Der Ketzer von Soana
Die Erzählung des Berghirten
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.
Stimme war so geartet, daß er nicht auf den Gedanken kam, sie könne der eben
zurückgelassenen Hirtin angehören. Francesco hatte nicht nur zu Rom die
kirchlichen Sänger des Vatikans, sondern auch öfters früher mit seiner Mutter in
Mailand weltliche Sängerinnen gehört, und also war ihm Koloratur und bel canto
der Primadonnen nicht unbekannt. Er stand unwillkürlich still und wartete.
Unzweifelhaft sind es Touristen von Mailand, dachte er und hoffte womöglich,
im Vorübergehen, die Besitzerin dieser herrlichen Stimme ins Auge zu fassen.
Da sie nicht kommen wollte, setzte er weiter Fuß vor Fuß, sorgsam absteigend,
in die schwindelerregende Tiefe hinunter.
Was Francesco im ganzen und im einzelnen auf diesem Berufsgang erlebt hatte,
war äußerlich nicht der Rede wert, wenn man die Greuel nicht in Erwägung
zieht, die ihre Brutstätte in der Hütte der armen Geschwister Scarabota hatte.
Aber der junge Priester fühlte sogleich, wie diese Bergfahrt für ihn ein Ereignis
von großer Bedeutung geworden war, wenn er auch über den ganzen Umfang
dieser Bedeutung vorläufig noch nicht entfernt Bescheid wußte. Er spürte, daß
von innen heraus eine Umwandlung mit ihm vorgegangen war. Er befand sich in
einem neuen Zustande, der ihm von Minute zu Minute wunderlicher und einigermaßen verdächtig war, aber doch lange nicht so verdächtig, daß er
womöglich den Satan gewittert oder etwa ein Tintenfaß nach ihm geschleudert
haben würde, wenn er es auch in der Tasche gehabt hätte. Die Bergwelt lag wie
ein Paradies unter ihm. Zum allerersten Male wünschte er sich, mit unwillkürlich
gefalteten Händen, Glück, von seinem Oberen gerade mit der Verwaltung dieser
Pfarre betraut worden zu sein. Was war, gegen diese köstliche Tiefe gehalten,
Petri Tuch, das an drei Zipfeln von Engeln gehalten vom Himmel kam. Wo gab
es eine für Menschenbegriffe größere Majestät, wie diese unzugänglichen
Generoso-Schroffen, an denen fort und fort der dumpfe Frühlingsdonner
schmelzenden Schnees in Lawinen hörbar ward.
Vom Tage seines Besuches bei den Verfemten an konnte sich Francesco zu
seinem Erstaunen nicht mehr in den gedankenlosen Frieden seines früheren
Daseins zurückfinden. Das neue Gesicht, das die Natur für ihn angenommen
hatte, verblaßte nicht mehr, und sie wollte sich auf keine Weise in ihren früheren,
unbeseelten Zustand zurückdrängen lassen. Die Art ihrer Einwirkungen, durch
die der Priester nicht nur am Tage, sondern auch in seinen Träumen beängstet
wurde, nannte er und erkannte er zunächst als Versuchungen. Und da der Glaube
der Kirche, schon dadurch, daß er ihn bekämpft, mit dem heidnischen
Aberglauben verschmolzen ist, so führte Francesco seine Verwandlung allen
Ernstes auf die Berührung jenes hölzernen Gegenstandes zurück, jenes
Alräunchens, das der struppige Hirt aus dem Feuer gerettet hatte. Da war
unzweifelhaft noch ein Rest jener Greuel lebendig geblieben, denen die Alten
unter dem Namen des Phallus-Dienstes huldigten, jenes schmachvollen Kultes,
der durch den heiligen Krieg des Kreuzes Jesu in der Welt niedergezwungen
worden war. — Bis dahin, als er den scheußlichen Gegenstand erblickt hatte,
war allein das Kreuz in Francescos Seele eingebrannt. Man hatte ihn, nicht
anders, wie wenn man die Schafe einer Herde mit einem glühenden Stempel
zeichnet, mit dem Brandmal des Kreuzes versehen, und dieses Stigma war, im
Wachen und Träumen gegenwärtig, zum Wesenssymbol seiner selbst geworden.
Nun blickte der leidige und leibhaftige Satan über dem Kreuzesbalken herab,
und das höchst unsaubere, entsetzliche Satyr-Symbol nahm in immerwährendem
Wettstreit mehr und mehr die Stelle des Kreuzes ein.
Francesco hatte, neben dem Bürgermeister, vor allem seinem Bischof über den
Erfolg seines Hirtenganges Bericht erstattet, die Antwort, die er von ihm erhielt, war eine Billigung seines Vorgehens. »Vor allem,« schrieb der Bischof,
»vermeiden wir jedes laute Ärgernis.« Er fand es überaus klug, daß Francesco
für die armen Sünder einen besonderen und geheimen Gottesdienst auf Sant
Agatha, in der Kapelle der heiligen Mutter Mariens, anberaumt hatte. Aber die
Anerkennung seines Oberen konnte den Seelenfrieden Francescos nicht
herstellen, er vermochte den Gedanken nicht los zu werden, daß er von dort oben
mit einer Art Bezauberung behaftet zurückgekommen sei.
In Ligornetto, wo Francesco geboren war, und wo sein Oheim, der berühmte
Bildhauer, die letzten zehn Jahre seines Lebens zugebracht hatte, war noch
derselbe alte Pfarrer, der ihn als Knabe in die Heilswahrheiten des katholischen
Glaubens eingeführt und ihm den Weg der Gnade gewiesen hatte. Diesen alten
Priester suchte er eines Tages auf, nachdem er den Weg von Soana bis Ligornetto
in beiläufig drei Stunden zurückgelegt hatte. Der alte Priester hieß ihn
willkommen und war mit sichtlicher Rührung bereit, die Beichte des jungen
Mannes, die er ihm abzulegen wünschte, entgegenzunehmen. Natürlich
absolvierte er ihn.
Francescos Gewissensnöte sind ungefähr in folgender Eröffnung, die er dem
Alten machte, ausgedrückt. Er sagte: »Seit ich bei den armen Sündern auf der
Alpe von Santa Croce war, befinde ich mich in einer Art von Besessenheit. Ich
schüttele mich. Es ist mir, als hätte ich nicht etwa einen anderen Rock, sondern
geradezu eine andere Haut angezogen. Wenn ich den Wasserfall von Soana
rauschen höre, so möchte ich am liebsten in die tiefe Schlucht hinunterklettern
und mich unter die stürzenden Wassermassen stellen, stundenlang, gleichsam um
äußerlich und innerlich rein und gesund zu werden. Sehe ich das Kreuz in der
Kirche, das Kreuz über meinem Bett, so lache ich. Es will mir nicht gelingen,
wie früher, zu weinen und zu seufzen und mir die Leiden des Heilands
vorzustellen. Dagegen werden meine Augen von allerlei Gegenständen
angezogen, die dem Alräunchen des Luchino Scarabota ähnlich sind. Manchmal
sind sie ihm auch ganz unähnlich, und ich sehe doch eine Ähnlichkeit. Um zu
studieren, um mich in das Studium der Kirchenväter recht tief versenken zu
können, hatte ich Vorhänge an die Fenster meines Stübchens gemacht. Ich habe
sie nun hinweg genommen. Der Gesang der Vögel, das Rauschen der vielen
Bäche durch die Wiesen, an meinem Haus nach der Schneeschmelze, ja, der
Duft der Narzissen störte mich. Jetzt öffne ich meine Fensterflügel weit, um das
alles recht gierig zu genießen.
Dies alles beängstet mich,« hatte Francesco fortgefahren, »aber es ist vielleicht
nicht das Schlimmste. Schlimmer ist vielleicht, daß ich, wie durch schwarze Magie, in das Machtbereich unsauberer Teufel geraten bin. Ihr Zwicken und
Zwacken, ihr freches Kitzeln und Anreizen zur Sünde, zu jeder Stunde Tages
und Nachts, ist fürchterlich. Ich öffne das Fenster, und durch ihren Zauber
kommt es mir vor, als strotze der Gesang der Vögel in dem blühenden
Kirschbaum unter meinem Fenster von Unzüchtigkeit. Ich werde durch gewisse
Formen der Rinde der Bäume herausgefordert und durch sie, ja, durch gewisse
Linien der Berge an Teile des corporis femini erinnert. Es ist ein schrecklicher
Sturmlauf hinterlistiger, tückischer und häßlicher Dämonen, dem ich trotz aller
Gebete und Kasteiungen überantwortet bin. Die ganze Natur, ich sage es euch
mit Schaudern, rauscht, braust und donnert manchmal vor meinen erschrockenen
Ohren ein ungeheures Phallus-Lied, womit sie, wie ich trotz allen Sträubens zu
glauben gezwungen bin, dem erbärmlichen, kleinen, hölzernen Götzen des
Hirten huldigt.
