Der Ketzer von Soana
Die Erzählung des Berghirten
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.
jetzt schon die Blätter des Manuskripts und werfe sie in den Abgrund hinunter«.
Selbstverständlich geschah dies nicht. Er nahm den Weinkrug, ging mit dem
Besucher ins Haus, und beide saßen einander gegenüber. Der Berghirt hatte ein
in Mönchsschrift und auf starke Blätter geschriebenes Manuskript aus feinstem
Ziegenleder gewickelt. Wie um sich Mut zu machen, trank er dem Besucher, eh
er gleichsam vom Ufer abstieß, um sich in den Fluß der Erzählung zu stürzen,
noch einmal zu und begann dann mit weicher Stimme.
Die Erzählung des Berghirten
An einem Bergabhang oberhalb des Luganer Sees ist unter vielen anderen auch
ein kleines Bergnest zu finden, das man auf einer steilen, in Serpentinen
verlaufenden Bergstraße in etwa einer Stunde, vom Seeufer aus gerechnet,
erreichen kann. Die Häuser des Ortes, die, wie an den meisten italienischen
Plätzen der Umgegend, eine einzige, ineinandergeschachtelte, graue Ruine aus
Stein und Mörtel sind, kehren ihre Fronten einem schluchtähnlichen Tale zu, das
von den Auen und Terrassen des Fleckens und gegenüber von einem mächtigen
Abhang des überragenden Bergriesen Monte Generoso gebildet wird.
In dieses Tal, und zwar dort, wo es wirklich als enge Schlucht seinen Abschluß
nimmt, ergießt sich von einer wohl hundert Meter höher gelegenen Talsohle ein
Wasserfall, der je nach Tages- und Jahreszeit und der gerade herrschenden
Strömung der Luft, mehr oder weniger stark, mit seinem Rauschen eine
immerwährende Musik des Fleckens ist.
In diese Gemeinde war vor langer Zeit ein etwa fünfundzwanzigjähriger Priester
versetzt worden, der Raffaele Francesco hieß. Er war in Ligornetto geboren, also
im Tessin, und konnte sich rühmen, ein Mitglied desselben, dort ansässigen
Geschlechtes zu sein, das den bedeutendsten Bildhauer des geeinten Italiens,
hervorgebracht hatte, der ebenfalls in Ligornetto geboren wurde und endlich
auch dort gestorben ist.
Der junge Priester hatte seine Jugend bei Verwandten in Mailand und seine
Studienzeit in verschiedenen Priester-Seminaren der Schweiz und Italiens
zugebracht. Von seiner Mutter, die aus einem edlen Geschlechte war, stammte
die ernste Richtung seines Charakters, die ihn ohne jedes Schwanken schon zeitig dem religiösen Beruf in die Arme trieb.
Francesco, der eine Brille trug, zeichnete sich vor der Menge seiner Mitschüler
aus durch exemplarischen Fleiß, Strenge der Lebensführung und Frömmigkeit.
Selbst seine Mutter mußte ihm schonend nahelegen, daß er als künftiger
Weltgeistlicher sich ein wenig Lebensfreude wohl gönnen möge und nicht
eigentlich auf die strengsten Klosterregeln verpflichtet sei. Sobald er die Weihen
empfangen hatte, war es indessen sein einziger Wunsch, eine möglichst
entlegene Pfarre zu finden, um sich dort als eine Art Eremit, nach Herzenslust,
noch mehr, als bisher, dem Dienste Gottes, seines Sohnes und dessen geheiligter
Mutter zu weihen.
Als er nun nach dem kleinen Soana gekommen war und das mit der Kirche
verbundene Pfarrhaus bezogen hatte, merkten die Bergbewohner bald, daß er
von einer ganz anderen Art als sein Vorgänger war. Schon äußerlich, denn jener
war ein massiver, stierhafter Bauer gewesen, der die hübschen Weiber und
Mädchen des Orts mit Hilfe ganz anderer Mittel in seinem Gehorsam hielt, als
Kirchenbußen und Kirchenstrafen. Francesco dagegen war bleich und zart. Sein
Auge lag tief. Hektische Tupfen glühten auf der unreinen Haut über seinen
Backenknochen. Hierzu kam die Brille, in den Augen einfacher Leute noch
immer Symbol präzeptoraler Strenge und Gelehrsamkeit. Er hatte nach Verlauf
von vier bis sechs Wochen, auf seine Art, die erst ein wenig widerspenstigen
Weiber und Töchter des Orts ebenfalls, und zwar noch mehr als der andere, in
seine Gewalt gebracht.
Sobald Francesco durch die kleine Pforte des an die Kirche geschmiegten
Pfarrhöfchens auf die Straße trat, ward er auch meist schon von Kindern und
Weibern umdrängt, die ihm mit wahrer Ehrfurcht die Hand küßten. Und wie
viele Male des Tags er durch die kleine Kirchenschelle in den Beichtstuhl
gerufen wurde, das machte am Abend eine Zahl, die seiner neuangenommenen,
beinahe siebzigjährigen Haushälterin den Ruf entlockte: sie habe nie gewußt,
wieviele Engel in dem sonst ziemlich verderbten Soana verborgen gewesen
wären. Kurz, der Ruf des jungen Pfarrers Francesco erscholl auch in der
Umgegend weit und breit, und er kam sehr bald in den Ruf eines Heiligen.
Von alledem ließ sich Francesco nicht anfechten und war weit davon entfernt,
irgendein anderes Bewußtsein in sich zu pflegen, als daß er seinen Pflichten
leidlich gerecht wurde. Er las seine Messen, vollzog mit nie vermindertem Eifer
alle kirchlichen Funktionen des Gottesdiensts und — das kleine Schulzimmer
befand sich im Pfarrhause — versah auch überdies die Obliegenheiten des weltlichen Schulunterrichts.
Eines Abends, zu Anfang des Monats März, wurde sehr heftig an der Klingel des
Pfarrhöfchens gerissen, und als die Schaffnerin öffnen kam und mit dem Licht
der Laterne in das schlechte Wetter hinausleuchtete, stand vor der Tür ein etwas
verwilderter Kerl, der den Pfarrer zu sprechen wünschte. Nachdem die
Schaffnerin erst die Pforte wieder geschlossen hatte, begab sich die alte Person
zu ihrem jungen Gebieter hinein, um, nicht ohne merkbare Ängstlichkeit, den
späten Besucher anzumelden. Allein Francesco, der es sich unter anderem zur
Pflicht gemacht hatte, niemand, wer es auch sei, der seiner bedürfe, abzuweisen,
sagte nur kurz, von der Lektüre irgendeines Kirchenvaters aufblickend: »Geh',
Petronilla, führ ihn herein.«
Bald darauf stand vor dem Tische des Pfarrers ein etwa vierzigjähriger Mann,
dessen Äußeres das der Landleute jener Gegend war, nur weit vernachlässigter,
ja, verwahrloster. Der Mann ging barfuß. Eine zerlumpte, regendurchnäßte Hose
war über den Hüften von einem Riemen festgehalten. Das Hemd stand offen.
Die braune, behaarte Brust setzte sich in eine buschige Kehle und in ein von
Bart- und Haupthaar schwarz und dicht umwuchertes Antlitz fort, aus dem zwei
dunkel glühende Augen hervorbrannten.
Eine aus Flicken bestehende, vom Regen durchnäßte Jacke hatte der Mensch
nach Hirtenart über die linke Schulter gehängt, während er einen von Wind und
Wetter vieler Jahre entfärbten und zusammengeschrumpften, kleinen Filz,
aufgeregt, mit den braunen und harten Fäusten herumdrehte. Einen langen
Knüttel hatte er vor dem Eingang abgestellt.
Gefragt, was er wünschte, brachte der Mann unter wilden Grimassen einen
unverständlichen Schwall rauher Laute und Worte hervor, die zwar der Mundart
jener Gegend angehörten, aber wiederum einer Abart davon, die selbst der in
Soana geborenen Schaffnerin wie eine fremde Sprache erschien.
Der junge Priester, der seinen Besuch neben der kleinen, brennenden Lampe hin
mit Aufmerksamkeit betrachtet hatte, bemühte sich vergeblich, den Sinn seines
Anliegens zu ergründen. Mit viel Geduld, mittels zahlreicher Fragen, konnte er
endlich soviel aus ihm herausbringen, daß er Vater von sieben Kindern war, von
denen er einige gern in der Schule des jungen Priesters angebracht hätte. Francesco fragte: »Wo seid Ihr her?« Und als die Antwort, hervorgesprudelt:
»Ich bin aus Soana« lautete, erstaunte der Priester und sagte zugleich: »Das ist
nicht möglich! ich kenne jedermann hier am Ort! aber Euch und Eure Familie
kenne ich nicht.«
Der Hirte, Bauer oder was er nun sein mochte, gab nun von der Lage seines
Wohnhauses eine von vielen Gesten begleitete, leidenschaftliche Schilderung,
aus der jedoch Francesco nicht klug wurde. Er meinte nur: »Wenn Ihr Einwohner
von Soana seid, und Eure Kinder das gesetzliche Alter erreicht haben, so müßten
sie doch ohnedies schon längst in meiner Schule gewesen sein. Und ich müßte
doch Euch oder Eure Frau oder Eure Kinder beim Gottesdienst in der Kirche, bei
Messe oder Beichte, gesehen haben.«
Hier riß der Mann seine Augen auf und preßte die Lippen aufeinander. Statt
jeder Antwort stieß er, wie aus empörter und gepreßter Brust, den Atem aus.
