Das Stuttgarter Hutzelmännlein
Das Stuttgarter Hutzelmännlein.
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 4 Teile geteilt.
Ein Kobold gut bin ich bekannt
In dieser Stadt und weit im Land;
Meines Handwerks ein Schuster war
Gewiß vor siebenhundert Jahr.
Das Hutzelbrot ich hab’ erdacht,
Auch viel seltsame Streich’ gemacht.
Wohl vor fünfhundert und mehr Jahren, zu denen Zeiten, als Graf Eberhard
von Wirtemberg, ein tapferer Kriegsheld und ruhmvoller Herr, nach langen,
schrecklichen Fehden mit des deutschen Reichs Häuptern, mit dem Habsburger
Rudolf und dessen Nachfolgern, zumal auch mit den Städten, das Schwabenland
nun wieder zu Ruh’ und Frieden kommen ließ, befand sich in Stuttgart ein
Schustergesell, namens Seppe, bei einem Meister, der ihm nicht gefiel, deshalb
er ihm aufsagte; und weil er nie gar weit vor seine Vaterstadt hinaus gekommen,
nicht Eltern noch Geschwister mehr hatte, so war er jetzt willens zu wandern.
Die letzte Nacht, bevor er reiste, saß er allein in der Gesellenkammer auf (die
andern waren noch beim Wein oder sonst zu Besuch); sein Ranzen lag geschnürt
vor ihm, sein Wanderstab daneben, der hübsche Bursche aber hing den Kopf —
er wußte nicht so recht, warum — und auf dem Tisch die Ampel brannte einen
großen, großen Butzen. Indem er jetzt aufschaute und nach dem Klämmchen
griff, dem Zochen zu helfen, sah er auf seiner leeren Truche ein fremdes
Männlein sitzen, kurz und stumpig, es hätte ihm nicht bis zum Gürtel gereicht.
Es hatte ein schmutziges Schurzfell um, Pantoffeln an den Füßen, pechschwarze
Haare, dazu aber hellblaue, freundliche Augen.
„Gott grüß dich, Seppe! Kennst mich nit? Ich bin der Pechschwitzer, das
Hutzelmännlein, der Tröster. Ich weiß, du bist ein braves Burgerskind, sorgst
immerdar für anderer Leute Fußwerk und gehst doch selbst nicht auf dem besten
Zeug. Da du nun morgen reisen willt, so hab’ ich dir statt einem Wanderpfennig
etwas mitgebracht von meiner eigenen Arbeit: sind Glücksschuh’, zwei Paar,
schau her! Die einen legst du an, gleich morgen; sie ziehen sich nach dem Fuß und reißen nicht dein Leben lang; die andern aber nimm und stell’ sie unterwegs
an eine Straße, versteh’ mich, unbeschrien, wo niemand zusieht! Vielleicht, daß
dir dein Glück nach Jahr und Tag einmal auf Füßen begegnet. Auch hast du hier
noch obendrein etwas zum Naschen, ein Laiblein Hutzelbrot. So viel du davon
schneid’st, so viel wachst immer wieder nach im Ranzen oder Kasten, wenn du
auch nur ein Ränftlein fingersbreit übrig behältst. Ganz sollt du’s nie aufzehren,
sonst ist es gar. Behüt’ dich Gott, und tu’ in allem, wie ich sagte! Noch eins:
kommst du etwa ins Oberland, Ulm zu und gen Blaubeuren, und find’st von
ungefähr ein Klötzlein Blei, nimm es zuhanden und bring’s mir!“ — Der Seppe
versprach’s und dankte geziemend für alles; das Männlein aber war in einem Hui
verschwunden.
Nun jauchzte der Geselle überlaut, beschmeckte bald das Brot, beschaute bald
die zwei Paar Schuhe. Sie sahen ziemlich aus, wie er sie selber machte, nur daß
sie feine wunderliche Stiche hatten und hübsch mit einem zarten, roten Leder
ausgefüttert waren. Er zog sie an, spazierte so ein dutzendmal die Kammer auf
und ab, da ihm denn in der Kürze freilich nichts Besonderes von Glück passieren
wollte. Danach ging er zu Bett und schlief, bis der Morgen rot wurde. Da deucht’
es ihn, als wenn ihm jemand klopfte, zwei-, dreimal, recht vernehmlich, daß er
jählings erwachte. Die andern hörten’s auch, doch schliefen sie gleich wieder
ein. Das haben meine vier Rappen getan! dachte er und horchte hin, allein es
rührte und regte sich nichts mehr.
Als er nun fix und fertig angezogen stand und gar vergnügt auf seine Füße
niedersah, sprach er: „Jetzt laufen wir dem Teufel ein Bein weg! Jetzt tausche
ich mit keinem Grafen!“ — Wohl und gut; nur eine Kleinigkeit hat er versehen:
er hat den einen Schuh von seinem Paar mit dem einen vom andern verwechselt.
Ach, wer ihm das gesagt hätte!
So schlich er denn leis die Stiege hinunter, die Meistersleute nicht zu wecken;
denn Abschied hatte er gestern genommen, und statt der Suppe aß er gleich ein
tüchtiges Stück Schnitzbrot in währendem Gehen. So etwas hatte er noch
niemals über seinen Mund gebracht, wohl aber oft von seiner Großmutter gehört,
daß sie einmal in ihrer Jugend bei einer Nachbarsfrau ein Stücklein vom echten
bekommen, und daß es eine Ungüte vom Brot drum sei.
Wie er jetzt vor dem obern Tor draußen war, zween Bogenschüsse oder drei,
kam er an eine Brücke: da mußte er ein wenig niedersitzen, die Türme seiner
Vaterstadt, das Grafenschloß, die Häuser und Mauern noch einmal in der
Morgensonne besehen; dann, eh’ er weiterging, fiel ihm noch ein: Hier könnt’
ich das Paar Schuh auf den Brückenrand stellen. Er tat’s und zog fürbaß. — Eine
Stunde über die Weinsteig hinaus kommt er in einen grünen Wald. Von ungefähr
hört er auf einer Eiche den blauen Montag schreien, welches ein kurzweiliger Vogel ist, der seinen Namen davon hat, daß er immer einen Tag in der Woche
mit der Arbeit aussetzt; da singt er nichts als Schelmenlieder und schaut
gemächlich zu, wie andere Vögel ihre Nester richten, brüten und ihre Jungen
ätzen; die seinigen krepieren ihm auch ordinär, deswegen er ein Raritätsvogel ist.
So einen muß ich haben! denkt der Seppe; ich biet’ ihn einem großen Herrn an
unterwegs. Ein sonderer Vogel ist oft gern zwei Kälber wert, die Hepsisauer
haben ihre Kirchweih um einen Guckigauch verkauft: wenn ich nur einen Taler
löse, tut mir’s wohl. Wie komm ich nur gleich da hinauf? — Seiner Lebtage hat
er nie klettern können, diesmal aber ging’s, als hätten ihrer sechs an ihm
geschoben, und wie er droben ist, da sieht er sieben Junge flügg, mit blauen
Köpfen im Nest! Er streckt schon eine Hand danach — krach! bricht ein fauler
Ast, und drunten liegt der Schuster — daß er nicht Hals und Bein brach, war ein
Wunder. „Ich weiß nicht,“ sagte er, indem er aufstand und die Platte rieb, „was
ich von dem Pechschwitzer denken soll; das ist kein mutiger Anfang!“
Zu seinem Trost zog er sein Schnitzbrot aus dem Ranzen und fand dasselbe
wahrlich beinah schon wieder rund und ganz gewachsen. Er sprach dem Laiblein
aber im Marschieren solang zu, bis ihm ganz übel ward, und deuchte ihn, er habe
sich für alle Zeit Urdrutz daran gegessen. Sei’s drum! ein Sprüchlein sagt: „Es ist
nur geschlecket, das nimmer klecket.“
Sein Sinn war allermeist auf Augsburg oder Regensburg gerichtet, denn diese
Städte hatte er vor manchen andern rühmen hören; zuvörderst wollte er aber
nach Ulm.
Mit großen Freuden sah er bald von der Bempflinger Höhe die Alb als eine
wundersame blaue Mauer ausgestreckt. Nicht anders hatte er sich immer die
schönen blauen Glasberge gedacht, dahinter, wie man ihm als Kind gesagt, der
Königin von Saba Schneckengärten liegen. Doch war ihm wohl bekannt, daß
oben weithin wieder Dörfer seien, als Böhringen, Zainingen, Feldstetten,
Suppingen, durch welche sämtlich nacheinander er passieren mußte.
Jetzt hing sich auf der Straße ein Schönfärbergesell an ihn, gar sehr ein
naseweises Bürschchen, spitzig und witzig, mit Backen rosenrot, Glitzäugelein,
ein schwarzes Kräuselhaar dazu, und schwatzte oder pfiff in einem weg. Der
Seppe achtete nicht viel auf ihn, zumal ihm eben jetzt etwas im Kopf umging,
das hätte er sich gern allein im stillen überlegt. Am Weg stand eine Kelter, mit
einem umgelegten Trog davor, auf diesen setzt’ er sich, der Meinung, sein
Weggenoß soll weiter gehen. Der aber warf sich seitwärts hinter ihm ins Gras
und schien bald eingeschlafen, von der Hitze müd’. Da war es still umher; ein
einziges Heimlein sang am staubigen Rain so seine Weise ohn’ Aufhören fort.
Endlich da fing der Seppe vor sich selbst, doch laut genug, zu sprechen an:
„Jetzt weiß ich, was ich tu’: ich werd’ ein Scherenschleifer! Wo ich halt geh’ und steh’, juckt’s mich, ein Rad zu treten, und sollt’s ein Spinnrad sein!“ (Dem war
auch richtig so und konnte gar nicht anders sein, denn einer seiner Schuhe war
für ein Mädchen gefeit und gesegnet.) „Die Art von Schleiferei,“ so sprach der
Seppe weiter, „muß einer doch bald können, und so ein Kerl führt seine
Werkstatt lustig auf einem Schubkarrn durch die Welt, sieht alle Tage eine
andere Stadt, da pflanzt er sich im Schatten an einem Markteck auf und dreht
seinen Stein, daß die Funken wegfliegen. Die Leute mögen sprechen, was sie
wollen, das ist jetzt einmal mein Beruf und mein Genie, ich spür’s in allen
Gliedern; und wo mir recht ist, hat mein Ehni seliger einmal gesagt: Der Seppe
ist unter dem Zeichen des Wetzsteins geboren.“
Bei diesen Reden richtete sich das Färberlein halb in die Höh’. Der ist ein
Letzkopf, dachte es, und ich bin meines Lebens neben ihm nicht eines Glaubens
Länge sicher; stand sachte auf, schlich sich hinweg in einem guten Bogen über
das Ackerfeld und fußete sodann der geraden Straße nach, als brennte ihm der
Steiß, Metzingen zu. Der Schuster, welcher endlich auch aufbrach, sah ihn von
weitem rennen, argwöhnte aber nichts und zog, seines Vorsatzes herzlich
vergnügt, demselben Flecken zu. Allein wie schaute er hoch auf, da alle Leute
dort die Köpfe nach ihm aus den Fenstern streckten und ihm die Kinder auf der
Gasse, an zwanzig, mit Geschrei nachsprangen und sangen:
Scherraschleifer, wetz, wetz, wetz,
Laß dei Rädle schnurra!
Stuagart ist a grauße Stadt,
Lauft a Gänsbach dura.
Der Seppe hatte einen Stiefelszorn, schwang öfter seinen Knotenstock gegen den
Schwarm: sie schrien aber nur um desto ärger, und also macht’ er sich, so hurtig
er nur konnte, aus dem Wespennest hinaus. Noch vor der letzten Hütte draußen
hörte er ein Stimmlein verhallend im Wind:
Scherraschleifer, wetz, wetz, wetz!
Er hätte für sein Leben gern den Färber, welcher ihm den Possen spielte,
dagehabt und ihm das Fell geruckt, wie er’s verdiente; der aber blieb im Ort
zurück, wo er in Arbeit stand. Sonst war der Wicht in Büßingen daheim, wie er
dem Seppe sagte.
Derselbe ließ sich den erlittenen Schimpf nicht allzulang’ anfechten, noch
seinen Vorsatz dadurch beugen. Er machte seinen Trott so fort, und widerfuhr
ihm diesen Tag nichts weiter von Bedeutung, als daß er etlichmal rechts ging, wo
er links gesollt hätte, und hinwiederum links, wo es rechts gemeint war; das
freilich nach dem Zeugnis aller Reis’beschreiber schon gar die Art nicht ist, um zeitig und mit wenig Kosten an einen Ort zu kommen.
Einstweilen langte es doch eben noch bis Urach, wo er zur Nachtherberge
blieb. Am Morgen ging’s hinauf die hohe Steig auf das Gebirg, nicht ohne vieles
Stöhnen, denn sein einer Schuh — er merkte es schon gestern — hatte ihm ein
Hühneraug’ gedrückt, das machte ihm zu schaffen. Da wo die Steig am End ist,
holte er zum Glück ein gutes Bäuerlein aus Suppingen auf einem Wagen mit
etwas Schreinwerk ein, das hieß ihn ungebeten bei ihm aufsitzen.
