Das heilige Donnerwetter. Ein Blücherroman
12 Das heilige Donnerwetter
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 4 Teile geteilt.
Der Adjutant machte sich eiligst Notizen.
„Es ist an der Zeit, mit der Legende aufzuräumen, ein ehemaliger Marschall von Frankreich wäre gerade gut genug, [pg 309]in Deutschland ein subalternes Kommando zu führen! Wozu hat man mich wohl gebeten? Man überhäuft mich mit Komplimenten – man macht mir Versprechungen – der Kaiser Alexander selbst wurde nicht müde, zu betonen, er hätte mit mir die Strategie Napoleons in die Dienste der Verbündeten gestellt! – Nun, er hat nicht zu sehr danebengegriffen. Aber wem gab man den Oberbefehl? – Mir etwa? Nein, dem Fürsten Schwarzenberg!
Wer ist Fürst Schwarzenberg? Auf welchem Schlachtfelde wurde sein Name bekannt und berühmt? Auf keinem, wo ich mitgekämpft habe. Und wo habe ich nicht mitgekämpft? Wer gab bei Austerlitz die Entscheidung? Wer bei Wagram – und das in solchem Maße, daß Napoleon vor Neid fast platzte und sich zu Unbesonnenheiten mir gegenüber hinreißen ließ, um mir die Palme des Sieges zu entreißen.
Nun hat man mich – und läßt mich eine zweite – eine dritte Rolle spielen, und verspielt so das Ganze. Sie werden es sehen. Napoleon wird den Leuten ein Schnippchen schlagen. Und wenn nicht – dann haben sie’s meiner Vorsicht zu verdanken, die ihm stets zu entschlüpfen wußte.
Napoleon weiß schon, was er an mir hat!
Er weiß mich als Feind einzuschätzen. Er wird auf mich wütend sein! Er wird darauf brennen, vor allem mich zu vernichten, weil ohne mich die anderen ihm dann auf Gnade und Ungnade ausgeliefert sein werden!
Ich hüte mich aber, mich seinen Keulenschlägen auszusetzen. Den billigen Triumph soll er nicht haben. Wie könnte ich ihm auch standhalten?
Was für Truppen hat man mir dazu gegeben? Mon dieu! Einen Bernadotte nimmt man zum Oberkommandierenden – und gibt ihm derartiges Gesindel in die Hand!
Diese preußische Landwehr, wie sieht sie nur aus! Was für eine Ausrüstung, welche Gesichter, welche plumpen Bewegungen, welche Ungeschicklichkeit! Kein Griff, der sitzt – kein Elan, gar nichts! Die reinen Barbaren!
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Und meine lieben Schweden – nun – nichts für ungut. Oberst, geben Sie’s nur zu – mit den Grenadieren Napoleons sich messen zu wollen, ist eigentlich eine Arroganz von Ihnen! Brave, liebe Leute, meine neuen Landeskinder, ich gebe es zu!
Aber was soll es heißen, daß man in Schweden so besorgt tat, als sie ausrückten.
‚Opfern für fremde Interessen‘, sagt man! Mon dieu!
Ich werde diese Raritäten von Soldaten dem schwedischen Vaterlande ganz unbeschädigt zurückgeben! Man kann unbesorgt sein. Ich werde sie wie meinen Augapfel hüten!
‚Für fremde Interessen‘?!
Weiß man denn nicht, daß meine Teilnahme am Krieg den Schweden Norwegen einbringen wird? Oder traut man mir nicht einmal das zu?
Glaubt man in Schweden an das alberne Gerücht, die Schweden sollten bluten, damit ich Kaiser der Franzosen werde, wenn Napoleon abgetan ist?
Es ist wahr, die Franzosen lieben mich! Sie wären schon imstande, mich – – –
Wäre Napoleon nicht aus Ägypten zurückgekommen – wäre er damals nicht den Engländern entschlüpft –, wer weiß, was geschehen wäre?!
Wer weiß, wie die Welt heute aussehen würde, wenn statt ihm – ein anderer – ich zum Beispiel, in den Tuilerien residieren würde?!
Nun, morgen ist auch noch ein Tag. Und wenn die Franzosen es mir nicht zu sehr verübeln, daß ich am Kriege gegen sie teilgenommen habe, dann – –
Schließlich, ich tu’ ihnen ja nicht weh. Aber man kennt die Treibereien der Demagogen! – Es könnte gegen mich ausgenützt werden für den Fall, daß man mich – – –
Wenn sie aber t r o t z d e m der Stimme ihres Herzens folgen, das stets für mich schlug – wenn sie mich binnen kurzem zum Nachfolger Napoleons ausrufen, dann werde ich meine Pflicht tun – m e i n e P f l i c h t, Oberst!
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Gewiß – ich k e n n e meine Pflicht gegen die Schweden! Ein braves, ein treues Volk! Aber eine drollige Sprache!
‚Giff mik – – un baiser‘ – wie heißt das nun wieder: un baiser? – ‚En schiß‘ – danke lieber Oberst – ‚en schiß‘ – mon dieu, man zerbricht sich fast den Mund dabei! Es klingt ja beinahe wie Deutsch – ebenso unmöglich zu prononcieren, ebenso guttural! Eine Sprache für die Wilden! Man müßte eigentlich bei euch in Schweden die französische Sprache einführen! Glauben Sie, Oberst, die veredelt die Manieren! Die würde euch Schweden gut zu Gesicht stehen! Nun, wer weiß, was noch kommen kann, wenn man mich n i c h t – – –
Denn w e n n man mich zum Kaiser der Franzosen wählt – es gibt eine Pflicht, Oberst, die alle anderen Pflichten in den Hintergrund stellt, und das ist die Pflicht gegen die Menschheit. Und meine Wahl wäre: der ewige Friede und also ein Segen für die ganze Menschheit.
Das käme dann auch den Schweden zugute – und weit mehr, als wenn ich meine aufs Große gerichtete Kraft darauf verschwenden müßte, nur ihr kleines Land zu regieren.
Schließlich kann man sich auch in Schweden vertreten lassen –, oder die beiden Länder enger aneinanderschließen. Sie werden’s sehen, es wird noch kommen, man wird noch in Schweden Französisch sprechen! –
Also, heute gehen wir über die Elbe zurück.
Sie meinen, wir hätten ebenso gern gleich drüben bleiben können? Gewiß! Ich war niemals für dies Abenteuer. Ich habe es kommen sehen, daß wir zurück müßten!
Immerhin, ich habe dem alten Haudegen Blücher gezeigt, wie man so etwas macht! Er hat bluten müssen, als er bei Wartenburg überging. – – Wieviel sagten Sie? – Zweitausend Tote?! Das ist viel! Das ist ungeschickt!
Ich habe bei meinem Übergang keinen einzigen Toten gehabt – keinen einzigen! Eben weil ich die Gelegenheit besser wahrnahm und erst über den Fluß ging, als der Feind mit Blücher beschäftigt war und nichts davon merkte.
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Wer zuerst kommt, auf den stürzt sich die Meute, an ihm beißen sich eben die Hunde fest!
