Der Ketzer von Soana
Die Erzählung des Berghirten
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.
jungen Adam des Monte Generoso, Rechenschaft und gestand sich, daß er einen
so urwüchsig schönen Lümmel noch nicht gesehen hatte.
Um den wahren Grund seines Kommens zu verbergen und sein Erscheinen
zugleich verständlich zu machen, log er, daß er einem Sterbenden das Sakrament
in einer entlegenen Hütte gereicht und dann den Heimweg ohne seine
Ministranten angetreten habe. Dabei habe er sich verirrt, sei abgeglitten und
abgerutscht und wünsche nun auf den rechten Weg gewiesen zu sein, nachdem er
sich ein wenig geruht habe. Diese Lüge glaubte der Hirt. Mit derbem Lachen und seine gesunden Zahnreihen zeigend, aber doch mit Verlegenheit, begleitete
er die Erzählung des Geistlichen und machte ihm einen Sitz zurecht, die Jacke
von seinen Schultern werfend und über den Wegrand am Feuer ausbreitend.
Hierbei wurden seine braunen und blanken Schultern, ja, der ganze Oberkörper
bis zum Gürtel entblößt, und es zeigte sich, daß er ein Hemd nicht anhatte.
Mit diesem Naturkinde ein Gespräch anzufangen, hatte beträchtliche
Schwierigkeiten. Es schien ihm peinlich, mit dem geistlichen Herrn allein zu
sein. Nachdem er eine Weile kniend ins Feuer geblasen, Reisig dazu getan, ab
und zu den Deckel des Kochgeschirrs gelüftet und dazu Worte in einer
unverständlichen Mundart gesprochen hatte, stieß er urplötzlich einen
gewaltigen Juchzer aus, der von den Felsbastionen des Generoso zurück und in
vielfachem Echo widerhallte.
Kaum daß dieses Echo verklungen war, so hörte man etwas mit lautem
Kreischen und Gelächter sich annähern. Es waren verschiedene Stimmen, die
Stimmen von Kindern, von denen sich eine abwechselnd lachende und nach
Hilfe rufende, weibliche Stimme unterschied. Beim Klang dieser Stimme fühlte
Francesco seine Arme und Füße absterben, und es war ihm zugleich, als ob sich
eine Macht ankündige, die, verglichen mit der, die sein natürliches Dasein
hervorgebracht hatte, das Geheimnis des wahren, des wirklichen Lebens enthielt.
Francesco brannte wie der Dornbusch des Herrn, aber äußerlich war ihm nichts
anzumerken. Während sein Inneres sekundenlang ohne Besinnung war, fühlte er
eine unbekannte Befreiung und zugleich eine ebenso süße, als rettungslose
Gefangenschaft.
Inzwischen hatten sich die von Gelächter erstickten, weiblichen Notrufe
angenähert, bis an der Wendung eines abschüssigen Steiges ein ebenso
unschuldiges, als freilich auch ungewöhnliches, bukolisches Bild sichtbar ward.
Ebenderselbe scheckige Ziegenbock, der den Priester Francesco bei seinem
ersten Besuch auf der Alm belästigt hatte, führte, prustend und widerspenstig,
einen kleinen Bacchantenzug, wobei er, von lärmenden Kindern verfolgt, die
einzige Bacchantin des Trupps rittlings auf seinem Rücken trug. Das schöne
Mädchen, das Francesco, wie er glaubte, zum ersten Male erblickte, hielt die
gewundenen Hörner des Bockes kräftig gefaßt, so stark sie sich aber nach
rückwärts bog, den Hals des Tieres mit sich reißend, vermochte sie doch nicht,
weder es zum Stillstand zu zwingen, noch von seinem Rücken herunterzusteigen. Irgendein Spaß, den sie den Kindern zuliebe vielleicht
unternommen haben mochte, hatte das Mädchen in diese hilflose Lage gebracht,
wie sie, nicht eigentlich sitzend, sondern zu beiden Seiten des ungeeigneten
Reittieres mit nackten Füßen die Erde berührend, weniger getragen ward, als
schritt und doch, ohne einen Fall zu tun, von dem ungebärdigen, feurigen Bock
nicht los konnte. So hatte sich ihr Haar gelöst, die Tragbänder ihres groben
Hemdes waren von den Schultern geglitten, so daß eine köstliche Halbkugel
sichtbar ward, und die so wie so kaum bis zur Wade reichenden Röckchen der
Hirtin langten jetzt noch weniger zu, ihre üppigen Knie zu bedecken.
