Der Dichter und das Phantasieren

Sigmund Freud · Kapitel 1 von 3

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Der Dichter und das Phantasieren

Kapitel 1

was er in der glücklichen Kindheit besessen, das schützende Haus, die liebenden

Eltern und die ersten Objekte seiner zärtlichen Neigung. Sie sehen an solchem

Beispiel, wie der Wunsch einen Anlaß der Gegenwart benützt, um sich nach dem

Muster der Vergangenheit ein Zukunftsbild zu entwerfen.

 

Es wäre noch vielerlei über die Phantasien zu sagen; ich will mich aber auf die

knappsten Andeutungen beschränken. Das Überwuchern und

Übermächtigwerden der Phantasien stellt die Bedingungen für den Verfall in

Neurose oder Psychose her; die Phantasien sind auch die nächsten seelischen

Vorstufen der Leidenssymptome, über welche unsere Kranken klagen. Hier

zweigt ein breiter Seitenweg zur Pathologie ab.

 

Nicht übergehen kann ich aber die Beziehung der Phantasien zum Traum. Auch

unsere nächtlichen Träume sind nichts anderes als solche Phantasien, wie wir

durch die Deutung der Träume evident machen können.[1] Die Sprache hat in

ihrer unübertrefflichen Weisheit die Frage nach dem Wesen der Träume längst

entschieden, indem sie die luftigen Schöpfungen Phantasierender auch

»T a g t r ä u m e« nennen ließ. Wenn trotz dieses Fingerzeiges der Sinn unserer

Träume uns zumeist undeutlich bleibt, so rührt dies von dem einen Umstand her,

daß nächtlicherweile auch solche Wünsche in uns rege werden, deren wir uns

schämen, und die wir vor uns selbst verbergen müssen, die eben darum

verdrängt, ins Unbewußte geschoben wurden. Solchen verdrängten Wünschen

und ihren Abkömmlingen kann nun kein anderer als ein arg entstellter Ausdruck

gegönnt werden. Nachdem die Aufklärung der Traume n t s t e l l u n g der

wissenschaftlichen Arbeit gelungen war, fiel es nicht mehr schwer zu erkennen,

daß die nächtlichen Träume ebensolche Wunscherfüllungen sind wie die

Tagträume, die uns allen so wohl bekannten Phantasien.

 

Soviel von den Phantasien, und nun zum Dichter! Dürfen wir wirklich den

Versuch machen, den Dichter mit dem »Träumer am hellichten Tag«, seine

Schöpfungen mit Tagträumen zu vergleichen? Da drängt sich wohl eine erste

Unterscheidung auf; wir müssen die Dichter, die fertige Stoffe übernehmen, wie

die alten Epiker und Tragiker, sondern von jenen, die ihre Stoffe frei zu schaffen

scheinen. Halten wir uns an die letzteren und suchen wir für unsere Vergleichung

nicht gerade jene Dichter aus, die von der Kritik am höchsten geschätzt werden,

sondern die anspruchsloseren Erzähler von Romanen, Novellen und

Geschichten, die dafür die zahlreichsten und eifrigsten Leser und Leserinnen

finden. An den Schöpfungen dieser Erzähler muß uns vor allem ein Zug auffällig

werden; sie alle haben einen Helden, der im Mittelpunkt des Interesses steht, für den der Dichter unsere Sympathie mit allen Mitteln zu gewinnen sucht, und den