Der Gehülfe
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»Und dann können Sie morgen früh, wenn Sie ins Dorf gehen, ein neues Paket Stumpen zu fünfhundert Stück nach Hause bringen. Man muß doch etwas zu rauchen hier haben.«
Es wurde allmählich Abend.
Im Gartenhaus tauchten zwei Frauen auf, eine Parketteriebesitzerin und deren Tochter, ein langgewachsenes, sommersprossiges Mädchen, beide aus der nächsten Nachbarschaft. Mit diesen Frauen und seiner eigenen fing Tobler ein im ganzen Lande verbreitetes und beliebtes Kartenspiel an. Sonst spielen dieses Spiel nur Männer, aber es wurde nach und nach auch bei den Frauen Mode, und zwar bei den sogenannten besseren, nämlich bei solchen, die nicht gar so streng zu arbeiten brauchten, den Tag über, und das gerade sind ja die Besseren.
Diese drei Frauen, Frau Tobler, die Fabrikbesitzerin und die Tochter derselben, spielten ausgezeichnet Karten, am besten und »schneidigsten« das Fräulein, Frau Tobler noch am wenigsten gut. Wenn das Fräulein einen Trumpf ausspielte, so kam sie jedesmal in gehörige Aufregung, ganz so, wie es sich für Spielratzen ziemte, auch klatschte sie mit ihrer weiblichen Faust wie der älteste und verbohrteste Spieler auf die Tischplatte und schrie hinwiederum echt mädchenhaft auf, sobald die Sache zu ihren Gunsten sich zeigte. Ihre Figur war eckig und ihr Gesicht recht unschön. Ihre Mutter betrug sich klug und gesittet. Wie wäre es möglich, eine ältere gutsituierte Frau zu sein und ein unleidliches Betragen zu offenbaren?
Joseph dachte bei sich, indem er dem Kartenspiel, das er noch nicht einmal Gelegenheit gehabt hatte zu lernen, zusah: »es ist interessant, diese drei Frauengesichter beim Spielen zu beobachten. Die eine tut es gelassen, sie lächelt dabei, das ist die Älteste. Meine Frau Tobler da aber ist vollständig weg. Ganz reißt der Zauber des Spiels sie hin. Ihr Gesicht drückt die echte, leidenschaftliche Spielerlust aus. Dies verschönt ihr Gesicht gewissermaßen. Übrigens ist sie die Herrin, und mir steht es in keinerlei Weise zu, an ihr etwas auszusetzen. Sie ist wie ein aufpassendes Kind dieser Unterhaltung gegenüber. Aber die dritte, dieses Männerfräulein da, behüte, ist das eine! Die verdreht die Augen, während sie setzt und spielt, denkt gewiß Wunder was für fremde Dinge und hält sich unbedingt für die Schönste, Beste und Gescheiteste. Nicht auf zwei Meter Entfernung, in Gedanken, möchte man der einen Kuß geben. Ein verdorbenes Mädchen. Sieh da, was für eine spitzige Nase sie hat. Da erfröre einer bei der kleinsten Berührung. Und in wie falschen Tonarten sie redet, lacht, sich beklagt und aufschreit. Ich halte sie für eine schlechte, teuflische Person, neben ihr aber meine Frau da für einen Engel.«
Er würde weiter so räsoniert haben, wenn nicht Frau Tobler plötzlich auf den Gedanken gekommen wäre, den sie auch sogleich aussprach, »heute abend einmal auf dem See Gondel zu fahren.« Es sei so schön heute abend, und das bißchen Geld, was es koste, das sei doch gar nicht groß der Rede wert. Da das Kartenspiel eben beendet worden war, so hatte niemand etwas wider den Plan einzuwenden, nicht einmal Tobler selber, der brummend beistimmte. Joseph wurde, als ein richtiger Mann für alles, ins Dorf geschickt, um mit einem dreisitzigen, breiten Boot längs des Ufers, ohne sich irgendwie aufhalten zu lassen, denn es müsse jetzt, da es beginne, Nacht zu werden, flink geschehen, in die Nähe der Villa zu fahren. Unten in einer Art Hafen würde man dann einsteigen. Der Angestellte hatte sich schon auf den Weg gemacht. Tobler seinerseits verschmähte es, die Partie mitzumachen. Ebenso konnte man die alte Fabrikdame nicht mitnehmen, dagegen beschloß Frau Tobler, die Kinder mitzunehmen. Das Fräulein erklärte sich bereit, nicht nur mitfahren, sondern sogar tüchtig mitrudern zu wollen, worauf die Hausfrau sich für die Lustfahrt in Bereitschaft setzen ging.
Man wartete schon an der Landungsstelle unterhalb der Villa Tobler auf den breiten Steinplatten eines alten, außer Gebrauch gestellten Dammes, als endlich das Schiff, von Joseph gerudert, anlangte. Alle begannen einzusteigen, Frau Tobler zuerst, damit man ihr die Kleinen, eins ums andere, reichen konnte. Die beiden Knaben gebärdeten sich sehr unmanierlich, man machte sie auf die Gefahr ihres wilden, unachtsamen Wesens aufmerksam, worauf sie sich stiller verhielten. Die Mädchen waren ganz ruhig, sie hielten sich mit ihren kleinen Händen fest an den Rändern des Bootes. Zuletzt stieg Joseph ein, indem er bis zuletzt das Fahrzeug an einer rasselnden Kette strammgehalten hatte. Und dann ging es auf einmal los, Joseph ruderte, er verstand es ganz gut, aber es ging langsam vorwärts, doch verlangte niemand, daß es schneller vorwärtsgehen sollte. Wie kühl auf einmal die Welt wurde. Frau Tobler sah auf die Kinder, ermahnte sie, artig zu sein, sich in keiner Weise heftig zu bewegen, da sonst ein großes Unglück geschähe und sie alle zusammen ohne Erbarmen ertrinken müßten. Alle vier Kinder horchten auf diese seltsamen Worte, hielten sich still, auch die Knaben, denn es war ihnen jetzt, so mitten draußen in der Nacht und mitten im murmelnden Wasser, in diesem leise dahingleitenden Boot doch etwas ängstlich zumute. Frau Tobler sagte leise, wie schön es sei, hier, und welch guten Gedanken sie, wie es ihr scheine, gehabt habe, solches vorzuschlagen. Da genieße man doch einmal wieder etwas, und ihr Mann würde besser getan haben, mitzukommen. Aber, setzte sie hinzu, für so etwas habe er keinen Sinn. – Wie kühl, wie schön!
Einen gewissen Abstand vom Nachen beschreibend schwamm im dunkelglitzernden Wasser Leo, der große Hund, nach. Man rief ihn. Namentlich riefen ihm die Kinder Koseworte zu. Neben Frau Tobler lag deren seidenes Schirmchen. Ein befederter Hut schmückte ihren länglich geschnittenen Kopf. Ihre Hände und Arme waren von langen, weißen Handschuhen umschlossen. Das Fräulein schwatzte in einem fort. Aber Frau Tobler, die sonst dergleichen auch nicht gerade verachtete, gab nur zerstreute und einsilbige Antworten. Etwas wie eine schöne, glückliche Naturträumerei schien ihr die gewöhnlichen Tagesdinge und deren umfangreiches Gerede unwichtig und unwert gemacht zu haben. Ihre großen Augen leuchteten ruhig und schön mit dem Gleiten des Schiffes dahin. Ob Joseph nicht müde werde vom Rudern, fragte sie. O nein, was sie denke, antwortete er. Das Fräulein wollte sich in die Ruderbank setzen, Frau Tobler aber gab es nicht zu, da das Boot sonst in zu starke Bewegung gerate. Es brauche ja gar nicht so rasch zu gehen, je langsamer gerudert werde, um so länger dauere die ohnehin kurze Fahrt, und das sei ihr lieb, denn das sei schön.
Diese Frau kommt aus echt bourgeoisen Kreisen her. Sie ist in der Nützlichkeit und Reinlichkeit aufgewachsen, in Gegenden, wo die Brauchbarkeit und die Besonnenheit als das Höchste gelten. Sie hat wenig romantische Genüsse in ihrem Leben gehabt, aber eben deshalb liebt sie sie, denn sie schätzt sie in der Tiefe ihrer Seele. Was man vor dem Mann und der Welt sorgsam verbergen muß, weil man keine »überspannte Gans« sein will, ist deswegen nicht tot, sondern lebt sein eigentümliches Leben in der Enge und Stille weiter. Eines Tages kommt eine kleine mit großen Augen grüßende und bittende Gelegenheit, und da darf dann das Halbvergessene einmal erwärmen und lebendig werden, aber das wiederum nur für kurze Zeit. Wer mit seiner Genußfreude und Gier vor die Öffentlichkeit treten darf, wem solches die Lebensverhältnisse leicht und gefällig erlauben, der stumpft in der Seele und im Herzen nur zu bald, alles, was darin gebrannt hat, auslöschend, ab. Nein, diese Frau hat keinerlei Farbensinn oder dergleichen, sie versteht nichts von den Gesetzen der Schönheit, aber gerade deshalb fühlt sie, was schön ist. Sie hat nie Zeit gehabt, ein Buch voller hoher Gedanken zu lesen, ja, sie hat noch kein einziges Mal auch nur daran gedacht, was hoch und was niedrig sei, aber der hohe Gedanke selber besucht sie jetzt, und das tiefere Gefühl selber, angezogen von ihrer Unwissenheit, netzt ihr mit dem nassen Flügel das Bewußtsein.
