Demian, Die Geschichte von Emil Sinclairs Jugend

Hermann Hesse · Kapitel 7 von 9

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Demian, Die Geschichte von Emil Sinclairs Jugend

Siebentes Kapitel Frau Eva

Siebentes Kapitel

 

 

Frau Eva

 

In den Ferien ging ich einmal zu dem Hause, in welchem vor Jahren Max

Demian mit seiner Mutter gewohnt hatte. Eine alte Frau spazierte im Garten, ich

sprach sie an und erfuhr, daß ihr das Haus gehöre. Ich fragte nach der Familie

Demian. Sie erinnerte sich ihrer gut. Doch wußte sie nicht, wo sie jetzt wohnten.

Da sie mein Interesse spürte, nahm sie mich mit ins Haus, suchte ein ledernes

Album hervor und zeigte mir eine Photographie von Demians Mutter. Ich konnte

mich ihrer kaum mehr erinnern. Aber als ich nun das kleine Bildnis sah, blieb

mir der Herzschlag stehen. — Das war mein Traumbild! Das war sie, die große,

fast männliche Frauenfigur, ihrem Sohne ähnlich, mit Zügen von Mütterlichkeit,

Zügen von Strenge, Zügen von tiefer Leidenschaft, schön und verlockend, schön

und unnahbar, Dämon und Mutter, Schicksal und Geliebte. Das war sie!

Wie ein wildes Wunder durchfuhr es mich, als ich so erfuhr, daß mein

Traumbild auf der Erde lebe! Es gab eine Frau, die so aussah, die die Züge

meines Schicksals trug! Wo war sie? Wo? — Und sie war Demians Mutter!

Bald darauf trat ich meine Reise an. Eine sonderbare Reise! Ich fuhr rastlos

von Ort zu Ort, jedem Einfall nach, immer auf der Suche nach dieser Frau. Es

gab Tage, da traf ich lauter Gestalten, die an sie erinnerten, an sie anklangen, die

ihr glichen, die mich durch Gassen fremder Städte, durch Bahnhöfe, in

Eisenbahnzüge lockten, wie in verwickelten Träumen. Es gab andere Tage, da

sah ich ein, wie unnütz mein Suchen sei; dann saß ich untätig irgendwo in einem

Park, in einem Hotelgarten, in einem Wartesaal, und schaute in mich hinein und

versuchte das Bild in mir lebendig zu machen. Aber es war jetzt scheu und

flüchtig geworden. Nie konnte ich schlafen, nur auf den Bahnfahrten durch

unbekannte Landschaften nickte ich für Viertelstunden ein. Einmal, in Zürich,

stellte eine Frau mir nach, ein hübsches, etwas freches Weib. Ich sah sie kaum

und ging weiter, als wäre sie Luft. Lieber wäre ich sofort gestorben, als daß ich

einer andern Frau auch nur für eine Stunde Teilnahme geschenkt hätte.

Ich spürte, daß mein Schicksal mich zog, ich spürte, daß die Erfüllung nahe sei, und ich war toll vor Ungeduld, daß ich nichts dazu tun konnte. Einst auf

einem Bahnhof, ich glaube, es war in Innsbruck, sah ich in einem eben

wegfahrenden Zug am Fenster eine Gestalt, die mich an sie erinnerte, und war

tagelang unglücklich. Und plötzlich erschien die Gestalt mir wieder nachts in

einem Traume, ich erwachte mit einem beschämten und öden Gefühl von der

Sinnlosigkeit meiner Jagd, und fuhr geraden Weges nach Hause zurück.

Ein paar Wochen später ließ ich mich auf der Universität H. einschreiben.

Alles enttäuschte mich. Das Kolleg über Geschichte der Philosophie, das ich

hörte, war ebenso wesenlos und fabrikmäßig wie das Treiben der studierenden

Jünglinge. Alles war so nach der Schablone, einer tat wie der andere, und die

erhitzte Fröhlichkeit auf den knabenhaften Gesichtern sah so betrübend leer und

fertiggekauft aus! Aber ich war frei, ich hatte meinen ganzen Tag für mich,

wohnte still und schön in altem Gemäuer vor der Stadt und hatte auf meinem

Tisch ein paar Bände Nietzsche liegen. Mit ihm lebte ich, fühlte die Einsamkeit

seiner Seele, witterte das Schicksal, das ihn unaufhaltsam trieb, litt mit ihm und

war selig, daß es einen gegeben hatte, der so unerbittlich seinen Weg gegangen

war.

Spät am Abend schlenderte ich einst durch die Stadt, im wehenden

Herbstwind, und hörte aus den Wirtshäusern die Studentenvereine singen. Aus

geöffneten Fenstern drang Tabakrauch in Wolken hervor, und in dickem Schwall

der Gesang, laut und straff, doch unbeschwingt und leblos uniform.

Ich stand an einer Straßenecke und hörte zu, aus zwei Kneipen scholl die

pünktlich ausgeübte Munterkeit der Jugend in die Nacht. Überall

Gemeinsamkeit, überall Zusammenhocken, überall Abladen des Schicksals und

Flucht in warme Herdennähe!

Hinter mir gingen zwei Männer langsam vorüber. Ich hörte ein Stück von

ihrem Gespräch.

„Ist es nicht genau wie das Jungemännerhaus in einem Negerdorf?“ sagte der

eine. „Alles stimmt, sogar das Tätowieren ist noch Mode. Sehen Sie, das ist das

junge Europa.“

Die Stimme klang mir wunderlich mahnend — bekannt. Ich ging den beiden

in der dunklen Gasse nach. Der eine war ein Japaner, klein und elegant, ich sah

unter einer Laterne sein gelbes lächelndes Gesicht aufglänzen.

Da sprach der andere wieder.

„Nun, es wird bei Ihnen in Japan auch nicht besser sein. Die Leute, die nicht

der Herde nachlaufen, sind überall selten. Es gibt auch hier welche.“

Jedes Wort durchdrang mich mit freudigem Schrecken. Ich kannte den

Sprecher. Es war Demian.

In der windigen Nacht folgte ich ihm und dem Japaner durch die dunkeln Gassen, hörte ihren Gesprächen zu und genoß den Klang von Demians Stimme.

Sie hatte den alten Ton, sie hatte die alte, schöne Sicherheit und Ruhe, und sie

hatte die alte Macht über mich. Nun war alles gut. Ich hatte ihn gefunden.

Am Ende einer vorstädtischen Straße nahm der Japaner Abschied und schloß

eine Haustür auf. Demian ging den Weg zurück, ich war stehen geblieben und

erwartete ihn mitten in der Straße. Mit Herzklopfen sah ich ihn mir entgegen

kommen, aufrecht und elastisch, in einem braunen Gummimantel, einen dünnen

Stock am Arme eingehängt. Er kam, ohne seinen gleichmäßigen Schritt zu

ändern, bis dicht vor mich hin, nahm den Hut ab und zeigte mir sein altes, helles

Gesicht mit dem entschlossenen Mund und der eigentümlichen Helligkeit auf der

breiten Stirn.

„Demian!“ rief ich.

Er streckte mir die Hand entgegen.

„Also da bist du, Sinclair! Ich habe dich erwartet.“

„Wußtest du, daß ich hier bin?“

„Ich wußte es nicht gerade, aber ich hoffte es bestimmt. Gesehen habe ich

dich erst heute abend, du bist uns ja die ganze Zeit nachgegangen.“

„Du kanntest mich also gleich?“

„Natürlich. Du hast dich zwar verändert. Aber du hast ja das Zeichen.“

„Das Zeichen? Was für ein Zeichen?“

„Wir nannten es früher das Kainszeichen, wenn du dich noch erinnern kannst.

Es ist unser Zeichen. Du hast es immer gehabt, darum bin ich dein Freund

geworden. Aber jetzt ist es deutlicher geworden.“

„Ich wußte es nicht. Oder eigentlich doch. Einmal habe ich ein Bild von dir

gemalt, Demian, und war erstaunt, daß es auch mir ähnlich war. War das das

Zeichen?“

„Das war es. Gut, daß du nun da bist! Auch meine Mutter wird sich freuen.“

Ich erschrak.

„Deine Mutter? Ist sie hier? Sie kennt mich ja gar nicht.“

„O, sie weiß von dir. Sie wird dich kennen, auch ohne daß ich ihr sage, wer du

bist. — Du hast lange nichts von dir hören lassen.“

„O, ich wollte oft schreiben, aber es ging nicht. Seit einiger Zeit habe ich

gespürt, daß ich dich bald finden müsse. Ich habe jeden Tag darauf gewartet.“

Er schob seinen Arm in meinen und ging mit mir weiter. Ruhe ging von ihm

aus und zog in mich ein. Wir plauderten bald wie früher. Wir gedachten der

Schulzeit, des Konfirmationsunterrichtes, auch jenes unglücklichen

Beisammenseins damals in den Ferien — nur von dem frühesten und engsten

Bande zwischen uns, von der Geschichte mit Franz Kromer, war auch jetzt nicht

die Rede.

Unversehens waren wir mitten in seltsamen und ahnungsvollen Gesprächen.

Wir hatten, an jene Unterhaltung Demians mit dem Japaner anklingend, vom

Studentenleben gesprochen und waren von da auf anderes gekommen, das

weitab zu liegen schien; doch verband es sich in Demians Worten zu einem

innigen Zusammenhang.

Er sprach vom Geist Europas und von der Signatur dieser Zeit. Überall, sagte

er, herrsche Zusammenschluß und Herdenbildung, aber nirgends Freiheit und

Liebe. Alle diese Gemeinsamkeit, von der Studentenverbindung und dem

Gesangverein bis zu den Staaten, sei eine Zwangsbildung, es sei eine

Gemeinschaft aus Angst, aus Furcht, aus Verlegenheit, und sie sei im Innern faul

und alt und dem Zusammenbruch nahe.

„Gemeinsamkeit,“ sagte Demian, „ist eine schöne Sache. Aber was wir da

überall blühen sehen, ist gar keine. Sie wird neu entstehen, aus dem

Voneinanderwissen der einzelnen, und sie wird für eine Weile die Welt

umformen. Was jetzt an Gemeinsamkeit da ist, ist nur Herdenbildung. Die

Menschen fliehen zueinander, weil sie voreinander Angst haben — die Herren

für sich, die Arbeiter für sich, die Gelehrten für sich! Und warum haben sie

Angst? Man hat nur Angst, wenn man mit sich selber nicht einig ist. Sie haben

Angst, weil sie sich nie zu sich selber bekannt haben. Eine Gemeinschaft von

lauter Menschen, die vor dem Unbekannten in sich selber Angst haben! Sie

fühlen alle, daß ihre Lebensgesetze nicht mehr stimmen, daß sie nach alten

Tafeln leben, weder ihre Religionen noch ihre Sittlichkeit, nichts von allem ist

dem angemessen, was wir brauchen. Hundert und mehr Jahre lang hat Europa

bloß noch studiert und Fabriken gebaut! Sie wissen genau, wieviel Gramm

Pulver man braucht, um einen Menschen zu töten, aber sie wissen nicht, wie

man zu Gott betet, sie wissen nicht einmal, wie man eine Stunde lang vergnügt

sein kann. Sieh dir einmal so eine Studentenkneipe an! Oder gar einen

Vergnügungsort, wo die reichen Leute hinkommen! Hoffnungslos! — Lieber

Sinclair, aus alledem kann nichts Heiteres kommen. Diese Menschen, die sich so

ängstlich zusammentun, sind voll von Angst und voll von Bosheit, keiner traut

dem andern. Sie hängen an Idealen, die keine mehr sind, und steinigen jeden, der

ein neues aufstellt. Ich spüre, daß es Auseinandersetzungen gibt. Sie werden

kommen, glaube mir, sie werden bald kommen! Natürlich werden sie die Welt

nicht ‚verbessern‘. Ob die Arbeiter ihre Fabrikanten totschlagen, oder ob

Rußland oder Deutschland aufeinander schießen, es werden nur Besitzer

getauscht. Aber umsonst wird es doch nicht sein. Es wird die Wertlosigkeit der

heutigen Ideale dartun, es wird ein Aufräumen mit steinzeitlichen Göttern geben.

Diese Welt, wie sie jetzt ist, will sterben, sie will zugrunde gehen, und sie wird

es.“

„Und was wird dabei aus uns?“ fragte ich.

„Aus uns? O, vielleicht gehen wir mit zugrunde. Totschlagen kann man ja

auch unsereinen. Nur daß wir damit nicht erledigt sind. Um das, was von uns

bleibt, oder um die von uns, die es überleben, wird der Wille der Zukunft sich

sammeln. Der Wille der Menschheit wird sich zeigen, den unser Europa eine

Zeitlang mit seinem Jahrmarkt von Technik und Wissenschaft überschrien hat.

Und dann wird sich zeigen, daß der Wille der Menschheit nie und nirgends

gleich ist mit dem der heutigen Gemeinschaften, der Staaten und Völker, der

Vereine und Kirchen. Sondern das, was die Natur mit dem Menschen will, steht

in den einzelnen geschrieben, in dir und mir. Es stand in Jesus, es stand in

Nietzsche. Für diese allein wichtigen Strömungen — die natürlich jeden Tag

anders aussehen können, wird Raum sein, wenn die heutigen Gemeinschaften

zusammenbrechen.“

Wir machten spät vor einem Garten am Flusse halt.

„Hier wohnen wir,“ sagte Demian. „Komm bald zu uns! Wir erwarten dich

sehr.“

Freudig ging ich durch die kühl gewordene Nacht meinen weiten Heimweg.

Da und dort lärmten und schwankten heimkehrende Studenten durch die Stadt.

Oft hatte ich den Gegensatz zwischen ihrer komischen Art von Fröhlichkeit und

meinem einsamen Leben empfunden, oft mit einem Gefühl von Entbehrung, oft

mit Spott. Aber noch nie hatte ich so wie heute mit Ruhe und geheimer Kraft

gefühlt, wie wenig mich das anging, wie fern und verschollen diese Welt für

mich war. Ich erinnerte mich an Beamte meiner Vaterstadt, alte würdige Herren,

welche an den Erinnerungen ihrer verkneipten Semester hingen wie an

Andenken eines seligen Paradieses und mit der entschwundenen „Freiheit“ ihrer

Studentenjahre einen Kultus trieben wie ihn sonst etwa Dichter oder andere

Romantiker der Kindheit widmen. Überall dasselbe! Überall suchten sie die

„Freiheit“ und das „Glück“ irgendwo hinter sich, aus lauter Angst, sie könnten

ihrer eigenen Verantwortlichkeit erinnert und an ihren eigenen Weg gemahnt

werden. Ein paar Jahre wurde gesoffen und gejubelt, und dann kroch man unter

und wurde ein seriöser Herr im Staatsdienst. Ja, es war faul, faul bei uns, und

diese Studentendummheit war weniger dumm und weniger schlimm als hundert

andere.

Als ich jedoch in meiner entlegenen Wohnung angekommen war und mein

Bett suchte, waren alle diese Gedanken verflogen, und mein ganzer Sinn hing

wartend an dem großen Versprechen, das mir dieser Tag gegeben hatte. Sobald

ich wollte, morgen schon, sollte ich Demians Mutter sehen. Mochten die

Studenten ihre Kneipen abhalten und sich die Gesichter tätowieren, mochte die

Welt faul sein und auf ihren Untergang warten — was ging es mich an! Ich wartete einzig darauf, daß mein Schicksal mir in einem neuen Bilde

entgegentrete.

Ich schlief fest bis spät am Morgen. Der neue Tag brach für mich als ein

feierlicher Festtag an, wie ich seit den Weihnachtsfeiern meiner Knabenzeit

keinen mehr erlebt hatte. Ich war voll innerster Unruhe, doch ohne jede Angst.

Ich fühlte, daß ein wichtiger Tag für mich angebrochen sei, ich sah und empfand

die Welt um mich her verwandelt, wartend, beziehungsvoll und feierlich, auch

der leise fließende Herbstregen war schön, still und festtäglich voll ernstfroher

Musik. Zum erstenmal klang die äußere Welt mit meiner innern rein zusammen

— dann ist Feiertag der Seele, dann lohnt es sich zu leben. Kein Haus, kein

Schaufenster, kein Gesicht auf der Gasse störte mich, alles war, wie es sein

mußte, trug aber nicht das leere Gesicht des Alltäglichen und Gewohnten,

sondern war wartende Natur, stand ehrfurchtsvoll dem Schicksal bereit. So hatte

ich als kleiner Knabe die Welt am Morgen der großen Feiertage gesehen, am

Christtag und an Ostern. Ich hatte nicht gewußt, daß diese Welt noch so schön

sein könne. Ich hatte mich daran gewöhnt, in mich hineinzuleben und mich

damit abzufinden, daß mir der Sinn für das da draußen eben verloren gegangen

sei, daß der Verlust der glänzenden Farben unvermeidlich mit dem Verlust der

Kindheit zusammenhänge und daß man gewissermaßen die Freiheit und

Mannheit der Seele mit dem Verzicht auf diesen holden Schimmer bezahlen

müsse. Nun sah ich entzückt, daß dies alles nur verschüttet und verdunkelt

gewesen war und daß es möglich sei, auch als Freigewordener und auf

Kinderglück Verzichtender die Welt strahlen zu sehen und die innigen Schauer

des kindlichen Sehens zu kosten.

Es kam die Stunde, da ich den Vorstadtgarten wiederfand, bei dem ich mich

diese Nacht von Max Demian verabschiedet hatte. Hinter hohen regengrauen

Bäumen verborgen, stand ein kleines Haus, hell und wohnlich, hohe

Blumenstauden hinter einer großen Glaswand, hinter blanken Fenstern dunkle

Zimmerwände mit Bildern und Bücherreihen. Die Haustür führte unmittelbar in

eine kleine erwärmte Halle, eine stumme alte Magd, schwarz, mit weißer

Schürze, führte mich ein und nahm mir den Mantel ab.

Sie ließ mich in der Halle allein. Ich sah mich um, und sogleich war ich mitten

in meinem Traume. Oben an der dunkeln Holzwand, über einer Tür, hing unter

Glas in einem schwarzen Rahmen ein wohlbekanntes Bild, mein Vogel mit dem

goldgelben Sperberkopf, der sich aus der Weltschale schwang. Ergriffen blieb

ich stehen — mir war so froh und weh ums Herz, als kehre in diesem

Augenblick alles, was ich je getan und erlebt, zu mir zurück als Antwort und

Erfüllung. Blitzschnell sah ich eine Menge von Bildern an meiner Seele

vorüberlaufen: das heimatliche Vaterhaus mit dem alten Steinwappen überm Torbogen, den Knaben Demian, der das Wappen zeichnete, mich selbst als

Knaben, angstvoll in den bösen Bann meines Feindes Kromer verstrickt, mich

selbst als Jüngling, in meinem Schülerzimmerchen am stillen Tisch den Vogel

meiner Sehnsucht malend, die Seele verwirrt ins Netz ihrer eigenen Fäden —

und alles, und alles bis zu diesem Augenblick klang in mir wieder, wurde in mir

bejaht, beantwortet, gutgeheißen.

Mit naß gewordenen Augen starrte ich auf mein Bild und las in mir selbst. Da

sank mein Blick herab: Unter dem Vogelbilde in der geöffneten Tür stand eine

große Frau in dunklem Kleid. Sie war es. Ich vermochte kein Wort zu sagen. Aus

einem Gesicht, das gleich dem ihres Sohnes ohne Zeit und Alter und voll von

beseeltem Willen war, lächelte die schöne, ehrwürdige Frau mir freundlich zu.

Ihr Blick war Erfüllung, ihr Gruß bedeutete Heimkehr. Schweigend streckte ich

ihr die Hände entgegen. Sie ergriff sie beide mit festen warmen Händen.

„Sie sind Sinclair. Ich kannte Sie gleich. Seien Sie willkommen!“

Ihre Stimme war tief und warm, ich trank sie wie süßen Wein. Und nun

blickte ich auf und in ihr stilles Gesicht, in die schwarzen, unergründlichen

Augen, auf den frischen, reifen Mund, auf die freie, fürstliche Stirn, die das

Zeichen trug.

„Wie bin ich froh!“ sagte ich zu ihr und küßte ihre Hände. „Ich glaube, ich bin

mein ganzes Leben lang immer unterwegs gewesen — und jetzt bin ich

heimgekommen.“

Sie lächelte mütterlich.

„Heim kommt man nie,“ sagte sie freundlich. „Aber wo befreundete Wege

zusammenlaufen, da sieht die ganze Welt für eine Stunde wie Heimat aus.“

Sie sprach aus, was ich auf dem Wege zu ihr gefühlt hatte. Ihre Stimme und

auch ihre Worte waren denen ihres Sohnes sehr ähnlich, und doch ganz anders.

Alles war reifer, wärmer, selbstverständlicher. Aber ebenso wie Max vor Zeiten

auf niemand den Eindruck eines Knaben gemacht hatte, so sah seine Mutter gar

nicht wie die Mutter eines erwachsenen Sohnes aus, so jung und süß war der

Hauch über ihrem Gesicht und Haar, so straff und faltenlos war ihre goldige

Haut, so blühend der Mund. Königlicher noch als in meinem Traume stand sie

vor mir, und ihre Nähe war Liebesglück, ihr Blick war Erfüllung.

Dies also war das neue Bild, in dem mein Schicksal sich mir zeigte, nicht

mehr streng, nicht mehr vereinsamend, nein reif und lustvoll! Ich faßte keine

Entschlüsse, tat keine Gelübde — ich war an ein Ziel gekommen, an eine hohe

Wegstelle, von wo aus der weitere Weg sich weit und herrlich zeigte, Ländern

der Verheißung entgegenstrebend, überschattet von Baumwipfeln nahen

Glückes, gekühlt von nahen Gärten jeder Lust. Mochte es mir gehen, wie es

wollte, ich war selig, diese Frau in der Welt zu wissen, ihre Stimme zu trinken und ihre Nähe zu atmen. Mochte sie mir Mutter, Geliebte, Göttin werden —

wenn sie nur da war! wenn nur mein Weg dem ihren nahe war!

Sie wies zu meinem Sperberbilde hinauf.

„Sie haben unsrem Max nie eine größere Freude gemacht als mit diesem

Bild,“ sagte sie nachdenklich. „Und mir auch. Wir haben auf Sie gewartet, und

als das Bild kam, da wußten wir, daß Sie auf dem Weg zu uns waren. Als Sie ein

kleiner Knabe waren, Sinclair, da kam eines Tages mein Sohn aus der Schule

und sagte: Es ist ein Junge da, der hat das Zeichen auf der Stirn, der muß mein

Freund werden. Das waren Sie. Sie haben es nicht leicht gehabt, aber wir haben

Ihnen vertraut. Einmal trafen Sie, als Sie in Ferien zu Hause waren, wieder mit

Max zusammen. Sie waren damals so etwa sechzehn Jahre alt. Max erzählte mir

davon —“

Ich unterbrach: „O, daß er Ihnen das gesagt hat! Es war meine elendeste Zeit

damals!“

„Ja, Max sagte zu mir: jetzt hat Sinclair das Schwerste vor sich. Er macht

noch einmal einen Versuch, sich in die Gemeinschaft zu flüchten, er ist sogar ein

Wirtshausbruder geworden; aber es wird ihm nicht gelingen. Sein Zeichen ist

verhüllt, aber es brennt ihn heimlich. — War es nicht so?“

„O ja, so war es, genau so. Dann fand ich Beatrice, und dann kam endlich

wieder ein Führer zu mir. Er hieß Pistorius. Erst da wurde mir klar, warum meine

Knabenzeit so sehr an Max gebunden war, warum ich nicht von ihm loskommen

konnte. Liebe Frau — liebe Mutter, ich habe damals oft geglaubt, ich müsse mir

das Leben nehmen. Ist denn der Weg für jeden so schwer?“

Sie fuhr mit ihrer Hand über mein Haar, leicht wie Luft.

„Es ist immer schwer, geboren zu werden. Sie wissen, der Vogel hat Mühe,

aus dem Ei zu kommen. Denken Sie zurück und fragen Sie: war der Weg denn

so schwer? — nur schwer? War er nicht auch schön? Hätten Sie einen

schöneren, einen leichteren gewußt?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Es war schwer,“ sagte ich wie im Schlaf, „es war schwer, bis der Traum

kam.“

Sie nickte und sah mich durchdringend an.

„Ja, man muß seinen Traum finden, dann wird der Weg leicht. Aber es gibt

keinen immerwährenden Traum, jeden löst ein neuer ab, und keinen darf man

festhalten wollen.“

Ich erschrak tief. War das schon eine Warnung? War das schon Abwehr? Aber

einerlei, ich war bereit, mich von ihr führen zu lassen und nicht nach dem Ziel

zu fragen.

„Ich weiß nicht,“ sagte ich, „wie lange mein Traum dauern soll. Ich wünsche, er wäre ewig. Unter dem Bild des Vogels hat mich mein Schicksal empfangen,

wie eine Mutter, und wie eine Geliebte. Ihm gehöre ich und sonst niemand.“

„Solange der Traum Ihr Schicksal ist, solange sollen Sie ihm treu bleiben,“

bestätigte sie ernst.

Eine Traurigkeit ergriff mich, und der sehnliche Wunsch, in dieser

verzauberten Stunde zu sterben. Ich fühlte die Tränen — wie unendlich lange

hatte ich nicht mehr geweint! — unaufhaltsam in mir aufquellen und mich

überwältigen. Heftig wandte ich mich von ihr weg, trat an das Fenster und

blickte mit blinden Augen über die Topfblumen hinweg.

Hinter mir hörte ich ihre Stimme, sie klang gelassen und war doch so voll von

Zärtlichkeit wie ein bis zum Rande mit Wein gefüllter Becher.

„Sinclair, Sie sind ein Kind! Ihr Schicksal liebt Sie ja. Einmal wird es Ihnen

ganz gehören, so wie Sie es träumen, wenn Sie treu bleiben.“

Ich hatte mich bezwungen und wandte ihr das Gesicht wieder zu. Sie gab mir

die Hand.

„Ich habe ein paar Freunde,“ sagte sie lächelnd, „ein paar ganz wenige, ganz

nahe Freunde, die sagen Frau Eva zu mir. Auch Sie sollen mich so nennen, wenn

Sie wollen.“

Sie führte mich zur Tür, öffnete und deutete in den Garten. „Sie finden Max

da draußen.“

Unter den hohen Bäumen stand ich betäubt und erschüttert, wacher oder

träumender als jemals, ich wußte es nicht. Sachte tropfte der Regen aus den

Zweigen. Ich ging langsam in den Garten hinein, der sich weit das Flußufer

entlang zog. Endlich fand ich Demian. Er stand in einem offenen

Gartenhäuschen, mit nacktem Oberkörper, und machte vor einem aufgehängten

Sandsäckchen Boxübungen.

Erstaunt blieb ich stehen. Demian sah prachtvoll aus, die breite Brust, der

feste männliche Kopf, die gehobenen Arme mit gestrafften Muskeln waren stark

und tüchtig, die Bewegungen kamen aus Hüften, Schultern und Armgelenken

hervor wie spielende Quellen.

„Demian!“ rief ich. „Was treibst du denn da?“

Er lachte fröhlich.

„Ich übe mich. Ich habe dem kleinen Japaner einen Ringkampf versprochen,

der Kerl ist flink wie eine Katze, und natürlich ebenso tückisch. Aber er wird

nicht mit mir fertig werden. Es ist eine ganz kleine Demütigung, die ich ihm

schuldig bin.“

Er zog Hemd und Rock über.

„Du warst schon bei meiner Mutter?“ fragte er.

„Ja. Demian, was hast du für eine herrliche Mutter! Frau Eva! Der Name paßt vollkommen zu ihr, sie ist wie die Mutter aller Wesen.“

Er sah mir einen Augenblick nachdenklich ins Gesicht.

„Du weißt den Namen schon? Du kannst stolz sein, Junge! Du bist der erste,

dem sie ihn schon in der ersten Stunde gesagt hat.“

Von diesem Tag an ging ich im Hause ein und aus wie ein Sohn und Bruder,

aber auch wie ein Liebender. Wenn ich die Pforte hinter mir schloß, ja schon

wenn ich von weitem die hohen Bäume des Gartens auftauchen sah, war ich

reich und glücklich. Draußen war die „Wirklichkeit“, draußen waren Straßen und

Häuser, Menschen und Einrichtungen, Bibliotheken und Lehrsäle — hier

drinnen aber war Liebe und Seele, hier lebte das Märchen und der Traum. Und

doch lebten wir keineswegs von der Welt abgeschlossen, wir lebten in Gedanken

und Gesprächen oft mitten in ihr, nur auf einem anderen Felde, wir waren von

der Mehrzahl der Menschen nicht durch Grenzen getrennt, sondern nur durch

eine andere Art des Sehens. Unsre Aufgabe war, in der Welt eine Insel

darzustellen, vielleicht ein Vorbild, jedenfalls aber die Ankündigung einer

anderen Möglichkeit zu leben. Ich lernte, ich lang Vereinsamter, die

Gemeinschaft kennen, die zwischen Menschen möglich ist, welche das völlige

Alleinsein gekostet haben. Nie mehr begehrte ich zu den Tafeln der Glücklichen,

zu den Festen der Fröhlichen zurück, nie mehr flog mich Neid oder Heimweh

an, wenn ich die Gemeinsamkeiten der andern sah. Und langsam wurde ich

eingeweiht in das Geheimnis derer, welche „das Zeichen“ an sich trugen.

Wir, die mit dem Zeichen, mochten mit Recht der Welt für seltsam, ja für

verrückt und gefährlich gelten. Wir waren Erwachte, oder Erwachende, und

unser Streben ging auf ein immer vollkommneres Wachsein, während das

Streben und Glücksuchen der anderen darauf ging, ihre Meinungen, ihre Ideale

und Pflichten, ihr Leben und Glück immer enger an das der Herde zu binden.

Auch dort war Streben, auch dort war Kraft und Größe. Aber während, nach

unserer Auffassung, wir Gezeichneten den Willen der Natur zum Neuen, zum

Vereinzelten und Zukünftigen darstellten, lebten die andern in einem Willen des

Beharrens. Für sie war die Menschheit — welche sie liebten wie wir — etwas

Fertiges, das erhalten und geschützt werden mußte. Für uns war die Menschheit

eine ferne Zukunft, nach welcher wir alle unterwegs waren, deren Bild niemand

kannte, deren Gesetze nirgend geschrieben standen.

Außer Frau Eva, Max und mir gehörten zu unsrem Kreise, näher oder ferner,

noch manche Suchende von sehr verschiedener Art. Manche von ihnen gingen

besondere Pfade, hatten sich abgesonderte Ziele gesteckt und hingen an

besonderen Meinungen und Pflichten, unter ihnen waren Astrologen und

Kabbalisten, auch ein Anhänger des Grafen Tolstoi, und allerlei zarte, scheue,

verwundbare Menschen, Anhänger neuer Sekten, Pfleger indischer Übungen, Pflanzenesser und andre. Mit diesen allen hatten wir eigentlich nichts Geistiges

gemein als die Achtung, die ein jeder dem geheimen Lebenstraum des andern

gönnte. Andre standen uns näher, welche das Suchen der Menschheit nach

Göttern und neuen Wunschbildern in der Vergangenheit verfolgten und deren

Studien mich oft an die meines Pistorius erinnerten. Sie brachten Bücher mit,

übersetzten uns Texte alter Sprachen, zeigten uns Abbildungen alter Symbole

und Riten, und lehrten uns sehen, wie der ganze Besitz der bisherigen

Menschheit an Idealen aus Träumen der unbewußten Seele bestand, aus

Träumen, in welchen die Menschheit tastend den Ahnungen ihrer

Zukunftsmöglichkeiten nachging. So durchliefen wir den wunderbaren,

tausendköpfigen Götterknäuel der alten Welt bis zum Herandämmern der

christlichen Umkehr. Die Bekenntnisse der einsamen Frommen wurden uns

bekannt, und die Wandlungen der Religionen von Volk zu Volk. Und aus allem,

was wir sammelten, ergab sich uns die Kritik unserer Zeit und des jetzigen

Europa, das in ungeheuren Bestrebungen mächtige neue Waffen der Menschheit

erschaffen hatte, endlich aber in eine tiefe und zuletzt schreiende Verödung des

Geistes geraten war. Denn es hatte die ganze Welt gewonnen, um seine Seele

darüber zu verlieren.

Auch hier gab es Gläubige und Bekenner bestimmter Hoffnungen und

Heilslehren. Es gab Buddhisten, die Europa bekehren wollten, und Tolstoijünger,

und andre Bekenntnisse. Wir im engern Kreise hörten zu und nahmen keine

dieser Lehren anders an denn als Sinnbilder. Uns Gezeichneten lag keine Sorge

um die Gestaltung der Zukunft ob. Uns schien jedes Bekenntnis, jede Heilslehre

schon im voraus tot und nutzlos. Und wir empfanden einzig das als Pflicht und

Schicksal: daß jeder von uns so ganz er selbst werde, so ganz dem in ihm

wirksamen Keim der Natur gerecht werde und zu Willen lebe, daß die ungewisse

Zukunft uns zu allem und jedem bereit finde, was sie bringen möchte.

Denn dies war, gesagt und ungesagt, uns allen im Gefühl deutlich, daß eine

Neugeburt und ein Zusammenbruch des Jetzigen nahe und schon spürbar sei.

Demian sagte mir manchmal: „Was kommen wird, ist unausdenklich. Die Seele

Europas ist ein Tier, das unendlich lang gefesselt lag. Wenn es frei wird, werden

seine ersten Regungen nicht die lieblichsten sein. Aber die Wege und Umwege

sind belanglos, wenn nur die wahre Not der Seele zutage kommt, die man seit so

langem immer und immer wieder weglügt und betäubt. Dann wird unser Tag

sein, dann wird man uns brauchen, nicht als Führer oder neue Gesetzgeber —

die neuen Gesetze erleben wir nicht mehr — eher als Willige, als solche, die

bereit sind, mitzugehen und da zu stehen, wohin das Schicksal ruft. Sieh, alle

Menschen sind bereit, das Unglaubliche zu tun, wenn ihre Ideale bedroht

werden. Aber keiner ist da, wenn ein neues Ideal, eine neue, vielleicht gefährliche und unheimliche Regung des Wachstums anklopft. Die wenigen,

welche dann da sind und mitgehen, werden wir sein. Dazu sind wir gezeichnet

— wie Kain dazu gezeichnet war, Furcht und Haß zu erregen und die damalige

Menschheit aus einem engen Idyll in gefährliche Weiten zu treiben. Alle

Menschen, die auf den Gang der Menschheit gewirkt haben, alle ohne

Unterschied waren nur darum fähig und wirksam, weil sie schicksalbereit waren.

Das paßt auf Moses und Buddha, es paßt auf Napoleon und auf Bismarck.

Welcher Welle einer dient, von welchem Pol aus er regiert wird, das liegt nicht in

seiner Wahl. Wenn Bismarck die Sozialdemokraten verstanden und sich auf sie

eingestellt hätte, so wäre er ein kluger Herr gewesen, aber kein Mann des

Schicksals. So war es mit Napoleon, mit Cäsar, mit Loyola, mit allen! Man muß

sich das immer biologisch und entwicklungsgeschichtlich denken! Als die

Umwälzungen auf der Erdoberfläche die Wassertiere ans Land, Landtiere ins

Wasser warf, da waren es die schicksalbereiten Exemplare, die das Neue und

Unerhörte vollziehen und ihre Art durch neue Anpassungen retten konnten. Ob

es dieselben Exemplare waren, welche vorher in ihrer Art als Konservative und

Erhaltende hervorragten, oder eher die Sonderlinge und Revolutionäre, das

wissen wir nicht. Sie waren bereit, und darum konnten sie ihre Art in neue

Entwicklungen hinüber retten. Das wissen wir. Darum wollen wir bereit sein.“

Bei solchen Gesprächen war Frau Eva oft dabei, doch sprach sie selbst nicht

in dieser Weise mit. Sie war für jeden von uns, der seine Gedanken äußerte, ein

Zuhörer und Echo, voll von Vertrauen, voll von Verständnis, es schien, als

kämen die Gedanken alle aus ihr und kehrten zu ihr zurück. In ihrer Nähe zu

sitzen, zuweilen ihre Stimme zu hören und teilzuhaben an der Atmosphäre von

Reife und Seele, die sie umgab, war für mich Glück.

Sie empfand es sogleich, wenn in mir irgendeine Veränderung, eine Trübung

oder Erneuerung im Gange war. Es schien mir, als seien die Träume, die ich im

Schlaf hatte, Eingebungen von ihr. Ich erzählte sie ihr oft, und sie waren ihr

verständlich und natürlich, es gab keine Sonderbarkeiten, denen sie nicht mit

klarem Fühlen folgen konnte. Eine Zeitlang hatte ich Träume, die wie

Nachbildungen unsrer Tagesgespräche waren. Ich träumte, daß die ganze Welt in

Aufruhr sei und daß ich, allein oder mit Demian, angespannt auf das große

Schicksal warte. Das Schicksal blieb verhüllt, trug aber irgendwie die Züge der

Frau Eva — von ihr erwählt oder verworfen zu werden, das war das Schicksal.

Manchmal sagte sie mit Lächeln: „Ihr Traum ist nicht ganz, Sinclair, Sie

haben das Beste vergessen —“ und es konnte geschehen, daß es mir dann wieder

einfiel und ich nicht begreifen konnte, wie ich das hatte vergessen können.

Zu Zeiten wurde ich unzufrieden und von Begehren gequält. Ich meinte es

nicht mehr ertragen zu können, sie neben mir zu sehen, ohne sie in die Arme zu schließen. Auch das bemerkte sie sofort. Als ich einst mehrere Tage wegblieb

und dann verstört wiederkam, nahm sie mich beiseite und sagte: „Sie sollen sich

nicht an Wünsche hingeben, an die Sie nicht glauben. Ich weiß, was Sie

wünschen. Sie müssen diese Wünsche aufgeben können, oder sie ganz und

richtig wünschen. Wenn Sie einmal so zu bitten vermögen, daß Sie der Erfüllung

in sich ganz gewiß sind, dann ist auch die Erfüllung da. Sie wünschen aber, und

bereuen es wieder, und haben Angst dabei. Das muß alles überwunden werden.

Ich will Ihnen ein Märchen erzählen.“

Und sie erzählte mir von einem Jüngling, der in einen Stern verliebt war. Am

Meere stand er, streckte die Hände aus und betete den Stern an, er träumte von

ihm und richtete seine Gedanken an ihn. Aber er wußte, oder meinte zu wissen,

daß ein Stern nicht von einem Menschen umarmt werden könne. Er hielt es für

sein Schicksal, ohne Hoffnung auf Erfüllung ein Gestirn zu lieben, und er baute

aus diesem Gedanken eine ganze Lebensdichtung von Verzicht und stummem,

treuem Leiden, das ihn bessern und läutern sollte. Seine Träume gingen aber alle

auf den Stern. Einmal stand er wieder bei Nacht am Meere, auf der hohen

Klippe, und blickte in den Stern und brannte vor Liebe zu ihm. Und in einem

Augenblick größter Sehnsucht tat er den Sprung und stürzte sich ins Leere, dem

Stern entgegen. Aber im Augenblick des Springens noch dachte er blitzschnell:

es ist ja doch unmöglich! Da lag er unten am Strand und war zerschmettert. Er

verstand nicht zu lieben. Hätte er im Augenblick, wo er sprang, die Seelenkraft

gehabt, fest und sicher an die Erfüllung zu glauben, er wäre nach oben geflogen

und mit dem Stern vereinigt worden.

„Liebe muß nicht bitten,“ sagte sie, „auch nicht fordern. Liebe muß die Kraft

haben, in sich selbst zur Gewißheit zu kommen. Dann wird sie nicht mehr

gezogen, sondern zieht. Sinclair, Ihre Liebe wird von mir gezogen. Wenn sie

mich einmal zieht, so komme ich. Ich will keine Geschenke geben, ich will

gewonnen werden.“

Ein anderesmal aber erzählte sie mir ein anderes Märchen. Es war ein

Liebender, der ohne Hoffnung liebte. Er zog sich ganz in seine Seele zurück und

meinte vor Liebe zu verbrennen. Die Welt ging ihm verloren, er sah den blauen

Himmel und den grünen Wald nicht mehr, der Bach rauschte ihm nicht, die

Harfe klang ihm nicht, alles war versunken, und er war arm und elend geworden.

