Der Gehülfe

Robert Walser · Kapitel 8 von 9

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Der Gehülfe

Ich bitte Sie höflichst, mich als Bewerber…

Sehr geehrter Herr!

Ich bitte Sie höflichst, mich als Bewerber um eine gelegentlich frei werdende, passende Stelle gütigst vormerken zu wollen. Ich finde mich nicht veranlaßt, es darauf ankommen zu lassen, eventuell wieder auf dem Pflaster zu sitzen. Die Dinge hier oben, Herr Verwalter, spitzen sich immer schärfer zu. Ich sage: für alle Fälle! und empfehle mich Ihnen

Hochachtungsvoll

Ihr aufrichtig ergebener Joseph Marti.

 

Er war noch nicht so bald mit Kuvertieren und Adressieren dieses Schreibens fertig geworden, als er vom Garten her Schritte hörte. Eine halbe Minute später traten Herr Tobler und zwei andere Herren, offenbar Stammgäste aus dem »Segelschiff«, ins Bureau ein, laut redend und lachend, und wie es schien, voll trunkenen Übermutes.

Was Joseph noch so spät in der Nacht zu arbeiten habe? fragte mit unsicherer Stimme Tobler. Er habe wenigstens noch einen wahrhaft fleißigen und aufopfernden Gehülfen, wie es scheine, bemerkte er weiter, indem er sich lachend seinen Jaßkollegen zuwandte. Jetzt aber solle er nur ruhig Feierabend machen, denn morgen früh sei es auch wieder Tag. Dann ging er zur Türe, die ins Innere des Hauses führte und rief, so laut er konnte: Pauline!

»Herr Tobler?« kam die Antwort von oben herab.

»Bringen Sie uns ins Bureau ein paar Flaschen von dem Rheinwein. Aber es muß rasch geschehen.«

Joseph hatte kaum nötig, sich von den Herren zu verabschieden, er sagte kurz gute Nacht und ging weg. Die andern hörten und bemerkten ihn gar nicht mehr, denn die hatten jetzt ganz anderes zu tun. Die lagen halb am Boden, halb auf dem Zeichentisch, ohne sonderlich zu achten, auf was sie saßen. Die Stühle wurden als Fußschemel benutzt, und mit den zeichnerischen Entwürfen Toblers kamen die schläfrigen und lustigen Köpfe in engste Berührung. Tobler stopfte, hin und her taumelnd, seine Tabakpfeife, und als endlich der Wein kam, machte er sich mit vieler Mühe und Ungeschicktheit an das Geschäft des Gläserfüllens, worauf dann ein Trinken begann, das halb mit Schnarchen und Hochaufgähnen verbunden und vermischt war. Das bißchen gute Vernunft, das der Ingenieur noch zur Verfügung hatte, glaubte er jetzt mit einem Mal dazu verwenden zu sollen, den Herren und Kameraden die Toblerschen Erfindungen zu erklären, er stieß aber nur auf ein Gelächter und sonst auf keinerlei Verständnis. Der Ernst der männlichen Weltanschauung lag in einem fallen gelassenen und zerbrochenen und seinen Inhalt ausgeschütteten Glas Wein am Boden. Der männliche und menschliche Verstand gröhlte und johlte und lallte, daß die Wände des Hauses beinahe erzitterten. Tobler hatte zu allem, was er eben inszeniert hatte, jetzt noch die wenig rücksichtsvolle Idee, seine Frau mit lauter Stimme in das Bureau hinunterzurufen, um ihr, wie er sagte, seine guten Freunde aus dem Dorf vorzustellen. Sie kam, steckte aber nur den Kopf durch die Türe, die sie schüchtern geöffnet hatte, und verschwand wieder, zurückgeworfen von dem, wie sie selber andern Tags zu ihrem Mann sagte, widerlichen und unflätigen Bilde, das sich ihren Augen darbot, und welches ein holländischer Trunkenboldszenenmaler nicht überzeugender und abschreckender hätte malen können, als wie es hier in Wahrheit und Wirklichkeit lebte und sich regte. Die Trinkerei hatte mit dem Verschwinden der Frau noch lange nicht ihr Ende erreicht, im Gegenteil, sie flammte und kochte und brannte bis zum frühen Morgen und bis zu der Ermattung, jener vollständigen, die den stärksten Zechern schließlich über die Nacken herfällt, um sie zu beugen und der Länge und Breite nach unter Tische und Stühle zu strecken. So geschah's auch, und die ausgelassene Gesellschaft übernachtete unter gräßlichem Schnarchen im technischen Bureau, bis Pauline kam, um den Ofen zu heizen. Es war Tag. Die Gesellen erwachten. Die zwei Bärenswiler zottelten in ihre Dorfschaft und engere Heimat zurück, während Herr Tobler nach oben ging, in sein und seiner Frau Zimmer, um den Rausch und Sturm auszuschlafen.

Pauline hatte eine wahre Heidenarbeit zu verrichten, das verwüstete und entstellte Bureau wieder einigermaßen in Ordnung zu bringen. Als Joseph um acht Uhr unten ankam, sah es noch bitterlich schlimm darin aus, so daß er sich entschloß, sogleich auf die Post zu gehen. Alles lag durcheinander, Stühle, Zeichnungen, Schreib- und Zeichengegenstände, Gläser und Pfropfen. Tinte war verschüttet, rote und schwarze. Wein schwamm am Boden. Einer Flasche war der Hals abgeschlagen worden. Es schienen Bären, nicht nur Bärenswiler in dem Raum gewirtschaftet zu haben, den ein Geruch erfüllte, daß es schien, als müßte man zehn Tage hintereinander die Fenster offen stehen behalten, um es hier wieder sauber, gemütlich und wohnlich zu bekommen.

Auf der Post warf Joseph den Brief an den Verwalter in den Kasten. »Für alle Fälle,« dachte er.

Am folgenden Tag flossen dem Hause Tobler aus dem elterlichen Vermögen viertausend Mark zu. Das war wenig, aber es war wenigstens etwas, es genügte gerade, um die allerungeduldigsten und am schärfsten vorgehenden Dränger zufriedenzustellen. Joseph hatte längst eine Gläubigerliste zusammengestellt, und so wurden nun aus dieser bunten Wiese die am heftigsten duftenden Blumen ausgesucht, um wenigstens vorläufig diese zu betäuben. Unter diesen wütenden und augenblendenden Gewächsen befanden sich unter andern der Gärtner, der gesagt hatte, er wolle nicht eher ruhen, bis er Tobler gepfändet und vom Ort verjagt sähe, das Elektrizitätswerk, das so höhnisch mit den Schultern gezuckt, und die schöne Beleuchtung abgestellt hatte, der Schlosser aus der Nachbarschaft, dieser »undankbare Hund«, wie Tobler ihn nannte, dem man, wie man sich vorgenommen hatte, das »Geld vor die Füße schmeißen würde«, der Fleischer, und aber von jetzt an »keinen Bissen Fleisch mehr aus dieser Metzgerei«! Der Buchbinder, das »alte Kamel«, der froh sein dürfte usw., die Uhrenfabrikanten, denen »man allerdings ihr Drängen nicht sehr verübeln konnte«, der Metallwarenfabrikant, der den kupfernen Turm gebaut und verrechnet hatte, und einige, die ihr Geld »wohl verdienten«.

Ein halber Tag genügte, um diesen lautesten und unverschämtesten Forderungen den Mund zu verstopfen, aber auch das Geld war damit verschwunden. Was bedeuteten viertausend Mark für ein über und über verschuldetes Haus? Ein kleiner Rest dieser Summe wurde der Haushaltung gegeben, und einen noch winzigeren erhielt Joseph als Gehalt-Anzahlung.

Es war ein sonniger Schneevormittag gewesen, mit blauem Himmel und Winden und mit Schneenässe an der Erde, als der Gehülfe von Haus zu Haus gegangen war, um Beträge auszubezahlen. Auch beim Betreibungsbeamten war er vorbeigegangen. Und wie rasch das Geld schwand, das merkte er an der leichter werdenden Rocktasche.

Gegen den Nachmittag langte ein Schreiben des Advokaten Bintsch an, worin derselbe erklärte, es sei von der Mutter nichts mehr zu gewärtigen. Er habe sein Möglichstes versucht, die Frau zu überzeugen; seine Bemühungen seien aber zu seinem Leidwesen ohne Erfolg geblieben. Er rate daher Tobler an, mit Ruhe die Folgen dieser Resultatlosigkeit zu ertragen.