Ja kühl war's und dunkel um das langsam fahrende Schiff herum. Der See war ganz ruhig. Das Stille und Ruhige verband sich mit dem menschlichen Empfinden und mit der undurchdringlichen Schwärze der Nacht. Vom Ufer her blitzten die zerstreuten Lichter und kamen ein paar Geräusche her, darunter eine helltönende Männerstimme, und jetzt hörte man vom jenseitigen Strand her eine warme Handharfe ertönen. Die Töne dieser Musik schlangen sich wie etwas Blumenartiges oder Efeuartiges um den dunklen, duftenden Leib der Seesommernachtstille. Alles schien eine sonderbare Genugtuung, Befriedigung und Bedeutung bekommen zu haben. Das Tiefe setzte sich an das unergründlich Nasse an. Die Frau hielt ihre Hand leicht in das Wasser, sie sagte etwas, aber sie schien es in das Wasser hinabgesprochen zu haben. Wie das trug, das schöne, tiefe Wasser. Einmal fuhr ein anderes Boot, von einem einzelnen Mann besetzt, an dem Toblerschen hart vorbei. Frau Tobler stieß einen leisen Überraschungs-, ja beinahe Schreckensschrei aus. Niemand hatte das Schiff kommen sehen, es schien sich plötzlich in ihre Nähe geworfen zu haben, aus weiter unbekannter Ferne her, oder aus der Tiefe heraus. Der Himmel war über und über mit Sternen bedeckt. Wie das hob und trug und umdrehte. Die Frau sagte, sie fröstele jetzt beinahe ein wenig, und sie warf sich ein Tuch, das sie mitgenommen hatte, über die Achsel. Joseph schien es, indem er sie anschaute, als lächle sie da so im Dunkel, genau würde er es nicht haben unterscheiden können. Wo ist unser Leo, fragte sie. Dort, dort. Er schwimmt nach, rief Walter, der Knabe.
Steige, hebe dich, Tiefe! Ja, sie steigt aus der Wasserfläche singend empor und macht einen neuen, großen See aus dem Raum zwischen Himmel und See. Sie hat keine Gestalt, und dafür, was sie darstellt, gibt es kein Auge. Auch singt sie, aber in Tönen, die kein Ohr zu hören vermag. Sie streckt ihre feuchten, langen Hände aus, aber es gibt keine Hand, die ihr die Hand zu reichen vermöchte. Zu beiden Seiten des nächtlichen Schiffes sträubt sie sich hoch empor, aber kein irgendwie vorhandenes Wissen weiß das. Kein Auge sieht in das Auge der Tiefe. Das Wasser verliert sich, der gläserne Abgrund tut sich auf, und das Schiff scheint jetzt unter dem Wasser ruhig und musizierend und sicher fortzuschwimmen. –
Es muß zugegeben werden, daß Joseph sich ein wenig zu sehr seinen Einbildungen überlassen hatte. Er merkte kaum, daß die Fahrt zu Ende war, als man auch schon ans Land anstieß, das heißt an einen dicken Pfahl, der in der Nähe des Aussteigedammes aus dem Wasser ragte. Tobler, der dicht daneben stand, rief seinem Untergebenen zu, er könne auch besser aufpassen. Es nehme ihn wirklich Wunder, in welchen Landesteilen Joseph rudern und steuern gelernt habe. Aber es war durchaus kein Unheil entstanden, alle stiegen wohlbehalten aus. Den Rest der Nacht verbrachte man in einem hübschen, menschenbesetzten Biergarten, wo Tobler Bekannte antraf, einen Eisenbahnwagenkontrolleur mit seiner Frau, mit denen er sich in großzügigen Gesprächen zu schaffen machte. Die kleine, lustige Beamtenfrau erzählte von ihren Hühnern und Eiern und von dem schwungvollen Handel mit diesen beiden ergiebigen Artikeln. Man lachte viel. Joseph wurde von Tobler in seiner Eigenschaft als »mein Angestellter« den Leuten vorgestellt. Ein junges, französisches Mädchen, eine Warenhausverkäuferin, trippelte an der Gesellschaft vorüber. »Une jolie petite française,« sagte die Kontrolleursfrau, offenkundig voller Vergnügen, ein paar französische Worte aus dem Gedächtnis frei hersagen zu dürfen. Das ist immer so in deutschen Landen, daß die Leute sich freuen, zeigen zu können, daß sie Französisch verstehen.
»Meine Herrin,« dachte Joseph, »versteht kein Wort Französisch. Die Arme!«
Später ging man gemeinschaftlich nach Hause.
Als Joseph in seinem Zimmer angelangt war und eine Kerze angezündet hatte, hielt er, anstatt sich sogleich ins Bett zu legen, halbausgezogen, und am Fenster stehend, folgendes Selbstgespräch: »Was leiste ich eigentlich? Ich kann mich da, wenn ich will, sogleich ungestört zu Bett legen, um in einen sehr wahrscheinlich gesunden und tiefen Schlaf zu versinken. Ich bekomme in Biergärten Bier zu trinken. Ich kann mit Frau und Kindern Gondel fahren, ich habe zu essen. Die Luft hier oben ist eine ausgezeichnete, und was die Behandlung betrifft, so wäre ich ein Lügner, wenn ich sie tadelte. Licht und Luft und Gesundheit. Aber was gebe nun ich dafür? Ist das etwas Reelles und Gewichtiges, was ich zu bieten vermag? Bin ich klug und gebe ich das Maß meiner Klugheit auch wirklich voll her? Was sind das für Dienste, die ich bis zum heutigen Tage Herrn Tobler bereits geleistet habe? Alles was recht und gut ist, aber ich bin felsenfest davon überzeugt, daß mein Herr und Meister noch wenig Nutzen durch mich davongetragen hat. Sollten mir der Schneid, die Initiative, die Begeisterungsfähigkeit fehlen? Das ist möglich, denn in der Tat, ich bin mit einer merkwürdig umfangreichen Portion Ruhe ausstaffiert zur Welt gekommen. Aber schadet denn das etwas? Freilich schadet es, denn die Unternehmungen Toblers verlangen leidenschaftliche Anteilnahme, und die Ruhe der Seele ähnelt bisweilen der trockenen Gleichgültigkeit. Das Schicksal der Reklame-Uhr zum Beispiel, hat es mich wirklich auch an allen Fasern meines Ichs angepackt? Bin ich davon erfüllt? Ich muß gestehen, ich denke nur allzu oft an ganz andere Dinge. Das aber, mein bester Herr Gehülfe, ist Verrat. Tauche jetzt endlich mal stramm unter in die Angelegenheiten Fremder, du ißt ja auch Fremder ihr Brot, gehst mit Fremder ihren Frauen und Kindern auf dem See schiffahren, liegst in Fremder Kissen und Betten und trinkst Fremder Rotwein aus. Kopf hoch jetzt, und vor allen Dingen den Kopf sauber gehalten. Ich meine, wir sind hier bei Toblers nicht deshalb, daß wir es nur schön haben. Es ist eine Ehre, es sich auch ein bißchen sauer zu machen. Hopp!«
Joseph hatte sich inzwischen ausgezogen, er löschte die Kerze und warf sich ins Bett. Aber noch eine ganze Weile plagten ihn die Vorwürfe »seiner Kopflosigkeit«.
Im Traum sah er sich mit einem Mal in die Wohnstube der Frau Wirsich versetzt. Er wußte, wo er war und wußte es doch nicht recht, es war ziemlich hell in der Stube, aber sie erschien ihm ganz voll Seewasser. Waren die Wirsichs Fische geworden? Verwunderlicherweise rauchte er eine Pfeife, es war Toblers Pfeife, diejenige, aus der er mit Vorliebe zu rauchen pflegte. Auch Tobler selber schien ganz in der Nähe zu sein, man hörte seine metallene Männerstimme, die reine Vorgesetztenstimme. Diese Stimme schien das Wohnzimmer umrahmt oder umarmt zu haben. Da ging die Türe auf und Wirsich erschien, noch blasser im Gesicht als sonst, und setzte sich in einen Winkel des Zimmers, das fortwährend zitterte unter der starken Umschlossenheit jener Stimme. Jawohl, die Wohnstube zitterte, sie hatte Angst, auch die Fensterscheiben zitterten. Und wie hell es dazu immer war. Es war aber kein Taglicht, auch kein Mondlicht, sondern ein wässeriges, gläsernes Licht. Nun ja, man befand sich eben unter Wasser. Frau Wirsich war mit einer weiblichen Handarbeit beschäftigt, aber plötzlich zerfloß ihr die ganze Arbeit in etwas Glitzernd-Schneidendes, und Joseph sagte dazu: »sieh da, Tränen!« Warum er das wohl gesagt hatte? In diesem Augenblick donnerte und krachte Toblers Stimme wie ein Ungewitter um die Wohnung der Armut herum. Aber die alte Frau lächelte nur dazu, und wie man das Lächeln näher betrachtete, war es der Hund Leo, noch ganz naß von der eben unternommenen Schwimmpartie. Die furchtbare Stimme ging langsam in ein Säuseln über, wie Blätter im heißen, leisen Sommermittagswinde etwa zu lispeln und zu säuseln pflegen. Da erschien Frau Tobler in tiefschwarzem Seidenkleide, warum sie das trug, konnte man nicht erraten. Sie trat auf Frau Wirsich mit vornehmer Wohltäterinnengebärde langsam zu, aber plötzlich schienen ihre Gefühle eine andere Richtung angenommen zu haben, denn sie fiel der Frau um den Hals und küßte sie. Toblers Stimme brummte dazu etwas, was, das konnte man nicht verstehen. Wahrscheinlich, dachte Joseph, findet er die Herzensüberwallung seiner Frau ziemlich überflüssig. Da verwandelte sich auf einmal die Wirsichsche Wohnung in den Laden jenes häßlich frisierten und geschminkten Zigarrenweibes, bei dem Joseph früher täglich auf einem Stuhl gesessen hatte, um Geschichten aus ihrem Mund anzuhören. Auch jetzt erzählte sie eine Geschichte, eine lange und eintönige und traurige, und merkwürdig, trotzdem sie lang war, dauerte ihre Erzählung kaum einen Moment. Träume ich das nur, oder erlebe ich's wirklich, dachte Joseph, und was hat ein Zigarrenweib mit einer Frau Wirsich zu schaffen? Da drang ein köstlich gebautes und geschweiftes, goldenes Boot in den Laden hinein, das Weib stieg ein, und fort ging es mit ihr, weit fort, bis sie sich in einem schwarzen, grellen, scharfen Luftraum verlor, aber ein Pünktchen von ihr blieb in der hohen Luft hängen. Wieder machte der Traum einen Sprung und zwar ins Toblersche Kontor hinunter, dort sah sich Joseph im bloßen Hemd schreibend an seinem Schreibtisch sitzen, und alles schaute ihn fragend an, durchdringend und fragend. Was das alles war, was ihn beobachtete, konnte er nicht genau sehen, aber es war eben alles, es war scheinbar die ganze, lebendige Welt. Überall waren Augen, die sich boshaft an seiner sonderbaren Blöße erfreuten. Das Bureau war ganz grün vor Schadenfreude, stechend grün. Da suchte er sich zu erheben, um von diesem Punkte der Scham fortzukommen, aber er blieb fest daran kleben, es war ihm entsetzlich zumut und er erwachte. –
Er empfand einen brennenden Durst, stand auf und trank ein Glas Wasser. Darauf trat er ans Fenster, atmete und horchte hinaus, es war alles ganz still, das weißliche Mondlicht umzauberte und umflüsterte die Gegend. Und so warm war es. Die kleinen, alten Arbeiterhäuser dicht unterhalb des Hügels schienen in ihrer Form zu schlafen. Kein einziges kleines Menschen- und Lampenlicht mehr! Die Seefläche war von Dunst umwoben, man sah sie nicht. Der zaghafte Schrei eines Vogels unterbrach kurz die Stille der Nacht. Solch ein Mondlicht, wie das noch den Schlaf versinnbildlichen konnte. Das war eine Stille, das. Joseph erinnerte sich nicht, je so etwas gesehen zu haben. Er wäre beinahe am offenen Fenster selber eingeschlafen.
