Der Gehülfe
Es ist mir ein Schreiben zugegangen von…
Geachtete Frau!
Es ist mir ein Schreiben zugegangen von Eurer Tochter, meiner ehemaligen Dienstmagd, und daß ich es nur gleich sage, ein unverschämtes und nichtswürdiges Schreiben. Es werden darin, unter dem Schein der Treue und Anhänglichkeit an die Herrschaft, Beleidigungen der gröbsten Art gegen eine Frau ausgestoßen, die, weil sie gütig und nachsichtig gewesen ist, nun dafür bestraft wird, daß sie nicht hart und mitleidlos hat sein können. Wißt, geachtete Frau, daß Eure Schande von Tochter mich, währenddem sie hier im Dienst war, bestohlen hat, und daß ich sie dem Gericht überliefern könnte, wenn ich wollte, aber so etwas sucht eine Frau wie ich zu vermeiden. Ich will mich kurz fassen: Sorget, geachtete Frau, dafür, daß dieser Nichtsnutz seinen Schnabel halte. Ich weiß, wer es ist, und wer die Gerüchte sind, die über mich Schlechtigkeiten und Schamlosigkeiten verbreiten. Es ist niemand anderes als dieselbe freche Person, die sich selber bei mir im Haus der Verletzungen guter Sitte und züchtigen Lebenswandels schuldig gemacht hat, und zwar, wie ich beweisen kann, mit demselben Menschen, mit dem die lügnerische Schwätzerin nun mich, ihre Herrin von ehemals, in eine schmutzige Verbindung setzen will. Der empfangene Brief hat mich in die höchste Aufregung versetzt, daß Ihr es wisset, Frau! Und nun habt acht auf die Böswillige, ich rate es Euch im freundlichen und schwesterlichen Sinne hiermit an, weil Ihr, wie ich gern annehme, achtenswert seid und nichts dafür könnt, daß Euer ausgeschämtes Mädchen ein »Räf« ist. Andernfalls würde ich mich zu keinen so langen und gutmütigen Worten mehr, wohl aber, wie Ihr Euch vorstellen könnt, zu strafrechtlichen Maßregeln veranlaßt sehen. Die Hochachtung, die die Welt einer Dame bezeigt, kann dieselbe, wenn es nötig ist, nicht hindern, vor die Schranken der öffentlichen Gerechtigkeit zu treten, um eine Verleumderin ihrer Ehre bestraft zu sehen.
Somit achtungsvoll, Eure Euch grüßende
Frau Carl Tobler.
Joseph sagte, nachdem er diesen Brief durchgeflogen hatte, er finde denselben gut, nur scheine er ihm etwas zu hochtrabend. Solch ein Stil, wie Frau Tobler ihn da angewendet habe, passe eher ins Mittelalter als in die gegenwärtige Welt, die daran sei, die bestehenden gesellschaftlichen Rang- und Geburtsunterschiede allmählich, wenn auch nur nach außen, zu verwischen und aufzulösen. So schroff dürfe schließlich eine bürgerlich geborene Frau einer andern bürgerlich Geborenen nicht schreiben, das könne nur böses Blut erregen und den Wunsch und Zweck des ganzen Schreibens verfehlen. Die Wohlhabenheit tue im übrigen gut, sich gegenüber der Armut nicht allzuhoch aufzurichten, sondern es dünke ihn nichts wie recht und billig, zu der Mutter der Magd ganz einfach »Sie«, und »Sehr geehrte Frau« zu sagen, damit ein etwas herzlicherer und zugleich höflicherer Ton da sei, was sicher nicht schaden könne, wie er glaube. Frau Tobler sei eben nicht ans Briefeschreiben gewöhnt, wie er sehe. Dies erhelle sich schon aus dem Vorhandensein der zahlreichen Schreibfehler, die er während des Lesens bemerkt habe, und wenn sie gestatte, so wolle er sich gern dahintersetzen und den niedlichen Aufsatz korrigieren.
Er lachte und bemerkte des weitern, er würde auch die Behauptung, daß das Mädchen eine Diebin sei, aus dem Schreiben entfernen, obschon er seinerseits keinen Moment an der Wahrhaftigkeit dessen, was Frau Tobler sage, zweifle, aber es könnten, sagte er, dumme Geschichten daraus entstehen, die mehr Verdruß als Genugtuung einbrächten. Ob sie Beweise habe?
Frau Tobler wurde ein wenig nachdenklich, dann sagte sie, sie wolle einen zweiten Brief schreiben. Ihre Erregung habe jetzt ein wenig nachgelassen, und so hoffe sie, werde sie ruhiger und milder schreiben können. Aber der ganze Brief müsse doch in einem energischen Ton abgefaßt sein, sonst habe er ja gar keinen Sinn. Sonst schreibe sie lieber schon gar nicht.
Während sie schrieb, wurde sie, ohne daß sie es merkte, von Joseph beobachtet, der ihren Rücken und Hals betrachtete. Das schöne, frauliche Haar betupfte und berührte in kleinen, geringelten Löckchen den schlanken Hals. Wie schlank überhaupt diese ganze Frauenerscheinung war. Da saß sie nun und bemühte sich, dem Sinn und Verstand gemäß, und der Schreiblehre und richtigen Methode entsprechend, an eine Frau zu schreiben, die vielleicht kaum lesen konnte. Joseph bedauerte jetzt unwillkürlich, indem er sie so anschaute, ihr bezüglich ihres gutbürgerlichen Hochmutes, den er im Grunde genommen reizend fand, Vorhaltungen gemacht zu haben. Ihn rührte etwas am Aussehen dieses Frauenrückens, dessen Bekleidung sich in kleine, liebliche Falten verzog, wenn der darunter befindliche Leib sich ein bißchen bewegte. War diese Frau schön? Im landläufigen Begriff sicher nicht, im Gegenteil. Aber auch das Gegenteil entsprach nicht den landläufigen Begriffen. Joseph würde noch ruhig weitere Betrachtungen angestellt haben, wenn sich die schreibende Frau nicht umgedreht hätte. Beider Augen begegneten sich. Diejenigen des Gehülfen wichen denjenigen der Frau aus, das schickte sich beinahe so. Joseph empfand und mußte empfinden, daß es fast frech gewesen wäre, den Blicken der Frau stand zu halten, die wieder einmal voll jenes Erstaunens waren, das so vortrefflich den Hochmut widerspiegelte, der der Frau, man konnte es nicht leugnen, sehr gut zu Gesicht stand. Wozu waren denn überhaupt Gehülfenaugen gut, als zum Ausweichen und Niederschlagen, und welcher andere Ausdruck war diesem andern Augenpaar natürlicher als der Ausdruck des Erstaunt- und Verwundertseins? Er bückte sich demzufolge wieder auf seine Arbeit herab, obschon es ihm um das Arbeiten jetzt gar nicht so besonders zu tun war.
Eine halbe Stunde später gab es im Gartenhaus beim Kaffeetrinken einen etwas unfeinen Auftritt.