Der gute Blücher glaubt sich mir überlegen, er treibt mich gar an! Er denkt, er könne mit seiner Feldherrnkunst die meine düpieren?
Dabei hat er schon einmal in mir seinen Meister gefunden! Sie wissen: in Ratkau, wo er vor mir kapitulieren mußte! Er wird es nochmals erleben! Er wird sich wundern, wenn ich heute die Karten aufdecke und ihm zeige, daß er eigentlich unter meinem Befehl steht und mir zu gehorchen hat!
Er wird fluchen! Ha, ha, ha! Er ist ein Grobian, ein ungeschlachter alter Landsknecht, ein unmanierlicher Barbar! Nun, er ist eben ein Deutscher!
Apropos – ihr Schweden seid doch auch halb deutsch! Wie kann man nur? Ridicule! Und eure Sprache auch!
Wie hieß es nun wieder: donnez moi – ‚giff mik un giß‘ – un giß! Wie drollig! Wie lächerlich!“
So plapperte Seine neugebackene Königliche Hoheit mit der Selbstgefälligkeit eines Papageien weiter und imponierte seinem Adjutanten und nicht zum mindesten seinem Kammerdiener mit seiner Zungengeläufigkeit, die, wie sooft bei seinen Landsleuten, ersetzen mußte, was ihm an Geist abging.
Als aber der Kammerdiener ans Barbieren kam, da stand das kronprinzliche Mundwerk endlich so lange still, daß der Adjutant seine Meldung abstatten und mitteilen konnte: der englische Bevollmächtigte, General Stewart, widerriete auf das bestimmteste einem Rückzug über die Elbe.
W e n n überhaupt zurückgegangen werden müßte, da wäre der General Stewart dafür, dann lieber über die Mulde, ja sogar bis hinter die Saale –, überhaupt nach Südosten auszuweichen, wie es Blücher vorgeschlagen hatte, um die Verbindung mit der aus Böhmen vorbrechenden Hauptarmee zu suchen und die Rückzugslinien Napoleons auf Weißenfels und Erfurt zu bedrohen.
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Der Kronprinz hörte gelassen zu, ließ sich einseifen und antwortete mit keinem Wort.
Er gedachte der Subsidien, die ihm England zahlte, und die wohl dessen Bevollmächtigten berechtigten, ein Wort mitzureden.
Als aber dann ein zweiter Adjutant mit der Meldung hereinkam, die Franzosen hätten seine Schiffsbrücken bei Aken und Roßlau zerstört, da atmete der Kronprinz erleichtert auf.
Denn nun mußte er links der Elbe bleiben, ob er wollte oder nicht!
Die Sache war entschieden. Der Engländer hatte seinen Willen, und selbst brauchte er, dank dem Feinde, keinen Entschluß zu fassen.
So trieb man die Weltgeschichte entschieden am besten und bequemsten. Man ließ ihr ihren Lauf, trieb selbst mit und vertraute dabei seinem Glück und seiner angeborenen Fähigkeit, an die Oberfläche zu kommen und sich dort zu behaupten. Und wurde so ein Auserwählter von Gottes Gnaden.
*
„Ein Fähnrich zog in den Kri–ieg –
widibum fallera, juchheirassa,
ein Fähnrich zog in den Kri–ieg,
wer weiß, ob er wiederkehrt,
wer weiß, ob er wiederkehrt!
Er liebt ein schwarzbraunes Mädchen,
widibum fallera, juchheirassa, –
er liebt ein schwarzbraunes Mädchen,
das bitterlich um ihn weint,
das bitterlich um ihn weint!“
So sang man an einem der vielen Biwakfeuer des Yorckschen Korps vor Möckern. Und weiter gen Wiederitzsch zu antwortete es von den Lagerfeuern der Russen, die sich dort aneinanderreihten, in langgezogenen melancholischen Tönen.
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„Matjuschka–a babu–usch–ka – –“, klagte da ein schmelzender Tenor das ewige alte Russenlied vom roten Sarafan, an dem die Mutter nicht mehr nähen soll, während oben auf der Anhöhe die Silhouetten weithosiger, bebluster Tänzer zu den Tönen der Balalaika sich gespenstisch hin und her drehten, bald an dem flammenden Feuer vorbeihuschten, bald ins Halbdunkel hineinhüpften, um gleich wieder zum Vorschein zu kommen, die Hände in die Hüften gestemmt, die Hacken zusammengeschlagen, die Knie gebeugt, und dann bald nach links, bald nach rechts heraus auf den Hacken gerutscht, hochgeschossen, rundgeschnurrt und wieder in die Finsternis hineingehüpft.
Ein dumpfes Geräusch von ferne rollenden Rädern, ein aufbrausendes und wieder abnehmendes Stimmengewirr, Kommandorufe, Hörnerklang, Trommelschlag und Pferdegetrappel verrieten, daß irgendwo bei Freund oder Feind im Schutze der Nacht noch Truppenbewegungen vorgenommen wurden.
Klagen, Hilferufe, Jammern und Schmerzensgestöhn wurden überall laut, um wieder zu verstummen.
Hier und da ein plötzlicher Flintenschuß – ein Verwundeter, der seinen Qualen ein Ende machte, oder ein schnelles Gericht über einen auf frischer Tat ertappten Leichenplünderer. –
Es war ein blutiger Tag gewesen. Yorck und seine Tapferen hatten wieder die Hauptarbeit machen müssen.
Der alte Isegrim hatte geflucht und genörgelt wie immer und die Anordnungen des Hauptquartiers bekrittelt, dann aber seinen Mann gestellt. Und wen er mit eisernem Griff packte, der blieb oder kam zerzaust davon, daß er für weitere Kämpfe kaum noch in Betracht kam.
Jetzt ruhte der Kampf.
Einzelne Lichter bewegten sich langsam hin und her über das Schlachtfeld, hielten an und kehrten in die Richtung, aus der sie gekommen waren, zurück. Und wo sie anhielten, erhob sich das klagende Gestöhn zu neuer Stärke, und die [pg 315]Hilferufe wurden wieder laut. Sie galten den Militärärzten, die die Verwundeten aufsuchten, aber bei der reichen Ernte, die heute der Tod gehalten hatte, nur den wenigsten helfen konnten.
Ringsherum, soweit das Auge blicken konnte, flammte Feuer an Feuer der biwakierenden Truppen.
Zäune, Obstbäume, die Häuser der Dörfer, überhaupt alles Brennbare in der Umgegend, mußte herhalten, um die vielen Tausende von Feuern zu nähren, an denen die Soldaten all der Völker, die hier zusammengeströmt waren, um sich gegenseitig zu vernichten, ihre armseligen Süppchen kochten und ihre von den Strapazen der Märsche steifen Glieder gegen die Kälte der Oktobernacht zu schützen suchten.
Schatten huschten überall hin und her durch die Nacht, tauchten hervor aus dem Dunkel, von dem Licht eines plötzlich aufflammenden Wachtfeuers gefaßt, duckten sich jäh und schwanden, um bald wieder anderswo zum Vorschein zu kommen.