Am Morgen verspätete er sich.
Das liebe er nicht, meinte Tobler grollend.
Joseph hatte die Unverschämtheit, zu sagen, es werde ja doch wohl auf ein paar Minuten nicht ankommen. Da aber kam er schön an. Erstens bekam er ein böses Gesicht anzuschauen, zweitens wurde ihm folgendes gesagt:
»Sie haben pünktlich bei der Arbeit zu erscheinen. Mein Haus und mein Geschäft sind kein Hühnerstall. Schaffen Sie sich einen Wecker an, wenn Sie nicht erwachen können. Übrigens, wollen Sie oder wollen Sie nicht? Wenn Sie den guten Willen nicht haben, so sagen Sie's, dann machen wir kurzen Prozeß mit Ihnen. In der Stadt gibt es genug Leute, die froh über eine solche Stelle sind. Man kann nur den Zug nehmen und hinfahren. Man kann sie heutzutage ja auf der Straße auflesen. Von Ihnen aber erwarte ich Pünktlichkeit, verstanden, sonst – ich will das jetzt nicht mehr aussprechen.«
Joseph schwieg wohlüberdachtermaßen.
Eine halbe Stunde später war Herr Tobler der gütigste Herr und freundlichste Mann seinem Gehülfen gegenüber. Er hätte ihn beinahe aus überlaufender Gutherzigkeit geduzt, er sagte Marti zu ihm. Bis jetzt hatte er immer Herr Marti gesagt.
Der Grund dieser Freundlichkeit war eigentlich ein außenstehender, er war in der Idee der Vaterlandsliebe zu suchen. Der folgende Tag war nämlich der 1. August, und an diesem Tage feierte man allgemein im Land das alljährlich wiederkehrende Jubelfest zur Erinnerung an eine hochherzige und wackere Tat der Vorfahren.
Joseph mußte ins Dorf laufen, um für den morgigen Tag allerhand Lampen, Lampions, kleine Fahnen und Flaggen, sowie Kerzen und Brennmaterialien zu Feuerwerkzwecken einzukaufen. Außerdem hatte er so rasch wie möglich, wunderbarerweise beim Dorfbuchbinder, der dergleichen anzufertigen verstand, einen hölzernen, zwei Meter hohen und breiten Rahmen zu bestellen, sowie zwei Fahnentücher, ein dunkelrotes und ein weißes. Das Tuch würde dann über den Rahmen gespannt, und das Ganze ergäbe das Wappen des Landes, nämlich ein großes rotes Feld mit dem weißen Kreuz in der Mitte, alles zum Aufstellen in der kommenden Nacht vor die Fassade der Villa Tobler. Hinter den Rahmen und das Bild würde man brennende Lampen stellen, damit das Licht durch das Tuch schimmere und jedermann aus der weiteren und weitesten Entfernung die zwei Landesfarben leuchten sähe.
Nach Verlauf von anderthalb Stunden kamen alle die notwendigen Gegenstände an. Leute stellten sich plötzlich ein, um an der Dekorierung des Hauses zu helfen, Leute, die einfach mit einmal da waren, und so begann man, überall an Gesimsen und Nischen, an Borden und Fenstern und Gittern Fähnchen zu befestigen und Lampen anzubringen. Sogar in die Büsche und festeren Gewächse des Gartens legte und hing und stellte und klemmte man die Beleuchtungsapparate an, so daß in der ganzen Toblerschen Besitzung keine heimlich nicht unterminierte und zum bevorstehenden Feuerwerk vorbereitete Stelle mehr zu finden war. Wie glücklich sah Tobler aus. Das war etwas für ihn. Für Feste und deren schöne Inszenierung schien er wie kaum ein zweiter geschaffen zu sein. Beständig trat er vors Haus hinaus, um da oder dort noch etwas anzuordnen oder selber einen Draht mit der Zange zu krümmen, eine schief hängende, elektrische Lampe gerade zu drehen oder um bloß dem Ding zuzuschauen. Seine Reklame-Uhr schien er vergessen oder wenigstens verschoben zu haben. Natürlich war diese ganze Veranstaltung etwas Freudiges, Feierliches und Geheimnisvolles für die Kinder, die sich nicht genug wundern konnten und fragen konnten und denken konnten, was das eigentlich nun zu bedeuten habe. Joseph hatte an diesem Tage genug für den Festtag zu tun, so daß ihm gar keine Zeit blieb, darüber nachzusinnen, ob die Dienste, die er Tobler leistete, wirklich auch wahre Dienste seien. Frau Tobler schien den ganzen Tag zu lächeln, und das Wetter –.
Davon sagte Tobler, daß, wenn das so anhaltend prachtvoll schön sei, man ruhig etwas Besonderes in Szene setzen könne. Auch brauche man bei einer solchen Gelegenheit das bißchen Kosten nicht zu scheuen. Das sei schließlich für das Vaterland, und traurig müsse es um den Mann und Menschen stehen, der nicht auch ein bißchen Vaterlandsliebe im Leibe habe. Man mache ja da absolut nicht mehr als wie anständig sei, zu übertreiben brauche man die Sache auch nicht. Aber wer gar keinen Sinn mehr für derartiges habe, wer nur noch die ganze Zeitlang auf seinem Beruf und Geldschrank hocke, der sei wirklich nicht wert, ein schönes Heimatland zu haben, der könne jeden Tag nach Amerika oder nach Australien abdampfen, das komme solch einem doch ganz genau auf ein und dasselbe heraus. Übrigens sei das zuletzt noch Geschmackssache. Er, Tobler, möge es nun einmal eben gern so, und damit dürfe es gut sein.
Von Josephs Turm herab flatterte eine schöne, große Fahne. Je nachdem der Wind wehte, machte sie mit ihrem leichten Leib einen kühnen, stolzen Schwung, oder sie bog sich beschämt und müde zusammen, oder sie kräuselte und schwang sich kokett um die Stange, wobei sie sich in ihren eigenen, graziösen Bewegungen zu sonnen und zu spiegeln schien. Und dann auf einmal wieder wehte sie hoch und breit und weit empor, einer Siegerin und starken Beschützerin ähnlich, um allmählich von neuem rührend und liebkosend in sich selber zusammenzusinken. Dieses prachtvolle Blau am Himmel.
Geschäftlich vieles zu erledigen, das erschien beinahe unmöglich. Die Post (es wunderte einen, daß sie heute überhaupt kam) brachte eine ziemlich hohe Rechnung betreffend die kürzlich erst stattgefundene Ausführung des kupfernen Turmdaches, desselben Daches, auf welches man eine so schöne Fahne gesteckt hatte. Der hohe Betrag der Rechnung prägte sich in einem Stirnrunzeln auf Toblers Gesicht aus, und zwar deutlich, beinahe mathematisch genau, als hätte man der Stirn den genauen Zahlenbetrag müssen ablesen können. Als Beigabe zur patriotischen Feier war solches nicht gerade besonders erbaulich.
»Der kann warten,« sagte der Chef, indem er die Faktura Joseph dicht neben den aufs Pult herabgebeugten, denkenden und korrespondierenden Kopf warf. Joseph sprach durch die Nase: natürlich! als sei er bereits jahrelang im Geschäft tätig gewesen, als kenne er mehr als zur Genüge schon die Verhältnisse, Gewohnheiten, Qualen, Freuden und Hoffnungen seines Herrn. Überdies fand er es heute für passend, gutmütige Töne und Gebärden an den Tag zu legen. Bei so schönem Wetter –
»Wie eilig es die Leute haben, wenn es gilt, Rechnungen zu präsentieren,« bemerkte Tobler. Er war gerade mit Zeichnen beschäftigt, und zwar mit der Skizzierung der »Tiefbohrmaschine«.
»Wenn die Reklame-Uhr nicht geht, dann geht wenigstens die Bohrmaschine,« murmelte er zu Joseph hinüber, und von dem Korrespondenztisch her klang zur Antwort wieder ein:
»Natürlich!«
»Im schlimmsten Fall habe ich ja noch den ›Schützenautomaten‹, der reißt alles heraus,« redete der Skizziertisch, worauf die Abteilung für kaufmännisches Wesen antwortete:
»Selbstverständlich!«
»Glaube ich eigentlich an das, was ich da sage?« dachte Joseph.
»Nicht zu vergessen der patentierte Krankenstuhl,« rief Tobler.
»Aha!« machte der Gehülfe.
Tobler frug Joseph, ob er nun auch wirklich schon einen einigermaßen klaren Begriff von diesen Sachen habe.
»Ach ja,« glaubte der Schreiber erwidern zu dürfen.
Ob er den Brief an das staatliche Patentamt aufgesetzt habe?
»Nein, noch nicht.« Joseph habe heute noch keine Zeit dazu gefunden.