Es dauerte eine geraume Zeit, bevor der Priester sich bewußt wurde, wer
eigentlich die Bacchantin war, und daß er in ihr den lechzend gesuchten
Gegenstand seiner marternden Sehnsucht vor sich hatte. Die Schreie des
Mädchens, ihr Lachen, ihre unfreiwillig wilden Bewegungen, ihr fesselloses,
fliegendes Haar, der geöffnete Mund, die hoch und stoßweis atmende Brust, die
ganze gleichsam erzwungene und doch freiwillige Tollkühnheit des übermütigen
Ritts, hatten sie äußerlich ganz verändert. Eine rosige Glut überzog ihr Gesicht
und mischte Lust und Angst mit Schamhaftigkeit, die sich drollig und lieblich
ausdrückte, wenn etwa blitzschnell eine der Hände vom Horne des Bockes fort
nach dem gefährlich verschobenen Rocksaum fuhr.
Francesco war gebannt und dem Bilde verfallen, als wäre es mit der Kraft zu
lähmen begabt. Es erschien ihm schön, auf eine Art, die ihm nicht im
entferntesten die naheliegende Ähnlichkeit mit einem Hexenritt in Erinnerung
brachte. Dagegen belebten sich seine antikischen Eindrücke. Er gedachte des
marmornen Sarkophags, der, immer von klarem Bergwasser überfließend, am
Dorfplatze in Soana stand, und dessen Bildnerei er jüngst studiert hatte. War es
nicht so, als hätte diese steinerne und doch so lebendige Welt des bekränzten
Weingotts, der tanzenden Satyrn, der panthergezogenen Triumphwagen, der
Flötenspielerinnen und Bacchantinnen, sich in die steinernen Ödeneien des
Generoso versteckt, und als wäre plötzlich eine der gottbegeisterten Weiber, von
dem rasenden Bergkult der Mänaden abgesprengt, überraschend ins
Gegenwartleben getreten.
Hatte Francesco nicht sogleich Agata, so hatte dafür der Bock den Priester sofort
erkannt: weshalb er ihm seine vergeblich schreiende und widerstrebende Last
geradeswegs zuschleppte, und indem er, ganz ohne Umstände, mit seinen beiden
gespaltenen Vorderhufen auf den Schoß des Priesters trat, bewirkte er, daß seine
Reiterin, endlich erlöst, von seinem Rücken langsam herunterglitt.
Nachdem das Mädchen begriffen hatte, daß ein Fremder zugegen war, und als
sie nun gar in diesem Fremden Francesco erkannte, versiegte ganz plötzlich ihr
Lachen und ihre Munterkeit, und ihr Antlitz, das noch eben vor Lust geglänzt
hatte, nahm eine gleichsam trotzige Blässe an.
»Warum bist du heut nicht zur Kirche gekommen?« Francesco tat diese Frage,
sich erhebend, in einem Ton und mit einem Ausdruck seines bleichen Gesichts,
den man als einen zornigen deuten mußte, obgleich er eine andere Erregung des
Gemütes als Ursache hatte. Sei es, weil er diese Erregung verstecken wollte,
oder aus Verlegenheit, ja Hilflosigkeit, oder weil wirklich der Seelsorger in ihm
in Entrüstung geriet: der Zorn nahm zu und trat in einer Weise hervor, der den
Hirten befremdet aufblicken machte, dem Mädchen aber nacheinander die Röte
und Blässe der Bestürzung und Scham ins Antlitz trieb.
Aber während Francesco sprach und mit Worten strafte — Worten, die ihm
geläufig waren, ohne daß seine Seele in ihnen zu sein brauchte, war es in seinem
Inneren still, und während die Adern seiner alabasternen Stirn aufschwollen,
empfand er die Wonnen einer Erlösung. Die noch eben empfundene, tiefste
Lebensnot war in Reichtum verwandelt, der marternde Hunger in Sättigung, die
noch eben verfluchte, infernalische Welt troff jetzt vom Glanze des Paradieses.
Und indem sich die Wollust seines Zornes stärker und stärker ergoß, wurde sie
selber stärker und stärker. Er hatte den verzweifelten Zustand nicht vergessen, in
dem er soeben gewesen war, aber es jubilierte in ihm, und er mußte ihn segnen
und wieder segnen. Dieser Zustand war ja die Brücke gewesen zur Seligkeit. So
weit war Francesco allbereits in die magischen Kreise der Liebe hineingeraten,
daß die bloße Gegenwart des geliebten Gegenstandes jenen Genuß mit sich
brachte, der mit Glück betäubt und an eine noch so nahe Entbehrung nicht
denken läßt.
Bei alledem fühlte der junge Priester und verbarg sich nicht mehr, welche
Veränderung mit ihm vorgegangen war. Der wahre Zustand seines Wesens war
gleichsam nackt hervorgetreten. Die tolle Jagd, die er hinter sich hatte, er wußte
es wohl, war von der Kirche nicht vorgezeichnet und außerhalb des geheiligten
Wegenetzes, das seinem Wirken deutlich und streng gezogen war. Zum
erstenmale geriet nicht nur sein Fuß, sondern auch seine Seele in die
Weglosigkeit und es kam ihm vor, als wenn er nicht so als Mensch, sondern eher
als ein fallender Stein, ein fallender Tropfen, ein vom Sturme getriebenes Blatt, an die Stelle, auf der er nun stand, gelangt wäre.
Jedes seiner zornigen Worte belehrte Francesco, daß er seiner selbst nicht mehr
mächtig war, hingegen aber gezwungen wurde, um jeden Preis Gewalt über
Agata zu suchen und auszuüben. Er nahm sie mit Worten in Besitz. Je mehr er
sie demütigte, desto voller tönten in ihm die Harfen der Seligkeit. Jeder
Schmerz, den er ihr strafend zufügte, weckte einen Taumel in ihm: es fehlte nicht
viel, ja, wäre der Hirte nicht zugegen gewesen, Francesco wäre, in einem
solchen Taumel, der letzten Beherrschung seiner selbst verlustig gegangen und
hätte, dem Mädchen zu Füßen fallend, den echten Schlag seines Herzens
verraten.
Agata hatte bis diesen Tag, trotzdem sie in dem verrufenen Anwesen groß
geworden war, den Unschuldstand einer Blume bewahrt. Ebensowenig, als der
Bergenzian waren ihre, diesem gleichenden, blauen Augensterne jemals im Tale,
unten am See gesehen worden. Sie hatte den engsten Erfahrungskreis. Doch,
obgleich der Priester für sie eigentlich gar kein Mensch, viel eher ein Ding
zwischen Gott und Mensch, eine Art fremder Zauberer war, erriet sie doch
plötzlich, und bekundete es durch einen erstaunten Blick, was Francesco
verbergen wollte.
Die Kinder hatten den Ziegenbock, über Geröll empor, davongeführt. Dem
Holzknecht war in Gegenwart des Priesters nicht wohl geworden. Er nahm den
Topf vom Feuer und kletterte damit unter vielen Mühen wahrscheinlich zu einem
Kameraden hinauf, der Lasten Reisig an einem unendlich langen Draht über
einen Abgrund zur Tiefe hinab beförderte. Mit einem schleifenden Geräusch zog
jeweilen solch ein dunkles Bündel längs der Felsbastionen dahin, einem braunen
Bären oder dem Schatten eines Riesenvogels nicht unähnlich. Übrigens schien es
zu fliegen, da der Draht nicht sichtbar war. Als nach einem urkräftigen Jodler,
der von den Zinnen und Bastionen des Generoso widerhallte, der Hirt dem
Gesichtskreis entschwunden war, küßte Agata, gleichsam zerknirscht, dem
Priester den Saum des Gewandes und dann die Hand.