Bald waren es Marodeure, Plünderer, Leichenfledderer, die sich an die Gefallenen heranmachten und, wo der Tod nicht rasch genug für ihre Beutegier gewesen war, mit dem Gnadenstoß nachhalfen – bald waren es Überläufer der französischen Armee – meistens Rheinbündler, die das Vertrauen zu dem Glück Napoleons zu verlieren anfingen und nun zu den Gegnern hinüberschlichen mit begierig empfangenen Nachrichten über Truppenzahl, Munition und Proviantvorräte und mit der Versicherung, daß die deutschen Hilfsvölker Napoleons bereits entschlossen wären, regimenterweise überzugehen, wenn noch weitergekämpft werden würde. Daß Napoleon an den Rückzug dachte, wußten sie alle, und auch, daß er’s nicht tat, sondern sich bis zum letzten Atemzug schlagen wollte.
Die Stadt Leipzig hob ihre dunkle Masse gespenstig aus dem Ring von Wachtfeuern heraus, der sich um sie herumschlang und deren Widerschein rötlich auf dem mit Wolken bedeckten Himmel lag.
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Von den Türmen der Stadt flammten einzelne Lichter auf, sonst war alles dunkel, und nur ein gedämpftes Geräusch zeugte von dem Leben, das sich noch drinnen bewegte.
Dicht an der Ziegelei im Dorfe Möckern an der Elster loderte und flammte ein großes Biwakfeuer. Alles schlief drum herum, nur ein einzelner Schatten ging langsam auf und ab.
Eine kleine Truppe von Reitern trabte heran. Ihr Führer sprang vom Pferde, trat auf den Schatten zu und salutierte.
„Melde gehorsamst: Graf Henckell von den westpreußischen Dragonern, kommandiert, das Hauptquartier zu decken! Haben Exzellenz besondere Befehle?“
Yorck, denn er war es, schüttelte den Kopf.
Der Rittmeister wollte sich eben entfernen, als Yorck ihn wieder heranwinkte.
„Haben den Feind tüchtig zerzaust heute.“
„Es war ein glänzender Sieg, Exzellenz! Aber – es hat viel Blut gekostet – viel Blut!“
Yorck schwieg eine Weile und blickte verbissen ins Feuer. Dann wandte er sich wieder dem jungen Offizier zu.
„Bringt Er mir Rapporte?“
„Ich habe allerdings hier und dort herumgefragt –“, fing der Rittmeister zögernd an.
„Nun?“
„Dreiundfünfzig Geschütze, zweitausend Gefangene genommen!“
„Weiß ich schon!“
„Die Mecklenburger haben einen Vogel erobert!“
„Der Adler wurde mir gemeldet, die genommenen Fahnen auch! Die Verluste aber noch nicht ganz. Weiß Er schon Genaues?“
Der Rittmeister schwieg und blickte zur Seite.
„Rede Er!“ kam es scharf von Yorck.
„Zu Befehl, Exzellenz! – Es waren alles Helden!“ sagte er dann leise, und seine Lippen bebten.
Yorck nahm den Hut ab.
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„Der Herr sei ihnen gnädig“, sagte er und faltete die Hände.
„Wie viele?“ fragte er dann.
„Von der Mannschaft fehlt der dritte Teil!“
Yorck zuckte zusammen.
„Ich hab’s nicht vermeiden können“, sagte er. „Es hat sein müssen! Weiter?“
„Sämtliche Regimentskommandeure sind fort. Achtundzwanzig Stabsoffiziere – –“
„Namen nennen!“
Der Rittmeister las aus seinem Notizbuch vor:
„Von der Landwehr: Rekowsky, Thiel, Graf Wedell. Dann: General Steinmetz, Major Hiller, Losthin, Maltzahn, Kossecki, Major Mumm, Major Leslie, Oberst Borcke, Major Götze, Othegraven, Krosigk –“
„Genug!“
„Fast alle Hauptleute fehlen – die Leutnants führen die Bataillone –“
„Der Tod hat reiche Ernte gehalten“, sagte Yorck und fletschte plötzlich die Zähne. „Ja, ja!“ setzte er schneidend hinzu, und ein grimmiges Lächeln flog über seine verwitterten Züge, „die Leute, die Er mir da genannt hat, das waren eben – die ‚Feiglinge‘ von Jena!“
„Herr General!“
Der Rittmeister stand aufrecht vor ihm und blickte ihn flammend an.
„Nun,“ sagte Yorck, „Er hat’s doch auch vor sieben Jahren miterlebt, wie nach Jena auf uns preußische Offiziere geschimpft wurde!
Kein gutes Haar ließ man mehr an uns – kein Wort war schimpflich genug, um unsere Feigheit und Würdelosigkeit zu bezeichnen. Und wer schimpfte? Nun, eben jene braven Bürgersleute, die am Brandenburger Tor Napoleon die Schuhsohlen leckten und nachher nicht schnell genug nach dem Schloß vorauseilen konnten, um ihn dort nochmals ebenso unterwürfig zu empfangen. Wer schimpfte aber auf [pg 318]die? Wer sagte auch nur ein böses Wort, als jene Speichellecker dem Sieger zuliebe ihre sogenannten ‚Nationalgarden‘ errichteten, damit er keine Garnisonen in den Städten zu halten brauchte? Wer entrüstete sich darüber, daß jene Garden ihm halfen, die Kontributionen einzutreiben, oder weil die Söhne der reicheren Bürgersleute sich in grüngoldene Uniformen steckten, um als berittene Boten und Dolmetscher bei den französischen Kommandanten Dienst zu tun? Sagte einer auch nur ein Wort darüber, daß unsere Beamten während der Okkupation brav und bieder weiteramtierten, als sei Napoleon ihr rechtmäßiger Herrscher, und ihm halfen, die Einnahmequellen des Staates aufzufinden? Nein. Aber die preußischen Offiziere, die mußten ihre Haut lassen. Nun – heute haben sie das besorgt, wenn auch nicht als Sündenböcke, und den Herrn Napoleon haben sie bedient – aber in anderer Weise, so wie’s deutschen Männern ziemt. Und wenn sie’s damals vor Jena und Auerstedt nicht so gut taten – Henckell – ich sag’s Ihm ganz offen – dann lag’s eben an unserer hundsmiserablen, rückenmarkslosen Regierung, die wir hatten und noch haben, und die nicht regiert, sondern sich mit dem Strom treiben läßt. Na, heute haben nicht die Franzosen, sondern wir Soldaten sie ins Schlepptau genommen, und sie muß mit dahin, wo das Heil des Volkes zu finden ist. Aber es ist ein saures Stück Arbeit.“
Er schwieg. Er dachte an den Tag von Tauroggen, auf den er mit gerechtem Stolz zurückblicken konnte – dachte an des Königs Wut, weil in „seinen“ Landen jemand gewagt hatte, einen Entschluß zu fassen und zur Tat werden zu lassen, wo e r selbst es nicht wagte! Er dachte an seine Absetzung und Stellung vor ein Kriegsgericht, von der er nur durch die Zeitungen erfuhr, weil die Russen, mit denen er paktiert hatte, die königlichen Kuriere abfingen und zurückhielten, so daß er sich um jene Kabinettsorder nicht zu kümmern brauchte. Bis der König nicht mehr zu bremsen wagte, weil er sah und sich sagen mußte: „Das ganze Volk steht auf und fegt dich fort, wenn du jetzt nicht mitgehst!“
Da appellierte er „an sein Volk“, das längst ohne das in [pg 319]Bewegung gekommen war! Und sein Volk vergaß und gab sein Letztes: Besitz, Blut, Leben, alles her!
