Demian, Die Geschichte von Emil Sinclairs Jugend
Viertes Kapitel Beatrice
Viertes Kapitel
Beatrice
Ohne meinen Freund wiedergesehen zu haben, fuhr ich am Ende der Ferien
nach St. Meine Eltern kamen beide mit, und übergaben mich mit jeder
möglichen Sorgfalt dem Schutz einer Knabenpension bei einem Lehrer des
Gymnasiums. Sie wären vor Entsetzen erstarrt, wenn sie gewußt hätten, in was
für Dinge sie mich nun hineinwandern ließen.
Die Frage war noch immer, ob mit der Zeit aus mir ein guter Sohn und
brauchbarer Bürger werden könne, oder ob meine Natur auf andere Wege
hindränge. Mein letzter Versuch, im Schatten des väterlichen Hauses und Geistes
glücklich zu sein, hatte lang gedauert, war zeitweise nahezu geglückt, und
schließlich doch völlig gescheitert.
Die merkwürdige Leere und Vereinsamung, die ich während der Ferien nach
meiner Konfirmation zum erstenmal zu fühlen bekam (wie lernte ich sie später
noch kennen, diese Leere, diese dünne Luft!), ging nicht so rasch vorüber. Der
Abschied von der Heimat gelang sonderbar leicht, ich schämte mich eigentlich,
daß ich nicht wehmütiger war, die Schwestern weinten grundlos, ich konnte es
nicht. Ich war über mich selbst erstaunt. Immer war ich ein gefühlvolles Kind
gewesen, und im Grunde ein ziemlich gutes Kind. Jetzt war ich ganz verwandelt.
Ich verhielt mich völlig gleichgültig gegen die äußere Welt, und war tagelang
nur damit beschäftigt, in mich hineinzuhorchen und die Ströme zu hören, die
verbotenen und dunklen Ströme, die da in mir unterirdisch rauschten. Ich war
sehr rasch gewachsen, erst im letzten halben Jahre, und sah aufgeschossen,
mager und unfertig in die Welt. Die Liebenswürdigkeit des Knaben war ganz
von mir geschwunden, ich fühlte selbst, daß man mich so nicht lieben könne,
und liebte mich selber auch keineswegs. Nach Max Demian hatte ich oft große
Sehnsucht; aber nicht selten haßte ich auch ihn und gab ihm schuld an der
Verarmung meines Lebens, die ich wie eine häßliche Krankheit auf mich nahm.
In unsrem Schülerpensionat wurde ich anfangs weder geliebt noch geachtet,
man hänselte mich erst, zog sich dann von mir zurück, und sah einen Duckmäuser und unangenehmen Sonderling in mir. Ich gefiel mir in der Rolle,
übertrieb sie noch, und grollte mich in eine Einsamkeit hinein, die nach außen
beständig wie männlichste Weltverachtung aussah, während ich heimlich oft
verzehrenden Anfällen von Wehmut und Verzweiflung unterlag. In der Schule
hatte ich an aufgehäuften Kenntnissen von Zuhause zu zehren, die Klasse war
etwas gegen meine frühere zurück, und ich gewöhnte mir an, meine
Altersgenossen etwas verächtlich als Kinder anzusehen.
Ein Jahr und länger lief das so dahin, auch die ersten Ferienbesuche zu Hause
brachten keine neuen Klänge; ich fuhr gerne wieder weg.
Es war zu Beginn des November. Ich hatte mir angewöhnt, bei jedem Wetter
kleine, denkerische Spaziergänge zu machen, auf denen ich oft eine Art von
Wonne genoß, eine Wonne voll Melancholie, Weltverachtung und
Selbstverachtung. So schlenderte ich eines Abends in der feuchten, nebligen
Dämmerung durch die Umgebung der Stadt, die breite Allee eines öffentlichen
Parkes stand völlig verlassen und lud mich ein, der Weg lag dick voll gefallener
Blätter, in denen ich mit dunkler Wollust mit den Füßen wühlte, es roch feucht
und bitter, die fernen Bäume traten gespenstisch groß und schattenhaft aus den
Nebeln.
Am Ende der Allee blieb ich unschlüssig stehen, starrte in das schwarze Laub
und atmete mit Gier den nassen Duft von Verwitterung und Absterben, den
etwas in mir erwiderte und begrüßte. O wie fad das Leben schmeckte!
Aus einem Nebenwege kam im wehenden Kragenmantel ein Mensch daher,
ich wollte weitergehen, da rief er mich an.
„Halloh, Sinclair!“
Er kam heran, es war Alfons Beck, der Älteste unserer Pension. Ich sah ihn
immer gern und hatte nichts gegen ihn, als daß er mit mir wie mit allen Jüngeren
immer ironisch und onkelhaft war. Er galt für bärenstark, sollte den Herrn unsrer
Pension unter dem Pantoffel haben und war der Held vieler
Gymnasiastengerüchte.
„Was machst denn du hier?“ rief er leutselig mit dem Ton, den die Größeren
hatten, wenn sie gelegentlich sich zu einem von uns herabließen. „Na, wollen
wir wetten, du machst Gedichte?“
„Fällt mir nicht ein,“ lehnte ich barsch ab.
Er lachte auf, ging neben mir und plauderte, wie ich es gar nicht mehr
gewohnt war.
„Du brauchst nicht Angst zu haben, Sinclair, daß ich das etwa nicht verstehe.
Es hat ja etwas, wenn man so am Abend im Nebel geht, so mit Herbstgedanken,
man macht dann gern Gedichte, ich weiß schon. Von der sterbenden Natur,
natürlich, und von der verlorenen Jugend, die ihr gleicht. Siehe Heinrich Heine.“
„Ich bin nicht so sentimental,“ wehrte ich mich.
„Na, laß gut sein! Aber bei diesem Wetter, scheint mir, tut der Mensch gut,
einen stillen Ort zu suchen, wo es ein Glas Wein oder dergleichen gibt. Kommst
du ein bißchen mit? Ich bin grade ganz allein. — Oder magst du nicht? Deinen
Verführer möchte ich nicht machen, Lieber, falls du ein Musterknabe sein
solltest.“
Bald darauf saßen wir in einer kleinen Vorstadtkneipe, tranken einen
zweifelhaften Wein und stießen mit den dicken Gläsern an. Es gefiel mir zuerst
wenig, immerhin war es etwas Neues. Bald aber wurde ich, des Weines
ungewohnt, sehr gesprächig. Es war, als sei ein Fenster in mir aufgestoßen, die
Welt schien herein — wie lang, wie furchtbar lang hatte ich mir nichts von der
Seele geredet! Ich kam ins Phantasieren, und mitten drinne gab ich die
Geschichte von Kain und Abel zum besten!
Beck hörte mir mit Vergnügen zu — endlich jemand, dem ich etwas gab! Er
klopfte mir auf die Schulter, er nannte mich einen Teufelskerl und ein geniales
Luder, und mir schwoll das Herz hoch auf vor Wonne, angestaute Bedürfnisse
der Rede und Mitteilung schwelgerisch hinströmen zu lassen, anerkannt zu sein
und bei einem Älteren etwas zu gelten. Als er mich ein geniales Luder nannte,
lief mir das Wort wie ein süßer, starker Wein in die Seele. Die Welt brannte in
neuen Farben, Gedanken flossen mir aus hundert kecken Quellen zu, Geist und
Feuer lohte in mir. Wir sprachen über Lehrer und Kameraden, und mir schien,
wir verstünden einander herrlich. Wir sprachen von den Griechen und vom
Heidentum, und Beck wollte mich durchaus zu Geständnissen über
Liebesabenteuer bringen. Da konnte ich nun nicht mitreden. Erlebt hatte ich
nichts, nichts zum Erzählen. Und was ich in mir gefühlt, konstruiert, phantasiert
hatte, das saß zwar brennend in mir, war aber auch durch den Wein nicht gelöst
und mitteilbar geworden. Von den Mädchen wußte Beck viel mehr, und ich hörte
diesen Märchen glühend zu. Unglaubliches erfuhr ich da, nie für möglich
Gehaltenes trat in die platte Wirklichkeit, schien selbstverständlich. Alfons Beck
hatte mit seinen vielleicht achtzehn Jahren schon Erfahrungen gesammelt. Unter
anderen die, daß es mit den Mädchen so eine Sache sei, sie wollten nichts als
schöntun und Galanterien haben, und das war ja ganz hübsch, aber doch nicht
das Wahre. Da sei mehr Erfolg bei Frauen zu hoffen. Frauen seien viel
gescheiter. Zum Beispiel die Frau Jaggelt, die den Laden mit den Schulheften
und Bleistiften hatte, mit der ließ sich reden, und was hinter ihrem Ladentisch
schon alles geschehen sei, das gehe in kein Buch.
Ich saß tief bezaubert und benommen. Allerdings, ich hätte die Frau Jaggelt
nicht gerade lieben können — aber immerhin, es war unerhört. Es schienen da
Quellen zu fließen, wenigstens für die Älteren, von denen ich nie geträumt hatte. Ein falscher Klang war ja dabei, und es schmeckte alles geringer und alltäglicher
als nach meiner Meinung die Liebe schmecken durfte, — aber immerhin, es war
Wirklichkeit, es war Leben und Abenteuer, es saß einer neben mir, der es erlebt
hatte, dem es selbstverständlich schien.
Unsere Gespräche waren ein wenig herabgestiegen, hatten etwas verloren. Ich
war auch nicht mehr der geniale kleine Kerl, ich war jetzt bloß noch ein Knabe,
der einem Manne zuhörte. Aber auch so noch — gegen das, was seit Monaten
und Monaten mein Leben gewesen war, war dies köstlich, war dies paradiesisch.
Außerdem war es, wie ich erst allmählich zu fühlen begann, verboten, sehr
verboten, vom Wirtshaussitzen bis zu dem, was wir sprachen. Ich jedenfalls
schmeckte Geist, schmeckte Revolution darin.
Ich erinnere mich jener Nacht mit größter Deutlichkeit. Als wir beide, spät an
trüb brennenden Gaslaternen vorbei, in der kühlen nassen Nacht unsern
Heimweg nahmen, war ich zum erstenmal betrunken. Es war nicht schön, es war
äußerst qualvoll, und doch hatte auch das noch etwas, einen Reiz, eine Süßigkeit,
war Aufstand und Orgie, war Leben und Geist. Beck nahm sich meiner tapfer an,
obwohl er bitter über mich als blutigen Anfänger schalt, und er brachte mich,
halb getragen, nach Hause, wo es ihm gelang, mich und sich durch ein
offenstehendes Flurfenster einzuschmuggeln.
Mit der Ernüchterung aber, zu der ich nach ganz kurzem toten Schlaf mit
Schmerzen erwachte, kam ein unsinniges Weh über mich. Ich saß im Bette auf,
hatte das Taghemd noch an, meine Kleider und Schuhe lagen am Boden umher
und rochen nach Tabak und Erbrochenem, und zwischen Kopfweh, Übelkeit und
rasendem Durstgefühl kam mir ein Bild vor die Seele, dem ich lange nicht mehr
ins Auge gesehen hatte. Ich sah Heimat und Elternhaus, Vater und Mutter,
Schwestern und Garten, ich sah mein stilles heimatliches Schlafzimmer, sah die
Schule und den Marktplatz, sah Demian und die Konfirmationsstunden — und
alles dies war licht, alles war von Glanz umflossen, alles war wunderbar, göttlich
und rein, und alles, alles das hatte — so wußte ich jetzt — noch gestern, noch
vor Stunden, mir gehört, auf mich gewartet, und war jetzt, erst jetzt in dieser
Stunde, versunken und verflucht, gehörte mir nicht mehr, stieß mich aus, sah mit
Ekel auf mich! Alles Liebe und Innige, was ich je bis in fernste goldenste
Kindheitsgärten zurück von meinen Eltern erfahren hatte, jeder Kuß der Mutter,
jede Weihnacht, jeder fromme helle Sonntagmorgen daheim, jede Blume im
Garten — alles war verwüstet, alles hatte ich mit Füßen getreten! Wenn jetzt
Häscher gekommen wären und hätten mich gebunden und als Auswurf und
Tempelschänder zum Galgen geführt, ich wäre einverstanden gewesen, wäre
gern gegangen, hätte es richtig und gut gefunden.
Also so sah ich innerlich aus! Ich, der herumging und die Welt verachtete! Ich, der stolz im Geist war und Gedanken Demians mitdachte! So sah ich aus, ein
Auswurf und Schweinigel, betrunken und beschmutzt, ekelhaft und gemein, eine
wüste Bestie, von scheußlichen Trieben überrumpelt! So sah ich aus, ich, der aus
jenen Gärten kam, wo alles Reinheit, Glanz und holde Zartheit war, ich, der ich
Musik von Bach und schöne Gedichte geliebt hatte! Ich hörte noch mit Ekel und
Empörung mein eigenes Lachen, ein betrunkenes, unbeherrschtes, stoßweis und
albern herausbrechendes Lachen. Das war Ich!
Trotz allem aber war es beinahe ein Genuß, diese Qualen zu leiden. So lange
war ich blind und stumpf dahingekrochen, so lange hatte mein Herz
geschwiegen und verarmt im Winkel gesessen, daß auch diese Selbstanklagen,
dieses Grauen, dies ganze scheußliche Gefühl der Seele willkommen war. Es
war doch Gefühl, es stiegen doch Flammen, es zuckte doch Herz darin! Verwirrt
empfand ich mitten im Elend etwas wie Befreiung und Frühling.
Indessen ging es, von außen gesehen, tüchtig bergab mit mir. Der erste Rausch
war bald nicht mehr der erste. Es wurde an unsrer Schule viel gekneipt und
Allotria getrieben, ich war einer der Allerjüngsten unter denen, die mittaten, und
bald war ich kein Geduldeter und Kleiner mehr, sondern ein Anführer und Stern,
ein berühmter wagehalsiger Kneipenbesucher. Ich gehörte wieder einmal ganz
der dunkeln Welt, dem Teufel an, und ich galt in dieser Welt als ein famoser
Kerl.
Dabei war mir jammervoll zumute. Ich lebte in einem selbstzerstörerischen
Orgiasmus dahin, und während ich bei den Kameraden für einen Führer und
Teufelskerl, für einen verflucht schneidigen und witzigen Burschen galt, hatte
ich tief in mir eine angstvolle Seele voller Bangnis flattern. Ich weiß noch, daß
mir einmal die Tränen kamen, als ich beim Verlassen einer Kneipe am
Sonntagvormittag auf der Straße Kinder spielen sah, hell und vergnügt mit
frischgekämmtem Haar und in Sonntagskleidern. Und während ich, zwischen
Bierlachen an schmutzigen Tischen geringer Wirtshäuser, meine Freunde durch
unerhörte Zynismen belustigte und oft erschreckte, hatte ich im verborgenen
Herzen Ehrfurcht vor allem, was ich verhöhnte, und lag innerlich weinend auf
den Knien vor meiner Seele, vor meiner Vergangenheit, vor meiner Mutter, vor
Gott.
Daß ich niemals eins wurde mit meinen Begleitern, daß ich unter ihnen
einsam blieb und darum so leiden konnte, das hatte einen guten Grund. Ich war
ein Kneipenheld und Spötter nach dem Herzen der Rohesten, ich zeigte Geist
und zeigte Mut in meinen Gedanken und Reden über Lehrer, Schule, Eltern,
Kirche — ich hielt auch Zoten stand und wagte etwa selber eine — aber ich war
niemals dabei, wenn meine Kumpane zu Mädchen gingen, ich war allein und
war voll glühender Sehnsucht nach Liebe, hoffnungsloser Sehnsucht, während ich nach meinen Reden ein abgebrühter Genießer hätte sein müssen. Niemand
war verletzlicher, niemand schamhafter als ich. Und wenn ich je und je die
jungen Bürgermädchen vor mir gehen sah, hübsch und sauber, licht und anmutig,
waren sie mir wunderbare, reine Träume, tausendmal zu gut und rein für mich.
Eine Zeitlang konnte ich auch nicht mehr in den Papierladen der Frau Jaggelt
gehen, weil ich rot wurde, wenn ich sie ansah und an das dachte, was Alfons
Beck mir von ihr erzählt hatte.
Je mehr ich nun auch in meiner neuen Gesellschaft mich fortwährend einsam
und anders wußte, desto weniger kam ich von ihr los. Ich weiß wirklich nicht
mehr, ob das Saufen und Renommieren mir eigentlich jemals Vergnügen machte,
auch gewöhnte ich mich an das Trinken niemals so, daß ich nicht jedesmal
peinliche Folgen gespürt hätte. Es war alles wie ein Zwang. Ich tat, was ich
mußte, weil ich sonst durchaus nicht wußte, was mit mir beginnen. Ich hatte
Furcht vor langem Alleinsein, hatte Angst vor den vielen zarten, schamhaften,
innigen Anwandlungen, zu denen ich mich stets geneigt fühlte, hatte Angst vor
den zarten Liebesgedanken, die mir so oft kamen.
Eines fehlte mir am meisten — ein Freund. Es gab zwei oder drei Mitschüler,
die ich sehr gerne sah. Aber sie gehörten zu den Braven, und meine Laster waren
längst niemandem mehr ein Geheimnis. Sie mieden mich. Ich galt bei allen für
einen hoffnungslosen Spieler, dem der Boden unter den Füßen wankte. Die
Lehrer wußten viel von mir, ich war mehrmals streng bestraft worden, meine
schließliche Entlassung aus der Schule war etwas, worauf man wartete. Ich
selbst wußte das, ich war auch schon lange kein guter Schüler mehr, sondern
drückte und schwindelte mich mühsam durch, mit dem Gefühl, daß das nicht
mehr lange dauern könne.
Es gibt viele Wege, auf denen der Gott uns einsam machen und zu uns selber
führen kann. Diesen Weg ging er damals mit mir. Es war wie ein arger Traum.
Über Schmutz und Klebrigkeit, über zerbrochene Biergläser und zynisch
durchschwatzte Nächte weg sehe ich mich, einen gebannten Träumer, ruhelos
und gepeinigt kriechen, einen häßlichen und unsaubern Weg. Es gibt solche
Träume, in denen man, auf dem Weg zur Prinzessin, in Kotlachen, in
Hintergassen voll Gestank und Unrat steckenbleibt. So ging es mir. Auf diese
wenig feine Art war es mir beschieden, einsam zu werden und zwischen mich
und die Kindheit ein verschlossenes Edentor mit erbarmungslos strahlenden
Wächtern zu bringen. Es war ein Beginn, ein Erwachen des Heimwehs nach mir
selber.
Ich erschrak noch und hatte Zuckungen, als zum erstenmal, durch Briefe
meines Pensionsherrn alarmiert, mein Vater in St. erschien und mir unerwartet
gegenübertrat. Als er, gegen Ende jenes Winters, zum zweitenmal kam, war ich schon hart und gleichgültig, ließ ihn schelten, ließ ihn bitten, ließ ihn an die
Mutter erinnern. Er war zuletzt sehr aufgebracht und sagte, wenn ich nicht
anders werde, lasse er mich mit Schimpf und Schande von der Schule jagen und
stecke mich in eine Besserungsanstalt. Mochte er! Als er damals abreiste, tat er
mir leid, aber er hatte nichts erreicht, er hatte keinen Weg mehr zu mir gefunden,
und für Augenblicke fühlte ich, es geschehe ihm recht. —
Was aus mir würde, war mir einerlei. Auf meine sonderbare und wenig
hübsche Art, mit meinem Wirtshaussitzen und Auftrumpfen lag ich im Streit mit
der Welt, dies war meine Form, zu protestieren. Ich machte mich dabei kaputt,
und zuweilen sah für mich die Sache etwa so aus: Wenn die Welt Leute wie mich
nicht brauchen konnte, wenn sie für sie keinen besseren Platz, keine höhern
Aufgaben hatte, nun so gingen Leute wie ich eben kaputt. Mochte die Welt den
Schaden haben.
Die Weihnachtsferien jenes Jahres waren recht unerfreulich. Meine Mutter
erschrak, als sie mich wiedersah. Ich war noch mehr gewachsen, und mein
hageres Gesicht sah grau und verwüstet aus, mit schlaffen Zügen und
entzündeten Augenrändern. Der erste Anflug des Schnurrbartes und die Brille,
die ich seit kurzem trug, machten mich ihr noch fremder. Die Schwestern wichen
zurück und kicherten. Es war alles unerquicklich. Unerquicklich und bitter das
Gespräch mit dem Vater in dessen Studierzimmer, unerquicklich das Begrüßen
der paar Verwandten, unerquicklich vor allem der Weihnachtsabend. Das war,
seit ich lebte, in unsrem Hause der große Tag gewesen, der Abend der
Festlichkeit und Liebe, der Dankbarkeit, der Erneuerung des Bundes zwischen
den Eltern und mir. Diesmal war alles nur bedrückend und verlegenmachend.
Wie sonst las mein Vater das Evangelium von den Hirten auf dem Felde, „die
hüteten allda ihre Herde,“ wie sonst standen die Schwestern strahlend vor ihrem
Gabentisch, aber die Stimme des Vaters klang unfroh, und sein Gesicht sah alt
und beengt aus, und die Mutter war traurig, und mir war alles gleich peinlich und
unerwünscht, Gaben und Glückwünsche, Evangelium und Lichterbaum. Die
Lebkuchen rochen süß und strömten dichte Wolken süßerer Erinnerungen aus.
Der Tannenbaum duftete und erzählte von Dingen, die nicht mehr waren. Ich
sehnte das Ende des Abends und der Feiertage herbei.
Es ging den ganzen Winter so weiter. Erst vor kurzem war ich eindringlich
vom Lehrersenat verwarnt und mit dem Ausschluß bedroht worden. Es würde
nicht lang mehr dauern. Nun, meinetwegen.
Einen besonderen Groll hatte ich gegen Max Demian. Den hatte ich nun die
ganze Zeit nicht mehr gesehen. Ich hatte ihm, am Beginn meiner Schülerzeit in
St., zweimal geschrieben, aber keine Antwort bekommen; darum hatte ich ihn
auch in den Ferien nicht besucht.
In demselben Park, wo ich im Herbst mit Alfons Beck zusammengetroffen war,
geschah es im beginnenden Frühling, als eben die Dornhecken grün zu werden
anfingen, daß ein Mädchen mir auffiel. Ich war allein spazierengegangen, voll
von widerlichen Gedanken und Sorgen, denn meine Gesundheit war schlecht
geworden, und außerdem war ich beständig in Geldverlegenheiten, war
Kameraden Beträge schuldig, mußte notwendige Ausgaben erfinden, um wieder
etwas von Hause zu erhalten, und hatte in mehreren Läden Rechnungen für
Zigarren und ähnliche Dinge anwachsen lassen. Nicht daß diese Sorgen sehr tief
gegangen wären — wenn nächstens einmal mein Hiersein sein Ende nahm und
ich ins Wasser ging oder in die Besserungsanstalt gebracht wurde, dann kam es
auf diese paar Kleinigkeiten auch nimmer an. Aber ich lebte doch immerzu Aug
in Auge mit solchen unschönen Sachen, und litt darunter.
An jenem Frühlingstag im Park begegnete mir eine junge Dame, die mich sehr
anzog. Sie war groß und schlank, elegant gekleidet, und hatte ein kluges
Knabengesicht. Sie gefiel mir sofort, sie gehörte dem Typ an, den ich liebte, und
sie begann meine Phantasien zu beschäftigen. Sie war wohl kaum viel älter als
ich, aber viel fertiger, elegant und wohl umrissen, schon fast ganz Dame, aber
mit einem Anflug von Übermut und Jungenhaftigkeit im Gesicht, den ich
überaus gern hatte.
Es war mir nie geglückt, mich einem Mädchen zu nähern, in das ich verliebt
war, und es glückte mir auch bei dieser nicht. Aber der Eindruck war tiefer als
alle früheren, und der Einfluß dieser Verliebtheit auf mein Leben war gewaltig.
Plötzlich hatte ich wieder ein Bild vor mir stehen, ein hohes und verehrtes
Bild — ach, und kein Bedürfnis, kein Drang war so tief und heftig in mir wie der
Wunsch nach Ehrfurcht und Anbetung! Ich gab ihr den Namen Beatrice, denn
von ihr wußte ich, ohne Dante gelesen zu haben, aus einem englischen Gemälde,
dessen Reproduktion ich mir aufbewahrt hatte. Dort war es eine englisch-
präraffaelitische Mädchenfigur, sehr langgliedrig und schlank mit schmalem
langem Kopf und vergeistigten Händen und Zügen. Mein schönes junges
Mädchen glich ihr nicht ganz, obwohl auch sie diese Schlankheit und
Knabenhaftigkeit der Formen zeigte, die ich liebte, und etwas von der
Vergeistigung oder Beseelung des Gesichts.
Ich habe mit Beatrice nicht ein einziges Wort gesprochen. Dennoch hat sie
damals den tiefsten Einfluß auf mich geübt. Sie stellte ihr Bild vor mir auf, sie
öffnete mir ein Heiligtum, sie machte mich zum Beter in einem Tempel. Von
einem Tag auf den andern blieb ich von den Kneipereien und nächtlichen
Streifzügen weg. Ich konnte wieder allein sein, ich las wieder gern, ich ging wieder gern spazieren.
Die plötzliche Bekehrung trug mir Spott genug ein. Aber ich hatte nun etwas
zu lieben und anzubeten, ich hatte wieder ein Ideal, das Leben war wieder voll
von Ahnung und bunt geheimnisvoller Dämmerung — das machte mich
unempfindlich. Ich war wieder bei mir selbst zu Hause, obwohl nur als Sklave
und Dienender eines verehrten Bildes.
An jene Zeit kann ich nicht ohne eine gewisse Rührung denken. Wieder
versuchte ich mit innigstem Bemühen, aus Trümmern einer
zusammengebrochenen Lebensperiode mir eine „lichte Welt“ zu bauen, wieder
lebte ich ganz in dem einzigen Verlangen, das Dunkle und Böse in mir abzutun
und völlig im Lichten zu weilen, auf Knien vor Göttern. Immerhin war diese
jetzige „lichte Welt“ einigermaßen meine eigene Schöpfung; es war nicht mehr
ein Zurückfliehen und Unterkriechen zur Mutter und verantwortungslosen
Geborgenheit, es war ein neuer, von mir selbst erfundener und geforderter
Dienst, mit Verantwortlichkeit und Selbstzucht. Die Geschlechtlichkeit, unter der
ich litt und vor der ich immer und immer auf der Flucht war, sollte nun in diesem
heiligen Feuer zu Geist und Andacht verklärt werden. Es durfte nichts Finsteres
mehr, nichts Häßliches geben, keine durchstöhnten Nächte, kein Herzklopfen vor
unzüchtigen Bildern, kein Lauschen an verbotenen Pforten, keine Lüsternheit.
Statt alles dessen richtete ich meinen Altar ein, mit dem Bilde Beatricens, und
indem ich mich ihr weihte, weihte ich mich dem Geist und den Göttern. Den
Lebensanteil, den ich den finsteren Mächten entzog, brachte ich den lichten zum
Opfer. Nicht Lust war mein Ziel, sondern Reinheit, nicht Glück, sondern
Schönheit und Geistigkeit.
Dieser Kult der Beatrice änderte mein Leben ganz und gar. Gestern noch ein
frühreifer Zyniker, war ich jetzt ein Tempeldiener, mit dem Ziel, ein Heiliger zu
werden. Ich tat nicht nur das üble Leben ab, an das ich mich gewöhnt hatte, ich
suchte alles zu ändern, suchte Reinheit, Adel und Würde in alles zu bringen,
dachte hieran in Essen und Trinken, Sprache und Kleidung. Ich begann den
Morgen mit kalten Waschungen, zu denen ich mich anfangs schwer zwingen
mußte. Ich benahm mich ernst und würdig, trug mich aufrecht und machte
meinen Gang langsamer und würdiger. Für Zuschauer mag es komisch
ausgesehen haben — bei mir innen war es lauter Gottesdienst.
Von all den neuen Übungen, in denen ich Ausdruck für meine neue Gesinnung
suchte, wurde eine mir wichtig. Ich begann zu malen. Es fing damit an, daß das
englische Beatricebild, das ich besaß, jenem Mädchen nicht ähnlich genug war.
Ich wollte versuchen, sie für mich zu malen. Mit einer ganz neuen Freude und
Hoffnung trug ich in meinem Zimmer — ich hatte seit kurzem ein eigenes —
schönes Papier, Farben und Pinsel zusammen, machte Palette, Glas,
Porzellanschalen, Bleistifte zurecht. Die feinen Temperafarben in kleinen Tuben,
die ich gekauft hatte, entzückten mich. Es war ein feuriges Chromoxydgrün
dabei, das ich noch zu sehen meine, wie es erstmals in der kleinen weißen Schale
aufleuchtete.
Ich begann mit Vorsicht. Ein Gesicht zu malen, war schwer, ich wollte es erst
mit andrem probieren. Ich malte Ornamente, Blumen und kleine phantasierte
Landschaften, einen Baum bei einer Kapelle, eine römische Brücke mit
Zypressen. Manchmal verlor ich mich ganz in dies spielende Tun, war glücklich
wie ein Kind mit einer Farbenschachtel. Schließlich aber begann ich, Beatrice zu
malen.
Einige Blätter mißglückten ganz und wurden weggetan. Je mehr ich mir das
Gesicht des Mädchens vorzustellen suchte, das ich je und je auf der Straße
antraf, desto weniger wollte es gehen. Schließlich tat ich darauf Verzicht und
begann einfach ein Gesicht zu malen, der Phantasie und den Führungen folgend,
die sich aus dem Begonnenen, aus Farbe und Pinsel von selber ergaben. Es war
ein geträumtes Gesicht, das dabei herauskam, und ich war nicht unzufrieden
damit. Doch setzte ich den Versuch sogleich fort, und jedes neue Blatt sprach
etwas deutlicher, kam dem Typ näher, wenn auch keineswegs der Wirklichkeit.
Mehr und mehr gewöhnte ich mich daran, mit träumerischem Pinsel Linien zu
ziehen und Flächen zu füllen, die ohne Vorbild waren, die sich aus spielendem
Tasten, aus dem Unbewußten ergaben. Endlich machte ich eines Tages, fast
bewußtlos, ein Gesicht fertig, das stärker als die früheren zu mir sprach. Es war
nicht das Gesicht jenes Mädchens, das sollte es auch längst nimmer sein. Es war
etwas anderes, etwas Unwirkliches, doch nicht minder Wertvolles. Es sah mehr wie ein Jünglingskopf aus als wie ein Mädchengesicht, das Haar war nicht
hellblond wie bei meinem hübschen Mädchen, sondern braun mit rötlichem
Hauch, das Kinn war stark und fest, der Mund aber rotblühend, das Ganze etwas
steif und maskenhaft, aber eindrücklich und voll von geheimem Leben.
Als ich vor dem fertigen Blatte saß, machte es mir einen seltsamen Eindruck.
Es schien mir eine Art von Götterbild oder heiliger Maske zu sein, halb
männlich, halb weiblich, ohne Alter, ebenso willensstark wie träumerisch,
ebenso starr wie heimlich lebendig. Dies Gesicht hatte mir etwas zu sagen, es
gehörte zu mir, es stellte Forderungen an mich. Und es hatte Ähnlichkeit mit
irgend jemand, ich wußte nicht mit wem.
Das Bildnis begleitete nun eine Weile alle meine Gedanken und teilte mein
Leben. Ich hielt es in einer Schieblade verborgen, niemand sollte es erwischen
und mich damit verhöhnen können. Aber sobald ich allein in meinem Stübchen
war, zog ich das Bild heraus und hatte Umgang mit ihm. Abends heftete ich es
mit einer Nadel mir gegenüber überm Bett an die Tapete, sah es bis zum
Einschlafen an, und morgens fiel mein erster Blick darauf.
Gerade in jener Zeit fing ich wieder an viel zu träumen, wie ich es als Kind
stets getan hatte. Mir schien, ich habe jahrelang keine Träume mehr gehabt. Jetzt
kamen sie wieder, eine ganz neue Art von Bildern, und oft und oft tauchte das
gemalte Bildnis darin auf, lebend und redend, mir befreundet oder feindlich,
manchmal bis zur Fratze verzogen und manchmal unendlich schön, harmonisch
und edel.
Und eines Morgens, als ich aus solchen Träumen erwachte, erkannte ich es
plötzlich. Es sah mich so fabelhaft wohlbekannt an, es schien meinen Namen zu
rufen. Es schien mich zu kennen, wie eine Mutter, schien mir seit allen Zeiten
zugewandt. Mit Herzklopfen starrte ich das Blatt an, die braunen dichten Haare,
den halbweiblichen Mund, die starke Stirn mit der sonderbaren Helligkeit (es
war von selber so aufgetrocknet), und näher und näher fühlte ich in mir die
Erkenntnis, das Wiederfinden, das Wissen.
Ich sprang aus dem Bette, stellte mich vor dem Gesicht auf und sah es aus
nächster Nähe an, gerade in die weit offenen, grünlichen, starren Augen hinein,
von denen das rechte etwas höher als das andere stand. Und mit einemmal
zuckte dies rechte Auge, zuckte leicht und fein, aber deutlich, und mit diesem
Zucken erkannte ich das Bild . . .
Wie hatte ich das erst so spät finden können! Es war Demians Gesicht.
Später verglich ich das Blatt oft und oft mit Demians wirklichen Zügen, wie
ich sie in meinem Gedächtnis fand. Sie waren gar nicht dieselben, obwohl
ähnlich. Aber es war doch Demian.
Einst an einem Frühsommerabend schien die Sonne schräg und rot durch mein Fenster, das nach Westen blickte. Im Zimmer wurde es dämmerig. Da kam ich
auf den Einfall, das Bildnis Beatricens, oder Demians, mit der Nadel ans
Fensterkreuz zu heften und es anzusehen, wie die Abendsonne hindurch schien.
Das Gesicht verschwamm ohne Umrisse, aber die rötlich umrandeten Augen, die
Helligkeit auf der Stirn und der heftig rote Mund glühten tief und wild aus der
Fläche. Lange saß ich ihm gegenüber, auch als es schon erloschen war. Und
allmählich kam mir ein Gefühl, daß das nicht Beatrice und nicht Demian sei,
sondern — ich selbst. Das Bild glich mir nicht — das sollte es auch nicht, fühlte
ich — aber es war das, was mein Leben ausmachte, es war mein Inneres, mein
Schicksal oder mein Dämon. So würde mein Freund aussehen, wenn ich je
wieder einen fände. So würde meine Geliebte aussehen, wenn ich je eine
bekäme. So würde mein Leben und so mein Tod sein, dies war der Klang und
Rhythmus meines Schicksals.
In jenen Wochen hatte ich eine Lektüre begonnen, die mir tieferen Eindruck
machte als alles, was ich früher gelesen. Auch später habe ich selten mehr
Bücher so erlebt, vielleicht nur noch Nietzsche. Es war ein Band Novalis, mit
Briefen und Sentenzen, von denen ich viele nicht verstand und die mich doch
alle unsäglich anzogen und umspannen. Einer von den Sprüchen fiel mir nun ein.
Ich schrieb ihn mit der Feder unter das Bildnis: „Schicksal und Gemüt sind
Namen eines Begriffs.“ Das hatte ich nun verstanden.
Das Mädchen, das ich Beatrice nannte, begegnete mir noch oft. Ich fühlte
keine Bewegung mehr dabei, aber stets ein sanftes Übereinstimmen, ein
gefühlhaftes Ahnen: Du bist mit mir verknüpft, aber nicht du, nur dein Bild; du
bist ein Stück von meinem Schicksal.
Meine Sehnsucht nach Max Demian wurde wieder mächtig. Ich wußte nichts
von ihm, seit Jahren nichts. Ein einzigesmal hatte ich ihn in den Ferien
angetroffen. Ich sehe jetzt, daß ich diese kurze Begegnung in meinen
Aufzeichnungen unterschlagen habe, und sehe, daß es aus Scham und Eitelkeit
geschah. Ich muß es nachholen.
Also einmal in den Ferien, als ich mit dem blasierten und stets etwas müden
Gesicht meiner Wirtshauszeit durch meine Vaterstadt schlenderte, meinen
Spazierstock schwang und den Philistern in die alten, gleichgebliebenen,
verachteten Gesichter sah, da kam mir mein ehemaliger Freund entgegen. Kaum
sah ich ihn, so zuckte ich zusammen. Und blitzschnell mußte ich an Franz
Kromer denken. Möchte doch Demian diese Geschichte wirklich vergessen
haben! Es war so unangenehm, diese Verpflichtung gegen ihn zu haben — eigentlich ja eine dumme Kindergeschichte, aber doch eben eine Verpflichtung
. . .
Er schien zu warten, ob ich ihn grüßen wolle, und als ich es möglichst
gelassen tat, gab er mir die Hand. Das war wieder sein Händedruck! So fest,
warm und doch kühl, männlich!
Er sah mir aufmerksam ins Gesicht und sagte: „Du bist groß geworden,
Sinclair.“ Er selbst schien mir ganz unverändert, gleich alt, gleich jung wie
immer.
Er schloß sich mir an, wir machten einen Spaziergang und sprachen über
lauter nebensächliche Dinge, nichts von damals. Es fiel mir ein, daß ich ihm
einst mehrmals geschrieben hatte, ohne eine Antwort zu erhalten. Ach, möchte
er doch auch das vergessen haben, diese dummen, dummen Briefe! Er sagte
nichts davon.
Es gab damals noch keine Beatrice und kein Bildnis, ich war noch mitten in
meiner wüsten Zeit. Vor der Stadt lud ich ihn ein, mit in ein Wirtshaus zu
kommen. Er ging mit. Prahlerisch bestellte ich eine Flasche Wein, schenkte ein,
stieß mit ihm an und zeigte mich mit den studentischen Trinkgebräuchen sehr
vertraut, leerte auch das erste Glas auf einen Zug.
„Du gehst viel ins Wirtshaus?“ fragte er mich.
„Ach ja,“ sagte ich träge, „was soll man sonst tun? Es ist am Ende immer
noch das Lustigste.“
„Findest du? Es kann schon sein. Etwas daran ist ja sehr schön — der Rausch,
das Bacchische! Aber ich finde, bei den meisten Leuten, die viel im Wirtshaus
sitzen, ist das ganz verlorengegangen. Mir kommt es so vor, als sei gerade das
Wirtshauslaufen etwas richtig Philisterhaftes. Ja, eine Nacht lang, mit
brennenden Fackeln, zu einem richtigen, schönen Rausch und Taumel! Aber so
immer wieder, ein Schöppchen ums andere, das ist doch wohl nicht das Wahre?
Kannst du dir etwa den Faust vorstellen, wie er Abend für Abend an einem
Stammtisch sitzt?“
Ich trank und schaute ihn feindselig an.
„Ja, es ist eben nicht jeder ein Faust,“ sagte ich kurz.
Er sah mich etwas stutzig an.
Dann lachte er mit der alten Frische und Überlegenheit.
„Na, wozu darüber streiten? Jedenfalls ist das Leben eines Säufers oder
Wüstlings vermutlich lebendiger als das des tadellosen Bürgers. Und dann — ich
habe das einmal gelesen — ist das Leben des Wüstlings eine der besten
Vorbereitungen für den Mystiker. Es sind ja auch immer solche Leute wie der
heilige Augustin, die zu Sehern werden. Der war vorher auch ein Genießer und
Lebemann.“
Ich war mißtrauisch und wollte mich keineswegs von ihm meistern lassen. So
sagte ich blasiert: „Ja, jeder nach seinem Geschmack! Mir ist es, offen
gestanden, gar nicht darum zu tun, ein Seher oder so etwas zu werden.“
Demian blitzte mich aus leicht eingekniffenen Augen wissend an.
„Lieber Sinclair,“ sagte er langsam, „es war nicht meine Absicht, dir
Unangenehmes zu sagen. Übrigens — zu welchem Zweck du jetzt deine
Schoppen trinkst, wissen wir ja beide nicht. Das in dir, was dein Leben macht,
weiß es schon. Es ist so gut, das zu wissen: daß in uns drinnen einer ist, der alles
weiß, alles will, alles besser macht als wir selber. — Aber verzeih, ich muß nach
Hause.“
Wir nahmen kurzen Abschied. Ich blieb sehr mißmutig sitzen, trank meine
Flasche vollends aus, und fand, als ich gehen wollte, daß Demian sie schon
bezahlt hatte. Das ärgerte mich noch mehr.
Bei dieser kleinen Begebenheit hielten nun meine Gedanken wieder an. Sie
waren voll von Demian. Und die Worte, die er in jenem Gasthaus vor der Stadt
gesagt, kamen in meinem Gedächtnis wieder hervor, seltsam frisch und
unverloren. — „Es ist so gut, das zu wissen, daß in uns drinnen einer ist, der
alles weiß!“
Ich blickte auf das Bild, das am Fenster hing und ganz erloschen war. Aber ich
sah die Augen noch glühen. Das war der Blick Demians. Oder es war der, der in
mir drinnen war. Der, der alles weiß.
Wie hatte ich Sehnsucht nach Demian! Ich wußte nichts von ihm, er war mir
nicht erreichbar. Ich wußte nur, daß er vermutlich irgendwo studiere und daß
nach dem Abschluß seiner Gymnasiastenzeit seine Mutter unsere Stadt verlassen
habe.
Bis zu meiner Geschichte mit Kromer zurück suchte ich alle Erinnerungen an
Max Demian in mir hervor. Wie vieles klang da wieder auf, was er mir einst
gesagt hatte, und alles hatte heut noch Sinn, war aktuell, ging mich an! Auch
das, was er bei unsrem letzten, so wenig erfreulichen Zusammentreffen über den
Wüstling und den Heiligen gesagt hatte, stand mir plötzlich hell vor der Seele.
War es nicht genau so mit mir gegangen? Hatte ich nicht in Rausch und Schmutz
gelebt, in Betäubung und Verlorenheit, bis mit einem neuen Lebensantrieb
gerade das Gegenteil in mir lebendig geworden war, das Verlangen nach
Reinheit, die Sehnsucht nach dem Heiligen?
So ging ich weiter den Erinnerungen nach, es war längst Nacht geworden und
draußen regnete es. Auch in meinen Erinnerungen hörte ich es regnen, es war die
Stunde unter den Kastanienbäumen, wo er mich einst wegen Franz Kromer
ausgefragt und meine ersten Geheimnisse erraten hatte. Eines ums andre kam
hervor, Gespräche auf dem Schulweg, die Konfirmationsstunden. Und zuletzt fiel mein allererstes Zusammentreffen mit Max Demian mir ein. Um was hatte es
sich doch da gehandelt? Ich kam nicht gleich darauf, aber ich ließ mir Zeit, ich
war ganz darein versunken. Und nun kam es wieder, auch das. Wir waren vor
unserem Hause gestanden, nachdem er mir seine Meinung über Kain mitgeteilt
hatte. Da hatte er von dem alten verwischten Wappen gesprochen, das über
unsrem Haustor saß, in dem von unten nach oben breiter werdenden Schlußstein.
Er hatte gesagt, es interessiere ihn, und man müsse auf solche Sachen acht
haben.
In der Nacht träumte ich von Demian und von dem Wappen. Es verwandelte
sich beständig, Demian hielt es in Händen, oft war es klein und grau, oft mächtig
groß und vielfarbig, aber er erklärte mir, daß es doch immer ein und dasselbe sei.
Zuletzt aber nötigte er mich, das Wappen zu essen. Als ich es geschluckt hatte,
spürte ich mit ungeheurem Erschrecken, daß der verschlungene Wappenvogel in
mir lebendig sei, mich ausfülle und von innen zu verzehren beginne. Voller
Todesangst fuhr ich auf und erwachte.
Ich wurde munter, es war mitten in der Nacht, und hörte es ins Zimmer
regnen. Ich stand auf, um das Fenster zu schließen, und trat dabei auf etwas
Helles, das am Boden lag. Am Morgen fand ich, daß es mein gemaltes Blatt war.
Es lag in der Nässe am Boden und hatte sich in Wülste geworfen. Ich spannte es
zum Trocknen zwischen Fließblätter in ein schweres Buch. Als ich am nächsten
Tage wieder danach sah, war es getrocknet. Es hatte sich aber verändert. Der rote
Mund war verblaßt und etwas schmäler geworden. Es war jetzt ganz der Mund
Demians.
Ich ging nun daran, ein neues Blatt zu malen, den Wappenvogel. Wie er
eigentlich aussah, wußte ich nicht mehr deutlich, und einiges daran war, wie ich
wußte, auch aus der Nähe nicht gut mehr zu erkennen, da das Ding alt und
oftmals mit Farbe überstrichen worden war. Der Vogel stand oder saß auf etwas,
vielleicht auf einer Blume, oder auf einem Korb oder Nest, oder auf einer
Baumkrone. Ich kümmerte mich nicht darum und fing mit dem an, wovon ich
eine deutliche Vorstellung hatte. Aus einem unklaren Bedürfnis begann ich
gleich mit starken Farben, der Kopf des Vogels war auf meinem Blatte goldgelb.
Je nach Laune machte ich daran weiter und brachte das Ding in einigen Tagen
fertig.
Nun war es ein Raubvogel, mit einem scharfen kühnen Sperberkopf. Er stak
mit halbem Leibe in einer dunkeln Weltkugel, aus der er sich wie aus einem
riesigen Ei heraufarbeitete, auf einem blauen Himmelsgrunde. Wie ich das Blatt
länger betrachtete, schien es mir mehr und mehr, als sei es das farbige Wappen,
wie es in meinem Traum vorgekommen war.
Einen Brief an Demian zu schreiben, wäre mir nicht möglich gewesen, auch wenn ich gewußt hätte wohin. Ich beschloß aber, in demselben traumhaften
Ahnen, mit dem ich damals alles tat, ihm das Bild mit dem Sperber zu schicken,
mochte es ihn dann erreichen oder nicht. Ich schrieb nichts darauf, auch nicht
meinen Namen, beschnitt die Ränder sorgfältig, kaufte einen großen
Papierumschlag und schrieb meines Freundes ehemalige Adresse darauf. Dann
schickte ich es fort.
Ein Examen kam näher, und ich mußte mehr als sonst für die Schule arbeiten.
Die Lehrer hatten mich wieder zu Gnaden angenommen, seit ich plötzlich
meinen schnöden Wandel geändert hatte. Ein guter Schüler war ich auch jetzt
wohl nicht, aber weder ich noch sonst jemand dachte noch daran, daß vor einem
halben Jahr meine strafweise Entlassung aus der Schule allen wahrscheinlich
gewesen war.
Mein Vater schrieb mir jetzt wieder mehr in dem Ton wie früher, ohne
Vorwürfe und Drohungen. Doch hatte ich keinen Trieb, ihm oder irgend jemand
zu erklären, wie die Wandlung mit mir vor sich gegangen war. Es war ein Zufall,
daß diese Wandlung mit den Wünschen meiner Eltern und Lehrer
übereinstimmte. Diese Wandlung brachte mich nicht zu den andern, näherte
mich niemandem an, machte mich nur einsamer. Sie zielte irgendwohin, zu
Demian, zu einem fernen Schicksal. Ich wußte es selber ja nicht, ich stand ja
mitten drin. Mit Beatrice hatte es angefangen, aber seit einiger Zeit lebte ich mit
meinen gemalten Blättern und meinen Gedanken an Demian in einer so ganz
unwirklichen Welt, daß ich auch sie völlig aus den Augen und Gedanken verlor.
Niemand hätte ich von meinen Träumen, meinen Erwartungen, meiner inneren
Umwandlung ein Wort sagen können, auch nicht, wenn ich gewollt hätte.
Aber wie hätte ich dies wollen können?