»So machen Sie doch, zum Kuckuck!«
Als Joseph den Brief zur Unterschrift vorlegte, ergab es sich, daß das Schreiben falsch war, es wurde zerrissen und mußte noch einmal geschrieben werden. Nichtsdestoweniger behagte ihm die Nachmittagskaffeestunde ausgezeichnet. Außerdem erhielt er von seiner Frau Weiß aus der Stadt eine Antwort auf seine letzte Benachrichtigung. Sie schrieb, er brauche mit Schuldenabzahlen gar nicht zu eilen, das habe gute Zeit. Der Brief war im übrigen ziemlich hausbacken, ja sogar langweilig. Aber hatte er denn etwas anderes erwartet? Nicht im geringsten. Er hielt gottlob diese gute Frau nie für geistreich.
Er bemerkte heute zum ersten Mal eine vernarbte Wunde unter den Ohren am Hals der Frau Tobler.
Woher sie das habe?
Sie erzählte ihm, es komme von einer Operation her, und sie werde sich wahrscheinlich ein zweites Mal an derselben Stelle müssen operieren lassen, da die Krankheit noch nicht geheilt sei. Sie klagte: da werfe man für so eine Sache viel Geld aus, in den Rachen der allezeit kostspieligen Arzneikunst, und von einer wirklichen Heilung sei dann doch nicht die Rede. Ja, diese Menschen, die Ärzte und Professoren, sagte sie, nehmen für den kleinsten, dem Auge des gewöhnlichen Sterblichen kaum bemerkbaren Schnitt mit der Lanzette ein kleines, halbes Vermögen in Empfang, und wofür? Dafür, daß sie irgend einen Fehler begehen, damit man nach kurzer Zeit wieder zu ihnen laufen, und sich von neuem kurieren lassen könne.
Ob es denn schmerze?
»So! Bisweilen!« sagte die Frau.
Dann erzählte sie Joseph den Hergang der Operation. Wie man sie aufgefordert habe, in einen großen, leeren Saal zu treten, in welchem nichts anderes zu sehen gewesen sei als ein hohes Bett oder Gestell und vier gleichmäßig angezogene Krankenschwestern. Diese Schwestern hätten eine wie die andere ausgeschaut, so leer und fühllos. Ihre Gesichter seien einander so ähnlich gewesen wie vier gleich große und gleichfarbige Steine. Alsdann habe man ihr befohlen, und zwar in sonderbar barschem Ton, das Gestell zu besteigen. Sie wolle nicht übertreiben, aber sie müsse schon sagen, daß ihr entsetzlich zumute geworden sei. Nicht ein Zug, nicht ein Fingernagel voll Freundlichkeit sei um sie herum gewesen, sondern es habe ihr alles den Eindruck der Härte und der Herzensverlassenheit gemacht. Nicht ein Schein einer milden Miene, nicht die Spur eines tröstenden oder beruhigenden Wortes. Als ob ein bißchen gütiges Wesen sie hätte vergiften, anstecken oder gar töten können. Sie meine, das heiße die Vorsicht und die Korrektheit denn doch gar zu weit treiben. Dann habe man sie eingeschläfert, und von da an habe sie natürlich nichts mehr empfunden und nichts mehr gewußt, bis es vorbei war. Und vielleicht, schloß sie ihren Bericht, müsse ja das alles so sein. Man empfinde es nur als überflüssig herzlos. Der wahre Arzt dürfe aber vielleicht gar kein Herz haben, wer könne das beurteilen.
Sie seufzte und strich sich mit der Hand durch das Haar.
Der Gedanke, fuhr sie fort, sich ein zweites Mal dort – hinlegen zu müssen, sei ihr abscheulich und peinlich. Und auch noch wegen etwas anderem. Joseph könne das leicht erraten. Es sei ihr schwer, ihrem Mann mit so etwas zu kommen, wo die ganze finanzielle Lage, Joseph müsse das ja wissen, sich immer mehr zuspitze. Da sei eine Frau froh, wenn sie keine Ursache zu außergewöhnlichen Ausgaben habe. Dieses dumme Geld; wie schnöde doch eigentlich die beständige Sorge um so etwas sei. Nein, da müsse sie, und sie lächelte, zuerst das neue Kleid haben, das sie sich schon längst wünschte, ehe sie den Ärzten wieder etwas gebe. Das könne ihretwegen noch eine Zeitlang warten.
Joseph dachte: »Der Herr will die Schlosserwerkstätten warten lassen und die Frau die Ärzte.« –
Der 1. August!
Ein Abend, eine Nacht und ein Tag sind ohne besondere Dinge vorübergegangen. Der Abend ist wieder da, es ist der Festabend. Schon fängt man an, Kerzen in Brand zu stecken. Aus der Ferne dringen die dumpfen Schläge der Böllerschüsse zu den Ohren der um das Haus Versammelten. Tobler hat für einige Flaschen guten Weines gesorgt. Der Mechaniker, der den »Schützenautomaten« in Arbeit hat, ist vom Nachbardorf zu der festlichen Veranstaltung zu Toblers herübergekommen. Auch die beiden Parketteriefrauen sind da. Man sitzt im Gartenhaus und hat die Weine bereits angestochen. Tobler glänzt vor Festnachtfreude, schon jetzt, und je dunkler es am Himmel und auf der Erde wird, um so feuriger drückt sich dieser eigentümliche Glanz auf seinem rötlichen Gesicht ab. Joseph zündet Kerzen und Lampen an, er muß sich unter jeden Busch hinabducken, um Beleuchtungsstellen zu suchen. Vom Dorf her hört man ein murmelndes Singen und Lärmen, als müsse dort, in der Entfernung eines schwachen Kilometers, eine rauschende Freude herrschen. Neue Schüsse! Diesmal donnern sie vom andern Seeufer herüber. Tobler ruft: »Ah, die da drüben machen auch schon Ernst!« Er ruft Joseph zu sich heran, um ihm »etwas zu trinken«, und neue ergiebige Winke bezüglich der elektrischen Beleuchtung des großen Wappenschildes zu geben. Der Angestellte ist heute nacht ein Angestellter im Namen des großen, heiligen Vaterlandes.
Wie tönte doch da die sonore Stimme des Herrn Tobler, an diesem großen Abend. Bald flogen die knisternden und zischenden Raketen in die Höhe, oder es platzte ein Feuerteufel. Auch ganze Glutschlangen sprangen, von der Hand des eifrigen Gehülfen dirigiert, in die dunkle Luft hinauf, wahrhaftig, es konnte bald einem Märchen aus Tausendundeine Nacht gleichen. Wiederum, pum, ein Schuß aus der Ferne. Die im Dorf schossen jetzt auch. Tobler rief: »Nun? Kommt ihr auch bald einmal? Ihr seid doch immer die Spätesten. Das gleicht euch halt, ihr Wirtstischhocker!« – Er lachte aus vollem Halse, ein gefülltes Glas schimmernden, hellgoldenen Weines in der Hand schwenkend. Seine verhältnismäßig kleinen Augen sprühten, als hätten sie Feuerwerk abgeben mögen.
Immer eine Rakete nach der andern, eine Glutgarbe und -schlange nach der andern. Joseph glich einem heldenmütigen Kanonier in der heißen Schlacht, so, wie er dastand. Er hatte die romantisch-edle Stellung und Haltung eines Kämpfers angenommen, der scheinbar entschlossen war, sein letztes bißchen Blut für die Ehre herzugeben. Das machte sich ohne eigenes Wollen, nein, ganz von allein. In solchen Momenten glauben ja die Menschen Wunder was zu sein, die Vorstellung von etwas Gutem und Hohem und Eigenartigem ist von selbst da. Es bedarf nur des Weines und des Gewehrdonners, und der Wahn des Außergewöhnlichen ist zusammengewoben, fest genug, eine ganze, lange, ruhige, bescheidene Nacht zu durchschwärmen. Auch Joseph war, wie sein Herr, vom Herzensfeuer der Festnacht ergriffen worden.
»Schießt, ihr Fötzel!«
Solches rief Tobler aus, und zwar in die Dorfrichtung, und er meinte damit jene paar Leute, die sich immer einen gewissen spöttischen Ton herausnahmen, wenn er angefangen hatte, am Biertisch von seinen technischen Erfindungen zu reden. Durch seinen Ausdruck und Ausruf zeigte er diesen »Schlappschwänzen«, wie seine abermalige, kurze Ansprache lautete, deutlich seine Verachtung.
»Aber Karl!«
Frau Tobler mußte hell auflachen.
Berauschend schön war's, als jetzt von den fernen, unsichtbaren Bergen herab, gleichsam im hohen Raum bodenlos schwebend, Freudenfeuer zündeten und brannten. Auch Hornrufe, groß und wuchtig tönende, kamen aus weiter Höhe und Ferne herabgeklungen, langsam den metallenen Atem ausstoßend und ihn lange anhaltend. Das war schön, und alles, was Ohren hatte, horchte. Ja, wenn die Berge selber zu tönen und zu reden anfangen, muß wohl bald das kleine Gezische und Geknatter der hastigen Raketen schweigen. Bergfeuer brennen still aber lang, während der Sprühregen der Nähe emporprasselt, mit recht vielem augenblicklichen Erfolg und Geräusch, aber auch gleich wieder ins Nichts zusammensinkt.
Mit dem Eindruck, den das große, erleuchtete Wappenschild mit der roten und weißen Farbe machte, war Tobler ausnehmend zufrieden. Er ließ daher noch ein paar Flaschen bringen und konnte sich mit Einschenken in die verschiedenen Gläser gar nicht genug tun. Ei was, sprach er laut, heute müsse eins über den Durst genommen werden.
Und so klangen denn die Gläser eifrig aneinander, der Gläserklang vermischte sich mit dem Gelächter, das über allerhand rasch ersonnenen und ausgeführten Torheiten erschallte. Die Wangen waren so heiß wie der Ausdruck der Augen. Die Kinder hatte Frau Tobler natürlich schon längst in die Betten schaffen lassen. Ein Flaschenpfropfen wurde heimlicherweise mit roter Lackfarbe bestrichen und plötzlich der alten Dame aus der Parkettfabrik auf die Nase gesetzt, daß er kleben blieb. Tobler lief auf diesen Anblick hin Gefahr, sich halb krank zu lachen, er mußte sich die Backen festhalten, da diese zu zerspritzen drohten.
