Der Dichter und das Phantasieren
Kapitel 1
was er in der glücklichen Kindheit besessen, das schützende Haus, die liebenden
Eltern und die ersten Objekte seiner zärtlichen Neigung. Sie sehen an solchem
Beispiel, wie der Wunsch einen Anlaß der Gegenwart benützt, um sich nach dem
Muster der Vergangenheit ein Zukunftsbild zu entwerfen.
Es wäre noch vielerlei über die Phantasien zu sagen; ich will mich aber auf die
knappsten Andeutungen beschränken. Das Überwuchern und
Übermächtigwerden der Phantasien stellt die Bedingungen für den Verfall in
Neurose oder Psychose her; die Phantasien sind auch die nächsten seelischen
Vorstufen der Leidenssymptome, über welche unsere Kranken klagen. Hier
zweigt ein breiter Seitenweg zur Pathologie ab.
Nicht übergehen kann ich aber die Beziehung der Phantasien zum Traum. Auch
unsere nächtlichen Träume sind nichts anderes als solche Phantasien, wie wir
durch die Deutung der Träume evident machen können.[1] Die Sprache hat in
ihrer unübertrefflichen Weisheit die Frage nach dem Wesen der Träume längst
entschieden, indem sie die luftigen Schöpfungen Phantasierender auch
»T a g t r ä u m e« nennen ließ. Wenn trotz dieses Fingerzeiges der Sinn unserer
Träume uns zumeist undeutlich bleibt, so rührt dies von dem einen Umstand her,
daß nächtlicherweile auch solche Wünsche in uns rege werden, deren wir uns
schämen, und die wir vor uns selbst verbergen müssen, die eben darum
verdrängt, ins Unbewußte geschoben wurden. Solchen verdrängten Wünschen
und ihren Abkömmlingen kann nun kein anderer als ein arg entstellter Ausdruck
gegönnt werden. Nachdem die Aufklärung der Traume n t s t e l l u n g der
wissenschaftlichen Arbeit gelungen war, fiel es nicht mehr schwer zu erkennen,
daß die nächtlichen Träume ebensolche Wunscherfüllungen sind wie die
Tagträume, die uns allen so wohl bekannten Phantasien.
Soviel von den Phantasien, und nun zum Dichter! Dürfen wir wirklich den
Versuch machen, den Dichter mit dem »Träumer am hellichten Tag«, seine
Schöpfungen mit Tagträumen zu vergleichen? Da drängt sich wohl eine erste
Unterscheidung auf; wir müssen die Dichter, die fertige Stoffe übernehmen, wie
die alten Epiker und Tragiker, sondern von jenen, die ihre Stoffe frei zu schaffen
scheinen. Halten wir uns an die letzteren und suchen wir für unsere Vergleichung
nicht gerade jene Dichter aus, die von der Kritik am höchsten geschätzt werden,
sondern die anspruchsloseren Erzähler von Romanen, Novellen und
Geschichten, die dafür die zahlreichsten und eifrigsten Leser und Leserinnen
finden. An den Schöpfungen dieser Erzähler muß uns vor allem ein Zug auffällig
werden; sie alle haben einen Helden, der im Mittelpunkt des Interesses steht, für den der Dichter unsere Sympathie mit allen Mitteln zu gewinnen sucht, und den