Frau Tobler, die nun wieder gänzlich beruhigt schien, fing plötzlich an, lebhaft den Wirsich zu rühmen, wie dieser leider lasterhafte Mensch in allem Sonstigen so brauchbar, geschickt und anstellig gewesen, wie er sich in jeden kleinen Dienst und in jede Aufgabe sogleich, ohne viel Wesens zu machen, hineingefunden habe und dergleichen mehr, wobei sie Joseph mehrmals spöttisch, wie er es empfinden mußte, anschaute, was ihn beleidigte. Er rief deshalb aus:
»Dieser ewige Wirsich. Man möchte bald meinen, er sei ein einzig dastehendes Genie gewesen. Warum befindet er sich denn eigentlich nicht mehr hier, da man doch beständig von seinen geradezu himmlischen Eigenschaften redet? Weil er betrunken gewesen ist? Und glaubt man denn, man habe ein Recht, alles und jedes Gute von der Person eines Angestellten zu verlangen, und einen Menschen wegzujagen, in die offene, schwierige Welt hinaus, nur weil eine seiner Eigenschaften, eine einzige, die übrigen ausgezeichneten verdunkelt hat? Das ist wahrhaftig ein bißchen zu viel verlangt. Da haben wir Treue und Klugheit, Wissen und Dienstfertigkeit, Unterhaltungsgabe und Gehorsamkeit, und alle diese Eigenschaften, und noch einige feine andere dazu, stecken wir in unsere Dienste, nehmen wir gleichmütig und fröhlich hin, weil sich das so schickt, und weil wir ja dem Inhaber eines solchen Sackes voll Auszeichnungen für die Hingabe derselben Gehalt, Kost und Logis geben. Und nun bemerken wir eines Tages den dunklen Fleck am schönen Körper, und weg ist die ganze, bequemliche Zufriedenheit, und wir lassen den Mann sein Bündelchen schnüren und fortziehen, wohin er will, aber wir reden nachher noch einen halben oder ganzen Meter und ein ganzes Jahr lang und breit von ihm und seinen ›guten Eigenschaften‹. Man muß zugeben, daß das kein so gar besonders korrektes Verhalten ist, insbesondere dann nicht, wenn man alle diese köstlichen und königlichen Dinge dem Nachfolger, wahrscheinlich, um ihn zu treffen, auf die Nase bindet, wie Sie, gnädige Frau Tobler, mir, dem Nachfolger Ihres Wirsich.« –
Er lachte laut auf, und zwar absichtlich, um den aufrührerischen Eindruck seiner etwas langen Rede zu besänftigen und zu zerstreuen. Er hatte ein bißchen Angst, jetzt, da er wieder zu sich gekommen war, und um dem empfindlichen Ton seiner Sprache einen lustigen Anstrich zu geben, lachte er, aber es war ein gezwungenes Entschuldigungslachen.
Joseph habe nicht nötig, sagte Frau Tobler nach einigem Stillschweigen, so zu ihr zu reden, einen solchen Ton verbitte sie sich, und sie sei erstaunt, ihn ein solches Betragen annehmen zu sehen. Wenn er so stolz und empfindlich sei, daß er seinen Vorgänger nicht rühmen hören könne, so sei es für ihn besser, sich eine Einsiedlerhütte oben im Wald zu bauen und da zu hausen, wo nur Wildkatzen und Füchse leben, unter die Menschen müsse er dann lieber nicht gehen wollen. In der Welt dürfe einer nicht alles auf eine so scharfe Wage nehmen. Sie werde im übrigen nicht umhin können, ihrem Mann von dem Inhalt seiner sehr sonderbaren Rede Kenntnis zu geben, damit Tobler wisse, woran er mit seinem Angestellten sei.
Sie wollte aufstehen und weggehen. In diesem Augenblick rief Joseph aus:
»Sagen Sie nichts. Ich bitte alles ab. Ich bitte um Verzeihung!«
Frau Tobler streifte den jungen Mann mit einem Blick der Verachtung, sie sagte: »Das ist schon gescheiter« und ging weg.
»Ich habe die höchste Zeit gehabt. Dort unten kommt Tobler!« dachte Joseph, und in der Tat kam eben der Chef, heute unerwarteterweise früher als sonst, nach Hause.
Nach einer Viertelstunde schon, von allem, was geschehen war, peinlich genau unterrichtet, sagte Herr Tobler zu Joseph:
»Sie fangen wohl an, meine Frau schlecht zu behandeln? Was?«
Weiter sagte er nichts. Seiner Frau hatte er, als deren Klagen nicht aufhören wollten, zugerufen, sie solle ihm »weggehn mit so dummen Sachen.«
Tatsächlich hatte der Ingenieur jetzt wichtigere Dinge zu bedenken.
Am Abend dieses Tages war das Turmzimmer wieder einmal der stille, von einer Lampe erleuchtete Schauplatz eines laut vor sich hergesprochenen Selbstgespräches. Joseph, indem er sich Rock und Weste auszog, sagte folgendes zu sich:
»Ich muß mich besser zusammennehmen, das geht nicht mehr so. Was hat mich nur antreiben können, dieser Frau Tobler Grobheiten zu sagen? Achte und nehme ich so sehr wichtig, was aus dem Mund einer solchen Dame herauskommt? Und inzwischen muß sich der arme Herr Tobler auf Geschäftsreisen abplagen, und sein Herr Angestellter treibt in Gartenhäusern, neben einer Tasse Kaffee, solchen Gefühlsunsinn. Solche Frauengeschichten! Was geht es mich denn an, wenn Frau Tobler an diesem Wirsich manches Gute zu rühmen weiß? Das ist doch so einfach. Dieser bleiche Ritter mit der Armesündermiene hat ihrem Weibergemüt Eindruck gemacht. Muß mich das aufregen? Wieso denn? Statt stündlich und halbstündlich an die technischen Unternehmungen zu denken, lasse ich es mir angelegen sein, eine Frau von meinem Charakter zu überzeugen. Von was? Aha, Charakter! Als ob es nötig wäre, daß ein Ingenieur-Angestellter Charakter hat. Ich habe eben immer nur die dümmsten Dinge in einem Kopf, der sich zu einem wirklich nutzbringenden und geschäftefördernden Nachdenken verpflichtet finden sollte. Habe ich so wenig Pflichtgefühl? Ich esse hier Brot und trinke Kaffee und verbinde mit diesen hübschen Vorteilen und Nutznießungen eine in der Tat unpassende Sehnsucht nach schädlicher Gedankenlosigkeit. Und dann halte ich halbstündige Reden vor einer erschrockenen und verwunderten Frau, um ihr zu zeigen, daß sie mich erbost hat. Was nützt das Herrn Tobler? Wird dadurch seine finanziell schwierige Lage leichter? Haben sich dadurch die an den Mann zu bringenden Geschäfte von der Lähmung, die gegenwärtig an ihnen haftet, erholt? Ich bewohne hier eines der aussichtsfreisten und schönstgelegenen Zimmer der Welt. See und Gebirge und Wiesenlandschaft sind mir als Gratiszulage vor die Blicke und Füße gelegt worden, und womit rechtfertige ich ein solches verschwenderisches Entgegenkommen? Durch »Kopflosigkeit«! Was geht mich der Wirsich an samt seinen nächtlichen Weiberbesuchen? Etwas viel Wichtigeres geht mich viel näher an, und das ist die Firma, deren Schild ich auf meiner Stirne trage, deren Interessen ich im Kopf und im Herzen tragen sollte. Im Herzen? Warum nicht? Das Herz muß bei einer Sache sein, wenn die Finger und die Gedanken richtig sollen arbeiten können. Am Herzen liegen! Nicht umsonst sagen die Leute so.«
Er zergrübelte sich lange darüber den Kopf, was man wohl jetzt noch tun könnte, um der Reklame-Uhr stramm auf die Beine zu helfen, über welchem »geschäftlichen Nachdenken« er endlich einschlief.
