Buch von der deutschen Poeterey

Martin Opitz · Kapitel 4 von 10

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Buch von der deutschen Poeterey

Das III. Capitel. Von etlichen sachen die den Poeten vorgeworffen werden; vnd derselben entschuldigung.

Das III. Capitel.

 

Von etlichen sachen die den Poeten vorgeworffen

 

werden; vnd derselben entschuldigung.

 

A Vß oberzehlten sachen ist zue sehen, wie gar vnverstendig die jenigen

handeln, welche aus der Poeterey nicht weiß ich was für ein geringes wesen

machen, vnd wo nicht gar verwerffen, doch nicht sonderlich achten; auch wol

vorgeben, man wisse einen Poeten in offentlichen ämptern wenig oder nichts zue

gebrauchen; weil er sich in dieser angenemen thorheit vnd ruhigen wollust so

verteuffe, das er die andern künste vnd wissenschafften, von welchen man

rechten nutz vnd ehren schöpffen kan, gemeiniglich hindan setze. Ja wenn sie

einen gar verächtlich halten wollen, so nennen sie jhn einen Poeten: wie dann

Erasmo Roterodamo von groben leuten geschahe. Welcher aber zur antwort

gab: Er schätzte sich dessen lobes viel zue vnwürdig; denn auch nur ein

mittelmässiger Poete höher zue halten sey als zehen Philosophastri. Sie wissen

ferner viel von jhren lügen, ärgerlichen schrifften vnd leben zue sagen, vnd

vermeinen, es sey keiner ein gutter Poete, er musse dann zu gleich ein böser

Mensch sein. Welches allerseits vngegründetes vrtheil ich kaum einer antwort

würdig achte; vnnd jhnen alleine für das erste zue bedencken gebe, wer Solon,

Pythagoras, Socrates, Cicero vnd andere gewesen, die sich doch [B 3a] des

Poetennamens nie geschämet haben. Ich köndte auch sonsten viel vortreffliche

leute erzehlen, die auff diese kunst (wo ich sie eine kunst nennen soll) jhren

höchsten fleiß gewendet haben, vnd dennoch dem gemeinen nutze mit

vnsterblichem lobe vorgegangen sind. So ist auch ferner nichts närrischer, als

wann sie meinen, die Poeterey bestehe bloß in jhr selber; die doch alle andere

künste vnd wissenschafften in sich helt. Apuleius nennet den Homerus einen viel

wissenden vnnd aller dinge erfahrenen Menschen; Tertullianus von der Seele:

einen Vater der freyen künste. Plato, welcher im Tragedien schreiben so weit

kommen, das er auch andern kampff anbitten dörffen, hat vermischet, wie Proclus von jhm saget, τὴν τε Πυθαγόρειον καὶ Σωκρατικὴν ἰδιότητα, die

Pythagorische vnnd Socratische eigenschafft, hat die Geometrie vom Theodorus

Cyreneus, die wissenschafft des Gestirnes von den Egyptischen Priestern

erlernet, vnd ist aller dinge kündig gewesen. So hat man vnsere Musen zue

mahlen pflegen, als sie mitt zuesammen gehenckten händen in einem reyen

tantzten, jhnen auch den namen Μοῦσαι, gleichsam als ὁμοῦσαι, gegeben, das

gemeine bandt vnd verwandschafft aller künste hierdurch an zue deuten. Wann

auch die verse nur blosse worte sindt, (wiewol das so wenig möglich ist, als das

der Cörper ohne die Seele bestehen könne) was ist es denn das Eratosthenes ein

getichte von beschreibung der Welt, so Hermus geheissen, das Parmenides vnnd

Empedocles von natur der dinge, das Seruilius vnd Heliodorus, derer Galenus

erwehnet, von der ärtzney geschrieben haben? Oder, wer kan leugnen, das nicht

Virgilius ein gutter Ackersman, Lucretius ein vornemer naturkündiger, Manilius

ein Astronomus, Lucanus ein Historienschreiber, Oppianus ein Jägermeister, vnd

einer vnd der andere der Philosophie obristen sein, da sie doch nichts als Poeten