Schließlich klingelte und lächelte das Fest mit dem letzten Glas Wein an den Lippen der Teilnehmer aus. Die Lust am Späßetreiben erlahmte und sank jeden Augenblick, hintenüber taumelnd, in Schlaf. Die Frauen standen auf und gingen nach Hause, wogegen die Männer sich noch eine halbe Stunde, allmählich wieder ernsthaft werdend, im Gartenhaus aufhielten.
Das Dorf Bärensweil, die Gemeinde, in deren Bezirk sich die Toblersche Ansiedelung befindet, liegt eine gute Dreiviertelstunde Eisenbahnfahrt von der großen Kantonshauptstadt entfernt. Der Ort ist, wie fast alle Dörfer in dieser Gegend, reizend gelegen und zeichnet sich durch eine ganze Anzahl, teilweise aus der Rokokozeit herrührender, stattlicher, herrschaftlicher oder öffentlicher Bauten aus. Auch sind viele angesehene Fabriken hier, so Seidenfabriken, Bandwebereien, die ebenfalls schon ein ziemliches Alter haben. Die Industrie und der Handel haben hier vor ungefähr hundertfünfzig Jahren zum ersten Mal ihre mehr oder minder primitiven Räder und Gurten geschwungen, und sie haben sich bis zum heutigen Tag eines fortgesetzt guten Rufes nicht nur im Inland, sondern auch in der übrigen, weiten Welt zu erfreuen gehabt. Die Kaufleute und Fabrikanten sind aber nicht bloß im Gelderwerb hängen und stecken geblieben, nein, sie haben im Laufe der Jahre und der Geschmacksänderungen auch Geld ausgegeben, sie haben, wie man noch heute sehen kann, mit einem Wort gesagt, zu leben gewußt. Sie ließen sich in den verschiedenen Zeiten und Baustilen allerhand reizende, villenartige Gebäude aufrichten, deren unaufdringliche aber graziöse Form der zufällige Beschauer noch heute bewundern und im stillen beneiden kann. Jene reichgewordenen Leute haben sicher ihre Schlößchen und Häuser mit Geschmack und Gewicht zu bewohnen verstanden, derart, daß, wie man ahnen kann, damals ein schönes, solides häusliches Leben regiert und bestanden haben muß. Nun bauen aber die Nachkommen dieser alten vornehmen Handelsfamilien auch heute noch in einem gemessenen Stil. Sie verstecken ihre Häuser gern in ältere, bereits durch ein tüchtiges Wachstum ausgezeichnete Gärten, denn ihnen ist der Sinn für die Besonderheit und Schlichtheit durch die Übertragungen des gleichen Blutes geschenkt und gegeben worden. Auf der andern Seite sehen wir in Bärenswil oder Bärensweil viele armütige und elendigliche Bauwerke, und in diesen wohnen die Arbeiter, und auch diese dem Reichtum und der zierlichen Schönheit entgegengesetzte Seite hat schon ihre lange natürliche Überlieferung. Das armselige Haus kann eben ganz genau so fest und so lang und so gutbegründet weiterbestehen wie das wohlhabende und ausgesuchte; das Elend stirbt nicht aus, so lange die Pracht und das feinere Weltleben fortexistieren.
Ja, Bärensweil ist ein hübsches und nachdenkliches Dorf. Seine Gassen und Straßen gleichen Gartenwegen. Sein Anblick vereinigt sowohl städtisches als dörfliches und ländliches Wesen und Treiben. Wenn man hier eine stolze Frau nebst Gefolge zu Pferd daherreiten sieht, so muß man nicht vor lauter dummer Verwunderung vor den Kopf geschlagen sein, sondern man muß sich nur die Fabrikrohre anschauen und denken: hier wird eben Geld verdient, und das Geld schafft bekanntlich alles. Auch Kaleschen mit streng uniformierter Dienerschaft sind hier keine gar so sehr fabelhafte Seltenheit. Sie brauchen nicht Gräfinnen oder Baroninnen zu gehören, solches kann auch hie und da einer Fabrikbesitzersfrau gebühren, um so mehr, als in diesen Gegenden der stolze Gewerbefleiß wirklich zum alten Land- und Stadtadel zu zählen ist.
»Ein reizendes Nest,« würde ein gebildeter Fremder von Bärensweil sagen. Herr Tobler aber sagt das seit einiger Zeit nicht mehr, ja, er schimpft sogar auf »das Drecknest«, und zwar nur deshalb, weil einige Bärensweiler, mit denen er am Stammtisch des »Segelschiffes« zu sitzen pflegt, an die gesunde Basis seiner technischen Unternehmungen nicht so recht glauben wollen.
Denen wolle er es schon zeigen. Die möchten ihre Augen eines Tages schön aufreißen, sagt er in letzter Zeit öfters.
Aber warum ist Herr Tobler denn eigentlich hierher gezogen? Was hat ihn veranlaßt, zum Aufenthaltsort diese Gegend zu wählen? Darüber herrscht folgende, etwas unklare Geschichte. Tobler ist vor noch drei Jahren ein einfacher Angestellter, Hilfsingenieur in einer großen Maschinenfabrik gewesen. Da hat er eines Tages eine größere Summe Geldes geerbt und dadurch den Plan genährt, sich selbständig zu machen. Ein noch verhältnismäßig so junger und heißblütiger Mann ist in allen Dingen, so auch in der Ausführung von heimlichen Plänen, stets etwas rasch, und das ist ja ganz in der Ordnung. Tobler liest eines Abends, Nachts oder Tages eine Zeitungsannonce, wonach die Villa zum Abendstern, denn so nennt sie sich, zum Verkauf ausgeschrieben ist. Prachtvolle Seegegend, schöner, hochherrschaftlicher Garten, gute Eisenbahnverbindungen mit der nicht allzu weitentfernten Hauptstadt: Teufel, das sei, denkt er, etwas für ihn! Er macht kurzen Prozeß und kauft sich das Grundstück. Er kann als freier unabhängiger Erfinder und Geschäftsmann wohnen, wo es ihm beliebt, er ist an keinerlei Scholle gebunden.
Ein eigenes Heim! Dies ist der alleinige treibende Gedanke gewesen, der Tobler nach Bärensweil geführt hat. Das Heim kann stehen, wo es will, wenn es nur ein eigenes ist. Tobler will ein freiverfügender und -bestimmender Herr sein, und er ist es.
Am frühen Morgen nach der Festnacht schaute sich Joseph unten im Bureau ein wenig den »Schützenautomaten« an, der schließlich auch studiert sein wollte. Zu diesem Zweck nahm er ein Blatt Papier zur Hand, auf welchem die ausführliche Beschreibung dieser Maschine nebst zeichnerischen Wegleitungen zu lesen und zu sehen war. Was war es nun mit dieser Nummer zwei der Toblerschen Artikel? Die Nummer eins kannte man ja bereits beinahe auswendig, da sei es, dachte Joseph bei sich, Zeit, sich mit Neuem im Geist zu befassen. Und er wunderte sich, wie rasch es ihm gelang, sich mit dem innern und äußern Wesen dieser Nummer zwei vertraut zu machen.
Der Schützenautomat erwies sich als ein Ding, ähnlich den Schokoladenautomaten, die die reisenden Menschen auf Bahnhöfen und in allerlei öffentlichen Lokalen antreffen, nur entsprang dem Schützenautomaten nicht eine Platte Süßigkeit, Pfefferminz oder dergleichen, sondern ein Paket scharfer Patronen. Die Idee als solche war also keine gerade neue, sondern nur eine verfeinerte und verschärfte, auf ein anderes Lebensgebiet geschickt übertragene. Auch war der Toblersche Automat bedeutend größer, er war ein dickes, hohes Gestell von einem Meter und achtzig Höhe und dreiviertel Meter Breite. Der Leibesumfang des Apparates war der eines vielleicht hundertjährigen Baumstammes. Am Automaten war in ungefährer Manneshöhe ein Schlitz angebracht, zum Hineinwerfen oder -fügen des Geldstückes oder der Münze, die für Geld erhältlich war. Nach dem Einwurf hatte man einen Moment zu warten, dann an einem bequem zu erfassenden Hebel zu ziehen und das nun in eine offene Schale stürzende Paket Patronen ruhig in Empfang zu nehmen. Die ganze Sache war praktisch und einfach. Die innere Konstruktion beruhte auf drei sich gegenseitig bedienenden Hebeln, sowie auf einem abwärts gleitenden Kanal zur Beförderung der Patronen, die sich in gleichmäßigen, der staatlichen Verpackung entsprechenden Paketen in einer Art von Kamin zu dreißigen von Stücken aufeinandergetürmt befanden; zog man nun an dem Hebel mit dem bequem zu erreichenden Griff, so fiel eben eines der im Kamin befindlichen Stücke äußerst elegant heraus, und der Apparat funktionierte weiter, das heißt er blieb still, bis ein zweiter oder ein dritter Schütze des Weges daherkam und ihn von neuem zu der eben beschriebenen Betätigung reizte. Aber noch mehr! Der Automat hatte den Vorzug, mit dem Reklamewesen verbunden zu sein, indem eine kreisrunde Öffnung am oberen Teil desselben jeweilen bei Einwurf der Münze und Ziehen am Griff des Hebels eine schönbemalte Reklamescheibe zeigte. Dieses Reklamewesen bestand sehr einfach aus einem Reifen verschiedenartig gefärbten Papieres, der mit der ganzen Hebelvorrichtung in engster und zweckentsprechendster Verbindung stand, derart, daß der Sturz eines Patronenpäckchens jeweilen eine erneute Reklame unmittelbar und exakt an die kreisrunde Öffnung schob, indem sich der Papierreifen stückweis umdrehte. Der Streifen oder Reifen war in »Felder« abgeteilt, die Besetzung und Benützung der einzelnen Felder kostete Geld, und dieses Geld mußte die Kosten der Anfertigung des Automaten brillant herausschlagen: »Aufzustellen ist der Schützenautomat auf Schützenwiesen gelegentlich der zahlreich stattfindenden Schützenfeste. Was die Reklamen betrifft, so hat man sich zur Erlangung von Bestellungen und Aufträgen wiederum, wie bei der Reklame-Uhr, an nur erste Firmen zu wenden. Wenn man annehmen darf, daß sämtliche Felder mit Reklamen besetzt werden, und man darf das wohl annehmen, so verdient da Tobler (Joseph war mit seinen Gedanken so sehr beschäftigt, daß er anfing, mit sich selbst zu reden) wieder einen schönen Haufen Geld, denn was die Inserate einbringen, das übersteigt bei weitem die Kosten der Fabrizierung. Bei der Besetzung je eines Feldes in mehreren, sagen wir zehn Automaten, tritt natürlich eine wesentliche Preisermäßigung ein.«
Der Kassenbote der Bärensweiler Sparbank trat ein.