An all das dachte der alte Isegrim wieder einmal und mit besonderer Genugtuung, wie immer.
„An der Regierung liegt’s“, sagte er dann nochmals mit Nachdruck. „Und über ihr Haupt kommt all das Blut, das in diesem Kriege unnütz vergossen wird!
Diese ganze Schlächterei jetzt wäre überflüssig gewesen, und mancher brave Mann hätte zum Besten des Vaterlandes noch lange leben können, wenn die Regierung ihre Pflicht getan und sich zur rechten Zeit zur Tat aufgerafft hätte! Wie haben wir anderen im vorigen Jahr, als die Trümmer der großen französischen Armee durchs Land zogen, beim König und beim Staatskanzler Hardenberg gebettelt.
‚Laßt doch die Marschälle und die paar tausend Offiziere aufgreifen, laßt sie festsetzen! Das ist jetzt mit Leichtigkeit und ohne Blutvergießen zu machen!‘
So haben wir gebeten. Aber nein – da mußte gleich nobel getan und mit Anstand und Menschenliebe geprahlt werden.
Die Leute wurden gefüttert, gepflegt, gekleidet, Geld und Vorspann wurde ihnen geliefert, damit sie heil und munter in ihr Land zurückkehren könnten, um dort gleich ihrem Kaiser zu helfen, eine Armee gegen uns auf die Beine zu stellen.
Das hätte er aber nie und nimmer gekonnt, wären unsere Regierenden nicht solche Schlappschwänze gewesen! Nun müssen die Besten unter uns bluten, um das wieder gutzumachen. Und was dem König dann zum Regieren übrigbleibt, das sind eben jene Biederen, die Napoleon so brav die Schuhsohlen zu lecken wußten! Wenn ich aber entscheiden müßte, was uns mehr unnütz vergossenes Blut gekostet hat, unsere liebe Regierung oder die übergeniale Leitung, die wir hier in der Schlesischen Armee haben, und die sich heute wieder so verflucht gescheit bewährt hat, daß wir bald alle draufgegangen wären – ich wüßte nicht, wem ich den Preis zusprechen müßte!“
[pg 320]
Und dann zog er gegen Gneisenau los, in dem er die Wurzel alles Übels sah, und über Blücher, der jenen gewähren ließ.
Die ewigen Hin- und Hermärsche seit dem Elbübergang bei Wartenburg, erst mit Gewaltmärschen auf Leipzig zu – dann zurück nach der Mulde, als Napoleon folgte, und hinter die Saale, als jener gar bis Düben vordrang! Alles nur unnützes Leuteschinden!
Die Schlesische Armee mußte so, nur wegen der Unruhe Blüchers, hin und her wie das Schifflein im Webstuhl, und zog außerdem die ganze Hauptmacht Napoleons auf sich, weil der Kronprinz von Schweden nur eine Stunde täglich marschieren wollte, und die Hauptarmee im Schneckentempo sich über die böhmischen Berge nach Sachsen hineinschob. Als die sich dann endlich Leipzig so weit wie bis Liebertwolkwitz genähert und die Reitermassen Murats von dort bis auf die Stadt zurückgeworfen hatte, so daß Napoleon eiligst zum Entsatz zurück nach Leipzig mußte und von Blücher abließ, da gönnte dieser seinen Leuten nicht die so sehr nötige Ruhe, da ging’s gleich in Eilmärschen hinter Napoleon her und sofort in den Kampf, kaum daß man sich ein wenig verpusten und abkochen konnte! Wobei Bernadotte, wie immer, sein Bestes tat, um mit der Nordarmee nicht zu früh zur Stelle zu sein, um helfen zu können.
„Unsere geniale Führung hatte eben so verdreht rekognosziert, daß alles bald schief gegangen wäre – wäre nicht der preußische Soldat eben der preußische Soldat gewesen!“ Und er schimpfte auf Blücher los.
Der hatte sich natürlich in den Kopf gesetzt, daß der Feind von Osten über das Plateau von Breitenfeld angreifen würde, statt aus dem Süden von Leipzig aus, wie er’s auch nachher wirklich tat. Er stellte also die ganze Armee mit der Front gen Osten auf, wobei das Yorcksche Korps den Feind an der rechten Flanke zu fühlen bekam, rechts drehen mußte und vom Korps Langeron abkam, das in der alten Richtung gegen die paar Feinde, die dort standen, weiter vorging. Da [pg 321]das Korps Sacken als Reserve zurückgeblieben war, mußte also Yorck allein den Hauptkampf ausfechten.
Das ganze Korps des Marschalls Marmont stand da um und hinter dem an der Elster liegenden Dorfe Möckern als Gegner und verteidigte seine Stellung mit der äußersten Hartnäckigkeit.
Um jedes Haus, um jedes Gehöft wurde Mann gegen Mann gekämpft, die Landwehrleute schlugen mit dem Kolben drein, das Dorf wurde wiederholt erobert und ebensooft verloren, die feindliche Artillerie warf ganze Reihen von den Angreifern nieder. Yorcks Brigaden schmolzen hin wie Schnee an der Sonne.
Aber er ließ nicht locker, wo er einmal angefangen hatte.
Als er seine letzten Infanteriereserven verbraucht hatte, gab er endlich der Kavallerie Befehl zur Attacke.
Mit lautem Hurra und Trompetengeschmetter sausten dann die brandenburgischen Husaren unter Major Sohr in den Pulverqualm hinein, die brandenburgischen Ulanen folgten, die litauischen Dragoner unter dem Grafen Henckell ebenso, und dann alles, was noch an Kavallerie da war. Mit verhängten Zügeln ging es auf die feindliche Stellung los, zwischen die Batterien hinein, die Artilleristen wurden umgeritten und niedergesäbelt, die Karrees zusammengehauen, und alles, was noch Leben und Atem hatte, in wilder Flucht und immer zunehmender Auflösung vor den Pferden hergetrieben.
Alles, was Yorck noch an Truppen verfügbar hatte, ließ er jetzt zur Verfolgung vorrücken. Die Tamboure schlugen den Sturmmarsch, und Ostpreußen, Schlesier, Mecklenburger und Brandenburger taten ihr Bestes, um die Niederlage des Feindes so vernichtend wie möglich zu gestalten.
„Das sind alles die ‚Feiglinge‘ von Jena gewesen!“ sagte Yorck noch einmal, als er mit dem jungen Rittmeister die Einzelheiten des Kampfes durchgesprochen hatte. „Aber noch so’n Tanz, und ich habe keine Leute mehr! Mancher Mutter Sohn hat heute die Erde küssen müssen! Zu viele waren’s, – – zu viele!“
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„Dafür soll das Korps nun auch Ruhe haben!“ antwortete der Rittmeister, und meldete zugleich, daß das Korps Yorck am nächsten Tag nach Wahren zurückkehren sollte, um sich da neu zu formieren, und daß die Russen unter Sacken dafür in die Schlachtlinie einrücken würden.