Dies alles steigert natürlich,« hatte Francesco fortgefahren, »meine Unruhe und
Gewissensnot, um so mehr, als ich es als meine Pflicht erkenne, gegen den
Pestherd oben auf der Alp als Streiter zu Felde zu ziehen. Es ist aber immer noch
nicht der ärgste Teil meines Bekenntnisses. Schlimmer ist: sogar in die eigensten
Pflichten meines Berufs hat sich, mit einer gleichsam höllischen Süssigkeit,
etwas wie ein allesverwirrendes, unaustilgbares Gift gemischt. Ich bin zunächst
mit reiner und heiliger Gewalt durch die Worte Jesu von dem verlorenen Schaf
und dem Hirten, der die Herde verläßt, um es von den unzugänglichen Felsen
zurückzubringen, ergriffen worden. Nun aber zweifle ich, ob diese Absicht noch
immer in alter Reinheit vorhanden ist. Sie hat an leidenschaftlichem Eifer
zugenommen. Ich erwache des Nachts, das Gesicht in Tränen gebadet, und alles
löst sich, ob der verlorenen Seelen da oben, bei mir in schluchzendes Mitleid
auf. Doch wenn ich sage: verlorene Seelen, so ist hier vielleicht der Punkt, wo
mit einem scharfen Schnitt die Lüge von der Wahrheit getrennt werden muß.
Nämlich die sündige Seele Scarabotas und seiner Schwester wird vor meinem
inneren Auge einzig und allein durch das Bild ihrer Sündenfrucht, das heißt ihrer
Tochter, eingenommen.
Ich frage mich nun, ob nicht unerlaubtes Verlangen nach ihr die Ursache meines
scheinbar gottgefälligen Eifers ist, und ob ich recht tue und nicht Gefahr des
ewigen Todes laufe, wenn ich mein scheinbar gottgefälliges Werk fortsetze.«
Meist sehr ernst, doch einige Male lächelnd, hatte der alte, welterfahrene Priester
die pedantische Beichte des Jünglings angehört. Dies war Francesco, wie er ihn
kannte, mit seinem gewissenhaften, äußeren und inneren Ordnungssinn und
seinem Bedürfnis nach übersichtlicher Akkuratesse und Sauberkeit. Er sagte: »Francesco, fürchte dich nicht. Schreite nur weiter deinen Weg, wie du ihn
immer geschritten bist. Es kann dich nicht wundern, wenn sich die
Machenschaften des bösen Feindes gerade dann am mächtigsten und
gefährlichsten zeigen, wenn du daran gehst, ihm seine schon gleichsam sicheren
Opfer wiederum zu entreißen.«
In befreiter Stimmung trat Francesco aus der Pfarrwohnung auf die Straße des
kleinen Ortes Ligornetto heraus, in dem er seine erste Jugend verlebt hatte. Es ist
ein Dörfchen, das, auf breiter Talsohle ziemlich flach gelegen, von fruchtbaren
Feldern umgeben ist, auf dem über Gemüse und Halmen-Früchten sich die
Weinrebe, festgedrehten dunklen Strängen gleich, von Maulbeerbaum zu
Maulbeerbaum herüber und hinüber schlingt. Auch diese Lage wird von den
gewaltigen Schroffen des Monte Generoso beherrscht, der hier, in seiner
Westseite, von seinen breiten Fundamenten aus majestätisch sichtbar wird.
Es war um die Mittagszeit, und Ligornetto befand sich, wie es schien, in einem
Zustand der Verschlafenheit. Francesco wurde auf seinem Gange kaum von
einigen gackernden Hühnern, einigen spielenden Kindern und am Ende des
Dorfes von einem kläffenden Hündchen begrüßt. Hier, nämlich am Ende des
Dorfes, war, wie ein Riegel, das mit den Mitteln eines vermögenden Mannes
errichtete Wohnhaus seines Oheims vorgeschoben, das buen retiro jenes
Vincenzo, des Bildhauers, das nun unbewohnt und als eine Art
Gedächtnisstiftung in den Besitz des Kantons Tessin übergegangen war.
Francesco schritt die Stufen zu dem verlassenen und verwilderten Garten hinauf
und gab alsdann dem plötzlich entstandenen Wunsche nach, auch einmal das
Innere des Hauses wiederzusehen. Nahe wohnende Bauersleute, alte Bekannte,
händigten ihm den Schlüssel aus.
Die Beziehungen, die der junge Priester zur Kunst hatte, waren die bei seinem
Stande herkömmlichen. Sein berühmter Oheim war seit etwa zehn Jahren tot und
nach dem Tage der Bestattung hatte Francesco die Räume des berühmten
Künstlerheims nicht wieder gesehen. Er hätte nicht sagen können, was ihn auf
einmal zum Besuche des leeren Hauses bewog, das er bisher meist nur mit
flüchtiger Anteilnahme im Vorübergehen betrachtet hatte. Der Oheim war ihm
niemals mehr, als eine Respektsperson, deren Wirkungskreis ihm eine fremde,
nichts bedeutende Sache war.
Als Francesco den Schlüssel im Schloß gewendet und durch die in verrosteten
Angeln knarrende Tür den Hausflur betrat, kam ihn ein leiser Schauder an vor
der verstaubten Stille, die ihm den Treppenaufgang herab und von allenthalben aus den offenstehenden Zimmern entgegen hauchte. Gleich rechts vom Hausflur
war des verstorbenen Künstlers Bibliothek, die sogleich erkennen ließ, daß hier
ein bildungseifriger Mann gelebt hatte. In niedrigen Schränken fanden sich hier,
außer Vasari, die sämtlichen Werke von Winckelmann, während der italienische
Parnaß durch die Sonette von Michelangelo, durch Dante, Petrarca, Tasso, Ariost
und andere vertreten war. In eigens gebauten Schränken war eine Sammlung von
Handzeichnungen und Radierungen untergebracht, eine andere von Medaillen
der Renaissance und allerlei wertvolle Seltenheiten, darunter bemalte,
etruskische Tonvasen, und einige andere Antiken aus Bronze und Marmor waren
im Zimmer aufgestellt. Da und dort hing ein besonders schönes Blatt von
Lionardo und Michelangelo eingerahmt an der Wand, das etwa einen männlichen
oder weiblichen Körper nackt darstellte. Das folgende kleine Kabinett war sogar
beinahe von oben bis unten an dreien seiner Wände mit solchen Objekten
angefüllt.
Von da aus trat man in einen Kuppelsaal, dessen Höhe durch mehrere
Stockwerke reichte und der von oben sein Licht empfing. Hier hatte Vincenzo
mit Modellierholz und Meißel gearbeitet, und die Gipsabgüsse seiner besten
Schöpfungen füllten in einer gedrängten und stummen Versammlung diesen
beinahe kirchlichen Raum.
Beengt, ja, beängstigt und vor dem Hall seiner eignen Schritte erschreckend,
gleichsam mit bösem Gewissen war Francesco bis hierher gelangt und ging nun
daran, eigentlich zum erstenmal dieses und jenes Werk des Oheims zu
betrachten. Da war neben einer Statue Michelangelos Ghiberti zu sehen. Ein
Dante war da, Werke, die mit Punktierungszeichen überdeckt waren, da man die
Modelle vergrößert in Marmor ausgeführt hatte. Aber diese weltberühmten
Gestalten konnten die Aufmerksamkeit des jungen Priesters nicht lange
festhalten. Neben ihnen waren die Statuen dreier junger Mädchen aufgestellt, der
Töchter eines Marchese, der vorurteilsfrei genug gewesen war, sie durch den
Meister in völlig unbekleidetem Zustande porträtieren zu lassen. Dem Ansehen
nach war die jüngste der jungen Damen nicht über zwölf, die zweite nicht über
fünfzehn, die dritte nicht über siebzehn Jahr. Francesco erwachte erst, nachdem
er die schlanken Körper lange selbstvergessen betrachtet hatte. Diese Arbeiten
trugen ihre Nacktheit nicht, wie die der Griechen, als natürlichen Adel und
Ebenbild der Gottheit zur Schau, sondern man empfand sie als Indiskretion aus
dem Alkoven. Erstlich war die Kopie der Urbilder von diesen nicht losgelöst und
als solche durchaus erkenntlich geblieben: und diese Urbilder schienen zu sagen:
wir sind unanständig entblößt und gegen unseren Willen und unser Schamgefühl durch brutalen Machtspruch entkleidet worden. Als Francesco aus seiner
Versenkung erwachte, pochte sein Herz, und er blickte furchtsam nach allen
Seiten. Er tat nichts Schlimmes, aber er empfand es bereits als Sünde, mit
solchen Gebilden allein zu sein.