Als sie nun eine Weile so, die große Ebene hinfahrend, beieinander saßen, fing
der Bauer an: „Mit Vergunst, i muaß jetzt doch fürwitzig froga: Gelt, Ihr sind
g’wiß a Drehar?“ — „Warum?“ — „Ei,“ sprach das Bäuerlein und sah auf des
Gesellen Fuß, „do der Kamrad arbeit’t allfort, ma moint er müaß all’ mei’ vier
Räder tretta!“
Der Seppe schämte sich ein wenig, im Herzen war er aber selig froh und
dachte: Hat mir der Bauer da ein Licht aufstecken müssen! Auf einen Drehstuhl
will’s mit dir hinaus und anderst nirgends hin!
Von nun an war der Schuster wie ein umgewend’ter Handschuh, ganz ein
andrer Mensch, gesprächig, lustig, langte den Schnitzlaib heraus, gab ihn dem
Bäuerlein bis auf den Anschnitt, sagend: „Lieber Mann, des bin ich froh, daß Ihr
mir angesehen, daß ich ein Dreher bin!“ — „Ha,“ sprach der andere, „sell ist
guat merka.“ — Der Alte kaute einen Bissen und machte ordentlich die Augen zu
dabei, so gut schmeckte es ihm; das übrige hob er als Heimbringens auf für Weib
und Kinder. Danach ward er redselig, erzählte dem Gesellen allerlei: vom Hanf-
und Flachsbau auf der Alb; wie sie im Winter gut in ihren strohgedeckten Hütten
säßen, ingleichen wie man solche Dächer mit besonderer Kunst verfertige. Auch
wußte er ihm viel zu sagen von Blaubeuren, einem Städtlein und Kloster im Tal,
zwischen mächtigen Felsen gelegen; da komme er hindurch und möge er sich ja
den Blautopf auch beschauen, wie alle Fremde tun.
Du aber, wohlgeneigter Leser, lasse dich, derweil die beiden so zusammen
diskurrieren, auch etlicher Dinge besonders berichten, die, ob sie sich zwar lang’
vor Seppes Zeit begeben, nichtsdestoweniger zu dieser Geschichte gehören!
Vernimm hiernach die wahre und anmutige
Historie von der schönen Lau.
Der Blautopf ist der große runde Kessel eines wundersamen Quells bei einer
jähen Felsenwand gleich hinter dem Kloster. Gen Morgen sendet er ein Flüßchen
aus, die Blau, welche der Donau zufällt. Dieser Teich ist einwärts wie ein tiefer
Trichter, sein Wasser ist von Farbe ganz blau, sehr herrlich, mit Worten nicht
wohl zu beschreiben; wenn man es aber schöpft, sieht es ganz hell in dem Gefäß.
Zu unterst auf dem Grund saß ehemals eine Wasserfrau mit langen fließenden
Haaren. Ihr Leib war allenthalben wie eines schönen natürlichen Weibs, dies
eine ausgenommen, daß sie zwischen den Fingern und Zehen eine Schwimmhaut
hatte, blühweiß und zarter als ein Blatt von Mohn. Im Städtlein ist noch
heutzutag ein alter Bau, vormals ein Frauenkloster, hernach zu einer großen
Wirtschaft eingerichtet, und hieß darum der Nonnenhof. Dort hing vor sechzig
Jahren noch ein Bildnis von dem Wasserweib, trotz Rauch und Alter noch wohl
kenntlich in den Farben. Da hatte sie die Hände kreuzweis auf die Brust gelegt,
ihr Angesicht sah weißlich, das Haupthaar schwarz, die Augen aber, welche sehr
groß waren, blau. Beim Volk hieß sie die arge Lau im Topf, auch wohl die
schöne Lau. Gegen die Menschen erzeigte sie sich bald böse, bald gut. Zuzeiten,
wenn sie im Unmut den Gumpen übergehen ließ, kam Stadt und Kloster in
Gefahr; dann brachten ihr die Bürger in einem feierlichen Aufzug oft
Geschenke, sie zu begütigen, als Gold- und Silbergeschirr, Becher, Schalen,
kleine Messer und andere Dinge, dawider zwar, als einen heidnischen Gebrauch
und Götzendienst, die Mönche redlich eiferten, bis derselbe auch endlich ganz
abgestellt worden. So feind darum die Wasserfrau dem Kloster war, geschah es
doch nicht selten, wenn Pater Emeran die Orgel drüben schlug und kein Mensch
in der Nähe war, daß sie am lichten Tag mit halbem Leib heraufkam und
zuhorchte; dabei trug sie zuweilen einen Kranz von breiten Blättern auf dem
Kopf und auch dergleichen um den Hals.
Ein frecher Hirtenjung’ belauschte sie einmal in dem Gebüsch und rief: „Hei,
Laubfrosch! git’s guat Wetter?“ Geschwinder als ein Blitz und giftiger als eine
Otter fuhr sie heraus, ergriff den Knaben beim Schopf und riß ihn mit hinunter in
eine ihrer nassen Kammern, wo sie den ohnmächtig gewordenen jämmerlich
verschmachten und verfaulen lassen wollte. Bald aber kam er wieder zu sich,
fand eine Tür und kam über Stufen und Gänge durch viele Gemächer in einen
schönen Saal. Hier war es lieblich, glusam mitten im Winter. In einer Ecke
brannte, indem die Lau und ihre Dienerschaft schon schlief, auf einem hohen
Leuchter mit goldenen Vogelfüßen als Nachtlicht eine Ampel. Es stand viel
köstlicher Hausrat herum an den Wänden, und diese waren samt dem Estrich
ganz mit Teppichen staffiert: Bildweberei in allen Farben. Der Knabe hurtig
nahm das Licht herunter von dem Stock, sah sich in Eile um, was er noch sonst
erwischen möchte, und griff aus einem Schrank etwas heraus, das stak in einem
Beutel und war mächtig schwer, deswegen er vermeinte, es sei Gold; lief dann
und kam vor ein erzenes Pförtlein, das mochte in der Dicke gut zwo Fäuste sein,
schob die Riegel zurück und stieg eine steinerne Treppe hinauf in
unterschiedlichen Absätzen, bald links, bald wieder rechts, gewiß vierhundert
Stufen, bis sie zuletzt ausgingen und er auf ungeräumte Klüfte stieß; da mußte er das Licht dahinten lassen und kletterte so mit Gefahr seines Lebens noch eine
Stunde lang im Finstern hin und her, dann aber brachte er den Kopf auf einmal
aus der Erde. Es war tief Nacht und dicker Wald um ihn. Als er nach vielem
Irregehen endlich mit der ersten Morgenhelle auf gänge Pfade kam und von dem
Felsen aus das Städtlein unten erblickte, verlangte ihn am Tag zu sehen, was in
dem Beutel wäre: da war es weiter nichts als ein Stück Blei, ein schwerer Kegel,
spannenlang, mit einem Oehr an seinem obern Ende, weiß vor Alter. Im Zorn
warf er den Plunder weg ins Tal hinab und sagte nachher weiter niemand von
dem Raub, weil er sich dessen schämte. Doch kam von ihm die erste Kunde von
der Wohnung der Wasserfrau unter die Leute.
Nun ist zu wissen, daß die schöne Lau nicht hier am Ort zu Hause war:
vielmehr war sie, als eine Fürstentochter, und zwar von Mutter Seiten her
halbmenschlichen Geblüts, mit einem alten Donaunix am Schwarzen Meer
vermählt. Ihr Mann verbannte sie darum, daß sie nur tote Kinder hatte. Das aber
kam, weil sie stets traurig war ohn’ einige besondere Ursach’. Die
Schwiegermutter hatte ihr geweissagt, sie möge eher nicht eines lebenden
Kindes genesen, als bis sie fünfmal von Herzen gelacht haben würde. Beim
fünftenmal müßte etwas sein, das dürfe sie nicht wissen noch auch der alte Nix.
Es wollte aber damit niemals glücken, so viel auch ihre Leute deshalb Fleiß
anwendeten; endlich da mochte sie der alte König ferner nicht an seinem Hofe
leiden und sandte sie an diesen Ort, unweit der obern Donau, wo seine
Schwester wohnte. Die Schwiegermutter hatte ihr zum Dienst und Zeitvertreib
etliche Kammerzofen und Mägde mitgegeben, so muntere und kluge Mädchen,
als je auf Entenfüßen gingen (denn was von dem gemeinen Stamm der
Wasserweiber ist, hat rechte Entenfüße); die zogen sie, pur für die Langeweile,
sechsmal des Tages anders an (denn außerhalb dem Wasser ging sie in köstlichen
Gewändern, doch barfuß), erzählten ihr alte Geschichten und Mären, machten
Musik, tanzten und scherzten vor ihr. An jenem Saal, darin der Hirtenbub
gewesen, war der Fürstin ihr Gaden oder Schlafgemach, von welchem eine
Treppe in den Blautopf ging. Da lag sie manchen lieben Tag und manche
Sommernacht der Kühlung wegen. Auch hatte sie allerlei lustige Tiere, wie
Vögel, Küllhasen und Affen, vornehmlich aber einen possigen Zwerg, durch
welchen vormals einem Ohm der Fürstin war von eben solcher Traurigkeit
geholfen worden. Sie spielte alle Abend Damenziehen, Schachzagel oder Schaf
und Wolf mit ihm; so oft er einen ungeschickten Zug getan, schnitt er die
raresten Gesichter, keines dem andern gleich, nein, immer eines ärger als das
andere, daß auch der weise Salomo das Lachen nicht gehalten hätte, geschweige
denn die Kammerjungfern oder du selber, liebe Leserin, wärst du dabei gewesen;
nur bei der schönen Lau schlug eben gar nichts an, kaum daß sie ein paarmal den Mund verzog.
Es kamen alle Jahr um Winters Anfang Boten von daheim, die klopften an der
Halle mit dem Hammer, da frugen dann die Jungfern:
Wer pochet, daß einem das Herz erschrickt?
Und jene sprachen:
Der König schickt.
Gebt uns wahrhaftigen Bescheid,
Was Guts ihr habt geschafft die Zeit!
Und sie sagten:
Wir haben die ferndigen Lieder gesungen
Und haben die ferndigen Tänze gesprungen,
Gewonnen war es um ein Haar. —
Kommt, liebe Herren, übers Jahr!
So zogen sie wieder nach Haus. Die Frau war aber vor der Botschaft und danach
stets noch einmal so traurig.
Im Nonnenhof war eine dicke Wirtin, Frau Betha Seysolffin, ein frohes
Biederweib, christlich, leutselig, gütig; zumal an armen reisenden Gesellen
bewies sie sich als eine rechte Fremdenmutter. Die Wirtschaft führte zumeist ihr
ältster Sohn, Stephan, welcher verehlicht war; ein anderer, Xaver, war
Klosterkoch, zwo Töchter noch bei ihr. Sie hatte einen kleinen Küchengarten vor
der Stadt, dem Topf zunächst. Als sie im Frühjahr einst am ersten warmen Tag
dort war und ihre Beete richtete, den Kappis, den Salat zu säen, Bohnen und
Zwiebel zu stecken, besah sie sich von ungefähr auch einmal recht mit
Wohlgefallen wieder das schöne blaue Wasser überm Zaun und mit Verdruß
daneben einen alten garstigen Schutthügel, der schändete den ganzen Platz;
nahm also, wie sie fertig war mit ihrer Arbeit und das Gartentürlein hinter sich
zugemacht hatte, die Hacke noch einmal, riß flink das gröbste Unkraut aus, erlas
etliche Kürbiskern’ aus ihrem Samenkorb und steckte hin und wieder einen in
den Haufen. (Der Abt im Kloster, der die Wirtin, als eine saubere Frau, gern sah
— man hätte sie nicht über vierzig Jahr geschätzt, er selber aber war, gleich ihr,
ein starkbeleibter Herr — stand just am Fenster oben und grüßte herüber, indem
er mit dem Finger drohte, als halte sie zu seiner Widersacherin.) Die Wüstung
grünte nun den ganzen Sommer, daß es eine Freude war, und hingen dann im
Herbst die großen gelben Kürbis an dem Abhang nieder bis zu dem Teich.
Jetzt ging einsmals der Wirtin Tochter, Jutta, in den Keller, woselbst sich noch
von alten Zeiten her ein offener Brunnen mit einem steinernen Kasten befand. Beim Schein des Lichts erblickte sie darinnen mit Entsetzen die schöne Lau,
schwebend bis an die Brust im Wasser, sprang voller Angst davon und sagt’s der
Mutter an; die fürchtete sich nicht und stieg allein hinunter, litt auch nicht, daß
ihr der Sohn zum Schutz nachfolge, weil das Weib nackt war.
Der wunderliche Gast sprach diesen Gruß:
Die Wasserfrau ist kommen
Gekrochen und geschwommen
Durch Gänge steinig, wüst und kraus
Zur Wirtin in das Nonnenhaus.
Sie hat sich meinethalb gebückt,
Mein’ Topf geschmückt
Mit Früchten und mit Ranken,
Das muß ich billig danken.
Sie hatte einen Kreisel aus wasserhellem Stein in ihrer Hand, den gab sie der
Wirtin und sagte: „Nehmt dieses Spielzeug, liebe Frau, zu meinem Angedenken!
Ihr werdet guten Nutzen davon haben. Denn jüngsthin habe ich gehört, wie Ihr
in Eurem Garten der Nachbarin klagtet, Euch sei schon auf die Kirchweih angst,
wo immer die Bürger und Bauern zu Unfrieden kämen und Mord und Totschlag
zu befahren sei. Derhalben, liebe Frau, wenn wieder die trunkenen Gäste bei
Tanz und Zeche Streit beginnen, nehmt den Topf zur Hand und dreht ihn vor der
Tür des Saals im Oehrn, da wird man hören durch das ganze Haus ein mächtiges
und herrliches Getöne, daß alle gleich die Fäuste werden sinken lassen und guter
Dinge sein, denn jählings ist ein jeder nüchtern und gescheit geworden. Ist es an
dem, so werfet Eure Schürze auf den Topf! da wickelt er sich alsbald ein und
lieget stille.“
So redete das Wasserweib. Frau Betha nahm vergnügt das Kleinod samt der
goldenen Schnur und dem Halter von Ebenholz, rief ihrer Tochter Jutta her (sie
stand nur hinter dem Krautfaß an der Staffel), wies ihr die Gabe, dankte und lud
die Frau, so oft die Zeit ihr lang wär, freundlich ein zu fernerem Besuch; darauf
das Weib hinabfuhr und verschwand.
Es dauerte nicht lang’, so wurde offenbar, welch einen Schatz die Wirtschaft
an dem Topf gewann. Denn nicht allein, daß er durch seine Kraft und hohe
Tugend die übeln Händel allezeit in einer Kürze dämpfte, er brachte auch dem
Gasthaus bald erstaunliche Einkehr zuwege. Wer in die Gegend kam, gemein
oder vornehm, ging ihm zulieb; insonderheit kam bald der Graf von Helfenstein,
von Wirtemberg und etliche große Prälaten; ja ein berühmter Herzog aus
Lombardenland, so bei dem Herzoge von Bayern gastweis war und dieses Wegs
nach Frankreich reiste, bot vieles Geld für dieses Stück, wenn es die Wirtin
lassen wollte. Gewiß auch war in keinem andern Land seinesgleichen zu sehen und zu hören. Erst, wenn er anhub sich zu drehen, ging es doucement her, dann
klang es stärker und stärker, so hoch wie tief, und immer herrlicher, als wie der
Schall von vielen Pfeifen, der quoll und stieg durch alle Stockwerke bis unter
das Dach und bis in den Keller, dergestalt daß alle Wände, Dielen, Säulen und
Geländer schienen davon erfüllt zu sein, zu tönen und zu schwellen. Wenn nun
das Tuch auf ihn geworfen wurde und er ohnmächtig lag, so hörte gleichwohl
die Musik sobald nicht auf, es zog vielmehr der ausgeladene Schwall mit
starkem Klingen, Dröhnen, Summen noch wohl bei einer Viertelstunde hin und
her.
Bei uns im Schwabenland heißt so ein Topf aus Holz gemeinhin eine
Habergeis; Frau Betha ihrer ward nach seinem vornehmsten Geschäfte
insgemein genannt der Bauren-Schwaiger. Er war gemacht aus einem großen
Amethist, des Name besagen will: Wider den Trunk, weil er den schweren Dunst
des Weins geschwinde aus dem Kopf vertreibt, ja schon von Anbeginn dawider
tut, daß einen guten Zecher das Selige berühre; darum ihn auch weltlich und
geistliche Herren sonst häufig pflegten am Finger zu tragen.
Die Wasserfrau kam jeden Mond einmal, auch je und je unverhofft zwischen
der Zeit, weshalb die Wirtin eine Schelle richten ließ oben im Haus mit einem
Draht, der lief herunter an der Wand beim Brunnen, damit sie sich gleichbald
anzeigen konnte. Also ward sie je mehr und mehr zutunlich zu den wackeren
Frauen, der Mutter samt den Töchtern und der Söhnerin.
Einsmals an einem Nachmittag im Sommer, da eben keine Gäste kamen, der
Sohn mit den Knechten und Mägden hinaus in das Heu gefahren war, Frau Betha
mit der Aeltesten im Keller Wein abließ, die Lau im Brunnen aber Kurzweil
halben dem Geschäft zusah und nun die Frauen noch ein wenig mit ihr
plauderten, da fing die Wirtin an: „Mögt Ihr Euch denn einmal in meinem Haus
und Hof umsehn? Die Jutta könnte Euch etwas von Kleidern geben; ihr seid von
einer Größe.“
„Ja,“ sagte sie, „ich wollte lange gern die Wohnungen der Menschen sehn,
was alles sie darin gewerben, spinnen, weben, ingleichen auch wie Eure Töchter
Hochzeit machen und ihre kleinen Kinder in der Wiege schwenken.“
Da lief die Tochter fröhlich mit Eile hinauf, ein rein Leintuch zu holen, bracht’
es und half ihr aus dem Kasten steigen; das tat sie sonder Müh’ und lachenden
Mundes. Flugs schlug ihr die Dirne das Tuch um den Leib und führte sie bei
ihrer Hand eine schmale Stiege hinauf in der hintersten Ecke des Kellers, da man
durch eine Falltüre oben gleich in der Töchter Kammer gelangt. Allda ließ sie
sich trocken machen und saß auf einem Stuhl, indem ihr Jutta die Füße abrieb.
Wie diese ihr nun an die Sohle kam, fuhr sie zurück und kicherte. „War’s nicht
gelacht?“ frug sie selber sogleich. — „Was anders?“ rief das Mädchen und jauchzte: „Gebenedeiet sei uns der Tag! ein erstes Mal wär’ es geglückt!“ — Die
Wirtin hörte in der Küche das Gelächter und die Freude, kam herein, begierig,
wie es zugegangen, doch als sie die Ursach’ vernommen — du armer Tropf, so
dachte sie, das wird ja schwerlich gelten! — ließ sich indes nichts merken, und
Jutta nahm etliche Stücke heraus aus dem Schrank, das Beste was sie hatte, die
Hausfreundin zu kleiden. „Seht!“ sagte die Mutter, „sie will wohl aus Euch eine
Susann Preisnestel machen.“ — „Nein,“ rief Lau in ihrer Fröhlichkeit, „laß mich
die Aschengruttel sein in deinem Märchen!“ nahm einen schlechten runden
Faltenrock und eine Jacke; nicht Schuh noch Strümpfe litt sie an den Füßen,
auch hingen ihre Haare ungezöpft bis auf die Knöchel nieder. So strich sie durch
das Haus von unten bis zu oberst, durch Küche, Stuben und Gemächer. Sie
verwunderte sich des gemeinsten Gerätes und seines Gebrauchs, besah den rein
gefegten Schenktisch und darüber in langen Reihen die zinnenen Kannen und
Gläser, alle gleich gestürzt, mit hängendem Deckel, dazu den kupfernen
Schwenkkessel samt der Bürste und mitten in der Stube an der Decke der Weber
Zunftgeschmuck, mit Seidenband und Silberdraht geziert, in dem Kästlein von
Glas. Von ungefähr erblickte sie ihr eigen Bild im Spiegel, davor blieb sie
betroffen und erstockt eine ganze Weile stehn, und als darauf die Söhnerin sie
mit in ihre Stube nahm und ihr ein neues Spiegelein, drei Groschen wert,
verehrte, da meinte sie Wunders zu haben; denn unter allen ihren Schätzen fand
sich dergleichen nicht.
Bevor sie aber Abschied nahm, geschah’s, daß sie hinter den Vorhang des
Alkoven schaute, woselbst der jungen Frau und ihres Mannes Bett sowie der
Kinder Schlafstätte war. Saß da ein Enkelein mit rotgeschlafenen Backen,
hemdig und einen Apfel in der Hand, auf einem runden Stühlchen von guter
Ulmer Hafnerarbeit, grünverglaset. Das wollte dem Gast außer Maßen gefallen;
sie nannte es einen viel zierlichen Sitz, rümpft’ aber die Nase mit eins, und da
die drei Frauen sich wandten zu lachen, vermerkte sie etwas und fing auch hell
zu lachen an, und hielt sich die ehrliche Wirtin den Bauch, indem sie sprach:
„Diesmal fürwahr hat es gegolten, und Gott schenk Euch einen so frischen
Buben, als mein Hans da ist!“
Die Nacht darauf, daß sich dies zugetragen, legte sich die schöne Lau getrost
und wohlgemut, wie schon in Jahren nicht, im Grund des Blautopfs nieder,
schlief gleich ein, und bald erschien ihr ein närrischer Traum.
Ihr deuchte da, es war die Stunde nach Mittag, wo in der heißen Jahreszeit die
Leute auf der Wiese sind und mähen, die Mönche aber sich in ihren kühlen
Zellen eine Ruhe machen, daher es noch einmal so still im ganzen Kloster und
rings um seine Mauern war. Es stund jedoch nicht lange an, so kam der Abt
herausspaziert und sah, ob nicht etwa die Wirtin in ihrem Garten sei. Dieselbe aber saß als eine dicke Wasserfrau mit langen Haaren in dem Topf, allwo der Abt
sie bald entdeckte, sie begrüßte und ihr einen Kuß gab, so mächtig, daß es vom
Klostertürmlein widerschallte, und schallte es der Turm ans Refektorium, das
sagt’ es der Kirche, und die sagt’s dem Pferdestall, und der sagt’s dem
Waschhaus, und im Waschhaus da riefen’s die Zuber und Kübel sich zu. Der Abt
erschrak bei solchem Lärm; ihm war, wie er sich nach der Wirtin bückte, sein
Käpplein in Blautopf gefallen; sie gab es ihm geschwind, und er watschelte
hurtig davon.
Da aber kam aus dem Kloster heraus unser Herrgott, zu sehn, was es gebe. Er
hatte einen langen weißen Bart und einen roten Rock. Und frug den Abt, der ihm
just in die Hände lief:
Herr Abt, wie ward Euer Käpplein so naß?
Und er antwortete:
Es ist mir ein Wildschwein am Wald verkommen,
Vor dem hab’ ich Reißaus genommen;
Ich rannte sehr und schwitzet’ baß,
Davon ward wohl mein Käpplein so naß.
Da hob unser Herrgott, unwirs ob der Lüge, seinen Finger auf, winkt’ ihm und
ging voran, dem Kloster zu. Der Abt sah hehlings noch einmal nach der Frau
Wirtin um, und diese rief: „Ach, liebe Zeit! ach, liebe Zeit! jetzt kommt der gut’
alt’ Herr in die Prison!“
Dies war der schönen Lau ihr Traum. Sie wußte aber beim Erwachen und
spürte noch an ihrem Herzen, daß sie im Schlaf sehr lachte, und ihr hüpfte noch
wachend die Brust, daß der Blautopf oben Ringlein schlug.
Weil es den Tag zuvor sehr schwül gewesen, so blitzte es jetzt in der Nacht.
Der Schein erhellte den Blautopf ganz, auch spürte sie am Boden, es donnere
weitweg. So blieb sie mit zufriedenem Gemüte noch eine Weile ruhen, den Kopf
in ihre Hand gestützt, und sah dem Wetterblicken zu. Nun stieg sie auf, zu
wissen, ob der Morgen etwa komme: allein es war noch nicht viel über
Mitternacht. Der Mond stand glatt und schön über dem Rusenschloß, die Lüfte
aber waren voll vom Würzgeruch der Mahden.
Sie meinte fast der Geduld nicht zu haben bis an die Stunde, wo sie im
Nonnenhof ihr neues Glück verkünden durfte, ja wenig fehlte, daß sie sich jetzt
nicht mitten in der Nacht aufmachte und vor Juttas Türe kam (wie sie nur einmal
Trostes wegen in übergroßem Jammer nach der jüngsten Botschaft aus der
Heimat tat), doch sie besann sich anders und ging zu besserer Zeit.
Frau Betha hörte ihren Traum gutmütig an, obwohl er ihr ein wenig ehrenrührig schien. Bedenklich aber sagte sie darauf: „Baut nicht auf solches
Lachen, das im Schlaf geschah! der Teufel ist ein Schelm. Wenn Ihr auf solches
Trugwerk hin die Boten mit fröhlicher Zeitung entließet, und die Zukunft strafte
Euch Lügen, es könnte schlimm daheim ergehen.“
Auf diese Rede hing die schöne Lau den Mund gar sehr und sagte: „Frau
Ahne hat der Traum verdrossen!“ nahm kleinlauten Abschied und tauchte
hinunter.