„Der Teufel auch!“ rief Yorck zornig. „Das Schlachtfeld, das wir gegen den Feind behauptet haben, behaupten wir auch gegen die Freunde. Das werden wir wohl den Russen überlassen?! Nimmermehr!“
Der Rittmeister erwiderte, er hätte selbst Gneisenau die Disposition diktieren hören. Wobei Yorck in Wut kam und eine ganze Reihe von Grobheiten gegen Gneisenau losließ, von dem das wieder nichts als bodenlose Niedertracht wäre.
Da klang von einem der Biwakfeuer das alte Lied: „Nun danket alle Gott!“
Am nächsten Feuer wurde der Gesang aufgenommen und pflanzte sich so weiter von Feuer zu Feuer über das ganze blutgetränkte Feld, bis es, von Tausenden von Stimmen getragen, gewaltig anschwoll, in machtvollen Klängen alle anderen Geräusche verschlang, wieder abnahm, in sich zusammensank und verstummte.
Yorck hatte seinen Hut abgenommen und stand da, still, gebeugten Hauptes, und lauschte auf das Lied, bis es aufhörte. Dann sprach er seinen alten Lieblingsspruch leise vor sich hin: „Anfang, Mitte und Ende, Herr Gott zum besten wende!“, setzte seinen Hut auf und verabschiedete den jungen Rittmeister mit dem kurzen Befehl: „So, nun gehe Er an seinen Dienst!“
Auf einem anderen Platz des Schlachtfeldes stand noch jemand mit entblößtem Haupt und sang das Danklied mit. Es war Blücher.
Während seine Generalstabsoffiziere die Schreibarbeit versahen und die Dispositionen für den nächsten Tag ausfertigen, während Isegrim schimpfte und nörgelte, machte er praktische Arbeit und legte selbst Hand an die Bergung und Unterbringung der Verwundeten.
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Jedes Leben, das er hier noch retten könnte, würde er hüten wie eine große Kostbarkeit. Seine Tapferen hatten durch ihren Heldenmut heute vielleicht das Zünglein der Wage auf Sieg gerückt, und nichts wäre zu kostbar, um das zu lohnen.
Denn, er fühlte es, er war zur rechten Zeit mit ihnen hergekommen.
Drüben, jenseits Leipzigs, hatte es den ganzen Tag gewaltig gedonnert. Bei der Schlamperei der Hauptarmee und mit der ganzen Hauptmacht Napoleons gegen sich, hatte man wohl dort keinen entscheidenden Erfolg errungen. Aber auch keine Niederlage erleiden können, nachdem es Blücher gelungen war, hier bei Möckern Marmont festzuhalten und ihn daran zu hindern, zur Unterstützung zu eilen.
Wäre nur die Kronprinzenarmee zur rechten Zeit hier eingetroffen! Hätte Bernadotte nur seine Pflicht getan – da wäre es möglich gewesen, auch die beiden russischen Korps der Schlesischen Armee bei Möckern einzusetzen, statt sie nur als Sicherung gegen mögliche Überraschungen aus der linken Flanke aufzustellen! Dann hätten seine Preußen sich nicht verbluten müssen!
„Kinder, wer heute abend nicht tot oder wonnetrunken ist, der hat sich geschlagen wie ein Hundsfott!“ hatte er vor Beginn der Schlacht seinen Leuten zugerufen.
Und sie hatten sich wie Helden geschlagen.
Manch sangesfroher Mund war verstummt für immer. Aber die noch da waren, sangen um so froher.
Während des Gesanges war alles still geblieben. Auch ein paar Leute, die auf einer aus zusammengelegten Gewehren zurechtgemachten Bahre einen verwundeten Husaren trugen, blieben gerade vor Blücher stehen, setzten ihre Bürde ab, entblößten ihre Häupter und sangen mit.
Blücher blickte hin. Es war ein Graubart wie er selbst. Er lag da in der Uniform der schwarzen Husaren, unbeweglich ausgestreckt, und stöhnte leise.
[pg 324]
Blücher ging hin, legte seine Hand auf den Arm des Verwundeten und fragte nach seinem Befinden und seinem Namen.
„Krause! Auch früher bei den Bellingschen gedient!“
„Der Tausend auch! Da sind wir wohl alte Kriegskameraden?“
„Zu Befehl, Exzellenz! Ich war’s ja – der damals – am Kavelpaß – Exzellenz wissen wohl noch –?“
Blücher schmunzelte.
„Ob ich’s noch erinnere! Du warst es also, der mich gefangennahm?! – Sieh nur! Das war gescheit von dir! Da hast du mir einen großen Gefallen getan, mein Sohn! Dafür sollst du auch heute in meinem Bett schlafen! Ich geb’s dir ab. – Krause also?! Früher hießt du wohl anders! – Ich meine, das letztemal, als wir von jener Begebenheit miteinander sprachen, da war dein Name – –? Nun, gleichviel, wie er war! Du bist ein Husar, du hast dich brav geschlagen – sollst es denn auch genau so gut haben wie dein General! Tragt ihn in mein eigenes Quartier, Kinder!“
Die Träger griffen zu. Als sie aber die Bahre hoben, setzte sich der Verwundete mit Aufbietung seiner letzten Kraft auf, starrte Blücher groß an, seine Lippen bewegten sich, suchten nach Worten, das ganze Gesicht arbeitete in Angst.
Schließlich gelang es ihm.
„Es ist wahr – ich w a r’s – ich –“
Und dann sank er zurück, der Kopf fiel hintenüber, die Augen quollen vor, ein blutiger Schaum trat auf die Lippen.
„Der Tausend!“ sagte Blücher ergriffen. „Kaum finde ich meinen Solofänger wieder – da ist er hin! Hattest du es aber eilig, mein Sohn!“
Er beugte sich über den Toten und legte die Hand auf seine Stirn.
An den Wachtfeuern der Russen ging der Tanz weiter. Und drüben stieg der letzte Vers vom Fähnrich, der in den Krieg zog:
[pg 325]
„Am Grab sang dann eine Nachtigall:
widibum fallera, juchheirassa!
Am Grab sang dann eine Nachtigall
ob seiner Tapferkeit –
ob seiner Tapferkeit!“ –
*
„Der Kerl denkt, weil er mich einmal bei Lübeck zur Kapitulation brachte, wird er’s jetzt immer wieder tun! Der Teufel auch!“ fluchte Blücher und peitschte sein Pferd vorwärts, daß seine Begleiter, Prinz Wilhelm und Major Rühle von Lilienstern, kaum folgen konnten.
„Dem Faultier werde ich schon zeigen, wo König David sein Bier holte! Ich werde dem Monsieur Polka tanzen lernen, daß es nur so eine Art hat! D e n Kerl haben die hohen Herren zum Kriegsrat in Trachenberg berufen und mit ihm den ganzen Kriegsplan beraten – mit mir nicht! Dazu war ich ihnen nicht gut genug! Aber zum Eseltreiber – hol’s der Teufel!“
In vollem Trabe langten die Reiter in Breitenfeld, nördlich von Leipzig, an. Auf dem höchsten Punkt des sanft gewellten Geländes hielten zwei andere Reiter in glänzenden Uniformen, mit blaugelben Straußfedern an den Hüten.
Es waren Bernadotte und sein Adjutant.
Sie waren nicht etwa damit beschäftigt, das Terrain für den Aufmarsch auf das Schlachtfeld um Leipzig zu untersuchen. Der Kronprinz, der nun auch schwedische Geschichte lernen mußte, ließ sich über die berühmte Schlacht Vortrag halten, die Gustav Adolf einmal, während des Dreißigjährigen Krieges, dem General Tilly auf eben diesem Boden geliefert hatte.
Sie waren eben damit so weit gediehen, daß die Sachsen, auf dem linken Flügel der schwedischen Aufstellung, vor dem Stoß der Wallonen Tillys in wilder Flucht davongejagt waren; die Finnen unter Horn, die blauen und gelben Regimenter unter des Königs eigener Führung stürmten gerade [pg 326]gegen die Anhöhe hier oben an, von wo die schwere Artillerie Tillys Tod und Verderben in die Reihen der Schweden säte – das Schlachtenglück wandte sich eben den Schweden zu, die Worte des Adjutanten wurden immer hochtrabender, die Luft war von „Siegesfahnen schwül“ – da galoppierte gerade Blücher mit seinen Begleitern in die Geschichte hinein und warf die Forderungen des Tages in die Bresche – die glorreichen Gestalten der Weltgeschichte verblaßten vor den blut- und lebenstrotzenden der Gegenwart und wurden schmählich in die Flucht geschlagen – Klios Griffel sank – die Muse der Geschichte verhüllte ihr Haupt – kurz: der Adjutant hielt sein Maul, und Mars beherrschte in Blüchers Person die Stunde.
Blücher hielt, atemlos von dem schnellen Ritt, vor Bernadotte, sagte: „Bon jour!“ und: „Wie geht’s?“ trocknete sich den Schweiß aus der Stirn, winkte Major Rühle schnell näher und schrie ihm mit heiserer Stimme zu: „Sagen Sie ihm, daß es höchste Zeit ist – höchste Zeit!“
„Qu’est-ce qu’il dit?“ fragte Bernadotte etwas nervös wegen der unerwarteten Unterbrechung seiner Geschichtsstudien.
„Sagen Sie ihm, es ist die höchste Zeit!“ schrie Blücher noch kratzbürstiger. „Er soll seiner Armee Marschbefehl geben! Er soll sofort über die Parthe gehen und auf den Feind einhauen! Die Schlacht beginnt, wir warten schon seit Sonnabend früh vergebens auf den Monsieur – heute ist’s Montag, und er steht erst hier weit hinter uns! So’n Schneckenkriechen angesichts des Feindes war noch nicht da!“
Der Major Rühle von Lilienstern verdolmetschte die Befehle seines Obergenerals und tat es mit vielem Zartgefühl. Er verstand es, den temperamentvollen Ausbruch Blüchers in so tadellose Form zu kleiden, daß die erstaunt gehobenen Brauen Bernadottes wieder in die normale Lage sanken.
Durch eine Neigung des Kopfes gab er zu erkennen, daß er begriff.
„Un moment!“ sagte er dann und fragte, sich an seinen Adjutanten wendend: „Wo waren wir eigentlich? – Die [pg 327]schwere Artillerie Tillys stand also auf dieser Anhöhe? Und Gustav Adolf machte dort drüben eine Linksbewegung, um sich der drohenden Überflügelung zu entziehen – n’est-ce pas? Er setzte sich an die Spitze seiner ‚Blauen‘ und seiner ‚Gelben‘ – – –“
Und so ließ er ungeniert die berühmte Schlacht bei Breitenfeld im Dreißigjährigen Kriege weitergehen, trotz der schon mit voller Gewalt um ihn tobenden Leipziger Völkerschlacht. Denn ein rechter Schlachtenlenker läßt sich durch nichts verblüffen und verliert niemals seine Ruhe.
Blücher, der immer noch kein Französisch verstand, blickte bald Prinz Wilhelm, bald Major Rühle an, die nur schwer ihre Munterkeit verbeißen konnten, und fragte: „Was redet er? Er spricht von Gustav Adolf! Er redet von Tilly! Was gehen die mich an? Die sind alle beide längst vermodert! Heute heißt’s Napoleon oder kein Napoleon! Und der Monsieur dort soll mir Antwort auf meine Frage geben, warum er mich im Stich läßt?! Auch eine Zumutung vom Großen Hauptquartier, mich, der ich kein Wort Französisch kann, mit einem General zusammenzukoppeln, der kein Deutsch spricht! Weder kann er mich, noch kann ich ihn kommandieren! Was mache ich nun mit dem Kerl? Auf so’ne hahnebüchene Idee konnte nur ein Französling wie Knesebeck kommen!“
Bernadotte unterbrach noch einmal die Schlacht bei Breitenfeld, ritt an Major Rühle heran und fragte höflich nach den Wünschen des Generals von Blücher. Und ob ihm etwas zugestoßen wäre? Er wäre ja so aufgeregt!
Major Rühle gab denn aus eigenem dem Kronprinzen Bescheid über den Anlaß zum frühen Morgenritt, nämlich: den Kronprinzen zu bewegen, mit der Nordarmee schnellstens über die Parthe zu gehen, östlich von Leipzig in die Lücke zwischen der Hauptarmee und der Schlesischen Armee einzurücken und so zu helfen den Ring um Napoleon zu schließen und ihn dann mit aller Macht anzugreifen.
Bernadotte schüttelte den Kopf. Er war mitten in der Kriegsgeschichte drin, die andere gemacht hatten. Und nun [pg 328]stellte man plötzlich die Forderung an ihn: er solle selbst Geschichte machen! Geschichte d e m o n s t r i e r e n, ja, damit könnte er dienen! Und damit fing er denn auch richtig an.
Er wies nach, daß derartige Einkreisungsmanöver in der Geschichte selten oder niemals gelungen wären. Sie waren in den meisten Fällen nur zum Nachteil des Angreifers ausgefallen! Und jetzt, mit einem Gegner wie Napoleon, und ohne ihm einen zweiten Napoleon entgegenstellen zu können, das wäre aussichtslos! Dem Hannibal war das einmal bei Cannä gelungen, aber auch ihm nur das eine Mal!