sein. Es sey denn das wir glauben wollen, Theocritus habe Schaffe getrieben,

vnd Hesiodus sey hin-[B 3b]ter dem Pfluge gegangen. Doch muß ich gleichwol

bekennen, das auch an verachtung der Poeterey die jenigen nicht wenig schuldt

tragen, welche ohn allen danck Poeten sein wollen, vnd noch eines theils zum

vberfluß, ebener massen wie Julius Cesar seine kahle glitze, sie jhre

vnwissenheit vnter dem Lorbeerkrantze verdecken. Gewißlich wenn ich

nachdencke, was von der zeit an, seit die Griechische vnd Römische sprachen

wieder sind hervor gesucht worden, vor hauffen Poeten sind herauß kommen,

muß ich mich verwundern, wie sonderlich wir Deutschen so lange gedult können

tragen, vnd das edele Papir mit jhren vngereimten reimen beflecken. Die worte

vnd Syllaben in gewisse gesetze zue dringen, vnd verse zue schreiben, ist das

allerwenigste was in einem Poeten zue suchen ist. Er muß ἐυφαντασιωτός, von

sinnreichen einfällen vnd erfindungen sein, muß ein grosses vnverzagtes gemüte

haben, muß hohe sachen bey sich erdencken können, soll anders seine rede eine

art kriegen, vnd von der erden empor steigen. Ferner so schaden auch dem

gueten nahmen der Poeten nicht wenig die jenigen, welche mit jhrem

vngestümen ersuchen auff alles was sie thun vnd vorhaben verse fodern. Es wird

kein buch, keine hochzeit, kein begräbnüß ohn vns gemacht; vnd gleichsam als

niemand köndte alleine sterben, gehen vnsere gedichte zuegleich mit jhnen vnter.

Mann wil vns auff allen Schüsseln vnd kannen haben, wir stehen an wänden vnd

steinen, vnd wann einer ein Hauß ich weiß nicht wie an sich gebracht hat, so

sollen wir es mit vnsern Versen wieder redlich machen. Dieser begehret ein Lied

auff eines andern Weib, jenem hat von des nachbaren Magdt getrewmet, einen

andern hat die vermeinte Bulschafft ein mal freundtlich angelacht, oder, wie dieser Leute gebrauch ist, viel mehr außgelacht; ja deß närrischen ansuchens ist

kein ende. Mussen wir also entweder durch abschlagen jhre feindschafft

erwarten, oder durch willfahren den würden der Poesie einen mercklichen

abbruch thun. [B 4a] Denn ein Poete kan nicht schreiben wenn er wil, sondern

wenn er kan, vnd jhn die regung des Geistes welchen Ovidius vnnd andere vom

Himmel her zue kommen vermeinen, treibet. Diese vnbesonnene Leute aber

lassen vns weder die rechte zeit noch gelegenheit: wie sich denn Politianus in

einer epistel hefftig darüber beschwäret, vnd Ronsardt, wie Muretus meldet, hat

pflegen zue sagen, er empfinde nicht so grosse lust wann er seine eigene Liebe

beschriebe, als er grossen verdruß empfinde, wann er anderer jhre liebe

beschreiben muste. Wiewol etliche, gemeiniglich aber die schlimmesten, sich

selber hierzue antragen, vnd den leuten jhre träwme fast einzwingen. Diese

meinet sonderlich Aristoteles, Eth. ad Nic. lib. 9. c. 7. da er saget, das sie jhre

getichte vber die maße lieb haben, vnd so hertzlich gegen jhnen geneiget sein:

wie die eltern gegen den kindern. Vnd Cicero 5. Tusc. spricht auch fast auff

diesen schlag: In hoc enim genere nescio quo pacto magis quam in aliis

suum cuique pulchrum est. adhuc neminem cognoui Poetam, & mihi fuit

cum Aquinio amicitia, qui sibi non optimus videretur. Das ferner die Poeten

mit der warheit nicht allzeit vbereinstimmen, ist zum theil oben deßenthalben

Vrsache erzehlet worden, vnd soll man auch wissen, das die gantze Poeterey im

nachäffen der Natur bestehe, vnd die dinge nicht so sehr beschreibe wie sie sein,

als wie sie etwan sein köndten oder solten. Es sehen aber die menschen nicht

alleine die sachen gerne, welche an sich selber eine ergetzung haben; als schöne

Wiesen, Berge, Felde, flüße, ziehrlich Weibesvolck vnd dergleichen: sondern sie

hören auch die dinge mit lust erzehlen, welche sie doch zue sehen nicht

begehren; als wie Hercules seine Kinder ermordet, wie Dido sich selber

entleibet, wie die Städte in den brand gesteckt werden, wie die pest gantze

Länder durchwütet, vnd was sonsten mehr bei den Poeten zue finden ist. Dienet

also dieses alles zue vberredung vnd vnterricht auch ergetzung der Leute; [B 4b]

welches der Poeterey vornemster zweck ist. Die nahmen der Heidnischen Götter

betreffendt, derer sich die stattlichsten Christlichen Poeten ohne verletzung jhrer

religion jederzeit gebrauchet haben, angesehen das hierunter gemeiniglich der

Allmacht Gottes, welcher die ersten menschen nach den sonderlichen

wirckungen seiner vnbegreifflichen Maiestet vnterschiedene namen gegeben, als

das sie, wie Maximus Tyrius meldet, durch Minerven die vorsichtigkeit, durch

den Apollo die Sonne, durch den Neptunus die Lufft welche die Erde vnnd Meer

durchstreichet; zue zeiten aber vorneme Leute, die wie Cicero im andern buche

von den Gesetzen saget, vmb jhres vordienstes willen in den Himmel beruffen sein, zue zeiten was anders angedeutet wird, ist allbereit hin vnd wieder so viel

bericht darvon geschehen, das es weiterer außführung hoffentlich nicht wird von

nöthen sein. Was auch der Poeten Leben angehet, (damit ich mich nicht zue

lange auffhalte) ist es nicht ohn, das freylich etliche von jhnen etwas auß der art

schlagen, vnd denen, die in anderer Leute mängeln falcken, in jhren eigenen

Maulwörffe sein, anlaß geben jhnen vbel nach zue reden. Die Vrsache kan wol

zum theile sein, das jhre Poetische gemüter vnterweilen etwas sicherer vnd

freyer sein, als es eine vnd andere zeit leidet, vnd nach des volckes Vrtheil nicht

viel fragen. Zum theile thut auch der wein etwas; sonderlich bey denen, welchen

Horatius besser gefellt da er schreibet:

 

Prisco si credis, Mæcenas docte, Cratino,

Nulla valere diu, nec viuere carmina possunt,

Quæ scribuntur aquæ potoribus.

 

Mecenas, wil du mir vnd dem Cratinus gleuben,

Der der da wasser trinckt kan kein guet carmen schreiben;

 

Als Pindarus, der stracks im anfange seiner bücher saget: [C 1a] Ἄριστον μὲν

ὕδωρ, Das Wasser ist das beste das man findt. Mit welchem es Alceus, Aristophanes,