»Nun so werde ich mir Euren Namen aufschreiben. Ich finde es brav von Euch,
daß Ihr selber kommt und Schritte tut, damit Eure Kinder nicht unwissend und
womöglich gottlos bleiben.« Bei diesen Worten des jungen Klerikers fing der
zerlumpte Mensch, so daß sein brauner, sehniger und beinahe athletischer
Körper davon geschüttelt wurde, auf eine sonderbare, beinahe tierische Art und
Weise zu röcheln an. — »Jawohl,« wiederholte betreten Francesco, »ich zeichne
mir Euren Namen auf und werde der Sache wegen nachforschen.« Man konnte
sehen, wie Träne um Träne von den geröteten Augenrändern des Unbekannten
über das struppige Antlitz herniederrann.
»Gut, gut,« sagte Francesco, der sich das aufgeregte Wesen seines Besuchers
nicht erklären konnte und übrigens davon nochmehr beunruhigt, als ergriffen
war — »gut, gut, Eure Sache wird untersucht werden. Nennt mir nur Euren
Namen, guter Mann, und schickt mir morgen früh Eure Kinder!« Der
Angeredete schwieg hierauf und sah Francesco mit einem ratlosen und gequälten
Ausdruck lange an. Dieser fragte nochmals: »Wie heißt Ihr? sagt Euren Namen.«
Dem Geistlichen war, von Anfang an, in den Bewegungen seines Gastes etwas
Furchtsames, gleichsam etwas Gehetztes aufgefallen. Jetzt, wo er seinen Namen
angeben sollte und draußen auf dem steinernen Estrich gleichzeitig der Schritt
Petronillas hörbar ward, duckte er sich und zeigte überhaupt eine
Schreckhaftigkeit, wie sie meist nur Irrsinnigen oder Verbrechern eignet. Er
schien verfolgt. Er schien auf der Flucht vor Häschern zu sein.
Dennoch ergriff er ein Stück Papier und die Feder des Geistlichen, trat seltsamerweise ins Dunkel, vom Lichte abgewandt, ans Fensterbrett, wo unten
ein naher Bach und, mehr von ferne, der Wasserfall von Soana hereinrauschte,
und malte, mit einiger Mühe, aber doch leserlich, etwas auf, was er mit
Entschluß dem Geistlichen zureichte. Dieser sagte: »Gut!« und, mit dem Zeichen
des Kreuzes: »geht mit Frieden!« Der Wilde ging und ließ eine Wolke von
Dünsten zurück, die nach Salami, Zwiebel, Holzkohlenrauch, nach Ziegenbock
und nach Kuhstall dufteten. Sobald er hinaus war, riß Francesco das Fenster auf.
Den nächsten Morgen hatte Francesco, wie immer, seine Messe gelesen, danach
ein wenig geruht, danach sein frugales Frühstück zu sich genommen und befand
sich bald danach auf dem Wege zum Sindaco, den man zeitig besuchen mußte,
um ihn anzutreffen. Er fuhr nämlich täglich von einer Bahnstation, tief unten am
Seeufer, nach Lugano hinein, wo er in einer der belebtesten Gassen einen Groß-
und Kleinhandel mit tessinischem Käse betrieb.
Die Sonne schien auf den kleinen, mit alten Kastanienbäumen, die einstweilen
noch kahl waren, bestandenen Platz, der dicht bei der Kirche gelegen war und
gleichsam die Agora der Ortschaft bildete. Auf einigen Steinbänken saßen und
spielten Kinder herum, während die Mütter und älteren Töchter an einem von
kaltem Bergwasser, womit er reichlich gespeist wurde, überfließenden, antiken
Marmor-Sarkophag Wäsche wuschen und in Körben zum Trocknen
davontrugen. Der Boden war naß, weil am Tage vorher Regen, mit
Schneeflocken untermischt, gefallen war, wie denn der machtvolle Felsenabhang
des Monte Generoso unter Neuschnee, jenseits der Talschlucht, in seinem
eigenen Schatten mit unzugänglichen Schroffen aufragte und frische Schneeluft
herüberhauchte.
Der junge Priester ging mit niedergeschlagenen Augen an den Wäscherinnen
vorbei, deren lauten Gruß er durch Nicken erwiderte. Den ihn umdrängenden
Kindern ließ er, sie ältlich über die Brille betrachtend, die Hand einen
Augenblick, wo sie denn alle mit Eifer und Hast ihre Lippen abwischten. Die
Ortschaft, wie sie hinter dem Platz begann, ward durch wenige enge Gassen
gangbar gemacht. Aber selbst die Hauptstraße konnte nur von kleinen
Fuhrwerken und auch nur in ihrem vorderen Teile benutzt werden. Nach dem
Ausgang des Ortes zu verengte sie sich und wurde noch überdies so steil, daß
man höchstens noch mit einem beladenen Maultier hindurch und hinan kommen
konnte. An diesem Sträßchen befand sich ein kleiner Kramladen und die schweizerische Postagentur.
Der Postagent, der mit Francescos Vorgänger auf kameradschaftlichstem
Verkehrsfuß gestanden hatte, grüßte und ward von Francesco wieder gegrüßt,
aber doch nur so, daß zwischen dem Ernst des Geweihten und der platten
Freundlichkeit des Profanen der volle Abstand gewahrt wurde. Nicht weit von
der Post bog der Priester in ein erbärmliches Seitengäßchen ein, das mit Treppen
und Treppchen auf eine halsbrecherische Weise, an geöffneten Ziegenställen und
allen Arten schmutziger, fensterloser, kellerartiger Höhlen vorüber, abwärts
stieg. Hühner gackerten, Katzen saßen auf morschen Galerien unter Büscheln
aufgehängter Maiskolben. Hie und da meckerte eine Ziege, blökte ein Rind, das
aus irgendeinem Grunde nicht mit auf die Weide gezogen war.
Man konnte erstaunt sein, wenn man, aus dieser Umgebung kommend, durch
eine enge Pforte das Haus des Bürgermeisters betreten hatte und sich in einer
Flucht von kleinen, gewölbten Sälen befand, deren Decken von Handwerkern,
im Stile Tiepolos, figurenreich ausgemalt worden waren. Hohe Fenster und
Glastüren, mit langen, roten Gardinen geschmückt, führten aus diesen sonnigen
Räumen auf eine ebenso sonnige, freie Terrasse hinaus, die von uraltem,
kegelförmig geschnittenen Buchsbaum und wundervollem Lorbeer geziert
wurde. Wie überall, so auch hier, vernahm man das schöne Rauschen des
Wasserfalls und hatte jenseits die wilde Bergwand sich gegenüber.
Der Sindaco, Sor Domenico, war ein gutgekleideter, in der Mitte der vierziger
Jahre stehender, ruhiger Mann, der vor kaum einem Vierteljahre erst zum
zweitenmal geheiratet hatte. Die schöne, blühende, zweiundzwanzigjährige Frau,
die Francesco in der blanken Küche mit der Zubereitung des Frühstücks
beschäftigt getroffen hatte, geleitete ihn zu dem Gatten herein. Als jener die
Erzählung des Priesters, von dem Besuch, den er abends vorher empfangen
hatte, angehört und den Zettel gelesen hatte, der den Namen des Besuchers und
wilden Mannes in unbeholfenen Schriftzügen trug, ging ein Lächeln durch seine
Gesichtszüge. Dann, als er den jungen Sacerdote Platz zu nehmen genötigt hatte,
fing er, vollkommen sachlich, und ohne daß die maskenhafte Gleichgültigkeit
seiner Mienen jemals gestört wurde, die gewünschte Auskunft über den
mysteriösen Besucher, der tatsächlich ein dem Pfarrer bisher verborgen
gebliebener Bürger Soanas war, zu geben an.
»Luchino Scarabota,« sagte der Sindaco — es war der Name, den der Besucher
des Pfarrers auf den Zettel gekritzelt hatte! — »ist ein keineswegs armer Mann,
aber schon seit Jahren machen seine häuslichen Zustände mir und der ganzen
Gemeinde Kopfschmerzen, und es ist nicht eigentlich abzusehen, wo dies alles
am Ende noch hinauslaufen soll. Er gehört einer alten Familie an, und es ist sehr
wahrscheinlich, daß er etwas von dem Blut des berühmten Luchino Scarabota da
Milano in sich hat, der zwischen Vierzehn- und Fünfzehnhundert das Langhaus
des Domes unten in Como baute. Solche alte, berühmte Namen haben wir ja, wie
Sie wissen, Herr Pfarrer, manche in unserem kleinen Ort.«
Der Sindaco hatte die Glastüre geöffnet und den Pfarrer während des Redens auf
die Terrasse hinausgeführt, wo er ihm, mit der ein wenig erhobenen Hand, in
dem trichterförmigen, steilen Quellgebiete des Wasserfalles einen jener, aus
rohem Stein gemauerten Würfel wies, wie sie die Bauern der Gegend bewohnen.
Aber dieses, in großer Höhe, weit über allen anderen hängende Anwesen
unterschied sich von jenen nicht nur durch seine vereinzelte, scheinbar
unzugängliche Lage, sondern auch durch Kleinheit und Ärmlichkeit.
»Sehen Sie, dort, wo ich mit dem Finger hinzeige, wohnt dieser Scarabota,«
sagte der Sindaco.
»Es nimmt mich wunder, Herr Pfarrer,« fuhr der Sprechende fort, »daß Sie von
jener Alpe und ihren Bewohnern noch nichts gehört haben sollten. Die Leute
geben weit und breit in der ganzen Gegend seit einem Jahrzehnt und länger das
widerwärtigste Ärgernis. Leider kann man ihnen nicht beikommen. Man hat die
Frau vor Gericht gestellt, und sie hat behauptet, die sieben Kinder, die sie
geboren hat, stammten — gibt es etwas Unsinnigeres? — nicht von dem Manne,
mit dem sie lebt, sondern von sommerlichen Schweizer Touristen ab, die an der
Alpe vorüber müssen, wenn sie zum Generoso hinaufklettern. Dabei ist die
Vettel verlaust und schmutzstarrend und überdies abschreckend häßlich, wie die
Nacht.
Nein, es ist offenkundig, daß der Mann, der Sie gestern besucht hat und mit dem
sie lebt, Vater von ihren Kindern ist. Aber das ist der Punkt: dieser Mensch ist
zugleich ihr leiblicher Bruder.«
Der junge Priester verfärbte sich.
»Natürlich ist dies blutschänderische Paar von aller Welt gemieden und in die
Acht getan. In dieser Beziehung wird die vox populi selten fehl gehen.« Mit
dieser Erklärung setzte der Sindaco seine Erzählung fort. »Sooft sich eines der Kinder etwa bei uns oder in Arogno oder in Melano hat blicken lassen, ist es
beinahe gesteinigt worden. Man hält jede Kirche, soweit die Leute bekannt sind,
für entweiht, wenn das verruchte Geschwisterpaar sie betritt, und die beiden
Verfemten haben das, als sie den Versuch glaubten machen zu dürfen, auf eine so
furchtbare Weise zu fühlen bekommen, daß ihnen seit Jahren jede Neigung zum
Kirchenbesuch abhanden gekommen ist.
Und sollte man etwa gestatten«, fuhr der Sindaco fort, »daß solche Kinder,
solche verfluchte Kreaturen, die jedermanns Abscheu und Grauen sind, hier
unten in unsere Schule gehen und zwischen den Kindern guter Christen in der
Schulbank sitzen? Kann man uns zumuten, wir sollen dulden, daß unsere ganze
Ortschaft, Klein und Groß, durch diese moralischen Schandprodukte, diese
schlechten, räudigen Bestien verpestet wird?«
Das bleiche Antlitz des Priesters Francesco verriet durch keine Miene, inwieweit
die Erzählung Sor Domenicos ihn berührt hatte. Er dankte und ging mit dem
gleichen würdigen Ernst im Ausdruck des ganzen Wesens, mit dem er
erschienen war, davon.
Francesco hatte bald nach der Unterredung mit dem Sindaco seinem Bischof
über den Fall Luchino Scarabota Bericht erstattet. Acht Tage später war die
Antwort des Bischofs in seiner Hand, die dem jungen Geistlichen auftrug, sich
von dem allgemeinen Stand der Verhältnisse auf der sogenannten Alpe von
Santa Croce persönlich zu unterrichten. Der Bischof lobte dabei den geistlichen
Eifer des jungen Manns und bestätigte ihm, er habe wohl Ursach, sich dieser
verirrten und verfemten Seelen wegen in seinem Gewissen bedrängt zu fühlen
und auf ihre Errettung bedacht zu sein. Von den Segnungen und Tröstungen der
Mutterkirche dürfe man keinen noch so verirrten Sünder ausschließen.
Erst gegen Ende des Monats März erlaubten die Amtsgeschäfte und auch die
Schneeverhältnisse des Berges Generoso dem jungen Geistlichen von Soana, mit
einem Landmann als Führer, den Aufstieg zur Alpe von Santa Croce anzutreten.
Ostern stand vor der Tür, und trotzdem an der Schroffwand des Bergriesen
fortwährend mit dumpfem Donner Lawinen in die Schlucht unterm Wasserfall
niedergingen, hatte der Frühling überall, wo die Sonne ungehindert zu wirken
vermochte, mit voller Kraft eingesetzt.
So wenig Francesco, unähnlich seinem Namensheiligen von Assisi,
Naturschwärmer war, konnte doch das zarte und saftige Sprießen, Grünen und
Blühen um ihn her nicht ohne Wirkung auf ihn bleiben. Ohne daß sich der junge
Mensch dessen deutlich bewußt werden brauchte, hatte er die feine Gährung des
Frühlings im Blut und genoß sein Teil von jenem inneren Schwellen und
Drängen der ganzen Natur, das himmlischen Ursprungs und trotz wonnig-
sinnlich-irdischen Auswirkens auch in allen seinen erblühten Freuden himmlisch
ist.
Die Kastanienbäume auf dem Platz, über den der Priester mit seinem Begleiter
zunächst wieder schreiten mußte, hatten aus braunen, klebrigen Knospen zarte,
grüne Händchen gestreckt. Die Kinder lärmten, nicht minder die Sperlinge, die
unterm Kirchdach und in unzähligen Schlupflöchern der winkligen Ortschaft
nisteten. Die ersten Schwalben zogen ihre weiten Schleifen von Soana über den
Abgrund der Schlucht, wo sie scheinbar dicht vor dem phantastisch getürmten,
unzugänglichen Felsmassiv der Bergmauer abschwenkten. Dort oben auf
Vorsprüngen oder in Felslöchern, wo nie eines Menschen Fuß hingedrungen war,
horsteten Fischadler. Die großen, braunen Pärchen traten herrliche Fahrten an
und schwebten, nur um zu schweben, in stundenlangen Dauerflügen über
Bergspitzen, immer höher und höher kreisend, als wollten sie majestätisch,
selbstvergessen, in die befreite Unendlichkeit des Raumes hinein.
Überall, nicht nur in der Luft, nicht nur in der braunen, aufgewühlten oder mit
Gras und Narzissen bekleideten Erde und allem, was sie durch Halme und
Stämme in Blätter und Blüten aufsteigen ließ, sondern auch in den Menschen
war das Festliche, und die braunen Gesichter der Bauern, die auf den Terrassen
zwischen den Reihen der Weinstöcke mit Hacke oder gekrümmtem Messer
arbeiteten, strahlten von Sonntäglichkeit: hatten doch überdies die meisten von
ihnen das sogenannte Osterlamm, eine junge Ziege, bereits geschlachtet und mit
zusammengebundenen Hinterläufen zu Hause am Türpfosten aufgehängt.
Die Weiber, die ganz besonders zahlreich und laut mit ihren gefüllten
Wäschekörben um den überfließenden Sarkophag aus Marmor versammelt
waren, unterbrachen, als der Priester und sein Begleiter vorüberging, ihre
lärmende Heiterkeit. Auch am Ausgang des Dorfes standen Wäscherinnen, wo
unter einem kleinen Madonnenbild ein Wasserstrahl aus dem Felsen drang und
sich ebenfalls in einen antiken Sarkophag aus Marmor ergoß. Beide Stücke,
sowohl dieser Sarkophag, als jener, der auf dem Platze stand, waren vor längerer
Zeit aus einem Baumgarten voll tausendjähriger Steineichen und Kastanien
gehoben worden, wo sie seit undenklicher Zeit, nur wenig aus dem Boden hervorragend, unter Epheu und wildem Lorbeer versteckt, gestanden hatten.
Im Vorübergehen bekreuzte sich Francesco, ja, unterbrach das Schreiten für
einen Augenblick, um der lieblich mit Feldblumenopfern der Landleute
umstellten Madonetta über dem Sarkophag, mit einer Beugung des Knies zu
huldigen. Zum ersten Male sah er dies kleine, von Bienen umsummte, liebliche
Heiligtum, da er diesen oberen Teil der Ortschaft noch niemals besucht hatte.
War Soana mit seinem unteren Teil, mit seiner Kirche und einigen mit grünen
Läden geschmückten, hübschen Bürgerhäusern um den terrassenartig
untermauerten Kastanienplatz bürgerlich beinahe wohlhabend und zeigte es dort
in Gärten und Gärtchen blühende Mandelbäumchen, Orangen, hohe Zypressen,
kurz, eine mehr südliche Vegetation, hier oben, einige hundert Schritte höher
hinauf, war es nur noch ein alpines, ärmliches Hirtendorf, das nach Ziegen und
Kuhstall duftete. Auch setzte hier ein mit Wackersteinen gepflasterter, äußerst
steiler Bergweg ein, der durch täglichen morgendlichen Auszug und abendlichen
Einzug der großen Gemeinde-Ziegenherde geglättet war; denn er führte hinauf
und hinaus zur Gemeindealm in das kesselförmige Quellgebiet des Flüßchens
Savaglia, das weiter unten den herrlichen Wasserfall von Soana bildet und nach
kurzem, rauschenden Lauf durch tiefe Schlucht im See von Lugano untergeht.
Nachdem der Priester, immer geführt von seinem Begleiter, eine kurze Weile auf
diesem Bergweg hinan geklettert war, stand er still, um aufzuatmen. Den großen,
schwarzen, tellerartigen Hut mit der Linken vom Kopfe nehmend, hatte er mit
der Rechten ein großes, buntes Taschentuch aus der Soutane gezogen, womit er
die Schweißperlen von seiner Stirn tupfte. Im allgemeinen ist der Natursinn, der
Sinn eines italienischen Priesters für die Schönheit der Landschaft, nicht
sonderlich. Aber der Weitblick von großer Höhe und aus der sogenannten
Vogelperspektive, wie man es nennt, ist doch ein Reiz, der auch den naivsten
Menschen mitunter trifft und ihm ein gewisses Staunen abnötigt. Francesco
erblickte seine Kirche mitsamt der dazugehörigen Ortschaft bereits nur noch als
ein Miniaturbild tief unter sich, während rings um ihn her die gewaltige
Bergwelt, wie es schien, immer höher gen Himmel ragte. In das Gefühl des
Frühjahrs mischte sich jetzt das Gefühl des Erhabenen, das vielleicht aus einem
Vergleich der eigenen Kleinheit mit den erdrückend gewaltigen Werken der
Natur und ihrer drohenden, stummen Nähe entstehen mag und das mit einem
halben Bewußtsein davon verbunden ist, daß wir doch auch an dieser Übermacht
auf irgendeine Weise teilhaben. Kurz, Francesco fühlte sich erhaben-groß und
winzig-klein in ein und demselben Augenblick, und dies gab den Anlaß, mit
gewohnter Bewegung auf Stirn und Brust das vor Irrungen und Dämonen schützende Kreuz zu schlagen.
Im Weitersteigen hatten bald wieder religiöse Fragen und praktisch-kirchliche
Angelegenheiten seines Sprengels von dem jugendlich eifrigen Klerikus Besitz
ergriffen. Und als er wiederum diesmal am Eingang eines felsigen Hochtals stille
stand und sich umwandte, hatte ihn der Anblick eines arg verwahrlosten, hier für
die Hirten errichteten, gemauerten Heiligenschreins auf den Gedanken gebracht,
alle vorhandenen Heiligtümer seines Kirchspiels, und wenn sie noch so entlegen
waren, aufzusuchen und in einen gotteswürdigen Stand zu setzen. Er ließ
sogleich seine Augen umherschweifen und suchte den die vorhandenen
Kultstätten womöglich umfassenden Überblick.
Er nahm seine eigene Kirche mit dem daran geklebten Pfarrhaus zum
Ausgangspunkt. Sie stand, wie gesagt, auf der Ebene des Dorfplatzes und ihre
Außenmauern setzten sich in steilen Wänden des Grundfelsens fort, an dem ein
munterer Gebirgsbach unten vorüberrauschte. Dieser Gebirgsbach, unter dem
Platz von Soana hindurchgeführt, trat in einem gemauerten Bogen ans Licht, wo
er, freilich durch Abwässer stark verunreinigt, Baumgärten und blumige Wiesen
wässerte. Jenseit der Kirche, ein wenig höher, was von hier aus nicht
festzustellen war, lag auf rundem, flachen Terrassenhügel das älteste Heiligtum
der Umgegend, eine kleine Kapelle, der Jungfrau Maria geweiht, deren
verstaubtes Kultbild auf dem Altar von einem byzantinischen Mosaik der Apsis
überwölbt wurde. Dieses, trotz tausendjährigen und höheren Alters in Goldgrund
und Zeichnung wohlerhaltene, Mosaik stellte Christus Pantokrator dar. Die
Entfernung von der Hauptkirche bis zu diesem Heiligtum betrug nicht über drei
Steinwurfsweiten. Eine andere hübsche Kapelle, diese der heiligen Anna
geweiht, lag in der gleichen Entfernung von ihr. Über Soana und hinter Soana
erhob sich ein äußerst spitzer Bergkegel, der im Umkreis natürlich von weiten
Talräumen und den Flanken der überragenden Generoso-Kette umgeben war.
Dieser beinahe zuckerhutartige, aber bis oben begrünte, scheinbar unzugängliche
Berg hieß Sant Agatha, weil er auf seinem Gipfel zur Not ein Kapellchen eben
dieser Heiligen beherbergte. Dies waren im engsten Umkreis der Ortschaft eine
Kirche und drei Kapellen, der sich im weiteren Kreise der Pfarre drei oder vier
andere Kapellen anreihten. Auf jedem Hügel, an jeder hübschen Wegwende, auf
jeder weithin blickenden Spitze, da und dort an malerischen Felsabstürzen, nah
und fern, über Schlucht und See hatten fromme Jahrhunderte Gotteshäuser
angeklebt, so daß in dieser Beziehung die tiefe und allgemeine Frömmigkeit des
Heidentums noch zu spüren war, die im Verlauf vergangener Jahrtausende alle
diese Punkte ursprünglich geweiht und so gegen die bedrohlichen, furchtbaren Mächte dieser wilden Natur sich göttliche Bundesgenossen geschaffen hatte.
Der junge Eiferer sah alle diese Anstalten römisch-katholischen Christentums,
wie sie den ganzen Kanton Tessin auszeichnen, mit Befriedigung. Freilich mußte
er sich zugleich mit dem Schmerz des echten Gottesstreiters eingestehen, daß in
ihnen weder überall ein reger und reiner Glaube lebendig war, noch auch nur
eine genügend liebevolle Fürsorge seiner Amtsbrüder, um alle diese verstreuten,
himmlischen Wohnstätten vor Verwahrlosung und Vergessenheit zu bewahren.
Nach einiger Zeit ward in den engen Fußsteig eingebogen, der in dreistündiger,
mühsamer Steigung zum Gipfel des Generoso führt. Dabei mußte sehr bald das
Bett der Savaglia auf einer verfallenen Brücke überschritten werden, in deren
nächster Nähe das Sammelbecken des Flüßchens war, das von da aus in seinen
selbstgebildeten Erosionsspalt von hundert und mehr Meter Tiefe hinabstürzte.
Hier hörte Francesco aus verschiedenen Höhen, Tiefen und Richtungen neben
dem Rauschen des zu seinem Sammelbecken heraneilenden Wildwassers,
Herdengeläut und sah einen Mann von rauhem Äußeren — es war der
Gemeindehirt von Soana! — der lang auf der Erde ausgestreckt, sich mit den
Händen am Ufer stützend, den Kopf zum Wasserspiegel hinabgebeugt, ganz
nach Art eines Tieres seinen Durst löschte. Hinter ihm grasten einige
Ziegenmütter mit ihren Zicklein, während ein Wolfshund mit gespitztem Ohr auf
Befehle wartete und des Augenblicks, wo sein Meister und Herr mit Trinken
fertig war. »Auch ich bin ein Hirte,« dachte Francesco, und als jener sich von der
Erde erhob und mit schneidendem Pfiff durch die Finger, der an den Felswänden
widerhallte und mit weit ausholenden Steinwürfen seine überallhin verstreuten
Tiere bald zu schrecken, bald weiter zu treiben, bald zurückzurufen und
überhaupt vor der Gefahr des Absturzes zu bewahren suchte, dachte Francesco,
wie dies schon bei Tieren, geschweige bei Menschen, die der Versuchung des
Satans allezeit preisgegeben waren, eine mühevolle und verantwortungsschwere
Arbeit sei.
Mit doppeltem Eifer begann nun der Priester weiter zu steigen, nicht anders, als
wenn zu fürchten gewesen wäre, der Teufel könne auf diesem Wege zu den
verirrten Schafen womöglich der Schnellere sein. Als er, immer von seinem
Begleiter geführt, den Francesco einer Unterhaltung nicht würdigte, eine Stunde
und länger steil und beschwerlich gestiegen war, immer höher und höher in die
Felswildnis des Generoso hinein, hatte er plötzlich die Alpe von Santa Croce auf fünfzig Schritt vor Augen liegen.
Er wollte nicht glauben, daß jener Steinhaufen und das inmitten davon
befindliche, ohne Mörtel aus flachen Steintafeln geschichtete Mauerwerk, wie
ihn der Führer versichert hatte, das gesuchte Anwesen sei. Was er erwartet hatte,
war, nach dem Reden des Sindaco, eine gewisse Wohlhabenheit, wogegen diese
Behausung höchstens als eine Art Unterschlupf für Schafe und Ziegen bei
plötzlichem Unwetter gelten konnte. Da es auf einer steilen Halde von
Gesteinschutt und kantigen Felsblöcken lag und der Pfad dahin in seinem
Zickzacklaufe verborgen war, schien der verfluchte Ort ohne Zugänge. Erst
nachdem der junge Priester sein Befremden und einen gewissen Schauder, der
sich meldete, überwunden hatte und näher gedrungen war, gestaltete sich das
Bild der verfemten und gemiedenen Wohnstätte etwas freundlicher.
Ja, die Trümmerstätte verwandelte sich sogar vor den Augen des
näherkommenden Priesters in eitel Lieblichkeit: denn es schien, als würde die
aus großer Höhe losgelöste Lawine von Blöcken und Schutt durch den
rohgemauerten Würfel der Wohnstätte aufgestaut und festgehalten, so daß unter
ihm eine steinfreie, saftig begrünte Lehne blieb, aus der in entzückender Fülle
und holdester Lieblichkeit gelbe Kuhblumen bis an die Rampe vor die Haustüre
hinankletterten — und als wären sie neugierig, über die Rampe hinweg und
buchstäblich durch die Haustür in die verfemte Wohnhöhle hinein.
Bei diesem Anblick stutzte Francesco. Dieser Sturmlauf von gelben
Wiesenblumen gegen die verrufene Schwelle hinauf, dieses Hinanblühen
üppiger Prozessionen langgestielter Vergißmeinnicht, unter denen Adern von
Bergwasser versickerten, und die ebenfalls mit ihrem blauen Abglanz des
Himmels die Tür zu erobern suchten, schien ihm beinahe ein offener Protest
gegen Acht, Bann und Femgerichte der Menschen zu sein. Francesco mußte sich
in seinem Staunen, dem eine gewisse Verwirrung folgte, mit seiner schwarzen
Soutane auf einen von der Sonne gewärmten Gesteinsblock niedersetzen. Er
hatte seine Jugend im Tal und dazu meist in geschlossenen Räumen, Kirchen,
Hörsälen oder Studierzimmern zugebracht. Sein Natursinn war nicht geweckt
worden. Eine Unternehmung, wie diese, in die erhabene, herbe Lieblichkeit des
Hochgebirges hinein, hatte er niemals bisher ausgeführt und würde es vielleicht
niemals getan haben, hätte nicht Zufall und Pflicht vereint ihm die Bergfahrt
aufgedrängt. Nun überwältigte ihn die Neuheit und die Größe der Eindrücke.
Zum ersten Mal fühlte der junge Priester Francesco Vela eine klare und ganz
große Empfindung von Dasein durch sich hinbrausen, die ihn augenblicklang vergessen ließ, daß er ein Priester und weshalb er gekommen war. Alle seine
Begriffe von Frömmigkeit, die mit einer Menge von kirchlichen Regeln und
Dogmen verflochten waren, hatte diese Empfindung nicht nur verdrängt,
sondern ausgelöscht. Er vergaß jetzt sogar, das Kreuz zu schlagen. Unter ihm lag
das schöne Luganer Gebiet der oberitalienischen Alpenwelt, lag Sant Agatha mit
dem Wallfahrtskirchlein, über dem noch immer die braunen Fischräuber
kreisten, lag der Berg San Giorgio, tauchte die Spitze des Monte San Salvatore
auf, und endlich lag in schwindelerregender Tiefe unter ihm, in die Täler des
Gebirgsreliefs wie eine längliche Glasplatte sorgfältig eingefaßt, der Capolago
genannte Arm des Luganer Sees mit dem segelnden Boot eines Fischers darauf,
das einer winzigen Motte auf einem Handspiegel glich. Hinter alledem waren in
der Ferne die weißen Gipfel der Hochalpen, gleichsam mit Francesco, höher und
höher gestiegen. Daraus hob sich der Monte Rosa weiß, mit sieben weißen
Spitzen hervor, zugleich diademhaft und schemenhaft aus dem seidigen Blau des
Azurs herüberstrahlend.
Wenn man mit Fug von einer Bergkrankheit reden kann, so mit nicht minderem
Recht darf man von einem Zustand reden, der Menschen auf Berghöhen
überkommt, und den man am besten als Gesundheit ohnegleichen bezeichnet.
Diese Gesundheit spürte nun auch der junge Priester im Blut, wie eine
Erneuerung. Neben ihm, zwischen Steinen unter noch dürrem Heidekraut, stand
eine kleine Blume, dergleichen Francesco noch niemals im Leben erblickt hatte.
Es war eine überaus liebliche Spezies blauen Enzians, dessen Blütenblättchen
mit einem flammenden Blau überraschend köstlich bemalt waren. Der junge
Mann in der schwarzen Soutane ließ das Blümchen, das er in seiner ersten
Entdeckerfreude hatte abpflücken wollen, unbehelligt an seinem bescheidenen
Platze stehen und bog nur das Heidekraut beiseite, um das Wunder lange
entzückt zu betrachten. Überall aus den Steinen drang junges, hellgrünes
Zwergbuchenlaub, und aus einer gewissen Ferne, über den Lehnen von hartem,
grauen Schutt und zartem Grün, meldete sich mit Glockengeläut die Herde des
armen Luchino Scarabota. Diese ganze Bergwelt besaß eine frühe Eigenart, den
Jugendreiz versunkener, menschlicher Zeitalter, von denen in den Taltiefen keine
Spur mehr vorhanden war.
Francesco hatte seinen Begleiter heimgeschickt, da er den Rückweg ungestört
durch die Gegenwart eines Menschen machen wollte und überdies bei dem, was
er am Herde Luchinos vorhatte, einen Zeugen nicht wünschen konnte. Er war
inzwischen bereits bemerkt worden, und eine Anzahl schmuddliger und
verfilzter Kinderköpfe streckten sich immer wieder neugierig zu dem schwarzverräucherten Türloch der Scarabotaschen Gesteinsburg heraus.
Langsam begann sich der Priester ihr anzunähern und betrat jenen Umkreis des
Anwesens, der den großen Viehbestand des Besitzers anzeigte und von den
Rückständen einer großen Herde Rinder und Ziegen verunreinigt war. In
Francescos Nase stieg stärker und stärker mit der dünnen und kräftigen Bergluft
Rinder- und Ziegenduft, dessen steigende Penetranz am Eingang der Wohnung
durch zugleich mit ihm herausdringenden Holzkohlenrauch erträglich gemacht
wurde. Als Francesco im Rahmen der Tür erschien und mit seiner schwarzen
Soutane das Licht verstellte, waren die Kinder ins Dunkel zurückgewichen, von
wo sie dem Gruße des Priesters, der sie nicht sah, und allen seinen Anreden
Schweigen entgegensetzten. Nur eine alte Mutterziege kam, meckerte leise und
beschnüffelte ihn.
Allmählich war es im Innern des Raumes für das Auge des Boten Gottes heller
geworden. Er sah einen Stall, mit einer hohen Dungschicht gefüllt und nach
hinten in eine natürliche Höhle vertieft, die ursprünglich im Nagelflu, oder was
für Gestein es sein mochte, vorhanden war. In einer groben Steinwand rechts war
ein Durchgang geöffnet, durch den der Priester einen Blick auf den jetzt
verlassenen Herd der Familie tat: einen Aschenberg, innen noch voll Glut und
zwar auf dem natürlich zutage liegenden Felsen des Fußbodens aufgeschichtet.
An einer von dickem Ruß überdeckten Kette hing ein verbeulter, ebenfalls
verrußter, kupferner Topf darüber herab. An dieser Feuerstätte des
Steinzeitmenschen stand eine lehnenlose Bank, deren faustdickes, breites
Sitzbrett auf zwei ebenso breiten, im Felsen befestigten Pfeilern ruhte und das
seit einem Jahrhundert und länger von Generationen ermüdeter Hirten,
Hirtenweiber und Kinder abgewetzt und poliert worden war. Das Holz schien
nicht mehr Holz, sondern ein gelber, polierter Marmor oder Speckstein zu sein,
aber mit zahllosen Narben und Schnitten. Der quadratische Raum, der im
übrigen mit seinen natürlich ungeputzten, aus rohen Blöcken und Schieferplatten
geschichteten Mauern mehr einer Höhle glich und aus dem der Qualm durch die
Tür in den Stall und wiederum von dort durch die Tür vollends ins Freie drang,
weil er außer etwa durch Undichtigkeiten der Wände sonst keinen Abzug hatte,
der Raum also war vom Qualm und Ruß der Jahrzehnte geschwärzt, so daß man
beinahe den Eindruck gewinnen konnte, im Innern eines dickverrußten Kamines
zu sein.
Eben bemerkte Francesco den eigentümlichen Glanz von Augen, die aus einem
Winkel hervorleuchteten, als draußen ein Rollen und Rutschen von Gesteinschutt
hörbar ward und gleich darauf die Gestalt Luchino Scarabotas in die Tür und wie ein lautloser Schatten vor die Sonne trat, wodurch sich der Raum noch tiefer
verdunkelte. Der verwilderte Berghirt atmete schwer, nicht allein deshalb, weil
er in kurzer Zeit den Weg von einer entfernten, höher gelegenen Alm gemacht,
nachdem er von dort aus die Ankunft des Priesters beobachtet hatte, sondern
weil dieser Besuch ein Ereignis für den Verfemten war.
Die Begrüßung war kurz. Francesco wurde von seinem Wirt zum Sitzen
genötigt, nachdem er die Specksteinbank mit seinen rauhen Händen von Steinen
und abgerissenen Kuhblumen gesäubert hatte, die der verfluchten Brut seiner
Kinder als Spielzeug gedient hatten.
Der Berghirte schürte und blies aus vollen Backen das Feuer an, wobei seine
fieberhaften Augen im Widerschein noch wilder erglänzten. Er nährte die
Flamme mit Scheiten und trockenem Reisig auf, so daß der beizende Qualm den
Priester beinahe vertrieben hätte. Das Betragen des Hirten war von kriechender
Unterwürfigkeit und von einem ängstlichen Eifer getragen, dermaßen, als ob nun
alles darauf ankäme, sich die Gnade des höheren Wesens nicht zu verscherzen,
das seine schlechte Wohnung betreten hatte. Er brachte eine große schmutzige
Gelte voll Milch herbei, deren Oberfläche dicken Rahm abgesetzt hatte, aber
leider auf eine unglaubliche Weise verunreinigt war, so daß Francesco sie schon
deshalb nicht anrühren konnte. Er wies aber auch den Genuß von frischem Käse
und reinlichem Brote zurück, trotzdem er hungrig geworden war, weil er sich in
abergläubischer Scheu damit zu versündigen fürchtete. Schließlich, als der
Berghirt sich ein wenig beruhigt hatte und mit furchtsam wartenden Blicken und
hängenden Armen ihm gegenüber stand, begann der Priester also zu reden:
»Luchino Scarabota, Ihr sollt des Trostes unserer heiligen Kirche nicht verlustig
gehen, und Eure Kinder sollen aus der Gemeinschaft katholischer Christen nicht
ferner verstoßen sein, wenn es sich entweder herausstellt, daß die üblen
Gerüchte über Euch unwahr sind, oder wenn Ihr redlich beichtet, Reue und
Zerknirschung zeigt und Euch bereit findet, mit Gottes Hilfe den Stein des
Anstoßes aus dem Wege zu räumen. Also öffnet mir zuerst Euer Herz,
Scarabota, bekennet mit Freimut, worin Ihr verleumdet seid und mit
wahrhaftiger Wahrheit die Sündenschuld, die Euch etwa belastet.«
Nach dieser Anrede schwieg der Hirt. Es rang sich nur plötzlich ein kurzer,
wilder Ton aus seiner Kehle hervor, der aber keinerlei Gefühl verriet, vielmehr etwas Glucksendes, Vogelartiges an sich hatte. Wie es Francesco geläufig war,
schritt er alsbald dazu, dem Sünder die schrecklichen Folgen der Verstocktheit
vorzustellen und die versöhnliche Güte und Liebe Gottes des Vaters, die er durch
das Opfer seines einigen Sohnes bewiesen habe, das Opfer des Lammes, das die
Sünden der Welt auf sich nahm. Durch Jesum Christum, schloß er, kann jede
Sünde vergeben werden, vorausgesetzt, daß eine rückhaltlose Beichte,
verbunden mit Reue und Gebet, dem himmlischen Vater die Zerknirschung des
armen Sünders bewiesen hat.
Erst nachdem Francesco, der Priester, eine lange Weile gewartet hatte und sich
achselzuckend erhob, wie es schien, um davon zu gehen, begann der Hirte ein
unverständliches Durcheinander von Worten durch die Kehle zu würgen: eine
Art Gewölle, wie es der Raubvogel tut. Und mit gespannter Aufmerksamkeit
versuchte der Priester das Verständliche aus dem Wuste festzuhalten. Aber
dieses Verständliche erschien ihm ebenso wie das Dunkle fremd und wunderbar.
Nur so viel ward aus der beängstigenden und beklemmenden Menge
eingebildeter Dinge klar, daß Luchino Scarabota sich seines Beistandes gegen
allerlei Teufel, die in den Bergen hausten und ihn bedrängten, versichern wollte.
Es hätte dem jungen, gläubigen Priester schlecht angestanden, am Dasein und
Wirken von bösen Geistern zu zweifeln. War doch die Schöpfung erfüllt von
allen Arten und Graden gefallener Engel aus dem Gefolge Luzifers, des
Empörers, den Gott verstoßen hatte; hier aber grauste ihm, er wußte nicht, ob vor
der Verfinsterung durch unerhörten Aberglauben, auf die er traf, oder ob vor der
hoffnungslosen Erblindung durch Unwissenheit. Er beschloß, mittels einzelner
Fragen sich über den Vorstellungskreis und das Begriffsvermögen seines
Parochialen ein Urteil zu bilden.
Da ward denn alsbald ersichtlich: dieser wilde, verwahrloste Mensch wußte
nichts von Gott, noch viel weniger von Jesus Christus, dem Heiland, am
allerwenigsten vom Vorhandensein eines heiligen Geists. Dagegen gewann es
den Anschein, als fühle er sich von Dämonen umgeben und sei besessen von
einem düsteren Verfolgungswahn. Und in dem Priester sah er nicht etwa den
berufenen Diener Gottes, sondern viel eher einen mächtigen Zauberer oder den
Gott. Was sollte Francesco anderes tun, als sich bekreuzigen, während der Hirte
sich demütig auf die Erde warf und mit feuchten, wulstigen Lippen seine Schuhe
abgöttisch zu belecken und mit Küssen zu bedecken begann.
Der junge Priester hatte sich noch niemals in einer ähnlichen Lage befunden. Die
dünne Bergluft, der Frühling, die Trennung von der eigentlichen Schicht der Zivilisation brachten es mit sich, daß sein Bewußtsein sich ein wenig umnebelte.
Etwas wie ein traumhafter Bann zog ins Bereich seiner Seele ein, darin sich die
Wirklichkeit zu schwebenden Luftgebilden auflöste. Diese Veränderung verband
sich mit einer leisen Furchtsamkeit, die ihm mehrmals schleunige Flucht hinab
ins Bereich der geweihten Kirchen und Glocken anraten wollte. Der Teufel war
mächtig, wer konnte wissen, wie viele Mittel und Wege er hatte, den
ahnungslosen, gutgläubigsten Christen hinanzulocken und vom Rande eines
schwindelerregenden Abgrunds hinabzustürzen.
Man hatte Francesco nicht gelehrt, daß die Götzen der Heiden nur leere Gebilde
der Phantasie und nichts weiter gewesen seien. Die Kirche anerkannte
ausdrücklich ihre Macht, nur daß sie dieselbe als eine Gott feindliche hinstellte.
Sie kämpften noch immer, wenn auch hoffnungslos, mit dem allmächtigen Gott
um die Welt. Deshalb erschrak der bleiche, junge Priester nicht wenig, als sein
Wirt ein hölzernes Ding aus irgendeinem Winkel seiner Behausung hervorholte,
eine greuliche Schnitzerei, die zweifellos einen Fetisch vorstellte. Trotz seines
priesterlichen Abscheus vor dem zuchtlosen Gegenstand, konnte Francesco nicht
umhin, das Gebilde näher zu betrachten. Mit Abscheu und Staunen gestand er
sich, daß hier die scheußlichste, heidnische Greuel, nämlich die des ländlichen
Priapdienstes, noch lebendig sei. Nichts anderes, als Priap konnte, wie klar
ersichtlich war, das primitive Kultbild vorstellen.
Kaum hielt Francesco den kleinen, harmlosen Zeugungsgott, den Gott der
ländlichen Fruchtbarkeit, der bei den Alten so offen in hohen Ehren stand, als
sich die sonderbare Umklammerung seines Wesens in heiligen Zorn umsetzte. Er
warf zunächst, ohne Überlegung, das schamlose, kleine Alräunchen ins Feuer
hinein, von wo es aber mit der Schnelligkeit eines Hundes-Zufahren der Hirt im
selben Augenblick wieder herausholte. Es glimmte da und es brannte dort,
wurde aber sofort durch die rauhen Hände des Heidenmenschen in den alten
ungefährlichen Zustand versetzt. Nun mußte es aber, samt seinem Retter, eine
Flut von strafenden Worten über sich hingehen lassen.
Luchino Scarabota schien nicht zu wissen, welchen von beiden Göttern er für
den stärkeren halten sollte: den von Holz oder den von Fleisch und Blut.
Indessen hielt er den Blick, in dem sich Entsetzen und Grauen mit tückischer
Wut mischten, auf die neue Gottheit gerichtet, deren frevelhafte Kühnheit
jedenfalls nicht auf ein Bewußtsein von Schwäche schließen ließ. Einmal im
Zuge, ließ sich der Bote des einigen und alleinigen Gottes in seinem heiligen
Eifer durch noch so gefährliche Blicke des umnachteten Götzendieners nicht
einschüchtern. Und ohne alle Umstände kam er nun auch auf die verruchte Sünde zu sprechen, der, wie man allgemein behauptete, der Kindersegen des
Berghirten zu verdanken war.
In die lauten Reden des jungen Priesters platzte gleichsam die Schwester
Scarabotas hinein, die aber, ohne zu reden und nur verstohlen den Eiferer
musternd, sich da und dort in der Höhle zu tun machte. Sie war ein bleiches und
widerwärtiges Weib, dem Waschwasser, wie es schien, eine unbekannte Sache
war. Man sah ihren nackten Körper durch die Risse verwahrloster Kleider
unangenehm hindurch schimmern.
Nachdem der Priester geendet und seinen Vorrat von strafenden Anklagen fürs
erste erschöpft hatte, schickte das Weib den Bruder mit einem kurzen, kaum
hörbar gesprochenen Wort ins Freie hinaus. Ohne Widerspruch war der wilde
Mensch sogleich wie der folgsamste Hund verschwunden. Hierauf küßte die
schmutzstarrende Sünderin, der das verfilzte, schwarze Haar über die breiten
Hüften hing, mit den Worten »Gelobt sei Jesus Christus!« dem Priester die
Hand.
Gleich darauf brach sie in Tränen aus.
Sie sagte, der Priester habe ganz recht, wenn er sie mit harten Worten verurteile.
Sie habe sich allerdings versündigt gegen Gottes Gebot, wenn auch keineswegs
in der Weise, wie es die Verleumdung ihr nachrede. Sie allein sei die Sünderin,
ihr Bruder dagegen vollkommen unschuldig. Sie schwor und zwar bei allen
Heiligen, daß sie jener fürchterlichen Sünde, der man sie zeihe, der Blutschande
nämlich, niemals verfallen wäre. Freilich habe sie unkeusch gelebt, und da sie
nun einmal im Beichten sei, so sei sie bereit, die Väter ihrer Kinder zu
beschreiben, wenn auch nicht alle namhaft zu machen. Denn nur die wenigsten
Namen wisse sie, da sie, wie sie sagte, aus Not oftmals ihre Gunst an
vorüberkommende Fremde verkauft habe.
Im übrigen habe sie ihre Kinder ohne jede Hilfe mit Schmerzen zur Welt
gebracht, und einige hätte sie müssen da und dort, bald nach der Geburt, im
Schutte des Generoso wieder begraben. Ob er sie nun absolvieren könne oder
nicht, sie wisse trotzdem, daß Gott ihr verziehen habe, denn sie habe durch Nöte,
Leiden und Sorgen genügsam gebüßt.
Francesco konnte nicht anders, als die weinende Beichte des Weibes wie ein
Gewebe von Lügen ansehen, wenigstens soweit das Verbrechen in Frage kam.
Freilich fühlte er, es gab Handlungen, die jedem Bekenntnis vor Menschen
unbedingt widerstreben und die nur Gott allein in einsamer Stille des Gebetes erfährt. Er achtete in dem verkommenen Weibe diese Schamhaftigkeit und
konnte sich überhaupt nicht verhehlen, daß sie in mancher Beziehung höher als
ihr Bruder geartet war. In der Art ihrer Rechtfertigung lag eine klare
Entschlossenheit. Das Auge gestand, aber ein Geständnis durch Worte würden
ihr weder gutes Zureden, noch glühende Zangen des Henkers entrissen haben.
Sie war es gewesen, wie sich ergab, die den Mann zu Francesco gesandt hatte.
Sie hatte den jungen, bleichen Priester gesehen, als sie eines Tages nach Lugano
zum Markte ging, wo sie die Erzeugnisse ihrer Alm verhandelte, und sie hatte
bei seinem Anblick Vertrauen und den Gedanken gefaßt, ihm ihre verfemten
Kinder ans Herz zu legen. Sie allein war das Familienhaupt und trug die Sorge
für Bruder und Kinder.
»Ich lasse es unerörtert,« sagte Francesco, »inwieweit Ihr schuldig oder
unschuldig seid. Eines steht fest: wenn Ihr Eure Kinder nicht wie Tiere
aufwachsen lassen wollt, so müßt Ihr Euch von dem Bruder trennen. Solange Ihr
mit ihm lebt, wird der furchtbare Leumund, den Ihr habt, niemals zum
Schweigen zu bringen sein. Immer wird man die schreckliche Sünde bei Euch
voraussetzen.«
Nach diesen Worten schien Verstockung und Trotz im Gemüte des Weibes
herrschend zu werden, jedenfalls gab sie keine Antwort und widmete sich so, als
ob kein Fremder zugegen wäre, eine längere Weile häuslicher Tätigkeit.
Währenddessen kam ein etwa fünfzehnjähriges Mädchen herein, das einige
Ziegen in die Öffnung des Stalles trieb und sich alsdann, ebenfalls als wenn
Francesco nicht da wäre, an der Arbeit des Weibes beteiligte. Der junge Priester
wußte sofort, als er nur erst den Schatten des Mädchens durch die Tiefe der
Höhle gleiten sah, daß es von ungewöhnlicher Schönheit sein mußte. Er
bekreuzte sich, denn er hatte einen leisen Schrecken unerklärlicher Art im
Körper gespürt. Er wußte nicht, ob er in Gegenwart der jugendlichen Hirtin seine
Ermahnungen wieder aufnehmen sollte. Zwar war sie, wie nicht zu bezweifeln
war, von Grund aus verderbt, da Satan sie auf dem Wege der schwärzesten
Sünde zum Leben erweckt hatte, aber es konnte doch noch ein Rest von Reinheit
in ihr sein, und wer mochte wissen, ob sie von ihrem schwarzen Ursprung eine
Ahnung hatte.
Ihre Bewegungen zeigten jedenfalls eine große Gelassenheit, aus der man
keineswegs auf Unruhe des Gemütes oder Gewissensbeschwernis schließen
konnte. Im Gegenteil war alles an ihr von einer bescheidenen Selbstsicherheit,
die durch das Dasein des Pfarrers nicht berührt wurde. Sie hatte Francesco bis
jetzt nicht mit einem Blicke gestreift, wenigstens nicht so, daß er ihrem Auge begegnet wäre oder sie sonstwie ertappt hätte. Ja, während er selbst sie
verstohlen durch die Brille beobachtete, mußte er mehr und mehr in Zweifel
ziehen, ob wirklich ein Kind der Sünde, ein Kind solcher Eltern von dieser
Beschaffenheit sein könnte. Endlich verschwand sie über eine Steigeleiter in eine
Art Dachgelaß hinauf, so daß nun Francesco sein mühsames Seelsorgerwerk
fortsetzen konnte.
»Ich kann meinen Bruder nicht verlassen,« sagte die Frau, »und zwar ganz
einfach deshalb, weil er ohne mich hilflos ist. Er kann zur Not seinen Namen
schreiben, und ich habe ihm das nur mit der größten Mühe beigebracht. Er kennt
keine Münze, und vor der Eisenbahn, der Stadt und den Menschen fürchtet er
sich. Wenn ich fortgehe, wird er mich verfolgen, wie ein armer Hund seinen
verlorenen Herrn verfolgt. Er wird mich entweder finden oder elend zugrunde
gehen: und was soll dann aus den Kindern und unserem Besitztum werden.
Bleibe ich mit den Kindern hier, so wollte ich den wohl sehen, dem es gelänge,
meinen Bruder fortzuschaffen: man müßte ihn denn in Ketten tun und hinter
Eisenstangen in Mailand einschließen.«
Der Priester sagte: »Dies kann sich am Ende noch ereignen, wenn Ihr meinem
guten Rate nicht folgen wollt.«
Da gingen die Ängste des Weibes in Wut über. Sie habe ihren Bruder zu
Francesco geschickt, damit er sich ihrer erbarme, aber nicht deshalb, damit er sie
unglücklich mache. Es sei ihr dann schon lieber, von denen da unten gehaßt und
ausgestoßen weiter zu leben, wie bisher. Sie sei eine gute Katholikin, aber wen
die Kirche ausstoße, der habe ein Recht, sich dem Teufel anheimzugeben. Und
was sie bisher noch nicht getan habe, die große, ihr zur Last gelegte Sünde,
werde sie dann vielleicht erst tun.
In diese mit einzelnen Schreien gemischten, gepreßten Worte der Frau hörte
Francesco von dort, wo das Mädchen verschwunden war, von oben her, immer
einen süßen Gesang bald im leisesten Hauch, bald stärker schwellend
hineinklingen: so daß seine Seele mehr in diesem melodischen Banne, als bei
den Wutausbrüchen des verkommenen Weibes war. Und eine Welle stieg heiß in
ihm, verbunden mit einer Bangigkeit, wie er sie nie gefühlt hatte. Das qualmige
Loch dieses tierisch-menschlichen Wohnstalles schien, wie durch Zauberei, in
die lieblichste aller kristallenen Grotten des Danteschen Paradieses verwandelt
zu sein: — voll Engelstimmen und lachtaubenartig klingender Fittiche.
Er ging. Es war ihm unmöglich, noch länger, ohne sichtbar zu beben, solchen
verwirrenden Einflüssen standzuhalten. Draußen, vor dem ausgehöhlten
Steinhaufen angelangt, sog er die Frische der Bergluft ein und ward sogleich,
wie ein leeres Gefäß, mit dem ungeheuren Eindruck der Bergwelt angefüllt.
Seine Seele ward gleichsam in die weiteste Kraft des Auges verlegt und bestand
aus den kolossalen Massen der Erdrinde, von fernen, schneeichten Spitzen zu
nahen, furchtbaren Abgründen, unter der königlichen Helle des Frühlingstags.
Noch immer sah er braune Fischadler überm Zuckerhut von Sant Agatha ihre
selbstvergessenen Kreise ziehn. Da verfiel er darauf, der verfemten Familie dort
einen heimlichen Gottesdienst abzuhalten und eröffnete diesen Gedanken der
Frau, die kummervoll auf die vom gelben Löwenzahn umwucherte Schwelle der
Höhle getreten war. »Nach Soana dürft Ihr nicht kommen, wie Ihr ja selber
wißt,« sagte er, »würde ich Euch dazu einladen, ich und Ihr, wir würden gleich
übel beraten sein.«
Wiederum ward das Weib bis zu Tränen gerührt und versprach, sich an einem
bestimmten Tage mit dem Bruder und den älteren Kindern vor der Kapelle von
Sant Agatha einzufinden.
Als der junge Priester soweit aus dem Bereich der Wohnstätte Luchino
Scarabotas und seiner fluchbeladenen Familie war, daß er von dort aus nicht
mehr gesehen werden konnte, wählte er einen von der Sonne durchwärmten
Block zum Ruheplatz, um über das eben Erlebte nachzudenken. Er sagte sich,
daß er zwar mit einem schauerlichen Interesse, aber doch pflichtmäßig
nüchternen Sinnes und ohne jeden Vorschmack von dem heraufgestiegen war,
was ihn jetzt auf so ahnungsvolle Weise beunruhigte. Was war das doch? Er zupfte, strich und putzte lange an seiner Soutane herum, als ob er es dadurch
loslösen könnte.
Als er nach einiger Zeit noch immer nicht die erwünschte Klarheit empfand,
nahm er gewohnheitsgemäß sein Brevier aus der Tasche, aber auch das alsbald
begonnene, laute Lesen befreite ihn nicht von einer gewissen wunderlichen
Unschlüssigkeit. Es war ihm zumute, als ob er irgendetwas, einen wichtigen
Punkt seiner Sendung, zu erledigen vergessen hätte. Deshalb wandte er seine
Blicke unter der Brille immer wieder mit einer gewissen Erwartung den Weg
zurück und konnte sich nicht ermannen, den begonnenen Abstieg fortzusetzen.
So verfiel er in seltsame Träumerei, aus der ihn zwei kleine Vorfälle weckten,
die seine aus dem gewohnten Bereich gebrochene Phantasie mit erheblicher
Übertreibung sah: erstlich zersprang ihm mit einem Knick, durch den Einfluß
der kalten Bergluft, das rechte Brillenglas, und fast unmittelbar darauf hörte er
ein fürchterliches Geprust über seinem Kopf und spürte einen heftigen Druck auf
den Schultern.
Der junge Priester war aufgesprungen. Er lachte laut, als er die Ursache seines
panischen Schreckens in einem scheckigen Geißbock erkannte, der ihm einen
Beweis seines unbegrenzten Vertrauens dadurch gegeben hatte, daß er ohne
jedwede Rücksicht gegen sein geistliches Gewand mit den Vorderhufen auf seine
Schultern gesprungen war.
Damit begann aber erst seine höchst vertrauliche Zudringlichkeit. Der zottige
Bock mit den starken, schön gewundenen Hörnern und feuerspeienden Augen
war gewohnt, wie es schien, vorüberkommende Bergsteiger anzubetteln und tat
dies auf eine so drollige, entschlossene und unwiderstehliche Art, daß man sich
seiner nur durch die Flucht erwehren konnte. Er setzte Francesco immer wieder,
hochaufgebäumt, die Hufe vor die Brust und schien entschlossen, nachdem der
Bedrängte sich eine Durchschnupperung seiner Taschen hatte gefallen lassen
müssen und einige Brotreste mit unglaublicher Gier verschluckt worden waren,
Haar, Nase und Finger des Priesters abzuknabbern.
Eine alte, bärtige Geiß, der Glocke und Euter bis auf die Erde hing, war dem
Wegelagerer nachgefolgt und begann, durch diesen ermutigt, den Priester ebenso
zu bedrängen. Ihr hatte das mit Goldschnitt und Kreuz versehene Brevier
besonderen Eindruck gemacht, und es gelang ihr, während Francesco mit der
Abwehr eines gewundenen Bockshorns zu tun hatte, sich des Büchelchens zu
bemächtigen. Und seine schwarz bedruckten Blätter für grüne nehmend, aß sie, nach des Propheten Vorschrift, die heiligen Wahrheiten buchstäblich und gierig
in sich hinein.
In solchen Nöten, die sich durch Ansammlung anderer, vereinzelt weidender
Tiere noch gesteigert hatten, erschien mit einemmal die Hirtin als Retterin. Es
war eben dasselbe Mädchen, das Francesco zuerst in der Hütte Luchinos flüchtig
erblickt hatte. Er sagte, als die schlanke und starke Person, nachdem sie die
Ziegen verscheucht hatte, mit frisch geröteten Wangen und lachenden Augen vor
ihm stand: »Du hast mich gerettet, braves Mädchen!« Und er setzte ebenfalls
lachend hinzu, indem er sein Brevier aus den Händen der jungen Eva
entgegennahm: »Es ist eigentlich wunderlich, daß ich trotz meines Hirtenamts
gegen deine Herde so hilflos bin.«
Ein Priester darf sich nicht länger, als seine kirchliche Pflicht etwa erfordert, mit
einem jungen Mädchen oder Weibe unterhalten, und die Gemeinde vermerkt es
sofort, wenn er außerhalb der Kirche bei einer solchen Begegnung zu zweien
gesehen wird. So hatte denn auch Francesco, eingedenk seines strengen Berufs,
ohne sich lange zu verweilen, seinen Rückweg fortgesetzt: dennoch hatte er ein
Gefühl, als ob er sich auf einer Sünde ertappt hätte und bei nächster Gelegenheit
sich durch eine reuige Beichte reinigen müsse. Noch war er nicht aus dem
Bereich der Herdenglocken gelangt, als der Klang einer weiblichen Stimme zu
ihm drang, der ihn plötzlich wiederum alle Meditationen vergessen machte. Die