Und Napoleon! Der kannte dies Terrain besser als jeder andere – ja besser als die Einheimischen selbst! Der hatte, als junger Mensch, Europas Karte buchstäblich in sich hineingefressen! Sein Gehirn trug sämtliche Berge, Flüsse und Täler des Kontinents im Abdruck! Städte, Flecken, Burgen, Schlösser, Wege, Defileen – alles hatte er im Kopfe! Es existierte nichts, worüber er nicht Bescheid wußte! Er war ein Genie in der Ausnützung aller Möglichkeiten! Gerade da, wo man es am wenigsten erwartete, sausten seine Schläge nieder mit der Plötzlichkeit eines Donnerschlages! Nun, man würde ja sehen! „Hier, im Norden, wird er durchzubrechen suchen, wenn ich ihn recht kenne“, setzte der Kronprinz seinen Vortrag fort. „Alles spricht dafür! Er muß nach Norden debouchieren! Den Plan, auf Berlin zu gehen, hat er nur scheinbar fallenlassen! Er hat ja noch die wichtigsten Elbfestungen: Dresden, Magdeburg, Hamburg. Er hat an der Oder: Küstrin, Stettin – hat Danzig, hat große Garnisonen überall, mit denen er sich verstärken und unserer Herr werden kann! Er wird hier an Breitenfeld vorbei durchbrechen – und mir zugleich meine einzige Rückzugslinie auf Stralsund abschneiden. Dem kann ich mich nicht aussetzen. Er würde mich einkreisen! – – Nun – mit dem Kronprinzen von Schweden würde er einen ganz guten Fang tun!“
„Geb Gott, er nähme ihn! Wir geben ihn ihm mit Kußhand wieder!“ sagte Blücher grob, als Rühle ihm das alles verdolmetscht hatte. Es kochte in ihm vor Wut, seine kost[pg 329]bare Zeit mit solchem Tratsch vertrödelt zu sehen, und er schrie noch hochrot im Gesicht vor Zorn: „Der Kronprinz denkt wohl am Ende, wir haben ihn uns kommen lassen, damit er uns den Napoleon erklärt und uns angst und bange vor ihm macht?! Herr, solche Bangbuxen haben wir ohne ihn mehr als genug. Wir brauchen nicht noch einen zu importieren! Er soll seine Pflicht tun! Er soll sich auf seinen Platz in der Schlachtordnung begeben und sich schlagen, wie’s einem Mann geziemt! Basta!“
Major Rühle übersetzte das in parlamentarische Ausdrücke und behauptete mit eiserner Stirn: der General ließe den Kronprinzen doch freundlichst bitten, seiner Armee Befehl zum Aufmarsch zu geben. Worauf Bernadotte, der sich Blücher gegenüber in der glücklichen Lage eines Tauben befand, der nichts zu verstehen brauchte, artig antwortete: er wäre gern – und besonders seinem alten Freunde Blücher gegenüber – gefällig! Jedoch die Klugheit gebiete ihm, lieber hinter dem linken Flügel der Schlesischen Armee stehenzubleiben, um Napoleon in die Flanke zu fallen, falls er hier durchbrechen sollte.
„Faule Ausreden, Herr!“ schrie Blücher ihn jetzt direkt an. „Der Herr Napoleon soll eben keine Löcher zum Durchbrechen haben! Die sollen ihm verstopft werden, und dann wird er in die Pfanne gehauen! Verstanden?! In drei Teufels Namen, Rühle, mache Er’s doch dem Kerl verständlich! Aber wörtlich und ohne Umschweife!“
Das machte der Major, aber immer noch in seiner gewohnten diplomatischen Weise. Worauf Bernadotte antwortete: Es wäre gescheiter, wenn Blücher mit seiner Armee, die doch am weitesten vorn stünde, sich nach links schieben würde und ihm überließe, mit der Nordarmee in s e i n e Stellungen einzurücken.
„Das ist ’ne Unverschämtheit!“ schrie Blücher. „Das Schlachtfeld, das ich und meine Armee mit unserem Blute getränkt haben, sollten wir, bloß zu seiner Bequemlichkeit, dem Laffen überlassen! Hol’ ihn der Teufel, aber wenn er [pg 330]mir mit derartigem kommt, kann er noch an mir etwas erleben!“
Prinz Wilhelm legte sich jetzt ins Mittel und beruhigte den Alten. Inzwischen wurde Blüchers Ablehnung ins Französische übertragen. Und in d e r Sprache klingt ja alles viel höflicher und liebenswürdiger, als es gemeint ist!
Bernadotte verschloß sich nicht den guten Gründen, die Blücher für seine Ablehnung anführte, und erklärte sich schließlich bereit, den Linksabmarsch vorzunehmen und noch heute in die Schlacht einzugreifen, wenn Blücher ihm 30 000 Mann seiner Armee noch unterstellen würde. Das ganze Korps Langeron verlangte er von Blücher zu seiner Verstärkung. Er wollte dann gleich eine Meile flußaufwärts gehen und bei Taucha, wo gute Brücken waren, die Parthe überschreiten.
„Da kommt er doch erst nachmittags an den Feind heran“, rief Blücher, sich wieder ereifernd. „Wie kann einer so saudumm sein? Geradeswegs durch den Fluß soll er! Sag’s ihm doch, Rühle! Geradeaus von hier geht sein Weg! Das weiß der Gauner ebensogut wie ich! Er will sich nur drücken! Herrgottsakra! Das ist nicht mehr Dummheit! Das ist Niedertracht! Ich werde ihm die 30 000 Mann geben! Er soll sie haben um des lieben Friedens Willen, damit er endlich aus dem Krieg Ernst macht! Ich schlage mich ebensogut mit dem Rest allein! Aber er soll zumachen! Sofort auf der Stelle vorwärts! Das ist Bedingung! Sonst nehme ich ihm gleich meine Leute wieder fort!
Bernadotte blickte fragend auf den Major. Er verstand, daß Blücher einwilligte, aber auch, daß er schimpfte.
„Der General ist so ungeduldig“, bemerkte er herablassend. „Er hat’s wohl eilig? Nun gut! Gehen wir gleich in mein Quartier, setzen wir auf der Stelle unsere Vereinbarung schriftlich auf!“
Aus dem Süden von Leipzig hörte man jetzt schon Kanonendonner, und Blücher konnte kaum noch seine Ungeduld meistern, während Rühle ihm Bernadottes Worte übersetzte.
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„Schriftlich will der’s auch noch?! Der Teufel auch! Es ist schon zuviel, wenn ich’s ihm mündlich versprochen habe! Er soll mir den Puckel herunterrutschen!“
Womit er sein Pferd herumwarf und ohne Abschied davongaloppierte.
Der Prinz und Rühle verabschiedeten sich in aller Form von Bernadotte, bestätigten ihm Blüchers Einwilligung und setzten dann dem alten Hitzkopf nach!
Blücher hielt unterwegs plötzlich an.
„Rühle!“ rief er. „Erst befehlen Sie Langeron, sofort geradeswegs über die Parthe zu gehen! N a c h h e r, wenn wir ihn da haben, wo wir ihn haben wollen, dann erst sagen Sie ihm, daß er heute seine Befehle vom Kronprinzen von Schweden zu nehmen hat. Dann kann uns nichts mehr passieren!“
Sie ritten weiter.
„Rühle!“ sagte Blücher noch im Reiten, und ein spitzbübisches Lächeln huschte über sein Gesicht.