Alcman, Ennius vnd andere nicht gehalten hetten; auch Eschilus nicht, dem

Sophocles vorgeworffen, der wein hette seine Tragedien gemacht, nicht er. Vnd

zum theile thut auch zue dem etwas nachleßigen wandel mancher Poeten nicht

wenig die gemeinschafft etlicher alten, die jhre reine sprache mit garstigen

epicurischen schrifften besudelt, vnd sich an jhrer eigenen schande erlustiget

haben. Mit denen wir aber vmbgehen mußen wie die bienen, welche jhr honig

auß den gesunden blumen saugen, vnd die gifftigen Kräuter stehen lassen. Doch

wie ehrliche, auffrichtige, keusche gemüter (welche von den auch keuschen

Musen erfodert werden) derer die jhre geschickligkeit mit vblen sitten

vertunckeln nicht entgelten können, so sind auch nicht alle Poeten die von

Liebessachen schreiben zue meiden; denn viel vnter jhnen so züchtig reden, das

sie ein jegliches ehrbares frawenzimmer vngeschewet lesen möchte. Man kan

jhnen auch deßentwegen wol jhre einbildungen lassen, vnd ein wenig vbersehen,

weil die liebe gleichsam der wetzstein ist an dem sie jhren subtilen Verstand

scherffen, vnd niemals mehr sinnreiche gedancken vnd einfälle haben, als wann

sie von jhrer Buhlschafften Himlischen schöne, jugend, freundligkeit, haß vnnd

gunst reden. Wie dann hiervon der Frantzösischen Poeten Adler Peter Ronsardt

ein artiges Sonnet geschrieben, welches ich nebenst meiner vbersetzung (wiewol

dieselbe dem texte nicht genawe zuesaget) hierbey an zue ziehen nicht vnterlassen kan:

 

Ah belle liberté, qui me seruois d'escorte,

Quand le pied me portoit où libre ie voulois!

Ah! que ie te regrette! helas, combien de fois

Ay-ie rompu le ioug, que maulgré moy ie porte!

 

Puis ie l'ay rattaché, estant nay de la sorte,

[C 1b] Que sans aimer ie suis & du plomb & du bois,

Quand ie suis amoureux i'ay l'esprit & la vois,

L'inuention meilleure, & la Muse plus forte.

 

Il me faut donc aimer pour auoir bon esprit,

Afin de conceuoir des enfans par escrit,

Prolongeant ma memoire aux despens de ma vie.

 

Ie ne veux m'enquerir s'on sent apres la mort:

Ie le croy: ie perdroy d'escrire toute enuie:

Le bon nom qui nous suit est nostre reconfort.

 

Du güldne Freiheit du, mein wünschen vnd begehren,

Wie wol doch were mir, im fall ich jederzeit

Mein selber möchte sein, vnd were gantz befreyt

Der liebe die noch nie sich wollen von mir kehren,

 

Wiewol ich offte mich bedacht bin zue erweren.

Doch lieb ich gleichwol nicht, so bin ich wie ein scheit,

Ein stock vnd rawes bley. die freye dienstbarkeit,

Die sichere gefahr, das tröstliche beschweren

 

Ermuntert meinen geist, das er sich höher schwingt

Als wo der pöfel kreucht, vnd durch die wolcken dringt,

Geflügelt mitt vernunfft, vnd mutigen gedancken,

 

Drumm geh' es wie es wil, vnd muß ich schon darvon,

So vberschreit ich doch des lebens enge schrancken:

Der name der mir folgt ist meiner sorgen lohn.

 

[C 2a] Welchen namen wenn die Poeten nicht zue gewarten hetten, würden

viel derselben durch die boßheit der Leute, die sie mehr auß neide alß billicher vrsache verfolgen, von jhrem löblichen vorsatze zuerücke gehalten vnd

abgeschreckt werden. Es wird aber bey jhnen nicht stehen, vnd ich bin der

tröstlichen hoffnung, es werde nicht alleine die Lateinische Poesie, welcher seit

der vertriebenen langwierigen barbarey viel große männer auff geholffen,

vngeacht dieser trübseligen zeiten und höchster verachtung gelehrter Leute, bey

jhrem werth erhalten werden; sondern auch die Deutsche, zue welcher ich nach

meinem armen vermögen allbereit die fahne auffgesteckt, von stattlichen

gemütern allso außgevbet werden, das vnser Vaterland Franckreich vnd Italien

wenig wird bevor dörffen geben.