Der Dichter und das Phantasieren

Sigmund Freud · Anhang

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Der Dichter und das Phantasieren

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Project Gutenberg's Der Dichter und das Phantasieren, by Sigmund Freud

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Title: Der Dichter und das Phantasieren

Author: Sigmund Freud

Release Date: May 18, 2009 [EBook #28863]

Language: German

 

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER DICHTER UND DAS PHANTASIEREN ***

 

Produced by Jana Srna and the Online Distributed

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Anmerkungen zur Transkription:

 

Der Text stammt aus: Neue Revue. Halbmonatschrift für das

öffentliche Leben 1 (1907/08). S. 716–724.

 

Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden

übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden

korrigiert. Änderungen sind im Text gekennzeichnet, der

Originaltext erscheint beim Überfahren mit der Maus.

Der Dichter und das Phantasieren.

 

Von

Prof. Dr. S i g m . F r e u d (Wien).

 

Uns Laien hat es immer mächtig gereizt zu wissen, woher diese merkwürdige

Persönlichkeit, der Dichter, seine Stoffe nimmt – etwa im Sinne der Frage, die

jener Kardinal an den Ariosto richtete –, und wie er es zustande bringt, uns mit

ihnen so zu ergreifen, Erregungen in uns hervorzurufen, deren wir uns vielleicht

nicht einmal für fähig gehalten hätten. Unser Interesse hierfür wird nur gesteigert

durch den Umstand, daß der Dichter selbst, wenn wir ihn befragen, uns keine

oder keine befriedigende Auskunft gibt, und wird gar nicht gestört durch unser

Wissen, daß die beste Einsicht in die Bedingungen der dichterischen Stoffwahl

und in das Wesen der poetischen Gestaltungskunst nichts dazu beitragen würde,

uns selbst zu Dichtern zu machen.

 

Wenn wir wenigstens bei uns oder bei unsergleichen eine dem Dichten

irgendwie verwandte Tätigkeit auffinden könnten! Die Untersuchung derselben

ließe uns hoffen, eine erste Aufklärung über das Schaffen des Dichters zu

gewinnen. Und wirklich, dafür ist Aussicht vorhanden; – die Dichter selbst

lieben es ja, den Abstand zwischen ihrer Eigenart und allgemein menschlichem

Wesen zu verringern; sie versichern uns so häufig, daß in jedem Menschen ein

Dichter stecke; und daß der letzte Dichter erst mit dem letzten Menschen sterben

werde.

 

Sollten wir die ersten Spuren dichterischer Betätigung nicht schon beim Kinde

suchen? Die liebste und intensivste Beschäftigung des Kindes ist das Spiel.

Vielleicht dürfen wir sagen: jedes spielende Kind benimmt sich wie ein Dichter,

indem es sich eine eigene Welt erschafft, oder, richtiger gesagt, die Dinge seiner

Welt in eine neue, ihm gefällige Ordnung versetzt. Es wäre dann unrecht, zu

meinen, es nähme diese Welt nicht ernst; im Gegenteile, es nimmt sein Spiel sehr

ernst, es verwendet große Affektbeträge darauf. Der Gegensatz zu Spiel ist nicht

Ernst, sondern – Wirklichkeit. Das Kind unterscheidet seine Spielwelt sehr wohl,

trotz aller Affektbesetzung, von der Wirklichkeit und lehnt seine imaginierten

Objekte und Verhältnisse gerne an greifbare und sichtbare Dinge der wirklichen

Welt an. Nichts anderes als diese Anlehnung unterscheidet das »Spielen« des

Kindes noch vom »Phantasieren«.

Der Dichter tut nun dasselbe wie das spielende Kind; er erschafft eine

Phantasiewelt, die er sehr ernst nimmt, d. h. mit großen Affektbeträgen

ausstattet, während er sie von der Wirklichkeit scharf sondert. Und die Sprache

hat diese Verwandtschaft von Kinderspiel und poetischem Schaffen festgehalten,

indem sie solche Veranstaltungen des Dichters, welche der Anlehnung an

greifbare Objekte bedürfen, welche der Darstellung fähig sind, als S p i e l e:

L u s t s p i e l, T r a u e r s p i e l, und die Person, welche sie darstellt, als

S c h a u s p i e l e r bezeichnet. Aus der Unwirklichkeit der dichterischen Welt

ergeben sich aber sehr wichtige Folgen für die künstlerische Technik, denn

vieles, was als real nicht Genuß bereiten könnte, kann dies doch im Spiel der

Phantasie, viele an sich eigentlich peinliche Erregungen können für den Hörer

und Zuschauer des Dichters zur Quelle der Lust werden.

 

Verweilen wir einer anderen Beziehung wegen noch einen Augenblick bei dem

Gegensatz von Wirklichkeit und Spiel! Wenn das Kind herangewachsen ist und

aufgehört hat zu spielen, wenn es sich durch Jahrzehnte seelisch bemüht hat, die

Wirklichkeiten des Lebens mit dem erforderlichen Ernst zu erfassen, so kann es

eines Tages in eine seelische Disposition geraten, welche den Gegensatz

zwischen Spiel und Wirklichkeit wieder aufhebt. Der Erwachsene kann sich

darauf besinnen, mit welchem hohen Ernst er einst seine Kinderspiele betrieb,

und indem er nun seine vorgeblich ernsten Beschäftigungen jenen Kinderspielen

gleichstellt, wirft er die allzu schwere Bedrückung durch das Leben ab und

erringt sich den hohen Lustgewinn des H u m o r s.

 

Der Heranwachsende hört also auf zu spielen, er verzichtet scheinbar auf den

Lustgewinn, den er aus dem Spiele bezog. Aber wer das Seelenleben des

Menschen kennt, der weiß, daß ihm kaum etwas anderes so schwer wird wie der

Verzicht auf einmal gekannte Lust. Eigentlich können wir auf nichts verzichten,

wir vertauschen nur eines mit dem anderen; was ein Verzicht zu sein scheint, ist

in Wirklichkeit eine Ersatz- oder Surrogatbildung. So gibt auch der

Heranwachsende, wenn er aufhört zu spielen, nichts anderes auf als die

Anlehnung an reale Effekte; anstatt zu s p i e l e n , p h a n t a s i e r t er jetzt. Er

baut sich Luftschlösser, schafft das, was man Tagträume nennt. Ich glaube, daß

die meisten Menschen zuzeiten ihres Lebens Phantasien bilden. Es ist das eine

Tatsache, die man lange Zeit übersehen und deren Bedeutung man darum nicht

genug gewürdigt hat.

 

Das Phantasieren der Menschen ist weniger leicht zu beobachten als das Spielen

der Kinder. Das Kind spielt zwar auch allein oder es bildet mit andern Kindern

ein geschlossenes psychisches System zum Zwecke des Spieles, aber wenn es auch den Erwachsenen nichts vorspielt, so verbirgt es doch sein Spielen nicht

vor ihnen. Der Erwachsene aber schämt sich seiner Phantasien und versteckt sie

vor anderen, er hegt sie als seine eigensten Intimitäten, er würde in der Regel

lieber seine Vergehungen eingestehen als seine Phantasien mitteilen. Es mag

vorkommen, daß er sich darum für den einzigen hält, der solche Phantasien

bildet, und von der allgemeinen Verbreitung ganz ähnlicher Schöpfungen bei

anderen nichts ahnt. Dies verschiedene Verhalten des Spielenden und des

Phantasierenden findet seine gute Begründung in den Motiven der beiden

einander doch fortsetzenden Tätigkeiten.

 

Das Spielen des Kindes wurde von Wünschen dirigiert, eigentlich von dem einen

Wunsche, der das Kind erziehen hilft, vom Wunsche: groß und erwachsen zu

sein. Es spielt immer »groß sein«, imitiert im Spiel, was ihm vom Leben der

Großen bekannt geworden ist. Es hat nun keinen Grund, diesen Wunsch zu

verbergen. Anders der Erwachsene: dieser weiß einerseits, daß man von ihm

erwartet, nicht mehr zu spielen oder zu phantasieren, sondern in der wirklichen

Welt zu handeln, und anderseits sind unter den seine Phantasien erzeugenden

Wünschen manche, die es überhaupt zu verbergen not tut; darum schämt er sich

seines Phantasierens als kindisch und als unerlaubt.

 

Sie werden fragen, woher man denn über das Phantasieren der Menschen so

genau Bescheid wisse, wenn es von ihnen mit soviel Geheimtun verhüllt wird?

Nun, es gibt eine Gattung von Menschen, denen zwar nicht ein Gott, aber eine

strenge Göttin – die Notwendigkeit – den Auftrag erteilt hat, zu sagen, was sie

leiden und woran sie sich erfreuen. Es sind dies die Nervösen, die dem Arzte,

von dem sie Herstellung durch psychische Behandlung erwarten, auch ihre

Phantasien eingestehen müssen; aus dieser Quelle stammt unsere beste Kenntnis,

und wir sind dann zu der wohl begründeten Vermutung gelangt, daß unsere

Kranken uns nicht anderes mitteilen, als was wir auch von den Gesunden

erfahren könnten.

 

Gehen wir daran, einige der Charaktere des Phantasierens kennen zu lernen.

Man darf sagen, der Glückliche phantasiert nie, nur der Unbefriedigte.

Unbefriedigte Wünsche sind die Triebkräfte der Phantasien, und jede einzelne

Phantasie ist eine Wunscherfüllung, eine Korrektur der unbefriedigenden

Wirklichkeit. Die treibenden Wünsche sind verschieden je nach Geschlecht,

Charakter und Lebensverhältnissen der phantasierenden Persönlichkeit; sie

lassen sich aber ohne Zwang nach zwei Hauptrichtungen gruppieren. Es sind

entweder ehrgeizige Wünsche, welche der Erhöhung der Persönlichkeit dienen,

oder erotische. Beim jungen Weib herrschen die erotischen Wünsche fast ausschließend, denn sein Ehrgeiz wird in der Regel vom Liebesstreben

aufgezehrt; beim jungen Mann sind neben den erotischen die eigensüchtigen und

ehrgeizigen Wünsche vordringlich genug. Doch wollen wir nicht den Gegensatz

beider Richtungen, sondern vielmehr deren häufige Vereinigung betonen; wie in

vielen Altarbildern in einer Ecke das Bildnis des Stifters sichtbar ist, so können

wir an den meisten ehrgeizigen Phantasien in irgendeinem Winkel die Dame

entdecken, für die der Phantast all diese Heldentaten vollführt, der er alle Erfolge

zu Füßen legt. Sie sehen, hier liegen genug starke Motive zum Verbergen vor;

dem wohlerzogenen Weib wird ja überhaupt nur ein Minimum von erotischer

Bedürftigkeit zugebilligt, und der junge Mann soll das Übermaß von

Selbstgefühl, welches er aus der Verwöhnung der Kindheit mitbringt, zum

Zwecke der Einordnung in die an ähnlich anspruchsvollen Individuen so reiche

Gesellschaft unterdrücken lernen.

 

Die Produkte dieser phantasierenden Tätigkeit, der einzelnen Phantasien,

Luftschlösser oder Tagträume dürfen wir uns nicht als starr und unveränderlich

vorstellen. Sie schmiegen sich vielmehr den wechselnden Lebenseindrücken an,

verändern sich mit jeder Schwankung der Lebenslage, empfangen von jedem

wirksamen, neuen Eindruck eine sogenannte »Zeitmarke«. Das Verhältnis der

Phantasie zur Zeit ist überhaupt sehr bedeutsam. Man darf sagen: eine Phantasie

schwebt gleichsam zwischen drei Zeiten, den drei Zeitmomenten unseres

Vorstellens. Die seelische Arbeit knüpft an einen aktuellen Eindruck, einen

Anlaß in der Gegenwart an, der imstande war, einen der großen Wünsche der

Person zu wecken, greift von da aus auf die Erinnerung eines früheren, meist

infantilen, Erlebnisses zurück, in dem jener Wunsch erfüllt war, und schafft nun

eine auf die Zukunft bezogene Situation, welche sich als die Erfüllung jenes

Wunsches darstellt, eben den Tagtraum oder die Phantasie, die nun die Spuren

ihrer Herkunft vom Anlaß und von der Erinnerung an sich trägt. Also

Vergangenes, Gegenwärtiges, Zukünftiges wie an der Schnur des durchlaufenden

Wunsches aneinandergereiht.

 

Das banalste Beispiel mag Ihnen meine Aufstellung erläutern. Nehmen Sie den

Fall eines armen und verwaisten Jünglings an, dem Sie die Adresse eines

Arbeitgebers genannt haben, bei welchem er vielleicht eine Anstellung finden

kann. Auf dem Wege dahin mag er sich in einem Tagtraum ergehen, wie er

angemessen aus seiner Situation entspringt. Der Inhalt dieser Phantasie wird

etwa sein, daß er dort angenommen wird, seinem neuen Chef gefällt, sich im

Geschäft unentbehrlich macht, in die Familie des Herrn gezogen wird, das

reizende Töchterchen des Hauses heiratet und dann selbst als Mitbesitzer wie später als Nachfolger das Geschäft leitet. Und dabei hat sich der Träumer ersetzt,