Francesco hatte mechanisch über den Scheitel des Mädchens das Zeichen des
Kreuzes gemacht, wobei seine Finger ihr Haar berührt hatten. Nun aber ging ein
krampfhaftes Zittern durch seinen Arm, als ob ein Etwas mit letzter Kraft ein
anderes Etwas in seiner Gewalt behalten wollte. Aber das angespannte,
hemmende Etwas vermochte doch nicht zu verhindern, daß die segnende Hand sich langsam spreizte und mit ihrer Fläche dem Haupte der reuigen Sünderin
näher und näher kam und plötzlich fest und voll darauf ruhte.
Feige sah sich Francesco ringsum. Es lag ihm fern, sich etwa jetzt noch selbst zu
belügen, und die Lage, in der er war, mit den Obliegenheiten seines heiligen
Amtes zu rechtfertigen, dennoch redete allerlei aus ihm von Beichte und
Firmelung. Und die nahezu ungebändigte, sprungbereite Leidenschaft fürchtete
so sehr die Möglichkeit, bei ihrer Entdeckung Entsetzen und Abscheu zu
erregen, daß auch sie noch einmal feige unter die Maske der Geistlichkeit
flüchtete.
»Du wirst zu mir hinunter in die Schule nach Soana kommen, Agate,« sagte er.
»Dort wirst du lesen und schreiben lernen. Ich will dich ein Morgen- und ein
Abendgebet lehren, ebenso Gottes Gebote, und wie du die sieben Hauptsünden
erkennen und vermeiden kannst. Wöchentlich wirst du dann bei mir beichten.«
Aber Francesco, der sich nach diesen Worten losgerissen hatte und, ohne sich
umzublicken, bergabwärts gestiegen war, entschloß sich am nächsten Morgen,
nach einer übeldurchwachten Nacht, selbst zur Beichte zu gehen. Als er einem
tabakschnupfenden Erzpriester des nahen Bergstädtchens, Arogno mit Namen,
seine Gewissensnöte, nicht ohne Versteckensspiel, eröffnete, ward er
bereitwilligst absolviert. Es war eine Selbstverständlichkeit, daß sich der Teufel
dem Versuche des jungen Priesters, verirrte Seelen in den Schoß der Kirche
zurückzuleiten, entgegensetzte, besonders da das Weib für den Mann immer die
nächste Gelegenheit zur Sünde sei. Nachdem Francesco dann mit dem Arciprete
im Pfarrhaus gefrühstückt hatte und bei offenem Fenster, linder Luft, Sonne und
Vogelsang manches offene Wort über den öfteren Widerstreit menschlicher mit
kirchlichen Angelegenheiten gefallen war, gab sich Francesco der Täuschung
hin, ein erleichtertes Herz davon zu tragen.
Zu dieser Wandlung hatten wohl auch für ihren Teil einige Gläser jenes
schweren, schwarzvioletten Weines beigetragen, den die Bauern Arognos
kelterten und dessen der Pfaff einige Oxhofte voll besaß. Zu dem Kellergewölbe
unter gewaltigen zartbelaubten Kastanien, wo dieser Reichtum auf Balken
lagerte, gab sogar schließlich noch, nach beendeter Mahlzeit der Priester dem
Priester und Beichtkinde das Geleit, da er gewohnheitsgemäß um diese Zeit für
den weiteren Tagesbedarf seinen mitgenommenen Fiasco zu füllen pflegte.
Kaum aber hatte Francesco seinem Beichtvater auf der blumigen, windbewegten
Wiese vor der eisenbeschlagenen Pforte des Felsgewölbes Lebewohl gesagt, kaum hatte er, rüstig um eine Biegung des Weges davon schreitend, hügeliges
Land genug, mit Baum und Gebüsch, zwischen sich und ihn gebracht, als er
auch schon einen unerklärlichen Widerwillen gegen den Trost des Kollegen
empfand und die ganze Zeit, die er mit ihm verbracht hatte.
Dieser schmuddlige Bauer, dessen abgenutzte Soutane und schweißiges
Unterzeug einen widerlichen Geruch verbreitete, dessen schinniger Kopf und mit
eingefressenem Schmutz bedeckte, rauhe Hände bewiesen, daß Seife für ihn eine
fremde Sache war, schien ihm vielmehr ein Tier, ja, ein Klotz, statt ein Priester
Gottes zu sein. Die Geistlichen sind geweihte Personen, sagte er sich, wie die
Kirche lehrt, die durch die Weihe übernatürliche Würde und Gewalt erhalten
haben, so daß selbst Engel vor ihnen sich neigen. Diesen konnte man nur als eine
Spottgeburt auf das alles bezeichnen. Welche Schmach, die priesterliche
Allmacht in solche Rüpelhände gelegt zu sehen. Da doch Gott sogar solcher
Allmacht unterliege und er durch die Worte: »hoc est enim meum corpus«
unwiderstehlich gezwungen wird, auf den Meßaltar niederzusteigen.
Francesco haßte ihn, ja, verachtete ihn. Dann wieder empfand er tiefes
Bedauern. Aber endlich kam es ihm vor, als ob sich der stinkende, häßliche,
unflätige Satan in ihn verkleidet hätte. Und er gedachte solcher Geburten, die mit
Hilfe eines incubus oder eines succubus zustande gekommen sind.
Francesco erstaunte selbst über solche Regungen seines Innern und über seinen
Gedankengang. Sein Wirt und Beichtiger hatte, außer durch sein Dasein, kaum
einen Anlaß dazu gegeben, denn seine Worte, auch über Tisch, waren durchaus
getragen vom Geiste der Wohlanständigkeit. Aber Francesco schwamm bereits
wiederum in einem solchen Gefühl von Gehobenheit, glaubte eine so
himmlische Reinheit zu atmen, daß ihm, verglichen mit diesem geheiligten
Element, das Alltägliche wie im Stande der Verdammnis festgekettet schien.
Der Tag war gekommen, an dem Francesco die Sünderin von der Alpe zum
erstenmal im Pfarrhause zu Soana erwartete. Er hatte ihr aufgetragen, die
Schelle, unweit der Kirchtür, zu ziehen, durch die man ihn in den Beichtstuhl
rufen konnte. Aber es ging schon gegen die Mittagszeit, ohne daß die Schelle
sich regen wollte, während er, immer zerstreuter werdend, einige
halberwachsene Mädchen und Knaben im Schulzimmer unterrichtete. Der
Wasserfall sandte sein Brausen, jetzt aufschwellend, jetzt absinkend, durchs offene Fenster herein, und die Erregung des Priesters wuchs, so oft es sich
steigerte. Er war dann besorgt, womöglich das Läuten der Schelle zu überhören.
Die Kinder befremdete seine Unruhe, seine Geistesabwesenheit. Am wenigsten
entging es den Mädchen, deren irdische, wie himmlische Sinne schwärmerisch
an dem jungen Heiligen sich weideten, daß er mit der Seele nicht bei der Sache
und also auch nicht bei ihnen war. Durch tiefen Instinkt mit den Regungen seines
jugendlichen Wesens verknüpft, empfanden sie sogar jene Spannung mit, die es
augenblicklich beherrschte.
Kurz vor dem Zwölfuhrglockenschlag entstand Gemurmel von Stimmen auf dem
Dorfplatz, der mit seinen mailich sprossenden Kastanienwipfeln bis dahin still
im Lichte der Sonne lag. Eine Menschenmenge näherte sich. Man hörte ruhigere,
scheinbar protestierende, männliche Kehllaute. Aber ein unaufhaltsamer Strom
von weiblichen Worten, Schreien, Verwünschungen und Protesten überschwoll
mit einemmal jene und dämpfte sie bis zur Unhörbarkeit. Dann trat eine bange
Ruhe ein. Plötzlich schlugen ans Ohr des Priesters dumpfe Geräusche, deren
Ursache im ersten Augenblick unbegreiflich blieb. Man war im Mai und doch
klang es, als wenn im Herbst ein Kastanienbaum, unter der Wucht eines
Windstoßes, Lasten von Früchten auf einmal abschüttelte. Platzend trommeln die
harten Kastanien auf das Erdreich.
