Der Dichter und das Phantasieren
Kapitel 2
er wie mit einer besonderen Vorsehung zu beschützen scheint. Wenn ich am
Ende eines Romankapitels den Helden bewußtlos, aus schweren Wunden
blutend, verlassen habe, so bin ich sicher, ihn zu Beginn des nächsten in
sorgsamster Pflege und auf dem Wege der Herstellung zu finden, und wenn der
erste Band mit dem Untergang des Schiffes im Seesturm geendigt hat, auf dem
unser Held sich befand, so bin ich sicher, zu Anfang des zweiten Bandes von
seiner wunderbaren Rettung zu lesen, ohne die der Roman ja keinen Fortgang
hätte. Das Gefühl der Sicherheit, mit dem ich den Helden durch seine
gefährlichen Schicksale begleite, ist das nämliche, mit dem ein wirklicher Held
sich ins Wasser stürzt, um einen Ertrinkenden zu retten, oder sich dem
feindlichen Feuer aussetzt, um eine Batterie zu stürmen; jenes eigentliche
Heldengefühl, dem einer unserer besten Dichter den köstlichen Ausdruck
geschenkt hat: »Es kann dir nix g'schehn.«[2] Ich meine aber, an diesem
verräterischen Merkmal der Unverletzlichkeit erkennt man ohne Mühe – Seine
Majestät das Ich, den Helden aller Tagträume wie aller Romane.
Noch andere typische Züge dieser egozentrischen Erzählungen deuten auf die
gleiche Verwandtschaft hin. Wenn sich stets alle Frauen des Romans in den
Helden verlieben, so ist das kaum als Wirklichkeitsschilderung aufzufassen, aber
leicht als notwendiger Bestand des Tagtraums zu verstehen. Ebenso wenn die
anderen Personen des Romans sich scharf in gute und böse scheiden, unter
Verzicht auf die in der Realität zu beobachtende Buntheit menschlicher
Charaktere; die »guten« sind eben die Helfer, die »bösen« aber die Feinde und
Konkurrenten des zum Helden gewordenen Ichs.
Wir verkennen nun keineswegs, daß sehr viele dichterische Schöpfungen sich
von dem Vorbild des naiven Tagtraums weit entfernt halten, aber ich kann doch
die Vermutung nicht unterdrücken, daß auch die extremsten Abweichungen
durch eine lückenlose Reihe von Übergängen mit diesem Modell in Beziehung
gesetzt werden könnten. Noch in vielen der sogenannten psychologischen
Romane ist mir aufgefallen, daß nur eine Person, wiederum der Held, von innen
geschildert wird; in ihrer Seele sitzt gleichsam der Dichter und schaut die
anderen Personen von außen an. Der psychologische Roman verdankt im ganzen
wohl seine Besonderheit der Neigung des modernen Dichters, sein Ich durch
Selbstbeobachtung in Partial-Ichs zu zerspalten und demzufolge die
Konfliktströmungen seines Seelenlebens in mehreren Helden zu personifizieren.
In einem ganz besonderen Gegensatz zum Typus des Tagtraumes scheinen die
Romane zu stehen, die man als »exzentrische« bezeichnen könnte, in denen die als Held eingeführte Person die geringste tätige Rolle spielt, vielmehr wie ein
Zuschauer die Taten und Leiden der anderen an sich vorüberziehen sieht.
Solcher Art sind mehrere der späteren Romane Z o l a s. Doch muß ich
bemerken, daß die psychologische Analyse nicht dichtender, in manchen
Stücken von der sogenannten Norm abweichender Individuen uns analoge
Variationen der Tagträume kennen gelehrt hat, in denen sich das Ich mit der
Rolle des Zuschauers bescheidet.
Wenn unsere Gleichstellung des Dichters mit dem Tagträumer, der poetischen
Schöpfung mit dem Tagtraum wertvoll werden soll, so muß sie sich vor allem in
irgend einer Art fruchtbar erweisen. Versuchen wir etwa, unseren vorhin
aufgestellten Satz von der Beziehung der Phantasie zu den drei Zeiten und zum
durchlaufenden Wunsche auf die Werke der Dichter anzuwenden und die
Beziehungen zwischen dem Leben des Dichters und seinen Schöpfungen mit
dessen Hilfe zu studieren. Man hat in der Regel nicht gewußt, mit welchen
Erwartungsvorstellungen man an dieses Problem herangehen soll; häufig hat
man sich diese Beziehung viel zu einfach vorgestellt. Von der an den Phantasien
gewonnenen Einsicht her müßten wir folgenden Sachverhalt erwarten: Ein
starkes aktuelles Erlebnis weckt im Dichter die Erinnerung an ein früheres, meist
der Kindheit angehöriges Erlebnis auf, von welchem nun der Wunsch ausgeht,
der sich in der Dichtung seine Erfüllung schafft; die Dichtung selbst läßt sowohl
Elemente des frischen Anlasses als auch der alten Erinnerung erkennen.
