Der Gehülfe
Durch meinen Anwalt Bintsch wird es Dir…
Liebe Mutter!
Durch meinen Anwalt Bintsch wird es Dir zu Ohren gekommen sein, in welch elender Lage ich mich zurzeit befinde. Ich sitze in meinem Haus wie der gefangene Vogel unter den stechenden und zum voraus schon tötenden Blicken der Schlange. Ich bin von Gläubigern derart umgeben, daß, wenn das Freunde und Gönner wären, ich zu den reichen und allbeliebten Menschen zählen müßte; aber leider sind es die unbarmherzigsten Leute und ich der Bedrängteste der Menschen. Du hast mir, liebe Mutter, früher auch schon mehr als einmal aus der Klemme geholfen, ich weiß es, und ich bin Dir allezeit im stillen dankbar dafür gewesen, so bitte ich Dich denn, und zwar dringendst, und so, wie Menschen bitten, denen das Messer der öffentlichen Schande am Halse sitzt, hilf mir auch dieses Mal noch aus der Verlegenheit und sende mir umgehend, wenn es Dir irgendwie möglich ist, wenigstens einen vorläufigen Teil der Gelder, die ich nach allem, was Recht heißt, heute noch zu beanspruchen habe. Mutter, versteh mich, ich drohe nicht, ich sehe ein, daß ich vollkommen von Deinem guten Willen abhängig bin, ich sehe auch ein, daß Du mich ins Verderben stürzen kannst, wenn Du willst, aber warum solltest Du das wollen können? Gegenwärtig ist auch noch meine Frau krank, Deine Tochter. Sie liegt im Bett und wird es so rasch nicht wieder verlassen dürfen, ja, ich darf noch froh sein, wenn sie es überhaupt eines Tages wird verlassen können. Du siehst, auch das noch! Was soll ein Geschäftsmann, der dermaßen von Schlägen und Stößen getroffen worden ist, beginnen? Bis jetzt habe ich noch immer einigermaßen gewußt mich über dem Wasser zu halten, jetzt aber bin ich in der Tat am Rande der absoluten Unmöglichkeit, mich ferner zu halten, angekommen. Was sagst Du dazu, wenn es bald einmal, eines schönen Morgens oder Abends, in der Zeitung steht, Dein Sohn habe sich das Le – – – doch nein, ich bin nicht imstande, das ganz auszusprechen, denn ich spreche zu meiner Mutter. Schicke mir unverzüglich das Geld. Auch das ist keine Drohung, nur eine Mahnung, aber eine sehr ernste. Auch in der Haushaltung ist fast kein Geld mehr, und an den Gedanken, daß die Kinder über kurz oder lang nichts mehr werden zu essen haben, bin sowohl ich wie meine Frau längst gewöhnt. Ich schildere Dir meine Zustände nicht wie sie sind, sondern so, wie ich sie sehen will, um den Anstand der Sprache zu bewahren. Meine Frau grüßt Dich herzlich und umarmt Dich, ebenso Dein Sohn
Karl Tobler.
Nachbemerkung: Ich bin auch heute noch vom endlichen Gelingen meiner Unternehmungen felsenfest überzeugt. Die Reklame-Uhr bewährt sich, verlaß Dich darauf. Und noch etwas: Mein Gehülfe verläßt mich, wenn er seinen rückständigen Gehalt jetzt nicht ausbezahlt erhält.
Der Obige.
Während Tobler diesen Brief an seinem Pult aufsetzte, richtete der Angestellte an seinem Schreibtisch die Mündung des Korrespondenzgeschützes auf einen Bruder von Tobler, einen in angesehener Weltstellung in einem entfernteren Landesteil lebenden Regierungsbaumeister, indem er demselben, gemäß den von seinem Chef soeben erhaltenen Instruktionen, ans Herz legte, wie miserabel es im Abendstern hergehe und daß es allerhöchste Zeit sei usw.
»Haben Sie geschrieben? Zeigen Sie her. Ich werde unterzeichnen, oder nein, halt, der Brief muß so abgefaßt sein, als würden Sie ihn aus eigenem Antrieb und Interesse für Ihren Prinzipal geschrieben haben. Schreiben Sie ihn anders und unterschreiben Sie selbst. Tun Sie so, als schrieben Sie ohne mein Wissen, haben Sie gehört? Ich stehe mit meinem Bruder nicht gut, Sie aber sind ihm ein vollständig Fremder. Machen Sie rasch. Ich muß überlesen, was Sie da aufsetzen. Und dann muß ich zum Bahnhof.« –
Tobler lachte und sagte:
»Das sind Kunststücke, mein lieber Marti, aber man muß sich in Gottesnamen zu helfen wissen. Schreiben Sie das nur auch gleich meinem noblen Herrn Bruder, das von Ihrem rückständigen Gehalt. Und dann wollen wir beide jetzt sehen, ob die Dinger einschlagen, oder nicht. Meine Mutter wird schon müssen. Andernfalls – – und vergessen Sie nicht, die ganze Reklame-Uhr-Geschichte noch einmal mit sauberer Schrift übersichtlich zusammenzustellen. Rauchen Sie! Stumpen sind wenigstens noch da. Nun holt uns entweder der Teufel oder wir brechen durch.«
»Wie diesen Mann die Hoffnungen und ›Kunststücke‹ hinreißen,« dachte Joseph.
Nach ein paar Tagen konnte dann Frau Tobler wieder aufstehen. Es war auch gut, denn die Pauline bedurfte einer regierenden Hand in der Tat. Sie hatte angefangen, nachlässig zu werden. Die Frau erschien wieder, mit einem dunkelblauen Hauskleid lose bedeckt, im Wohnzimmer und fing leise an, sich den häuslichen Geschäften und Sorgen wieder zu widmen. Sie trat leise und schön auf, und sie schien mit ihrer ganzen Gestalt still zu lächeln. Ihre Stimme war dünner geworden, ihre Bewegungen kürzer und furchtsamer, und ihre Augen schauten nach allen Seiten umher wie neugierige Kinderaugen. Die Krankheit hatte eine schöne Sanftheit über ihr ganzes Betragen geworfen, sie sah aus, als hätte sie sich von nun an nie mehr ereifern, als hätte sie niemals mehr für irgend etwas Partei ergreifen können. Mit ihrer Dora verfuhr sie natürlicher, nicht mehr gar so zuckerig, die Konditorei hörte ein bißchen auf zu blühen, und die Silvi konnte sie anschauen, ohne daß ihr der offenbare Zorn ins Gesicht schoß, was vorher beinahe jedesmal der Fall gewesen war. Sie schien im allgemeinen eine gewisse Kompliziertheit des Herzens abgeworfen zu haben, sie sah nach etwas Edlerem und Schlichterem als sonst aus, man schaute sie an und empfand so, und sie selber glaubte auch so empfinden zu müssen. Das Gesicht drückte Kummer aus, aber auch Freundlichkeit und Gelassenheit und etwas beinahe hoheitsvoll Mütterliches. »Ich bin wieder einigermaßen gesund, Gott sei Dank!« schienen alle ihre kleinen Gebärden zu sagen, und diese Sprache mußte eine tiefe und wahrhaftige sein, denn Bewegungen und Manieren können nicht gut lügen. Der Mund fieberte noch ein wenig, als läge auf ihm noch das erregte Zucken früherer unschöner Aufregungen, aber im großen ruhigen Auge lag es und leuchtete es klar geschrieben: »Ich bin ein wenig besser, feiner und überlegener geworden. Seht mich an. Nicht wahr, ihr merkt es?« – Ihre Hände griffen behutsam nach den Handarbeiten oder Geschirren oder nach einem Buch, es war, als ob diese Hände die Gabe des Nachdenkens bekommen hätten. Sie schienen auch Lippen zu haben und zu sagen: »Wir denken jetzt über manches, manches viel ruhiger und offener nach. Wir sind zarter geworden.« – Ja, die ganze Frau Tobler war ein wenig zarter, aber auch ein wenig blasser geworden.
Wie gut es ihr gefiel im Wohnzimmer. Das war tüchtig geheizt worden. Sie schaute durch die Fensterscheiben hinaus. Draußen lag alles im undurchsichtbaren Nebel. Wie schön das war, daß man gar nichts sehen konnte. Wie gemütlich es hier drinnen war. Einen Augenblick lang flatterte ihr das Bild des Sommers vor den zufriedenen Augen, sie sah es in Gedanken ganz ruhig an mit einem: Nun ja! und es verschwand wieder. Dann dachte sie an ihr neues Kleid und an die hauptstädtische Schneiderin, Frau Bertha Gindroz, und sie mußte leise lachen. Sie wischte ein bißchen den Staub von den Möbeln, aber sie rührte die Möbel eigentlich mehr nur so an, als würde sie dieselben haben liebkosen und grüßen wollen. Wie ihr alles lieb und neu war. Diese paar Tage! Und diese paar Tage, diese eine kurze Woche, hatte ihr alles in eine fremdartige, wohltuende Neuheit geworfen. Es lag alles in einem eigentümlichen, verkleinernden, verzierlichenden Schimmer, es schwindelte ihr ein wenig, sie setzte sich.
Der Hund war jetzt die meiste Zeit im Zimmer. Es war längst zu kalt im Hundehaus geworden. Nur während der Nacht mußte er draußen liegen.
Auch oben im Turmzimmer, welches man nicht heizen konnte, fing es an unleidlich kalt zu werden, so verbrachte Joseph die Abende und manchmal halben Nächte unten in der Wohnstube, meistens allein mit der Frau, die jetzt kaum noch jemanden zu Besuch empfing. Die Parketteriefrauen, die alte Dame und das Fräulein, waren mit Toblers infolge eines Meinungs- und Rechtsstreites böse geworden. Es handelte sich um einen kleinen, an beide Nachbargüter anstoßenden Grundstücksecken, den jeder von beiden Parteien beanspruchte. Die Sache war zu geringfügig, um vor Gericht getragen zu werden, aber sie machte böses Blut, es entstanden Schimpfworte, Beleidigungen, und der bisherige freundnachbarliche Verkehr hörte eben auf. Die alte Gluckhenne solle ihm nur nie wieder über den Gartenhag ins Haus kommen, hatte Tobler gesagt. Die Freundschaft war damit bündig gebrochen. Überhaupt, von welchen Personen hatte nicht Tobler ähnliches gesagt? Fast die meisten »sollten es nur noch einmal wagen, den Fuß auf Toblersches Terrain zu setzen, dann würden sie schön ankommen!« –
So saß man an den langen Abenden allein. Die Lampe beleuchtete meistens zwei Köpfe, den der Frau und den des Gehülfen, der ihr Gesellschaft leistete, und ein Spiel Karten, oder ein Buch, das aufgeschlagen auf dem Eßtisch lag.
Es vergingen einige Tage. Sie wurden in allen ihren Stunden empfunden, diese Tage. Man zählte sie, man rechnete mit ihnen, denn es war nicht gleichgültig, ob sie rasch oder langsam dahingingen, hing doch das Bestehen des Hauses Tobler nur noch von Tagen ab. Man verlernte es, an Monate oder Jahre zu denken, oder man verkürzte die Gedanken-Monate und -Jahre und veranlaßte die Erinnerungen zu einem rascheren Erfassen, und man lebte so und wartete auf die Zeichen, die die Tage gaben. Ein Geräusch war wichtig, denn es konnte der Briefbote sein, der eine neue, sorgenvolle Unannehmlichkeit brieflich oder in Form eines Postzahlungsbegehrens daherbrachte. Irgend Töne waren wichtig, denn es konnten die Töne der Haustürklingel sein, und es konnte jemand kommen, der Betrübliches im Sinn hatte. Ein Ruf war wichtig, denn er konnte bedeutend sein: »Heda, Herr Tobler und Frau,« konnte diese Stimme rufen, »rasch mit euch jetzt hinaus aus dieser lieblichsten und gewohntesten aller Menschenstätten. Sputet euch, denn es ist Zeit. Ihr habt's lange genug schön gehabt.« – Solchen schrecklichen Inhaltes konnte irgend ein Ruf sein. Aber auch die Farben waren wichtig, das Gesicht des Tages, die Züge und Gebärden dieser, wie es schien, letzten Tage, denn sie sprachen von den letzten Hoffnungen und letzten Anstrengungen und von der Art, wie man es machen mußte, um auch jetzt noch guter Hoffnung voll zu sein. Sie redeten so leise, diese Tage. Sie waren keineswegs zornig auf das Haus Tobler, im Gegenteil, sie schienen es von hoch und von fern, in Gestalt von Wolken und Genien, beschirmen, ihm zulächeln und es trösten zu wollen. Diese Tage glichen der Frau Tobler beinahe ein wenig. Auch die Tage schienen krank gewesen zu sein, und jetzt hatten sie ein ebenso blasses und weiches Aussehen wie die Frau, um die herum sie sich in der unabänderlichen Reihenfolge ablösten.
Aber Frau Tobler war nach und nach wieder die frühere Frau Tobler geworden. Je mehr sie gesundete, desto mehr glich sie wieder sich selbst. Es wäre ja auch gar zu sonderbar zugegangen, wenn sie plötzlich eine andere hätte werden können. Nein, so rasch sprang eine lebendige Menschennatur nicht aus ihrem eigenen Wesen heraus. Dafür war gesorgt, daß das nicht geschehen konnte, und wie! Daß die Frau milder ausschaute, das war nur, weil sie sich noch schwach fühlte.
Eines Abends während dieser Zeit saßen die Beiden, die Frau und der Gehülfe, bei der Lampe, im Wohnzimmer. Der Herr war auf der Reise. Wann war er denn überhaupt nicht auf der Reise? Auf dem Tisch, neben jeder der zwei Personen stand ein halb gefülltes Glas Rotwein. Sie spielten Karten. Frau Tobler war am Gewinnen, der Ausdruck ihres Gesichtes war infolgedessen heiter. Sie pflegte immer zu lachen, wenn sie beim Kartenspielen gewann, und so tat sie auch jetzt. Sie ließ ein naiv-schadenfrohes Lachen aus ihrem Mund springen, das vielleicht zu einer andern Zeit den Partner geärgert hätte. Aber Joseph trank einen Schluck Wein auf den Verlust hinab, und beide setzten das Spiel fort, indem Frau Tobler die Karten von neuem zu mischen begann. Nach ungefähr einer Stunde sagte sie, sie wolle gern noch etwas lesen, in dem Buch, das ihr der Gehülfe heute aus dem Dorf gebracht habe. Das Spiel wurde unterbrochen, die Frau begann gleich zu lesen, während Joseph sich, unlustig, eine Zeitung oder ein Buch zur Hand zu nehmen, auf das Ruhebett setzte und anfing, die lesende Frau zu betrachten. Diese schien sich ganz und gar in die Geschichte, die das Buch enthielt, versenkt zu haben. Mit der einen Hand strich sie sich von Zeit zu Zeit sorgfältig über die scheinbar tief nachdenkende Stirne, während ihr Mund sich still aber unruhig zu bewegen begann, als habe er etwas zu den Geschehnissen der Lektüre mitzusagen gehabt. Einmal stieß sie sogar einen leisen aber kummervollen Seufzer aus und atmete hörbar mit der Brust auf und ab. Wie das still und sonderbar anzuschauen war! Joseph versank immer mehr in die Betrachtung der Leserin, und es war ihm, als lese auch er in einem großen, geheimnisvoll-spannenden Buch, ja es war ihm, als lese er geradezu im selben Buch wie Frau Tobler, deren Stirne, die er aufmerksam ansah, ihm den Inhalt desselben auf merkwürdige Weise zu vermitteln und zu erklären schien.
»Wie still sie liest,« dachte er, sie noch immer betrachtend. Plötzlich schaute sie vom Buch auf, großen Auges zu dem Gehülfen hinüberschauend, als sei sie mit ihren Gedanken-Augen in einer weitentfernten Welt gewesen, und als habe das Auge Mühe gehabt, sich zu entsinnen, was das sei, was es jetzt sah. Sie sagte:
»Sie schauen mich scheinbar die ganze Zeit über, während ich gelesen habe, an, und ich merke nicht einmal etwas davon. Behagt Ihnen denn das? Ist es Ihnen nicht zu langweilig?«
»Nein gar nicht,« erwiderte er.
»Wie doch so ein Buch fesselt,« bemerkte sie und las weiter.
Nach einer Weile schien sie müde geworden zu sein. Die Augen mochten ihr ein bißchen weh tun. Jedenfalls hielt sie inne mit Lesen, sie schloß aber das Buch noch nicht, als überlege sie, ob sie noch fortfahren solle oder nicht.
»Frau Tobler!« sagte Joseph ruhig.
»Was?« fragte sie.
Sie schloß ihr Buch und schaute nach dem Angestellten hinüber, der ihr, wie es schien, etwas Besonderes zu sagen hatte. Aber es verging eine halbe Minute des Schweigens. Endlich sagte Joseph zögernd, er sei unvorsichtig. Da habe er ihr etwas ganz Bestimmtes sagen wollen. Er habe bemerkt, daß sie eben mit Lesen scheinbar fertig geworden sei, und daß sie, wie er noch jetzt sehe, einen gutmütigen Gesichtsausdruck zur Schau trage. Plötzlich sei ihm der Gedanke gekommen, die Gelegenheit, die er schon lang gesucht habe, zu ergreifen, und sie anzusprechen, und nun fehle ihm wieder einmal der Mut, das zu sagen, was er habe in den Mund nehmen wollen. Nun sehe er selber ein, was Frau Tobler schon vor Wochen einmal zu ihm gesagt habe, nämlich, daß er ein komischer Mensch sei. Das was er habe sagen wollen, sei dumm und gar nicht des Anhörens wert. Sie solle ihm erlauben, schweigen zu dürfen.
Die Frau runzelte die Stirn und ersuchte den Gehülfen, sich näher zu ihr zu setzen und zu reden. Sie begehre zu wissen, was er habe sagen wollen. Man rede nicht mir nichts dir nichts die Menschen an, um sie auf Dinge neugierig zu machen, die dann nicht kämen. So etwas sei feig oder gedankenlos. Sie höre.
Joseph hatte sich auf ihr Geheiß an den Tisch gesetzt und sagte, das, was er zu berichten habe, handle von der Silvi.
Frau Tobler schwieg und senkte die Augen. Er fuhr fort:
»Erlauben Sie mir, gnädige Frau, Ihnen rund herauszusagen, wie abscheulich mir die Behandlungsweise vorkommt, die man für dieses Kind übrig hat. Sie schweigen. Gut, ich nehme das als einen Wink, den mir Ihre Güte erteilt, fortzufahren. Sie begehen ein großes Unrecht an dem kleinen Wesen. Was soll aus diesem Geschöpfchen später werden? Wird es je den Mut und die gehörige Lust haben, den Mitmenschen ein menschliches Betragen zu zeigen, da es sich erinnern wird und erinnern muß, daß man es in seiner Jugend unmenschlich erzogen hat? Was ist das für eine Erziehung, ein Kind einer rohen und dummen Magd, einer Person, einer Pauline auszuliefern? So etwas müßte die Klugheit verbieten, auch dann noch, wenn es die Lieblosigkeit zugibt. Ich rede so, weil ich darüber nachgedacht habe, weil ich so manchen Tag gesehen habe, was mir aufrichtig weh getan hat, und weil ich in mir den Drang, Ihnen, Frau Tobler, zu dienen, so viel ich vermag, verspüre. Ich bin grob, nicht wahr? So sind eben zuweilen komische Menschen. Doch nein. Ich möchte ganz anders zu Ihnen reden. Es paßt sich nicht so. Ich habe schon zu viel gesagt, und es kommt heute kein Wort mehr über meine Lippen.«
Es herrschte eine minutenlange Stille im Zimmer, endlich sagte Frau Tobler, ihr sei schon lange auch der Gedanke gekommen, man habe Ursache, sich wegen Silvi Vorwürfe zu machen. Das alles komme ihr übrigens jetzt so sonderbar vor. Der Gehülfe aber brauche keine Angst zu haben, sie verzeihe ihm die soeben gesprochenen Worte, sie sehe ja, er meine es gut.
Sie schwieg wiederum. Später bemerkte sie, sie liebe eben das Kind nicht.
»Warum nicht?« fragte Joseph.
Warum nicht? Das komme ihr wie eine dumme, unüberlegte Frage vor. Sie liebe eben Silvi nun einmal nicht und möge sie nicht ausstehen. Ob man sich denn zur Liebe und zum Wohlwollen zwingen könne, und was das für ein Gefühl sei, solch ein erzwängtes und hervorgewürgtes? Was sie dafür könne, wenn es sie mit eisernen Schlägen und Hämmern von der Silvi fortjage, sobald sie sie nur von weitem erblicke? Warum gerade Dora ihr so süß sei? Das wisse sie nicht und begehre sie auch gar nicht zu erfahren, und wenn auch; würden ihr die treffenden Antworten auf solche, wie ihr scheine, überflüssigen und aussichtslosen Fragen je zufallen können? Das sei schwer. Ja, sie wisse wohl, daß sie Unrecht begehe. Schon als ganz kleines Kind habe sie Silvi, sonderbar genug, zu hassen angefangen. Ja, hassen, das sei das richtige Wort, es bezeichne das Gefühl, das sie mit dem Kind verbinde, ausgezeichnet. Sie wolle probieren, in den nächsten Tagen, ob sie sich ihm wieder ein wenig mit dem Herzen anschließen könne, aber sie hoffe wenig von solchen Versuchen, Liebe lasse sich nicht erlernen, die habe man und empfinde man, oder man habe und empfinde sie nicht. Sie nicht haben, das heiße, glaube sie, ebenso viel wie: sie nie haben. Aber sie wolle versuchen, und nun wünsche sie, zu Bett zu gehen, sie fühle sich recht müde.
Sie stund auf und ging zur Türe. An der Schwelle drehte sie sich um und sagte:
»Ich hätte es bald vergessen – gute Nacht, Joseph. Wie zerstreut ich bin. Löschen Sie die Lampe, bevor Sie hinauf in Ihr Zimmer gehen. Tobler wird wohl noch lange nicht kommen. Sie haben mir heute abend das Herz ein wenig erschwert, aber ich bin Ihnen nicht böse.«
»Ich wollte, ich hätte geschwiegen,« sagte Joseph.
»Machen Sie sich keine Gedanken.«
Mit diesen Worten ging sie die Treppe hinauf.
Der Gehülfe blieb mitten im Zimmer stehen. Nach kurzer Zeit erschien Tobler. Der andere sagte:
»Guten Abend, Herr Tobler, hm, was ich da mir zu sagen erlauben wollte: ich habe vor einer halben Stunde die Unvorsichtigkeit begangen, Ihrer Frau wieder einmal Grobheiten zu sagen. Ich will Ihnen das zum voraus bekennen. Ihre Frau Gemahlin wird sich veranlaßt fühlen, sich über mich zu beklagen. Ich beteure, es sind nur Dummheiten, Dinge letzten und allerletzten Gewichtes. Ich bitte Sie höflichst, keine so großen Augen machen zu wollen, ich glaube, weder Ihre Augen sind ein Mund noch ich etwas Verzehrbares, es gibt nichts zu essen an meiner Person. Was den Ton dieser Sprache betrifft, so erklärt sich dieser daraus, daß er von einem wütenden Gemüt diktiert wird. Wäre es nicht besser, Sie jagten Ihren kuriosen Herrn Angestellten jetzt endlich einmal zum Haus hinaus? Ihre Frau mißhandelt das ganze Jahr lang ungestört die Silvi. Wo haben Sie Ihre Augen? Sind Sie ein Vater oder nur ein Unternehmer? Gute Nacht, gute Nacht, ich glaube, ich habe es nicht mehr nötig, zu warten und zu hören, was Sie auf eine so sonderbare Aufführung erwidern. Ich darf annehmen, ich bin entlassen.«
»Sind Sie betrunken? He!«
Tobler rief umsonst. Der Gehülfe war bereits die Treppen hinaufgestiegen. Vor der Türe des Turmzimmers blieb er plötzlich stehen: »Bin ich ganz toll?« Und er lief so schnell er vermochte wieder die Stufen hinunter. Herr Tobler saß noch im Wohnzimmer. Joseph blieb, wie vorhin die Frau, auf der Schwelle stehen und sagte, es täte ihm leid, sich in unziemlicher und unsinniger Art und Weise benommen zu haben, er bereue, aber er bemerke, daß er – noch nicht entlassen sei. Wenn Herr Tobler noch Geschäftliches zu besprechen habe: Joseph stehe zur Verfügung.