Seine Liebe aber wuchs, und er wollte viel lieber sterben und verkommen, als

auf den Besitz der schönen Frau verzichten, die er liebte. Da spürte er, wie seine

Liebe alles andre in ihm verbrannt hatte, und sie wurde mächtig und zog und

zog, und die schöne Frau mußte folgen, sie kam, er stand mit ausgebreiteten

Armen, um sie an sich zu ziehen. Wie sie aber vor ihm stand, da war sie ganz

verwandelt, und mit Schauern fühlte und sah er, daß er die ganze verlorene Welt zu sich her gezogen hatte. Sie stand vor ihm und ergab sich ihm, Himmel und

Wald und Bach, alles kam in neuen Farben frisch und herrlich ihm entgegen,

gehörte ihm, sprach seine Sprache. Und statt bloß ein Weib zu gewinnen, hatte er

die ganze Welt am Herzen, und jeder Stern am Himmel glühte in ihm und

funkelte Lust durch seine Seele. — Er hatte geliebt und dabei sich selbst

gefunden. Die meisten aber lieben, um sich dabei zu verlieren.

Meine Liebe zu Frau Eva schien mir der einzige Inhalt meines Lebens zu sein.

Aber jeden Tag sah sie anders aus. Manchmal glaubte ich bestimmt zu fühlen,

daß es nicht ihre Person sei, nach der mein Wesen hingezogen strebte, sondern

sie sei nur ein Sinnbild meines Inneren und wolle mich nur tiefer in mich selbst

hinein führen. Oft hörte ich Worte von ihr, die mir klangen wie Antworten

meines Unbewußten auf brennende Fragen, die mich bewegten. Dann wieder

gab es Augenblicke, in denen ich neben ihr vor sinnlichem Verlangen brannte,

und Gegenstände küßte, die sie berührt hatte. Und allmählich schoben sich

sinnliche und unsinnliche Liebe, Wirklichkeit und Symbol übereinander. Dann

geschah es, daß ich daheim in meinem Zimmer an sie dachte, in ruhiger

Innigkeit, und dabei ihre Hand in meiner und ihre Lippen auf meinen zu fühlen

meinte. Oder ich war bei ihr, sah ihr ins Gesicht, sprach mit ihr und hörte ihre

Stimme, und wußte doch nicht, ob sie wirklich und nicht ein Traum sei. Ich

begann zu ahnen, wie man eine Liebe dauernd und unsterblich besitzen kann. Ich

hatte beim Lesen eines Buches eine neue Erkenntnis, und es war dasselbe Gefühl

wie ein Kuß von Frau Eva. Sie streichelte mir das Haar und lächelte mir ihre

reife duftende Wärme zu, und ich hatte dasselbe Gefühl, wie wenn ich in mir

selbst einen Fortschritt gemacht hatte. Alles, was wichtig und Schicksal für mich

war, konnte ihre Gestalt annehmen. Sie konnte sich in jeden meiner Gedanken

verwandeln, und jeder sich in sie.

Auf die Weihnachtsfeiertage, in denen ich bei meinen Eltern war, hatte ich

mich gefürchtet, weil ich meinte, es müsse eine Qual sein, zwei Wochen lang

entfernt von Frau Eva zu leben. Aber es war keine Qual, es war herrlich, zu

Hause zu sein und an sie zu denken. Als ich nach H. zurückgekommen war,

blieb ich noch zwei Tage ihrem Hause fern, um diese Sicherheit und

Unabhängigkeit von ihrer sinnlichen Gegenwart zu genießen. Auch hatte ich

Träume, in denen meine Vereinigung mit ihr sich auf neue gleichnishafte Arten

vollzog. Sie war ein Meer, in das ich strömend mündete. Sie war ein Stern, und

ich selbst war als ein Stern zu ihr unterwegs, und wir trafen uns und fühlten uns

zueinander gezogen, blieben beisammen und drehten uns selig für alle Zeiten in

nahen, tönenden Kreisen umeinander.

Diesen Traum erzählte ich ihr, als ich sie zuerst wieder besuchte.

„Der Traum ist schön,“ sagte sie still. „Machen Sie ihn wahr!“

In der Vorfrühlingszeit kam ein Tag, den ich nie vergessen habe. Ich trat in die

Halle, ein Fenster stand offen und ein lauer Luftstrom wälzte den schweren

Geruch der Hyazinthen durch den Raum. Da niemand zu sehen war, ging ich die

Treppe hinauf in Max Demians Studierzimmer. Ich pochte leicht an die Tür und

trat ein, ohne auf einen Ruf zu warten, wie ich es gewohnt war.

Das Zimmer war dunkel, die Vorhänge alle zugezogen. Die Türe zu einem

kleinen Nebenraum stand offen, wo Max ein chemisches Laboratorium

eingerichtet hatte. Von dorther kam das helle, weiße Licht der Frühlingssonne,

die durch Regenwolken schien. Ich glaubte, es sei niemand da, und schlug einen

der Vorhänge zurück.

Da sah ich auf einem Schemel nahe beim verhängten Fenster Max Demian

sitzen, zusammengekauert und seltsam verändert, und wie ein Blitz durchfuhr

mich ein Gefühl: das hast du schon einmal erlebt! Er hatte die Arme regungslos

hängen, die Hände im Schoß, sein etwas vorgeneigtes Gesicht mit offenen

Augen war blicklos und erstorben, im Augenstern blinkte tot ein kleiner greller

Lichtreflex, wie in einem Stück Glas. Das bleiche Gesicht war in sich versunken

und ohne anderen Ausdruck als den einer ungeheuren Starrheit, es sah aus wie

eine uralte Tiermaske am Portal eines Tempels. Er schien nicht zu atmen.

Erinnerung überschauerte mich — so, genau so hatte ich ihn schon einmal

gesehen, vor vielen Jahren, als ich noch ein kleiner Junge war. So hatten die

Augen nach innen gestarrt, so waren die Hände leblos nebeneinander gelegen,

eine Fliege war ihm übers Gesicht gewandert. Und er hatte damals, vor vielleicht

sechs Jahren, gerade so alt und so zeitlos ausgesehen, keine Falte im Gesicht war

heute anders.

Von einer Furcht überfallen ging ich leise aus dem Zimmer und die Treppe

hinab. In der Halle traf ich Frau Eva. Sie war bleich und schien ermüdet, was ich

an ihr nicht kannte, ein Schatten flog durchs Fenster, die grelle weiße Sonne war

plötzlich verschwunden.

„Ich war bei Max,“ flüsterte ich rasch. „Ist etwas geschehen? Er schläft, oder

ist versunken, ich weiß nicht, ich sah ihn früher schon einmal so.“

„Sie haben ihn doch nicht geweckt?“ fragte sie rasch.

„Nein. Er hat mich nicht gehört. Ich ging gleich wieder hinaus. Frau Eva,

sagen Sie mir, was ist mit ihm?“

Sie fuhr sich mit dem Rücken der Hand über die Stirn.

„Seien Sie ruhig, Sinclair, es geschieht ihm nichts. Er hat sich zurückgezogen.

Es wird nicht lange dauern.“

Sie stand auf und ging in den Garten hinaus, obwohl es eben zu regnen anfing.

Ich spürte, daß ich nicht mitkommen sollte. So ging ich in der Halle auf und ab,

roch an den betäubend duftenden Hyazinthen, starrte mein Vogelbild über der Türe an und atmete mit Beklemmung den seltsamen Schatten, von dem das Haus

an diesem Morgen erfüllt war. Was war dies? Was war geschehen?

Frau Eva kam bald zurück. Regentropfen hingen ihr im dunkeln Haar. Sie

setzte sich in ihren Lehnstuhl. Müdigkeit lag über ihr. Ich trat neben sie, beugte

mich über sie und küßte die Tropfen aus ihrem Haar. Ihre Augen waren hell und

still, aber die Tropfen schmeckten mir wie Tränen.

„Soll ich nach ihm sehen?“ fragte ich flüsternd.

Sie lächelte schwach.

„Seien Sie kein kleiner Junge, Sinclair!“ ermahnte sie laut, wie um in sich

selber einen Bann zu brechen. „Gehen Sie jetzt, und kommen Sie später wieder,

ich kann jetzt nicht mit Ihnen reden.“

Ich ging und lief von Haus und Stadt hinweg gegen die Berge, der schräge

dünne Regen kam mir entgegen, die Wolken trieben niedrig unter schwerem

Druck wie in Angst vorüber. Unten ging kaum ein Wind, in der Höhe schien es

zu stürmen, mehrmals brach für Augenblicke die Sonne bleich und grell aus dem

stählernen Wolkengrau.

Da kam über den Himmel weg eine lockere gelbe Wolke getrieben, sie staute

sich gegen die graue Wand und der Wind formte in wenigen Sekunden aus dem

Gelben und dem Blauen ein Bild, einen riesengroßen Vogel, der sich aus blauem

Wirrwarr losriß und mit weiten Flügelschlägen in den Himmel hinein

verschwand. Dann wurde der Sturm hörbar, und Regen prasselte mit Hagel

vermischt herab. Ein kurzer, unwahrscheinlich und schreckhaft tönender Donner

krachte über der gepeitschten Landschaft, gleich darauf brach wieder ein

Sonnenblick durch und auf den nahen Bergen überm braunen Wald leuchtete

fahl und unwirklich der bleiche Schnee.

Als ich naß und verblasen nach Stunden wiederkehrte, öffnete Demian mir

selbst die Haustür.

Er nahm mich mit sich in sein Zimmer hinauf, im Laboratorium brannte eine

Gasflamme, Papier lag umher, er schien gearbeitet zu haben.

„Setz dich,“ lud er ein, „du wirst müde sein, es war ein scheußliches Wetter,

man sieht, daß du tüchtig draußen warst. Tee kommt gleich.“

„Es ist heute etwas los,“ begann ich zögernd, „es kann nicht nur das bißchen

Gewitter sein.“

Er sah mich forschend an.

„Hast du etwas gesehen?“

„Ja. Ich sah in den Wolken einen Augenblick deutlich ein Bild.“

„Was für ein Bild?“

„Es war ein Vogel.“

„Der Sperber? War er’s? Dein Traumvogel?“

„Ja, es war mein Sperber. Er war gelb und riesengroß und flog in den

blauschwarzen Himmel hinein.“

Demian atmete tief auf.

Es klopfte. Die alte Dienerin brachte Tee.

„Nimm dir, Sinclair, bitte. — Ich glaube, du hast den Vogel nicht zufällig

gesehen?“

„Zufällig? Sieht man solche Sachen zufällig?“

„Gut, nein. Er bedeutet etwas. Weißt du was?“

„Nein. Ich spüre nur, daß es eine Erschütterung bedeutet, einen Schritt im

Schicksal. Ich glaube, es geht uns alle an.“

Er ging heftig auf und ab.

„Einen Schritt im Schicksal!“ rief er laut.

„Dasselbe habe ich heut nacht geträumt, und meine Mutter hatte gestern eine

Ahnung, die sagte das Gleiche. — Mir hat geträumt, ich stieg eine Leiter hinauf,

an einem Baumstamm oder Turm. Als ich oben war, sah ich das ganze Land, es

war eine große Ebene, mit Städten und Dörfern brennen. Ich kann noch nicht

alles erzählen, es ist mir noch nicht alles klar.“

„Deutest du den Traum auf dich?“ fragte ich.

„Auf mich? Natürlich. Niemand träumt, was ihn nicht angeht. Aber es geht

mich nicht allein an, da hast du recht. Ich unterscheide ziemlich genau die

Träume, die mir Bewegungen in der eigenen Seele anzeigen, und die anderen,

sehr seltenen, in denen das ganze Menschenschicksal sich andeutet. Ich habe

selten solche Träume gehabt, und nie einen, von dem ich sagen könnte, er sei

eine Prophezeiung gewesen und in Erfüllung gegangen. Die Deutungen sind zu

ungewiß. Aber das weiß ich bestimmt, ich habe etwas geträumt, was nicht mich

allein angeht. Der Traum gehört nämlich zu anderen, früheren, die ich hatte und

die er fortsetzt. Diese Träume sind es, Sinclair, aus denen ich die Ahnungen

habe, von denen ich dir schon sprach. Daß unsre Welt recht faul ist, wissen wir,

das wäre noch kein Grund, ihren Untergang oder dergleichen zu prophezeien.

Aber ich habe seit mehreren Jahren Träume gehabt, aus denen ich schließe, oder

fühle, oder wie du willst — aus denen ich also fühle, daß der Zusammenbruch

einer alten Welt näher rückt. Es waren zuerst ganz schwache, entfernte

Ahnungen, aber sie sind immer deutlicher und stärker geworden. Noch weiß ich

nichts andres, als daß etwas Großes und Furchtbares im Anzug ist, das mich mit

betrifft. Sinclair, wir werden das erleben, wovon wir manchmal gesprochen

haben! Die Welt will sich erneuern. Es riecht nach Tod. Nichts Neues kommt

ohne Tod. — Es ist schrecklicher, als ich gedacht hatte.“ Erschrocken starrte ich

ihn an.

„Kannst du mir den Rest deines Traumes nicht erzählen?“ bat ich schüchtern.

Er schüttelte den Kopf.

„Nein.“

Die Türe ging und Frau Eva kam herein.

„Da sitzet ihr beieinander! Kinder, ihr werdet doch nicht traurig sein?“

Sie sah frisch und gar nicht mehr müde aus. Demian lächelte ihr zu, sie kam

zu uns wie die Mutter zu verängstigten Kindern.

„Traurig sind wir nicht, Mutter, wir haben bloß ein wenig an diesen neuen

Zeichen gerätselt. Aber es liegt ja nichts daran. Plötzlich wird das, was kommen

will, da sein, und dann werden wir das, was wir zu wissen brauchen, schon

erfahren.“

Mir aber war schlecht zumut, und als ich Abschied nahm und allein durch die

Halle ging, empfand ich den Hyazinthenduft welk, fad und leichenhaft. Es war

ein Schatten über uns gefallen.