Tobler verzog, während er diesen Brief las, sein Gesicht zu einer schmerzhaft anzusehenden Grimasse. Er schien einen namenlosen Zorn zu bemeistern. Dann brach es aus ihm los und warf ihn auf einen Stuhl nieder, als ob Zentnerlasten ihn niedergeschmettert hätten. Er keuchte mit seiner starken Brust, die zu zersprengen drohte, ähnlich einem zu straff angespannten Bogen. Sein Gesicht schaute von unten herauf, als sei es von oben herab von Fäusten niedergepreßt worden. Auf seinem Nacken schienen jähzornig wiegende und sausende und stemmende Gewichte zu liegen, lebendige Gewichte. Die Farbe seines Gesichtes war dunkelrot. Rund um ihn schien die Luft dick und steinern geworden zu sein, und eine unsichtbar-sichtbare Gestalt schien sich jetzt dicht neben Tobler zu erheben, um ihm gemütlich aber kalt auf die zusammenzuckende Achsel zu klopfen. Die eiserne Notwendigkeit selber schien ihm zugeflüstert zu haben. »Mann! Versuche dein Letztes!«

Tobler öffnete schwerfällig sein amerikanisches Rollschreibpult, nahm unter Ächzen und Rückenbiegungen, als ob er Schmerzen gehabt hätte, eine Feder zur Hand, ein Blatt Papier, um seiner Mutter einen Brief zu schreiben. Aber die Buchstaben, die er aufsetzte, tanzten ihm vor den Augen. Das Pult flog an seiner wild gewordenen Empfindung hoch auf, das Bureau drehte sich, er mußte aufhören. Er sagte mit röchelnder Stimme zu Joseph:

»Telefonieren Sie Bintsch und ersuchen Sie ihn, Ihnen zu sagen, wann er zu einer Besprechung mit mir bereit sein kann. Sagen Sie ihm, es hätte die größte Eile.«

Joseph schickte sich sogleich an, dem Befehl Folge zu leisten. Er war aufgeregt, sprach vielleicht etwas undeutlich, es war möglich, daß man ihn nicht recht verstanden hatte, kurz und gut, es dauerte ziemlich lange, ehe er mit Doktor Bintsch reden konnte. Hinter ihm her war Tobler die Treppe hinaufgekommen und stund nun hinter dem Gehülfen, den die Gegenwart eines so krankhaft erregten Herrn und Meisters noch mehr verwirrte, derart, daß, als nunmehr die gewünschte Verbindung hergestellt war, er sich mit dem Rechtsanwalt in stammelnden Gesprächen herumschlug, ohne sich verständlich machen zu können.

Das war zu viel für Tobler. Mit einem häßlich tönenden Wutschrei warf er den ungeschickten Sprecher zur Seite, daß derselbe an den Türrahmen des Wohnzimmers anflog, und ergriff selber den telephonischen Hörer, um das verunglückte Gespräch zu Ende zu führen und sich den erforderlichen Bescheid selbst sagen zu lassen.

Seine Wut war verflogen, aber er zitterte am ganzen Leib heftig. Er bekam Fieber und mußte sich auf das Ruhbett legen, auf dasselbe, das vor kurzer Zeit Dora eingenommen hatte. »Ist Vater krank?« frug diese jetzt. Frau Tobler, die besorgt neben dem liegenden und stöhnenden Manne stand, sagte zu dem Mädchen: »Ja Kind, Vater ist krank. Joseph hat ihn geärgert,« wobei sie den Gehülfen mit einem erstaunten und verächtlichen Blick streifte, der denselben ins Bureau hinunter jagte. An seinem Schreibtisch angelangt, versuchte er, als ob nichts geschehen wäre, zu arbeiten, aber es war keine Arbeit, was er tat, sondern ein Tappen und Tasten mit zitternden, zerstreuten Fingern, ein Bemühen, gleichmütig zu sein, ein Nichtkönnen, ein Anderes, ein Nichts, etwas Schwarzes. Sein Herz klopfte zum Zerspringen.

Später wurde er zum Kaffee gerufen. Tobler war inzwischen in sein Schlafzimmer hinaufgegangen. Die Besprechung mit dem Advokaten konnte erst andern Tags stattfinden, und bis dahin gab es für den Ingenieur ja in der weiten Welt, scheinbar und offenbar, vorläufig nichts mehr zu tun. Welches Bemühen konnte noch einen reellen Zweck haben? Welche Pläne waren nicht lächerlich? Und krank! Es tat dem gehetzten Mann so wohl, zu denken, er liege im Bett und könne bis am andern Tag ungestört liegen bleiben. Er ließ sagen, wenn Joseph zur Post gehe, so möchte er ihm ein paar gute Zigarren mit nach Hause bringen. »Und für Dora ein paar Orangen, Joseph,« fügte Frau Tobler hinzu. Dieser führte die Aufträge aus.

Nach dem Abendessen, die Kinder waren bereits zu Bett gebracht worden, sagte der Gehülfe zu Frau Tobler, es sei ihm schwer, länger in einem Hause zu bleiben, dessen Chef sich nicht scheue, ihn, nachdem er ihn oft genug schon mit Worten beleidigt habe, nun auch tätlich und körperlich zu beschimpfen. Das sei zu viel, und er glaube, er täte am besten, gleich jetzt zu Tobler hinaufzugehen, und es diesem Mann zu sagen, wie roh und dumm seine Handlungen seien. Er könne nicht mehr arbeiten, das fühle er deutlich. Einer, den man herumstoße und gegen Türen heranwerfe, der sei wohl auch nicht imstande, Nutzen zu bringen. Solch einer müsse ein Esel und Taugenichts sein, sonst sei es ja gar nicht möglich, ihn derart, wie es geschehen sei, zu behandeln. Dies drücke ihm den Atem ab. Er meine, auch wenn er nichts wie Schindluder all die Zeit her, die er nun hier oben zugebracht habe, getrieben hätte, so könne das körperliche Schmach und Schande noch nicht einmal rechtfertigen, und er? Ob er nicht sich immer ein wenig Mühe gegeben habe? Er wenigstens wisse es, daß er hin und wieder mit Liebe und Lust und mit allen seinen Kräften gearbeitet habe, wenn auch die Kräfte nicht immer den, er gestehe es, gerechten Anforderungen hätten entsprechen können. Ob man so, wie es geschehen sei, die Versuche, tüchtig und aufrichtig zu sein und zu bleiben, behandle?

Er weinte.

Frau Tobler sagte kalt: »Mein Mann ist krank, wie Sie wissen, und eine Störung wird ihm nicht gerade willkommen sein. Aber wenn Sie Lust haben, und wenn Sie glauben, es hier oben bei uns nun so plötzlich nicht mehr aushalten zu können, so gehen Sie nur zu ihm hinauf und sagen Sie ihm, was Sie auf Ihrem Herzen haben. Ich denke, Sie werden den Ihnen und Ihrem Betragen geziemenden, kurz und bündigen Bescheid erhalten.«

Der Gehülfe blieb sitzen. Dann erhob er sich und sagte: »Ich gehe noch rasch auf die Post.«

»Sie wollen also nicht zu meinem Manne hinaufgehen?«

Nein, Herr Tobler sei krank, sagte Joseph, man dürfe ihn nicht stören. Er dagegen habe jetzt noch Lust, einen kleinen Spaziergang zu machen.

Draußen empfing ihn eine klare, kalte Welt. Etwas Hohes und Gewölbtes von einer Welt. Es war kalt geworden. Die Füße schlugen gegen Steine und Eisstücke. Ein eiskalter Wind wehte durch die Bäume. Durch die Äste derselben schimmerten die Sterne. Sein Herz war voll, er lief wie besessen. Nein, er mochte nicht fortgehen. Er hatte Angst, Frau Tobler würde inzwischen ihrem Mann alles ausplaudern gehen. Infolge dieses Gedankens beschleunigte und jagte er seine Schritte. Seinen Gehalt hatte er überdies auch noch nicht endgültig ausbezahlt erhalten. Item. Die Hauptsache war: im Haus bleiben. »Wie unanständig, mich derart beklagt zu haben,« rief er in die Winternacht hinaus. Er nahm sich vor, Frau Tobler kniefällig die Hände zu küssen.

Sie saß noch im Wohnzimmer, als er es wieder betrat. Er fing schon in der Türe, welche er aber vorsichtig zuschloß, zu reden an:

»Ich habe Ihnen zu sagen, Frau Tobler, wie gut, daß Sie noch hier sitzen, daß ich mich vollständig im Unrecht fühle, darum, daß ich gegen meinen Chef Klagen vorgebracht habe. Ich bin zu voreilig gewesen, und ich bitte, verzeihen Sie mir. Ich habe mich läppisch benommen, und Herr Tobler, in welche Aufregung hat ihn der unselige Advokatenbrief geworfen. Waren Sie schon bei Ihrem Mann? Haben Sie es ihm schon sagen müssen?«

»Nein, ich habe ihm noch nichts gesagt,« antwortete die Frau.

»Ich bin froh!« sagte der Gehülfe, und er setzte sich. Er fuhr fort: »Und ich bin hieher zu springen gekommen, in der hellen Angst, daß Sie es ihm schon hätten können gesagt haben. Es tut mir alles leid, was ich gesagt habe. Man sagt im Sturm der Gefühle, gnädige Frau, gar so manches, was man nicht aussprechen sollte. Ich bin so froh, daß Sie noch nichts gesagt haben.«

Das sei vernünftig gesprochen, sagte Frau Tobler.

»Ich habe mir vorgenommen, Ihnen zu Füßen zu stürzen und kniend Abbitte zu tun,« stammelte der Gehülfe.

So etwas sei gar nicht nötig, pfui, entgegnete sie.

Sie schwiegen eine Weile. Es kam dem Angestellten so schön im Zimmer vor. Das war etwas, das glich einem Heim. Und wie oft war er in früheren Zeiten durch die bewegten und menschenleeren Gassen gegangen mit dem kalten und bösen und niederwerfenden Verlassenheitsgefühl im Herzen. Er war so alt gewesen in seiner Jugend. Wie hatte ihn das Bewußtsein, nirgends zu Hause zu sein, lähmen und innerlich würgen können. Wie schön war es, jemandem anzugehören, in Haß oder in Ungeduld, in Mißmut oder in Ergebenheit, in Liebe oder in Wehmut. Dieser Menschenzauber in solchen Heimstätten, wie war Joseph immer davon traurig entzückt gewesen, wenn er ihn aus irgend einem offen stehen gelassenen Fenster zu sich, dem Einsamen und Umhergeworfenen und Heimatlosen, herabwiderspiegeln sah, zu dem auf der kalten Straße Stehenden hernieder. Wie dufteten Ostern, Weihnachten oder Pfingsten oder das Neujahr zu solchen Fenstern heraus, und wie arm mutete der Gedanke an, von diesem Goldenen und Uraltschönen nur den kargen, kaum empfindbaren Widerschein mitgenießen zu dürfen. Dieses schöne Vorrecht der Bürgerlichen. Diese Güte in den Gesichtern. Dieses friedliche Weben und Lassen und Leben! Er sagte:

»Es ist so dumm, sich gleich so beleidigt zu glauben.«

Er habe recht, wenn er das sage, meinte die Frau, indem sie ruhig fortfuhr, an einem Unterjäckchen für Dora zu stricken oder zu häkeln. Sie setzte hinzu:

»Und muß ich, seine Frau, nicht auch allerhand von ihm dulden und ertragen? Er ist nun eben einmal der Herr im Hause, und das ist eine verantwortliche Position, die von den übrigen Bewohnern und Gliedern Duldung und Achtung herausfordert. Freilich soll er nicht beleidigen, aber kann er sich immer im Zaum behalten? Kann er seinem Zorn sagen: sei vernünftig? Der Zorn und die Gereiztheit sind halt nicht vernünftig. Und wir andern, die den unübersehbaren Vorteil haben, seinen Anordnungen, deren Entwurf und Plan ihn anstrengen, gehorchen zu dürfen, seine Winke, deren Weisheit wir fast immer einsehen, zu befolgen, wir sollen ihm in Zeiten der Unruhe und der Empörtheit eben ein wenig aus dem Wege zu gehen verstehen. Wir sollen es gelernt haben, ihn zu behandeln, denn ein Herr und Gebieter will auch auf eine ganz bestimmte Art und Weise behandelt werden. Wir sollen geschickt und geschmeidig sein in Momenten, wo er seiner Gelassenheit und sicheren Kräfte nicht mehr, wie sonst immer, bewußt ist, in denen wir ihn unfähig, sich noch, wie bisher, zu beherrschen, erblicken. Und wenn wir plump, und, nach unsern Verhältnissen gerechnet, voll Fehler gewesen sind, so müssen wir nicht allzusehr gekränkt sein, wenn seine Stimme und das Unmaß seiner Sorgen und Qualen uns andonnern. Marti! Glauben Sie mir, auch ich bin oft voll Wut über denselben Mann gewesen, der Ihnen heute Unrecht getan hat, der Sie soll beleidigt und in der unwürdigsten Weise soll gekränkt haben. Nun, so setzt man selber eben diese seine Würde ein bißchen herab und verzeiht, denn – man muß seinem Herrn und Vorgesetzten verzeihen. Was sollte aus Unternehmungen, aus Haushalten, aus Geschäften aller Art, aus Häusern, ja, was sollte aus der Welt selber werden, wenn die Gesetze mit einem Mal nicht auch fernerhin einen ein wenig zwicken und stoßen und verletzen dürften? Hat man das ganze Jahr lang deshalb die Wohltat des Gehorchens und Nachahmens genossen, daß man dann eines Tages oder Abends auftreten durfte und sich in die stolze Brust werfen durfte und sagen durfte: beleidige mich nicht!? Nein, zum Beleidigtwerden ist man ja allerdings nicht da, aber auch nicht zum Zorn-Anlaß-Geben. Wenn die Verwirrtheit nichts dafür kann, daß sie sich dumm benimmt, so ist auch die Wut nicht so rasch für ihr Schnauben und Toben verantwortlich zu machen. Und es ist immer die Frage, wo ist man, und wer ist man. Ich bin jetzt ja zufrieden mit Ihnen, Joseph. Geben Sie mir die Hand. Man kann reden mit Ihnen, und gehen wir jetzt zu Bett.«

 

Weihnachten näherten sich. Auch ins Haus Tobler mußte die festliche Zeit ja kommen, die Festzeit, das war etwas Unentrinnbares, das war etwas Flugartiges, das war ein Gedanke, der sich allen Menschen mitteilte, der alle Empfindungen durchdrang, warum hätte er, dieser Gedanke, um die Villa zum Abendstern herum einen Umweg machen sollen? Wie wäre das möglich gewesen? Wenn ein Haus schon einmal, und dazu noch so hübsch, so auffällig, wie das Toblersche, in der Welt stund, so gab es ja auch keine vernünftige oder natürliche Ursache, warum es von irgend etwas, das in dieser Welt voll Ansehen und Duft bestund, hätte sollen verschont bleiben. Und dann war auch noch die Frage: hätten Toblers gern mögen verschont bleiben?

Nein, sie freuten sich darauf. Tobler sagte, wenn es schon schlimm mit ihm stehe, so meine er doch, Weihnachten brauchten deshalb nicht etwa gar ungefeiert an und in seinem Haus vorüberzuziehen. So etwas möchte ihm noch gefehlt haben.

Die umliegende Gegend selber schien sich ja sogar in ihrer Art auf das schöne Fest zu freuen. Sie ließ sich ruhig und wohlig mit dicht herabfallendem Schnee bedecken und hielt so still gleichsam die große, breite, alte und weite Hand dar, um aufzunehmen, was da fleißig herunterstürzte, daß alle Menschen beinahe sagten: »Seht! Es wird weiß, es weißelt in der Welt. Das ist recht, denn das schickt sich für Weihnachten.«

Bald lag auch das ganze See- und Bergland in einem dicken, festen Schneeschleier. Die rasch sich etwas einbildenden Köpfe hörten schon das Klingeln von schnell dahinfahrenden Schlitten, obschon noch gar keine herumfuhren. Die Weihnachtstische waren auch schon gedeckt, denn das ganze Land glich einem säuberlich weiß überzogenen Weihnachtstisch. Und die Stille und Gedämpftheit und Wärme solch einer Landschaft! Man hörte alle Geräusche nur halb, als ob die Schlosser ihre Hämmer, und die Zimmerleute ihre Balken, und die Fabrikräder ihre Schaufeln, und die Lokomotiven ihre schrillen Pfiffe mit Watte oder mit wollenen Tüchern eingewickelt hätten. Man sah nur das Nächste, das, was man mit zehn Schritten abmessen konnte, die Ferne war ein undurchdringliches Geschneie und ein fleißiges Übermalen mit grauer und weißer Farbe. Auch die Menschen kamen weiß dahergestampft, und man konnte unter fünf Menschen immer einen sehen, der sich den Schnee von den Kleidern abschüttelte. Es war ein Friede da draußen, daß man unwillkürlich alle Weltdinge als befriedigt und erledigt und beruhigt annehmen mußte.

Und da mußte nun Tobler hinfahren, durch solchen Schneezauber hindurch, per Eisenbahn nach der Stadt, um eine Zwiesprache mit dem Herrn Rechtsanwalt Bintsch abzuhalten. Aber an seiner Seite saß wenigstens seine Frau, die mitfuhr, um einige Geschenksachen im hauptstädtischen Warenhaus für das nahe bevorstehende Fest einzukaufen.

Am Abend gab es wieder eine Bahnhofsszene, aber diesmal eine verschneite und deshalb ein wenig fröhlichere. Paulinens Gelächter und Leos freudiges Gebell warfen in den Schnee dunklere Ton-Flecken, obschon sonst ein Gelächter und ein Gebell hell zu färben pflegten, aber was kam gegen die glitzernde Schneeweiße an Helligkeit und Schimmer auf? Man nahm wieder Pakete in Empfang, und eine Dame in Pelzen war ausgestiegen und sah aus wie die wahrhaftige, reiche und gütige Weihnachtsfrau selber, und doch war es nur Frau Tobler, die Frau eines Geschäftsmannes, und noch dazu eines ruinierten. Aber sie lächelte, und solch ein Lächeln kann aus der ärmsten und bedrängtesten Frau eine halbe Fürstin machen, denn ein Lächeln erinnert immer an etwas Hochachtbares und Wohlanständiges.

Der Schnee blieb liegen bis zum eigentlichen Tage, sauber und fest, denn es gab kalte Nächte, die die weiße Decke knirschend zufrieren machten. Am Weihnachtstag ging Joseph gegen Abend den bekannten Berg hinauf. Die kleinen Wege schlängelten sich hellgelb durch die schimmernd weißen Wiesen, die Äste der tausend Bäume waren mit Reif überglitzert: ein zu süßes Schauspiel! Die Bauernhäuser stunden in dieser feinen, weißen, verzweigten Pracht da, wie Schmuck- oder Zierhäuser, für den Anblick und für das unschuldige Verständnis eines Kindes geschaffen. Die ganze Gegend schien eine hohe Prinzessin zu erwarten: so zierlich und sauber angezogen sah sie aus. Sie schien ein Mädchen zu sein, ein schüchternes und ein bißchen kränkliches, ein unendlich zart veranlagtes. Joseph schritt höher hinauf, und da hoben sich mit einem Mal die grauen Schleier, die die untere Erde belegten, zerfasernd auf, durchstochen von dem feurigsten Himmelblau, und eine Sonne, so warm wie im Sommer, machte den Spaziergänger an ein eitles Märchen glauben. Hohe Tannen standen da, in stolzer, kraftvoller Haltung, mit Schnee beladen, der in der Sonne zerfloß und von den großen Ästen herabfiel.

Als Joseph mit der bereits begonnenen Nacht nach Hause kam, brannte schon im Gastzimmer, einem Eckzimmer, das man fast nie betrat, der Weihnachtsbaum. Frau Tobler führte die Kinder zu demselben hinein und zeigte ihnen die Geschenke. Auch Pauline wurde beschenkt, und Joseph erhielt eine Kiste Zigarren unter der Bemerkung, daß das zwar wenig aber dafür von Herzen sei. Tobler war bemüht, dem Fest einen gemütlichen, wirtshäuselnden Anstrich zu geben, er rauchte die gewohnte Pfeife und blinzelte mit seinen Augen den Tannenbaum an, der lieblich umherstrahlte. Frau Tobler lächelte und sagte ein paar schickliche Worte, zum Beispiel, wie schön doch so ein Bäumchen sei. Aber es mochte ihr nicht so recht zum Mund herauskommen. Überhaupt stockte alles ein bißchen, und es verbreitete sich keine sonderliche Freudenandacht um die paar dastehenden Menschen, sondern es legte sich Wehmut um alles. Auch war es kalt im Gastzimmer, und wo Weihnachtsfreude hätte herrschen sollen, da durfte es nicht kalt sein. Man ging daher immer ins Wohnzimmer hinüber, um sich dort ein wenig Wärme zu holen, und kam dann wieder zum Baum. Jeder Weihnachtsbaum ist schön und jeder hat noch Rührung erzwungen. Auch der Toblersche war schön, nur die Menschen, die um ihn herumstanden, konnten sich zu keiner längeren und tieferen Rührung und Freude aufschwingen.

»Da hätten Sie letztes Jahr sollen dabei gewesen sein, das waren noch Weihnachten! Kommen Sie. Trinken Sie ein Glas Wein,« sagte Tobler zum Gehülfen und veranlaßte ihn, ins Wohnzimmer an die Wärme zu treten. Letzterer machte ein unzufriedenes Gesicht, als wäre er der Zigarren wegen verstimmt gewesen, was er selber nicht genau wußte. Man sei halt dieses Jahr, sagte und seufzte die Frau, nicht in der richtigen Stimmung für so etwas. Sie schlug zaghaft vor, noch einen »Jaß« zu machen. Habe man es das ganze Jahr lang getan, so könne man auch einmal am Weihnachtsabend zu den Karten greifen, vielleicht werde es dann ein bißchen lustiger im Zimmer. So nahm man zu den Spielkarten Zuflucht.

Der Baum war inzwischen strahlen- und lichterlos geworden. Die Kinder ließ man noch eine halbe Stunde sich mit den Geschenken beschäftigen, worauf sie in die Betten geschickt wurden. Nach und nach verwirtshäuselte die Luft im weihnachtlichen Wohnzimmer gänzlich. Das Lachen und Benehmen der drei einsamen Menschen, die da Wein tranken, teils Zigarren rauchten, teils Bonbons aßen und miteinander Karten spielten, verlor alle besondere Scheu und Eigenheit, die etwa noch hätten an einen Festhauch erinnern können. Es war das gewöhnliche Benehmen und das allerunfeierlichste Lachen. Die Stimmung, die nun diese Spieler beherrschte, war aber nicht einmal die gewohnt-gemütliche, denn – es war halt doch Weihnachten, und der feinere und schönere Gedanke, der hie und da aufblitzen mochte, mahnte vorüberhuschend an die Sünde, das Fest und den Inhalt desselben derart, wie es geschah, verdorben und entwertet zu haben.

Ja, einsam waren diese drei Menschen, am einsamsten der Gehülfe, weil er fühlte, daß er als ein hinzugeflogenes Glied einem Haus angehörte, das langsam aufhörte, ein solches zu sein; weil er sich nicht, wie Herr Tobler, sagen durfte, er habe das Recht, in diesem Hause zu tun und zu verhindern oder zu umgehen, was ihm beliebe, da es nicht sein eigenes war; weil er hätte Weihnachten haben und begehen wollen, da er sich doch einmal in solch einem Hause und in solch einer bürgerlichen Familie befand; weil er des Glaubens gewesen war in den letzten Jahren, er entbehre viel, solches vermissen zu müssen, und weil er am mißgestimmtesten von allen dreien Kartenspielern war und dies als ein großes Unrecht empfinden mußte.

»Ist dieses nun heiliger Abend?« dachte er.

Die Frau sagte unter anderem auf einmal, es sei doch nicht ganz recht, an Weihnachten Karten zu spielen. Bei ihnen im Elternhaus würde es so etwas nie gegeben haben. Es habe doch eigentlich gar keine Art, wie man da heute Nacht wieder wirtshäusele.

Dadurch in Unlaune versetzt, erwiderte Tobler: »So hören wir eben auf!«

Er warf die Karten auf den Tisch und rief aus:

»Jawohl ist es nicht recht, so etwas am Weihnachtsabend zu tun. Aber was ist das für ein Kreis, wir hier? Was sind wir? Uns kann der Wind morgen zum Haus hinausfegen. Ja, da wo Geld ist, da ist noch Lust, Feste, und noch dazu heilige, zu feiern. Wo Wohlstand ist, wo Glück, Erfolg und allgemeine, häusliche Freude ist. Wer hat sich drei oder mehr Monate hindurch unnatürlich um das Gelingen der Lebensgeschäfte abplagen müssen, erfolglos, und will dann mit einem Mal fröhliche Feste feiern? Ist so etwas überhaupt denkbar? Habe ich recht oder nicht, Marti? He?«

»Nicht ganz, Herr Tobler,« sagte der Gehülfe.

Es gab ein langanhaltendes Schweigen, das, je länger es dauerte, niemand zu unterbrechen wagte. Tobler wollte etwas von der Reklame-Uhr, die Frau etwas von Dora, und Joseph etwas von Weihnachten sagen, aber alle unterdrückten ihre Gedanken. Es war, als ob allen der Mund zugenäht gewesen wäre. Plötzlich schrie Tobler:

»So tut doch bald eure Schnäbel auf und saget etwas. Das ist zu langweilig, da geht man ja gescheiter ins Wirtshaus.«

»Ich gehe ins Bett,« sagte Joseph und verabschiedete sich. Auch die andern gingen bald nach oben, und das war Weihnacht gewesen.

 

Die Neujahrswoche verlief still und eigentümlich gemütvoll, die Geschäfte lagen am Boden, es gab wenig zu tun, außer, um einen seltsamen Menschen, den Erfinder einer Kraftmaschine, im Kontor von Zeit zu Zeit zu empfangen. Dieser halb bäuerlich, halb weltstädtisch angehauchte Kauz besuchte in dieser Woche das Haus Tobler fast täglich, indem er den Chef desselben antrieb, er möchte für das Geniewerk, dessen Entwürfe er im Bureau liegen ließ, tätig sein. Man lachte über den Mann, dessen Sache man nicht ernst nehmen konnte, aber Tobler sagte einmal beim Mittagessen zu den übrigen: »Lacht doch nicht so. Der Mann ist gar nicht dumm.«

Die Begeisterung, mit welcher der Kraftanlagenschöpfer das Kind seines Geistes verfocht und in fast himmelhohe Bedeutung hochhob, gab viel zu reden und sorgte in gar nicht übler Weise für die Unterhaltung in der still und träge dahingehenden Woche. Der seltsame Mensch besaß keinerlei exakte und elegante Bildung, er sprach einesteils wie ein junger Träumer und Bauer, und andersteils hätte man ihn für einen Schwindler oder Jahrmarktbudenbesitzer halten können, denn eines Tages schlug er Herrn Tobler die öffentliche und unter Bezahlung von Eintrittsgeld zu besichtigende Schaustellung der Selbstkrafterzeugmaschine in Städten und Großstädten vor, an Orten, wo recht viel Volk sich zu tummeln pflege, über welche Idee man gar nicht genug glaubte lachen zu sollen.

Da sollte nun Tobler schon wieder einmal einem anscheinend ganz begabten Menschen auf die Beine helfen, damit derselbe nicht in einer Schlosserwerkstätte als Arbeiter geistig zu verträgen und zu erlahmen brauchte, aber er, Tobler, selber, wie erging es denn ihm, und wo waren die hülfsbereiten Menschen, die dann auch ihm halfen?

»Alle kommen zu ihm,« sagte Frau Tobler, »alle denken sie an ihn, wenn sie auf der Suche nach einem Bereitwilligen sind, alle haben sie Lust, ihn und seine gesellige Natur auszubeuten, und er hilft jedem. So ist er.«

Der Gehülfe machte in dieser Woche kürzere und weitere Spaziergänge in die kalten aber schönen Winterlandschaftsgegenden und -Bilder hinein. Da gab es Wagenfurchen auf der Landstraße, an die die Füße anschlugen. Da gab es steifgefrorene Wiesen, die den Berg anliefen, und kalte, rote Hände, die man vor den Mund hielt, um hineinzublasen. Dickbemäntelte Menschen begegneten ihm, und Nächte überraschten ihn in unbekannten Gegenden. Oder es gab da eine Eisbahn auf einem ehemalig herrschaftlich gewesenen Parkweiher, fahrende und umfallende Menschen jeden Alters und beiderlei Geschlechtes darauf, mit den Geräuschen, die solche Schlittschuhbahnen auszuzeichnen und abzumalen pflegen. Und dann stand er plötzlich wieder vor dem Toblerschen Haus, schaute von unten zu ihm hinauf und sah, wie der kalte Mond es verzauberte, während die halbdunklen Nachtwolken um dasselbe herumflogen, großen, trauernden, aber lieblichen Frauen ähnlich, um es scheinbar in die Höhe zu ziehen, damit es sich auflöse in schöner Weise.

Zu Hause war dann alles so sonderbar still, nicht einmal die Silvi mehr konnte man hören. Die Tugenden und Untugenden des Hauses Tobler schienen sich beiderseits zufrieden gegeben und sich stumm verbrüdert zu haben. In der Wohnstube saß etwa die Frau in dem Schaukelstuhl, arbeitete etwas oder las etwas, oder sie hielt Dora auf ihrem Schoß und tat gar nichts.

»Wie Sie mich im Sommer draußen im Garten gereitschaukelt haben, Marti!« sagte sie einmal. Sie sehne sich nach dem Garten, sie wisse nicht wie. Wie das schon so lange her scheine. Joseph sei jetzt ein halbes Jahr hier, und ihr sei es, als sei er schon so viel länger um sie herum. Wie doch so etwas derart ins Gefühl komme.

Sie schaute die Lampe an. Der Blick, womit sie das tat, schien zu seufzen. Sie sagte:

»Sie, Marti, haben es eigentlich recht gut, viel besser als mein Mann und als ich, aber von mir will ich gar nicht reden. Sie können von hier weggehen, Sie packen einfach Ihre paar Sachen, setzen sich in die Eisenbahn und fahren nach wohin Sie wollen. Sie finden überall Stellung, denn Sie sind jung, und man glaubt, wenn man Sie vor sich sieht, Sie seien tüchtig, und Sie sind es ja auch. Sie haben mit niemandem auf der Welt, mit niemandes Eigenheit und Bedürfnis, zu rechnen, es zieht niemand Sie ab, in die Weite und in die Ungewißheit hinauszuschweifen. Das ist vielleicht oft bitter, aber wie schön und wie frei kann es sein. Wenn es Ihnen paßt, und wenn es Ihnen die paar kleinen, nicht gar sehr genierenden Verhältnisse erlauben, so marschieren Sie, und wenn Sie zu dürfen glauben, ruhen Sie an irgend einem festen Punkt und Ort wieder aus, und wer wollte, und was wollte und könnte Sie daran verhindern? Sie sind vielleicht manchmal unglücklich, aber wer ist es nicht, manchmal verzweifelt, aber wessen Seele schonen die Schwierigkeiten? An nichts Dauerndes sind Sie gebunden, an nichts Hemmendes gefangen und an nichts Allzuliebevolles gefesselt und angekettet. Es muß Ihnen manchmal unerhört läuferisch und luftspringerisch zumute sein, daß Sie sich dermaßen voller Bewegungs-Erlaubnis erblicken dürfen. Und gesund sind Sie auch, und Ihr Herz mag schon am rechten Fleck sitzen, ich kann es mir denken, trotzdem Sie sich öfters so zaghaft benommen haben. Vielleicht bin ich undankbar. Ich habe mich nun all die Zeit her mit Ihnen nett und lang und ruhig unterhalten können, und es hat sich vielleicht gut getroffen, daß Sie ins Haus zu fliegen gekommen sind, und ich habe Sie oft schlecht behandelt –«

»Frau Tobler!« bat Joseph. Sie schnitt ihm das Wort ab und fuhr fort:

»Unterbrechen Sie mich nicht. Lassen Sie mich die Gelegenheit ergreifen, Ihnen zu raten, wenn Sie einmal von uns fort sind – –«

»Aber ich gehe ja gar nicht fort!« –

Sie fuhr weiter:

»– – fort sind, und gedenken, sich selbständig zu machen, es anders anzustellen als mein Mann, ganz anders. Pfiffiger vor allen Dingen.«

»Ich bin nicht pfiffig,« sagte der Gehülfe.

»Wollen Sie denn Ihr Lebtag lang Angestellter bleiben?«

Er sagte, das wisse er nicht. Er bekümmere sich um Zukunftsfragen nicht viel. Sie nahm wieder das Wort auf und sagte:

»Jedenfalls haben Sie hier oben etwas sehen und sich etwas einprägen können, auch gelernt haben Sie mancherlei, wenn Sie es der Mühe wert gehalten haben, die Augen zu öffnen, und das werden Sie, so wie ich Sie einigermaßen schon kenne, getan haben. Sie sind ein bißchen an Erfahrung, an Wissen und an Gesetzen reicher geworden, und Sie werden das alles womöglich eines Tages brauchen können. Nicht wahr, manches Mal ist man Ihnen über den Mund gefahren, und getragen und ertragen haben Sie manches. Sie mußten! Wenn ich so denke – ach was, ich habe, mit einem Wort, das Gefühl, Joseph, daß Sie uns jetzt bald, bald verlassen. Nein, sagen Sie nichts. Sagen Sie lieber nichts. Einige Tage werden wir ja doch wohl schon noch zusammen bleiben, oder nicht? Was meinen Sie?«

»Ja,« sagte er. Es war ihm unmöglich, mehr zu sagen.

Am nächsten Tag schickte er die zu Weihnachten geschenkt bekommene Kiste Zigarren per Post seinem Vater, folgendes Schreiben der Sendung beifügend:

 

Lieber Vater, hier mache ich Dir ein kleines Neujahrsgeschenk. Die Zigarren sind mir von meinem gegenwärtigen Herrn zu Weihnachten gegeben worden. Du wirst sie gewiß gern rauchen, es sind gute, zwei davon habe ich probiert, wie Du siehst, denn zwei fehlen. Wenn ich mit meinen heutigen sprunghaften Gedanken diese zwei fehlenden Stücke mit zwei Fehlern vergleiche, die meinen Eigenschaften anhaften, so kommt mir so recht zum Bewußtsein, erstens, daß ich Dir niemals schreibe, zweitens, daß ich arm bin, derart, daß ich Dir nie Geld schicken kann, zwei Mängel, die ich beweinen würde, wenn ich mir das erlauben dürfte. Wie geht es Dir? Ich bin überzeugt, daß ich ein schlechter Sohn bin, aber ich bin ebenso vollkommen von der Gewißheit durchdrungen, daß ich ein guter Kerl von Sohn wäre, wenn es einen Sinn hätte, Briefe zu schreiben ohne erfreulichen Inhalt. Das Leben, mit dem man ehrlich glaubt kämpfen zu sollen, gestattete mir bis jetzt nicht, Dir zu gefallen. Adieu lieber Papa. Bleibe gesund und lasse Dir das Essen immer wohlschmecken und fange das neue Jahr gut an. Ich will's auch versuchen.

Dein Sohn Joseph.

»Er ist ein Greis und geht immer noch den Geschäften nach,« dachte er.

 

Die mündlichen Verhandlungen Toblers mit seinem Rechtsbeistand bewirkten, daß derselbe der Mutter Tobler einen in energischen Tönen gehaltenen Brief schrieb, den aber die festbewußte alte Dame dahin beantwortete, daß der Rest der Sohnesansprüche bei weitem erschöpft sei, ja, daß sie selber, eine nunmehr hochbejahrte Frau, sehen müsse, wie sie sich in ihren alten Tagen durchschlage, und daß von weiteren Auszahlungen an Karl Tobler die Rede überhaupt nicht mehr sein könne. Derselbe Mann, fast möchte sie sagen, leider ihr Sohn, habe nichts anderes zu tun, als die notwendigen Folgen seiner Unvorsichtigkeiten und Unüberlegtheiten zu tragen. In der Art der Geschäfte, in die er sein Vermögen geworfen habe, könne sie nichts Gewinn-und Existenzversprechendes begründet erblicken. Das Haus zum Abendstern solle nur aufgegeben werden, es sei allerhöchste Zeit, daß Tobler sich wieder in bescheidenere Lebensverhältnisse fügen lerne, die ihn zwängen, ehrlich, wie es andere Menschen ebenfalls tun müssen, zu arbeiten. Für ihn sei es das Beste, wenn man ihn in der selbsteingebrockten Suppe belasse, damit er aus den Verlegenheiten, in die er sich gestürzt sehe, eine Lehre ziehe. Von ihr, der Mutter, sei nichts mehr zu erwarten.

Tobler, dem der Advokat eine Abschrift des mütterlichen Bescheides übermittelte, wurde rasend, als er dieselbe durchgelesen hatte. Er gebärdete sich wie ein wildes Tier, stieß unnatürliche Schimpfworte gegen seine Mutter aus, in der direkten Anrede, als wenn sie zugegen gewesen wäre, und brach dann, wie schon einmal, erschöpft zusammen.

Dies geschah am letzten Tage des Jahres, im technischen Bureau, das nun so oft schon der Schauplatz ungehöriger und unbeherrschter Szenen hatte sein müssen. Auch Joseph hatte alles Würdelose und Fassungslose wieder mit angesehen und angehört. In diesem Moment wäre er am liebsten gleich auf und davon gegangen, aber »wozu es herbeiziehen,« dachte er, »es kommt schon von selber.« Er bemitleidete Tobler, er verachtete ihn, und er fürchtete sich zugleich vor ihm. Das waren drei sehr häßliche Empfindungen, eine wie die andere natürlich, aber auch ungerecht. Was veranlaßte ihn, nun noch länger der Angestellte dieses Mannes zu bleiben? Der Gehalt-Rückstand? Ja, das auch. Aber es war noch etwas ganz anderes, etwas Wichtigeres: er liebte aus dem Grund seines Herzens diesen Menschen. Die reine Farbe dieser einen Empfindung machte die Flecken der drei andern vergessen. Und wegen dieser einen Empfindung waren auch die drei andern immer, beinahe von Anfang an, dagewesen, und um so lebhafter. Denn was einer gern hatte, an was einer sich gebunden und geschlossen fühlte, das machte ihm eben zu schaffen, mit dem stritt er sich, an dem paßte ihm vieles nicht, das haßte er gelegentlich, weil er sich mächtig von ihm immer angezogen gefühlt hatte.

Das Wetter war an diesem letzten Jahres-Tag mit einmal wunderbar mild geworden. Die winterliche Natur schien gleichsam zu schmelzen und stille Freudentränen zu weinen, denn was Eis und Schnee sein mochte, das lief als munteres, warmes Wasser die Hänge und Hügel hinunter, dem Seewasser zu. Es rauschte und dampfte, als wenn sich ein Frühlingstag mitten in den Winter hinein verloren hätte. Eine solche Sonne! Der reine Maitag. Die beiderlei Sorten Gefühle, die schönen und die schmerzlichen, die sich heute besonders lebhaft in der Brust des Gehülfen bewegten, reizte das herrliche Wetter noch mehr hervor, beruhigte und beunruhigte sie zugleich, so daß es ihm, als er zur Post lief, war, als laufe er nun da zum letzten Mal den schönen Weg entlang, unter diesen bekannten, guten Bäumen, an all den Dingen und Gesichtern vorbei, die Winters und Sommers immer gleich angenehm anzuschauen gewesen waren.

Er trat bei Bachmann & Co. ein und fragte nach Wirsich, den er schon an die zehn Tage nicht mehr gesehen hatte, und mit dem er sich für den Silvesterabend zu einer gemütlichen Zusammenkunft zu verabreden gedachte.

Der Wirsich? Der sei längst abgegangen. Das sei ja eine pure Unmöglichkeit gewesen, den zu behalten. Der sei ja den halben und ganzen Tag betrunken gewesen.

Joseph entschuldigte sich und verließ den Laden. »Ist das möglich,« dachte er und ging langsamen Schrittes nach dem Postgebäude. Im Postfach lag eine Neujahrswunschkarte seiner Frau Weiß, auf welcher diese gute Frau ihm Glück und Gedeihen wünschte. Er lächelte, schloß das Fach zu und machte sich auf den Heimweg, indem er die Richtung der Landstraße einschlug. Das Wirtshaus zur »Rose« streifend, das an der Straße lag, erblickte er in demselben Wirsich, der an einem Tisch saß und den Kopf schrecklich verzweifelt in die hohle Hand stützte. Das Gesicht des unglücklichen Menschen war blaß wie der Tod, seine Kleider waren schmutzig, und sein Blick hatte alles Leben verloren.

Joseph trat näher und setzte sich zu seinem Vorgänger. Viel wurde zwischen den beiden nicht gesprochen. Das Bewußtsein des Unheils findet in der Regel keine Worte. Der Gehülfe trank ziemlich stark, gleichsam, um dem Kameraden um eine Seelenstufe und um ein Stück Verständnis näher zu rücken, indem er fühlte, daß hier der nüchterne Sinn und Verstand beinahe unpassend gewesen wäre. Die Zeit verging, indem er sich erzählen ließ, wie es gekommen war, daß der andere aus dem guten Lebensposten wieder verjagt werden mußte.

»Kommen Sie, Wirsich, wir wollen ein wenig spazieren gehen,« sagte dann Joseph. Sie bezahlten, der Festere nahm den Schwankenden und Trostlosen unter den Arm, es war schon Nachmittag geworden, und so gingen sie zusammen, erst ein Stück gradaus, dann bergauf, über die freundlichen Wiesen. Wie milde alles war. Wie man da hätte plaudern und scherzen können, wenn man in Begleitung eines Kindes, eines Mädchens oder einer schönen Dame gegangen wäre. Wie man sich, wenn es halb erlaubt gewesen wäre, hätte küssen können. Auf einer Bank in Bergeshöhe vielleicht. Oder wie man gesprochen hätte, etwa mit einem Bruder, oder wie es da hätte sein können, wenn Wirsich ein gesetzter, welterfahrener und gutmütiger älterer Herr gewesen wäre. Gelacht würde man haben, und ein ernstes, aber ruhiges Wort würde man schön vor sich hingesprochen haben. Wenn man aber Wirsich betrachtete, mußte man mit den Verhältnissen und Geschicken der Welt heimlich zürnen und grollen, denn Wirsich bot keinen schönen Anblick dar.

Joseph dachte an Toblers und das Herz schlug ihm leise. Wie kam er dazu, den ganzen halben Tag von Geschäft und Haus fern zu bleiben, ohne um Erlaubnis gebeten zu haben? Er machte sich unbehagliche Vorwürfe.

Und dazwischen war es ihm beinahe heilig zumut. Die ganze Landschaft schien ihm zu beten, so freundlich, mit all den leisen, gedämpften Erdfarben. Das Grün der Matten lächelte aus dem Schnee, dieser war von der Sonne zu weißen Flecken und Inseln zerteilt worden. Jetzt fing es an, Abend zu werden, und nun hätte er doch nicht wünschen mögen, er wäre besser nicht mit Wirsich spazieren gegangen.

Doch! Er hatte ganz gut daran getan, das fühlte er lebhaft. Dieser verunglückte Mensch durfte nicht gänzlich allein gelassen werden. Und jetzt paßte die Gestalt des Trinkers auf einmal wundervoll in die Gegend und in die Dämmerungen des Abends. Schon zündeten Menschen in Häusern Lichter an, schon sah man die Farben nicht mehr, nur noch die weicheren und breiteren Umrisse, und sie gingen heim, und sonderbar, sie schlugen beide den Weg nach Toblers Haus ein, ohne irgend welche Verabredung getroffen zu haben.

Tobler war nicht zu Hause. Die Frau saß im Wohnzimmer, in der Dunkelheit, ganz allein, die Lampe hatte sie noch nicht angezündet, und Pauline und die Kinder waren noch irgendwo draußen in der Umgebung. Sie erschrak über die unvermutete Ankunft zweier solcher abendlichen Gesellen, aber sie faßte sich rasch, machte Licht und frug Joseph, warum er denn heute nicht zum Essen erschienen sei, Tobler habe sich darüber aufgeregt, er sei böse, und sie fürchte, es werde nun wieder etwas Unangenehmes geben.

»Guten Abend, Wirsich,« sagte sie zu dem andern und reichte die Hand, »wie geht es Ihnen?«

»So! Es geht so,« machte der. Joseph ergriff das Wort:

»Frau Tobler, würden Sie mir erlauben, für heute nacht meinen Kameraden bei mir oben im Turmzimmer zu behalten? Wie ich denke, befindet er sich in Verlegenheit, wo er übernachten soll, es sei denn in der ›Rose‹ da unten, aber ich will mein Möglichstes getan haben, zu versuchen, daß man ihn verhindert, dort zu nächtigen. Wirsich hat soeben seine neue Lebensstellung verloren, durch eigene Schuld, das weiß er selber. Sein Geld hat er vertrunken. Wenn er sich nun in den See stürzt, so begeht er ein Ding, worüber wohlsituierte Leute leicht die Achseln zucken können, das aber schrecklich und nie wieder zu verbessern ist. Er ist ein Säufer und ein kaum noch zu rettender Mensch, ich spreche das hier, auch vor Ihnen selber, Wirsich, laut aus, denn es gibt vor Naturen, wie er eine ist, keinerlei Takt zu bewahren, weil überhaupt keine Haltung mehr da ist. Aber er muß nicht heute zugrunde gehen, und was mich betrifft, so nehme ich ihn als meinen besten Freund und Kameraden ungeniert in ein Haus mit, in dem ich als Arbeiter tätig, und als Bewohner vertraut bin. Ich werde jetzt noch ein wenig mit ihm ausgehen, denn es hat heute am Silvesterabend keinen Sinn, sich in ein Zimmer einzusperren, trocken und lustlos; ich gedenke im Gegenteil die Nacht mit meinem Vorgänger, daß ich es nur sage, ruhig und anständig zu durchzechen, denn so machen es heute ja alle Menschen, die glauben, es sich erlauben zu dürfen. Ich werde dann mit Wirsich hieher zurückkehren, um ihn bei mir oben übernachten zu lassen, mag Herr Tobler das nun übel nehmen oder nicht. Ich wollte Ihnen das, gnädige Frau, im voraus sagen. Vieles, was mich diese ganze Zeit über in Erregung hat versetzen können, begegnet in meinem Herzen hier jetzt, nachdem ich das Unglück meines Kameraden angeschaut habe, der gleichmütigsten und allerschönsten Ruhe. Ich wage es, dem kommenden Leben tief und sorglos und warm ins Auge zu blicken. Ich vertraue meinem bißchen Kraft aufrichtig, und das ist mehr, als wenn einer Wagenladungen voller Kräfte und Heuschober voll Fähigkeiten hätte, aber denselben nicht traute oder sie gar nicht kennte. Gute Nacht, Frau Tobler, Ihnen danke ich, daß Sie die Güte hatten, mich anzuhören.«

Frau Tobler sagte den beiden gute Nacht. Die Kinder kamen gerade in diesem Augenblick zurück. »Der Wirsich ist da,« riefen sie in heller, lustiger Freude aus. Er mußte allen die Hand geben, und alle, die dabeistanden, hatten das seltsame Gefühl, als habe jetzt Wirsich angefangen, wieder ein Glied des Hauses Tobler zu werden, oder als sei er während all dieser Zeit seiner Abwesenheit eins geblieben, als wäre er nur in ein anderes Zimmer gegangen und hätte dort ein etwas ausschweifendes, überspanntes Buch gelesen, als hätte seine Abschweifung nur eine Stunde oder zwei gedauert, so sehr sprach jetzt die Wiedersehensfröhlichkeit der Kinder für ihn.

Da wurde auch die Frau, die ein strenges und kaltes Gesicht hatte aufsetzen wollen, wieder leutselig und gewohnt-heiter, und sie sagte den beiden, die schon in den Garten hinaus getreten waren, sie sollten aber etwa auch ein bißchen aufs Maß schauen und mit Trinken und Feten nicht allzu hoch über die Schnur hauen. Daß Wirsich hier bei Toblers, wo er doch früher wie zur Familie gehört habe, übernachten könne, das verstehe sich von selber. Und sie werde mit ihrem Mann schon ein Wort reden, damit es keine Szene gebe.

»Gut' Nacht, Frau Tobler, adieu Dora, adieu Walter!« scholl es aus Josephs Mund nach dem Haus zurück.

Unten in seinem kleinen Haus sang der Bahnwärter ein Lied. Die warme Männerstimme wollte, wie es schien, ausgezeichnet in die milde Nacht hineinpassen. Das Lied klang so gleichmäßig und gleichtönend, daß man ihm, als man es hörte, zutraute, es werde noch über das alte Jahr hinaus ins neue hinein und hinüber tönen wollen.

Joseph Marti und Wirsich bewegten sich auf der Landstraße langsam gegen das Dorf zu.

 

Was diese zwei Neujahrskameraden in der Ortschaft und während der Nacht betrieben und taten, welche Wirtschaften sie aufsuchten, wie viele Gläser sie tranken, welche Art von Gesprächen sie zusammen führten, das zu beschreiben würde das Wichtige und Wesentliche in das Unwichtige und Unbedeutende hinüberschieben. Sie sprachen, was Kollegen zu sprechen pflegen, und sie handelten, wie man in der Silvesternacht etwa zu handeln pflegt, das heißt, sie gaben sich einem langsamen, aber desto vergnüglicheren und desto zielbewußteren Rausch hin. In einem der zahlreichen Bärenswiler Restaurants streiften sie Tobler, der am Tisch mit Freunden saß und merkwürdigerweise über Religion sprach. Joseph hörte, so gut er noch hören konnte, wie sein Chef ausrief, er erziehe seine Kinder gemäß den Prinzipien der Religion, er selber aber glaube an nichts, so etwas höre auf, wenn einer Mann werde. Den beiden Angestellten, dem gegenwärtigen und dem früheren, schenkte der Ingenieur infolge seiner heftigen Gesprächsanteilnahme keine Beachtung.

Um zwölf Uhr fingen die Glocken an zu tönen und zu erschallen, um den Beginn des neuen Jahres läutend und donnernd anzuzeigen. Am Hafenplatz spielte die Dorfmusik, begleitet und abgelöst von den Chören des Männergesangvereines. Viele Leute umstanden, die Gesichter von Fackeln beleuchtet, das nächtliche Konzert. Joseph bemerkte den Versicherungsagenten, der mit Tobler gut stand, aber auch den wütenden Handelsgärtner, den ärgsten Feind der technischen Unternehmungen, unter den Zuschauern und Zuhörern.

Die Wirte machten in dieser Nacht gute Geschäfte, bessere, als sonst in Wochen. Manch einer trank heute eine Flasche vom ganz Guten, der das ganze Jahr nur Bier getrunken hatte. Mancher gönnte sich etwas, das er sich sonst nicht wohl hätte erlauben dürfen; das ergab schöne, fette Rechnungen, und diese wurden gleich bar bezahlt.

Frau Tobler war in Begleitung Paulinens zu der Mitternachtsmusik gekommen, still und verschämt, im Gegensatz zu den unverschämten Augen, die sie unter ihren Mitbürgerinnen antraf, die es sich zur Wonne machten, die Frau in Verlegenheit zu bringen. Sie war heute eine einsame, wenig geachtete, wenig beliebte Frau, aber sie ertrug es.

Am späten Morgen erwachten im Turmzimmer zwei noch nicht ausgeschlafene Köpfe. Es war heller Tag und bereits elf, halb zwölf Uhr, also schon beinahe Mittag. Schnell kleideten sich Marti und Wirsich an, um hinunter zu gehen. Im Bureau stund schon Herr Tobler. Sein Zorn, als er den Spätling und den unberufenen Eindringling erblickte, kannte keine Grenzen. Er war nahe daran, Joseph zu schlagen.

»Nicht nur,« rief er aus, »daß Sie den ganzen vorigen Tag, ohne auch nur ein Wort der Entschuldigung oder der Benachrichtigung zu sagen, weggeblieben sind und die Nacht durchgelungert haben, besitzen Sie auch noch die Frechheit, einen neuen halben Tag zu versäumen und zu verschlafen. Unerhört ist das. Es gibt ja vielleicht hier unten heute gar nichts Wesentliches zu tun, zugegeben, aber es kann jemand Geschäfte halber daherkommen, und welchen Eindruck macht dann das, wenn die Magd dem Ankömmling sagen muß, der Lump von Angestellter liege noch oben in seinem Nest. Schweigen Sie. Seien Sie froh, wenn ich Sie nicht links und rechts, wie Sie's verdienen, ohrfeige. Und hat auch noch die Stirne, in Gesellschaft eines Menschen anzulangen, der, wenn er sich nicht augenblicklich jetzt aus dem Staube macht, auf Niewiedersehen, wie ich ihm befehle, anderes und deutlicheres zu gewärtigen hat. Und kommt an, mit einer Gelassenheit, die dem erstbesten Galgenvogel, aber nicht dem schuldbewußt sein sollenden Angestellten des Hauses Tobler ziemt. Dieses Haus ist noch immer ein Haus und mein Haus, und wegen der Unsicherheit, in der es sich befindet, darf niemand mich zum Narren und Buben machen, am allerletzten mein Angestellter, dem ich Lohn ausbezahle, damit er zu leben hat. Setzen Sie sich ans Pult und arbeiten Sie. Schreiben Sie. Es gilt einen letzten Versuch mit der Reklame-Uhr zu machen. Nehmen Sie die Feder zur Hand.«

Der Gehülfe sagte mit einer endgültig verletzenden Ruhe:

»Zahlen Sie mir den Rest des versprochenen Lohnes aus.«

Er wußte kaum, was er sagte, er hatte nur das bestimmte Schluß-Bewußtsein. Es wäre ihm unmöglich gewesen, die Feder in die Hand zu nehmen, so stark erzitterte er, deshalb sagte er unwillkürlich dasjenige, was die stärkste Möglichkeit darbot, zu Ende mit all diesen Dingen zu gelangen.

Tobler war denn auch außer aller Fassung.

»Machen Sie, daß Sie sofort zum Haus hinauskommen. Fort! Zu meinen Feinden! Ich brauche Sie nicht mehr.«

Er überhäufte Joseph mit Beleidigungen, zuerst heftigen, dann immer schwächeren, bis der Ton der Wut gänzlich in Klage und Schmerz übergegangen war. Joseph stand immer noch da. Es dünkte ihn, mit der ganzen Welt Mitleiden haben zu sollen, ein wenig auch mit sich, aber stark und nachdenklich mit allem ihn Umgebenden. Wirsich war längst vorläufig in den Garten hinausgetreten. Der Hund wedelte seinen alten Bekannten an. Frau Tobler aber stand unterdessen am Fenster des Wohnzimmers und hörte mit gespanntem Ohr durch die Wände und Mauern, was von unten her zu ihr durchdringen mochte. Gleichzeitig beobachtete sie die Bewegungen des im Garten stehenden, früheren Gehülfen.

»Ich erledige noch diese paar Briefe, Herr Tobler, dann gehe ich,« sprach's vom Schreibtisch aus.

Ob er ohne Lohn fortgehen wolle? fragte Tobler.

Der andere erwiderte, es sei ihm nicht mehr möglich, zu bleiben, worauf Tobler sagte, das sei doch wohl nicht so bluternst aufzufassen. Der Chef nahm seinen Hut und entfernte sich. Nach einer Stunde begab sich der Gehülfe, so unauffällig er konnte, in sein Turmzimmer hinauf und begann dort, seine paar Sachen einzupacken. Da nahm er der Reihe nach wieder diese kleinen, nichts-und für ihn vielbedeutenden Gegenstände in die Hand, um sie säuberlich aber rasch in den bereitgehaltenen Koffer zu stecken. Als er mit Packen fertig war, stellte er sich für zwei Minuten an das offene Fenster und schaute noch einmal so recht mit dem dankbaren Herzen die Gegend an. Dem großen See da unten warf er sogar eine Kußhand zu, ohne zu überlegen, was er tat, sondern einfach in dem Gefühl des plötzlich notwendig gewordenen Abschiednehmens.

Von der Plattform aus, auf die er jetzt trat, rief er Wirsich zu: »Warten Sie. Ich komme im Moment.« – Dann ging er die Treppe hinunter, das Köfferchen in der Hand tragend. Wie ihm das Herz klopfte!

»Ich muß nun Adieu sagen, ich muß nun gehen,« sagte er zu Frau Tobler. Diese fragte:

»Was hat's denn gegeben? Müssen Sie gehen?«

»Ja,« antwortete der Gehülfe.

»Denken Sie ein bißchen an mich, wenn Sie fort sind?«

Er bückte sich und küßte ihr beide Hände. Sie sagte:

»Ja, Joseph, denken Sie ein wenig an Frau Tobler, es wird Ihnen nicht schaden. Das ist eine Frau, wie viele, keine bedeutende Frau. Lassen Sie! Küssen Sie mir jetzt nicht mehr die Hand. Sagen Sie meinen Kindern adieu. Walter! Komm doch. Joseph will uns verlassen. Komm Dora, gib Joseph die Hand. Kommt. Ja.« –

Sie schwieg einen Moment und fuhr dann fort:

»Es wird Ihnen sicherlich gut gehen, ich hoffe es und wünsche es, und ich weiß es beinahe. Seien Sie immer ein bißchen demütig, nicht zu viel, Ihren Mann werden Sie immer stellen müssen. Aber brausen Sie nie auf, lassen Sie die ersten Worte des Übelwollens immer unbeantwortet; auf ein heftiges erstes Wort folgt ja so schnell ein züchtiges, sanftes. Gewöhnen Sie sich daran, Empfindlichkeiten in der Stille zu besiegen. Was Frauen jeden Tag tun müssen das soll auch der Mann nicht wollen ganz außer acht lassen. Das Weltleben unterliegt ja denselben Gesetzen wie das häusliche Leben, nur größeren und breiteren. Nur nie stürmisch! Haben Sie auch alles, was Ihnen gehört, eingepackt? Gehen Sie jetzt mit Wirsich? Hören Sie, Marti, nur nie zwangsweise, immer ein bißchen artig. Dann werden Sie schon vorwärtskommen. Ich, ich werde auch bald fortgehen. Dieses Haus ist verloren. Wir werden, ich und mein Mann und meine Kinder, irgendwo dann in der Stadt wohnen, wahrscheinlich in einem billigen Quartier. Man gewöhnt sich an alles, und nicht wahr, ein ganz klein wenig gern sind Sie doch hier bei uns gewesen. Nicht wahr? Es war doch vieles hübsch. Wollen Sie Tobler nicht auch adieu sagen lassen?«

»Von Herzen!« sagte der Gehülfe. Sie ergriff zum letzten Mal das Wort:

»Ich werde es ihm ausrichten, es wird ihn freuen. Er hat es um Sie verdient, daß Sie ihm nicht grollen, er hat Sie gern gehabt, wie wir alle. Sie sind unser Angestellter gewesen – nein, gehen Sie jetzt. Viel Glück, Joseph.«

Sie bot ihm die Hand und wandte sich dann zu ihren Kindern, als sei gar nichts weiter geschehen. Er nahm seinen Handkoffer vom Boden auf und ging. Und dann verließen die beiden, Marti und Wirsich, den Abendstern.

Unten auf der Landstraße angekommen, machte Joseph halt, zog einen Toblerschen Stumpen aus der Tasche, zündete sich denselben an und drehte sich noch einmal nach dem Haus um. Er grüßte es in Gedanken, dann gingen sie weiter.