Mitten in der Nacht erwachte er plötzlich. Er richtete sich in den Kissen auf: Ah, das war Silvis Geschrei! Er stund auf, ging zur Türe, öffnete sie und horchte, und da hörte er die Töne einer widerwärtigen Szene. Es war Paulines Stimme, die jetzt rief:
»Bist wieder zu faul gewesen, aufzustehen und dich aufs Töpfchen zu setzen, du wüstes Geschöpf?« Silvi wimmerte und suchte sich mit abgebrochenen Worten zu rechtfertigen, was ihr aber nicht gelingen mochte, denn zur Antwort auf ihre jämmerlichen Entgegnungen gab ihr die Magd Hiebe, daß es klatschte wie nasse Wäsche.
Joseph kleidete sich an, ging die Treppe hinunter, in das Schlafzimmer der Kleinen, und machte Pauline milde Vorwürfe. Diese aber rief, er habe sich gar nicht einzumischen, sie wisse, was sie zu tun habe, und er solle nur machen, daß er fortkomme, worauf sie die Silvi, wie um zu zeigen, welche Autorität sie im Kinderzimmer habe, an den Haaren riß und ihr befahl, sich wieder ins Bett zu legen, und zwar, zur Strafe, in das durchnäßte.
Der Gehülfe entfernte sich wieder, scheinbar demütig das Regiment der Zuchtmeisterin anerkennend. »Morgen oder übermorgen oder wann es sei,« dachte er, indem er sich von neuem schlafen legte, »muß ich der Frau Tobler eine zweite Rede halten. Mag es lächerlich sein. Es nimmt mich doch wunder, ob sie ein Herz hat. Als Angestellter des Hauses Tobler bin ich verpflichtet, ein Wort für die Silvi einzulegen, denn Silvi ist auch ein Glied dieses Hauses, dessen Interessen ich zu vertreten habe.«
Am nächsten Sonntag eilte er per Bahn nach der Hauptstadt, nachdem er ein Fünfmarkstück wie gewohnt in Empfang genommen hatte. Es war schönes, heißes Wetter, und die Eisenbahnfahrt ging den blauleuchtenden See entlang. Schon beim Aussteigen aus dem Wagen kam ihm die früher so wohlbekannte Stadt ganz fremdartig vor. Wie doch eine verhältnismäßig nur kurze Abwesenheit einen Ort umgestalten und ganz anders färben konnte; er hätte das nie für möglich gehalten. Es kam ihm alles so klein vor. Am Quai, längs des Seeufers spazierten im grellen Mittagssonnenschein eine Menge Menschen. Was für ganz fremde Gesichter! Und so arm erschienen Joseph alle diese Menschen. Freilich waren es ja Leute aus dem dürftigen, arbeitenden Volk, keine Herren und Damen, aber etwas Kümmerliches, das nichts mit der Dürftigkeit der wirtschaftlichen Armut zu tun hatte, wob sich um dieses ganze, helle Spaziergängerbild. Es war nichts anderes als die Fremdheit, die Ungewohntheit, die ihm entgegenblendete, und er fühlte es auch und sagte sich, daß, wenn einer bereits seit Wochen in der Toblerschen Villa lebe, er nicht nötig habe, sich über den Anblick eines Städtebildes und dessen Entfremdung zu verwundern. Bei Toblers gäbe es eben dickere, rötere Gesichter und festere Hände und ein gewichtigeres Auftreten, als wie man es hier in der leichten Stadt sähe, wo die Menschen nur zu bald mager und unscheinbar von Aussehen werden. Das Kleine und Enge sei immer eine ziemlich große und bedeutende Welt für sich, sobald man eine Zeitlang in nichts anderes mehr hineingeschaut habe, während gerade umgekehrt das Weite und wirklich Bedeutende anfangs klein und unansehnlich erscheine, weil es gar zu verbreitet, ausgedehnt und luftig sei. Im Toblerschen Haus herrsche eben von Anfang an eine gewisse kleine Dicke und Fülle, und die habe stets viel auf sich und bestricke sogleich, wogegen die Freiheit und die Weitschweifigkeit mit ihren breiten und auseinandergezogenen Rundsichten scheinbar erkälten, weil sie nach nichts Festem ausschauen. Das wirklich Wohltuende sei immer so bescheiden von Ansehen, während wiederum das Toblersche oder Tyrannische manches Gemütliche und Herzliche an sich habe, das einem aus Turmzimmern und dergleichen verlockend und vielversprechend entgegenkomme. Das irgendwo Gefesselt- und Gebundensein sei zuweilen wärmer und reicher voll zärtlicher Heimlichkeiten als die offene, Tür und Fenster der ganzen Welt offenstehen-lassende Freiheit, in deren hellen Räumen den Menschen oft nur zu bald grimmige Kälte oder drückende Hitze anfahre, aber die Freiheit, die er, Joseph, meine, du liebe Zeit, das sei doch am Ende das Schicklichste und Schönste und enthalte unsterblichen Zauber. –
Bald kam ihm denn auch das Bild städtischen Sonntaglebens nicht mehr so fremdartig und flüchtig und rauhbeinig vor, und je weiter er ging, um so vertrauter den Augen und dem Herzen wurde ihm alles. Er ließ seine Augen mitten unter die vielen Spaziergänger spazieren gehen, mit seiner an die Toblersche Küche gewöhnten Nase zog er wieder die Düfte der Stadt und des Stadttreibens ein, seine Beine marschierten wieder ganz munter auf städtischem Boden, als ob sie nie auf Landerde getreten wären.
Wie hell doch die Sonne schien, und wie bescheiden die Menschen sich hin-und herbewegten. Wie hübsch das war, daß man sich unter das Treiben, Stehen, Gehen und Hin- und Herpendeln verlieren konnte. Wie hoch der Himmel war, und wie das Sonnenlicht es sich auf allen Gegenständen, Körpern und Bewegungen bequem machte, und wie leicht und fröhlich der Schatten dazwischenhuschte. Die Wellen des Sees schlugen gar nicht stürmisch an die steinernen Dämme an. Es war alles so mild, so bedeckt, so leicht und hübsch, es war ebenso groß wie klein geworden, ebenso nah wie fern, ebenso weit wie fein und ebenso zart wie bedeutend. Es schien bald alles, was Joseph sah, ein natürlicher, stiller, gütiger Traum geworden zu sein, nicht ein gar so sehr schöner, nein, ein bescheidener, und doch ein so schöner. –
Unter den Bäumen eines kleinen Parkes oder Anlage ruhten Menschen auf Bänken. Wie oft hatte Joseph die eine oder die andere von diesen Bänken in Anspruch genommen, damals, als er in der Stadt gewohnt hatte. Er setzte sich auch jetzt, und zwar neben ein hübsch aussehendes Mädchen. Es ergab sich in einem durch den Gehülfen eingeleiteten Gespräch, daß sie Münchnerin sei, die hier in der ihr gänzlich fremden Stadt auf Arbeit lauere. Sie erschien arm und unglücklich, aber schon so manches Mal hatte er arme und wehmütige Menschen auf diesen Bänken angetroffen und angeredet. Die beiden sprachen einiges, dann erhob sich die Münchnerin plötzlich, um davonzugehen. Ob Joseph ihr mit einer Kleinigkeit an Geld helfen könne? Nein, nein, sagte sie, nahm dann aber doch etwas an und verabschiedete sich.
Was saßen auf solchen öffentlichen Ruhebänken nicht für verschiedenartige Menschen. Joseph fing an, sie der Reihe nach im Kreis herum zu betrachten. Jener junge, einzelne Mensch dort, der mit seinem Spazierstock Figuren in den Sand der Erde zeichnete, was konnte er sein, was in aller Welt, wenn nicht ein Buchhandlungsgehilfe? Vielleicht täuschte man sich, nun ja, so war er eben einer jener zahlreichen Warenhauskommis, die Sonntags jeweilen irgend etwas »vor« haben. Und dieses Mädchen da vis-à-vis, war sie eine Kokotte oder eine Anstandsdame oder ein artiges, zimperliches, den Erfahrungen, die die Welt mit beiden, reichen, warmen Armen den Menschen, einem wundervollen Blumenstrauß ähnlich, darbietet, abholdes Zierpflänzchen und -Püppchen? Oder konnte sie zweierlei oder gar dreierlei Gattung auf einmal sein? Möglich, denn das war ja auch schon vorgekommen. Das Leben ließ sich nicht so leicht in Kasten und Ordnungen abteilen. Und dort der alte, zerfallene Mann mit dem zerzausten Bart, was war er, woher kam er gerade, welchen Berufes und Zeichens durfte man annehmen, daß er etwa sei? War er ein Bettler? Gehörte er zu den undefinierbaren Gesellen, die während der Woche in der famosen Schreibstube für Stellenlose sitzen, wo sie ein paar Mark im Tagelohn oder Wochenlohn verdienen? Was war er früher gewesen? Trug er einen eleganten Anzug einst nebst dito Stock und Handschuhen? Ah, das Leben machte bitter, aber es konnte auch froh und innig demütig machen, und dankbar fürs Wenige, für das bißchen süße, freie Luft zum Einatmen. – Und was war das dort links für ein feines, ja sogar, wie es schien, vornehmes Liebes- oder Brautpaar? Waren es reisende und alle vorhandene Welt im Flug genießende Engländer oder Amerikaner? Die Dame trug eine zierliche Feder auf dem kleinen, ihr wie von irgendher angeflogenen Hut, und der Herr lachte, er schien sehr glücklich, nein, beide! Daß sie doch nur immer lachten, es war ja so schön, zu lachen und sich zu freuen.
Dieser schöne, liebe, lange Sommer! Joseph erhob sich und ging langsam weiter, durch eine reiche, elegante, aber stille Straße. An Sonntagen, ja, da saßen eben die reichen Leute zu Hause, die ließen sich heute recht spärlich sehen; auf die Straße zu gehen, das mochte an diesem Tage nicht fein genug sein. Alle Magazine waren geschlossen. Einzelnes, verstreutes Volk pendelte und wackelte daher, oft recht unschön anzuschauende Männer und Frauen. Welche Demut in solch einem verzettelten Spaziergängerbildnis war. Wie bitterlich arm ein Menschensonntag auftreten konnte. »Demütig werden,« dachte der Gehülfe, »wie ist das für so Manchen der letzte Lebenszufluchtsort.« –
Und er kam allmählich durch neue und andere Straßen.
Wie viele Straßen! Das dehnte sich in die Ebene hinaus, Haus an Haus, und die Hügel hinauf, und den Kanälen entlang, lauter größere und kleinere Steinblöcke, ausgehauen mit Wohnungen für reichere und ärmere Menschen. Hin und wieder kam eine Kirche, eine steife, glatte, neue, oder eine eindrucksvolle, ruhig dastehende alte mit Efeu am zerbröckelnden Gemäuer. Joseph ging an einem Polizeigebäude vorüber, aus dessen Lokalen einem ihm eines Tages vor Jahren der Schrei eines gemißhandelten Menschen entgegentönte, den man geknebelt hielt und mit Stockschlägen zu bändigen versucht hatte.
Es ging jetzt über eine Brücke, die Straßen erschienen nach und nach unregelmäßiger und loser, die Gegend, durch die er ging, bekam etwas Dörfliches. Katzen lagen vor den Haustüren, und die Häuser waren von kleinen Gärten umsäumt. Die Abendsonne legte sich gelblich-rot auf die hohen Hauswände und auf die Bäume in den Gärten und auf die Gesichter und Hände der Menschen. Man war in der Vorstadt.
Joseph trat in eines der neuen Häuser, die dieser noch beinahe ländlichen Gegend ein so merkwürdiges Aussehen gaben, stieg die Treppen empor, in die dritte Etage, blieb dort stehen, atmete sich anstandshalber aus, putzte sich ein wenig den Staub ab und klingelte dann. Die Türe wurde aufgetan, und die Frau, die in der Öffnung erschien, stieß, wie sie den Gehülfen erblickte, einen leisen Überraschungsschrei aus:
»Sie sind es, Joseph? Sie sind es? – Kommen Sie.«
Die Frau, indem sie ihm die Hand reichte, zog Joseph in ihr Zimmer hinein. Dort schaute sie ihm ziemlich lange in die Augen, nahm dem etwas steif Dastehenden den Hut vom Kopf, lächelte und sagte:
»Wie lange haben wir uns nicht gesehen. Setzen Sie sich.«
Einen Augenblick später sagte sie:
»Komm, Joseph, komm. Setz dich hierher, ans Fenster. Und dann erzähle mir. Du mußt mir sagen, wie du so lange hast leben können, ohne mir ein einziges Sterbenswörtchen zu schreiben, und ohne mich ein einziges Mal aufzusuchen. Trinkst du? Sage es nur ruhig. Ich habe noch einen Rest Wein in der Flasche.«
Sie zog ihn zu sich ans Fenster, und er fing an, ihr von der Elastiquefabrik, von den englischen Pfund, von der Militärdienstzeit und von der Firma Tobler zu erzählen. Unten auf der vorstädtischen Wiese spielten und lärmten eine Anzahl Kinder im Abendsonnenschein. Ein oder das andere Mal pfiff eine nahe Lokomotive, oder man konnte einen Betrunkenen singen und johlen hören, einer von jenen Gesellen, die den Sonntagabend mit wüsten, sozusagen brandroten Tönen zu heulen und zu charakterisieren pflegen.
Name und Geschichte der Frau, die jetzt ihrem jungen Bekannten zuhörte, sind sehr einfach.
Sie hieß Klara und war die Tochter eines Zimmermanns. Zufälligerweise stammte sie aus derselben Gegend wie Tobler und kannte daher dessen Jugend so ziemlich. Sie war streng katholisch erzogen worden, aber von der Zeit an, da sie in's Leben trat, veränderten sich ihre Weltanschauungen völlig, sie ergab sich der Lektüre freisinniger Schriftsteller, wie Heine und Börne. Sie arbeitete in einem Photographengeschäft, zuerst als Retoucheuse, dann als Empfangsdame und Buchführerin; der Chef des Geschäftes verliebte sich in sie, und sie gab sich ihm, nicht ohne an die Folgen einer solchen zwanglosen Hingebung zu denken, ja dieselben mit fester und freier Stirn gewärtigend, hin und war sehr glücklich. Sie bewohnte noch immer das väterliche Haus, eine jüngere Schwester von ihr war inzwischen an der Auszehrung gestorben. Nach dem Geschäft fuhr sie täglich hin, und zurück in ihr Haus, mit der Eisenbahn, ein und eine Viertelstunde lang. Zu jener Zeit empfing sie zum ersten Mal Josephs Besuche. Sie fand einiges Gefallen an dem jungen, damals kaum zwanzig Jahre alten Menschen und liebte es, seine Ergüsse, die von jugendlich-unreifer Art waren, anzuhören.
Es war damals eine sonderbare Welt und Zeit gewesen. Unter dem Namen »Sozialismus« hatte sich, einer üppigen Schlingpflanze ähnlich, eine zugleich befremdende und anheimelnde Idee in die Köpfe und um die Körper der Menschen, alte und erfahrene nicht ausgenommen, geworfen, dermaßen, daß, was nur Dichter und Schriftsteller hieß, und was nur jung und rasch bei der Hand und beim Entschluß war, sich mit dieser Idee beschäftigte. Zeitungen solchen Schwunges und Charakters schossen wie brennendfarbige, mit Düften hinreißende Blumen aus dem Dunkel der Unternehmungsgeister heraus an die erstaunte und erfreute Öffentlichkeit. Die Arbeiter und ihre Interessen nahm man damals allgemein mehr geräuschvoll als ernst. Es wurden häufig Umzüge veranstaltet, an deren Spitze auch Frauen schritten, blutigrote oder schwarze Fahnen hoch in der Luft daherschwenkend. Was nur immer mit den Verhältnissen und Ordnungen der Welt unzufrieden war, schloß sich dieser leidenschaftlichen Gedanken- und Gefühlsbewegung hoffnungsvoll und zufrieden an, und was die Abenteuerlust einer gewissen Sorte von Schreiern, Krakehlmachern und Schwätzern vermochte, die Bewegung einesteils prahlerisch hochzuheben und anderteils in die Gemeinheit des Tages herabzuziehen, das bemerkten die Feinde dieses »Gedankens« mit einer Art vergnüglichem Hohnlächeln. Die ganze Welt, Europa und die übrigen Erdteile, so hieß es damals unter den jungen und halbreifen Geistern, verbände und vereinige diese Idee zu einer fröhlichen Menschenversammlung, aber nur wer arbeite, sei berechtigt, usw.
Joseph und Klara waren damals ganz und gar von diesem vielleicht edlen und schönen Feuer ergriffen worden, das nach ihrer beiderseitigen Meinung kein Wasserstrahl und keine üble Nachrede auszulöschen vermochte, und das sich, einem rötlichen Himmel ähnlich, über die ganze runde rollende Erde erstreckte. Sie liebten beide, wie es damals Mode war, die »Menschheit«.
Sie saßen oft stundenlang, bis in die späteste Nacht hinein, in der Stube, die Klara in dem kleinen Hause ihres Vaters bewohnte, und unterhielten sich über die Wissenschaften und über herzliche Dinge, wobei Joseph, so schüchtern er sonst auch im Umgang mit Menschen war, immer das meiste redete, wie es sich auch ziemte, da ihm die Freundin wie eine erhabene Lehrerin vorkam, der gegenüber er seine Gedanken wie mehr oder weniger gut einstudierte Schulaufgaben zu äußern und aufzuzählen hatte. Wie schön waren diese Abende. Jedesmal, wenn er dann nach Hause ging, leuchtete ihm die Frau, die damals noch Mädchen war, mit einem Licht die Treppe hinunter und sagte ihm mit ihrer sanften Stimme adieu und auf Wiedersehen. Wie ihre Augen leuchteten, wenn er sich zurückbog, um sie zu guter Letzt noch einmal anzuschauen.
Dann bekam Klara ein Kind und wurde eine »freie Frau«, das heißt, sie fühlte sich sehr bald in der härtesten Weise durch ihren Freund, den Photographen, verraten und infolgedessen aufs tiefste degoutiert, so daß sie ihm eines Abends, sie selber lebte in den ärmlichsten Umständen, einfach die Türe zeigte und zu ihm nur das eine, kurze, befehlende Wort sagte: »Geh!« – Er war ihrer unwürdig! Sie mußte sich das tapfer sagen, oder sie mußte verzweifeln. Aber von da an liebte sie nicht mehr die »Menschheit«, sondern sie betete ihr Kind an.
Sie schlug sich durch, sie war mutig und war von jeher ans Zugreifen in die Arbeit gewöhnt gewesen. Bald hatte sie sich einen eigenen Photographenapparaten angeschafft und eine Dunkelkammer eingerichtet, und während sie die Herrlichkeiten der Erziehung und Pflege eines kleinen Kindes, die Mühen derselben, die Freuden, die Sorgen um dies alles empfand, photographierte sie auf Postkarten und verkehrte mit Händlern und Grossisten wie der geriebenste Geschäftemacher. Sie schloß sich einer Freundin aus der Jugendzeit, die ein ähnliches Geschick wie sie selber zu kosten bekommen hatte, häuslich an und lebte mit ihr in ein und derselben Wohnung. Es war eine Frau Wenger, eine intelligente aber ungebildete Frau, ein »guter Kerl«, wie Klara von ihr sagte. Der Mann dieser Frau war Mitglied oder Soldat der Heilsarmee, obgleich er ein durchaus an Verstand und Gemüt geradegebauter Mensch, und durchaus kein religiöser Schwärmer war. Zu den Schwärmern war er einfach aus praktischen Gründen übergetreten. »Tritt du nur dort ruhig ein, Hans, du verlernst dort am besten das Trinken,« hatte die eigene Frau zu ihm gesagt. Ihr Hans »trank« nämlich.
In dieser Zwei-Frauen-Wohnung fand sich Joseph als ein gerngelittener Gast häufig ein. Etwas zu essen und zu trinken mochte es da immer geben, eine Tasse Milch oder ein Glas Tee, und fidel, wenn auch in den Schranken der Zartheit, die immer um Frauen von Lebenserfahrung gezogen sind, ging es zu. Man lachte und meinte, jetzt dürfe man lachen, da man ein Stück Welt hinter sich habe. Klaras Knabe und dessen Eigenschaften wurden besprochen. O man hatte nun schon vielerlei erfahren. Auch Joseph sprach kein Wort mehr von der »Menschheit«. Das war längst vorüber. Je schwerer es einem wurde, ein »rechter Mensch« zu werden, desto weniger mochte man große Worte in den Mund nehmen, und schwer war es, »recht« zu bleiben, das empfand man jeden Tag deutlicher.
Nach und nach kam Joseph spärlicher, und dann geschah es, daß er sich ein ganzes Jahr nicht mehr blicken ließ. Ein Tages erhielt Klara dann plötzlich einen wunderlich kurzen Brief, ob er sie wieder besuchen dürfe? Sie hieß ihn willkommen, und so ein paar Male, nach wiederholten, langen Absenzen, immer wieder.
Und nun saß er da am Fenster, und sie lauschte dem, was er erzählte.
Auch Klara erzählte, unter anderem, daß sie sich bald ehelich verheiraten werde. Das Kind müsse einen Vater haben, und sie selber bedürfe einer Mannesstütze, sie sei jetzt öfters unwohl und unfähig, das Erwerbsleben, das sie so lange geführt habe, zu ertragen. Sie sei zu schwach geworden, so allein und ungeliebt zu leben, sie sehne sich darnach, die Müdigkeit, die ihre ganze Seele beherrsche, von einer Hand und von einem guten, offenen Willen gestreichelt und geliebkost zu sehen. Sie sei nur eine Frau, und nur eine hoffende Frau. Der Mann, den sie erwählt habe, habe sich einfach von ihr bereden, rühren und erwählen lassen, das Ganze sei eine zu einfache Geschichte, als daß sie lange erzählt zu werden brauche. »Er« liebe sie und begehre, begehre und begehre nur, sie glücklich zu machen. Ob das nicht das Einfachste von der Welt sei? Und was Joseph, den sie nun schon so lange kenne, zu dem allem sage? Er solle schweigen, denn sie wisse, daß er jetzt nur eine Artigkeit habe auf die Lippen legen wollen, sie kenne ihn, das genüge.
Sie gab ihm lächelnd die Hand.
All das Vergangene, sprach sie weiter, all das schöne Vergangene! Wie gut es gewesen sei, all das Vorübergegangene, und wie »recht«. Und die mannigfaltigen Irrtümer: wie recht. Und das Gedankenlose, wie notwendig! Jung sein, das irre, das müsse ohne Gedankentiefe reden und handeln, damit es ein Vorwärts gebe. Nach den Erfahrungen kämen immer noch Gedanken und Empfindungen genug, und ein langes Leben erdrücke nachher das Jugendleben.
Und sie sprachen beide von der Vergangenheit, indem sie einander die Worte und Ausrufe aus dem Mund wegnahmen, um sie gutzuheißen und nachzusagen.
Es gibt bei einem solchen Wiederfinden keine Widersprüche, es will keine geben. Eines sagt dem andern die Erinnerungen nachdenklich und freundlich nach, die Lippen sprechen ineinander, die gesprochenen Worte finden nur Beifall und Widerhall, keine Einwendungen; und Auseinandersetzungen finden, man möchte sagen, nur im musikalischen Sinne statt.
Ja, das Vergangene kam über sie, und rauschte um sie herum, und machte sie die Welt rückwärts, gleichsam treppab, überschauen. Sie brauchten ihre Gedächtnisse gar nicht zu zwingen, dieselben bogen von selber ihre feinen Arme und Schlingen nach den Gegenden des Erinnernswerten, um es spürbar näher zu bringen und zu tragen.
»Wie oft bin ich launisch und ungroßherzig gewesen,« sagte Joseph bedauernd. Und Klara erwiderte, er sei doch der einzige, der immer wieder zu ihr komme:
»Du machst lange Pausen, aber du kommst immer wieder. Du liebst es, dich selten zu machen, aber man hat während der Pause das Gefühl, du denkest an einen. Und eines Tages bist du dann da, und man wundert sich darüber, wie wenig du dich verändert, wie vortrefflich du es verstanden hast, der Alte zu bleiben. Und man spricht mit dir, als seiest du bloß in den nächstbesten Bäckerladen getreten, habest kein jahrelanges Loch in die Freundschaft gemacht, wie es doch jedesmal mit dir Flüchtling der Fall ist, seiest immer um einen herum gewesen. Andere Männer, Joseph, wissen für immer wegzubleiben, das Leben wirft sie in neue Richtungen, und sie kehren nie wieder an den alten Freundschaftsplatz zurück. Dich vernachlässigt ein bißchen das Leben, hörst du, und deshalb kannst du so schön deinen eigenen Neigungen treu bleiben. Ich will dich weder verletzen noch preisen, beides wäre unwahr, und wir beide, nicht wahr, sind bis jetzt immer noch ganz gut mit der Eindeutigkeit gefahren. Was du mir bist und was ich dir bin, bleiben wir uns!«
Es war Nacht geworden über den Gesprächen. Sie verabschiedeten sich.
»Kommst du bald wieder?«
Joseph sagte, indem er den Hut aufsetzte, es sei ja, da er doch, wie sie sage, immer der Alte bleibe, gleichgültig, ob er in Jahrzehnten oder in vier Tagen wiederkomme.
Sie schieden infolge dieses Wortes kalt voneinander.
Du bist jetzt, Herr Angestellter, oder wie du sonst gern genannt sein willst, wieder in der Villa Tobler, merke dir das, und die Reklame-Uhr schießt dir als ein flügelschlagender Vogel über den etwas poetisch, wie es scheint, veranlagten Kopf. Der weichliche Sonntag ist vorüber, und der harte, robuste Werktag hat dich soeben wieder angepackt, und da wirst du dich in die Brust werfen müssen, wenn du seinem kraftvollen Willen einigermaßen Stand halten willst. Bleibe nur ruhig der »Alte«, wie deine Freundin Klara sich ausdrückte, das wird weniger schaden, als wenn du dir plötzlich einreden wolltest, ein vollkommen »Neuer« zu werden. So von einem Tag auf den andern wird man kein Neuer, auch das schreibe dir, wenn es dir beliebt, nur gleich hinter die Ohren. Wenn aber einen »das Leben vernachlässigt«, auch so ein Frauensprüchlein, und wie es scheint, ein zutreffendes, so muß man gegen diese in der Tat unwürdige Vernachlässigung ankämpfen, hörst du, und nicht am heiterhellen Tag und an Abenden voll wehmütigen Sonnenuntergangscheines mit alten Freundinnen über das »Vergangene« reden. Man wird so etwas jetzt gefälligst bleiben lassen müssen. Dagegen wird man sich seiner Pflichten zu erinnern haben, da Sonntage und Sonntagsausflüge zufälligerweise nicht ewig andauern, und wird müssen zugeben, daß diese Pflichten bislang von einem gewissen Gehülfen auch so ein wenig »vernachlässigt« worden sind, gerade wie das Leben es mit diesem Herrn selber bis jetzt getan hat. Und die »Kopflosigkeit«? Ist sie nun endgültig beseitigt worden? So schnell füllen sich Köpfe nicht an, das muß erarbeitet werden. Dulde du nur keine Trägheit in dir, und so wird, meint man, nach und nach schon etwas in deinen Kopf kommen. Die Reklame-Uhr liegt am Boden und jammert nach flüssigen Kapitalien. Nun also, gehe auf sie zu, stütze sie, damit sie sich wieder langsam, Glied für Glied, erheben und sich in der Meinung und im Urteil der Menschen ein für allemal befestigen kann. Eine deines Geistes, wenn du willst, würdige und nutzbringende Aufgabe. Sorge du nur auch dafür, daß aus dem Schützenautomaten bald Patronen herausfallen, zaudere nicht so lange, zieh energisch am Hebel, die Maschine, die von Herrn Tobler, deinem Herrn und Meister, so ingeniös erdacht und ausgeführt worden ist, wird sich dann schon in Bewegung setzen. Keine Gefühle jetzt. Man spaziert nicht immer, man leistet auch einmal etwas, und man wird sich auch gelegentlich, aber nicht erst in Wochen, sondern so rasch wie möglich, die Bohrmaschine näher ansehen müssen, damit man mit allem, was das Geschäft Tobler betrifft, Bescheid weiß. Eine nur zu bescheidene Pflicht für denselben jungen Mann, der der Frau Tobler, was er so sehr schätzt, helfen darf, im Garten Wäsche aufzuhängen. Man muß auch die verborgenen Dinge bedenken, auf die kommt es an in einem Ingenieurbureau. Zum Waschseilspannen, mein Herr Gartenbespritzer und -Bewässerer, hat man Sie nicht hier hinauf auf den grünen Hügel berufen. Sie spritzen mit Vorliebe den Garten, nicht wahr? Schämen Sie sich! Und haben Sie auch schon nur ein einziges Mal an den patentierten Krankenstuhl gedacht? Nicht? Gott im Himmel, ein solcher Angestellter. Sie verdienen, vom »Leben vernachlässigt« zu werden. –
Das ungefähr waren Josephs eigene Gedanken, als er am Montag Morgen früh im Bett erwachte. Er stund auf, schickte sich an, das Nachthemd mit dem Taghemd zu wechseln, wobei er aber eine gute Minute im Anblick seiner Beine versunken blieb. Nachdem die Beine studiert waren, wurden die nackten Arme einer Prüfung unterworfen. Joseph stellte sich vor den Spiegel und fand es sehr interessant, sich hin und her zu drehen und seinen Körper zu betrachten. Ein guter, ordentlicher Körper, und gesund, fähig, Anstrengungen und Entbehrungen zu ertragen. Mit einem solchen Leib ausgestattet mußte es eine wahre Sünde sein, länger als für das Ruhen notwendig im Bett liegen zu bleiben. Ein Karrenschieber konnte keine gesunderen, fester gebauten Glieder haben. Er zog sich an.
Und zwar sehr langsam. Es war ja noch Zeit, und auf ein paar Minuten konnte es nicht ankommen. Zwar war Tobler in diesem Punkt anderer Meinung, wie Joseph bereits tüchtig erfahren hatte, aber Tobler selber, der montagete heute. Unter montagen verstund man das länger als sonst ausgestreckt im Bett Liegen-Bleiben, das sich ein bißchen mehr als alle andern Wochentage Wohlseinlassen und Gehenlassen, und gerade Tobler, der war ja der Richtige in diesen Montagdingen, der würde heute sowieso erst um halb elf Uhr unten im Bereiche der technischen Lösungen und Probleme erscheinen.
Die Haare schienen heute früh außerordentlich schwer zu bürsten und zu kämmen zu sein. Die Zahnbürste erinnerte an vergangene Zeiten. Die Seife, womit man die Hände waschen sollte, glitt aus, fuhr unters Bett, und man mußte sich bücken und sie aus dem hintersten Winkel hervorziehen. Der Kragen war zu hoch und zu eng, obgleich er doch gestern prächtig gepaßt hatte. Welche wunderbaren Dinge. Und wie langweilig das alles war.
An einem andern Ort und zu einer andern Stunde wäre das alles vielleicht niedlich, belehrend, nett, fein, amüsant, ja entzückend gewesen. Joseph erinnerte sich gewisser Zeiten in seinem Leben, wo ihn der Ankauf einer neuen Krawatte oder eines steifen, englischen Hutes in seelische Aufregung versetzen konnte. Vor einem halben Jahr hatte er eine solche Hutgeschichte erlebt. Es war ein halbhoher, ganz guter, normaler Hut, wie ihn die »bessern« Herren zu tragen pflegten. Er aber traute dem Hut nichts Gutes zu. Er setzte sich ihn tausendmal auf den Kopf, vor dem Spiegel, um ihn dann endlich auf den Tisch zu legen. Dann ging er drei Schritte weg von dem niedlichen Ungetüm und beobachtete ihn, wie ein Vorposten den Feind beobachtet. Es war nichts an ihm auszusetzen. Hierauf hängte er ihn an den Nagel, auch da erschien er ganz harmlos. Er versuchte es wieder mit dem Kopf, entsetzlich! Es schien ihn von unten bis oben zerspalten zu wollen. Er hatte das Gefühl, als ob seine Persönlichkeit eine benebelte, gesalzene, halbierte geworden sei. Er trat auf die Straße: er schwankte wie ein schnöder Betrunkener, er fühlte sich wie verloren. Er trat in eine Erfrischungshalle, legte den Hut ab: gerettet! – Ja, das war eine Hutgeschichte gewesen. Auch Kragengeschichten, Mäntelgeschichten und Schuhgeschichten kamen in seinem Leben vor.
Er verfügte sich ins Wohnzimmer hinunter, um zu frühstücken. Er aß unbändig, geradezu unanständig. Es befand sich übrigens niemand am Tisch, aber trotzdem! Gerade dann! Den Anstand beim Essen brauchte man ja auch so nicht außer acht zu lassen. Woher er nur einen solchen Hunger hatte? Weil es Montag war? Nein, ihm mangelte eben der Charakter, das war es. Er hatte eine solche kindische Freude beim Brotabschneiden, und doch war es Toblers Brot, nicht seines, und dann empfand er ein solches Vergnügen beim Herauslöffeln der Bratkartoffeln, und wessen Bratkartoffeln waren es wenn nicht Toblers? Es kam ihm wunder wie schön vor, noch etwas über den Appetit hinaus zu essen, und wem schadete er dadurch? Nachdem er so weit fertig war, hätte er eigentlich aufstehen können, um hinter seine Arbeit zu gehen, aber was machen, wenn es einem festhielt am Platz, wenn man sich nicht zu trennen vermochte vom Eßtisch? Da kam Pauline und verjagte ihn mit ihrer ihm unangenehmen Erscheinung.
Im Bureau! Erst ein bißchen auf und ab gehen, das gehörte doch schließlich zur Sache, so fing einer immer an, wenn er zu arbeiten sich vornahm. Gehörte Joseph zu den Menschen, die mit Ausschnaufen ein Geschäft beginnen und erst nach Beendigung desselben, das heißt, nach halber Beendigung energisch werden, das heißt wiederum, nur dazu energisch, um sich über irgend einen billigen Genuß herzumachen? Er zündete langsam einen der wohlbekannten Stumpen an, die ihm jeweilen den Gedanken an die beginnende Arbeit so sehr versüßten, und rauchte drauf los wie das Mitglied eines Rauchklubs.
Und dann setzte er sich wieder einmal an seinen Schreibtisch, und fing an, sich nützlich zu erweisen.
Gegen zehn Uhr erschien Tobler, sehr aufgeräumt, wie Joseph sogleich bemerkte. Man durfte daher etwas Leichtigkeit in das »Guten Morgen, Herr Tobler« legen und den Stumpen von neuem anzünden. In der Tat ging von der Figur des Vorgesetzten und Chefs der Firma eine außerordentliche Fröhlichkeit aus. Er schien den Abend vorher tapfer gezecht zu haben. Jede seiner gegenwärtigen Gesten sagte: »Nun, jetzt weiß ich, wo der Haken liegt. Von jetzt an wird im Gang meiner Geschäfte eine neue Wendung eintreten.«
Er erkundigte sich in der freundlichsten Weise nach der Richtung, die Josephs sonntägliche Vergnügungen eingeschlagen hätten und rief, als derselbe ihm sagte, wo er gewesen sei, aus:
»Ja so? In der Stadt sind Sie gewesen? Und wie hat es Ihnen denn dort nach der längern Abwesenheit wieder gefallen? Nicht schlecht, was? Jawohl, die Städte vermögen manches zu bieten, aber man kommt schließlich doch auch gern wieder zurück. Habe ich recht oder nicht? Aber was ich sagen wollte, Sie haben, wie ich bemerkt habe, entschuldigen Sie, ha, ha, keine gar sehr guten Kleider mehr am Leib. Da gehen Sie heute nur zu meiner Frau, die soll Ihnen einen noch ganz wie neu aussehenden Anzug von mir geben. Sagen Sie nur, den grauen Anzug, dann wird sie schon verstehen, welchen. Sie brauchen sich nicht im mindesten zu genieren, ich trage doch so wie so diesen Anzug nicht mehr. Und ein paar farbige Hemden mit dazugehörigen Brüsten und Manschetten, für Sie sicher ganz ausgezeichnet passend, wird es wohl noch in der Villa Tobler geben. Meinen Sie etwa nicht?«
»Ich habe alle diese Sachen gar nicht nötig,« sagte Joseph.
»Warum nicht nötig? Sie sehen ja selber, wie bitter nötig Sie's haben. Machen Sie keine Umstände, wenn ich Ihnen etwas gebe. Nehmen Sie's, fertig.«
Tobler war ungehalten. Plötzlich dachte er an etwas. Er setzte sich unter die Mechanik des Probe-Schützenautomaten auf einen dort stehenden Stuhl und sagte nach einer halben Minute: »Ich weiß wohl, was Sie denken, Marti. Es ist wahr, Sie haben noch keinen Gehalt bekommen, und Sie werden denken, es werde auch keinen geben. Gedulden Sie sich. Andere müssen jetzt eben auch Geduld haben. Im übrigen will ich nicht hoffen, daß Sie's für nötig finden, mir deswegen eine bittere Miene zu machen. So etwas würde ich keineswegs in meiner Umgebung dulden. Wer so ißt, wie Sie essen und eine solche Luft genießt, wie diejenige ist, die Sie hier oben bei mir einatmen, der hat noch eine lange Strecke zu laufen bis zur Klage. Sie leben! Denken Sie nur immer ein bißchen daran, in welcher Verfassung Sie dagestanden sind, als ich Sie dort in der Stadt engagiert habe. Sie sehen wie ein Fürst aus. Dafür werden Sie mir denn auch ein wenig Dank wissen müssen.«
Joseph sagte, und es war ihm später unbegreiflich, wo er die Frechheit dazu hernahm:
»Schon gut, Herr Tobler! Aber erlauben Sie Ihrem Untergebenen, Ihnen zu sagen, daß es mir recht peinlich ist, beständig an das gute Essen, an die prachtvolle Luft und an die Betten und Kissen, in denen ich schlafe, erinnert zu werden. So etwas kann einem die Luft, den Schlaf und das Essen beinahe vollständig verderben. Was muten Sie mir zu, wenn Sie glauben, Ursache zu haben, mir den natürlichen Aufenthalt und Genuß, den ich hier oben bei Ihnen habe, in einem fort vorwerfen zu müssen? Bin ich ein Bettler oder ein Arbeiter? Ruhig, Herr Tobler. Bitte, ich mache hier keine Szene, ich setze ganz einfach etwas für unser gegenseitig notwendiges Verständnis auseinander. Ich möchte festgestellt haben dreierlei. Erstens weiß ich Ihnen für alles, was Sie mir ›bieten‹, Dank, zweitens wissen Sie das, denn Sie konnten das meinem bisherigen Betragen ruhig entnehmen, und drittens leiste ich etwas, ein Beweis für dieses Letztere ist die Tatsache, daß mein Gewissen und Ihre Klugheit mich immer noch hier beschäftigt sehen. Was die Kleidergeschenke, die Sie mir gütigst machen wollen, betrifft, so habe ich mich in diesem Moment eines Bessern besonnen: ich nehme sie mit geziemendem Dank an, ich kann Wäsche und Kleider brauchen, wenn ich mich aufrichtig frage. Den Ton dieser Sprache werden Sie mir verzeihen müssen, oder – Sie werden gezwungen sein, mich aus dem Hause zu werfen. Es bedurfte dieser Sprache und dieses Tones, denn ich habe das aufrichtige Bedürfnis gefühlt, Ihnen zu zeigen, daß ich mich unter Umständen gegen – wie soll ich sagen – Grobheiten wehren kann.«
»Donnerwetter noch einmal! Wo haben Sie dieses Mundwerk her? Es ist ja zum Lachen, das. Sind Sie eigentlich närrisch geworden, Joseph Marti?«
Tobler fand es für das Vernünftigste, laut zu lachen. Aber schon im nächsten Augenblick zog sich seine Stirne in grimmige Falten:
»So zeigen Sie auch, Teufel noch einmal, daß Sie imstande sind, etwas zu leisten. Bis jetzt habe ich noch wenig davon bemerkt. Ein großes Maul macht noch keine nennenswerte Leistung, haben Sie das verstanden? Wo sind die Briefe, die noch beantwortet werden sollen?«
Joseph sagte kleinmütig: »Hier!« Er war wieder völlig befangen. Die Briefe lagen am falschen Ort. Tobler packte den ganzen Briefkorb und schleuderte ihn mit einer wilden Zornesbewegung zu Boden. Er schrie:
»Und das will noch immer aufbegehren. Passen Sie lieber besser auf und seien Sie weniger empfindlich. – Schreiben Sie!«
Und er diktierte folgendes: