Demian, Die Geschichte von Emil Sinclairs Jugend
Fünftes Kapitel Der Vogel kämpft sich aus dem Ei
Fünftes Kapitel
Der Vogel kämpft sich aus dem Ei
Mein gemalter Traumvogel war unterwegs und suchte meinen Freund. Auf die
wunderlichste Weise kam mir eine Antwort.
In meiner Schulklasse, an meinem Platz, fand ich einst nach der Pause
zwischen zwei Lektionen einen Zettel in meinem Buch stecken. Er war genau so
gefaltet, wie es bei uns üblich war, wenn Klassengenossen zuweilen während
einer Lektion heimlich einander Billetts zukommen ließen. Mich wunderte nur,
wer mir solch einen Zettel zuschicke, denn ich stand mit keinem Mitschüler je in
solchem Verkehr. Ich dachte, es werde die Aufforderung zu irgendeinem
Schülerspaß sein, an dem ich doch nicht teilnehmen würde, und legte den Zettel
ungelesen vorn in mein Buch. Erst während der Lektion fiel er mir zufällig
wieder in die Hand.
Ich spielte mit dem Papier, entfaltete es gedankenlos und fand einige Worte
darein geschrieben. Ich warf einen Blick darauf, blieb an einem Wort hängen,
erschrak und las, während mein Herz sich vor Schicksal wie in großer Kälte
zusammenzog:
„Der Vogel kämpft sich aus dem Ei. Das Ei ist die Welt. Wer geboren werden
will, muß eine Welt zerstören. Der Vogel fliegt zu Gott. Der Gott heißt Abraxas.“
Ich versank nach dem mehrmaligen Lesen dieser Zeilen in tiefes Nachsinnen.
Es war kein Zweifel möglich, es war Antwort von Demian. Niemand konnte von
dem Vogel wissen, als ich und er. Er hatte mein Bild bekommen. Er hatte
verstanden und half mir deuten. Aber wie hing alles zusammen? Und — das
plagte mich vor allem — was hieß Abraxas? Ich hatte das Wort nie gehört oder
gelesen. „Der Gott heißt Abraxas!“
Die Stunde verging, ohne daß ich etwas vom Unterricht hörte. Die nächste
begann, die letzte des Vormittags. Sie wurde von einem ganz jungen Hilfslehrer
gegeben, der erst von der Universität kam und uns schon darum gefiel, weil er so
jung war und sich uns gegenüber keine falsche Würde anmaßte.
Wir lasen unter Doktor Follens Führung Herodot. Diese Lektüre gehörte zu den wenigen Schulfächern, die mich interessierten. Aber diesmal war ich nicht
dabei. Ich hatte mechanisch mein Buch aufgeschlagen, folgte aber dem
Übersetzen nicht und blieb in meine Gedanken versunken. Übrigens hatte ich
schon mehrmals die Erfahrung gemacht, wie richtig das war, was Demian mir
damals im geistlichen Unterricht gesagt hatte. Was man stark genug wollte, das
gelang. Wenn ich während des Unterrichts sehr stark mit eigenen Gedanken
beschäftigt war, so konnte ich ruhig sein, daß der Lehrer mich in Ruhe ließ. Ja,
wenn man zerstreut war oder schläfrig, dann stand er plötzlich da: das war mir
auch schon begegnet. Aber wenn man wirklich dachte, wirklich versunken war,
dann war man geschützt. Und auch das mit dem festen Anblicken hatte ich schon
probiert und bewährt gefunden. Damals zu Demians Zeiten war es mir nicht
geglückt, jetzt spürte ich oft, daß man mit Blicken und Gedanken sehr viel
ausrichten konnte.
So saß ich auch jetzt und war weit von Herodot und von der Schule weg. Aber
da schlug unversehens mir die Stimme des Lehrers wie ein Blitz ins Bewußtsein,
daß ich voll Schreck erwachte. Ich hörte seine Stimme, er stand dicht neben mir,
ich glaubte schon, er habe meinen Namen gerufen. Aber er sah mich nicht an.
Ich atmete auf.
Da hörte ich seine Stimme wieder. Laut sagte sie das Wort: „Abraxas.“
In einer Erklärung, deren Anfang mir entgangen war, fuhr Doktor Follen fort:
„Wir müssen uns die Anschauungen jener Sekten und mystischen Vereinigungen
des Altertums nicht so naiv vorstellen, wie sie vom Standpunkt einer
rationalistischen Betrachtung aus erscheinen. Eine Wissenschaft in unserem Sinn
kannte das Altertum überhaupt nicht. Dafür gab es eine Beschäftigung mit
philosophisch-mystischen Wahrheiten, die sehr hoch entwickelt war. Zum Teil
entstand daraus Magie und Spielerei, die wohl oft auch zu Betrug und
Verbrechen führte. Aber auch die Magie hatte eine edle Herkunft und tiefe
Gedanken. So die Lehre von Abraxas, die ich vorhin als Beispiel anführte. Man
nennt diesen Namen in Verbindung mit griechischen Zauberformeln und hält ihn
vielfach für den Namen irgendeines Zauberteufels, wie ihn etwa wilde Völker
heute noch haben. Es scheint aber, daß Abraxas viel mehr bedeutet. Wir können
uns den Namen etwa denken als den einer Gottheit, welche die symbolische
Aufgabe hatte, das Göttliche und das Teuflische zu vereinigen.“
Der kleine gelehrte Mann sprach fein und eifrig weiter, niemand war sehr
aufmerksam, und da der Name nicht mehr vorkam, sank auch meine
Aufmerksamkeit bald wieder in mich selbst zurück.
„Das Göttliche und das Teuflische vereinigen,“ klang es mir nach. Hier konnte
ich anknüpfen. Das war mir von den Gesprächen mit Demian in der allerletzten
Zeit unsrer Freundschaft her vertraut. Demian hatte damals gesagt, wir hätten wohl einen Gott, den wir verehrten, aber der stelle nur eine willkürlich
abgetrennte Hälfte der Welt dar (es war die offizielle, erlaubte, „lichte“ Welt).
Man müsse aber die ganze Welt verehren können, also müsse man entweder
einen Gott haben, der auch Teufel sei, oder man müsse neben dem Gottesdienst
auch einen Dienst des Teufels einrichten. — Und nun war also Abraxas der Gott,
der sowohl Gott wie Teufel war.
Eine Zeitlang suchte ich mit großem Eifer auf der Spur weiter, ohne doch
vorwärts zu kommen. Ich stöberte auch eine ganze Bibliothek erfolglos nach
dem Abraxas durch. Doch war mein Wesen niemals stark auf diese Art des
direkten und bewußten Suchens eingestellt, wobei man zumeist nur Wahrheiten
findet, die einem Steine in der Hand bleiben.
Die Gestalt der Beatrice, mit der ich eine gewisse Zeit hindurch so viel und
innig beschäftigt gewesen war, sank nun allmählich unter, oder vielmehr sie trat
langsam von mir hinweg, näherte sich mehr und mehr dem Horizont und wurde
schattenhafter, ferner, blasser. Sie genügte der Seele nicht mehr.
Es begann jetzt in dem eigentümlich in mich selbst eingesponnenen Dasein,
das ich wie ein Traumwandler führte, eine neue Bildung zu entstehen. Die
Sehnsucht nach dem Leben blühte in mir, vielmehr die Sehnsucht nach Liebe,
und der Trieb des Geschlechts, den ich eine Weile hatte in die Anbetung
Beatrices auflösen können, verlangte neue Bilder und Ziele. Noch immer kam
keine Erfüllung mir entgegen, und unmöglicher als je war es mir, die Sehnsucht
zu täuschen und etwas von den Mädchen zu erwarten, bei denen meine
Kameraden ihr Glück suchten. Ich träumte wieder heftig, und zwar mehr am
Tage als in der Nacht. Vorstellungen, Bilder oder Wünsche, stiegen in mir auf
und zogen mich von der äußeren Welt hinweg, so daß ich mit diesen Bildern in
mir, mit diesen Träumen oder Schatten, wirklicher und lebhafter Umgang hatte
und lebte, als mit meiner wirklichen Umgebung.
Ein bestimmter Traum, oder ein Phantasiespiel, das immer wiederkehrte,
wurde mir bedeutungsvoll. Dieser Traum, der wichtigste und nachhaltigste
meines Lebens, war etwa so: Ich kehrte in mein Vaterhaus zurück — über dem
Haustor leuchtete der Wappenvogel in Gelb auf blauem Grund — im Hause kam
mir meine Mutter entgegen — aber als ich eintrat und sie umarmen wollte, war
es nicht sie, sondern eine nie gesehene Gestalt, groß und mächtig, dem Max
Demian und meinem gemalten Blatte ähnlich, doch anders, und trotz der
Mächtigkeit ganz und gar weiblich. Diese Gestalt zog mich an sich und nahm
mich in eine tiefe, schauernde Liebesumarmung auf. Wonne und Grausen waren
vermischt, die Umarmung war Gottesdienst, und war ebenso Verbrechen. Zu viel
Erinnerung an meine Mutter, zu viel Erinnerung an meinen Freund Demian
geistete in der Gestalt, die mich umfing. Ihre Umarmung verstieß gegen jede Ehrfurcht und war doch Seligkeit. Oft erwachte ich aus diesem Traume mit
tiefem Glücksgefühl, oft mit Todesangst und gequältestem Gewissen wie aus
furchtbarer Sünde.
Nur allmählich und unbewußt kam zwischen diesem ganz innerlichen Bilde
und dem mir von außen zugekommenen Wink über den zu suchenden Gott eine
Verbindung zustande. Sie wurde aber dann enger und inniger, und ich begann zu
spüren, daß ich gerade in diesem Ahnungstraum den Abraxas anrief. Wonne und
Grauen, Mann und Weib gemischt, Heiligstes und Gräßliches ineinander
verflochten, tiefe Schuld durch zarteste Unschuld zuckend — so war mein
Liebestraumbild, und so war auch Abraxas. Liebe war nicht mehr tierisch
dunkler Trieb, wie ich sie beängstigt im Anfang empfunden hatte, und sie war
auch nicht mehr fromm vergeistigte Anbeterschaft, wie ich sie dem Bilde der
Beatrice dargebracht. Sie war beides, beides und noch viel mehr, sie war
Engelsbild und Satan, Mann und Weib in einem, Mensch und Tier, höchstes Gut
und äußerstes Böses. Dies zu leben schien mir bestimmt, dies zu kosten mein
Schicksal. Ich hatte Sehnsucht nach ihm und hatte Angst vor ihm, ich träumte
ihm nach und ich floh vor ihm, aber es war immer da, war immer über mir.
Im nächsten Frühjahr sollte ich das Gymnasium verlassen und studieren
gehen, ich wußte noch nicht wo und was. Auf meinen Lippen wuchs ein kleiner
Bart, ich war ein ausgewachsener Mensch, und doch vollkommen hilflos und
ohne Ziele. Fest war nur eines: die Stimme in mir, das Traumbild. Ich fühlte die
Aufgabe, dieser Führung blind zu folgen. Aber es fiel mir schwer, und täglich
lehnte ich mich auf. Vielleicht war ich verrückt, dachte ich nicht selten, vielleicht
war ich nicht wie andere Menschen? Aber ich konnte das, was andre leisteten,
alles auch tun, mit ein wenig Fleiß und Bemühung konnte ich Plato lesen, konnte
trigonometrische Aufgaben lösen oder einer chemischen Analyse folgen. Nur
eines konnte ich nicht: das in mir dunkel verborgene Ziel herausreißen und
irgendwo vor mich hinmalen, wie andere es taten, welche genau wußten, daß sie
Professor oder Richter, Arzt oder Künstler werden wollten, wie lang das dauern
und was für Vorteile es haben würde. Das konnte ich nicht. Vielleicht wurde ich
auch einmal so etwas, aber wie sollte ich das wissen. Vielleicht mußte ich auch
suchen und weitersuchen, jahrelang, und wurde nichts, und kam an kein Ziel.
Vielleicht kam ich auch an ein Ziel, aber es war ein böses, gefährliches,
furchtbares.
Ich wollte ja nichts als das zu leben versuchen, was von selber aus mir heraus
wollte. Warum war das so sehr schwer?
Oft machte ich den Versuch, die mächtige Liebesgestalt meines Traumes zu
malen. Es gelang aber nie. Wäre es mir gelungen, so hätte ich das Blatt an
Demian gesandt. Wo war er? Ich wußte es nicht. Ich wußte nur, er war mit mir verbunden. Wann würde ich ihn wiedersehen?
Die freundliche Ruhe jener Wochen und Monate der Beatricezeit war lang
vergangen. Damals hatte ich gemeint, eine Insel erreicht und einen Frieden
gefunden zu haben. Aber so war es immer — kaum war ein Zustand mir lieb
geworden, kaum hatte ein Traum mir wohlgetan, so wurde er auch schon welk
und blind. Vergebens, ihm nachzuklagen! Ich lebte jetzt in einem Feuer von
ungestilltem Verlangen, von gespanntem Erwarten, das mich oft völlig wild und
toll machte. Das Bild der Traumgeliebten sah ich oft mit überlebendiger
Deutlichkeit vor mir, viel deutlicher als meine eigene Hand, sprach mit ihm,
weinte vor ihm, fluchte ihm. Ich nannte es Mutter und kniete vor ihm in Tränen,
ich nannte es Geliebte und ahnte seinen reifen, alles erfüllenden Kuß, ich nannte
es Teufel und Hure, Vampyr und Mörder. Es verlockte mich zu zartesten
Liebesträumen und zu wüsten Schamlosigkeiten, nichts war ihm zu gut und
köstlich, nichts zu schlecht und niedrig.
Jenen ganzen Winter verlebte ich in einem inneren Sturm, den ich schwer
beschreiben kann. An die Einsamkeit war ich lang gewöhnt, sie drückte mich
nicht, ich lebte mit Demian, mit dem Sperber, mit dem Bild der großen
Traumgestalt, die mein Schicksal und meine Geliebte war. Das war genug, um
darin zu leben, denn alles blickte ins Große und Weite, und alles deutete auf
Abraxas. Aber keiner dieser Träume, keiner meiner Gedanken gehorchte mir,
keinen konnte ich rufen, keinem konnte ich nach Belieben seine Farben geben.
Sie kamen und nahmen mich, ich wurde von ihnen regiert, wurde von ihnen
gelebt.
Wohl war ich nach außen gesichert. Vor Menschen hatte ich keine Furcht, das
hatten auch meine Mitschüler gelernt und brachten mir eine heimliche Achtung
entgegen, die mich oft lächeln machte. Wenn ich wollte, konnte ich die meisten
von ihnen sehr gut durchschauen und sie gelegentlich dadurch in Erstaunen
setzen. Nur wollte ich selten oder nie. Ich war immer mit mir beschäftigt, immer
mit mir selbst. Und ich verlangte sehnlichst danach, nun endlich auch einmal ein
Stück zu leben, etwas aus mir hinaus in die Welt zu geben, in Beziehung und
Kampf mit ihr zu treten. Manchmal wenn ich am Abend durch die Straßen lief
und vor Unrast bis Mitternacht nicht heimkehren konnte, manchmal meinte ich
dann, jetzt und jetzt müsse meine Geliebte mir begegnen, an der nächsten Ecke
vorübergehen, mir aus dem nächsten Fenster rufen. Manchmal auch schien mir
dies alles unerträglich qualvoll, und ich war darauf gefaßt, mir einmal das Leben
zu nehmen.
Eine eigentümliche Zuflucht fand ich damals — durch einen „Zufall“, wie
man sagt. Es gibt aber solche Zufälle nicht. Wenn der, der etwas notwendig
braucht, dies ihm Notwendige findet, so ist es nicht der Zufall, der es ihm gibt, sondern er selbst, sein eigenes Verlangen und Müssen führt ihn hin.
Ich hatte zwei oder drei Male auf meinen Gängen durch die Stadt aus einer
kleineren Vorstadtkirche Orgelspiel vernommen, ohne dabei zu verweilen. Als
ich das nächstemal vorüberkam, hörte ich es wieder, und erkannte, daß Bach
gespielt wurde. Ich ging zum Tor, das ich geschlossen fand, und da die Gasse
fast ohne Menschen war, setzte ich mich neben der Kirche auf einen Prellstein,
schlug den Mantelkragen um mich und hörte zu. Es war keine große, doch eine
gute Orgel, und es wurde wunderlich gespielt, nämlich gut und beinahe virtuos,
aber mit einem eigentümlichen, höchst persönlichen Ausdruck von Willen und
Beharrlichkeit, der wie ein Gebet klang. Ich hatte das Gefühl: der Mann, der da
spielt, weiß in dieser Musik einen Schatz verschlossen, und er wirbt und pocht
und müht sich um diesen Schatz wie um sein Leben. Ich verstehe, im Sinn der
Technik, nicht sehr viel von Musik, aber ich habe gerade diesen Ausdruck der
Seele von Kind auf instinktiv verstanden und das Musikalische als etwas
Selbstverständliches in mir gefühlt.
Der Musiker spielte darauf auch etwas Modernes, es konnte von Reger sein.
Die Kirche war fast völlig dunkel, nur ein ganz dünner Lichtschein drang durchs
nächste Fenster. Ich wartete, bis die Musik zu Ende war, und strich dann auf und
ab, bis ich den Organisten herauskommen sah. Es war ein noch junger Mensch,
doch älter als ich, vierschrötig und untersetzt von Gestalt, und er lief rasch mit
kräftigen und gleichsam unwilligen Schritten davon.
Manchmal saß ich von da an in der Abendstunde vor der Kirche, oder ging auf
und ab. Einmal fand ich auch das Tor offen und saß eine halbe Stunde fröstelnd
und glücklich im Gestühl, während der Organist oben bei spärlichem Gaslicht
spielte. Aus der Musik, die er spielte, hörte ich nicht nur ihn selbst. Es schien
mir auch alles, was er spielte, unter sich verwandt zu sein, einen geheimen
Zusammenhang zu haben. Alles, was er spielte, war gläubig, war hingegeben
und fromm, aber nicht fromm wie die Kirchengänger und Pastoren, sondern
fromm wie Pilger und Bettler im Mittelalter, fromm mit rücksichtsloser Hingabe
an ein Weltgefühl, das über allen Bekenntnissen stand. Die Meister vor Bach
wurden fleißig gespielt, und alte Italiener. Und alle sagten dasselbe, alle sagten
das, was auch der Musikant in der Seele hatte: Sehnsucht, innigstes Ergreifen der
Welt und wildestes Sichwiederscheiden von ihr, brennendes Lauschen auf die
eigene dunkle Seele, Rausch der Hingabe und tiefe Neugierde auf das
Wunderbare.
Als ich einmal den Orgelspieler nach seinem Weggang aus der Kirche
heimlich verfolgte, sah ich ihn weit draußen am Rande der Stadt in eine kleine
Schenke treten. Ich konnte nicht widerstehen und ging ihm nach. Zum erstenmal
sah ich ihn hier deutlich. Er saß am Wirtstisch in einer Ecke der kleinen Stube, den schwarzen Filzhut auf dem Kopf, einen Schoppen Wein vor sich, und sein
Gesicht war so, wie ich es erwartet hatte. Es war häßlich und etwas wild,
suchend und verbohrt, eigensinnig und willensvoll, dabei um den Mund weich
und kindlich. Das Männliche und Starke saß alles in Augen und Stirn, der untere
Teil des Gesichtes war zart und unfertig, unbeherrscht und zum Teil weichlich,
das Kinn voll Unentschlossenheit stand knabenhaft da wie ein Widerspruch
gegen Stirn und Blick. Lieb waren mir die dunkelbraunen Augen, voll Stolz und
Feindlichkeit.
Schweigend setzte ich mich ihm gegenüber, niemand war sonst in der Kneipe.
Er blitzte mich an, als wolle er mich wegjagen. Ich hielt jedoch stand und sah
ihn unentwegt an, bis er unwirsch brummte: „Was schauen Sie denn so verflucht
scharf? Wollen Sie was von mir?“
„Ich will nichts von Ihnen,“ sagte ich. „Aber ich habe schon viel von Ihnen
gehabt.“
Er zog die Stirn zusammen.
„So, sind Sie ein Musikschwärmer? Ich finde es ekelhaft, für Musik zu
schwärmen.“
Ich ließ mich nicht abschrecken.
„Ich habe Ihnen schon oft zugehört, in der Kirche da draußen,“ sagte ich. „Ich
will Sie übrigens nicht belästigen. Ich dachte, ich würde bei Ihnen vielleicht
etwas finden, etwas Besonderes, ich weiß nicht recht was. Aber hören Sie lieber
gar nicht auf mich! Ich kann Ihnen ja in der Kirche zuhören.“
„Ich schließe doch immer ab.“
„Neulich haben Sie es vergessen, und ich saß drinnen. Sonst stehe ich draußen
oder sitze auf dem Prellstein.“
„So? Sie können ein andermal hereinkommen, es ist wärmer. Sie müssen dann
bloß an die Tür klopfen. Aber kräftig, und nicht während ich spiele. Jetzt los —
was wollten Sie sagen? Sie sind ein ganz junger Mann, wahrscheinlich ein
Schüler oder Student. Sind Sie Musiker?“
„Nein. Ich höre gern Musik, aber bloß solche, wie Sie sie spielen, ganz
unbedingte Musik, solche, bei der man spürt, daß da ein Mensch an Himmel und
Hölle rüttelt. Die Musik ist mir sehr lieb, ich glaube, weil sie so wenig moralisch
ist. Alles andere ist moralisch, und ich suche etwas, was nicht so ist. Ich habe
unter dem Moralischen immer bloß gelitten. Ich kann mich nicht gut ausdrücken.
— Wissen Sie, daß es einen Gott geben muß, der zugleich Gott und Teufel ist?
Es soll einen gegeben haben, ich hörte davon.“
Der Musiker schob den breiten Hut etwas zurück und schüttelte sich das
dunkle Haar von der großen Stirn. Dabei sah er mich durchdringend an und
neigte mir sein Gesicht über den Tisch entgegen.
Leise und gespannt fragte er: „Wie heißt der Gott, von dem Sie da sagen?“
„Ich weiß leider fast nichts von ihm, eigentlich bloß den Namen. Er heißt
Abraxas.“
Der Musikant blickte wie mißtrauisch um sich, als könnte uns jemand
belauschen. Dann rückte er nahe zu mir und sagte flüsternd: „Ich habe es mir
gedacht. Wer sind Sie?“
„Ich bin ein Schüler vom Gymnasium.“
„Woher wissen Sie von Abraxas?“
„Durch Zufall.“
Er hieb auf den Tisch, daß sein Weinglas überlief.
„Zufall! Reden Sie keinen Sch . . . dreck, junger Mensch! Von Abraxas weiß
man nicht durch Zufall, das merken Sie sich. Ich werde Ihnen noch mehr von
ihm sagen. Ich weiß ein wenig von ihm.“
Er schwieg und rückte seinen Stuhl zurück. Als ich ihn voll Erwartung ansah,
schnitt er eine Grimasse.
„Nicht hier! Ein andermal. — Da, nehmen Sie!“
Dabei griff er in die Tasche seines Mantels, den er nicht abgelegt hatte, und
zog ein paar gebratene Kastanien heraus, die er mir hinwarf.
Ich sagte nichts, nahm sie und aß und war sehr zufrieden.
„Also!“ flüsterte er nach einer Weile. „Woher wissen Sie von — Ihm?“
Ich zögerte nicht, es ihm zu sagen.
„Ich war allein und ratlos,“ erzählte ich. „Da fiel mir ein Freund aus früheren
Jahren ein, von dem ich glaube, daß er sehr viel weiß. Ich hatte etwas gemalt,
einen Vogel, der aus einer Weltkugel herauskam. Den schickte ich ihm. Nach
einiger Zeit, als ich nicht mehr recht daran glaubte, bekam ich ein Stück Papier
in die Hand, darauf stand: Der Vogel kämpft sich aus dem Ei. Das Ei ist die
Welt. Wer geboren werden will, muß eine Welt zerstören. Der Vogel fliegt zu
Gott. Der Gott heißt Abraxas.“
Er erwiderte nichts, wir schälten unsere Kastanien und aßen sie zum Wein.
„Nehmen wir noch einen Schoppen?“ fragte er.
„Danke, nein. Ich trinke nicht gern.“
Er lachte, etwas enttäuscht.
„Wie Sie wollen! Bei mir ist es anders. Ich bleibe noch hier. Gehen Sie jetzt
nur!“
Als ich dann das nächstemal nach der Orgelmusik mit ihm ging, war er nicht
sehr mitteilsam. Er führte mich in einer alten Gasse durch ein altes, stattliches
Haus empor und in ein großes, etwas düsteres und verwahrlostes Zimmer, wo
außer einem Klavier nichts auf Musik deutete, während ein großer
Bücherschrank und Schreibtisch dem Raum etwas Gelehrtenhaftes gaben.
„Wieviel Bücher Sie haben!“ sagte ich anerkennend.
„Ein Teil davon ist aus der Bibliothek meines Vaters, bei dem ich wohne. —
Ja, junger Mann, ich wohne bei Vater und Mutter, aber ich kann Sie ihnen nicht
vorstellen, mein Umgang genießt hier im Hause keiner großen Achtung. Ich bin
ein verlorener Sohn, wissen Sie. Mein Vater ist ein fabelhaft ehrenwerter Mann,
ein bedeutender Pfarrer und Prediger in hiesiger Stadt. Und ich, damit Sie gleich
Bescheid wissen, bin sein begabter und vielversprechender Herr Sohn, der aber
entgleist und einigermaßen verrückt geworden ist. Ich war Theologe und habe
kurz vor dem Staatsexamen diese biedere Fakultät verlassen. Obgleich ich
eigentlich noch immer beim Fach bin, was meine Privatstudien betrifft. Was für
Götter die Leute sich jeweils ausgedacht haben, das ist mir noch immer höchst
wichtig und interessant. Im übrigen bin ich jetzt Musiker und werde, wie es
scheint, bald eine kleinere Organistenstelle bekommen. Dann bin ich ja auch
wieder bei der Kirche.“
Ich schaute an den Bücherrücken entlang, fand griechische, lateinische,
hebräische Titel, soweit ich beim schwachen Licht der kleinen Tischlampe sehen
konnte. Inzwischen hatte sich mein Bekannter im Finstern bei der Wand auf den
Boden gelegt und machte sich dort zu schaffen.
„Kommen Sie,“ rief er nach einer Weile, „wir wollen jetzt ein wenig
Philosophie üben, das heißt das Maul halten, auf dem Bauche liegen und
denken.“
Er strich ein Zündholz an und setzte in dem Kamin, vor dem er lag, Papier
und Scheite in Brand. Die Flamme stieg hoch, er schürte und speiste das Feuer
mit ausgesuchter Umsicht. Ich legte mich zu ihm auf den zerschlissenen
Teppich. Er starrte ins Feuer, das auch mich anzog, und wir lagen schweigend
wohl eine Stunde lang auf dem Bauch vor dem flackernden Holzfeuer, sahen es
flammen und brausen, einsinken und sich krümmen, verflackern und zucken und
endlich in stiller, versunkener Glut am Boden brüten.
„Das Feueranbeten war nicht das Dümmste, was erfunden worden ist,“
murmelte er einmal vor sich hin. Sonst sagte keiner von uns ein Wort. Mit
starren Augen hing ich an dem Feuer, versank in Traum und Stille, sah Gestalten
im Rauch und Bilder in der Asche. Einmal schrak ich auf. Mein Genosse warf
ein Stückchen Harz in die Glut, eine kleine, schlanke Flamme schoß empor, ich
sah in ihr den Vogel mit dem gelben Sperberkopf. In der hinsterbenden
Kaminglut liefen goldig glühende Fäden zu Netzen zusammen, Buchstaben und
Bilder erschienen, Erinnerungen an Gesichter, an Tiere, an Pflanzen, an Würmer
und Schlangen. Als ich, erwachend, nach dem andern sah, stierte er, das Kinn
auf den Fäusten, hingegeben und fanatisch in die Asche.
„Ich muß jetzt gehen,“ sagte ich leise.
„Ja, dann gehen Sie. Auf Wiedersehen!“
Er stand nicht auf, und da die Lampe gelöscht war, mußte ich mich mit Mühe
durchs finstere Zimmer und die finsteren Gänge und Treppen aus dem
verwunschenen alten Hause tasten. Auf der Straße machte ich halt und sah an
dem alten Hause hinauf. In keinem Fenster brannte Licht. Ein kleines Schild aus
Messing glänzte im Schein der Gaslaterne vor der Tür.
„Pistorius, Hauptpfarrer,“ las ich darauf.
Erst zu Hause, als ich nach dem Abendessen allein in meinem kleinen Zimmer
saß, fiel mir ein, daß ich weder über Abraxas noch sonst etwas von Pistorius
erfahren habe, daß wir überhaupt kaum zehn Worte gewechselt hatten. Aber ich
war mit meinem Besuch bei ihm sehr zufrieden. Und für das nächstemal hatte er
mir ein ganz exquisites Stück alter Orgelmusik versprochen, eine Passacaglia
von Buxtehude.
Ohne daß ich es wußte, hatte der Organist Pistorius mir eine erste Lektion
gegeben, als ich mit ihm vor dem Kamin auf dem Boden seines trüben
Einsiedlerzimmers lag. Das Schauen ins Feuer hatte mir gut getan, es hatte
Neigungen in mir gekräftigt und bestätigt, die ich immer gehabt, doch nie
eigentlich gepflegt hatte. Allmählich wurde ich teilweise darüber klar.
Schon als kleines Kind hatte ich je und je den Hang gehabt, bizarre Formen
der Natur anzuschauen, nicht beobachtend, sondern ihrem eigenen Zauber, ihrer
krausen, tiefen Sprache hingegeben. Lange verholzte Baumwurzeln, farbige
Adern im Gestein, Flecken von Öl, das auf Wasser schwimmt, Sprünge in Glas
— alle ähnlichen Dinge hatten zu Zeiten großen Zauber für mich gehabt, vor
allem auch das Wasser und das Feuer, der Rauch, die Wolken, der Staub, und
ganz besonders die kreisenden Farbflecke, die ich sah, wenn ich die Augen
schloß. In den Tagen nach meinem ersten Besuch bei Pistorius begann dies mir
wieder einzufallen. Denn ich merkte, daß ich eine gewisse Stärkung und Freude,
eine Steigerung meines Gefühls von mir selbst, die ich seither spürte, lediglich
dem langen Starren ins offene Feuer verdankte. Es war merkwürdig wohltuend
und bereichernd, das zu tun!
An die wenigen Erfahrungen, welche ich bis jetzt auf dem Wege zu meinem
eigentlichen Lebensziel gefunden hatte, reihte sich diese neue: das Betrachten
solcher Gebilde, das Sichhingeben an irrationale, krause, seltsame Formen der
Natur erzeugt in uns ein Gefühl von der Übereinstimmung unseres Innern mit
dem Willen, der diese Gebilde werden ließ — wir spüren bald die Versuchung,
sie für unsere eigenen Launen, für unsere eigenen Schöpfungen zu halten — wir sehen die Grenzen zwischen uns und der Natur zittern und zerfließen und lernen
die Stimmung kennen, in der wir nicht wissen, ob die Bilder auf unserer
Netzhaut von äußeren Eindrücken stammen oder von inneren. Nirgends so
einfach und leicht wie bei dieser Übung machen wir die Entdeckung, wie sehr
wir Schöpfer sind, wie sehr unsere Seele immerzu teilhat an der beständigen
Erschaffung der Welt. Vielmehr ist es dieselbe unteilbare Gottheit, die in uns und
die in der Natur tätig ist, und wenn die äußere Welt unterginge, so wäre einer
von uns fähig, sie wieder aufzubauen, denn Berg und Strom, Baum und Blatt,
Wurzel und Blüte, alles Gebildete in der Natur liegt in uns vorgebildet, stammt
aus der Seele, deren Wesen Ewigkeit ist, deren Wesen wir nicht kennen, das sich
uns aber zumeist als Liebeskraft und Schöpferkraft zu fühlen gibt.
Erst manche Jahre später fand ich einmal diese Beobachtung in einem Buche
bestätigt, nämlich bei Leonardo da Vinci, der einmal davon redet, wie gut und
tief anregend es sei, eine Mauer anzusehen, welche von vielen Leuten angespien
worden ist. Vor jenen Flecken an der feuchten Mauer fühlte er dasselbe wie
Pistorius und ich vor dem Feuer.
Bei unserem nächsten Zusammensein gab mir der Orgelspieler eine
Erklärung.
„Wir ziehen die Grenzen unserer Persönlichkeit immer viel zu eng! Wir
rechnen zu unserer Person immer bloß das, was wir als individuell
unterschieden, als abweichend erkennen. Wir bestehen aber aus dem ganzen
Bestand der Welt, jeder von uns, und ebenso wie unser Körper die Stammtafeln
der Entwicklung bis zum Fisch und noch viel weiter zurück in sich trägt, so
haben wir in der Seele alles, was je in Menschenseelen gelebt hat. Alle Götter
und Teufel, die je gewesen sind, sei es bei Griechen und Chinesen oder bei
Zulukaffern, alle sind mit in uns, sind da, als Möglichkeiten, als Wünsche, als
Auswege. Wenn die Menschheit ausstürbe bis auf ein einziges halbwegs
begabtes Kind, das keinerlei Unterricht genossen hat, so würde dieses Kind den
ganzen Gang der Dinge wiederfinden, es würde Götter, Dämonen, Paradiese,
Gebote und Verbote, Alte und Neue Testamente, alles würde es wieder
produzieren können.“
„Ja, gut,“ wandte ich ein, „aber worin besteht dann noch der Wert des
einzelnen? Warum streben wir noch, wenn wir doch alles in uns schon fertig
haben?“
„Halt!“ rief Pistorius heftig. „Es ist ein großer Unterschied, ob Sie bloß die
Welt in sich tragen, oder ob Sie das auch wissen! Ein Wahnsinniger kann
Gedanken hervorbringen, die an Plato erinnern, und ein kleiner frommer
Schulknabe in einem Herrnhuter Institut denkt tiefe mythologische
Zusammenhänge schöpferisch nach, die bei den Gnostikern oder bei Zoroaster vorkommen. Aber er weiß nichts davon! Er ist ein Baum oder Stein, bestenfalls
ein Tier, solange er es nicht weiß. Dann aber, wenn der erste Funke dieser
Erkenntnis dämmert, dann wird er Mensch. Sie werden doch wohl nicht alle die
Zweibeiner, die da auf der Straße laufen, für Menschen halten, bloß weil sie
aufrecht gehen und ihre Jungen neun Monate tragen? Sie sehen doch, wie viele
von ihnen Fische oder Schafe, Würmer oder Egel sind, wie viele Ameisen, wie
viele Bienen! Nun, in jedem von ihnen sind die Möglichkeiten zum Menschen
da, aber erst, indem er sie ahnt, indem er sie teilweise sogar bewußt machen
lernt, gehören diese Möglichkeiten ihm.“
Etwa dieser Art waren unsere Gespräche. Selten brachten sie mir etwas völlig
Neues, etwas ganz und gar Überraschendes. Alle aber, auch das banalste, trafen
mit leisem stetigen Hammerschlag auf denselben Punkt in mir, alle halfen an mir
bilden, alle halfen Häute von mir abstreifen, Eierschalen zerbrechen, und aus
jedem hob ich den Kopf etwas höher, etwas freier, bis mein gelber Vogel seinen
schönen Raubvogelkopf aus der zertrümmerten Weltschale stieß.
Häufig erzählten wir auch einander unsere Träume. Pistorius verstand ihnen
eine Deutung zu geben. Ein wunderliches Beispiel ist mir eben erinnerlich. Ich
hatte einen Traum, in dem ich fliegen konnte, jedoch so, daß ich gewissermaßen
von einem großen Schwung durch die Luft geschleudert wurde, dessen ich nicht
Herr war. Das Gefühl dieses Fluges war erhebend, ward aber bald zur Angst, als
ich mich willenlos in bedenkliche Höhen gerissen sah. Da machte ich die
erlösende Entdeckung, daß ich mein Steigen und Fallen durch Anhalten und
Strömenlassen des Atems regeln konnte.
Dazu sagte Pistorius: „Der Schwung, der Sie fliegen macht, das ist unser
großer Menschheitsbesitz, den jeder hat. Es ist das Gefühl des Zusammenhangs
mit den Wurzeln jeder Kraft, aber es wird einem dabei bald bange! Es ist
verflucht gefährlich! Darum verzichten die meisten so gerne auf das Fliegen und
ziehen es vor, an Hand gesetzlicher Vorschriften auf dem Bürgersteige zu
wandeln. Aber Sie nicht. Sie fliegen weiter, wie es sich für einen tüchtigen
Burschen gehört. Und siehe, da entdecken Sie das Wunderliche, daß Sie
allmählich Herr darüber werden, daß zu der großen allgemeinen Kraft, die Sie
fortreißt, eine feine, kleine, eigene Kraft kommt, ein Organ, ein Steuer! Das ist
famos. Ohne das ginge man willenlos in die Lüfte, das tun zum Beispiel die
Wahnsinnigen. Ihnen sind tiefere Ahnungen gegeben als den Leuten auf dem
Bürgersteig, aber sie haben keinen Schlüssel und kein Steuer dazu, und sausen
ins Bodenlose. Sie aber, Sinclair, Sie machen die Sache! Und wie, bitte. Das
wissen Sie wohl noch gar nicht? Sie machen es mit einem neuen Organ, mit
einem Atemregulator. Und nun können Sie sehen, wie wenig ‚persönlich‘ Ihre
Seele in ihrer Tiefe ist. Sie erfindet nämlich diesen Regulator nicht! Er ist nicht neu! Er ist eine Anleihe, er existiert seit Jahrtausenden. Er ist das
Gleichgewichtsorgan der Fische, die Schwimmblase. Und tatsächlich gibt es ein
paar wenige seltsame und konservative Fischarten noch heute, bei denen die
Schwimmblase zugleich eine Art Lunge ist und unter Umständen richtig zum
Atmen dienen kann. Also haargenau wie die Lunge, die Sie im Traum als
Fliegerblase benutzen!“
Er brachte mir sogar einen Band Zoologie und zeigte mir Namen und
Abbildungen jener altmodischen Fische. Und ich fühlte in mir, mit einem
eigentümlichen Schauer, eine Funktion aus frühen Entwicklungsepochen
lebendig.