Erschrecken Sie nicht über die Kompliziertheit dieser Formel; ich vermute, daß
sie sich in Wirklichkeit als ein zu dürftiges Schema erweisen wird, aber eine
erste Annäherung an den realen Sachverhalt könnte doch in ihr enthalten sein,
und nach einigen Versuchen, die ich unternommen habe, sollte ich meinen, daß
eine solche Betrachtungsweise dichterischer Produktionen nicht unfruchtbar
ausfallen kann. Sie vergessen nicht, daß die vielleicht befremdende Betonung
der Kindheitserinnerung im Leben des Dichters sich in letzter Linie von der
Voraussetzung ableitet, daß die Dichtung wie der Tagtraum Fortsetzung und
Ersatz des einstigen kindlichen Spielens ist.
Versäumen wir nicht, auf jene Klasse von Dichtungen zurückzugreifen, in denen
wir nicht freie Schöpfungen, sondern Bearbeitungen fertiger und bekannter
Stoffe erblicken müssen. Auch dabei verbleibt dem Dichter ein Stück
Selbständigkeit, das sich in der Auswahl des Stoffes und in der oft weitgehenden
Abänderung desselben äußern darf. Soweit die Stoffe aber gegeben sind,
entstammen sie dem Volksschatze an Mythen, Sagen und Märchen. Die
Untersuchungen dieser völkerpsychologischen Bildungen ist nun keineswegs abgeschlossen, aber es ist z. B. von den Mythen durchaus wahrscheinlich, daß
sie den entstellten Überresten von Wunschphantasien ganzer Nationen, den
S ä k u l a r t r ä u m e n der jungen Menschheit entsprechen.
Sie werden sagen, daß ich Ihnen von den Phantasien weit mehr erzählt habe, als
vom Dichter, den ich doch im Titel meines Vortrages vorangestellt. Ich weiß das
und versuche es durch den Hinweis auf den heutigen Stand unserer Erkenntnis
zu entschuldigen. Ich konnte Ihnen nur Anregungen und Aufforderungen
bringen, die von dem Studium der Phantasien her auf das Problem der
dichterischen Stoffwahl übergreifen. Das andere Problem, mit welchen Mitteln
der Dichter bei uns die Affektwirkungen erziele, die er durch seine Schöpfungen
hervorruft, haben wir überhaupt noch nicht berührt. Ich möchte Ihnen
wenigstens noch zeigen, welcher Weg von unseren Erörterungen über die
Phantasien zu den Problemen der poetischen Effekte führt.
Sie erinnern sich, wir sagten, daß der Tagträumer seine Phantasien vor anderen
sorgfältig verbirgt, weil er Gründe verspürt, sich ihrer zu schämen. Ich füge nun
hinzu, selbst wenn er sie uns mitteilen würde, könnte er uns durch solche
Enthüllung keine Lust bereiten. Wir werden von solchen Phantasien, wenn wir
sie erfahren, abgestoßen oder bleiben höchstens kühl gegen sie. Wenn aber der
Dichter uns seine Spiele vorspielt oder uns das erzählt, was wir für seine
persönlichen Tagträume zu erklären geneigt sind, so empfinden wir hohe,
wahrscheinlich aus vielen Quellen zusammenfließende Lust. Wie der Dichter das
zustande bringt, das ist sein eigenstes Geheimnis; in der Technik der
Überwindung jener Abstoßung, die gewiß mit den Schranken zu tun hat, welche
sich zwischen jedem einzelnen Ich und den anderen erheben, liegt die
eigentliche Ars poetica. Zweierlei Mittel dieser Technik können wir erraten: Der
Dichter mildert den Charakter des egoistischen Tagtraumes durch Abänderungen
und Verhüllungen und besticht uns durch rein formalen d. h. ästhetischen
Lustgewinn, den er uns in der Darstellung seiner Phantasien bietet. Man nennt
einen solchen Lustgewinn, der uns geboten wird, um mit ihm die Entbindung
größerer Lust aus tiefer reichenden psychischen Quellen zu ermöglichen, eine
Ve r l o c k u n g s p r ä m i e oder eine Vo r l u s t. Ich bin der Meinung, daß alle
ästhetische Lust, die uns der Dichter verschafft, den Charakter solcher Vorlust
trägt, und daß der eigentliche Genuß des Dichtwerkes aus der Befreiung von
Spannungen in unserer Seele hervorgeht. Vielleicht trägt es sogar zu diesem
Erfolg nicht wenig bei, daß uns der Dichter in den Stand setzt, unsere eigenen
Phantasien nunmehr ohne Vorwurf und ohne Schämen zu genießen. Hier stünden
wir nun am Eingange neuer interessanter und verwickelter Untersuchungen, aber, wenigstens für diesmal, am Ende unserer Erörterungen.