Er beschloß, um nicht noch am Ende ertappt zu werden, so schnell als möglich
davon zu gehen. Als er jedoch die Haustür wieder erreicht hatte, klinkte er, statt
sich zu entfernen, den Türgriff von innen ins Schloß und drehte dazu noch den
Schlüssel herum, so daß er nun in dem gespenstischen Hause des Toten
eingesperrt, von niemand mehr überrascht werden konnte. Nachdem dies
geschehen war, begab er sich vor das gipserne Ärgernis der drei Grazien zurück.
Hier kam ihn alsbald, indem sein Herzklopfen stärker wurde, ein bleicher und
scheuer Wahnwitz an. Er empfand den Zwang, der ältesten unter den
Marchesinnen, als wäre sie lebend, über das Haar zu streicheln. Obgleich diese
Handlung offenkundig und seinem eigenen Urteil nach an Wahnsinn streifte, war
sie doch noch einigermaßen priesterlich. Aber die zweite Marchesina mußte sich
bereits ein Streicheln über Schulter und Arm gefallen lassen: eine volle Schulter
und einen vollen Arm, der in eine weiche und zärtliche Hand endigte. Bald war
Francesco an der dritten, der jüngsten Marchesina, durch weitergehende
Zärtlichkeit und schließlich durch einen scheuen verbrecherischen Kuß unter die
linke Brust zum fassungslos verwirrten und zerknirschten Sünder geworden,
dem nicht besser zumute war, als jenem Adam, der die Stimme des Herrn
vernahm, nachdem er vom Apfel der Erkenntnis gekostet hatte. Er floh. Er lief,
wie gehetzt, davon.
Die folgenden Tage verbrachte Francesco teils in den Kirchen mit Gebet, teils in
seiner Pfarrwohnung mit Kasteiungen. Seine Zerknirschung und seine Reue war
groß. Bei einer Inbrunst der Andacht, wie er sie bisher nicht gekannt hatte, durfte
er hoffen, am Schlusse über die Anfechtungen des Fleisches Sieger zu sein.
Immerhin war der Kampf des guten und bösen Prinzips in seiner Brust mit
ungeahnter Furchtbarkeit losgebrochen, so daß es ihm schien, als ob Gott und
der Teufel zum erstenmal ihren Kampfplatz in seine Brust verlegt hätten. Auch
der eigentlich unverantwortliche Teil seines Daseins, der Schlaf, bot dem jungen
Klerikus keinen Frieden mehr; denn gerade diese unbewachte, nachtschlafene
Zeit schien dem Satan besonders willkommen, verführerische und verderbliche
Gaukeleien in der sonst so unschuldsvollen Seele des Jünglings anzurichten. Eines Nachts, am Morgen, er wußte nicht, ob es im Schlafen oder im Wachen
geschehen war, sah er im weißen Lichte des Mondes die drei weißen Gestalten
der schönen Töchter des Marchese in sein Zimmer und an sein Bett treten und
bei genauerem Anblick erkannte er, wie jede auf magische Weise mit dem Bilde
der jungen Hirtin auf der Alpe von Santa Croce verschmolzen war.
Ohne Zweifel war von dem spielzeugartig kleinen Anwesen Scarabotas bis
herunter ins Zimmer des Priesters, in das die Alpe durchs Fenster sah, eine
Verbindung hergestellt, deren Hanf nicht von Engeln gesponnen wurde.
Francesco wußte genug von der himmlischen Hierarchie und ebenso auch genug
von der höllischen, um sofort zu erkennen, wes Geistes Kind diese Arbeit war.
Francesco glaubte an Hexenkunst. Erfahren in manchem Zweige der
scholastischen Wissenschaft, nahm er an, daß böse Dämonen, um gewisse
verderbliche Wirkungen auszuüben, sich den Einfluß der Gestirne zunutze
machen. Er hatte gelernt, hinsichtlich des Körpers gehöre der Mensch zu den
Himmelskörpern, der Verstand stelle ihn den Engeln gleich, sein Wille sei unter
Gott geordnet, aber Gott lasse es zu, daß gefallene Engel seinen Willen von Gott
ablenkten, und das Reich der Dämonen nehme durch Bündnis mit solchen schon
verführten Menschen zu. Überdies könne ein zeitlicher, körperlicher Affekt, von
den höllischen Geistern ausgenützt, oft die Ursache ewigen Verderbens eines
Menschen sein. Kurz, der junge Priester zitterte bis ins Mark seiner Knochen
und fürchtete sich vor dem giftigen Biß der Diaboli, vor den Dämonen, die nach
Blut riechen, vor der Bestie Behemoth und ganz besonders vor Asmodeus, dem
ausgemachten Dämon der Hurerei.
Er konnte sich zunächst nicht entschließen, bei den verfluchten Geschwistern die
Sünde der Hexenkunst und der Zauberei vorauszusetzen. Freilich machte er eine
Erfahrung, die ihm in arger Weise verdächtig war. Jeden Tag nahm er mit
heiligem Eifer und allen Mitteln der Religion eine Purifikation seines Inneren
vor, um es von dem Bilde des Hirtenmädchens zu reinigen und immer wieder
stand es klarer, fester und deutlicher da. Was war das für eine Malerei und für
eine unzerstörbare Tafel aus Holz darunter, oder was war es für eine Leinwand,
die man weder durch Wasser, noch Feuer auch nur im geringsten angreifen
konnte.
Wie dieses Bild sich überall vordrängte, ward manchmal Gegenstand seiner
stillen und erstaunten Beobachtung. Er las ein Buch, und wenn er das weiche
Antlitz, umrahmt von dem eigentümlich rötlich erdbraunen Haar, mit weiten
dunklen Augen blickend, auf einer Seite sah, so blätterte er ein vorangeheftetes
Blatt herum, durch das es bedeckt und versteckt werden sollte. Aber es schlug durch jedes Blatt, als ob keines vorhanden wäre, wie es sich auch sonst durch
Vorhänge, Türen und Mauer im Hause und ebenso in der Kirche durchsetzte.
Bei solchen Beängstigungen und inneren Zwistigkeiten verging der junge
Priester vor Ungeduld, da der bestimmte Termin für den besonderen Gottesdienst
auf dem Gipfel von Sant Agatha nicht schnell genug herbeikommen wollte. Er
wünschte, so bald wie möglich die übernommene Pflicht zu tun, weil er dadurch
vielleicht das Mädchen den Klauen des Höllenfürsten entreißen konnte. Er
wünschte noch mehr: das Mädchen wiederzusehen, was er aber am meisten
ersehnte, war die Befreiung, die er bestimmt erhoffte, von seiner martervollen
Verzauberung. Francesco aß wenig, brachte den größten Teil seiner Nächte
wachend zu, und täglich verhärmter und bleicher werdend geriet er bei seiner
Gemeinde noch mehr als bisher in den Geruch einer exemplarischen
Frömmigkeit.
Der Morgen war endlich herbeigekommen, an dem der Pfarrer die armen Sünder
in die Kapelle bestellt hatte, die hoch auf dem Zuckerhut von Sant Agatha
gelegen war. Der äußerst beschwerliche Weg dort hinauf konnte unter zwei
Stunden nicht zurückgelegt werden. Francesco trat um die neunte Stunde, fertig
zum Gang, auf den Dorfplatz von Soana hinaus, heiteren und erfrischten
Herzens und die Welt mit neugeborenen Augen betrachtend. Man näherte sich
dem Anfang des Mai, und so hatte ein Tag begonnen, wie er köstlicher nicht zu
denken war, aber der junge Mensch hatte Tage von gleicher Schönheit schon oft
erlebt, ohne doch die Natur, so wie heut, wie den Garten Eden selbst zu
empfinden. Heute umgab ihn das Paradies.
Frauen und Mädchen standen, wie meistens, um den von klarem Bergwasser
überfließenden Sarkophag herum und begrüßten den Priester mit lauten Rufen.