»Natürlich ein Wechsel,« dachte Joseph. Er stand von seinem Platz auf, nahm das Formular in die Hand, besah es von allen Seiten, schüttelte es hin und her, prüfte es auf das Genaueste, machte ein zugleich nachdenkliches und wichtiges Gesicht und sagte dann zu dem Boten, es sei gut, man werde vorbeikommen.
Der Mann nahm den Wechsel wieder zu sich und ging. Joseph nahm sogleich die Feder zur Hand, um brieflich den Aussteller des Wechsels zu ersuchen, noch einen Monat Geduld zu haben.
Wie leicht sich das schrieb. Auch der Bank mußte gleich telephoniert werden. In diesen Dingen hatte man nun hoffentlich bald ein wenig Routine. Da hatte er sich einfach hingestellt und seine Augen fest auf den zu zahlenden Betrag gerichtet, und dann hatte er einfach den Boten ruhig, ja sogar etwas streng angeschaut. Wie der Mann Respekt bekam! Leute, die Geld von Tobler haben wollten, mußten in Zukunft noch ganz anders, noch viel kräftiger, abgefertigt werden. Das war Pflicht, das gebot das Zartgefühl Herrn Tobler gegenüber. Der Chef durfte jetzt unter keinen Umständen an diese widerwärtigen Bagatellen erinnert werden. Der hatte gerade jetzt ganz anderes zu tun, den konnten jetzt nur die großen Sorgen beschäftigen. Dafür hatte ja Tobler einen Angestellten, damit dieser womöglich intelligente und geistreiche Kerl ihm die kleinlichen Unannehmlichkeiten abnahm, sich dicht an der Tür aufstellte, um ungerufene, steife Akzeptwechselmenschen energisch weiterzubefördern. Nun, das tat Joseph ja auch. Aber dafür rauchte er jetzt auch wieder einmal einen von den eben aus dem Dorf herspedierten, neuen Zigarrenstumpen.
Er ging im Bureauraum auf und ab. Tobler war den Geschäften nachgegangen und blieb wahrscheinlich heute den ganzen Tag von zu Hause weg. Wenn da jetzt nur nicht etwa der Herr Johannes Fischer ankam, das würde fatal sein.
Dieser Johannes Fischer hatte auf die Annonce »Für Kapitalisten« hin sich schriftlich gemeldet und schrieb, er werde sehr wahrscheinlich schon in allernächster Zeit einmal in Bärensweil zwecks Besichtigung der betreffenden Erfindungen vorsprechen.
Welch zarte, beinahe weibliche Handschrift der Mann besaß. Dagegen war die Schrift Toblers wie mit dem Spazierstock gesetzt. Solche schlank- und feinschreibenden Menschen machten einen schon zum voraus große Reichtümer ahnen. So wie dieser Mann schrieben beinahe alle Kapitalisten: exakt und zugleich etwas nachlässig. Diese Handschrift entsprach ganz und gar einer vornehmen und leichten Körperhaltung, einem unmerklichen Kopfnicken, einer ruhigen, sprechenden Handbewegung. Sie war so langstielig, diese Schrift, eine gewisse Kälte strömte sie aus, sicher war er das Gegenteil eines heißblütigen Gesellen, der so schrieb. Diese paar Worte: kurz und artig im Stil. Die Höflichkeit und Bündigkeit erstreckten sich sogar auf das intime Format des blitzsauberen Briefpapieres. Auch noch parfümiert trat dieser Herr Johannes Fischer unbekannterweise auf. Wenn er nur heute nicht kam. Tobler würde das lebhaft bedauern, ja, es konnte geschehen, daß er, toll vor Ärger, ganz außer sich käme. Übrigens hatte er den Befehl zurückgelassen, dem Herrn, wenn er anlangte, alles ordentlich zu zeigen und auseinanderzusetzen, und ganz besonders eingeschärft hatte er Joseph, diesen Herrn Fischer unter keinen Umständen wegziehen zu lassen, sondern ihn so lange aufzuhalten zu suchen, bis Tobler wieder zu Hause wäre. Womöglich ließ sich ja diesem anscheinend hocheleganten Fremdling eine Tasse Kaffee anbieten, denn es war noch lange nicht gesagt, daß der zu nobel für so etwas sei. Solch ein zierliches Gartenhaus, wie Toblers eins hatten, durfte für jedermann, auch für die höchstgestellte und erhobene Person, ein Gegenstand ruhigen Betrachtens und Genusses sein. Dieser Herr Kapitalist mochte also immerhin nur daherzutraben kommen, es war, glaubte Joseph, genügend gesorgt für ihn.
Aber Joseph war es doch ein wenig bange.
Wie nett es sich übrigens für ihn hier lebte, wenn der Herr Prinzipal sich außerhalb befand. So ein Prinzipal, er mochte der netteste Mensch von der Welt sein, blieb doch immer eine Ursache zum fortwährenden Aufpassen. War er guter Laune, so hatte man beständig Angst, etwas könnte kommen und die fröhliche Gebieterlaune ins gerade Gegenteil umschlagen. War er gehässig und bissig, so hatte man die mehr wie saure Pflicht, sich selber für einen struben Gauner zu halten, weil man sich unwillkürlich als der elende Veranlasser der schlechten Stimmung ansah. War er gleichmütig und gesetzt, so blieb die Aufgabe vor, diesem gleichmäßigen Wesen keinen auch nur fadenscheinig dünnen Schaden anzutun, damit es sich ja nicht etwa mit einem Ritzchen und Spältchen verletzt fühle. War der Herr spaßig aufgelegt, so verwandelte man sich augenblicklich in einen Pudel, da es doch galt, dieses lustige Tier nachzuahmen und die Witze und Zoten behend aufzuschnappen. War er gütig, so kam man sich wie ein Elender vor, war er grob, so fühlte man sich verpflichtet zu lächeln.
Das ganze Haus war ein anderes, wenn der Hausherr nicht da war. Die Frau schien auch eine ganz andere zu sein, und die Kinder, namentlich die beiden Knaben, denen sah man das Vergnügen über des strengen Vaters Abwesenheit von weitem an. Es war etwas Ängstliches fort, wenn Tobler weg war. Auch etwas allzu Gespanntes und Gewichtiges.
»Bin ich eine solche duckmäuserische Angestelltenseele?« dachte Joseph. Da kam Silvi, das ältere der kleinen Mädchen, und rief zum Mittagessen.
Nachmittags, Joseph saß gerade beim Kaffee und plauderte mit Frau Tobler, schritt ein Herr den Garten zum Haus hinauf.
»Gehen Sie ins Bureau, es kommt jemand,« sagte die Frau zum Gehülfen.
Dieser lief eilig weg und konnte nur bis zur Bureau-Eingangstüre gelangen, als ihm auch schon der Fremde entgegentrat. Ob er die Ehre habe, Herrn Tobler selber vor sich zu haben, frug mit angenehmer Stimme der Ankömmling. Nein, sagte Joseph etwas betreten, Herr Tobler sei leider gerade verreist, er selber sei nur der Angestellte, aber er bitte, eintreten zu wollen.
Der Herr sagte seinen Namen. »Ah Herr Fischer!« rief Joseph aus. Er verneigte sich etwas zu fröhlich, etwas zu freudig vor Herrn Johannes Fischer, und er bemerkte auch sogleich den Fehler, den er gemacht hatte.
Sie traten beide, der Kapitalist voran, in das Zeichenbureau ein, wo derselbe sogleich nach den technischen Dingen sich zu erkundigen begann, während er sich mit einer gewissen Überlegenheit nach allen Seiten umschaute.
Joseph erklärte ihm die Reklame-Uhr. Er holte ein Exemplar derselben in Natura herbei, legte sie vor die Augen des Gastes auf den Tisch zur Besichtigung, und schickte sich zu gleicher Zeit an, dem aufmerksam alles, was ihn umgab, beobachtenden Mann die Gewinnchancen des Werkes auseinanderzusetzen.
Der Fremde, der mit Interesse zuzuhören schien, fragte, indem er die Adlerflügel der Uhr betrachtete, ob man sich in der Höhe der angenommenen Reklamegelder nicht vielleicht, wie das ja in einem solchen Falle leicht möglich sei, ein wenig verrechne? Und ob bereits Reklame-Aufträge eingelaufen seien?
Er nahm es ruhig mit seinen Fragen. Und ein bißchen nachdenklich schien er geworden zu sein, was sich Joseph, vielleicht etwas früh, zu seinen Gunsten auslegte.
Dieser erwiderte, die Summe dürfte wohl kaum als zu hoch gegriffen betrachtet werden, im Gegenteil, und Aufträge seien bereits in ganz erfreulicher Anzahl da.
»Und die Uhr kostet?«
Joseph versuchte auch das dem Herrn Fischer klar zu machen, wobei er ein ganz klein wenig, er wußte selbst nicht warum, stotterte. In der Ungewißheit, wie er sich zu benehmen habe, wollte er sich einen gemütlichen Stumpen anzünden, verwarf aber dieses plötzliche Gelüste als nicht ganz schicklich. Er errötete.
»Wie ich sehe,« sprach Herr Fischer, »handelt es sich hier um ein scheinbar ganz vortrefflich geplantes und auch, wie mir scheint, bereits ganz gut vorbereitetes Unternehmen. Dürfte ich mir erlauben, einige kleine Notizen zu machen?«
»Aber bitte!«
Joseph hatte eigentlich sagen wollen: bitte recht sehr. Aber Stimme und Lippe wollten ihm den erforderlichen Dienst nicht leisten. Warum? War er aufgeregt? Jedenfalls, das spürte er deutlich, war er schon darauf vorbereitet, zu sagen, dem Herrn dürfte es vielleicht angenehm sein, im Garten eine Tasse Kaffee zu trinken.
»Meine Frau wartet unten,« bemerkte leicht der andere. Er schrieb einiges mit Bleistift in ein elegantes Notizbuch. Plötzlich war er fertig. Joseph hatte den unfeinen Eindruck, als habe es der Kapitalist mit seinen verständnis-erleichternden Notizen nicht ernst genommen. Er wollte den Mund auftun, um zu sagen, er könne ja rasch hinunterspringen und die Dame, die unten wartete, heraufholen.
Herr Fischer sagte, er bedaure, Herrn Tobler persönlich nicht angetroffen zu haben. Dies sei schade, aber er hoffe, dieses Vergnügen werde ihm nicht verloren gehen. Jedenfalls danke er verbindlichst für die erhaltene, liebenswürdige Auskunft. Joseph versuchte zu reden.
»Schade,« nahm wieder der andere das Wort, »ich würde mich äußerst wahrscheinlich gleich zu etwas Definitivem haben entschließen können. Die Reklame-Uhr hat mir sehr gut gefallen, und ich bin der Ansicht, daß sie sich rentieren wird. Wollen Sie die Güte haben, und Ihrem Herrn Chef eine höfliche Empfehlung von mir ausrichten? Ich danke Ihnen.«
»Man kann ja« – War das Joseph, der nicht besser sprechen konnte?
Herr Johannes Fischer hatte sich kurz verbeugt und war gegangen. Sollte man ihm nachspringen? Was ist man in diesem Augenblick? Muß Joseph sich nun vor die Stirn schlagen? Nein, es scheint, er muß nun ins Gartenhaus gehen, zu einer gespannt und besorgt wartenden Frau, um derselben zu sagen, wie »unverantwortlich kopflos« er sich benommen hat.
»Das ist dumm, sehr dumm,« dachte er.
Als er im Garten- oder Kaffeehaus anlangte, war Frau Tobler eben damit beschäftigt, dem Knaben Walter eine Tracht Prügel zu verabreichen. Sie weinte und sagte, es sei nicht schön, was sie für Unholde von Kindern habe. Dadurch wurde es dem Angestellten recht eigentlich trübe ums Herz: Auf der einen Seite eine weinende und erzürnte Frau, auf der andern Seite ein ironisch winkender und grüßender Kapitalist, und im Hintergrund die Ahnung von der Mißbilligung Toblers.
Er setzte sich an den vor zehn Minuten eilig verlassenen Platz und goß sich noch eine Tasse Kaffee ein. Er dachte: »Warum nicht nehmen, wenn es doch da ist? Alle Abstinenz der Welt ist jetzt doch nicht imstande, das herankommende Ungewitter von meinem Kopf abzulenken.« –
»War das dieser Herr Fischer?« fragte die Frau. Sie hatte die Augen getrocknet und schaute nach der Landstraße hinunter. Dort unten stand in der Tat noch Herr Fischer. Er und die Dame schienen sich am Anblick des Toblerschen Besitztums zu ergötzen.
»Ja,« antwortete Joseph, »ich habe versucht, ihn aufzuhalten, aber es war unmöglich, er sagte, er müsse absolut gehen. Übrigens hat man ja für alle Fälle seine Adresse.«
Er log! Wie einem die Schwindeleien ruhig zum Mund herauskamen. Nein, er hatte nicht sein Möglichstes getan, zu versuchen, Herrn Fischer aufzuhalten. Wenn er solches jetzt behauptete, so war es einfach eine freche, frivole Lüge.
Frau Tobler sagte bekümmert, das werde ihnen beiden ihr Mann sehr übel nehmen, sie kenne ihn genau in diesen Stücken.
Sie schwiegen beide eine Weile. Silvi, das Mädchen, saß auf einem Gartenstein und sang in leisen, dummen Tönen. Frau Tobler befahl ihr zu schweigen. Wie das heiß war, sonnig, gelblich und bläulich. Der Geldmann war jetzt nicht mehr zu sehen.
»Sie haben wohl ein wenig Angst?« sagte die Frau und lächelte.
»O wegen der Angst,« entgegnete Joseph trotzig, »das ist das wenigste. Übrigens kann Herr Tobler mich fortjagen, wenn er will.«
Er solle nicht so sprechen, sagte sie, das sei weder klug noch recht und müsse eigentlich ein recht schlimmes Licht auf seinen Charakter werfen. Natürlich habe er jetzt ein wenig Angst, man könne ihm das ja ganz schön ansehen. Aber er solle sich nur beruhigen, auffressen werde ihn »Karl« nicht können. Es werde heute abend eben ein gelindes Donnerwetter absetzen, auf das dürfe Joseph immerhin sich gefaßt machen.
Sie lachte hell und schön auf und fuhr fort zu sprechen.
Sie habe, sagte sie, immer recht gut den Respekt begriffen, den ihr Mann andern Menschen einzuflößen verstehe. Für Fernerstehende habe er beinahe etwas Furchtgebietendes, das sei so, und sie spreche jetzt ernsthaft, und sie verstehe das ausgezeichnet. Nur sie selber habe nicht die geringste Angst vor Tobler.
»Wirklich?« machte Joseph. Er war ruhiger geworden.
Wirklich nicht, plauderte sie weiter. Sie müsse nicht hell von Verstand sein, wenn sie sich in dieser Beziehung einer Täuschung hingeben könne. Sie empfinde die schrecklichsten Wutausbrüche ihres Mannes eher als ein Lustspiel, als wie eine Tragödie, sie müsse jedesmal, sie wisse selbst nicht ganz recht warum, laut lachen, wenn er ihr grob begegne. Ihr sei das nie merkwürdig, sondern immer natürlich an ihr erschienen, aber sie wisse wohl, daß es Leute gebe, die, wenn sie so etwas sehen, die Augen und den Mund vor Verwunderung aufreißen, darüber, daß es eine anscheinend so unselbständige Frau, wie sie eine sei, wage, das Betragen des Mannes komisch zu finden. Komisch finden? O sie finde es manchmal gar nicht so komisch, wenn Tobler heimkomme und an ihr alle aufgesammelten schlechten Eindrücke, die ihm die Welt hinterlassen habe, auslasse, in solchen Fällen habe sie nötig, Gott zu bitten, ihr die Kraft zu einem Gelächter zu geben. Man gewöhne sich übrigens nach und nach ans Gehudelt-und Gescholtenwerden, auch wenn man nur »eine unselbständige Frau« sei. Auch eine solche Frau denke hin und wieder ernsthaft über die Dinge der Erde nach, so zum Beispiel denke sie jetzt, der Tumult, der ihnen beiden heute abend bevorstehe, werde kein andauernder, sondern, wie es stets mit derartigen Gewittern bestellt sei, nur ein vorübergehender sein können.
Sie erhob sich. Sie hatte in diesem Augenblick etwas Gelassen-Ironisches an sich.
Joseph rannte rasch in sein Turmzimmer hinauf. Er hatte das Bedürfnis, einen Augenblick allein mit sich zu sein. Er wollte sich in aller Eile ein wenig »zurechtdenken«, aber er fand die passenden und beruhigenden Gedanken nicht. So trieb es ihn wieder in das Kontor hinunter, aber auch dort wurde er dieses beschämende Gefühl des Unheimlichen nicht los. Um es endgültig zu bewältigen, lief er schnurstracks zur Post, obgleich es noch nicht Zeit dazu war. Das Marschieren mit den Beinen beruhigte und tröstete ihn, und der Anblick der freundlichen, landschaftlichen Welt erinnerte ihn an die Nichtigkeit und Bedeutungslosigkeit der Unruhe. Im Dorf trank er ein Glas Bier, um Humor in den Ton seiner Stimme zu bekommen, er würde eine gewisse Unempfindlichkeit heute nacht gut brauchen können, dachte er. Wieder zu Hause angekommen, machte er sich sogleich dahinter, vermittels eines langen Gummischlauches den Garten zu spritzen. Das dünne Wasser beschrieb in der Abendluft einen schönen, hohen Bogen und fiel klatschend auf die Blumen und Gräser und Bäume herab. Wenn etwas beruhigen konnte, so war es das Spritzen, denn man empfand während dieser Arbeit eine eigentümlich gemütliche und fest geschlossene Zugehörigkeit zum Toblerschen Haus. Wer noch kurz vorher so viel Eifer bewies, den Garten zu pflegen, den konnte man sicherlich nicht allzuwüst anschimpfen.
Zum Abendessen gab es gebackene Fische. Es war doch einfach unmöglich, kurz vorher noch gebackene Fische zu essen und dann gleich nachher der Elendeste der Menschen zu sein. Das vertrug sich nicht recht zusammen.
Wie schön wieder der Abend war. Konnte man an solch einem herrlichen Abend den Unternehmungen Toblers Verluste beigebracht haben?
Die Magd setzte eine brennende Lampe ins Gartenhaus. Nein, im Licht einer so hübschen, traulichen Lampe durfte man von Tobler erwarten, daß er sich den verfehlten Besuch des Herrn Fischer nicht allzu heftig zu Herzen nähme.
Endlich begehrte Frau Tobler noch, von Joseph in der Schaukelbahn geschaukelt zu werden. Sie setzte sich auf das Brett und er zog die Seile an, und die Reitschule setzte sich in schwingende Bewegung. Das war so schön anzusehen, daß der Gedanke, jetzt werde Tobler kommen und alle diese Bilder stören, leichtsinnig abgewiesen wurde.
Gegen zehn Uhr hörten Frau Tobler und Joseph Schritte im Kies den Garten heraufkommen, es waren »die seinen«.
Sonderbar, sowie man Schritte eines Bekannten hört, ist dieser Näherkommende auch bereits leibhaftig da, sein wirkliches Erscheinen ist dann nie eine Überraschung mehr, mag er dann ausschauen wie er will.
Tobler war müde und gereizt, aber das war nichts Überraschendes, denn so pflegte er immer nach Hause zu kommen. Er setzte sich, atmete hörbar auf, als einem wohlbeleibten Mann hatte ihm das Erklimmen des Hügels Mühe verursacht, und verlangte seine Pfeifen. Joseph sprang wie besessen ins Haus hinein, um sogleich das Gewünschte herbeizuholen, glücklich darüber, seinem Vorgesetzten für eine halbe Minute wenigstens aus dem Wege zu gehen.
