
verlassen. Diese glückseligkeit erwecket bey auffrichtigen gemüttern solche
wollust, das Demosthenes sagete, es sey jhm nichts angenemers, als wenn auch
nur zwey weiblein welche wasser trügen (wie zue Athen bräuchlich war) einer
den andern einbliesse: Das ist Demosthenes. Welcher ob er zwar als der
vornemeste redener in hohen ehren gehalten worden, ist doch der rhum nicht
geringer denn Homerus erlanget. Vnd wie der Autor des gespreches von den
Oratoren saget, a des Euripidis [K 2] oder Sophoclis berhümbter name ist so weit erschollen als des
Lysiæ oder Hyperidis; vnd viel begehren weniger den rhum des Ciceronis alß Virgilii. Es ist auch kein buch
des Asinii oder Messallæ so beschrieen, als des Ouidii Medea, oder Varii sein Thyestes. Vnd, redet er
weiter, ich schewe mich nicht den zuestand der Poeten vnd jhr glückhafftes wesen mit dem vnruhigen vnd sorglichen leben der Redner zue vergleichen. Ob zwar diese durch streitsachen vnnd gefahr zue dem
Bürgermeister ampte sind erhoben worden; so wil ich doch lieber Virgilii sichere vnnd geheime einsamkeit,
in welcher es jhm weder an gnade bey dem Keyser Augusto, noch an kundschafft bey dem Römischen volcke gemangelt hat.
Nebenst dieser hoheit des gueten namens, ist auch die vnvergleichliche
ergetzung, welche wir bey vns selbst empfinden, wenn wir der Poeterey halben
so viel bücher vnnd schrifften durchsuchen: wenn wir die meinungen der weisen
erkündigen, vnser gemüte wieder die zuefälle dieses lebens außhärten, vnd alle
künste vnnd wissenschafften durchwandern? So war ich dieses für meine
grösseste frewde vnd lust auff der Welt halte, so war wündsche ich, das die die in
ansehung jhres reichthumbs vnnd vermeineter vberflüssigkeit aller notdurfft
jhren stand weit vber den vnserigen erheben, die genüge vnd rhue, welche wir
schöpffen auß dem geheimen gespreche vnd gemeinschafft der grossen hohen
Seelen, die von so viel hundert ja tausendt Jharen her mit vns reden, empfinden
solten; ich weiß, sie würden bekennen, das es weit besser sey, viel wissen vnd
wenig besitzen, als alles besitzen vnd nichts wissen. Vber dieser vnglaublichen
ergetzung haben jhrer viel hunger vnd durst erlitten, jhr gantze [K 2b] vermögen
auffgesetzt, vnd fast jhrer selbst vergessen. Zoroaster, welcher, wie oben
erwehnet, alle seine gedancken Poetisch auffgesetzt, soll zwantzig Jhar in höchster einsamkeit zuegebracht haben, damit er in erforschung der dinge nicht
geirret würde. Vnd da alle andere wollüsten vns vnter den händen zuegehen,
auch offtermals nichts von sich vbrig lassen als blosse rewe vnd eckel; so
begleitet vns diese vnsere durch alle staffeln des alters, ist eine ziehr im
wolstande, vnd in wiederwertigkeit ein sicherer hafen. Derentwegen wolle vns ja
niemandt verargen, das wir die zeit, welche viel durch Fressereyen, Bretspiel,
vnnütze geschwätze, verleumbdung ehrlicher leute, vnd sonderlich die lustige
vberrechnung des vermögens hinbringen, mit anmutigkeit vnsers studierens, vnd
denen sachen verschliessen, welche die armen offte haben, vnd die reichen nicht
erkauffen können. Wir folgen dem, an welches vns Gott vnd die natur leitet, vnd
auß dieser zueversicht hoffen wir, es werde vns an vornemer leute gunst vnd
liebe, welche wir, nebenst dem gemüte vnserem Vaterlande zue dienen, einig
hierdurch suchen, nicht mangeln. Den verächtern aber dieser göttlichen
wissenschaft, damit sie nicht gantz leer außgehen, wollen wir inn den Tragedien
so wir künfftig schreiben möchten die Personen derer geben, welche in dem
Chore nach erzehlung trawriger sachen weinen vnd heulen mussen: da sie sich
denn vber jhren vnverstand vnd grobheit nach der lenge beklagen mögen.