Etwas in seiner Haltung und in seinen Mienen, dazu die festliche Frische des
jungen Tages hatte den Wäscherinnen Mut gemacht. Die Röcke zwischen die
Beine geklemmt, so daß bei einigen die braunen Waden und Knie sichtbar
waren, standen sie herabgebeugt, mit den kräftigen, ebenfalls braunen, nackten
Armen wacker arbeitend. Francesco trat an die Gruppe heran. Er fand sich
veranlaßt, allerhand freundliche Worte zu sagen, deren keines in einem
Zusammenhange mit seinem geistlichen Amte stand und die von gutem Wetter,
gutem Mut und einem zu hoffenden guten Weinjahre handelten. Zum erstenmal,
wahrscheinlich durch den Besuch im Hause seines Oheims, des Bildhauers,
angeregt, ließ sich der junge Priester herbei, den Ornamentfries des Sarkophages
zu betrachten, der in einem Bacchantenzuge bestand und hüpfende Satyren,
tanzende Flötenspielerinnen und den von Panthern gezogenen Wagen des Dionysos, des mit Trauben bekränzten Weingottes, zeigte. Es erschien ihm in
diesem Augenblick nicht sonderbar, daß die Alten die steinerne Hülle des Todes
mit Gestalten überschäumenden Lebens bedeckt hatten. Die Weiber und
Mädchen, unter denen einige von ungewöhnlicher Schönheit waren, schwatzten
und lachten bei dieser Besichtigung in ihn hinein, und zeitweilig kam es ihm vor,
als ob er selbst von berauschten Mänaden umjauchzt wäre.
Dieser zweite Aufstieg in die Bergnatur war, mit dem ersten verglichen, wie der
eines Menschen mit offenen Augen gegen den eines anderen gehalten, der blind
von Mutterleibe ist. Francesco hatte mit zwingender Deutlichkeit das Gefühl, er
sei plötzlich sehend geworden. In diesem Sinne erschien ihm die Betrachtung
des Sarkophags durchaus kein Zufall, sondern tief bedeutungsvoll. Wo war der
Tote? Lebendiges Wasser des Lebens füllte den offenen Stein und Totenschrein,
und die ewige Auferstehung war in der Sprache der Alten auf der Fläche des
Marmors verkündet. So verstand sich das Evangelium.
Freilich war dies ein Evangelium, dem wenig mit jenem, was er früher gelernt
und gelehrt hatte, gemeinsam blieb. Es stammte keineswegs von den Blättern
und Lettern eines Buchs, sondern viel eher kam es durch Gras, Kraut und
Blumen aus der Erde gequollen oder mit dem Licht aus dem Mittelpunkt der
Sonne herabgeflossen. Die ganze Natur nahm ein gleichsam sprechendes Leben
an. Die Tote und Stumme ward rege, vertraulich, offen und mitteilsam. Plötzlich
schien sie dem jungen Priester alles zu sagen, was sie bisher verschwiegen hatte.
Er schien ihr Liebling, ihr Auserwählter, ihr Sohn zu sein, den sie, wie eine
Mutter, in das heilige Geheimnis ihrer Liebe und Mutterschaft einweihte. Alle
Abgründe des Schreckens, alle Ängste seiner aufgestörten Seele waren nicht
mehr. Nichts war von allen Finsternissen und Bangigkeiten des vermeintlichen
höllischen Sturmlaufs übrig geblieben. Die ganze Natur strömte Güte und Liebe
aus, und Francesco, an Güte und Liebe überreich, konnte ihr Güte und Liebe
zurückgeben.
Sonderbar: indem er mühsam, oft von kantigen Steinen abrutschend, durch
Ginster, Buchen und Brombeer-Dickicht aufwärts kletterte, umgab ihn der
Frühlingsmorgen wie eine glückselige und ebenso gewaltige Symphonie der
Natur, die mehr von der Schöpfung, als von Geschaffenem redete. Offen gab
sich das Mysterium eines dem Tode für immer enthobenen Schöpfungswerks.
Wer diese Symphonie nicht vernahm, so schien es dem Priester, der betrog sich
selbst, wenn er mit dem Psalmisten »jubilate Deo omnis terra« oder »benedicte
coeli domino« zu lobsingen sich unterfing.
In satter Fülle rauschte der Wasserfall von Soana in seine enge Schlucht
hinunter. Sein Brausen klang voll und schwelgerisch. Seine Sprache konnte nicht
überhört werden. Bald dumpfer, bald heller herüberschlagend, tönte im ewigen
Wandel die Stimme der Sättigung. Lawinendonner löste sich von des Generoso
gigantischer Schattenwand, und wenn er für Francesco hörbar ward, hatte sich
die Lawine selbst, mit lautlosen Strömen von Schneegeröll, bereits in das Bett
der Savaglia hinabgeschüttet. Wo gab es da irgend etwas in der Natur, das nicht
in der Wandlung des Lebens begriffen und das ohne Seele war: etwas, darin
nicht ein drängender Wille sich betätigte? Wort, Schrift, Gesang und treibendes
Herzblut war überall. Legte die Sonne nicht wohlig eine warme Hand im Rücken
zwischen seine Schultern? Zischten nicht und bewegten sich nicht die Blätter der
Lorbeer- und Buchen-Dickichte, wenn er im Vorübergehen sie streifte? Quoll
nicht das Wasser überall und zeichnete überall, leise plaudernd, die Faden- und
Knotenschrift seiner Rinnsale? Las nicht er, Francesco Vela, und lasen nicht die
Faserwurzeln von Myriaden kleiner und großer Gewächse darin, und war es
nicht ihr Geheimnis, das in Myriaden von Blumen und Blütenkelchen sich
darstellte? Des Priesters Hand erhob einen winzigen Stein und fand ihn mit
rötlichen Flechten beschlagen: auch hier eine sprechende, malende, schreibende
Wunderwelt, eine formende Form, die für die überall im Bilde wirkende
Bildkraft des Lebens Zeugnis ablegte.
Und legten nicht die Stimmen der Vögel das gleiche Zeugnis ab, die sich in
unendlich zarten, unsichtbaren Fäden über den Höhlungen des gewaltigen
Felstales netzartig vereinigten? Dieses hörbare Maschennetz schien sich
zuweilen für Francesco in sichtbare Fäden eines silbernen Glanzes
umzuwandeln, die ein innerliches und sprechendes Feuer flimmern machte. War
es nicht in Formen hörbar und sichtbar gemachte Liebe und offenbartes Glück
der Natur? Und war es nicht köstlich, wie dieses Gespinst, so oft es verwehte
oder zerriß, wie mit eilig fliegenden, unermüdlichen Weberschiffchen immer
wieder verbunden wurde? Wo saßen die kleinen gefiederten Weber? man sah sie
nicht, wenn nicht etwa ein kleiner Vogel stumm und eilig seinen Ort wechselte:
die winzigsten Kehlen strömten diese alles überjubelnde, weithin tragende
Sprache aus.
Wo alles quoll, wo alles pulsierte, sowohl in ihm, als um ihn herum, wußte
Francesco den Platz des Todes nicht auszumitteln. Er berührte den Stamm eines
Kastanienbaums und fühlte, wie er die Nahrungssäfte durch sich empordrängte.
Er trank die Luft wie eine lebendige Seele ein und wußte zugleich, daß sie es
war, der er das Atmen und Lobsingen seiner eigenen Seele verdankte. Und war sie es nicht allein, die aus seiner Kehle und Zunge ein sprechendes Werkzeug der
Offenbarung machte? Francesco verzog vor einem wimmelnden, eifrig tätigen
Ameisenhaufen einen Augenblick. Eine winzige, kleine Haselmaus war von den
rätselhaften Tierchen fast ganz von ihrem grazilen Skelett präpariert worden.
Sprach das köstliche, kleine Skelett und die in der Wärme des Ameisenstaates
untergegangene und verschwundene Haselmaus nicht von der Unzerstörbarkeit
des Lebens, und hatte nicht die Natur in ihrem Bildnerdrang oder Zwang nur die
neue Form gesucht? Der Priester sah, diesmal nicht unter sich, sondern hoch
über sich, wiederum die braunen Fischadler von Sant Agatha. Ihre beschwingten
und gefiederten Körper trugen das Wunder des Bluts, das Wunder des
pulsierenden Herzens in majestätischer Wonne durch den Raum. Aber wer
mochte verkennen, daß die wechselnden Kurven ihres Flugs auf die blaue Seide
des Himmels eine deutliche unverkennbare Schrift zeichneten, deren Sinn und
Schönheit aufs engste mit Leben und Liebe verbunden war. Francesco war nicht
anders zumut, als ob ihn die Vögel zum Lesen aufforderten. Und wenn sie mit
der Bahn ihrer Flüge schrieben, so war ihnen auch die Kraft des Lesens nicht
versagt. Francesco gedachte des weittragenden Blicks, der diesen geflügelten
Fischern beschieden ward. Und er gedachte der zahllosen Augen der Menschen,
der Vögel, der Säugetiere, der Insekten und Fische, mit denen die Natur sich
selbst erblickt. Mit einem immer tieferen Staunen erkannte er sie in ihrer
unendlichen Mütterlichkeit. Sie sorgte dafür, daß ihren Kindern nichts im
allmütterlichen Bereich ungenossen verborgen blieb: sie waren von ihr nicht
allein mit den Sinnen des Auges, des Ohrs, des Geruches, des Geschmackes und
des Gefühls begabt worden, sondern sie hatte, wie Francesco fühlte, für die
Wandlungen der Äonen noch unzählige, neue Sinne bereit. Was war das für ein
gewaltiges Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Fühlen in der Welt! — Und
eine weißliche Wolke stand über den Fischadlern. Sie glich einem strahlenden
Lustgezelt. Aber auch sie verließ ihren Ort und wurde zusehends im
lebendigsten Wechsel umgewandelt.
Es waren tiefe und mystische Kräfte, die dem Priester Francesco den Star
gestochen hatten. Aber die Folie dieses Erlebnisses war der ihn
uneingestandenermaßen beglückende Umstand, daß er vier köstliche Stunden
vor sich sah, die ein Wiedersehen mit dem armen, verfemten Hirtenmädchen in
sich schlossen. Dieses Bewußtsein machte ihn sicher und reich, als könne die so
kostbar erfüllte Zeit nicht vorübergehen. Dort oben, ja, dort oben, wo die kleine Kapelle stand, über der die Fischadler kreisten, erwartete ihn, wie er meinte, ein
Glück, um das ihn die Engel beneiden mußten. Er stieg und stieg, und der
seligste Eifer beflügelte ihn. Was er dort oben vorhatte, mußte sicherlich eine Art
von Verklärung über ihn ausgießen und ihn in losgelöster Himmelsnähe beinahe
dem guten ewigen Hirten selbst gleich machen. »Sursum corda! Sursum corda!«
Er sprach den Gruß Francisci immer vor sich hin, während die heilige Agathe
neben ihm schritt, jene Märtyrerin, der man das Kapellchen hoch oben geweiht
hatte und die dem Tode durch Henkershand wie einem fröhlichen Tanze
entgegengegangen war. Und hinter ihr und ihm, so kam es Francesco im eifrigen
Steigen vor, folgte ein Zug von heiligen Frauen, die alle dem Liebeswunder auf
dem festlichen Gipfel beiwohnen wollten. Maria selbst schritt, mit köstlich
gelöstem, ambrosischen Haar und lieblichen Füßen, weit vor dem Priester und
seiner Prozession der seliggesprochenen Weiber hin, damit sich unter ihrem
Blick, unter ihrem Hauch, unter ihren Sohlen die Erde festlich für alle mit
Blumen bedecke. »Invoco te! invoco te!« hauchte Francesco in sich verzückt,
»invoco te nostra benigna stella!«
Ohne Ermüdung war der Priester auf dem Gipfel des Bergkegels angelangt, der
kaum breiter war, als es der Grundriß des kleinen dort befindlichen Gotteshauses
erforderte. Er gab noch einem schmalen Rande und einem engen Vorplätzchen
Raum, dessen Mitte von einer jungen, noch blätterlosen Kastanie eingenommen
wurde. Ein Stück des Himmels oder von Mariens blauem Gewand schien um das
Wildkirchlein hingestreut, so hatte der blaue Enzian sich um das Heiligtum
ausgebreitet. Oder man konnte auch meinen, die Spitze des Berges habe sich
einfach in den Azur des Himmels getaucht.
Der Chorknabe und die Geschwister Scarabota waren schon anwesend und
hatten es sich unter der Kastanie bequem gemacht. Francesco erbleichte, denn
seine Blicke waren vergebens, wenn auch nur flüchtig, nach der jungen Hirtin
ausgewesen. Er nahm aber eine strenge Miene an und öffnete mit einem großen,
rostigen Schlüssel die Kapellentür, ohne sich die Enttäuschung und den
bestürzten Kampf seiner Seele merken zu lassen. Er trat in das enge Kirchlein
ein, in dem der Chorknabe alsbald hinter dem Altar einiges für die Zelebrierung
der Messe vorbereitete. Aus einer mitgebrachten Flasche ward etwas
Weihwasser in das ausgetrocknete Becken getan, in das die Geschwister nun ihre
harten und sündigen Finger tauchen konnten. Sie besprengten und bekreuzigten
sich und ließen sich mit scheuer Ehrfurcht gleich hinter der Türschwelle auf die
Knie nieder.
Indessen begab sich Francesco, getrieben von Unruhe, nochmals ins Freie hinaus, wo er mit einer plötzlichen stummen und tiefen Erschütterung, nach
einigem Umherschreiten, etwas unterhalb der Plattform des Gipfels das
Mädchen, das er suchte, über einem Sternenhimmel leuchtend blauen Enzianes
ruhend fand. — »Komm herein, ich warte auf dich«, rief der Priester. Sie erhob
sich, anscheinend träge und sah ihn unter gesenkten Wimpern mit einem ruhigen
Blicke an. Dabei schien sie in lieblicher Weichheit leise zu lächeln, was aber nur
mit der natürlichen Bildung des süßen Mundes, mit dem lieblichen Leuchten der
blauen Augen und den zarten Grübchen der vollen Wangen zusammenhing.
In diesem Augenblick vollzog sich die schicksalsschwere Erneuerung und
Vervollkommnung des Bildes, das Francesco in seiner Seele gehegt hatte. Er sah
ein kindlich unschuldvolles Madonnengesicht, dessen verwirrender Liebreiz mit
einer ganz leisen, schmerzlichen Herbheit verbunden war. Die etwas starke Röte
der Wangen ruhte auf einer weißen, nicht braunen Haut, aus der die feuchte Röte
der Lippen mit der Glut des Granatapfels leuchtete. Jeder Zug in der Musik
dieses kindlichen Hauptes war zugleich Süße und Bitterkeit, Schwermut und
Heiterkeit. In seinem Blick lag schüchternes Zurückweichen und zugleich ein
zärtliches Fordern: beides nicht mit der Heftigkeit tierischer Regungen, sondern
unbewußt blumenhaft. Schienen die Augen das Rätsel und das Märchen der
Blume in sich zu schließen, so glich die ganze Erscheinung des Mädchens
vielmehr einer schönen und reifen Frucht. Dieses Haupt, wie Francesco bei sich
mit Verwunderung feststellte, gehörte noch ganz einem Kinde an, soweit sich
darin die Seele ausdrückte, nur eine gewisse traubenhaft schwellende Fülle
deutete auf die überschrittene Grenze des Kindesalters und auf die erreichte
Bestimmung des Weibes hin. Das teils erdfarbenbraune, teils von lichteren
Strähnen durchzogene Haar war in schwerer Krone um Schläfe und Stirn
gebunden. Etwas von schwerer, etwas von innerlich gährender, edelreifer
Schläfrigkeit schien die Wimper des Mädchens niederzuziehen und gab ihren
Augen eine gewisse feuchte, überdrängende Zärtlichkeit. Aber die Musik des
Hauptes ging unterhalb des elfenbeinernen Halses in eine andere über, deren
ewige Noten einen anderen Sinn ausdrücken. Mit den Schultern begann das
Weib. Es war ein Weib von jugendlicher und reifer Fülle, das beinahe zur
Überfülle neigte und das nicht zu dem kindlichen Haupte zu gehören schien. Die
nackten Füße und starken gebräunten Waden trugen eine fruchthafte Fülle, die
fast, wie dem Priester dünkte, zu schwer für sie war. Dieses Haupt besaß das
sinnenheiße Mysterium seines isishaften Körpers unbewußt, höchstens leise
ahndevoll. Aber gerade darum erkannte Francesco, daß er diesem Haupte und
diesem allmächtigen Leibe rettungslos auf Tod und Leben verfallen war.
Was nun aber auch der Jüngling im Augenblick des Wiedersehens mit dem durch
Erbsünde so schwer belasteten Gottesgeschöpf alles erblickte, erkannte und
empfand, außer daß seine Lippen ein wenig zuckten, konnte man ihm deswegen
nichts anmerken. »Wie heißt du eigentlich?« fragte er nur die sündenerfüllte
Sündlose. Die Hirtin nannte sich Agata und tat dies mit einer Stimme, die
Francesco wie das Lachen einer paradiesischen Lachtaube dünkte. »Kannst du
schreiben und lesen?« fragte er. Sie erwiderte: »Nein!« »Weißt du etwas von der
Bedeutung des heiligen Meßopfers?« Sie sah ihn an und antwortete nicht. Da
gebot er ihr in das Kirchlein zu treten und begab sich selbst vor ihr hinein. Hinter
dem Altar half ihm der Knabe in das Meßgewand, Francesco setzte sich das
Barett aufs Haupt, und die heilige Handlung konnte beginnen: nie hatte sich der
junge Mensch dabei, wie jetzt, von einer so feierlichen Inbrunst durchdrungen
gefühlt.
Ihm kam es vor, als wenn ihn der allgütige Gott erst jetzt zu seinem Diener
berufen hätte. Der Weg priesterlicher Weihen, den er zurückgelegt hatte, schien
ihm jetzt nicht mehr, als eine trockene, inhaltlose und trügerische Übereilung zu
sein, die mit dem wahrhaft Göttlichen nichts gemein hatte. Nun aber war die
göttliche Stunde, die heilige Zeit in ihm angebrochen. Die Liebe des Heilands
war wie ein himmlischer Feuerregen, in dem er stand, und durch den alle Liebe
seines eigenen Innern plötzlich befreit und entflammt wurde. Mit unendlicher
Liebe weitete sich sein Herz in die ganze Schöpfung hinein und ward mit allen
Geschöpfen im gleichen, entzückten Pulsschlag verbunden. Aus diesem Rausch,
der ihn fast betäubte, brach das Mitleid mit aller Kreatur, brach der Eifer für das
Göttlichgute mit verdoppelter Kraft hervor, und er glaubte nun erst die heilige
Mutterkirche und ihren Dienst ganz zu verstehen. Er wollte nun mit einem ganz
anderen, erneuten Eifer ihr Diener werden.
Und wie hatte ihm nicht der Weg, der Aufstieg zu diesem Gipfel, das Geheimnis
erschlossen, nach dessen Sinn er Agata gefragt hatte. Ihr Schweigen, vor dem er
selber stumm geworden war, bedeutete ihm, ohne daß er es merken ließ,
gemeinsames Wissen durch Offenbarung, die ihnen beiden nun widerfahren war.
War nicht die ewige Mutter der Inbegriff aller Wandlungen und hatte er nicht die
verwahrlosten und im Finsteren tappenden, verlorenen Gotteskinder auf diesen
überirdischen Gipfel gelockt, um ihnen das Wandlungswunder des Sohnes, das
ewige Fleisch und Blut der Gottheit zu weisen? So stand der Jüngling und hob
den Kelch, mit überströmenden Augen, voll Freudigkeit. Es kam ihm vor, als ob
er selber zum Gott würde. In diesem Zustand der Auserwählten, des heiligen
Werkzeugs, den er empfand, fühlte er sich mit unsichtbaren Organen in alle Himmel hineinwachsen, in einem Gefühl von Freude und Allgewalt, das ihn, wie
er glaubte, über das ganze wimmelnde Gezücht der Kirchen und ihrer Pfaffheit
unendlich erhob. Sie sollten ihn sehen, die Augen zu ihm in die schwindelnde
Höhe seines Altars, auf dem er stand, mit staunender Ehrfurcht emporrichten.
Denn er stand auf dem Altar in einem ganz anderen und höheren Sinne, als Petri
Schlüsselhalter, der Papst, es nach seiner Erwählung tut. Krampfhaft verzückt
hielt er den Kelch der Eucharistia und der Wandlungen, als ein Symbol des ewig
sich neu gebärenden Gottesleibes der ganzen Schöpfung in die Unendlichkeit
des Raums, wo es wie eine zweite, hellere Sonne leuchtete. Und während er
seines Erachtens eine Ewigkeit, in Wirklichkeit zwei oder drei Sekunden,
dastand mit dem erhobenen Heiligtum, kam es ihm vor, als ob der Zuckerhut von
Sant Agatha von unten bis oben mit lauschenden Engeln, Heiligen und Aposteln
bedeckt wäre. Allein beinahe noch herrlicher schien ihm ein dumpfer Paukenlaut
und ein Reigen schön gekleideter Frauen, der sich, verbunden mit
Blumengewinden, klar durch die Mauern sichtbar, rund um die kleine Kapelle
bewegte. Dahinter drehten sich in verzückter Raserei die Mänaden des
Sarkophags, tanzten und hüpften die ziegenfüßigen Satyrn, deren einige das
hölzerne Fruchtbarkeitssymbol des Luchino Scarabota in fröhlicher Prozession
umhertrugen.
Der Abstieg nach Soana brachte Francesco eine grüblerische Ernüchterung, wie
jemandem, der die letzte Hefe aus dem Becher des Rausches getrunken hat. Die
Familie Scarabota war nach der Messe davongegangen: Bruder, Schwester und
Tochter hatten beim Abschied dankbar die Hand des jungen Priesters geküßt.
Wie er nun mehr und mehr in die Tiefe stieg, wurde ihm ebenso mehr und mehr
der Zustand seiner Seele verdächtig, in dem er dort oben die Messe gelesen
hatte. Auch der Gipfel von Sant Agatha war sicherlich früher eine irgendeinem
Abgott geweihte, heidnische Kultstätte, was ihn da oben scheinbar mit dem
Brausen des heiligen Geistes ergriffen hatte, vielleicht dämonische Einwirkung
jener entthronten Theokratie, die Jesus Christus gestürzt hatte, deren
verderbliche Macht aber vom Schöpfer und Lenker der Welt immer noch
zugelassen war. In Soana und in seinem Pfarrhause angelangt, hatte das
Bewußtsein, sich einer schweren Sünde schuldig gemacht zu haben, den Priester
ganz eingenommen, und seine Ängste deswegen wurden so hart, daß er noch vor
dem Mittagessen die Kirche betrat, die Wand an Wand mit seiner Wohnung lag, um sich in heißen Gebeten dem höchsten Mittler anzuvertrauen und womöglich
in seiner Gnade zu reinigen.
In einer deutlich gefühlten Hilflosigkeit bat er Gott, ihn den Angriffen der
Dämonen nicht auszuliefern. Er spüre sehr wohl, so bekannte er, wie sie sein
Wesen auf allerlei Weise angriffen, jenachdem einengten oder über seine
bisherigen, heilsamen Grenzen ausdehnten und in erschrecklicher Weise
verwandelten. »Ich war ein sorgsam angebautes, kleines Gärtlein zu deiner
Ehre,« sagte Francesco zu Gott. »Nun ist es in einer Sintflut ertrunken, die
vielleicht durch Einflüsse der Planeten steigt und steigt, und auf deren uferlosen
Fluten ich in einem winzigen Kahne umhertreibe. Früher wußte ich genau
meinen Weg. Es war derselbe, den deine heilige Kirche ihren Dienern
vorzeichnet. Jetzt werde ich mehr getrieben, als daß ich des Zieles und des
Weges sicher bin.
Gib mir,« flehte Francesco, »meine bisherige Enge und meine Sicherheit und
gebiete den bösen Engeln, sie mögen davon ablassen, ihre gefährlichen
Anschläge gegen deinen hilflosen Diener zu richten. Führe, o führe uns nicht in
Versuchung. Ich bin zu den armen Sündern hinaufgestiegen in Deinem Dienst,
mache, daß ich mich in den festbeschränkten Kreis meiner heiligen Pflichten
zurückfinde.«
Francescos Gebete hatten nicht mehr die einstige Klarheit und Übersicht. Er bat
um Dinge, die einander ausschlossen. Er ward mitunter selbst zweifelhaft, ob der
Strom der Leidenschaft, der seine Bitten trug, vom Himmel oder aus einer
anderen Quelle stamme. Das heißt: er wußte nicht recht, ob er nicht etwa den
Himmel im Grunde um ein höllisches Gut anflehe. Es mochte christlichem
Mitleid und priesterlicher Sorge entsprungen sein, wenn er die Geschwister
Scarabota in sein Gebet einbezog. Verhielt es sich aber ebenso, wenn er
inbrünstig bis zu glühenden Tränen den Himmel um die Rettung Agatas
anflehte?
Auf diese Frage konnte er einstweilen noch mit Ja antworten, denn die deutliche
Regung des mächtigsten Triebes, die er beim Wiedersehen des Mädchens
gespürt hatte, war in eine schwärmerische Empfindung für etwas unendlich
Reines übergegangen. Diese Verwandlung war die Ursache, daß Francesco nicht
merkte, wie sich die Frucht der Todsünde anstelle Mariens, der Mutter Gottes,
eindrängte und für seine Gebete und Gedanken gleichsam die Inkarnation der
Madonna war. Am ersten Mai begann in der Kirche von Soana, wie überall, ein
besonderer Mariendienst, dessen Wahrnehmung die Wachsamkeit des jungen Priesters noch besonders einschläferte. Immer, Tag für Tag, gegen die Zeit der
Abenddämmerung, hielt er, hauptsächlich vor den Frauen und Töchtern Soanas,
einen kleinen Diskurs, der die Tugenden der gebenedeiten Jungfrau zum
Gegenstand hatte. Vorher und nachher erscholl das Schiff der Kirche, bei offener
Tür, in den Frühling hinaus, zu Ehren Mariens von Lobgesang. Und in die alten,
köstlichen, nach Text und Musik so lieblichen Weisen, mischte sich von außen
fröhlicher Spatzenlärm und aus den nahen, feuchten Schluchten die süßeste
Klage der Nachtigall. In solchen Minuten war Francesco, scheinbar im Dienste
Mariens, dem Dienste seines Idols ganz hingegeben.
Hätten die Mütter und Töchter Soanas geahnt, daß sie in den Augen des Priesters
eine Gemeinschaft bildeten, die er Tag für Tag zur Verherrlichung dieser
verhaßten Sündenfrucht in die Kirche zog, oder darum, um sich auf den
andachtsvollen Klängen des Marien-Gesanges zu der fern und hoch am Felsen
klebenden, kleinen Alm emportragen zu lassen, man würde ihn sicher gesteinigt
haben, so aber schien es, als wüchse mit jedem Tag vor den staunenden Augen
der ganzen Gemeinde des jungen Klerikers Frömmigkeit. Nach und nach wurde
alt und jung, reich und arm, kurz jedermann, vom Sindaco bis zum Bettler, vom
Kirchlichsten bis zum Gleichgültigsten, in den heiligen Maienrausch Francescos
hineingezogen.
Sogar die langen einsamen Wege, die er nun öfters unternahm, wurden
zugunsten des jungen Heiligen ausgelegt. Und doch wurden sie nur
unternommen in der Hoffnung, daß ein Zufall ihm einmal bei solcher
Gelegenheit Agata in den Wurf führen könne. Denn er hatte bis zum nächsten,
besonderen Gottesdienst für die Familie Scarabota in seiner Scheu, sich zu
verraten, einen Zwischenraum von mehr als acht Tagen angesetzt, der ihm jetzt
unerträglich lang wurde.
Noch immer sprach die Natur in jener aufgeschlossenen Weise zu ihm, die er
zuerst auf dem Gange nach Sant Agatha, auf der Höhe des kleinen Heiligtums
wahrgenommen hatte. Jeder Grashalm, jede Blume, jeder Baum, jedes Wein-
und Epheublatt waren nur Worte einer aus dem Urgrund des Seins aufklingenden
Sprache, die, in tiefster Stille selbst, mit gewaltigem Brausen redete. Nie hatte
eine Musik so sein ganzes Wesen durchdrungen und, wie er meinte, mit heiligem
Geist erfüllt.
Francesco hatte den tiefen, ruhigen Schlaf seiner Nächte eingebüßt. Der
mystische Weckruf, der ihn getroffen hatte, schien sozusagen den Tod getötet
und seinen Bruder, den Schlaf, verbannt zu haben. Jede dieser von überall
quellendem Leben durchpulsten Schöpfungsnächte ward für Francescos jungen
Körper zur heiligen Offenbarungszeit: so zwar, daß es ihm manchmal zumute
war, als ob er den letzten Schleier vom Geheimnis der Gottheit fallen fühlte. Oft,
wenn er aus heißen Träumen, die beinahe ein Wachen darstellten, in das Wachen
der Sinne überging, draußen der Fall von Soana doppelt so laut, als am Tage
rauschte, der Mond mit den Finsternissen der mächtigen Klüfte kämpfte und
schwarzes Gewölk, gigantisch murrend, die höchsten Spitzen des Generoso
verdüsterte, zitterte Francescos Leib von Gebeten, inbrünstig, wie nie zuvor, und
ähnlich, wie wenn ein durstiger Stamm, dessen Wipfel der Frühlingsregen tränkt,
im Winde erschauert. In diesem Zustande rang er voll Sehnsucht mit Gott, ihn in
das heilige Schöpfungswunder, wie in den brennenden Kern des Lebens,
einzuweihen, in dieses allerheiligste, innerste Etwas, das von dort aus alles
Dasein durchdringt. Er sprach: »Von dort, o du mein allmächtiger Gott, dringt
dein stärkstes Licht! von diesem in nie zu erschöpfenden Feuerwellen
strömenden Kern verbreitet sich alle Wonne des Daseins und das Geheimnis der
tiefsten Lust. Lege mir nicht eine fertige Schöpfung in den Schoß, o Gott,
sondern mache mich zum Mitschöpfer. Laß mich teilnehmen an deinem nie
unterbrochenen Schöpfungswerk; denn nur dadurch, und durch nichts anderes,
vermag ich auch deines Paradieses teilhaft zu werden.« Unbekleidet lief
Francesco, um die Glut seiner Glieder zu kühlen, im Zimmer bei weitgeöffnetem
Fenster umher und ließ die Nachtluft um seinen Leib fluten. Dabei kam es ihm
vor, als ruhe das schwarze Gewitter über dem riesenhaften Felsrücken des
Generoso, wie ein ungeheurer Stier über einer Ferse ruht, schnaube Regen aus
seinen Nüstern, murre, schieße zuckende Blitze aus düster flammenden Augen
und übe mit keuchender Flanke das zeugende Werk der Fruchtbarkeit.
Vorstellungen wie diese waren durchaus heidnischer Art, und der Priester wußte
es, ohne daß es ihn jetzt beunruhigte. Er war allbereits zu sehr in die allgemeine
Betäubung drängender Frühlingskräfte versunken. Der narkotische Brodem, der
ihn erfüllte, löste die Grenzen seiner engen Persönlichkeit und weitete ihn ins
Allgemeine. Überall wurden Götter geboren in der frühen, toten Natur. Und auch
die Tiefen von Francescos Seele erschlossen sich und sandten Bilder herauf von
Dingen, die im Abgrund der Jahrmillionen versunken lagen.
In einer Nacht hatte er, im Zustande halben Wachens, einen schweren und in
seiner Art furchtbaren Traum, der ihn in eine grausige Andacht versenkte. Er ward gleichsam zum Zeugen eines Mysteriums, das eine schreckliche Fremdheit
und zugleich etwas, wie Weihungen einer uralten, unwiderstehlichen Macht
ausatmete. Irgendwo versteckt in den Felsen des Monte Generoso schienen
Klöster gelegen zu sein, aus denen herab gefährliche Steige und Felstreppchen in
unzugängliche Höhlen führten. Diese Felssteige klommen in feierlichem Zuge,
einer hinter dem anderen, bärtige Männer und Greise in braunen Kutten herab,
die aber in der Versunkenheit ihrer Bewegungen, sowie in der Entrücktheit ihrer
Gesichter schauerlich wirkten und zur Ausübung eines schrecklichen Kultes
verdammt schienen. Diese beinahe riesenhaften und wilden Gestalten waren auf
eine beklemmende Weise ehrwürdig. Sie kamen hochaufgerichtet herab, mit
gewaltig verwilderten, buschigen Häuptern, an denen sich Haupt- und Barthaar
vermischte. Und diesen Vollstreckern eines unbarmherzigen und tierischen
Dienstes folgten Weiber nach, die nur von den mächtigen Wogen ihres Haars,
wie von schweren, goldenen oder schwarzen Mänteln bedeckt waren. Während
das Joch des furchtbaren Triebs die wortlos abwärtssteigenden Traumeremiten
starr und besinnungslos gefangen hielt, lag eine Demut über den Weibern,
gleichwie über Opfertieren, die sich selber einer schrecklichen Gottheit
darbringen. In den Augen der Mönche lag stille, besinnungslose Wut, als wenn
der giftige Biß eines tollen Tiers sie verwundet und ihnen einen Wahnwitz ins
Blut gesetzt hätte, dessen rasender Ausbruch zu erwarten war. Auf den Stirnen
der Weiber, in ihren andächtig fromm gesenkten Wimpern lag eine erhabene
Feierlichkeit.
Endlich hatten die Anachoreten des Generoso sich, wie lebende Götzen,
vereinzelt in flache Höhlen der Felswand gestellt, und es begann ein ebenso
häßlicher, als erhabener Phallusdienst. So scheußlich er war — und Francesco
erschrak in der tiefsten Seele — so schauerlich war er in seinem tödlichen Ernst
und seiner bangen Heiligkeit. Mächtige Eulen revierten mit durchdringendem
Schrei an den Felswänden, beim Sturze des Wasserfalls und im magischen
Lichte des Monds; aber die gewaltigen Rufe der großen Nachtvögel wurden von
den herzerstarrenden Schmerzensschreien der Priesterinnen übertönt, die an den
Qualen der Lust dahinstarben.
Der Tag des Gottesdienstes für die armen, verfemten Sennhirten war endlich
wieder herangekommen. Er glich schon am Morgen, als der Priester Francesco
Vela sich erhob, keinem unter allen früheren, die er jemals erlebt hatte. So springen im Leben jedes bevorzugten Menschen unerwartet und ungerufen Tage,
wie blendende Offenbarungen auf. Der Jüngling hatte an diesem Morgen nicht
den Wunsch, weder ein Heiliger, noch ein Erzengel, noch selbst ein Gott zu sein.
Vielmehr beschlich ihn leise Furcht, Heilige, Erzengel und Götter möchte der
Neid ihm zu Feinden machen; denn er kam sich an diesem Morgen über Heilige,
Engel und Götter erhaben vor. Aber oben auf Sant Agatha wartete seiner eine
Enttäuschung. Sein Idol, das den Namen der Heiligen trug, hatte sich von dem
Kirchgang ausgeschlossen. Von dem erbleichenden Priester gefragt, brachte der
rauhe, vertierte Vater nur rauhe, vertierte Laute heraus, während die Gattin, die
zugleich seine Schwester war, die Tochter mit häuslicher Arbeit entschuldigte.
Hierauf ward die heilige Funktion durch Francesco auf eine so teilnahmslose
Weise erledigt, daß er am Schlusse der Messe nicht recht wußte, ob er sie schon
begonnen habe. Im Innern durchlebte er Höllenpein, ja, solche Zustände, die,
einem wirklichen Höllensturz vergleichbar, aus ihm einen armen Verdammten
machten.
Nachdem er den Ministranten zugleich mit den Geschwistern Scarabota
entlassen hatte, stieg er, noch immer vollkommen fassungslos, an irgendeiner
Seite des steilen Kegels bergab, ohne sich eines Zieles, noch weniger irgendeiner
Gefahr bewußt zu sein. Wieder hörte er Rufe hochzeitlich kreisender Fischadler.
Aber sie klangen ihm wie Hohn, der sich aus trügerisch leuchtendem Äther
herabschüttete. Im Geröll eines trockenen Wasserlaufs rutschte er keuchend und
springend ab, während er wirre Gebete und Flüche wimmerte. Er fühlte Foltern
der Eifersucht. Obgleich etwas Weiteres nicht geschehen war, als daß die
Sünderin Agatha durch irgendetwas auf der Alpe von Santa Croce festgehalten
wurde, erschien es dem Priester ausgemacht, daß sie einen Buhlen besaß und die
der Kirche gestohlene Zeit in seinen verruchten Armen zubrachte. Während ihm
durch ihr Fernbleiben mit einem Schlage die Größe seiner Abhängigkeit zum
Bewußtsein kam, fühlte er abwechselnd Angst, Bestürzung und Wut, den Drang,
sie zu strafen und um Rettung aus seiner Not, das heißt um Gegenliebe, zu
betteln. Er hatte den Stolz des Priesters noch keineswegs abgestreift: es ist dies
der wildeste und unbeugsamste! und dieser Stolz war aufs tiefste verletzt
worden. Für ihn war das Ausbleiben Agatas dreifache Demütigung. Die
Sünderin hatte den Mann an sich, den Diener Gottes und den Geber des
Sakramentes verworfen. Der Mann, der Priester, der Heilige wand sich in
Krämpfen getretener Eitelkeit und schäumte, wenn er des bestialischen Kerls,
Hirt oder Holzknecht, gedachte, den sie inzwischen wahrscheinlich ihm vorzog.
Mit zerrissener und bestaubter Soutane, beschundenen Händen und zerkratztem Gesicht gelangte Francesco nach einigen Stunden wilden und irren
Umherkletterns, Schlucht ab, Schlucht auf, zwischen Ginstergebüsch, über
brausendes Bergwasser, in eine Gegend des Generoso, wo Herdengeläut sein
Ohr berührte. Welchen Ort er somit erreicht hatte, war ihm nicht einen
Augenblick zweifelhaft. Er blickte auf das verlassene Soana hinunter, auf seine
Kirche, die bei heller Sonne deutlich zu sehen war, und erkannte die Menge, die
nun vergeblich dem Heiligtum zuströmte. Jetzt eben hätte er sollen das
Meßgewand in der Sakristei übertun. Aber er hätte viel eher ein Seil um die
Sonne legen und diese herabziehen können, als daß es ihm möglich gewesen
wäre, die unsichtbaren Fesseln zu zerreißen, die ihn gewaltsam nach der Alpe
zogen.
Eben wollte den jungen Pfarrer etwas, wie Selbstbesinnung anwandeln, als ein
duftender Rauch, von der frischen Bergluft getragen, ihm in die Nase stieg.
Unwillkürlich forschend umherblickend, bemerkte er nicht sehr fern eine
sitzende Mannesgestalt, die ein Feuerchen zu behüten schien, an dessen Rand
ein blechernes Gefäß, wahrscheinlich gefüllt mit einer Minestra, dampfte. Der
Sitzende sah den Priester nicht, denn er hatte ihm seinen Rücken zugekehrt. So
konnte der Priester wiederum nur einen runden, beinahe weißwolligen Kopf,
einen starken und braunen Nacken unterscheiden, während Schulter und Rücken
von einer durch Alter, Wetter und Wind erdfarbgewordenen Jacke bedeckt
waren, die nur lose darüber hing. Der Bauer, Hirt oder Holzfäller, was er nun
sein mochte, saß, gegen das Feuerchen hingebeugt, dessen kaum sichtbare
Flammen vom Berghauch gedrückt, wagrecht an der Erde hinzüngelten und
Rauchschwaden flachhin aussendeten. Er war augenscheinlich in eine Arbeit
vertieft, eine Schnitzelei, wie sich bald herausstellte, und schwieg zumeist, wie
jemand, der bei dem, was er gerade tut, Gott und die Welt vergessen hat. Als
Francesco, aus irgendeinem Grunde ängstlich jede Bewegung vermeidend,
längere Zeit gestanden hatte, fing der Mann oder Bursche am Feuer leise zu
pfeifen an, und einmal ins Musizieren gekommen, schickte er plötzlich aus
melodischer Kehle abgerissene Stücke irgendeines Liedes in die Luft.
Das Herz Francescos pochte gewaltig. Es war nicht deshalb, weil er so heftig
schluchtab, schluchtauf gestiegen war, sondern aus Gründen, die teils aus der
Sonderbarkeit seiner Lage, teils von dem eigentümlichen Eindruck herrührten,
den die Nähe des Menschen am Feuer in ihm hervorbrachte. Dieser braune Nacken, dieses krause, gelblichweiße Gelock des Kopfes, die jugendlich
strotzende Körperlichkeit, die man unter dem schäbigen Umhang ahnte, das
spürbar freie und wunschlose Behagen des Bergbewohners: alles zusammen ging
blitzartig in Francescos Seele eine Beziehung ein, in der seine krankhafte und
gegenstandslose Eifersucht noch qualvoller aufloderte.
Francesco schritt auf das Feuer zu. Es wäre ihm doch nicht gelungen, verborgen
zu bleiben; und er war überdies von unwiderstehlichen Kräften angezogen. Da
wandte sich der Bergmensch herum, zeigte ein Antlitz voll Jugend und Kraft,
wie es ähnlich der Priester noch niemals gesehen hatte, sprang auf und blickte
den Kommenden an.
Es war Francesco nun klar, daß er es mit einem Hirten zu tun hatte, da die
Schnitzelei, die jener verfertigte, eine Schleuder war. Er bewachte die braun und
schwarz gefleckten Rinder, die, da und dort sichtbar, im ganzen entfernt und
versteckt, zwischen Gestein und Gesträuch herumkletterten, nur durch das
Geläute verraten, die der Stier und eine und die andere Kuh am Halse trug. Er
war ein Christ: und was hätte er zwischen allen diesen Bergkapellen und
Madonnenbildern der Gegend auch anderes sein sollen? Aber er schien auch ein
ganz besonders ergebener Sohn der heiligen Kirche zu sein, denn er küßte,
sogleich das Gewand des Priesters erkennend, Francesco mit scheuer Inbrunst
und Demut die Hand.
Sonst aber, wie dieser sogleich erkannte, hatte er mit den übrigen Kindern der
Parochie keine Ähnlichkeit. Er war stärker und untersetzter gebaut, seine
Muskeln hatten etwas Athletisches, sein Auge schien aus dem blauen See in der
Tiefe genommen zu sein und an Weitblick dem der braunen Fischadler gleich,
die, wie immer, hoch um Sant Agatha kreisten. Seine Stirn war niedrig, die
Lippen wulstig und feucht, sein Blick und Lächeln von derber Offenheit.
Verstecktes und Lauerndes, wie es manchem Südländer eigen ist, war ihm nicht
anzumerken. Von alledem gab sich Francesco, Auge in Auge mit dem blonden