Buch von der deutschen Poeterey

Martin Opitz · Kapitel 3 von 10

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Buch von der deutschen Poeterey

Das II. Capitel. Worzue die Poeterey, vnd wann sie erfunden worden.

Das II. Capitel.

 

Worzue die Poeterey, vnd wann sie erfunden worden.

 

D Ie Poeterey ist anfanges nichts anders gewesen als eine verborgene

Theologie, vnd vnterricht von Göttlichen sachen. Dann weil die erste vnd rawe

[B 1b] Welt gröber vnd vngeschlachter war, als das sie hette die lehren von

weißheit vnd himmlischen dingen recht fassen vnd verstehen können, so haben

weise Männer, was sie zue erbawung der Gottesfurcht, gutter sitten vnd wandels

erfunden, in reime vnd fabeln, welche sonderlich der gemeine pöfel zue hören

geneiget ist, verstecken vnd verbergen mussen. Denn das man jederzeit bey allen

Völckern vor gewiß geglaubet habe, es sey ein einiger vnd ewiger GOtt, von

dem alle dinge erschaffen worden vnd erhalten werden, haben andere, die ich

hier nicht mag außschreiben, genungsam erwiesen. Weil aber GOtt ein

vnbegreiffliches wesen vnnd vber menschliche vernunfft ist, haben sie

vorgegeben, die schönen Cörper vber vns, Sonne, Monde vnd Sternen, item

allerley gutte Geister des Himmels wehren Gottes Söhne vnnd Mitgesellen,

welche wir Menschen vieler grossen wolthaten halber billich ehren solten.

Solches inhalts werden vieleichte die Bücher des Zoroasters, den Man für einen

der eltesten Lehrer der göttlichen vnd menschlichen wissenschafft helt, gewesen

sein, welcher, wie Hermippus bey dem Plinius im ersten Capitel des 30. Buches

bezeuget, zwantzig mal hundert tausendt Verß von der Philosophie hinterlassen

hat. Item was Linus, wie Diogenes Laertius erwehnet, von erschaffung der Welt,

dem lauffe der Sonnen vnd des Mondens, vnd von erzeugung der Früchte

vorgegeben hat. Dessen werckes anfang soll gewesen sein:

 

Ἦν ποτέ τοι χρόνος οὗτος ἐν ᾧ ἅμα πάντ' ἐπεφύκει

 

Es war die zeit da erstlich in gemein

Hier alle ding' erschaffen worden sein.

Neben diesem haben Eumolpus, Museus, Orpheus, Homerus, Hesiodus vnnd

andere, als die ersten Väter der Weißheit, wie sie Plato nennet, vnd aller gutten

ordnung, die bäw-[B 2a]rischen vnd fast viehischen Menschen zue einem

höfflichern vnd bessern leben angewiesen. Dann inn dem sie so viel herrliche

Sprüche erzehleten, vnd die worte in gewisse reimen vnd maß verbunden, so das

sie weder zue weit außschritten, noch zue wenig in sich hatten, sondern wie eine

gleiche Wage im reden hielten, vnd viel sachen vorbrachten, welche einen schein

sonderlicher propheceiungen vnd geheimnisse von sich gaben, vermeineten die

einfältigen leute, es müste etwas göttliches in jhnen stecken, vnd liessen sich

durch die anmutigkeit der schönen getichte zue aller tugend vnnd guttem wandel

anführen. Hat also Strabo vrsache, den Eratosthenes lügen zue heissen, welcher,

wie viel vnwissende leute heutiges tages auch thun, gemeinet, es begehre kein

Poete durch vnterrichtung, sondern alle bloß durch ergetzung sich angeneme zue

machen. Hergegen, spricht er Strabo im ersten Buche, haben die alten gesagt, die Poeterey sey die erste Philosophie, eine erzieherinn des lebens von jugend auff, welche die art der sitten der

bewegungen des gemütes vnd alles thuns vnd lassens lehre. Ja die vnsrigen (er verstehet die

Stoischen) haben darvor gehalten, das ein weiser alleine ein Poete sey. Vnd dieser vrsachen wegen werden in den Griechischen städten die Knaben zueföderst in der Poesie vnterwiesen: nicht nur vmb der

blossen erlüstigung willen, sondern damit sie die sittsamkeit erlernen. Ingleichem stimmet auch

Strabo mit dem Lactantius vnd andern in diesem ein, es seyen die Poeten viel

älter als die Philosophen, vnd für weise leute gehalten worden, ehe man von dem

namen der Weißheit gewust hat: vnnd hetten nachmals Cadmus, Pherecydes, vnd

Hecatéus der Poeten lehre zwar sonsten behalten, aber die abmessung der wörter

vnd [B 2b] Verse auffgelöset: biß die folgenden nach vnd nach etwas darvon

enzogen, vnd die rednerische weise, gleichsam als von einem hohen Stande, in

die gemeine art vnd forme herab geführet haben. Solches können wir auch aus

dem abnehmen, das je älter ein Scribent ist, je näher er den Poeten zue kommen

scheinet. Wie denn Casaubonus saget, das so offte er des Herodotus seine

Historien lese, es jhn bedüncke, als wehre es Homerus selber.