Das Stuttgarter Hutzelmännlein
Das Stuttgarter Hutzelmännlein.
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 4 Teile geteilt.
traute sich hinzu.
Da fing der Seppe an sangweis mit heller Stimme:
Scheraschleifer, wetz, wetz, wetz,
Laß dei Rädle schnurra!
Stuagart ist a grauße Stadt,
Lauft a Gänsbach dura.
Und als das Kind sich ungebärdigt stellte, schwang er’s und flaigert’s hin und
her und sang:
Färbersbüable, schrei net so,
Mach mer keine Mändla!
D’ Büasinger mit zwanzig Johr
Trait mer en de Wendla,
Heisasa! Hopsasa!
Wia de kleine Kendla.
Die Leute fanden ihrem Staunen, Schrecken, Dattern und Zagen nicht Worte
noch Gebärden mehr. Eins schob und stieß und drängte nur das andere dem
Abenteuer immer nach oder voraus. Bei dem Gemeindehaus aber schwenkte sich
der Seppe seitwärts nach dem Kirchplatz unversehens, daß alles vor ihm
schreiend auseinanderfuhr.
Dort, mitten auf dem Platz sah man den Vite sänftlich an die Erde
niederkommen. Da lag denn ein seltsamer Täufling, zornheulend, sonder Hilfe,
derweil der Schuster flüchtig durch die Menge wischte. Weit draußen vor dem
Ort noch hörte er das Lärmen und Brausen der Leute.
Bei Tolfingen am Neckar spürte er anfangen in den Beinen, daß er verwichene
Nacht in keinem Bett gewesen, jetzt fünfzehn Stunden Wegs in einem Strich
gemacht, daneben ihn der letzte Possen auch manchen Tropfen Schweiß gekostet
haben mag. Der Abend dämmerte schon stark, und er hatte noch fünf gute
Stunden heim. Bei frischen Kräften hätte er Stuttgart nicht füglich vor
Mitternacht können erlaufen, so schachmatt aber, wie er war, und mit vier
Pfennigen Zehrgeld im Sack, schien ihm nicht ratsam, es nur zu probieren. Wo
aber bleiben über die Nacht und doch kein Scheurenburzler sein? — Halt! dacht
er, dient nicht in der Stadt Nürtingen, nur anderthalb Stund von da, der Kilian
aus Münster als Mühlknapp? Das ist die beste Haut von der Welt, der läßt dich
nicht auf der Gasse liegen und borgt dir leicht ein Weniges auf den Weg. Jetzt ist
lang Tag! — Er tat erst einen frischen Trunk in Tolfingen, wo das Wasser nichts
kostet, dann kaufte er sich ein Brot für seinen letzten Kreuzer, verzehrt’ es
ungesäumt und lotterte, indem es finster ward, gemächlich die Straße am Neckar
hinauf. Mit der Letzte erschleppt’ er sich fast nicht mehr, doch endlich
erschienen die Lichter der Stadt und hörte er das große Wuhr ob der Brücke
schon rauschen, hart neben welcher jenseits die vielen Werke klapperten.
Der Müller aß eben zu Nacht mit seinen Leuten und Gesind, darunter nur kein
Kilian zu sehen war. Man sagte dem Schuster, der sei vor einem Vierteljahr
gewandert. Da stand der arme Schlucker mit seinem gottigen Glücksschuh und
seinem Stiefel! wußte nicht, was er jetzt machen sollte. Indes hieß ihn die
Müllerin ablegen und mitessen, und nach dem Tischgebet, dieweil der Mann
leicht merken mochte, es sei ein ordentlicher Mensch und habe Kummer, bot er
ihm an, über Nacht im Wartstüblein, wo die Mahlknechte rasten, auf eine der
Pritschen zu liegen. Das ließ er sich nicht zweimal sagen und machte sich
alsbald hinunter, ein Jung wies ihm den Weg zwischen sechs Gängen hindurch, die gellten ihm die Ohren im Vorbeigehn nicht schlecht aus. Zwei Stieglein
hinunter und eins hinauf, kam er in ein gar wohnliches, vertäfertes Gemach und
streckte sich auf so ein schmales Lager hin. Wie grausam müd er aber war, ein
Schlaf kam nicht in seine Augen: Fenster und Boden zitterten in einem fort, es
schellte bald da, bald dort, die Knechte tappten aus und ein, und die ganze Nacht
brannte das Licht.
Um eins, da ihn der Oberknecht noch wachen sah, sprach der zu ihm, wenn er
auf Nachtruh halte, hier sei er in die unrechte Herberge geraten, das Schlafen in
der Mühle woll’ gelernt sein wie das Psalmenbeten in der Hölle; er soll’
aufstehn, sie wollten sich selbdritt die Zeit vertreiben mit Trischacken — langte
die Karten vom Wandbrett herunter und stellte einen vollen Bierkrug auf den
Tisch. Der Seppe wollte nicht, bekannte auch, daß er Gelds ohne sei; allein da
hieß es: „Schuster! dein Schnappsack hat ein leidlich Gewicht, und Stein hast du
keineswegs darin; wenn aber, so sei uns ein ehrlicher Schuldner!“ So gab er
endlich nach und nahm sein Spiel vor sich. Wetter! wie paßten gleich die Kerl da
auf! Was er nur zog und hinwarf: allemal die besten Stiche! Jetzt wurden seine
Sinne hell und wach zumal, er dachte: Hei, da springt ein Wandergeld heraus!
Das erste Spiel gewonnen, das zweite desgleichen! Beim dritten und beim
vierten zog er heimlich den Schuh aus unter dem Tisch, daß es nicht merklich
würde, und verspielt’s damit hintereinander, doch brachte er es vier- und
sechsfach wieder ein, und pünktlich machte einer jedesmal die Striche auf die
Tafel, daß man’s nachher zusammenrechnen könne. Es war ihm über einen
Gulden gut geschrieben, und als den andern endlich so die Lust verging, war es
ihm eben recht und legte er sich noch ein Stündlein nieder. Da fiel der Schlaf
auch bald auf ihn als wie ein Maltersack, doch ohne Letzung. Er war mit seinem
Geist in Ulm und träumte nur von Greuel, Gift und peinlichem Gericht. Ein
Mahljung, welcher durch das Stüblein lief, vernahm von ungefähr, wie er im
Schlaf die Worte redete: „Fürn Galgen hilft kein Goller und fürs Kopfweh kein
Kranz!“ — ging hin und hinterbracht’s den Knechten; die kamen juxeshalber
und standen um den Schlafenden, sein bitterlich Gesicht bescherzend. Auch
nestelten sie ihm den Ranzen auf aus Fürwitz, was er Schatzwerts darin habe,
zogen das schwere Blei heraus und lachten ob des Knaben Einfalt solchermaßen,
daß ihnen gleich das Schiedfell hätte platzen mögen. „Tropf!“ sprach der eine,
„hast du sonst nichts gestohlen, darum springt dir der Strick nicht nach!“ — und
packten’s ihm wieder säuberlich ein.
Als nun der Seppe endlich am lichten Tag erwacht war, gürtete er sich gleich,
nahm Hut und Stock und fand die beiden Spielgesellen in der Mühle am
Geschäft. Er hätte gern sein Geld gehabt, wenn es auch nur die Hälfte oder ein
Drittel sein sollte. Sie aber lachten mit Faxen und Zeichen, bedeuteten ihm, sie verstünden nicht über dem Lärm, was er wolle, und hätten unmöglich der Zeit.
Nun sah er wohl, er sei betrogen, kehrte den seellosen Schelmen den Rücken
und ging hinauf, dem Müller seinen schuldigen Dank abzustatten. Dort in der
Küche gab man ihm noch einen glatt geschmälzten Hirsenbrei; damit im Leibe
wohl verwarmt, zog er zum Tor hinaus und über die Brücke, dann rechts
Oberensingen zu. Gern hätte er zuvor den Herbergvater in der Stadt um eine
Wegspend angegangen, er traute aber nicht, weil er in Ulm sich keinen Abschied
in sein Büchlein hatte schreiben lassen.
Auf dem Berg, wo der Wolfschluger Wald anfangt, sah man damals auf einem
freien Platz ein paar uralte Lindenbäume, ein offen Bethäuslein dabei, samt
etlichen Ruhebänken. Allhie beschaute sich der Seppe noch einmal die
ausgestreckte blaue Alb, den Breitenstein, den Teckberg mit der großen Burg der
Herzoge, so einer Stadt beinah gleichkam, und Hohenneuffen, dessen Fenster er
von weitem hell herblinken sah. Er hielt dafür, in allen deutschen Landen möge
wohl Herrlicheres nicht viel zu finden sein als dies Gebirg zur Sommerszeit und
diese weit gesegnete Gegend. Uns hat an dem Gesellen wohl gefallen, daß er bei
aller Uebelfahrt und Kümmernis noch solcher Augenweide pflegen mochte.
Von ungefähr, als er sich wandte, fand er auf einem von den Ruhebänken ein
Verslein mit Kreide geschrieben, das konnte er nicht sonder Müh entziffern;
denn sichtlich stand es nicht seit jüngst, und Schnee und Regen waren darüber
ergangen. Es hieß:
Ich habe Kreuz und Leiden,
Das schreib’ ich mit der Kreiden,
Und wer kein Kreuz und Leiden hat,
Der wische meinen Reimen ab!
Der Seppe ruhte lang’ mit starren Blicken auf der Schrift. Er dachte: Dem,
welcher dies geschrieben, war der Mut so weit herunter als wie dir, kann sein:
noch weiter. Tröst ihn Gott! — Nachdenksam kehrte er sich zur Kapelle, legte
Ranzen, Hut und Stock, wie sich gebührte, haußen ab und ging, seine Andacht
zu halten, hinein; nach deren Verrichtung er sich bei den Namen und Sprüchen
verweilte, so von allerhand Volk, von frommen Pilgrimen und müßigen Betern,
an den Wänden umher mit Rotstein oder mit dem Messer angeschrieben waren.
In einem Eck ganz hinten stund zu lesen dieser Reim:
Bitt, Wandrer, für mich!
So bittst du für dich.
Mit Schmerzen ich büße,
In Tränen ich fließe.
Das Erbe der Armen,
Das heißet Erbarmen.
Recht wie ein Blitzstrahl zückten die Worte in ihn, und war ihm eben, als flehet’
es ihn aus den Zeilen an mit gerungenen Händen um seine Fürbitte, als eine
letzte Guttat an der Frau, so ihrer vor allen den lebenden Menschen bedürfe. Seit
jener Stunde, wo er sich im stillen von ihr schied, war ihm noch kein Bedenken
oder Sorge angekommen um das verderbte und verlorene Weib; nun aber fiel das
treue Schwabenherz gleich williglich auf seine Knie, vergab an seinem Teil und
wünschte redlich, Gott möge ihren bösen Sinn zur Buße kehren und ihr
dereinstens gnädig sein; für sich insonderheit bat er, Gott wolle seiner schonen
und ihn kein blutig Ende an ihr erleben lassen. Hierauf erhob er sich, die Augen
mit dem Aermel wischend, und setzte seine Reise fort.
Nach dreien Stunden, um Bernhausen auf den Fildern, hub sein Magen an mit
ihm zu hadern und zu brummen. Er hätte sich mit seinem Lot in manches
reichen Bauern Haus und Küche leichtlich wie Rolands Knappe helfen können,
welcher vermittelst seines Däumerlings dem Sultan sein Leibessen samt der
Schüssel frei vor dem Maul wegnahm. Ihm kam jedoch vor Traurigkeit
dergleichen gar nicht in den Sinn: auch hatte er sein Leben lang weder gestohlen
noch gebettelt. Kein leiderer Weggenoß ist aber denn der Hunger. Er rauft, wenn
er einmal recht anfangt, einem Wandersmann schockweis die Kraft aus dem
Gebein, nimmt von dem Herzen Trost und Freudigkeit hinweg, schreit allen
alten Jammer wach, recht wie bei Nacht ein Hund den andern aufweckt, daß
ihrer sieben miteinander heulen. Das dauerte bei dem Gesellen, bis endlich
Degerloch da war und er nun um die Mittagszeit seine Vaterstadt im lichten
Sonnenschein und Rauch vom Berg aus liegen sah. Da brannten ihn die salzigen
Tropfen vor Freuden im Aug’ und waren seine Füße alsbald wie neugeboren.
Von weitem hörte er Trompetenschall und sah es vor dem Tor und in den
Straßen blinken und wimmeln. Die Ritter kamen in Harnisch und Wehr zurück
vom großen Stechen: Roß und Mann bis an den Helmbusch voller Staub. Es
wogte bunt von Grafen, Edelherrn und Knappen, von Bürgersleuten und vielem
Landvolk.
Der Seppe drückte sich, wie er zur Stadt hineinkam, scheu nur an den Häusern
hin: denn ob er gleich unsichtbar ging um seiner schlechten Kleidung willen,
auch weil er übel, schwach und schwindlig war vor übergroßer Anstrengung,
weshalb er nicht viel Grüßens oder Redens brauchen konnte, so war ihm doch
bei jedem Schritt, wie wenn die Blicke aller Leute auf ihn zielten, und wurde rot
und blaß, so oft als ein guter Bekannter oder ein Mädchen seiner alten
Nachbarschaft bei ihm vorüber lachte. Er strebte einem engen Gäßchen zu im
Bohnenviertel, wo eine alte Base von ihm wohnte. Am Eck schob er den Ranzen
rechts herum, und schon von ihrem Fenster aus begrüßte ihn das gute Fraulein,
seine Dot. Er sprang mit letzten Kräften die Stiege noch hinauf, aber unter der Tür knickt’ er in den Knien zusammen und schwanden ihm zumal die Sinne. Die
Frau rief ihren Hausmann, holte Wein und was sonst helfen mochte. In Bälde
hatten sie den armen Lungerer so weit zurecht gebracht, daß er auf seinen Füßen
stehn, sich hinter den Tisch setzen, essen und trinken konnte.
Dabei erzählte ihm das Mütterlein, was sich alle die Zeit her begeben: vom
großen Beilager im Schloß wie auch, daß morgen noch ein Haupttag sei. Weil
nämlich eben Faßnacht in der Nähe war und die erlauchte Braut nichts lieber sah
als einen schönen Mummenschanz, so wurde von dem Rat der Stadt
beschlossen, daß ein solcher mit ausnehmender Pracht auf dem Markt gehalten
werde. Der Graf dagegen wollte zu Mittag die Bürgerschaft in den Straßen
bewirten, welches der Jahreszeit halben wohl geschehen mochte, indem der
Winter so gelind und kurz ausfiel, daß wahrlich im Stuttgarter Tal fast die
Bäume ausschlugen. „Auf diesen Tag nun, siehst du,“ sprach die Base, „tut jung
und alt sein Bestes, der Arme wie der Reiche: wer keinen Heiden oder Mohren
machen kann, der findet einen bunten Lappen zum Zigeuner, und wem die Larve
fehlt, der färbt sich im Gesicht. Da hat vorhin die Kiderlen, die Vrone, die du
kennst, sich Feierwams und Hosen von ihrem Vetter, meines Hausmanns Buben,
abgeholt, und er verbutzet sich mit seiner Ahne ihrem Hochzeitstaat. Seppe, wir
müssen uns für dich beizeiten auch nach was umtun. Für jetzo, schätz’ ich aber,
hast du das Bett am nötigsten.“ — „Ach wohl, Frau Dot!“ sprach er, „und ich
wollt’ nur, die Nacht hätt’ ihre achtundvierzig Stund!“ — „Nun,“ meinte sie,
„vier hast du, bis wir essen; da läßt sich schon ein schön Stück Schlafs vorweg
herunterspinnen!“ — und führte ihn hinauf in eine kleine Kammer, in welcher
allezeit ein gutes Gastbett aufgemacht war.
Kaum hatte er sich ausgezogen und sein zerschelltes, zerbrechliches und ganz
vermürbtes Knochenrüstwerk behutsam ausgestreckt, da schlief er auch schon
wie ein Dachs und so in einem fort bis abends spät, wo ihm die Frau eine Suppe
mit Fleisch hinaufbrachte und noch ein wenig mit ihm diskurierte. Nun wünschte
sie ihm gute Nacht und ging mit ihrem Licht.
Sie war aber die Stiege noch nicht gar hinunter, so ruckt etwas an seinem
Stuhl, ein Lämplein macht die Kammer klar, und eine Stimme sagte: „Grüß dich
Gott, Seppe! verschrick nit! der Pechschwitzer ist es, der Hutzelmann, der
Tröster. So, so, auch wieder hiesig? Sorg nit, ich plag’ dich lang’! du brauchst
der Ruh’. Und auf ein Wort: sag an! gelt, Bursch, hast’s Klötzle?“
„Jo freile han i’s, Meister.“
„Laß sehn! wo steckt’s? im Bündel? — Hab’ es schon! bei meinem Leisten!
ja, da glotzt er ’raus, der Krackenzahn. Du erzigs Narrenglückskind, du! Und
hast fein nur mit seinem Hund gejagt! Du Malefizglücksspitzbub, du!“ — Mit
diesen und viel andern närrischen Ausrufungen bewies das Männlein seine Freude. Drauf sagte es mit Ernst: „Mein Sohn, du hast dies teuere Stück, wie du
zwar schuldig warst, deinem Patron getreulich überliefert, da du es nicht allein
im Nonnenhof können vertrumpeln um einen Pfifferling aus des Wasserweibs
Hafen, sondern konntest vor Kaiser und Könige gehen damit, die hätten dir dies
schlechte Blei gern sechsmal und mehr mit Gold aufgewogen. Nun, Seppe, denk
an mich! Das sollt du nicht bereuen. Hab gute Nacht!“ — Im Gehen frug er
noch: „Wie sicht’s mit dem Laiblein?“
„Ja, Meister, um sell bin i komma, sell ist —“
„Gfressen?“
„Jo, aber ett vo mir!“
„Ei, daß dich! hat das auch müssen verhansleartlet sein! Nun, wenn’s nur
gfressen ist! gibt wieder einmal ein anders vielleicht. Bhüt Gott! Morgen bei
rechter Zeit siehst mich wieder.“
Die Sonne ging am andern Morgen glatt und schön herauf am Himmel und hatte
die Nebel über der Stadt mit Macht in der Früh’ schon vertrieben. Man hörte die
Gassen aus und ein vielfach Geläufe, Lachen und Gesprang; es war schon um
die Achte, in einer halben Stunde ging der Aufzug an. Da hielt es die Base nun
hoch an der Zeit, daß sie ihr Patlein wecke, denn, meinte sie, auf allen Fall muß
er die Herrlichkeit mitmachen und soll so gut wie jeder andere Bürgersohn an
der Gesellentafel speisen auf des Herrn Grafen Kosten. Mit Mühe hatte sie noch
gestern abend einen langen weißen Judenbart samt Mantel und Mütze für ihn bei
einer Trödlerin mietweis erlangt. Sie nahm den Plunder auf den Arm, den guten
Burschen gleich auf seiner Kammer damit zu erfreuen: da klopft es und kam ein
junger Gesell herein, wenig geringer als ein Edelknabe angezogen, mit einem
krachneuen, rotbraunen Wams von Samt, schwarzen Pluderhosen, Kniebändern
von Seide und gelben Strümpfen. Er hielt sein Barett vors Gesicht gedeckt, und
als er es wegnahm, stand da vor seiner lieben Dot der Schuster Seppe mit
Blicken, halb beschämt und halb von Freude strahlend. Die Frau schlug in die
Hände, rief: „Jemine! was soll das heißen? Bub, sag! wo hast du das geborgt?“
— „Ihr sollt’s schon heut’ noch hören, Bas’: es ist eine weitläufe Sach’, und ich
muß gleich fort.“ — „Nun sei’s, woher es wolle: aus einem vornehmen Schrank
muß es sein. Nein, aber, Seppe, wie gut dir’s steht, alles, bis auf den feinen
Hemdkragen hinaus! Ich sag’ dir, es wär’ Sünd und Schad, wenn du eine Larve
umbändest. Mein Jud, so viel ist ausgemacht, darf seinen Spieß jetzt nur wo
anders hintragen. Da schau einmal, was ich dir Schönes hatte!“ — Und hiermit
lief sie in die Küche, dem Knaben eine gute Eiergerste zum Morgenatz zu bringen.
Derweil er seine Schüssel leerte, zog sich die Base im Alkoven festtägig an.
Sie wollte des Getreibes gern auch Zeuge sein, von einem obern Fenster aus bei
einem Schneider auf dem Markt. Der Seppe aber eilte ihr voraus, Sankt
Leonhards Kapelle und der Wette zu, stracks auf den Platz.
Von keiner Seele unterwegs ward er erkannt noch auch gesehn. Warum? Er
wird doch nicht das Lot mitschleppen? Nein, aber seine linke Brusttasche barg
eine zierliche Kapsel, darinne lag der ausgezogene Krackenzahn, gefaßt in Gold
und überdies in ein goldenes Büchslein geschraubt, samt einer grünen Schnur
daran. Der Hutzelmann ließ alles über Nacht von einem Meister in der Stadt, mit
welchem er gut Freund war, fertigen und übergab dem Seppe das Kleinod mit
der Weisung, dasselbe seinem Landesherrn, dem Grafen, zu Ehren seines
Jubeltags nachträglich zu behändigen, sobald er merke, daß der Scherz zu Ende
gehe und die Herrschaft am Aufstehen wäre.
Wie der Gesell nunmehr an Ort und Stelle kam, sah er den weiten Markt
bereits an dreien Seiten dicht mit Volk besetzt und Kopf an Kopf in allen
Fenstern. Er nahm seinen Stand beim Gasthof zum Adler, und zwar zuvörderst
unsichtbar, außer den Schranken. Etliche Schritt weit von den Häusern nämlich
liefen Planken hin, dahinter mußten sich die Schaulustigen halten, daß innerhalb
der ganze Raum frei bleibe für die Faßnachtsspiele, sowie auch für die fremden
Tänzer und Springer, welche ihr großes Seil ganz in der Mitte querüber vom
Rathaus aufgespannt hatten, dergestalt, daß es an beiden Seiten gleich schräg
herunterlief und hüben und drüben noch ein breiter Weg für den Maskenzug
blieb.
Am Rathaus auf der großen Altane erhub sich ein Gezelt von safranfarbigem
Samt mit golddurchwirkten Quasten, den gräflichen Wappen und prächtigen
Bannern geschmückt. Den Eingang schützten sechs Hellebardierer aus der
Stadtbürgerschaft. Es hingen aus den Fenstern aller Häuser bunte Teppiche
heraus, und an den Schranken standen, gleichweit voneinander, grüne Tännlein
aufgerichtet. Von den sechs Straßen am Markt waren viere bewacht: darin sah
man die Tische gedeckt für das Volk, Garküchen und Schankbuden, wo nachher
Bier und Wein gezapft wurde und fünfzig Keller- und Hofbartzefanten die
Speisen empfingen.
Gegen dem Rathaus über sodann, am andern Ende des Markts, war der
Spielleute Stand. Dieselben machten jetzo einen großen Tusch, denn aus der
Gasse hinter ihnen nahete der Hof, nämlich Graf Eberhard mit dem von
Hohenberg, dem Vater, das jüngst vermählte Paar wie auch des Grafen Sohn,
Herr Ulrich, auf weißen, köstlich geschirrten Rossen, die Gemahlin des Grafen
und andre hohe Frauen aber in Sänften getragen; zu deren beiden Seiten gingen Pagen und ritten Kavaliere hinterdrein.
Sobald die Herrschaften, vom Schultheiß gebührend empfangen und in das
Rathaus geleitet, auf der Altane Platz genommen, einige vornehme Gäste jedoch
an den Fenstern, begann sogleich der Mummenschanz.
In guter Ordnung kamen aus der Gasse an dem Rathauseck beim Brunnen mit
dem steinernen Ritter so einzelne wie ganze Rotten aufgezogen.
Zum Anfang wandelte daher der Winter als ein alter Mann, den lichten
Sommer führend bei der Hand, als eine hübsche Frau. Sie hatte einen
Rosenkranz auf ihrem ungeflochtenen gelben Haar, ein Knäblein trug den
Schlepp ihres Gewands samt einem großen Blumenstrauß, ein anderes trug ihm
ein Kohlenbecken nach und einen dürren Dornbusch. Auf seinem Haupt und
Pelz war Schnee vom Zuckerbäcken; sie raubte ihm bisweilen einen Bissen mit
zierlichem Finger davon zur Letzung bei der Hitze, das er aus Geiz ihr gern
gewehrt hätte.
Nun ritt der hörnene Siegfried ein mit einer großen Schar, auch der
schreckliche Hagen und Volker.
Dann gingen zwanzig Schellennarren zumal an einer Leine, die stellten sich
sehr weise an, da jeder blindlings mit der Hand rückwärts den Hintermann bei
seiner Nase zupfen wollte; der letzte griff gar mühlich immer in der Luft herum,
wo niemand mehr kam. Auf einem höllischen Wagen, gezogen von vier
schwarzen Rossen, fuhr der Saufteufel, der Spielteufel und ihr Geschwisterkind,
Frau Hoffahrt, mit zweien Korabellen, und hatten zum Fuhrmann den
knöchernen Tod.
Jetzt segelte ein großes Schiff daher auf einem niederen Gestell; dies war mit
wasserblauem Zeug bedeckt, und sah man daran keine Räder noch solche, die es
schoben. Auf dem Verdeck stund der Patron, ein niederländer Kaufherr, welcher
sich die fremde Stadt so im Vorüberziehn beschaute.
Dahinter kam ein Kropfiger und Knegler mit jämmerlichen dünnen Beinen
und führte seinen wundersamen Kropf auf einem Schubkarren vor sich her mit
Seufzen und häufigen Zähren, daß er der Ware keinen Käufer finde, und rief dem
Schiffsherrn nach, sein Fahrzeug hänge schief und mangele Ballasts, er wolle
ihm den Kropf um ein Billiges lassen. Gar ehrlich beteuerte jener, desselben
nicht benötigt zu sein; doch als ein mitleidiger Herr hielt er ein wenig an und gab
dem armen Sotterer viel Trost und guten Rat: er möge seines Pfundes sich nicht
äußern, vielmehr fein hüten und pflegen, es sollte ihm wohl wuchern, wenn er
nach Schwaben führ auf Cannstadt zum ungeschaffenen Tag; es möge leicht für
ihn den Preis dort langen. Da dankte ihm der arm Gansgalli tausendmal und fuhr
gleich einen andern Weg; der Kaufmann aber schiffte weiter.
Mit andern Marktweibern, ausländischer Mundart und Tracht kam auch ein frisches Bauermägdlein, rief: „Besen, liebe Frauen! Besen feil!“ — Sogleich
erschien auf dem Verdeck des Schiffs ein leichtfertiger Jüngling in abgerissenen
Kleidern, eine lange Feder auf dem Hut und eine Laute in der Hand. Sein
Falkenauge suchte und fand die Verkäuferin flugs aus dem Haufen der andern
heraus, und zum Patron hinspringend, sagte er mit Eifer, in dieser Stadt sei er zu
Haus, er habe gerade geschlafen und hätte schier die Zeit verpaßt; er wolle da
am Hafendamm aussteigen, wofern der Patron es erlauben und ein wenig
anlegen möchte. Der gute Herr rief dem Matrosen, es ward ein Brett vom Schiff
ans Land gelegt, der Jüngling küßte dem Kaufmann die Hände mit Dank, daß er
ihn mitgenommen, sprang hinüber und auf das Bauernmägdlein zu. Nun führten
sie ein Lied selbander auf, dazu er seine Saiten schlug. Während desselben hielt
der ganze Zug, und alles horchte still.
Grüß dich Gott, herzlieber Schatz,
Dich und deine Besen! —
Grüß dich Gott, du schlimmer Wicht!
Wo bist du gewesen? —
Schatz, wo ich gewesen bin,
Darf ich dir wohl sagen:
War in fremde Lande hin,
Hab’ gar viel erfahren.
Sah am Ende von der Welt,
Wie die Bretter paßten,
Noch die alten Monden hell
All’ in einem Kasten:
Sahn wie schlechte Fischtuch aus,
Sonne kam gegangen,
Tupft’ ich nur ein wenig drauf,
Brannt’ mich wie mit Zangen.
Hätt’ ich noch ein’ Schritt getan,
Hätt’ ich nichts mehr funden.
Sage nun, mein Liebchen, an,
Wie du dich befunden!
In der kalten Wintersnacht
Ließest du mich sitzen:
Ach, mein’ schwarzbraun Äugelein
Mußten Wasser schwitzen!
Darum reis’ in Sommernacht
Nur zur all’r Welt Ende!
Wer sich gar zu lustig macht,
Nimmt ein schlechtes Ende.
Mit diesem Abschiedsgruß ließ sie ihn stehen. Er spielte, der Dirne gelassen
nachschauend, seine Weise noch vollends hinaus, stieß sich den Hut aufs linke
Ohr und lief hinweg.
Es traten ferner ein fünf Wurstelmaukeler. Das waren von alters her bei der
Stuttgarter Faßnacht fünf Metzgerknechte, mit Kreuzerwürsten über und über
behangen, daß man sonst nichts von ihnen sah. Sie hatten jeder über das Gesicht
eine große Rindsblase gezogen, mit ausgeschnittenen Augen, das Haupt bekränzt
mit einem Blunzenring. Wenn es nachher zur Mahlzeit ging, dann durften die
Kinder der Stadt, für die kein Platz war an den Tischen, kommen und durfte sich
jedes ein Würstlein abbinden, der Maukeler hielt still und bückte sich, wenn es
nötig war; dazu wurden Wecken in Menge verteilt.
Noch gab es viel mutwillige und schöne Stampaneyen, deren ich ungern geschweige.
Nachdem der ganze Mummenschanz an den drei Seiten des Markts langsam
heruntergekommen und links vom Rathaus abgezogen war, dem Hirschen zu,
bestiegen die Springer und Tänzer das Seil.
Der Seppe war die ganze Zeit an seinem Platz verharrt, auch hatte er sich lang’
nicht offenbar gemacht, doch endlich tat er dies auf schlaue Art, indem er sich
geheim zur Erde bückte und sichtbarlich aufstand, dadurch es etwa denen, so
zunächst an ihm gestanden, schien, als schlupfet’ er unter den Planken hervor.
Von wegen seiner edlen Kleidung wiesen ihn die Wärtel auch nicht weg, deren
keiner ihn kannte; nur seine alten guten Freunde grüßten ihn von da und dort mit
Winken der Verwunderung.
Der Seppe hatte bis daher alles und jedes, die ganze Mummerei, geruhig,
obwohl mit unverwandtem Aug’ und Ohr an ihm vorbeiziehen lassen. Wie aber
jetzt die fremden Gaukler, lauter schöne Männer, Frauen und Kinder, in ihrer
lüftigen Tracht ihre herrliche Kunst sehen ließen und ihnen jegliche Verrichtung,
als Tanzen, Schweben, Sichverwenden, Niederfallen, Knien, so gar unschwer
von statten ging, als wär’ es nur geblasen, kam ihn auf einmal große Unruh an, ja
ein unsägliches Verlangen, es ihnen gleich zu tun. Er merkte aber bald, daß
solche Lust ihm von den Füßen kam, denn alle beede, jetzt zum erstenmal
einträchtig, zogen und drängten ihn sanft mit Gewalt nach jenem Fleck hin, wo
das Seil an einem starken Pflock am Boden festgemacht war und schief
hinauflief bis an die vordere Gabel. Der Seppe dachte: Dieses ist nur wieder so
ein Handel wie mit der Dreherei, und fiel ihm auch gleich ein, daß Meister
Hutzelmann, auf dessen Geheiß er heut’ die Glücksschuh alle zween anlegen
müssen, das Lachen habe fast nicht bergen können. Er stieß die Zehen hart wider
das Pflaster, strafte sich selbst mit innerlichem Schelten ob solcher törichten, ja
gottlosen Versuchung und hielt sich unablässig vor im Geist Schmach, Spott,
Gelächter dieser großen Menge Menschen, dazu Schwindel, jähen Sturz und
Tod, so lang’ bis ihm der Siedig auf der Haut ausging und er seine Augen
hinwegwenden mußte.
Nun aber zum Beschluß der Gauklerkünste erschien in Bergmannshabit, mit
einer halben Larve vorm Gesicht, ein neuer Springer, ein kleiner, stumpiger
Knorp; der nahte sich dem Haupt der Tänzer, bescheidentlich anfragend, ob ihm
vergönnt sei, auch ein Pröblein abzulegen. Es ward ihm mit spöttischer Miene
verwilligt, und alsbald beschritt er das Seil, ohne Stange. Er trug ein leines
Säcklein auf dem Rücken, das er an eines der gekreuzten Schlaghölzer hing,
dann prüfte er mit einem Fuß die Spannung, lief vor bis in die Mitte und hub
jetzt an so wunderwürdige und gewaltige Dinge, daß alles, was zuvor gesehen
war, nur Stümperarbeit schien. Kopfunter hing er plötzlich, der kurze Zagstock, an dem Seil herab und zangelte sich so daran vorwärts und auf das behendeste
und wiederum zurück, schwang sich empor und stand bolzgrad, fiel auf sein
Hinterteil: da schnellte ihn das Seil hinauf mit solcher Macht, daß er dem
Rathausgiebel um ein kleines gleichgekommen wär’, und dennoch kam er
wieder jedesmal schön auf denselben Fleck zu stehen und zu sitzen. Zuletzt
schlug er ein Rad von einem End des Seils zum andern, das ging — man sah
nicht mehr, was Arm oder Bein an ihm sei! So oft auch schon seit dreien
Stunden der Beifallsruf erschollen war, solch ein Gejubel und Getöbe, wie über
den trefflichen Bergmann, war noch nicht erhört. Die Gaukler schauten ganz
verblüfft darein, fragten und rieten untereinander, wer dieser Satan wäre, indes
die andern Leute alle meinten, dies sei nur so ein Scherz, und das Männlein
gehöre zu ihnen. Hanswurst insonderheit stand als ein armer, ungesalzener Tropf
mit seinem Gugel da: sein Possenwerk war alles Leiresblosel neben solchem
Meister, ob dieser schon das Maul nicht dabei brauchte.
Nachdem der Bergmann so geendigt und sich mit unterschiedlichen
Scharrfüßen allerseits verneigt, sprang er hinab aufs Pflaster. Auf seinen Wink
kam der Hanswurst mit Schalksehrfurcht zu ihm gesprungen, fing einen Taler
Trinkgeld auf in seinem spitzigen Hut und nahm zugleich, höflich das Ohr
herunter zu dem Männlein neigend, einen Auftrag hin, welchen er gleichbald
vollzog, indem er rund herum mit lauter Stimme rief: „Wer will von euch noch,
liebe Leut’, den hänfenen Richtweg versuchen? Es ist ein jeder freundlich und
sonder Schimpf und Arges eingeladen, wes Standes und Geschlechts er sei, das
Säcklein dort am Schragen für sich herabzuholen. Es sind drei Hutzellaib darin.
Er möge aber, rat’ ich ihm, in der Geschwindigkeit sein Testament noch machen
— des Säckleins wegen, mein’ ich nur — denn der Geschickteste bricht
oftermals den Hals am ersten; es ist mir selbst einmal passiert, in Bamberg auf
dem Domplatz — ja lacht nur!“
Jetzt aber, liebe Leser, möget ihr euch selbst einbilden, was für Gemurmel,
Staunen und Schrecken unter der Menge entstund, als der Seppe vortrat bei den
Schranken und sich zu dem Wagstück anschickte! Mehr denn zehn Stimmen
mahnten eifrig ab, ernsthafte Männer, mancher Kamerad, zumal einige Frauen
setzten sich dawider: allein der Jüngling, dem der Mut und die Begier wie Feuer
aus den Augen witterte, sah fast ergrimmt und achtete gar nicht darauf.
Hanswurst sprang lustig herzu mit der Kreide, rieb ihm die Sohlen tüchtig ein
und wollt’ ihm die Bleistange reichen; doch wies der Gesell sie mit
Kopfschütteln weg. Bereits aber wurden die Dienste des Narren am andern Ende
des Seils auch nötig. Denn zum größten Verwundern der Zuschauer trat dort
auch eins aus den Reihen hervor: man wußte nicht, sei es ein Knabe oder eine
Dirne. Es trug ein rosenrotes, weißgeschlitztes Wams von Seiden zu dergleichen lichtgrünen Beinkleidern samt Federhut und hatte eine feine Larve vor.
Die Spielleute, Bläser und Pauker, die Gaffens wegen ihres Amtes gar
vergessend saßen, griffen an und machten einen Marsch, nicht zu gemach und
nicht zu flink, nur eben recht. Da traten die beiden zugleich auf das Seil, das
nicht zu steil anstieg, setzten die Füße fest und zierlich einen vor den andern,
vorsichtig, doch nicht zaghaft, die freien Arme jetzt weit ausgereckt, jetzt
schnelle wieder eingezogen, wie es eben dem Gleichgewicht diente.
Kein Laut noch Odemzug ward unter den tausend und tausend Zuschauern
gehört, ein jedes fürchtete wie für sein eigen Leben; es war, als wenn jedermann
wüßte, daß sich dies Paar jetzo das erstemal auf solche Bahn verwage.
Die junge Gräfin bedeckte vor Angst das Gesicht mit der Hand; den Grafen
selber, ihren Vater, den eisenfesten Mann, litt es nicht mehr auf seinem Sitz; gar
leise stand er auf. Auch die Musik ging stiller, wie auf Zehen, ihren Schritt, ja,
wer nur acht darauf gegeben hätte, der Rathausbrunnen mit seinen vier Rohren
hörte allgemach zu rauschen und zu laufen auf, und der steinerne Ritter krümmte
sich merklich. — — — Nur stet! nur still! drei Schritt noch und — Juchhe!
scholl’s himmelhoch: das erste Ziel war gewonnen! Sie faßten beiderseits zumal,
jedes an seinem Ort, die Stangen an, verschnauften, gelehnt an die Gabel.
Der unbekannte Knabe wollte sich die Stirne wischen mit der Hand,
uneingedenk der Larve: da entfiel ihm dieselbe zusamt dem Hut und — ach! ein
Graus für alle Gefreundete, Vettern und Basen, Gespielen, Bekannte, so Buben
als Mädchen — die Vrone ist’s! „Die Vrone Kiderlen, einer Witwe Tochter von
hier!“ so ging’s von Mund zu Mund. „Ist es denn eine Menschenmöglichkeit?“
rief eine Bürstenbindersfrau. „Das Vronele, meiner nächsten Nachbarin Kind?
Je! Gott sei Dank, bärig vor einer halben Stund’ ist ihre Mutter heim — es ward
ihr übel schon über den vorigen Künsten — und jetzt das eigne Kind — der
Schlag hätt’ sie gerührt, wenn sie das hätte sehen sollen!“ — Schon erhoben sich
wiederum Stimmen im Kreis, und noch lauter als vorhin beim Seppe, mit
Drohen, Bitten und Flehn an die Dirne, nicht weiter zu gehen. Sie aber, ganz
verwirrt, flammrot vor Scham, nicht wissend selbst, wie ihr geschehn, wie sie’s
vermocht, stand da, wie am Pranger, die Augen schwammen ihr, und ihre Knie
zitterten. Ein Mann lief fort, eine Leiter zu holen.
Derweil war aber schon der flinke Bergmann an der andern Seite zum Seppe
auf das Seil gekommen und hatte ihm etwas ins Ohr geraunt, worauf der
ungesäumt den linken Schuh abzog und seiner Partnerin mutig die Worte zurief:
„Komm, Vrone, es hat keine Not! Trau auf mein Wort, faß dir ein Herz und tu
mit deinem rechten Schuh, wie du mich eben sahst mit meinem linken tun, und
wirf ihn mir keck zu!“
Sie folgte dem Geheiß, mit Lächeln halb und halb mit Weinen, warf — da flog der Schuh dem Burschen wie von selber an seinen ausgestreckten Fuß. Nun warf
er ebenfalls, und ihr geschah dasselbe.
„Jetzt, Vrone, mir entgegen! Es ist nur, bis ich dich einmal beim kleinen
Finger habe, und wenn du mit der Patschhand einschlägst, dann soll es mir und
dir etwas Gutes bedeuten! Frisch dran, ihr Spielleut, macht uns auf, und einen
lustigen!“
Das fehlte nicht. Die vier Füße begannen sich gleich nach dem Zeitmaß zu
regen, nicht schrittweis wie zuvor und bedächtig, vielmehr im kunstgerechten
Tanz, als hätten sie von klein auf mit dem Seil verkehrt, und schien ihr ganzes
Tun nur wie ein liebliches Gewebe, das sie mit der Musik zustand zu bringen
hätten. Von nun an waren alle Blicke sorglos und wohlgefällig auf das hübsche
Paar gerichtet und gingen immer von einem zum andern. Der Mann auf dem
Brunnen hatte längst wieder den Atem gefunden und das Wasser sprang aus den
vier Rohren noch einmal so begierig als sonst. Auf jedem Mädchenantlitz, unten
auf dem Platz und oben in den Fenstern, war aber recht der Widerschein der
Anmut zu erblicken, die man vor Augen hatte. Kein Kriegsmann war so trutzig
und kein Graubart von der Ratsherrnbank so ernsthaft und gestreng, daß ihm das
Herz dabei nicht lachte, und die Handwerksgesellen der Stadt waren stolz, daß
einer von den Ihren vor all den fremden Gästen so herrlichen Ruhm davontrage.
Der Seppe sah im Tanz nicht mehr auf seinen schmalen Pfad noch minder
nach den Leuten hin: er schaute allein auf das Mädchen, welches in unverstellter
Sittsamkeit nur je und je seine Augen aufhob.
Als beide in der Mitte jetzt zusammenkamen, ergriff er sie bei ihren Händen.
Sie standen still und blickten sich einander freundlich ins Gesicht; auch sah man
ihn ein Wörtlein heimlich mit ihr sprechen. Danach auf einmal sprang er hinter
sie und schritten beide, sich im Tanz den Rücken kehrend, auseinander. Bei der
Kreuzstange machte er Halt, schwang seine Mütze und rief gar herzhaft: „Es
sollen die gnädigsten Herrschaften leben!“ — Da denn der ganze Markt
zusammen Vivat rief, dreimal, und einem jeden Teil besonders. Inwährend
diesem Schreien und Tumult unter dem Schall der Zinken, Pauken und
Trompeten lief der Seppe zur Vrone hinüber, die bei der andern Gabel stand,
umfing sie mit den Armen fest und küßte sie vor aller Welt. Das kam so
unverhofft und sah so schön und ehrlich, daß manchem vor Freude die Tränen
los wurden, ja die liebliche Gräfin erfaßte in jäher Bewegung den Arm ihres
Manns und drückt’ ihn an sich. Nun wandte sich die Vrone, und unter dem
Jauchzen der Leute, dem Klatschen der Ritter und Damen wie hurtig eilte sie mit
glutroten Wangen das Seil hinab! der Seppe gleich hinter ihr drein, das leinene
Säcklein mitnehmend.
Kaum daß sie wiederum auf festem Boden waren, kam schon ein Laufer auf sie zu und lud sie ein, auf die Altane zu kommen, das sie auch ohnedem zu tun
vorhatten.
Sämtliche hohe Herrschaften empfingen sie im Angesicht des Volks mit
Glückwünschen und großen Lobsprüchen, dabei sie sich mit höflicher
Bescheidung annoch alles weiteren Fragens enthielten, indem sie zwar nicht
zweifelten, daß es mit dem Gesehenen seine besondere Bewandtnis haben
müsse, doch aber solchem nachzuforschen nicht dem Ort und der Zeit gemäß
hielten. Der Seppe nahm bald der Gelegenheit wahr, ein wenig rückwärts der
Gesellschaft den zwilchenen Sack aufzumachen, nahm die Laiblein heraus und
legte sie, höfischer Sitte unkundig, nur frei auf die Brüstung vor die Frau Gräfin
Mutter als eine kleine Verehrung für sie, vergaß auch nicht dabei zu sagen, daß
man an diesem Brot sein ganzes Leben haben könne. Sie bedankte sich
freundlich der Gabe, obwohl sie, des Gesellen Wort für einen Scherz
hinnehmend, den besten Wert derselben erst nachderhand erfuhr. Dann zog er
sein Geschenk für den erlauchten Herrn heraus. Wie sehr erstaunte dieser nicht
bei der Eröffnung der Kapsel! und aber wieviel mehr noch, als er das goldene
Büchslein aufschraubte! Denn er erriet urplötzlich, was für ein Zahn das sei,
bemeisterte jedoch in Mienen und Gebärden Verwunderung und Freude. Er
wollte den Gesellen gleichwohl seines Danks versichern, tat eben den Mund
dazu auf, als an der andern Seite drüben der schönen Irmengard ein Freudenruf
entfuhr, daß alles auf sie blickte. Die Vrone nämlich hatte ihr ein kleines Lädlein
dargebracht, worin die verlorene Perlenschnur lag. (Der kluge Leser denkt schon
selbst, wer früh am Morgen heimlich bei der Dirne war.) Nicht aber könnte ich
beschreiben das holde Frohlocken der Dame, mit welchem sie den Schmuck
ihrem Gemahl und den andern der Reihe nach wies. Er war unverletzt, ohne
Makel geblieben, und jedermann beteuerte, so edle große Perlen noch niemals
gesehen zu haben. Nunmehr verlangte man zu wissen, was Graf Eberhard
bekam. „Seht an!“ sprach er, „ein Reliquienstück, mir werter als manch köstliche
Medey an einer Kleinodschnur: des Königs Salomo Zahnstocher, so er im
täglichen Gebrauch gehabt. Mein guter Freund, der hochwürdige Abt vom
Kloster Hirschau sendet ihn mir zum Geschenk. Er soll, wenn man bisweilen das
Zahnfleisch etwas damit ritzet, den Weisheitszahn noch vor dem Schwabenalter
treiben. Da wir für unsere Person, so Gott will, solcher Fördernis nicht mehr
bedürfen, so denken wir dies edle Werkzeug auf ausdrücklich Begehren hie und
da in unserer Freundschaft hinzuleihen, es auch gleich heut’, da wir etliche
Junker zu Gast haben werden, bei Tafel mit dem Nachtrunk herumgehen zu
lassen.“ — So scherzte der betagte Held, und alles war erfreut, ihn so vergnügt
zu sehen.
Jetzt wurde den Bürgern das Zeichen zum Essen gegeben. Für jede Gasse, wo gespeist ward, hatte man etliche Männer bestellt, welche dafür besorgt sein
mußten, daß die Geladenen in Ordnung ihre Sitze nahmen. Solang, bis dies
geschehn war, pflogen die Herren und Damen heiteren Gesprächs mit dem
Gesellen und der Vrone. Ein Diener reichte Spanierwein in Stotzengläsern,
Hohlippen und Krapfen herum, davon die beiden auch ihr Teil genießen mußten.
— „Ihr seid wohl Bräutigam und Braut?“ frug die Frau Mutter. — „Ja, Ihro
Gnaden,“ sprach der Seppe, „dafern des Mädchens Mutter nichts dawider hat,
sind wir’s seit einer halben Stunde.“ — „Was?“ rief der Graf, „ihr habt euch auf
dem Seil versprochen? Nun, bei den Heiligen zusammen, der Streich gefällt mir
noch am allerbesten! So etwas mag doch nur im Schwabenland passieren.
Glückzu, ihr braven Kinder! Auf einem Becher lieset man den Spruch:
Lottospiel und Heiratstag Ohn’ groß’ Gefahr nie bleiben mag. Ihr nun, nach
solcher Probe, seid quitt mit der Gefahr euer Leben lang.“ — Dann sprach er zu
seinem Gemahl und den andern: „Jetzt laßt uns in die Gassen gehn, unsern
wackeren Stuttgarter Bürgern gesegnete Mahlzeit zu wünschen! darauf wollen
wir gleichfalls zu Tisch. Das Brautpaar wird dabei sein; hört ihr? Kommt in das
Schloß zu uns! Ihr habt Urlaub auf eine Stunde; das mag hinreichen, euch den
mütterlichen Segen zu erbitten; wo nicht, so will ich selbst Fürsprecher sein.“
Begehrt nun der Leser noch weiteres zu wissen, als da ist: wie sich das Brautpaar
heimgefunden? ob sie von Freunden und Neugierigen nicht unterwegs erdrückt,
zerrissen und gefressen worden? was Mutter Kiderlen und was die Base sagte?
wie es denn bei der gräflichen Tafel herging? auch was nachher der Graf mit
dem Seppe besonders verhandelt und so mehr — so würde ich bekennen, daß
meine Spule abgelaufen sei bis auf das wenige, das hier nachfolgt.
Am Markt gegen dem Adler über sieht man dermalen noch ein merkwürdiges
altes Haus, vornher versehen mit drei Erkern, davon ein paar auf den Ecken gar
heiter wie Türmlein stehn mit Knöpfen und Windfahnen, hüben und drüben
unterhalb der Eckvorsprünge zwei Heiligenbilder aus Stein gehauen, je mit
einem kleinen Baldachin von durchbrochener Arbeit gedeckt: Maria mit dem
Kind samt dem jungen Johannes einerseits und St. Christoph, der Riese,
andrerseits, wie er den Knaben Jesus auf seiner Schulter über das Wasser trägt,
einen Baumstamm in der Faust zum Stab. Dies Haus — in seinen Grundfesten
samt dem Warengewölb vermutlich noch dasselbige — gehörte von Voreltern
her dem Grafen eigentümlich und ward von ihm auf jenen Tag unserem Schuster
in Erkenntlichkeit für seine kostbare Gabe und zum Beweis besonderer Gnade
als freie Schenkung überlassen, nebst einem Teil des inbefindlichen Hausrats, welchem der Graf schalkhaftigerweise noch einen neuen Schleifstein mit Rad
beifügte. Die Vrone bekam von den gnädigen Frauen einen künstlich
geschnitzten Eichenschrank voll Linnenzeug zu ihrer Aussteuer.
Am Hochzeittag gaben sich beide das Wort, ihre Glücksschuh zwar zum
ewigen Gedächtnis dankbar aufzuheben, doch nie mehr an den Fuß zu bringen,
indem sie alles hätten, vornehmlich aneinander selbst, was sie nur wünschen
könnten, auch überdies hofften, mit christlichem Fleiß ihr Zeitliches zu mehren.
Der Seppe, jetzt Meister Joseph geheißen, blieb seinem Gewerbe getreu noch
über achtundzwanzig Jahr; dann lebte er als ein wohlhabender Mann und
achtbarer Ratsherr, mit Kindern gesegnet, seine Tage in Ruh mit der Vrone.
Unter seinen Hausfreunden war einer, man hieß ihn den Datte, der kam an
jedem dritten Samstagabend auf ein Glas Wein und einen guten Käs zu ihm mit
dem Beding, daß niemand sonst dabei sei als die liebwerte Frau und die Kinder
(diese hatte er gern, und sie taten und spielten als klein mit ihm, wie wenn er
ihresgleichen wäre). Da ward alsdann geschwatzt von Zunftgeschäften und von
den alten Zeiten, ingleichen gern von einem und dem andern ein starker
Schwank erzählt. Derselbe Hausfreund brachte den werten Eheleuten an ihrem
goldenen Jubeltag ein silbernes Handleuchterlein, vergoldet, in Figur eines
gebückten Männleins, so einen schweren Stiefel auf dem Haupte trägt und einen
Laib unter dem Arm. Rings aber um den Fuß des Leuchters waren eingegraben
diese Reime:
Will jemand sehn mein frazzengsicht,
ich halt ihm selbs darzu das licht.
mich kränket nur daß noch zur stund
mich geküßt kein frauenmund.
die mir allein gefallen hat
ein cron und schaufalt dieser stadt
hab ich vor funfzig jaren heunt
müeßen lassen meinem freund.
zum datte hant sie mich erkorn
zu schlichten zwilauf hadder zorn.
deß gieng ich müeßig all die jar
mag es auch bleiben immerdar.
Und nun, mein Leser, liebe Leserin, leb’ wohl! Deucht dir etwa, du habest jetzt
genug auf eine Weile an Märchen: wohl, ich verspreche, dergleichen sobald
nicht wieder zu Markte zu bringen; gefiel dir aber dieser Scherz, will ich es
gleichwohl also halten. Es gelte, wie geschrieben steht zum Schluß des andern
Buchs der Makkabäer: „Allezeit Wein oder Wasser trinken ist nicht lustig, sondern zuweilen Wein, zuweilen Wasser trinken, das ist lustig; also ist es auch
lustig, so man mancherlei lieset. Das sei das Ende!“