Der Dichter und das Phantasieren

Sigmund Freud · Kapitel 2 von 3

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Der Dichter und das Phantasieren

Kapitel 2

er wie mit einer besonderen Vorsehung zu beschützen scheint. Wenn ich am

Ende eines Romankapitels den Helden bewußtlos, aus schweren Wunden

blutend, verlassen habe, so bin ich sicher, ihn zu Beginn des nächsten in

sorgsamster Pflege und auf dem Wege der Herstellung zu finden, und wenn der

erste Band mit dem Untergang des Schiffes im Seesturm geendigt hat, auf dem

unser Held sich befand, so bin ich sicher, zu Anfang des zweiten Bandes von

seiner wunderbaren Rettung zu lesen, ohne die der Roman ja keinen Fortgang

hätte. Das Gefühl der Sicherheit, mit dem ich den Helden durch seine

gefährlichen Schicksale begleite, ist das nämliche, mit dem ein wirklicher Held

sich ins Wasser stürzt, um einen Ertrinkenden zu retten, oder sich dem

feindlichen Feuer aussetzt, um eine Batterie zu stürmen; jenes eigentliche

Heldengefühl, dem einer unserer besten Dichter den köstlichen Ausdruck

geschenkt hat: »Es kann dir nix g'schehn.«[2] Ich meine aber, an diesem

verräterischen Merkmal der Unverletzlichkeit erkennt man ohne Mühe – Seine

Majestät das Ich, den Helden aller Tagträume wie aller Romane.

 

Noch andere typische Züge dieser egozentrischen Erzählungen deuten auf die

gleiche Verwandtschaft hin. Wenn sich stets alle Frauen des Romans in den

Helden verlieben, so ist das kaum als Wirklichkeitsschilderung aufzufassen, aber

leicht als notwendiger Bestand des Tagtraums zu verstehen. Ebenso wenn die

anderen Personen des Romans sich scharf in gute und böse scheiden, unter

Verzicht auf die in der Realität zu beobachtende Buntheit menschlicher

Charaktere; die »guten« sind eben die Helfer, die »bösen« aber die Feinde und

Konkurrenten des zum Helden gewordenen Ichs.

 

Wir verkennen nun keineswegs, daß sehr viele dichterische Schöpfungen sich

von dem Vorbild des naiven Tagtraums weit entfernt halten, aber ich kann doch

die Vermutung nicht unterdrücken, daß auch die extremsten Abweichungen

durch eine lückenlose Reihe von Übergängen mit diesem Modell in Beziehung

gesetzt werden könnten. Noch in vielen der sogenannten psychologischen

Romane ist mir aufgefallen, daß nur eine Person, wiederum der Held, von innen

geschildert wird; in ihrer Seele sitzt gleichsam der Dichter und schaut die

anderen Personen von außen an. Der psychologische Roman verdankt im ganzen

wohl seine Besonderheit der Neigung des modernen Dichters, sein Ich durch

Selbstbeobachtung in Partial-Ichs zu zerspalten und demzufolge die

Konfliktströmungen seines Seelenlebens in mehreren Helden zu personifizieren.

In einem ganz besonderen Gegensatz zum Typus des Tagtraumes scheinen die

Romane zu stehen, die man als »exzentrische« bezeichnen könnte, in denen die als Held eingeführte Person die geringste tätige Rolle spielt, vielmehr wie ein

Zuschauer die Taten und Leiden der anderen an sich vorüberziehen sieht.

Solcher Art sind mehrere der späteren Romane Z o l a s. Doch muß ich

bemerken, daß die psychologische Analyse nicht dichtender, in manchen

Stücken von der sogenannten Norm abweichender Individuen uns analoge

Variationen der Tagträume kennen gelehrt hat, in denen sich das Ich mit der

Rolle des Zuschauers bescheidet.

 

Wenn unsere Gleichstellung des Dichters mit dem Tagträumer, der poetischen

Schöpfung mit dem Tagtraum wertvoll werden soll, so muß sie sich vor allem in

irgend einer Art fruchtbar erweisen. Versuchen wir etwa, unseren vorhin

aufgestellten Satz von der Beziehung der Phantasie zu den drei Zeiten und zum

durchlaufenden Wunsche auf die Werke der Dichter anzuwenden und die

Beziehungen zwischen dem Leben des Dichters und seinen Schöpfungen mit

dessen Hilfe zu studieren. Man hat in der Regel nicht gewußt, mit welchen

Erwartungsvorstellungen man an dieses Problem herangehen soll; häufig hat

man sich diese Beziehung viel zu einfach vorgestellt. Von der an den Phantasien

gewonnenen Einsicht her müßten wir folgenden Sachverhalt erwarten: Ein

starkes aktuelles Erlebnis weckt im Dichter die Erinnerung an ein früheres, meist

der Kindheit angehöriges Erlebnis auf, von welchem nun der Wunsch ausgeht,

der sich in der Dichtung seine Erfüllung schafft; die Dichtung selbst läßt sowohl

Elemente des frischen Anlasses als auch der alten Erinnerung erkennen.

 

Erschrecken Sie nicht über die Kompliziertheit dieser Formel; ich vermute, daß

sie sich in Wirklichkeit als ein zu dürftiges Schema erweisen wird, aber eine

erste Annäherung an den realen Sachverhalt könnte doch in ihr enthalten sein,

und nach einigen Versuchen, die ich unternommen habe, sollte ich meinen, daß

eine solche Betrachtungsweise dichterischer Produktionen nicht unfruchtbar

ausfallen kann. Sie vergessen nicht, daß die vielleicht befremdende Betonung

der Kindheitserinnerung im Leben des Dichters sich in letzter Linie von der

Voraussetzung ableitet, daß die Dichtung wie der Tagtraum Fortsetzung und

Ersatz des einstigen kindlichen Spielens ist.

 

Versäumen wir nicht, auf jene Klasse von Dichtungen zurückzugreifen, in denen

wir nicht freie Schöpfungen, sondern Bearbeitungen fertiger und bekannter

Stoffe erblicken müssen. Auch dabei verbleibt dem Dichter ein Stück

Selbständigkeit, das sich in der Auswahl des Stoffes und in der oft weitgehenden

Abänderung desselben äußern darf. Soweit die Stoffe aber gegeben sind,

entstammen sie dem Volksschatze an Mythen, Sagen und Märchen. Die

Untersuchungen dieser völkerpsychologischen Bildungen ist nun keineswegs abgeschlossen, aber es ist z. B. von den Mythen durchaus wahrscheinlich, daß

sie den entstellten Überresten von Wunschphantasien ganzer Nationen, den

S ä k u l a r t r ä u m e n der jungen Menschheit entsprechen.

 

Sie werden sagen, daß ich Ihnen von den Phantasien weit mehr erzählt habe, als

vom Dichter, den ich doch im Titel meines Vortrages vorangestellt. Ich weiß das

und versuche es durch den Hinweis auf den heutigen Stand unserer Erkenntnis

zu entschuldigen. Ich konnte Ihnen nur Anregungen und Aufforderungen

bringen, die von dem Studium der Phantasien her auf das Problem der

dichterischen Stoffwahl übergreifen. Das andere Problem, mit welchen Mitteln

der Dichter bei uns die Affektwirkungen erziele, die er durch seine Schöpfungen

hervorruft, haben wir überhaupt noch nicht berührt. Ich möchte Ihnen

wenigstens noch zeigen, welcher Weg von unseren Erörterungen über die

Phantasien zu den Problemen der poetischen Effekte führt.

 

Sie erinnern sich, wir sagten, daß der Tagträumer seine Phantasien vor anderen

sorgfältig verbirgt, weil er Gründe verspürt, sich ihrer zu schämen. Ich füge nun

hinzu, selbst wenn er sie uns mitteilen würde, könnte er uns durch solche

Enthüllung keine Lust bereiten. Wir werden von solchen Phantasien, wenn wir

sie erfahren, abgestoßen oder bleiben höchstens kühl gegen sie. Wenn aber der

Dichter uns seine Spiele vorspielt oder uns das erzählt, was wir für seine

persönlichen Tagträume zu erklären geneigt sind, so empfinden wir hohe,

wahrscheinlich aus vielen Quellen zusammenfließende Lust. Wie der Dichter das

zustande bringt, das ist sein eigenstes Geheimnis; in der Technik der

Überwindung jener Abstoßung, die gewiß mit den Schranken zu tun hat, welche

sich zwischen jedem einzelnen Ich und den anderen erheben, liegt die

eigentliche Ars poetica. Zweierlei Mittel dieser Technik können wir erraten: Der

Dichter mildert den Charakter des egoistischen Tagtraumes durch Abänderungen

und Verhüllungen und besticht uns durch rein formalen d. h. ästhetischen

Lustgewinn, den er uns in der Darstellung seiner Phantasien bietet. Man nennt

einen solchen Lustgewinn, der uns geboten wird, um mit ihm die Entbindung

größerer Lust aus tiefer reichenden psychischen Quellen zu ermöglichen, eine

Ve r l o c k u n g s p r ä m i e oder eine Vo r l u s t. Ich bin der Meinung, daß alle

ästhetische Lust, die uns der Dichter verschafft, den Charakter solcher Vorlust

trägt, und daß der eigentliche Genuß des Dichtwerkes aus der Befreiung von

Spannungen in unserer Seele hervorgeht. Vielleicht trägt es sogar zu diesem

Erfolg nicht wenig bei, daß uns der Dichter in den Stand setzt, unsere eigenen

Phantasien nunmehr ohne Vorwurf und ohne Schämen zu genießen. Hier stünden

wir nun am Eingange neuer interessanter und verwickelter Untersuchungen, aber, wenigstens für diesmal, am Ende unserer Erörterungen.