Als er mit den Rauchutensilien zurückkam, hatte sich die Lage der Dinge bereits verändert. Tobler sah schrecklich aus. Die Frau hatte ihm rasch alles gesagt. Sie stand jetzt da, unerhört kühn, wie es Joseph erschien, den Mann ruhig anschauend. Dieser sah aus, wie einer, der nicht fluchen kann, weil er fühlt, daß er es zu unmäßig täte.
»Also Herr Fischer war da, wie ich höre,« sagte er, »wie haben ihm die Dinger gefallen?«
»Sehr gut!«
»Die Reklame-Uhr?«
»Ja, die hat ihm besonders gut gefallen. Er sagte, sie scheine ihm ein ganz ausgezeichnetes Unternehmen zu sein.«
»Haben Sie ihn auch auf den Schützenautomaten aufmerksam gemacht?«
»Nein.«
»Warum nicht?«
»Herr Fischer hatte so große Eile, seiner Frau wegen, die unten am Gartentor wartete.«
»Und Sie haben sie warten lassen?«
Joseph schwieg.
»Und ich muß einen solchen Tropf von Angestellten haben,« schrie Tobler, außerstande, die Wut und den geschäftlichen Jammer, die ihn verzehrten, länger zurückzuhalten, »ich muß das Unglück haben, von der eigenen Frau und einem nichtsnutzigen Gehülfen betrogen zu werden. Da soll der Teufel Geschäfte machen.«
Er würde die Petroleumlampe mit der Faust zerschlagen haben, wenn Frau Tobler sie nicht glücklicherweise in diesem Moment, bevor die Hand niedersauste, etwas weiter gerückt hätte.
»Du brauchst dich gar nicht so furchtbar aufzuregen,« rief die Frau, »und zu sagen, ich betrüge dich, das verbiete ich dir. Sonst weiß ich dann auch noch, wo Vater und Mutter wohnen. Auch der Joseph verdient nicht, daß er mit Ausdrücken solcher Art beschimpft werde. Schick ihn ganz fort, wenn du dich durch ihn geschädigt glaubst, aber mach keine solche Szenen.«
Sie hatte das als »unselbständige Frau« natürlich weinend gesprochen, aber was sie sprach, das hatte seinen Eindruck durchaus nicht verfehlt, Tobler war sofort ruhig geworden, das »Gewitter« war am Vorübergehen. Er fing an, mit Joseph zu ratschlagen, was man tun könne, um sich die Kapitalien des Herrn Johannes Fischer nicht entgehen zu lassen. Morgen früh müsse sogleich telefoniert werden.
Im Leben gewisser Handelsleute spielt das Telephon eine große Rolle. Die kaufmännischen Gewaltstreiche wollen in der Regel telephonisch begonnen werden.
Schon der bloße Gedanke, daß man ja diesem Herrn Fischer morgen früh telephonieren könne, machte beider, Toblers und Josephs, Hoffnungen wieder aufleben. Wie war es denn möglich, daß, wenn man derartige Hilfsmittel zur Verfügung hatte, das Geschäft zu Schanden gehen konnte?
Und Tobler würde sich unmittelbar nach der drahtlichen Ankündigung in den Zug setzen und nach der Residenz fahren, um diesem »entflohenen Vogel« einen persönlichen Besuch abzustatten.
Die Stimme Toblers zitterte noch dunkel, als er schon längst wieder heiter und vergnügt geworden war, als habe die Aufregung innerlich weitergebrannt. Alle drei spielten noch bis in die späte Nacht hinein Karten. Joseph müsse das Kartenspiel auch lernen, hieß es, es sei einer kein rechter Mann, wenn er dieses Spiel nicht verstehe.
Am nächsten Morgen wurde, wie verabredet, telephoniert. Tobler warf sich in den Eisenbahnwagen, mit welch zuversichtlicher Miene! Abends war die Miene eine gedrückte, zornige und traurige. Das Geschäft war nicht zustande gekommen. Statt der flüssigen Gelder gab es eine neue, bittere Szene im nächtlichen Gartenhaus. Tobler saß da wie das verhaltene Ungewitter selber und gefiel sich in unschönen, gotteslästerlichen Verwünschungen. So sagte er unter anderem, seinetwegen möchte die ganze Erde in Morast versinken, das käme jetzt alles auf ein und dasselbe heraus. Er selber wate so wie so in nichts anderem mehr als in einer Unmasse von Schlamm.
Als er sich sogar dazu verstieg, sich und alles, was ihn umgebe, zum Teufel in die Hölle zu wünschen, gebot ihm Frau Tobler Mäßigung. Er aber fuhr sie so grausam hart an, daß es sie, den Kopf voran, auf die Tischplatte niederstreckte, worauf sie sich hoch aufrichtete und mit sanft gesetzten Schritten davonging.
»Sie haben Ihrer Frau wehgetan,« wagte Joseph in einem Anflug von weltmännischer Ritterlichkeit zu sagen.
»Ach was wehgetan! Da ist eine kleine Welt verletzt,« erwiderte Tobler.
Dann skizzierten sie beide zusammen eine neue Annonce für die täglich erscheinenden Weltblätter. In dem Inserat kamen Worte vor wie: »Glänzendes Unternehmen«, »Höchster Gewinn bei absoluter Risikolosigkeit«. Das würde man gleich andern Tages in die Annoncenexpedition schicken.
Es wurde wieder Sonntag und Joseph bekam wieder fünf Mark in die Tasche. Er genoß wieder den Vorzug, nach Belieben im Zeichenzimmer antreten zu dürfen. Gerade das hatte entschieden etwas Poetisches. Heute würde es wieder ein feines Essen geben, vielleicht einen Kalbsbraten, schön gelblich und bräunlich, mit Blumenkohl aus dem Garten, und dann vielleicht Apfelmus, das hier oben so wundervoll schmeckte. Auch die bessere Zigarre wurde ihm verabreicht. Was doch Tobler für eine Manier besaß, zu lachen und einen spöttisch von oben herab anzusehen, sobald es sich darum handelte, Zigarren zu verabreichen. Gerade, als ob Joseph ein Schlossermeister gewesen wäre, zu dem man sagt: »Da. Nehmen Sie. Sie rauchen gewiß auch ganz gern einmal eine bessere Zigarre.« Als ob Joseph soeben mit Gitteranstreichen oder Türschloßausbessern fertig geworden wäre, oder als ob er soeben einen Baum gestutzt hätte. Das war die Art, wie man einem tüchtigen Gärtner eine Zigarre gibt. War denn etwa Joseph nicht Toblers »rechte Hand«, und durfte man glauben, man zeichnete eine solche rechte Hand gebührend aus, indem man ihr Sonntags etwas Besseres zu rauchen darbot?
Er blieb etwas länger im Bett heute, er öffnete die Fenster und ließ sich im Bett von der weißlichen Morgensonne anscheinen und anblenden, was eben auch genossen sein wollte, so gut wie verschiedenes anderes auch, wie zum Beispiel der Gedanke an das Frühstück. Wie war heute alles sonnig und sonntäglich. Das Sonnige und das Sonntägliche schienen von weit her schon Brüderschaft miteinander geschlossen zu haben, und der innige Gedanke ans ruhige Frühstück, ja, der war auch aus so etwas Sonnigem und Sonntäglichem gewoben, das spürte man jetzt deutlich. Wie wäre es möglich gewesen, heute etwa verdrießlich zu sein, oder gar mißgestimmt, oder gar melancholisch. Es war etwas Geheimnisvolles in allem, in jedem Gedanken, an den eigenen Beinen, an den Kleidern auf dem Stuhl, am Schrank, zwischen den blendend sauber gewaschenen Gardinen, an der Waschkommode, aber dieses Geheimnisvolle war nicht beunruhigend, im Gegenteil, es ruhete und lächelte und friedelte einen förmlich an. Eigentlich war man gedankenlos, und man wußte gar nicht warum, aber man schien zwingende Ursache dazu zu haben. In und an der Gedankenlosigkeit lag so viel Sonne, und wo Sonne war, da dachte Joseph unwillkürlich an köstlich gedeckte Frühstückstische. Ja, mit dem einfachen Gedanken fing dieses dumme aber beinahe süße Sonntägliche schon an.
Er stund vom Bett auf, kleidete sich besser als sonst an und trat auf die viereckige Plattform, die ihm zur Verfügung stand, hinaus. Von hier sah man auf die Kronen der im Nachbarobstgarten gelegenen Bäume hinüber. Wie ruhig und blendend sonnig hier alles aussah. Pauline, die Magd, deckte den Morgentisch draußen an der freien Luft. Diesem Anblick konnte der Gehülfe nicht länger widerstehen, es riß ihn hinunter zu Kaffee, Brot, Butter und Eingemachtem.
Später ging er ins Bureau hinunter. Es war ja nicht viel zu machen da unten, aber er setzte sich trotzdem, angezogen von einem beinahe lieblichen Gewohnheitsgefühl, an den Schreibtisch, der wie ein Küchentisch aussah, und korrespondierte. Ach, es war heute das reine Tändeln mit der sonst so ernsthaften Feder. Das Wort »telephonische Unterredung« erschien ihm ebenso sonntäglich geputzt wie das Wetter und die Welt draußen. Die Redewendung »und gestatte ich mir« war blau wie der See zu Füßen der Villa Tobler, und das »hochachtungsvoll« am Schluß des Schreibens schien nach Kaffee, Sonne und Kirschenmarmelade zu duften.
Er trat zur Bureautür in den Garten hinaus. Das war ja auch sonntäglich, daß man sich gestatten durfte, mir nichts dir nichts die Arbeit zu unterbrechen, um rasch den Garten ein bißchen inspizieren zu gehen. Wie das duftete, wie heiß es schon war, trotz der noch frühen Morgenstunde. Da würde man vielleicht in einer halben Stunde baden gehen, so »genau kam es sicher nicht darauf an«. Ja heute durfte man diese Worte Tobler ruhig ins Gesicht hineinsagen, er würde ganz derselben Meinung wie Joseph sein. Das »Nichtdaraufankommen«, das war schließlich der ganze Unterschied zwischen einem Sonntag und einem Werktag. Wie der ganze Garten verzaubert dalag, verzaubert von Hitze, Bienensummen und Blumenduften. Heute abend würde man den Garten auch wieder einmal recht tüchtig spritzen müssen.