Tobler schrie so laut er konnte:
»Meine Frau ist eine Gans, und Sie sind ein verrückter Kerl. Diese verdammten Bücher!«
Er nahm das Leihbibliothekbuch und schmiß es zu Boden. Er suchte nach beleidigenden Worten in seinem Gedächtnis, fand sie aber nicht. Teils sagten die, die er gefunden hatte, zu wenig, teils wieder zu viel. »Räuber« schwebte ihm auf der Zunge, aber dieses Wort konnte ja gar nicht beleidigen. Seine Wut kannte infolge seiner Verwirrung keine Grenzen. Er hätte sagen mögen »Hund«, aber dieses Wort machte dann wieder alle Vernunft zu schanden. Er schwieg, da er sich außerstande sah, seinen Gegner in anständiger Weise niederzuwerfen. Schließlich lachte er. Nein, er brüllte.
»Machen Sie, daß Sie sofort hinauf in Ihr Nest kommen.«
Joseph hielt es für das Geratenste, sich zu entfernen. Oben angelangt, blieb er im Zimmer stehen, lange, ohne das Kleinste denken zu können. Nur der eine Gedanke flackerte ihm wie ein Irrlicht vor dem Bewußtsein: Er hatte seinen Gehalt noch nicht und gestattete sich – solche Torheiten. – Wie würde das morgen werden? Er nahm sich vor, sich der Frau zu Füßen zu werfen. Wie unsinnig! Von der Unmöglichkeit, denken zu können, gepeinigt, trat er auf die Plattform hinaus. Es war eine trockene, kalte Nacht. Der Himmel strahlte und glitzerte und fror voller Sterne. Es war, als ob die Sterne alle Kälte, die herrschte, auf die Erde hinunterstrahlten. Auf der dunklen Landstraße ging noch ein Mensch. Die Schuhe klapperten metallen auf den Steinen. Alles da draußen schien von Stahl oder Stein zu sein. Die Stille der Nacht selber schien zu tönen, zu klirren. Joseph dachte an Schlittschuhe, dann an Erz, dann plötzlich an Wirsich. Wie mochte es jetzt dem ergehen? Er hatte das Gefühl von einem leisen Freundschaftsempfinden für diesen Menschen. Dem begegnete er sicher noch wieder irgend einmal. Aber wo? Er trat in sein Zimmer zurück und zog sich aus.
In diesem Augenblick ertönte ein Schrei Silvis.
»Da wird die Kleine wieder aus dem Bett gezogen. Hu, wie kalt,« dachte er. Er horchte noch eine Weile, im Bett aufgerichtet, aber er hörte nichts mehr und schlief ein.
Am Morgen schlich er zitternd und mutlos ins Bureau hinunter. Er dachte: »Wird man mich fortjagen? Wie? Ich dieses Haus verlassen?«
Ja, er fühlte, wie lieb es ihm geworden war, und er dachte weiter:
»Wie ist es mir möglich, zu leben, ohne Dummheiten zu begehen? Und in diesem Haus konnte ich so hübsch Dummheiten begehen. Wie wird es anderwärts hiermit bestellt sein? Und wie kann ich daran denken, zu existieren, ohne von Toblers Kaffee zu trinken? Wer wird mir anderswo satt zu essen geben? Und so bequem, und so mannigfaltig? An andern Orten ist das Essen so langweilig, so ganz und gar das Gegenteil von üppig! Und in wessen sauber zu-und aufgedeckten Betten will ich mich nachher schlafen legen? Unter einen behaglichen Brückenbogen wohl! Gemach! Ach Gott, sollte es schon so weit sein? Und wie kann ich fortfahren zu atmen ohne die Gegenwart dieser auch im Winter reizenden, landschaftlichen Gegend? Und wie will ich mich dann abends unterhalten, wie jetzt mit der lieben, prächtigen Frau Tobler? Wem Grobheiten sagen? Nicht alle Menschen nehmen sie so besonders, so eigen, so schön in Empfang. Wie traurig. Wie liebe ich dieses Haus! Und wo wird eine Lampe brennen, so zärtlich, und wo ein Wohnzimmer sein, so heimelig, so herz-voll, wie Toblers Lampen und Wohnzimmer sind? Wie macht mich das mutlos. Und wie können meine Gedanken, ohne alltägliche Gegenstände wie Reklame-Uhr, Schützenautomat, Krankenstuhl und Tiefbohrmaschine zu haben, ferner auskommen? Ja, das wird mich unglücklich machen, ich weiß es. Ich bin hier gebunden, ich lebe hier. Wie sonderbar anhänglich ich bin! Und Toblers tiefe, grollende Stimme, wie bitter werde ich ihren Klang entbehren. Warum kommt er noch nicht? Ich möchte wissen, woran ich bin. Ja, alles das. Was? Wo wird wieder solch ein Sommer mich in die üppigen, grünen Arme und an die blühende und duftende Brust drücken, wie der war, den ich hier oben habe erleben und genießen dürfen? Wo, in welcher Gegend der Welt, gibt es solche Turmzimmer? Und eine solche Pauline? Obschon ich mich mit ihr des öftern gezankt habe, gehört auch sie schließlich mit zu dem Schönen. Wie es mir elend zumut ist. Hier durfte ich ›kopflos‹ sein, wenigstens bis zu einem gewissen Grade. Ich möchte wissen, an welchen Orten der zivilisierten Welt das sonst noch gestattet wäre? Und der Garten, den ich so oft gespritzt habe, und die Grotte? Wo gibt man mir das? Menschen wie ich genießen sonst nirgends die Annehmlichkeit und den Zauber von Gärten. Bin ich verloren? Mir ist elend zumut, ich glaube, ich werde jetzt einen Stumpen rauchen müssen. Auch das wird mir fehlen. Sei es.« –
Als er auch noch an die Fahne im Sommer dachte, sah er sich genötigt, zu grinsen, um nicht plötzlich wie ein Schwächling weinen zu müssen. Dann trat Herr Tobler ins Bureau, wie jedesmal, ordentlich guten Morgen sagend. Nichts von Zum-Haus-hinaus-jagen.
Nichts dergleichen!
Joseph setzte seine demütigste und dienstfertigste Miene auf, er war unbeschreiblich froh, daß es noch nicht »so weit« war. Er setzte sich geradezu leidenschaftlich hinter die Erledigung der heute bestehenden geschäftlichen Aufgaben, und er drehte sich alle Augenblicke auf seinem Stuhl um, damit er sehe, was Tobler an seinem Pult machte. Tobler tat das Gewöhnliche.
Was er da gestern für einen Anfall gehabt habe? frug der Chef in unglaublich freundlichem Tone.
»Ja, das war dumm,« sagte der Gehülfe, bescheiden und beschämt lächelnd.
Er brauche nicht zu ängsten. Seinen Gehalt kriege er schon, brummte Tobler.
»O, ich will gar keinen Gehalt. Ich verdiene ihn nicht.«
»Dummheiten,« sagte Tobler, »ich bin, einige Kopflosigkeiten, die Sie sich haben zuschulden kommen lassen, ausgenommen, zufrieden mit Ihnen. Und wenn ich die Fabrik bekomme, um deren Beteiligung ich mich beworben habe, so bleiben wir hoffentlich auch dann noch zusammen. Man wird in diesem Fall auch einen Buchhalter brauchen können.«
Später ging der Chef.
Dora war an diesem Tage krank geworden, nicht ernstlich. Es war nur eine kleine Erkältung, aber diese genügte, um das Mädchen zu pflegen, als wäre ihr letzter Tag herangekommen. Dora lag auf dem Sofa im Wohnzimmer, und als Joseph zufällig sagte, er wolle zur Post gehen, es war gegen Abend, mußte er Dora versprechen, ihr ein paar Orangen oder Apfelsinen aus einer Spezereihandlung mitzubringen, was er denn auch tat.
Während des Nachtessens redete Frau Tobler beständig zu der kleinen, reizenden Unpäßlichen hinüber, in der Richtung nach dem Ruhbett. Silvi machte große Augen und hielt den Mund sperrangelweit offen, als dächte sie darüber nach, wie es zugehe, daß man so reizend krank sein könne. Warum war denn eigentlich Silvi nie krank? War das nichts für sie? Mußte die Natur ihr diesen hübschen Zustand vorenthalten? War sie zu gering, eine kleine Erkältung bekommen zu dürfen? Sie wäre so gern einmal zärtlicher als sonst, ja nur einmal ein bißchen wärmer und milder als sonst behandelt worden. Die Dora! Nein! Silvi schaute ihr Schwesterchen betrübt und erstaunt an, als wäre sie nicht imstande gewesen, es sich zu erklären, wie die da so schön krank daliegen konnte.
»Tu den Löffel aus dem Mund, Silvi. Ich kann das nicht ausstehen!« sagte Frau Tobler. Ihr Gesicht schien in diesem Augenblick zwei Mienen bekommen zu haben, eine liebliche und glatte für Dora, und eine darunter liegende gerunzelte und strenge für Silvi. Gleichzeitig schaute die Frau kurz den Angestellten an, als forsche sie auf dessen Gesicht nach dem, was er dazu etwa denken oder sagen mochte. Aber Josephs Gesicht lächelte zu Dora hinüber.
Es war dies durchaus kein Wunder: die Menschen richten eben ihre Augen mit Vorliebe dorthin, wo das Schöne und Wohlgestaltete zu sehen ist, nicht dahin, wo in unappetitlicher Weise mit einem Kaffeelöffel in einem ausdruckslosen Mund herumgerührt wird.
Doras volles Gesicht guckte anmutig zu den schneeweißen Bettkissen heraus, auf denen verstreut, und Höhlen in den Flaum eindrückend, die mitgebrachten Apfelsinen herumlagen. Dieser reizende, üppige Kindermund. Diese kleinen, aber beinahe schon bewußt schönen und graziösen Bewegungen. Diese bittende, liebe, leichte Stimme, dieses Vertrauen! Ja, Dora, du durftest vertrauen, du sahest jeden Moment aus deiner Frau Mama Gesicht Güte dir entgegenstrahlen.
Wie arm war da Silvi. Würde dieses Mädchen je auf den Gedanken gekommen sein, zu wünschen, man solle ihr Orangen aus den Delikateßwarengeschäften mit nach Hause bringen? Unter keinen Umständen. Dazu wußte sie viel zu gut, wie sehr jedermann geneigt war, ihre Bitten abzuschlagen. Ihre Bitten waren auch gar keine Bitten, sondern nur gestammelter Neid. Sie bat erst, wenn Dora längst ihr gewünschtes hatte. Nie kam sie auf einen ersten Wunsch. Die Wünsche Silvis waren alle Wunschkopien, ihre Einfälle waren keine Einfälle, sondern nur Nachahmungen von solchen, die Dora zuerst gehabt hatte. Ein echtes Kinderherz nur kommt auf frische Einfälle, ein verprügeltes und verachtetes niemals. Die wahre Bitte ist immer ersten, nie zweiten Ranges, gerade wie das wahre Kunstwerk. Silvi war eben nun einmal zweiten, dritten, vielleicht sogar siebenten Ranges. Alles was sie sagte, war aus falschem Tone geschmiedet und gebacken, und alles was sie tat, war altbacken. Wie alt Silvi bei ihren blütenjungen Jahren schon war. Welches Unrecht! –
Joseph hatte das einen Moment überdacht, während er Dora anschaute. Wenn man die anschaute, konnte man sich ein klares Bild von ihrem Gegenstück machen, und man hatte dann gar nicht nötig, die prüfenden und vergleichenden Augen erst noch lange auf Silvi zu werfen.
Wie das traurig war. Diese zwei ungleichen Kinder! Joseph hätte aus dem Grund seines Denkens heraus hörbar seufzen mögen. Als Dora jetzt in ihr richtiges Schlafbett hinaufgetragen werden sollte, trat er zu ihr hin und war so betroffen von dem Anblick ihres keck-unschuldigen Wesens, daß er nicht anders konnte, als ihr die kleine Hand zu küssen. Mit diesem Huldigungskuß wollte er gleichsam die zwei Arten liebkosen, die Dora-Art und auch die Silvi-Art. Aber wie hätte er der zweiten Art tatsächlich huldigen können? Unmöglich! So versuchte er, wenigstens in Gedanken der jungen Bitterkeit und Bei-Seite-Geschobenheit etwas Tröstendes und Achtungsvolles zu sagen, indem er das Unausgesprochene mit seinem Mund auf die Hand der schwesterlichen Liebe und Naturgnade drückte.
Frau Tobler sah es. Sein Betragen fand ihren Beifall. »Ein kurioser Mensch, dieser Marti!« dachte sie, »da hat er mich gestern der Silvi wegen ausgescholten, und nun ist er mir selber hier halb verliebt in die Dora.« – Sie lächelte gnädig und sagte zu Dora, da müsse sie aber in Zukunft ihre Hände säuberlicher halten, wenn sie ferner solche Küsse darauf bekommen wolle und lachte.
Zur Silvi sagte sie, indem sie ihr mit verzogenem Gesicht gute Nacht sagte, sie solle sich besser zusammennehmen und ihr keine Ursache mehr geben, streng mit ihr zu sein, dann sei man auch gut zu ihr. Es sei ein Jammer, wie man sie behandeln und immer wieder strafen müsse. Sie erwarte jetzt einmal gehörig Besserung. Silvi werde auch älter. Marsch. Sie solle gehen.
Zuerst hatte der Ton dieser kurzen Ansprache liebreich klingen wollen, dann aber, als sei ihm die Milde unpassend und unmöglich vorgekommen, war er in die Härte hinübergesprungen, in Abstufungen, bis er zuletzt selber in einem gebieterischen »Marsch« sich abbrach.
Als die vier Kinder fort waren, wurde ein »Jaß« angefangen. Der Gehülfe hatte jetzt schon eine ziemlich bedeutende Geschicklichkeit in der Übung dieses Spiels erlangt, er bewies dieselbe und gewann fast fortwährend, was ihn veranlaßte, ganz besonders vorsichtig seine Worte zu wählen, da er die Gereiztheit, die in der Frau bei Spielverlusten hervorzubrechen pflegte, genau kannte. Sie spielten eine Stunde lang, von Zeit zu Zeit wieder an den Rotweingläsern nippend, wie am Vorabend. Plötzlich sagte Frau Tobler, indem sie das Spiel unterbrach:
»Wissen Sie es schon, Marti, daß mein Mann mich zu meiner Schwiegermutter schickt? Ja, es ist so, und ich werde mich morgen früh auf die Bahn begeben, um ihr einen Besuch zu machen. Wir müssen ja jetzt das Geld haben, sonst sind wir verloren, und sie schickt nichts. Sie ist sehr geizig, wenigstens hält sie ihre Gelder scharf beisammen. Sie werden sich denken können, wie unangenehm mir eine solche Fahrt jetzt ist, aber es muß sein. Diese Frau, die ich schon so lange nicht mehr gesehen habe, die ich kaum recht kenne, werde ich bitten müssen, ja Marti! Und sie wird kalt zu mir sein, von oben herab, das fühle ich nur zu deutlich. Es wird so leicht für sie sein, mich zu kränken, mir weh zu tun, denn schließlich behandelt man ja eine Bettlerin nicht, wie man mit Glacéhandschuhen jemanden anrührt. Sie hat mich übrigens von jeher ein wenig ›auf dem Zug‹ gehabt, ich habe das immer empfunden. Als ob ich von jeher ihrem Sohn, meinem Mann, nur Unheil gebracht hätte. Und so wird sie mir jetzt natürlich entgegentreten: wie einer Sünderin. Sie wird mir die Kleider, die ich am Leib trage, vorwerfen, die unnötige Eleganz derselben, den unglaublich überflüssigen guten Schnitt. Nein, das neue Kleid werde ich schon nicht anziehen dürfen. Das hat auch keinen Zweck. Eine, die daherkommt, um zu heischen, soll schwarz gehen, ich werde das alte, schwarze Seidenkleid anziehen, das macht einen sehr unterwürfigen Eindruck. Ja ja, Joseph, Sie sehen, andere müssen sich auch zwingen und dulden und herabwinden zur Bescheidenheit. Es geht eben so, man weiß gar nicht, woher und wie und wieso so rasch. Diese Welt!« –
»Wir wollen hoffen, daß Sie Erfolg haben,« bemerkte der Gehülfe. Sie fuhr fort:
»Dafür schickt mich ja auch Tobler, weil er der Ansicht ist, daß seiner Mutter meine Erscheinung zu einem solchen schwierigen und heiklen Zeitpunkt angenehmer sein werde als die seinige. Sonst sehe ich allerdings nicht ein, warum er selber nicht hinfahren könnte. Ein Stück Bequemlichkeit seinerseits mag ja dabei sein. Die Männer nehmen gern die gemütlosen und trockenen Geschäfte auf sich. Wo es sich aber um ein persönlich-innerliches Opfer handelt, um eine Pflicht und Arbeit herzlichen Charakters, um rein seelische Überwindungen, da schieben sie lieber ihre Frauen vor die Front und sagen gewöhnlich: ›Geh du! Du machst das besser als ich!‹ was man dann noch als eine Art Gnade und Liebkosung aufzufassen beinahe gezwungen ist.«
Beide lachten. Frau Tobler nahm wieder das Wort:
»Ja, Sie lachen! Übrigens verbiete ich Ihnen das nicht. Lachen Sie nur. Ich habe ja auch gelacht, obschon es uns beiden eigentlich ernster zu Mut sein sollte. Ja, hoffen wir, daß ich Erfolg haben werde. Im übrigen, was rede ich da! Ich meinerseits habe diese Hoffnungen, die in bezug auf Toblers Geschäfte noch immer wieder Erfolge vorspiegeln, längst aufgegeben. Es ist jetzt einmal so: das Vertrauen in meines Mannes Geschäftstüchtigkeit ist in mir gründlich ins Schwanken geraten. Ich glaube jetzt überzeugt zu sein, daß er nicht genügend Raffiniertheit, nicht genügend Herzlosigkeit besitzt, um rentable Geschäfte machen zu können. Er hat in all dieser Zeit meines Erachtens nach nur den Ton dieser pfiffigen und schlauen Leute angenommen, das äußere Betragen, die Manieren, nicht aber zugleich die Fähigkeiten. Gewiß, es muß einer, der gute Geschäfte macht, deswegen kein Blutsauger und schlechter Kerl sein. Das ist noch lange nicht gesagt. Aber mein Mann ist zu temperamentvoll, zu rasch, zu gut und zu natürlich empfindend. Auch zu leichtgläubig ist er. Nicht wahr, Sie wundern sich, mich dermaßen reden zu hören, aber glauben Sie mir, wir Frauen, beständig an die Enge und an die Beschränktheit des Hauses gebunden, wir denken über mancherlei nach, und wir sehen auch manches und fühlen manches. Es ist uns gegeben, die Dinge ein bißchen zu erraten, da einmal die korrekten Wissenschaften unsere geschwornen Feindinnen sind. Wir verstehen es, in den Blicken und im Betragen zu lesen. Wir sagen seltsamerweise nie etwas, wir schweigen, denn wir drücken uns ja in der Regel so schlecht und immer so unpassend aus. Unsere Worte regen meistens die geschäftsüberladenen Männer nur auf, aber überzeugen nie. So leben wir Frauen dahin, erklären uns mit dem allermeisten, was um uns her und mit uns selber geschieht, einverstanden, reden nebensächliche Dinge, die uns immer stärker der Vermutung, daß wir kleine und untergeordnete Geister sind, aussetzen und sind immer zufrieden, ich glaube es wenigstens. Nein, mein Mann wird mit seinen Patenten auf keinen trockenen Zweig mehr kommen, der kleine Finger, der Schuh am Fuß, meine eigene Nase sagen es mir. Er lebt zu gern gut, und das dürfen eine Zeitlang Unternehmer nicht. Er ist zu wild, das schadet. Er liebt zu sehr seine eigenen Pläne, das untergräbt dieselben. Er ist ein viel zu heiterer Mensch, und er nimmt alles zu gerade, zu plötzlich, deshalb viel zu einfach. Er ist eine schöne, volle Natur, und solche Naturen reüssieren mit solchen Unternehmungen nie, oder fast nie. Nicht wahr, Marti, wie ich heute rede.«
Er schwieg und erlaubte sich ein unmerkliches Lächeln. Sie hatte schon wieder mit Reden angefangen:
»Meinen Karl fürchten die Menschen und hintergehen ihn zugleich und lachen ihn hinter seinem Rücken aus, denn sie gönnen gerade ihm merkwürdigerweise allen nur erdenklichen Schaden, und ich glaube deshalb, weil er seinen Wohlstand und sein Besitztum zu offen und zu ungeniert gezeigt hat, dermaßen, daß es ihnen in die Augen hat stechen müssen. Er ist immer naiv genug gewesen, vorauszusetzen, andere Leute hätten Freude an seiner Lebensfreude und Lust an der seinigen, was offenbar ein geradezu der richtigen Auffassung entgegengesetzter Standpunkt war. Er hat immer mit vollen Händen gegeben, das ist eine Schwäche gewesen, verzeihlich zum Beispiel in meinen Augen, aber unverzeihlich im Urteil derjenigen Menschen, die von ihm eben diese verschwenderischen Wohltaten genossen, mit einem Wort, die von ihm profitiert haben. Er hat seine besondere Art, ein bißchen barsch und laut zu sein, das nennt man jetzt, jetzt im Unglück, Prahlerei. Wäre er erfolgreich, so würde man zu derselben Gewohnheit sagen: Schneid! Ja. Nein, mein Mann würde viel besser getan haben, wenn er sich nie selbständig gemacht, sich nie auf eigene Füße gestellt, sondern sich in seiner bescheidenen Stellung als technischer Angestellter still gehalten hätte. Wir waren alle so wohl damals. Freilich hatten wir kein eigenes Haus, aber was bedarf es dessen, da doch nur Sorgen in solch ein eigenes Haus kommen? Nach Feierabend machten wir unsern stillen, hübschen Spaziergang rund um den Hügel. Es war zu schön, um es derart eigensinnig von sich wegzuwerfen, aber eines Tages wurde es eben weggeworfen.«
»Es kann noch alles gut kommen, Frau Tobler,« sagte Joseph. Diese Worte schlugen wie mit Flammen in ihr Gesicht. Sie rief:
»Sie sollen das nicht sagen. Das ist abscheulich. So redet man nicht zu der Frau des Geschäftsmannes, in dessen Bücher man tagtäglich hineinblicken kann. Auf diese Art soll man nicht schonen wollen und einer schwachen Frau das Herz mit Gewichten beladen. Wieso kann noch alles gut kommen? Gehen Sie zu den Bedrängern meines Mannes mit dieser fluchwürdigen Redensart. Sie haben mich wieder einmal unglücklich gemacht. Ich will gehen und versuchen, dies zu vergessen.«
Sie lief aus dem Zimmer.
Der Gehülfe dachte: »Was ist nun da wieder? Muß es bald jeden Abend eine heftige Szene geben? Bald bin ich unmutig, bald sie, bald wir beide, und bald kracht es wieder aus Toblers Gemüt heraus. Bald schreit die Silvi, bald bellt der Leo, bald ist wieder die Dora krank. Fehlte noch, daß wir alle zusammen eines Tages, Mittags oder Abends vollständig hinten hinüber schnappten. Dann gute Nacht schönes Haus Tobler! Aber soweit sind wir noch nicht. Wollen jetzt erst einmal die mütterlichen Gelder abwarten, und dann teilweise unsere Schulden bezahlen. So viel wie in diesem Hause ist mir in meinem ganzen sonstigen Leben der Kopf nicht gewaschen worden. Aber auch das mag gut sein. Übrigens! Habe ich etwa wieder einmal Angst? Bin ich unruhig? Nein, Gott sei Dank nicht. Tobler hat wohl heute wieder im Sinn, im ›Segelschiff‹ zu übernachten. Das gehört scheinbar auch zu meinen Berufspflichten, daß ich inzwischen hier seiner Frau Gesellschaft leiste. Die Arme! Warum hat sie keinen bessern Gesellschafter?«
Er löschte die Lampe und ging zu Bett.
Andern Tages, es war wieder mehr nasses als kaltes Wetter, und die Luft hing schwer herunter, sah man Frau Tobler, schwarzseiden gekleidet, den Gartenhügel hinabgehen, um sich zur Bahn zu begeben. Tobler begleitete sie ein Stück hinunter, sprach ihr zu, guten Mutes zu bleiben und sich nicht etwa wieder zu erkälten in der Eisenbahnwagenzugluft und dergleichen. Man sah von oben herab ein Lächeln im Gesicht der Frau, und ein Winken mit dem Taschentuch, das galt der Dora, die der Mutter ebenfalls nachwinkte. Wie naß alles war. Zu dieser Winterzeit hätte es eigentlich trockener und kälter sein können, dachte man, und dann verschwand Frau Tobler den Augen, die ihre Bewegungen bis zuletzt verfolgten. Es waren dies Josephs, Paulinens, Silvis, Doras, der Knaben und Leos Augen gewesen. Der Hund bellte traurig, wie er die Herrin fortgehen gesehen hatte.
Das Ganze glich, wenn einer sich auf seine romantische Einbildungskraft hätte versteifen wollen, dem Weggang einer Königin. Joseph, der Vasalle, hätte jetzt, wenn er einer jener aus alten Geschichten zu uns modernen Menschen hinübergrüßenden getreuen Untertanen gewesen wäre, bitterlich weinen müssen, während die Kammerfrau Pauline ein Wehgeschrei ausgestoßen haben würde, wenn sie eine von denjenigen gewesen wäre, die in alten Zeiten schöne und hohe Königinnen, wie die Geschichten lehren, bedient haben. Und der Hund wäre vielleicht ein Drache gewesen, und die Kinder Königskinder und Herr Tobler der wuchtigen Rittergestalten eine, die früher immer dabei waren, wenn es solche traurige Abschiede für immer gab, als es noch Schlösser, Burgen, Stadtmauern und Tränen der Treue gab. Doch nein. Hier war es ja ganz anders.
Hier handelte es sich nicht um eine immerwährende Verbannung auf eine öde Felseninsel, sondern nur um eine Tagesreise per Eisenbahn und um einen praktischen und ein wenig unangenehmen Besuch. Auch eine Königin kam hier nicht vor, es sei denn, man hätte Frau Tobler als die sorgenvolle Königin des Hauses zum Abendstern empfunden, was so ganz apart und wunderlich nicht hätte sein können. Auch keine düstere Heldengestalt, sondern nur ein modern gekleideter und beschaffener Herr Ingenieur Tobler gab der Dame ein Stück weit das Geleite, um ihr, auch nicht gerade Trost, sondern nur einige vernünftige Worte zuzusprechen. Und von einem besonders betrübten Knecht und Vasallen war hier ebensowenig die Frage und Rede als von einer noch fassungsloseren Kammerfrau. Joseph und Pauline, diese beiden Personen standen da, weiter niemand, außer den Kindern, und das waren weder Königs- noch Fürstenkinder, sondern schlichte, bürgerliche, wie sie jedes bessere Haus haben kann. Leo war kein Drache. Er würde eine solche mittelalterliche Zumutung vielleicht sogar bissig übel genommen haben. Alles in allem war es ein Bild des zwanzigsten Jahrhunderts.
Es werde sich nun bald zeigen, wessen man sich zu gewärtigen habe, meinte Herr Tobler, als er wieder ins Bureau zurückkehrte. Was ihn betreffe, er werde und müsse durchdringen. Jeder andere Gedanke sei lächerlich. Was er immer behauptet habe, das behaupte er auch heute, und heute erst recht.
Und er beschäftigte sich mit der Tiefbohrmaschine. Die Handelsabteilung schrieb einen Brief an den Tiefbauingenieur Joël, der sich, wie es schien, »gewaltig« für dieses Werk interessierte. Die Kinder spielten und rauften sich im Bureau. Tobler jagte sie hinaus. Später verließ er das technische Bureau selber und ging ins Dorf, des Automaten wegen.
Ein wenig später ging auch der Gehülfe weg und zwar zur Post. Auf dem Wege dahin wurden ihm von zwei Landarbeitern schimpfliche Worte nachgeschrien. Diese Bauernknechte schickten dem Angestellten nach, was sie dem Chef würden nachgebrüllt haben, wenn sie den Mut dazu gehabt hätten. Joseph kam ohne weitern Zwischenfall ins Dorf, auf die breitere Straße, und hier begegnete ihm der, den er eher im Gasthaus zum »Roten Haus« vermutet hätte, Wirsich.
»Sie sind wieder hier?«
Sie schüttelten sich die Hände. Wirsich schaute ganz vergnügt drein, er sah aus, als wenn ihm eben etwas sehr Entgegenkömmliches passiert wäre. Er sagte zu Joseph, eben sei er neuangestellt worden und zwar in der Kolonialwarenhandlung Bachmann & Co. Er sei, wie der Gehülfe ihm angeraten habe, mit fertig geschriebenen und kuvertierten Offertbriefen in der Tasche, auf die Wanderung, von Geschäftshaus zu Geschäftshaus gezogen, und in der Tat habe man ihn fast überall menschenfreundlich behandelt, aber man habe nirgends eine Stellung für ihn frei gehabt, bis er schließlich zu den Herren Bachmann & Co. hineingegangen sei, und dort sei dann die Sache zu seinem Glück komplett geworden. Und nun glaube er sich nach langer Zeit endlich wieder als ein gehobener Mensch fühlen zu dürfen. Jedenfalls könne er sagen: »Guten Tag, Freund, du siehst, mir geht es gut.« Ob es nun nicht ganz nett sei, zusammen in die nächstbeste Wirtschaft zu treten und eins auf den Durst hinauf zu nehmen?
»Aber gewiß. Sehr gern. Aber hören Sie, Wirsich, sagen Sie, können Sie's vertragen?« sagte Joseph.
Der andere beteuerte: »Natürlich!« – So gingen sie in das zunächst liegende Restaurant Central, wo sie sich jeder einen Schoppen Bier geben ließen.
»Denn sonst lieber nicht. Es wäre schade um die neue Position,« glaubte Joseph gut zu tun, nachzufügen.
Wirsich winkte belustigt mit der Hand ab. Es fiele ihm nicht ein, sagte er, etwa gar wieder so unvernünftig zu trinken, wie früher. Er habe sich das jetzt, glaube er, ein für allemal abgewöhnt, so verkommen sei er denn doch noch lange nicht. Wie es bei Toblers stehe?
»Nicht gut,« sagte der Gehülfe, und er erzählte in kurzen Umrissen den Verfall des Hauses. Wirsich solle sich aber hüten, zu plaudern, das seien Geschäftsgeheimnisse und die gingen niemand etwas an.
Wirsich sagte:
»So habe ich es dem Großhans, diesem Tobler, doch noch prophezeien können, daß er noch einmal zu seinem prahlerischen Haus und Garten hinausfliegt. In jener Nacht hat er's von mir gehört, und jetzt gehen die Worte in Erfüllung. Was er andern getan hat, das geschieht ihm nun selber, und recht geschieht ihm. Ist unsereins kein Mensch? Sind wir Angestellten ohne die Spur von Empfindung auf diese Welt gekommen? Wir werden eines Abends einfach zum Haus und zur Lebensexistenz herausgeworfen, und man glaubt noch, recht und milde getan zu haben. Pardon, Marti, Sie sind mein Nachfolger und genießen infolge meines Sturzes einen, wie Sie selber sagen, angenehmen Lebensaufenthalt. Sie können natürlich nichts dafür, daß Sie mich vom Posten verdrängt haben. Was rede ich: durch Sie habe ich ja die neue Stellung gefunden. Also Entschuldigung. Ich meine nur, der Zorn kann einen fortreißen, sich eine so lange Zeit in der elendesten Verlegenheit und Erniedrigung geschaut zu haben. Wegen was? Wegen eines Fehlers? Donnerwetter, jetzt trinke ich grade extra noch eins. Heda, Herr Wirt, oder Sie lieber, Frau Gastwirtin, bringen Sie mir noch solch einen Schoppen. Sie Marti werden doch wohl auch noch einen trinken.«
»Nur bitte ich,« sagte Joseph, »meinen Chef nicht angreifen zu wollen. Und dann auch nicht gar so laut, wenn ich bitten darf. Mein gegenwärtiger Prinzipal ist kein Großhans. Sie werden diesen unvorsichtigen, und ich gebe gern zu, im Zorn gesprochenen Ausdruck zurücknehmen. Tun Sie's alsogleich, sonst sind wir geschieden. Ich habe Ihnen nicht vertrauliche Aufklärungen über Toblers Lage gegeben, um diesen Mann hinterher beleidigen zu hören. Im übrigen: Prost! Es freut mich, daß es Ihnen gut geht.«
»Ich sag' ja: im Zorn!« entschuldigte sich Wirsich.
Der Streit sei erledigt, bemerkte Joseph. Beide tranken je noch ein Glas, auf welche »Lage« eine vierte folgte. Sie würden so fortgefahren haben, wenn nicht jetzt die Türe aufgegangen, und Herr Tobler selber ins Restaurant getreten wäre. Er überflog beide Zecher und Angestellten mit einem zündenden Blick, der den Männern genug sagte.
Joseph hatte beim Eintritt des Herrn sofort den Hut abgezogen, den er vorher ziemlich burschikos auf dem Kopf behalten hatte. Das gebot die Höflichkeit, und der Toblersche Blick gebot es nicht minder. Er stand übrigens bald auf, da das Gespräch mit Wirsich ohnehin verstummte, rief, er möchte bezahlen und bewegte sich gegen den Ausgang zu. Ein Wink des Ingenieurs veranlaßte ihn jedoch, in dessen Nähe zu treten. Dieser fragte:
»Was will dieser Ungut hier, der Wirsich?«
Joseph antwortete: »O, er hat eine Stelle gefunden. Hier dicht nebenan, bei Bachmann & Co. Seit heute. Er freut sich sehr darüber.«
»So? Und er trinkt wohl noch immer gern, was? Der wird sicherlich lange in der neuen Stellung verbleiben, der! Es ist gut. Waren Sie auf der Post?«
»Nein, ich gehe jetzt. Sie werden entschuldigen. Mein Vorgänger hat mich aufgehalten. Ich werde gleich gehen, und wenn Sie wünschen, daß ich Ihnen die Briefe hieherbringe« – –
Tobler verneinte, und der Gehülfe entfernte sich.
Auch Wirsich war jetzt aufgestanden, er bezahlte, marschierte unsicher vorwärts, wußte nicht, ob er seinen ehemaligen Vorgesetzten grüßen sollte oder nicht, tat es, und sogar tief und demütig, und stieß zum Überfluß noch an einen Tisch an, bei welcher Gelegenheit er beinahe umgestürzt wäre. Sein Achtungsgruß wurde mit keinem Zug einer Miene erwidert. Tobler »wollte nichts mehr mit diesem Menschen zu tun haben«. An der Tür stolperte Wirsich zum zweiten Mal. War das eine schlimme Vorbedeutung?
Frau Tobler kam mit dem Nachtschnellzug nach Hause gefahren. Herr Tobler, Pauline und Joseph erwarteten sie am Bahnhof. Der Zug kam schnaubend und rasselnd an. Allerlei Menschen drängten sich in die Nähe des langen, schwarzen, prachtvoll-dastehenden Ungetümes heran. Die Frau stieg aus, Joseph und Pauline sprangen hinzu, um Körbe und Pakete in Empfang zu nehmen. Mutter Tobler hatte der Sohnesfrau Verschiedenes mitgegeben, das konnte man ungefähr zum Voraus wissen, deshalb war man zu dritt am Bahnhof erschienen. In zwei Körben befanden sich teils Äpfel, teils Nüsse. Die Pakete enthielten Sachen für die Frau selber und für die Kinder.
Dem Gesicht der Ausgestiegenen war abzulesen, daß die ganze Sache weder ganz gut noch auch ganz schlecht abgelaufen war. Es drückte Müdigkeit und Gelassenheit aus. Es schien, als ob eine Hälfte des Gesichtes ein bißchen gelächelt hätte. Im ganzen schien sie ihrem Mann, der sie neugierig darum befragte, eine genügende und zufriedenstellende Auskunft gegeben zu haben, denn Tobler schien nicht übel Lust zu haben, rasch jetzt noch für eine Weile ins »Segelschiff« zu gehen. Seine Frau sagte, sie merke ihm wohl an, wohin er zu gehen wünsche, mit welchen paar Worten denn auch die bezügliche Erlaubnis erteilt war. Er rief den Davongehenden noch nach, er sei in mindestens einer Stunde wieder im Abendstern und verschwand in seiner Stammkneipe.
Die Übrigen gingen nach Hause. Dem Gehülfen war es eine angenehme Pflicht, die Körbe, so schwer sie waren, zu tragen. Das war doch wenigstens wieder einmal etwas »Körperliches«. Er schritt hinter den beiden Frauen, hinter der Magd und der Frau, leicht daher, gänzlich gedankenlos. Ja, das kam von den Körben her. »Ich bin zum Laufburschen geboren,« dachte er.
Zu Hause angelangt, gab es einen Schwarm von Fragen, aus der kindlichen Wißbegierde heraus ertönend. Und eine Belagerung der Pakete und Obstkörbe. Was Großmutter sagen ließe, wollten die drei Kinder wissen. Nur das Vierte nicht. Silvi blieb schläfrig und gleichgültig. Auch die Geschenke ließen dieses Mädchen gleichgültig. »Mich betrifft das nicht,« sagte ihre Miene. Um so mehr mußten die Sachen die übrigen drei betreffen. Sie wurden jedoch bald alle samt ihren Forderungen, Fragen und Neugierden in die Betten geschickt.
»Wie bin ich müde,« sagte Frau Tobler.
Pauline kniete vor ihr am Boden und zog ihr die Schuhe aus. Sie saß auf dem Sofa. Joseph, der daneben stand, dachte: »Ich muß gestehen, daß es mir nicht unangenehm gewesen wäre, wenn sie zu mir gesagt hätte: zieh mir die Schuhe aus! Ich glaube, ich hätte mich mit Vergnügen gebückt.« –
Ein Handschuh entglitt ihr, sofort sprang er hinzu und hob ihn ihr auf. Sie lächelte matt und dankte und sagte:
»Wie sind Sie dienstfertig! So sind Sie nicht immer gewesen. Kommt wohl mein Mann bald nach Hause? Wie geht es Ihnen, Joseph?«
»Sehr, sehr gut,« gab er zur Antwort. Pauline hatte das Zimmer verlassen.
Er sei eben noch jung, da spreche er so und müsse wohl auch so sprechen, sagte die Frau. Ihr sei es so schwer zumut.
»Haben Sie Verdruß gehabt?«
Auch! Aber dieser kleine Verdruß berühre sie wenig. Sie fühle sich heute zu allerhand Gedanken hingezogen. Ob Joseph noch jassen möge? Ja? Das sei nett. Sie habe gerade jetzt eine unglaubliche Lust, Karten zu spielen. Sie glaube, das helfe ihr.
Sie setzten sich an den Tisch und spielten Karten. Pauline trug etwas zu essen auf für Frau Tobler und ging dann wieder. »Vielleicht ist diese Frau zugleich leichtsinnig und schwermütig veranlagt. So kann es sein. Übrigens bin ich ein Dummkopf!« dachte der Gehülfe.
»Sie will mir nicht gern geben, die alte Frau,« sagte mitten im Spiel Frau Tobler.
»Wer? Ach so! Die Mutter Tobler! Das kann man sich denken. Aber sie wird müssen!«
»Ja eben!« machte sie. Sie lachten beide. »Wie das wieder leichtsinnig ist,« dachte der Buchhalter und Korrespondent des technischen Bureau C. Tobler. Die Firma! Schließlich war man denn doch ein gesetzter Mann. Da saßen sie beide wieder zusammen, sie, die »unbegreifliche Frau« und er, der »kuriose Mensch«. Joseph mußte laut auflachen. Was er habe? –
»O nichts. Dummheiten.«
Sie sagte, ernster werdend, er werde sich etwa ihr gegenüber keine Scherze erlauben. Er erwiderte auf diese Bemerkung, er sei der kaufmännische Angestellte des Hauses Tobler, worauf sie sagte, sie hoffe, daß er das bestimmte Gefühl habe, er sei das. Er warf die Karten, die er in der Hand hielt, auf den Tisch, erbebte und erklärte, ein ernsthafter und solider Angestellter sei's nicht gewohnt, bis in alle Nächte hinein Karten zu spielen. Er war aufgestanden und ging, indem er erwartete, sie werde ihn zurückrufen, nach der Türe hin. Sie ließ ihn gehen.
Statt nach oben in sein Zimmer zu gehen, stieg er ins Bureau hinunter, zündete die dort befindliche Lampe an, setzte sich an seinen Tisch und schrieb an den Verwalter des Tit. Stellenvermittlungsbureau folgendes: