Demian, Die Geschichte von Emil Sinclairs Jugend
Zweites Kapitel Kain
Zweites Kapitel
Kain
Die Rettung aus meinen Qualen kam von ganz unerwarteter Seite, und
zugleich mit ihr kam etwas Neues in mein Leben, das bis heute fort gewirkt hat.
In unsere Lateinschule war vor kurzem ein neuer Schüler eingetreten. Er war
der Sohn einer wohlhabenden Witwe, die in unsere Stadt gezogen war, und er
trug einen Trauerflor um den Ärmel. Er ging in eine höhere Klasse als ich und
war mehrere Jahre älter, aber auch mir fiel er bald auf, wie allen. Dieser
merkwürdige Schüler schien viel älter zu sein als er aussah, auf niemanden
machte er den Eindruck eines Knaben. Zwischen uns kindischen Jungen bewegte
er sich fremd und fertig wie ein Mann, vielmehr wie ein Herr. Beliebt war er
nicht, er nahm nicht an den Spielen, noch weniger an Raufereien teil, nur sein
selbstbewußter und entschiedener Ton gegen die Lehrer gefiel den andern. Er
hieß Max Demian.
Eines Tages traf es sich, wie es in unsrer Schule hie und da vorkam, daß aus
irgendwelchen Gründen noch eine zweite Klasse in unser sehr großes
Schulzimmer gesetzt wurde. Es war die Klasse Demians. Wir Kleinen hatten
biblische Geschichte, die Großen mußten einen Aufsatz machen. Während man
uns die Geschichte von Kain und Abel einbläute, sah ich viel zu Demian
hinüber, dessen Gesicht mich eigentümlich faszinierte, und sah dies kluge, helle,
ungemein feste Gesicht aufmerksam und geistvoll über seine Arbeit gebeugt; er
sah gar nicht aus wie ein Schüler, der eine Aufgabe macht, sondern wie ein
Forscher, der eigenen Problemen nachgeht. Angenehm war er mir eigentlich
nicht, im Gegenteil, ich hatte irgend etwas gegen ihn, er war mir zu überlegen
und kühl, er war mir allzu herausfordernd sicher in seinem Wesen, und seine
Augen hatten den Ausdruck der Erwachsenen — den die Kinder nie lieben —
ein wenig traurig mit Blitzen von Spott darin. Doch mußte ich ihn immerfort
ansehen, er mochte mir lieb oder leid sein; kaum aber blickte er einmal auf mich,
so zog ich meinen Blick erschrocken zurück. Wenn ich es mir heute überlege,
wie er damals als Schüler aussah, so kann ich sagen: er war in jeder Hinsicht anders als alle, war durchaus eigen und persönlich gestempelt, und fiel darum
auf — zugleich aber tat er alles, um nicht aufzufallen, trug und benahm sich wie
ein verkleideter Prinz, der unter Bauernbuben ist und sich jede Mühe gibt,
ihresgleichen zu scheinen.
Auf dem Heimweg von der Schule ging er hinter mir. Als die anderen sich
verlaufen hatten, überholte er mich und grüßte. Auch dies Grüßen, obwohl er
unsern Schuljungenton dabei nachmachte, war so erwachsen und höflich.
„Gehen wir ein Stück weit zusammen?“ fragte er freundlich. Ich war
geschmeichelt und nickte. Dann beschrieb ich ihm, wo ich wohne.
„Ah, dort?“ sagte er lächelnd. „Das Haus kenne ich schon. Über eurer Haustür
ist so ein merkwürdiges Ding angebracht, das hat mich gleich interessiert.“
Ich wußte gar nicht gleich, was er meine, und war erstaunt, daß er unser Haus
besser zu kennen schien als ich. Es war wohl als Schlußstein über der
Torwölbung eine Art Wappen vorhanden, doch war es im Lauf der Zeiten flach
und oftmals mit Farbe überstrichen worden, mit uns und unsrer Familie hatte es,
soviel ich wußte, nichts zu tun.
„Ich weiß nichts darüber,“ sagte ich schüchtern. „Es ist ein Vogel oder so was
Ähnliches, es muß ganz alt sein. Das Haus soll früher einmal zum Kloster gehört
haben.“
„Das kann schon sein,“ nickte er. „Sieh dir’s einmal gut an! Solche Sachen
sind oft ganz interessant. Ich glaube, daß es ein Sperber ist.“
Wir gingen weiter, ich war sehr befangen. Plötzlich lachte Demian, als falle
ihm etwas Lustiges ein.
„Ja, ich habe ja da eurer Stunde beigewohnt,“ sagte er lebhaft. „Die
Geschichte von Kain, der das Zeichen auf der Stirn trug, nicht wahr? Gefällt sie
dir?“
Nein, gefallen hatte mir selten irgend etwas von all dem, was wir lernen
mußten. Ich wagte es aber nicht zu sagen, es war, als rede ein Erwachsener mit
mir. Ich sagte, die Geschichte gefalle mir ganz gut.
Demian klopfte mir auf die Schulter.
„Du brauchst mir nichts vorzumachen, Lieber. Aber die Geschichte ist
tatsächlich recht merkwürdig, ich glaube, sie ist viel merkwürdiger als die
meisten andern, die im Unterricht vorkommen. Der Lehrer hat ja nicht viel
darüber gesagt, nur so das Übliche über Gott und die Sünde und so weiter. Aber
ich glaube —“ er unterbrach sich, lächelte und fragte: „Interessiert es dich
aber?“
„Ja, ich glaube also,“ fuhr er fort, „man kann diese Geschichte von Kain auch
ganz anders auffassen. Die meisten Sachen, die man uns lehrt, sind gewiß ganz
wahr und richtig, aber man kann sie alle auch anders ansehen, als die Lehrer es tun, und meistens haben sie dann einen viel besseren Sinn. Mit diesem Kain zum
Beispiel und mit dem Zeichen auf seiner Stirn kann man doch nicht recht
zufrieden sein, so wie er uns erklärt wird. Findest du nicht auch? Daß einer
seinen Bruder im Streit totschlägt, kann ja gewiß passieren, und daß er nachher
Angst kriegt und klein beigibt, ist auch möglich. Daß er aber für seine Feigheit
extra mit einem Orden ausgezeichnet wird, der ihn schützt und allen andern
Angst einjagt, ist doch recht sonderbar.“
„Freilich,“ sagte ich interessiert: die Sache begann mich zu fesseln. „Aber wie
soll man die Geschichte anders erklären?“
Er schlug mir auf die Schulter.
„Ganz einfach! Das, was vorhanden war und womit die Geschichte ihren
Anfang genommen hat, war das Zeichen. Es war da ein Mann, der hatte etwas
im Gesicht, was den andern Angst machte. Sie wagten nicht ihn anzurühren, er
imponierte ihnen, er und seine Kinder. Vielleicht, oder sicher, war es aber nicht
wirklich ein Zeichen auf der Stirn, so wie ein Poststempel, so grob geht es im
Leben selten zu. Viel eher war es etwas kaum wahrnehmbares Unheimliches, ein
wenig mehr Geist und Kühnheit im Blick, als die Leute gewohnt waren. Dieser
Mann hatte Macht, vor diesem Mann scheute man sich. Er hatte ein ‚Zeichen‘.
Man konnte das erklären, wie man wollte. Und ‚man‘ will immer das, was einem
bequem ist und recht gibt. Man hatte Furcht vor den Kainskindern, sie hatten ein
‚Zeichen‘. Also erklärte man das Zeichen nicht als das, was es war, als eine
Auszeichnung, sondern als das Gegenteil. Man sagte, die Kerls mit diesem
Zeichen seien unheimlich, und das waren sie auch. Leute mit Mut und Charakter
sind den anderen Leuten immer sehr unheimlich. Daß da ein Geschlecht von
Furchtlosen und Unheimlichen herumlief, war sehr unbequem, und nun hängte
man diesem Geschlecht einen Übernamen und eine Fabel an, um sich an ihm zu
rächen, um sich für alle die ausgestandne Furcht ein bißchen schadlos zu halten.
— Begreifst du?“
„Ja — das heißt — dann wäre ja Kain also gar nicht böse gewesen? Und die
ganze Geschichte in der Bibel wäre eigentlich gar nicht wahr?“
„Ja und nein. So alte, uralte Geschichten sind immer wahr, aber sie sind nicht
immer so aufgezeichnet und werden nicht immer so erklärt, wie es richtig wäre.
Kurz, ich meine, der Kain war ein famoser Kerl, und bloß, weil man Angst vor
ihm hatte, hängte man ihm diese Geschichte an. Die Geschichte war einfach ein
Gerücht, so etwas, was die Leute herumschwätzen, und es war insofern ganz
wahr, als Kain und seine Kinder ja wirklich eine Art ‚Zeichen‘ trugen und anders
waren als die meisten Leute.“
Ich war sehr erstaunt.
„Und dann glaubst du, daß auch das mit dem Totschlag gar nicht wahr ist?“ fragte ich ergriffen.
„O doch! Sicher ist das wahr. Der Starke hatte einen Schwachen erschlagen.
Ob es wirklich sein Bruder war, daran kann man ja zweifeln. Es ist nicht wichtig,
schließlich sind alle Menschen Brüder. Also ein Starker hat einen Schwachen
totgeschlagen. Vielleicht war es eine Heldentat, vielleicht auch nicht. Jedenfalls
aber waren die andern Schwachen jetzt voller Angst, sie beklagten sich sehr, und
wenn man sie fragte: ‚Warum schlaget ihr ihn nicht einfach auch tot?‘ dann
sagten sie nicht: ‚Weil wir Feiglinge sind,‘ sondern sie sagten: ‚Man kann nicht.
Er hat ein Zeichen. Gott hat ihn gezeichnet!‘ Etwa so muß der Schwindel
entstanden sein. — Na, ich halte dich auf. Adieu denn!“
Er bog in die Altgasse ein und ließ mich allein, verwunderter als ich je
gewesen war. Kaum war er weg, so erschien mir alles, was er gesagt hatte, ganz
unglaublich! Kain ein edler Mensch, Abel ein Feigling! Das Kainszeichen eine
Auszeichnung! Es war absurd, es war gotteslästerlich und ruchlos. Wo blieb
dann der liebe Gott? Hatte der nicht Abels Opfer angenommen, hatte der nicht
Abel lieb? — Nein, dummes Zeug! Und ich vermutete, Demian habe sich über
mich lustig machen und mich aufs Glatteis locken wollen. Ein verflucht
gescheiter Kerl war er ja, und reden konnte er, aber so — nein —
Immerhin hatte ich noch niemals über irgendeine biblische oder andere
Geschichte so viel nachgedacht. Und hatte seit langem noch niemals den Franz
Kromer so völlig vergessen, stundenlang, einen ganzen Abend lang. Ich las zu
Hause die Geschichte noch einmal durch, wie sie in der Bibel stand, sie war kurz
und deutlich, und es war ganz verrückt, da nach einer besonderen, geheimen
Deutung zu suchen. Da könnte jeder Totschläger sich für Gottes Liebling
erklären! Nein, es war Unsinn. Nett war bloß die Art, wie Demian solche Sachen
sagen konnte, so leicht und hübsch, wie wenn alles selbstverständlich wäre, und
mit diesen Augen dazu!
Etwas freilich war ja bei mir selbst nicht in Ordnung, war sogar sehr in
Unordnung. Ich hatte in einer lichten und sauberen Welt gelebt, ich war selber
eine Art von Abel gewesen, und jetzt stak ich so tief im „andern“, war so sehr
gefallen und gesunken, und doch konnte ich im Grunde nicht so sehr viel dafür!
Wie war es nun damit? Ja, und jetzt blitzte eine Erinnerung in mir herauf, die mir
für einen Augenblick fast den Atem nahm. An jenem üblen Abend, wo mein
jetziges Elend angefangen hatte, da war das mit meinem Vater gewesen, da hatte
ich, einen Augenblick lang, ihn und seine lichte Welt und Weisheit auf einmal
wie durchschaut und verachtet! Ja, da hatte ich selber, der ich Kain war und das
Zeichen trug, mir eingebildet, dies Zeichen sei keine Schande, es sei eine
Auszeichnung und ich stehe durch meine Bosheit und mein Unglück höher als
mein Vater, höher als die Guten und Frommen.
Nicht in dieser Form des klaren Gedankens war es, daß ich die Sache damals
erlebte, aber alles dies war darin enthalten, es war nur ein Aufflammen von
Gefühlen, von seltsamen Regungen, welche weh taten und mich doch mit Stolz
erfüllten.
Wenn ich mich besann — wie sonderbar hatte Demian von den Furchtlosen
und den Feigen gesprochen! Wie seltsam hatte er das Zeichen auf Kains Stirne
gedeutet! Wie hatte sein Auge, sein merkwürdiges Auge eines Erwachsenen,
dabei wunderlich geleuchtet! Und es schoß mir unklar durch den Kopf: — ist
nicht er selber, dieser Demian, so eine Art Kain? Warum verteidigt er ihn, wenn
er sich nicht ihm ähnlich fühlt? Warum hat er diese Macht im Blick? Warum
spricht er so höhnisch von den „andern“, von den Furchtsamen, welche doch
eigentlich die Frommen und Gott Wohlgefälligen sind?
Ich kam mit diesen Gedanken zu keinem Ende. Es war ein Stein in den
Brunnen gefallen, und der Brunnen war meine junge Seele. Und für eine lange,
sehr lange Zeit war diese Sache mit Kain, dem Totschlag und dem Zeichen der
Punkt, bei dem meine Versuche zu Erkenntnis, Zweifel und Kritik alle ihren
Ausgang nahmen.
Ich merkte, daß auch die andern Schüler sich mit Demian viel beschäftigten.
Von der Geschichte wegen Kain hatte ich niemandem etwas gesagt, aber er
schien auch andre zu interessieren. Wenigstens kamen viele Gerüchte über den
„Neuen“ in Umlauf. Wenn ich sie nur noch alle wüßte, jedes würde ein Licht auf
ihn werfen, jedes würde zu deuten sein. Ich weiß nur noch, daß zuerst verlautete,
die Mutter Demians sei sehr reich. Auch sagte man, sie gehe nie in die Kirche,
und der Sohn auch nicht. Sie seien Juden, wollte einer wissen, aber sie konnten
auch heimliche Mohammedaner sein. Weiter wurden Märchen erzählt von Max
Demians Körperkraft. Sicher war, daß er den Stärksten seiner Klasse, der ihn
zum Raufen aufforderte und ihn bei seiner Weigerung einen Feigling hieß,
furchtbar demütigte. Die, die dabei waren, sagten, Demian habe ihn bloß mit
einer Hand am Genick genommen und fest gedrückt, dann sei der Knabe bleich
geworden, und nachher sei er weggeschlichen und habe tagelang seinen Arm
nicht mehr brauchen können. Einen Abend lang hieß es sogar, er sei tot. Alles
wurde eine Weile behauptet, alles geglaubt, alles war aufregend und wundersam.
Dann hatte man für eine Weile genug. Nicht viel später aber kamen neue
Gerüchte unter uns Schülern auf, die wußten davon zu berichten, daß Demian
vertrauten Umgang mit Mädchen habe und „alles wisse“.
Inzwischen ging meine Sache mit Franz Kromer ihren zwangsläufigen Weg weiter. Ich kam nicht von ihm los, denn wenn er mich auch zwischenein
tagelang in Ruhe ließ, war ich doch an ihn gebunden. In meinen Träumen lebte
er wie mein Schatten mit, und was er mir nicht in der Wirklichkeit antat, das ließ
meine Phantasie ihn in diesen Träumen tun, in denen ich ganz und gar sein
Sklave wurde. Ich lebte in diesen Träumen — ein starker Träumer war ich
immer — mehr als im Wirklichen, ich verlor Kraft und Leben an diese Schatten.
Unter anderem träumte ich oft, daß Kromer mich mißhandelte, daß er mich
anspie und auf mir kniete, und, was schlimmer war, daß er mich zu schweren
Verbrechen verführte — vielmehr nicht verführte, sondern einfach durch seinen
mächtigen Einfluß zwang. Der furchtbarste dieser Träume, aus dem ich halb
wahnsinnig erwachte, enthielt einen Mordanfall auf meinen Vater. Kromer
schliff ein Messer und gab es mir in die Hand, wir standen hinter den Bäumen
einer Allee und lauerten auf jemand, ich wußte nicht auf wen; aber als jemand
daherkam und Kromer mir durch einen Druck auf meinen Arm sagte, der sei es,
den ich erstechen müsse, da war es mein Vater. Da erwachte ich.
Über diesen Dingen dachte ich zwar wohl noch an Kain und Abel, aber wenig
mehr an Demian. Als er mir zuerst wieder nahetrat, war es merkwürdigerweise
auch in einem Traume. Nämlich ich träumte wieder von Mißhandlungen und
Vergewaltigung, die ich erlitt, aber statt Kromer war es diesmal Demian, der auf
mir kniete. Und — das war ganz neu und machte mir tiefen Eindruck — alles,
was ich von Kromer unter Qual und Widerstreben erlitten hatte, das erlitt ich von
Demian gerne und mit einem Gefühl, das ebensoviel Wonne wie Angst enthielt.
Diesen Traum hatte ich zweimal, dann trat Kromer wieder an seine Stelle.
Was ich in diesen Träumen erlebte und was in der Wirklichkeit, das kann ich
längst nicht mehr genau trennen. Jedenfalls aber nahm mein schlimmes
Verhältnis zu Kromer seinen Lauf, und war nicht etwa zu Ende, als ich dem
Knaben endlich die geschuldete Summe aus lauter kleinen Diebstählen abbezahlt
hatte. Nein, jetzt wußte er von diesen Diebstählen, denn er fragte mich immer,
woher das Geld komme, und ich war mehr in seiner Hand als jemals. Häufig
drohte er, meinem Vater alles zu sagen, und dann war meine Angst kaum so groß
wie das tiefe Bedauern darüber, daß ich das nicht von Anfang an selber getan
hatte. Indessen, und so elend ich war, bereute ich doch nicht alles, wenigstens
nicht immer, und glaubte zuweilen zu fühlen, daß alles so sein müsse. Ein
Verhängnis war über mir, und es war unnütz, es durchbrechen zu wollen.
Vermutlich litten meine Eltern unter diesem Zustande nicht wenig. Es war ein
fremder Geist über mich gekommen, ich paßte nicht mehr in unsre
Gemeinschaft, die so innig gewesen war, und nach der mich oft ein rasendes
Heimweh wie nach verlorenen Paradiesen überfiel. Ich wurde, namentlich von
der Mutter, mehr wie ein Kranker behandelt als wie ein Bösewicht, aber wie es eigentlich stand, konnte ich am besten aus dem Benehmen meiner beiden
Schwestern sehen. In diesem Benehmen, das sehr schonend war und mich
dennoch unendlich beelendete, gab sich deutlich kund, daß ich eine Art von
Besessenem war, der für seinen Zustand mehr zu beklagen als zu schelten war, in
dem aber doch eben das Böse seinen Sitz genommen hatte. Ich fühlte, daß man
für mich betete, anders als sonst, und fühlte die Vergeblichkeit dieses Betens.
Die Sehnsucht nach Erleichterung, das Verlangen nach einer richtigen Beichte
spürte ich oft brennend, und empfand doch auch voraus, daß ich weder Vater
noch Mutter alles richtig würde sagen und erklären können. Ich wußte, man
würde es freundlich aufnehmen, man würde mich sehr schonen, ja bedauern,
aber nicht ganz verstehen, und das Ganze würde als eine Art Entgleisung
angesehen werden, während es doch Schicksal war.
Ich weiß, daß manche nicht glauben werden, daß ein Kind von noch nicht elf
Jahren so zu fühlen vermöge. Diesen erzähle ich meine Angelegenheit nicht. Ich
erzähle sie denen, welche den Menschen besser kennen. Der Erwachsene, der
gelernt hat, einen Teil seiner Gefühle in Gedanken zu verwandeln, vermißt diese
Gedanken beim Kinde, und meint nun, auch die Erlebnisse seien nicht da. Ich
aber habe nur selten in meinem Leben so tief erlebt und gelitten wie damals.
Einst war ein Regentag, ich war von meinem Peiniger auf den Burgplatz
bestellt worden, da stand ich nun und wartete und wühlte mit den Füßen im
nassen Kastanienlaub, das noch immerzu von den schwarzen triefenden Bäumen
fiel. Geld hatte ich nicht, aber ich hatte zwei Stücke Kuchen beiseite gebracht
und trug sie bei mir, um dem Kromer wenigstens etwas geben zu können. Ich
war es längst gewohnt, so irgendwo in einem Winkel zu stehen und auf ihn zu
warten, oft sehr lange Zeit, und ich nahm es hin, wie der Mensch das
Unabänderliche hinnimmt.
Endlich kam Kromer. Er blieb heute nicht lang. Er gab mir ein paar Knüffe in
die Rippen, lachte, nahm mir den Kuchen ab, bot mir sogar eine feuchte
Zigarette an, die ich jedoch nicht nahm, und war freundlicher als gewöhnlich.
„Ja,“ sagte er beim Weggehen, „daß ich’s nicht vergesse — du könntest das
nächstemal deine Schwester mitbringen, die ältere. Wie heißt sie eigentlich?“
Ich verstand gar nicht, gab auch keine Antwort. Ich sah ihn nur verwundert an.
„Kapierst du nicht? Deine Schwester sollst du mitbringen.“
„Ja, Kromer, aber das geht nicht. Das darf ich nicht, und sie käme auch gar
nicht mit.“
Ich war darauf gefaßt, daß das nur wieder eine Schikane und ein Vorwand sei.
So machte er es oft, verlangte irgend etwas Unmögliches, setzte mich in
Schrecken, demütigte mich, und ließ dann allmählich mit sich handeln. Ich
mußte mich dann mit etwas Geld oder anderen Gaben loskaufen.
Diesmal war er ganz anders. Er wurde auf meine Weigerung hin fast gar nicht
böse.
„Na ja,“ sagte er obenhin, „du wirst dir das überlegen. Ich möchte mit deiner
Schwester bekannt werden. Es wird schon einmal gehen. Du nimmst sie einfach
auf einen Spaziergang mit, und dann komme ich dazu. Morgen pfeife ich dir an,
dann sprechen wir noch einmal drüber.“
Als er fort war, dämmerte mir plötzlich etwas vom Sinn seines Begehrens auf.
Ich war noch völlig Kind, aber ich wußte gerüchtweise davon, daß Knaben und
Mädchen, wenn sie etwas älter waren, irgendwelche geheimnisvolle, anstößige
und verbotene Dinge miteinander treiben konnten. Und nun sollte ich also — es
wurde mir ganz plötzlich klar, wie ungeheuerlich es war! Mein Entschluß, das
nie zu tun, stand sofort fest. Aber was dann geschehen und wie Kromer sich an
mir rächen würde, daran wagte ich kaum zu denken. Es begann eine neue Marter
für mich, es war noch nicht genug.
Trostlos ging ich über den leeren Platz, die Hände in den Taschen. Neue
Qualen, neue Sklaverei!
Da rief mich eine frische, tiefe Stimme an. Ich erschrak und fing zu laufen an.
Jemand lief mir nach, eine Hand faßte mich sanft von hinten. Es war Max
Demian.
Ich gab mich gefangen.
„Du bist es?“ sagte ich unsicher. „Du hast mich so erschreckt!“
Er sah mich an, und nie war sein Blick mehr der eines Erwachsenen, eines
Überlegenen und Durchschauenden gewesen als jetzt. Seit langem hatten wir
nicht mehr miteinander gesprochen.
„Das tut mir leid,“ sagte er mit seiner höflichen und dabei sehr bestimmten
Art. „Aber höre, man muß sich nicht so erschrecken lassen.“
„Nun ja, das kann doch passieren.“
„Es scheint so. Aber sieh: wenn du vor jemand, der dir nichts getan hat, so
zusammenfährst, dann fängt der Jemand an nachzudenken. Es wundert ihn, es
macht ihn neugierig. Der Jemand denkt sich, du seiest doch merkwürdig
schreckhaft, und er denkt weiter: so ist man bloß, wenn man Angst hat. Feiglinge
haben immer Angst; aber ich glaube, ein Feigling bist du eigentlich nicht. Nicht
wahr? O freilich, ein Held bist du auch nicht. Es gibt Dinge, vor denen du Furcht
hast; es gibt auch Menschen, vor denen du Furcht hast. Und das sollte man nie
haben. Nein, vor Menschen sollte man niemals Furcht haben. Du hast doch keine
vor mir? Oder?“
„O nein, gar nicht.“
„Eben, siehst du. Aber es gibt Leute, vor denen du Furcht hast?“
„Ich weiß nicht . . . Laß mich doch, was willst du von mir?“
Er hielt mit mir Schritt — ich war rascher gegangen, mit Fluchtgedanken —
und ich fühlte seinen Blick von der Seite her.
„Nimm einmal an,“ fing er wieder an, „daß ich es gut mit dir meine. Angst
brauchst du jedenfalls vor mir nicht zu haben. Ich möchte gern ein Experiment
mit dir machen, es ist lustig und du kannst etwas dabei lernen, was sehr
brauchbar ist. Paß einmal auf! — Also ich versuche manchmal eine Kunst, die
man Gedankenlesen heißt. Es ist gar keine Hexerei dabei, aber wenn man nicht
weiß, wie es gemacht wird, dann sieht es ganz eigentümlich aus. Man kann die
Leute sehr damit überraschen. — Nun, wir probieren einmal. Also ich habe dich
gern, oder ich interessiere mich für dich, und möchte nun herausbringen, wie es
in dir drinnen aussieht. Dazu habe ich den ersten Schritt schon getan. Ich habe
dich erschreckt — du bist also schreckhaft. Es gibt also Sachen und Menschen,
vor denen du Angst hast. Woher kann das kommen? Man braucht vor niemand
Angst zu haben. Wenn man jemand fürchtet, dann kommt es daher, daß man
diesem Jemand Macht über sich eingeräumt hat. Man hat zum Beispiel etwas
Böses getan, und der andre weiß das — dann hat er Macht über dich. Du
kapierst? Es ist doch klar, nicht?“
Ich sah ihm hilflos ins Gesicht, das war ernst und klug wie stets, und auch
gütig, aber ohne alle Zärtlichkeit, es war eher streng. Gerechtigkeit oder etwas
Ähnliches lag darin. Ich wußte nicht, wie mir geschah; er stand wie ein Zauberer
vor mir.
„Hast du verstanden?“ fragte er noch einmal.
Ich nickte. Sagen konnte ich nichts.
„Ich sagte dir ja, es sieht komisch aus, das Gedankenlesen, aber es geht ganz
natürlich zu. Ich könnte dir zum Beispiel auch ziemlich genau sagen, was du
über mich gedacht hast, als ich einmal dir die Geschichte von Kain und Abel
erzählt hatte. Nun, das gehört nicht hierher. Ich halte es auch für möglich, daß du
einmal von mir geträumt hast. Lassen wir das aber! Du bist ein gescheiter Junge,
die meisten sind so dumm! Ich rede gern hie und da mit einem gescheiten
Jungen, zu dem ich Vertrauen habe. Es ist dir doch recht?“
„O ja. Ich verstehe nur gar nicht —“
„Bleiben wir einmal bei dem lustigen Experiment! Wir haben also gefunden:
der Knabe S. ist schreckhaft — er fürchtet jemanden — er hat wahrscheinlich
mit diesem andern ein Geheimnis, das ihm sehr unbequem ist. — Stimmt das
ungefähr?“
Wie im Traum unterlag ich seiner Stimme, seinem Einfluß. Ich nickte nur. Sprach da nicht eine Stimme, die nur aus mir selber kommen konnte? Die alles
wußte? Die alles besser, klarer wußte als ich selber?
Kräftig schlug mir Demian auf die Schulter.
„Es stimmt also. Ich konnte mir’s denken. Jetzt bloß noch eine einzige Frage:
weißt du, wie der Junge heißt, der da vorhin wegging?“
Ich erschrak heftig, mein angetastetes Geheimnis krümmte sich schmerzhaft
in mir zurück, es wollte nicht ans Licht.
„Was für ein Junge? Es war kein Junge da, bloß ich.“
Er lachte.
„Sag’s nur!“ lachte er. „Wie heißt er?“
Ich flüsterte: „Meinst du den Franz Kromer?“
Befriedigt nickte er mir zu.
„Bravo! Du bist ein fixer Kerl, wir werden noch Freunde werden. Nun muß
ich dir aber etwas sagen: dieser Kromer, oder wie er heißt, ist ein schlechter
Kerl. Sein Gesicht sagt mir, daß er ein Schuft ist! Was meinst du?“
„O ja,“ seufzte ich auf, „er ist schlecht, er ist ein Satan! Aber er darf nichts
wissen! Um Gottes willen, er darf nichts wissen. Kennst du ihn? Kennt er dich?“
„Sei nur ruhig! Er ist fort, und er kennt mich nicht — noch nicht. Aber ich
möchte ihn ganz gern kennenlernen. Er geht in die Volksschule?“
„Ja.“
„In welche Klasse?“
„In die fünfte. — Aber sag ihm nichts! Bitte, bitte sag ihm nichts!“
„Sei ruhig, es passiert dir nichts. — Vermutlich hast du keine Lust, mir ein
wenig mehr von diesem Kromer zu erzählen?“
„Ich kann nicht! Nein, laß mich!“
Er schwieg eine Weile.
„Schade,“ sagte er dann, „wir hätten das Experiment noch weiter führen
können. Aber ich will dich nicht plagen. Aber nicht wahr, das weißt du doch, daß
deine Furcht vor ihm nichts Richtiges ist? So eine Furcht macht uns ganz kaputt,
die muß man loswerden. Du mußt sie loswerden, wenn ein rechter Kerl aus dir
werden soll. Begreifst du?“
„Gewiß, du hast ganz recht . . . aber es geht nicht. Du weißt ja nicht . . .“
„Du hast gesehen, daß ich manches weiß, mehr als du gedacht hättest. — Bist
du ihm etwa Geld schuldig?“
„Ja, das auch, aber das ist nicht die Hauptsache. Ich kann es nicht sagen, ich
kann nicht!“
„Es hilft also nichts, wenn ich dir soviel Geld gebe, wie du ihm schuldig bist?
— Ich könnte es dir gut geben.“
„Nein, nein, das ist es nicht. Und ich bitte dich: sage niemand davon! Kein Wort! Du machst mich unglücklich!“
„Verlaß dich auf mich, Sinclair. Eure Geheimnisse wirst du mir später einmal
mitteilen —“
„Nie, nie!“ rief ich heftig.
„Ganz wie du willst. Ich meine nur, vielleicht wirst du mir später einmal mehr
sagen. Nur freiwillig, versteht sich. Du denkst doch nicht, ich werde es machen
wie der Kromer selber?“
„O nein — aber du weißt ja gar nichts davon!“
„Gar nichts. Ich denke nur darüber nach. Und ich werde es nie so machen wie
Kromer es macht, das glaubst du mir. Du bist ja mir auch nichts schuldig.“
Wir schwiegen eine lange Zeit, und ich wurde ruhiger. Aber Demians Wissen
wurde mir immer rätselhafter.
„Ich geh jetzt nach Hause,“ sagte er, und zog im Regen seinen Lodenmantel
fester zusammen. „Ich möchte dir nur eins nochmals sagen, weil wir schon so
weit sind — du solltest diesen Kerl loswerden! Wenn es gar nicht anders geht,
dann schlage ihn tot! Es würde mir imponieren und gefallen, wenn du es tätest.
Ich würde dir auch helfen.“
Ich bekam von neuem Angst. Die Geschichte von Kain fiel mir plötzlich
wieder ein. Es wurde mir unheimlich, und ich begann sachte zu weinen. Zu viel
Unheimliches war um mich her.
„Nun gut,“ lächelte Max Demian. „Geh nur nach Hause! Wir machen das
schon. Obwohl Totschlagen das Einfachste wäre. In solchen Dingen ist das
Einfachste immer das Beste. Du bist in keinen guten Händen bei deinem Freund
Kromer.“
Ich kam nach Hause, und mir schien, ich sei ein Jahr lang weg gewesen. Alles
sah anders aus. Zwischen mir und Kromer stand etwas wie Zukunft, etwas wie
Hoffnung. Ich war nicht mehr allein! Und erst jetzt sah ich, wie schrecklich
allein ich wochen- und wochenlang mit meinem Geheimnis gewesen war. Und
sofort fiel mir ein, was ich mehrmals durchgedacht hatte: daß eine Beichte vor
meinen Eltern mich erleichtern und mich doch nicht ganz erlösen würde. Nun
hatte ich beinahe gebeichtet, einem andern, einem Fremden, und
Erlösungsahnung flog mir wie ein starker Duft entgegen!
Immerhin war meine Angst noch lange nicht überwunden, und ich war noch auf
lange und furchtbare Auseinandersetzungen mit meinem Feinde gefaßt. Desto
merkwürdiger war es mir, daß alles so still, so völlig geheim und ruhig verlief.
Kromers Pfiff vor unsrem Hause blieb aus, einen Tag, zwei Tage, drei Tage,
eine Woche lang. Ich wagte gar nicht, daran zu glauben, und lag innerlich auf der
Lauer, ob er nicht plötzlich, eben wenn man ihn gar nimmer erwartete, doch
wieder dastehen würde. Aber er war und blieb fort! Mißtrauisch gegen die neue
Freiheit, glaubte ich noch immer nicht recht daran. Bis ich endlich einmal dem
Franz Kromer begegnete. Er kam die Seilergasse herab, gerade mir entgegen.
Als er mich sah, zuckte er zusammen, verzog das Gesicht zu einer wüsten
Grimasse und kehrte ohne weiteres um, um mir nicht begegnen zu müssen.
Das war für mich ein unerhörter Augenblick! Mein Feind lief vor mir davon!
Mein Satan hatte Angst vor mir! Mir fuhr die Freude und Überraschung durch
und durch.
In diesen Tagen zeigte sich Demian einmal wieder. Er wartete auf mich vor
der Schule.
„Grüß Gott,“ sagte ich.
„Guten Morgen, Sinclair. Ich wollte nur einmal hören, wie dir’s geht. Der
Kromer läßt dich doch jetzt in Ruhe, nicht?“
„Hast du das gemacht? Aber wie denn? Wie denn? Ich begreife es gar nicht.
Er ist ganz ausgeblieben.“
„Das ist gut. Wenn er je einmal wiederkommen sollte — ich denke, er tut es
nicht, aber er ist ja ein frecher Kerl — dann sage ihm bloß, er möge an den
Demian denken.“
„Aber wie hängt das zusammen? Hast du Händel mit ihm angefangen und ihn
verhauen?“
„Nein, das tue ich nicht so gern. Ich habe bloß mit ihm gesprochen, so wie mit
dir auch, und habe ihm dabei klar machen können, daß es sein eigener Vorteil ist, wenn er dich in Ruhe läßt.“
„O, du wirst ihm doch kein Geld gegeben haben?“
„Nein, mein Junge. Diesen Weg hattest ja du schon probiert.“
Er machte sich los, so sehr ich ihn auszufragen versuchte, und ich blieb mit
dem alten beklommenen Gefühl gegen ihn zurück, das aus Dankbarkeit und
Scheu, aus Bewunderung und Angst, aus Zuneigung und innerem Widerstreben
seltsam gemischt war.
Ich nahm mir vor, ihn bald wiederzusehen, und dann wollte ich mehr mit ihm
über das alles reden, auch noch über die Kain-Sache.
Es kam nicht dazu.
Dankbarkeit ist überhaupt keine Tugend, an die ich Glauben habe, und sie von
einem Kinde zu verlangen, schiene mir falsch. So wundere ich mich über meine
eigene völlige Undankbarkeit nicht eben sehr, die ich gegen Max Demian
bewies. Ich glaube heute mit Bestimmtheit, daß ich fürs Leben krank und
verdorben worden wäre, wenn er mich nicht aus den Klauen Kromers befreit
hätte. Diese Befreiung fühlte ich auch damals schon als das größte Erlebnis
meines jungen Lebens — aber den Befreier selbst ließ ich links liegen, sobald er
das Wunder vollführt hatte.
Merkwürdig ist die Undankbarkeit, wie gesagt, mir nicht. Sonderbar ist mir
einzig der Mangel an Neugierde, den ich bewies. Wie war es möglich, daß ich
einen einzigen Tag ruhig weiterleben konnte, ohne den Geheimnissen näher zu
kommen, mit denen mich Demian in Berührung gebracht hatte? Wie konnte ich
die Begierde zurückhalten, mehr über Kain zu hören, mehr über Kromer, mehr
über das Gedankenlesen?
Es ist kaum begreiflich, und ist doch so. Ich sah mich plötzlich aus
dämonischen Netzen entwirrt, sah wieder die Welt hell und freudig vor mir
liegen, unterlag nicht mehr Angstanfällen und würgendem Herzklopfen. Der
Bann war gebrochen, ich war nicht mehr ein gepeinigter Verdammter, ich war
wieder ein Schulknabe wie immer. Meine Natur suchte so rasch wie möglich
wieder in Gleichgewicht und Ruhe zu kommen, und so gab sie sich vor allem
Mühe, das viele Häßliche und Bedrohende von sich weg zu rücken, es zu
vergessen. Wunderbar schnell entglitt die ganze lange Geschichte meiner Schuld
und Verängstigung meinem Gedächtnis, ohne scheinbar irgendwelche Narben
und Eindrücke hinterlassen zu haben.
Daß ich hingegen meinen Helfer und Retter ebenso rasch zu vergessen suchte,
begreife ich heute auch. Aus dem Jammertal meiner Verdammung, aus der
furchtbaren Sklaverei bei Kromer floh ich mit allen Trieben und Kräften meiner
geschädigten Seele dahin zurück, wo ich früher glücklich und zufrieden gewesen
war: in das verlorene Paradies, das sich wieder öffnete, in die helle Vater- und Mutterwelt, zu den Schwestern, zum Duft der Reinheit, zur Gottgefälligkeit
Abels.
Schon am Tage nach meinem kurzen Gespräch mit Demian, als ich von
meiner wiedergewonnenen Freiheit endlich völlig überzeugt war und keine
Rückfälle mehr fürchtete, tat ich das, was ich so oft und sehnlich mir gewünscht
hatte — ich beichtete. Ich ging zu meiner Mutter, ich zeigte ihr das
Sparbüchslein, dessen Schloß beschädigt und das mit Spielmarken statt mit Geld
gefüllt war, und ich erzählte ihr, wie lange Zeit ich durch eigene Schuld mich an
einen bösen Quäler gefesselt hatte. Sie begriff nicht alles, aber sie sah die
Büchse, sie sah meinen veränderten Blick, hörte meine veränderte Stimme,
fühlte, daß ich genesen, daß ich ihr wiedergegeben war.
Und nun beging ich mit hohen Gefühlen das Fest meiner Wiederaufnahme, die
Heimkehr des verlorenen Sohnes. Die Mutter brachte mich zum Vater, die
Geschichte wurde wiederholt, Fragen und Ausrufe der Verwunderung drängten
sich, beide Eltern streichelten mir den Kopf und atmeten aus langer Bedrückung
auf. Alles war herrlich, alles war wie in den Erzählungen, alles löste sich in
wunderbare Harmonie auf.
In diese Harmonie floh ich nun mit wahrer Leidenschaft. Ich konnte mich
nicht genug daran ersättigen, daß ich wieder meinen Frieden und das Vertrauen
der Eltern hatte, ich wurde ein häuslicher Musterknabe, spielte mehr als jemals
mit meinen Schwestern und sang bei den Andachten die lieben, alten Lieder mit
wonnevollen Gefühlen des Erlösten und Bekehrten mit. Es geschah von Herzen,
es war keine Lüge dabei.
Dennoch war es so gar nicht in Ordnung! Und hier ist der Punkt, aus dem sich
mir meine Vergeßlichkeit gegen Demian allein wahrhaft erklärt. Ihm hätte ich
beichten sollen! Die Beichte wäre weniger dekorativ und rührend, aber für mich
fruchtbarer ausgefallen. Nun klammerte ich mich mit allen Wurzeln an meine
ehemalige, paradiesische Welt, war heimgekehrt und in Gnaden aufgenommen.
Demian aber gehörte zu dieser Welt keineswegs, paßte nicht in sie. Auch er war,
anders als Kromer, aber doch eben — auch er war ein Verführer, auch er verband
mich mit der zweiten, der bösen, schlechten Welt, und von der wollte ich nun für
immer nichts mehr wissen. Ich konnte und wollte jetzt nicht Abel preisgeben
und Kain verherrlichen helfen, jetzt, wo ich eben selbst wieder ein Abel
geworden war.
So der äußere Zusammenhang. Der innere aber war dieser: Ich war aus
Kromers und des Teufels Händen erlöst, aber nicht durch meine eigene Kraft und
Leistung. Ich hatte versucht, auf den Pfaden der Welt zu wandeln, und sie waren
für mich zu schlüpfrig gewesen. Nun, da der Griff einer freundlichen Hand mich
gerettet hatte, lief ich, ohne einen Blick mehr nebenaus zu tun, in den Schoß der Mutter und die Geborgenheit einer umhegten, frommen, milden Kindlichkeit
zurück. Ich machte mich jünger, abhängiger, kindlicher als ich war. Ich mußte
die Abhängigkeit von Kromer durch eine neue ersetzen, denn allein zu gehen
vermochte ich nicht. So wählte ich, in meinem blinden Herzen, die Abhängigkeit
von Vater und Mutter, von der alten, geliebten „lichten Welt,“ von der ich doch
schon wußte, daß sie nicht die einzige war. Hätte ich das nicht getan, so hätte ich
mich zu Demian halten und mich ihm anvertrauen müssen. Daß ich das nicht tat,
das erschien mir damals als berechtigtes Mißtrauen gegen seine befremdlichen
Gedanken; in Wahrheit war es nichts als Angst. Denn Demian hätte mehr von
mir verlangt als die Eltern verlangten, viel mehr, er hätte mich mit Antrieb und
Ermahnung, mit Spott und Ironie selbständiger zu machen versucht. Ach, das
weiß ich heute: Nichts auf der Welt ist dem Menschen mehr zuwider als den
Weg zu gehen, der ihn zu sich selber führt!
Dennoch konnte ich, etwa ein halbes Jahr später, der Versuchung nicht
widerstehen, und fragte auf einem Spaziergang meinen Vater, was davon zu
halten sei, daß manche Leute den Kain für besser als den Abel erklärten.
Er war sehr verwundert und erklärte mir, daß dies eine Auffassung sei, welche
der Neuheit entbehre. Sie sei sogar schon in der urchristlichen Zeit aufgetaucht
und sei in Sekten gelehrt worden, deren eine sich die „Kainiten“ nannte. Aber
natürlich sei diese tolle Lehre nichts anderes als ein Versuch des Teufels, unsern
Glauben zu zerstören. Denn glaube man an das Recht Kains und das Unrecht
Abels, dann ergebe sich daraus die Folge, daß Gott sich geirrt habe, daß also der
Gott der Bibel nicht der richtige und einzige, sondern ein falscher sei. Wirklich
hätten die Kainiten auch Ähnliches gelehrt und gepredigt; doch sei diese
Ketzerei seit langem aus der Menschheit verschwunden und er wundere sich nur,
daß ein Schulkamerad von mir etwas davon erfahren habe können. Immerhin
ermahne er mich ernstlich, diese Gedanken zu unterlassen.