Es war nah bei Mittag, da rief der Pater Schaffner im Kloster dem Bruder
Kellermeister eifrig zu: „Ich merk’, es ist im Gumpen letz! Die Arge will Euch
Eure Faß wohl wieder einmal schwimmen lehren. Tut Eure Läden eilig zu,
vermachet alles wohl!“
Nun aber war des Klosters Koch, der Wirtin Sohn, ein lustiger Vogel, welchen
die Lau wohl leiden mochte. Der dachte ihren Jäst mit einem Schnak zu stillen,
lief nach seiner Kammer, zog die Bettscher aus der Lagerstätte und steckte sie
am Blautopf in den Rasen, wo das Wasser auszutreten pflegte, und stellte sich
mit Worten und Gebärden als einen viel getreuen Diener an, der mächtig
Aengsten hätte, daß seine Herrschaft aus dem Bette fallen und etwa Schaden
nehmen möchte. Da sie nun sah das Holz so recht mit Fleiß gesteckt und über
das Bächlein gespreizt, kam ihr in ihrem Zorn das Lachen an, und lachte
überlaut, daß man’s im Klostergarten hörte.
Als sie hierauf am Abend zu den Frauen kam, da wußten sie es schon vom
Koch und wünschten ihr mit tausend Freuden Glück. Die Wirtin sagte: „Der
Xaver ist von Kindesbeinen an gewesen als wie der Zuberklaus, jetzt kommt uns
seine Torheit zustatten.“
Nun aber ging ein Monat nach dem andern herum: es wollte sich zum dritten-
oder viertenmal nicht wieder schicken. Martini war vorbei, noch wenig Wochen,
und die Boten standen wieder vor der Tür. Da ward es den guten Wirtsleuten
selbst bang, ob heuer noch etwas zustande käme, und alle hatten nur zu trösten
an der Frau. Je größer deren Angst, je weniger zu hoffen war.
Damit sie ihres Kummers eher vergesse, lud ihr Frau Betha einen Lichtkarz
ein, da nach dem Abendessen ein halb Dutzend muntre Dirnen und Weiber aus
der Verwandtschaft in einer abgelegenen Stube mit ihren Kunkeln sich
zusammensetzten. Die Lau kam alle Abend in Juttas altem Rock und Kittel und
ließ sich weit vom warmen Ofen weg in einem Winkel auf dem Boden nieder
und hörte dem Geplauder zu, von Anfang als ein stummer Gast, ward aber bald
zutraulich und bekannt mit allen. Um ihretwillen machte sich Frau Betha eines
Abends ein Geschäft daraus, ihr Weihnachtskripplein für die Enkel beizeiten
herzurichten: die Mutter Gottes mit dem Kind im Stall, bei ihr die drei Weisen
aus Morgenland, ein jeder mit seinem Kamel, darauf er hergereist kam und seine Gaben brachte. Dies alles aufzuputzen und zu leimen, was etwa lotter war, saß
die Frau Wirtin an dem Tisch beim Licht mit ihrer Brille, und die Wasserfrau mit
höchlichem Ergötzen sah ihr zu, so wie sie auch gerne vernahm, was ihr von
heiligen Geschichten dabei gesagt wurde, doch nicht daß sie dieselben dem
rechten Verstand nach begriff oder zu Herzen nahm, wie gern auch die Wirtin es
wollte.
Frau Betha wußte ferner viel lehrreicher Fabeln und Denkreime, auch
spitzweise Fragen und Rätsel; die gab sie nacheinander im Vorsitz auf zu raten,
weil sonderlich die Wasserfrau von Hause aus dergleichen liebte und immer gar
zufrieden schien, wenn sie es ein und das andre Mal traf (das doch nicht allzu
leicht geriet). Eines derselben gefiel ihr vor allen, und was damit gemeint ist,
nannte sie ohne Besinnen:
Ich bin eine dürre Königin,
Trag’ auf dem Haupt eine zierliche Kron’,
Und die mir dienen mit treuem Sinn,
Die haben großen Lohn.
Meine Frauen müssen mich schön frisieren,
Erzählen mir Märlein ohne Zahl.
Sie lassen kein einzig Haar an mir,
Doch siehst du mich nimmer kahl.
Spazieren fahr’ ich frank und frei,
Das geht so rasch, das geht so fein;
Nur komm ich nicht vom Platz dabei —
Sagt Leute! was mag das sein?
Darüber sagte sie, in etwas fröhlicher denn zuvor: „Wenn ich dereinstens
wiederum in meiner Heimat bin und kommt einmal ein schwäbisch Landeskind,
zumal aus Eurer Stadt, auf einer Kriegsfahrt oder sonst durch der Walachen Land
an unsere Gestade, so ruf er mich bei Namen, dort wo der Strom am breitesten
hineingeht in das Meer — versteht! zehn Meilen einwärts in dieselbe See
erstreckt sich meines Mannes Reich, so weit das süße Wasser sie mit seiner
Farbe färbt — dann will ich kommen und dem Fremdling zu Rat und Hilfe sein.
Damit er aber sicher sei, ob ich es bin und keine andere, die ihm schaden
möchte, so stelle er dies Rätsel. Niemand aus unserem Geschlechte außer mir
wird ihm darauf antworten, denn dortzuland sind solche Rocken und Rädlein, als
Ihr in Schwaben führet, nicht gesehn, noch kennen sie dort Eure Sprache; darum
mag dies die Losung sein.“
Auf einen andern Abend ward erzählt vom Doktor Veylland und Herrn
Konrad von Wirtemberg, dem alten Gaugrafen, in dessen Tagen es noch keine
Stadt mit Namen Stuttgart gab. Im Wiesental, da wo dieselbe sich nachmals erhob, stund nur ein stattliches Schloß mit Wassergraben und Zugbrücke, von
Bruno, dem Domherrn von Speyer, Konradens Oheim, erbaut, und nicht gar weit
davon ein hohes steinernes Haus. In diesem wohnte dazumal mit einem alten
Diener ganz allein ein sonderlicher Mann, der war in natürlicher Kunst und in
Arzneikunst sehr gelehrt und war mit seinem Herrn, dem Grafen, weit in der
Welt herumgereist in heißen Ländern, von wo er manche Seltsamkeit an Tieren,
vielerlei Gewächsen und Meerwundern heraus nach Schwaben brachte. In
seinem Oehrn sah man der fremden Sachen eine Menge an den Wänden herum
hangen: die Haut vom Krokodil sowie Schlangen und fliegende Fische. Fast alle
Wochen kam der Graf einmal zu ihm; mit andern Leuten pflegte er wenig
Gemeinschaft. Man wollte behaupten, er mache Gold; gewiß ist, daß er sich
unsichtbar machen konnte, denn er verwahrte unter seinem Kram einen
Krackenfischzahn. Einst nämlich, als er auf dem Roten Meer das Bleilot
niederließ, die Tiefe zu erforschen, da zockt’ es unterm Wasser, daß das Tau fast
riß. Es hatte sich ein Krackenfisch im Lot verbissen und zween seiner Zähne
darinnen gelassen. Sie sind wie eine Schustersahle, spitz und glänzend schwarz.
Der eine stak sehr fest, der andere ließ sich leicht ausziehen. Da nun ein solcher
Zahn, etwa in Silber oder Gold gefaßt und bei sich getragen, besagte hohe Kraft
besitzt und zu den größten Gütern, so man für Geld nicht haben kann, gehört, der
Doktor aber dafür hielt, es zieme eine solche Gabe niemand besser als einem
weisen und wohldenkenden Gebieter, damit er überall, in seinen eigenen und
Feindes Landen, sein Ohr und Auge habe, so gab er einen dieser Zähne seinem
Grafen, wie er ja ohnedem wohl schuldig war, mit Anzeigung von dessen
Heimlichkeit, davon der Herr nichts wußte. Von diesem Tage an erzeigte sich der
Graf dem Doktor gnädiger als allen seinen Edelleuten oder Räten, und hielt ihn
recht als seinen lieben Freund, ließ ihm auch gern und sonder Neid das Lot zu
eigen, darin der andere Zahn war, doch unter dem Gelöbnis, sich dessen ohne
Not nicht zu bedienen, auch ihn vor seinem Ableben entweder ihm, dem Grafen,
erblich zu verlassen oder auf alle Weise der Welt zu entrücken, wo nicht ihn
gänzlich zu vertilgen. Der edle Graf starb aber um zwei Jahre eher als der
Veylland und hinterließ das Kleinod seinen Söhnen nicht; man glaubt, aus
Gottesfurcht und weiser Vorsicht hab’ er es mit in das Grab genommen oder
sonst verborgen.
Wie nun der Doktor auch am Sterben lag, so rief er seinen treuen Diener Kurt
zu ihm ans Bett und sagte: „Lieber Kurt! es gehet diese Nacht mit mir zu Ende,
so will ich dir noch deine guten Dienste danken und etliche Dinge befehlen. Dort
bei den Büchern in dem Fach zu unterst in der Ecke ist ein Beutel mit hundert
Imperialen, den nimm sogleich zu dir! Du wirst auf Lebenszeit genug daran
haben. Zum zweiten, das alte geschriebene Buch in dem Kästlein daselbst verbrenne jetzt vor meinen Augen hier in dem Kamin! Zum dritten findest du ein
Bleilot dort, das nimm, verbirg’s bei deinen Sachen, und wenn du aus dem
Hause gehst in deine Heimat gen Blaubeuren, laß es dein erstes sein, daß du es
in den Blautopf wirfst!“ — Hiermit war er darauf bedacht, daß es ohne Gottes
besondere Fügung in ewigen Zeiten nicht in irgendeines Menschen Hände
komme. Denn damals hatte sich die Lau noch nie im Blautopf blicken lassen und
hielt man selben überdies für unergründlich.
Nachdem der gute Diener jenes alles teils auf der Stelle ausgerichtet, teils
versprochen, nahm er mit Tränen Abschied von dem Doktor, welcher vor Tage
noch das Zeitliche gesegnete.
Als nachher die Gerichtspersonen kamen und allen kleinen Quark aussuchten
und versiegelten, da hatte Kurt das Bleilot zwar beiseit’ gebracht, den Beutel
aber nicht versteckt (denn er war keiner von den Schlauesten) und mußte ihn
dalassen, bekam auch nach der Hand nicht einen Deut davon zu sehen, kaum daß
die schnöden Erben ihm den Jahreslohn auszahlten.
Solch Unglück ahnete ihm schon, als er, auch ohnedem betrübt genug, mit
seinem Bündelein in seiner Vaterstadt einzog. Jetzt dachte er an nichts, als seines
Herrn Befehl vor allen Dingen zu vollziehen. Weil er seit dreiundzwanzig Jahren
nimmer hier gewesen, so kannte er die Leute nicht, die ihm begegneten, und da
er gleichwohl einem und dem andern guten Abend sagte, gab’s ihm niemand
zurück. Die Leute schauten sich, wenn er vorüber kam, verwundert an den
Häusern um, wer doch da gegrüßt haben möchte; denn keines erblickte den
Mann. Dies kam, weil ihm das Lot in seinem Bündel auf der linken Seite hing;
ein andermal, wenn er es rechts trug, war er von allen gesehen. Er aber sprach
für sich: „Zu meiner Zeit sind dia Blaubeuramar so grob ett gwä!“
Beim Blautopf fand er seinen Vetter, den Seilermeister, mit dem Jungen am
Geschäft, indem er längs der Klostermauer, rückwärts gehend, Werg aus seiner
Schürze spann, und weiterhin der Knabe trillte die Schnur mit dem Rad. —
„Gott grüaß di, Vetter Seiler!“ rief der Kurt und klopft’ ihm auf die Achsel. Der
Meister guckt sich um, verblaßt, läßt seine Arbeit aus den Händen fallen und
lauft, was seine Beine mögen. Da lachte der andere, sprechend: „Der denkt, mei’
Seel, i wandele geistweis! D’Leut hant g’wiß mi für tot hia g’sait, anstatt mein’
Herra — ei so schlag!“
Jetzt ging er zu dem Teich, knüpfte sein Bündel auf und zog das Lot heraus.
Da fiel ihm ein, er möchte doch auch wissen, ob es wahr sei, daß der Gumpen
keinen Grund noch Boden habe (er wär’ gern auch ein wenig so ein Spiriguckes
wie sein Herr gewesen), und weil er vorhin in des Seilers Korb drei große, starke
Schnürbund liegen sehn, so holte er dieselben her und band das Lot an einen. Es
lagen just auch frischgebohrte Teichel, eine schwere Menge, in dem Wasser bis gegen die Mitte des Topfs, darauf er sicher Posto fassen konnte, und also ließ er
das Gewicht hinunter, indem er immer ein Stück Schnur an seinem
ausgestreckten Arm abmaß, drei solcher Längen auf ein Klafter rechnete und
laut abzählte: „1 Klafter, 2 Klafter, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10“ — da ging der erste
Schnurbund aus und mußte er den zweiten an das Ende knüpfen, maß wiederum
ab und zählte bis auf 20. Da war der andere Schnurbund gar. — „Heidaguguk, ist
dees a Tiafe!“ — und band den dritten an das Trumm, fuhr fort zu zählen: „21,
22, 23, 24 — Höllelement, mei’ Arm will nimme! — 25, 26, 27, 28, 29, 30 —
Jetzet guat Nacht, ’s Meß hot a End! Do heißt’s halt, mir nex, dir nex, rappede
kappede, so isch usganga!“ — Er schlang die Schnur, bevor er aufzog, um das