„Zu Befehl!“
„Wenn Er mir den Dolmetscher macht, da nützt einem ja das ganze Schimpfen nichts! Ich habe schon sein Scharwenzeln bemerkt! Er ist ein Filou! Ich werde noch Französisch lernen müssen. Wie heißt denn Donnerwetter auf französisch – zum Donnerwetter?! Raus damit, daß ich dem Kronprinzen wenigstens d a s direkt an den Kopf werfen kann!“
„Die Franzosen haben das mit dem Donnerwetter nicht, Herr General!“
„Nun, mit denen ist eben nichts los! Da wollen wir es ihnen einmal beibringen! Und nun vorwärts!“
*
Es war am Montag, dem 18. Oktober 1813.
Auf dem Colmberg hinter Liebertwolkwitz, südlich von Leipzig, ging es lebhaft zu.
Dort war für den heutigen Schlachttag der Monarchenhügel, von dem aus die drei verbündeten Herrscher Öster[pg 332]reichs, Preußens und Rußlands den Fortgang der Schlacht beobachteten, oder wie sie dachten – leiten wollten.
Drei nebeneinander aufgepflanzte Standarten in den Farben der Monarchen bezeichneten den Standort der Allerhöchsten Dreieinigkeit.
Adjutanten, Ordonnanzen und Stallmeister eilten hin und her und brachten Meldungen oder empfingen Weisungen. Auf kleinen Tischen lagen Karten und Bestecke ausgebreitet. Furiere und Lakaien packten die Frühstückskörbe aus, entkorkten Weinflaschen und bereiteten, an rasch gemachten Feuern, den Tee. Im Hintergrund wurden die Hohen und Allerhöchsten Leibpferde hin und her geführt.
Ganz vorne lagen in drei bequemen, etwas auseinandergerückten Feldstühlen die drei Gewaltigen, von Generalstabsoffizieren aufgewartet, die den erklärenden Text zum Schauspiel sprachen und die Befehle der Majestäten empfingen, wenn ihnen Eingebungen von oben kamen.
Ein glänzendes Gefolge bildete den Hintergrund zur Monarchengruppe und gleichzeitig die Kulisse, hinter der die Geschäftigkeit der niederen Dienerschaft sich ungeniert breitmachen konnte.
Da waren die königlich-preußischen Generalmajore Freiherr von Hacke und Freiherr von Knesebeck – der k. u. k. Feldmarschalleutnant Ritter von Kutschera, der gleichfalls k. u. k. österreichische Oberstleutnant Graf Waldstein-Wartenberg, der unter seinen Ahnen gar einen Wallenstein hatte, die russischen Generäle Fürst Wolkonsky und Graf Ovaroff, alles gewaltige Helden und Schlachtenlenker, die tausendmal besser wußten, wie auf dem Schlachtfeld alles gemacht werden sollte, als die, die es tatsächlich machten. Zuletzt, aber doch nicht der Letzte im Kreise, der königlich-großbritannische Generalleutnant Charles William Stewart, der geheime Drahtzieher des von England bezahlten, von ihm erlaubten und in seinem ureigensten Interesse geführten Befreiungskrieges, der es mit dem Sturz Napoleons vom Alp der Kontinentalsperre befreien sollte.
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Der Kaiser Alexander war in den sieben Jahren seit Tilsit fülliger geworden. Seine jünglingshafte Gestalt war einer gewissen selbstbewußten Männlichkeit gewichen, die noch mehr vom Nimbus eines großen Kriegshelden umstrahlt wurde, seitdem sein Glück ihm den Sieg des russischen Winters über den bis dahin unbesiegten größten Feldherrn seiner Zeit in den Schoß geworfen hatte.
Er war infolgedessen, im Rate der drei Monarchen, die unbestrittene Autorität in allen militärischen Dingen, deren Entscheidung für gewöhnlich den Ausschlag gab.
Er ging heute ganz in der Betrachtung des Schauspiels auf, das sich vor ihm abspielte, übte Kritik und gab Befehle und Anregungen.
Um ihn herum war ein Kommen und Gehen, ein Gewirr von Stimmen, eine Aufregung, eine Verzückung, alles tat, als ob ihm göttliche Offenbarungen zuströmten, und er selbst gab sich auch ungeniert und mit Grazie den Anschein, das Ganze zu leiten.
Der König von Preußen trug immer noch seine alte, verdrießliche, gelangweilte Miene zur Schau und schien von geheimem Ärger über irgend etwas Unaussprechliches geplagt zu sein. Seine Blicke glitten immer wieder musternd über die Uniform des neben ihm stehenden Generals von Knesebeck, zählten die Knöpfe an seiner Hosennaht von unten bis oben, von oben bis unten, und er genoß dabei im geheimen die Wonne tödlichen Gekränktseins über die Unverschämtheit Napoleons, ihn bei ihrem ersten Zusammentreffen auf dem Memelfluß zu fragen, ob er all die Knöpfe an seiner Hosennaht immer auf- und zuknöpfen müßte! –
Nun, heute würde dem Korsen wohl das und so vieles andere mit Zinsen heimgezahlt werden!
Kaiser Franz in weißem Uniformrock und roten Hosen, hager und vertrocknet, mit dem langweiligen nichtssagenden Gesicht eines im Staub der Akten am besten gedeihenden Kanzleimenschen, saß aufrecht im dritten Stuhl.
Ihm war’s nicht ganz behaglich hier draußen, mitten im Trubel großer Geschehnisse. Ihm wäre viel wohler am [pg 334]Schreibtisch in seinem Arbeitszimmer zu Schönbrunn, wo er nach Herzenslust Randbemerkungen und Verfügungen in all die Gesuche um Gnadenbewilligungen höchst eigenhändig einzeichnen konnte.
So etwas mußte täglich erledigt werden, sonst häufte sich das an! Und kein anderer durfte das besorgen. Wer weiß, was ihm sonst an persönlichem Tratsch verlorengehen würde – und jetzt unwiderbringlich verlorenging, solange er im Felde war!
Die ganze Kriegführung war ihm mit der Zeit herzlich gleichgültig geworden. Es gab am Ende ja doch nur Niederlagen, wie oft man auch siegte! Nach einem Aspern immer ein Wagram! Gegen Napoleon war ja nicht aufzukommen!
„Kutschera!“ rief er, und setzte sich noch gerader auf, so daß die Falten in seinem graublassen Gesicht sich in gestrenge, senkrecht verlaufende Parallelen legten. „Schauen’s a mal nach mei Reitpferd nach! Ob’s auch parat ist? Vorgestern, bei Güldengossa, wär’s fast schief gange! Und heut – man kann ja net wisse!“
Sein lieber getreuer Kutschera eilte, sich seines Auftrags zu entledigen. Und der Kaiser blieb solange unbeweglich sitzen, ohne eine Miene zu verziehen, und blickte in die Richtung, in die Kutschera gegangen war, bis er wiederkam und alleruntertänigst meldete, daß alles in Ordnung sei.
Der Kaiser überhörte dabei, ob absichtlich oder nicht, die Frage seines lieben Vetters von Preußen nach dem Inhalt des Briefes, den er am gestrigen Tage von seinem Schwiegersohn Napoleon bekommen hatte.