Francesco beugte sich aus dem Fenster.
Er sah mit Entsetzen, was auf der Piazza im Gange war. Er war so erschrocken,
ja, so bestürzt, daß ihn erst der ohrzerreißende, gellende Laut des
Beichtglöckchens zur Besinnung brachte, an dem mit verzweifelter
Hartnäckigkeit gerissen wurde. Und schon war er in die Kirche und vor die
Kirchtür geeilt und hatte das Beichtkind, es war Agata, vom Zug der Klingel
weg und in die Kirche hineingerissen. Dann trat er vor das Portal hinaus.
Soviel war klar: der Eintritt der Verfemten in den Ort war bemerkt worden und
geschehen, was in diesem Falle gewöhnlich war. Man hatte versucht, sie mit
Steinen, wie jeden räudigen Hund, oder wie man einem Wolfe getan hätte, aus
dem Wohnbereich der Menschen zu jagen. Bald hatten sich Kinder und Mütter
von Kindern zusammengetan und hatten das ausgestoßene, fluchbringende
Wesen gehetzt, ohne sich durch die schöne Mädchengestalt irgendwie in der
Annahme stören zu lassen, ihre Steinwürfe gälten einem gefährlichen Tier,
einem Ungeheuer, das Pest und Verderben verbreite. Indessen hatte Agata, des
priesterlichen Schutzes gewiß, sich von ihrem Ziel nicht abbringen lassen. So
war das entschlossene Mädchen, verfolgt und gehetzt, vor der Kirchtür angelangt, die jetzt noch von einigen geworfenen Steinen aus Kinderhänden
getroffen wurde.
Der Priester hatte nicht nötig, die aufgeregten Gemeindeglieder durch eine
Strafpredigt zur Besinnung zu bringen: sie verflüchtigten sich, sobald sie ihn
sahen.
In der Kirche hatte Francesco der hochatmenden, stummen Verfolgten durch
einen Wink bedeutet, mit ihm ins Pfarrhaus zu gehn. Auch er war erregt, und so
hörten sich beide stoßweise atmen. Auf einem engen Treppchen des
Pfarrhäuschens, zwischen weißgetünchten Mauern, stand die bestürzte, doch
schon wieder ein wenig beruhigte Schaffnerin, um das gehetzte Wild zu
empfangen. Man merkte ihr an, daß sie bereit zu helfen war, wenn es irgendwie
not täte. Erst beim Anblick der alten Frau schien Agata sich des Demütigenden
ihres augenblicklichen Zustands bewußt zu werden. Vom Lachen zum Zorn, vom
Zorn zum Lachen übergehend, stieß sie starke Verwünschungen aus, und gab so
dem Priester Gelegenheit, zum erstenmal ihre Stimme zu hören, die, wie ihm
vorkam, voll, sonor und heroisch klang. Ihr war nicht bekannt, weshalb sie
verfolgt wurde. Sie sah das Städtchen Soana etwa wie ein Nest von Erdwespen
oder einen Ameisenhaufen an. So wütend und entrüstet sie war, kam es ihr doch
nicht in den Sinn, über die Ursache einer so gefährlichen Bösartigkeit
nachzudenken. Kannte sie doch diesen Zustand von Kindheit an und nahm ihn
für einen nur natürlichen. Allein man wehrt sich auch gegen Wespen und
Ameisen. Mögen es Tiere sein, die uns angreifen, wir werden durch sie, je
nachdem, zum Haß, zur Wut, zur Verzweiflung empört und entladen die Brust,
wiederum jenachdem, durch Drohungen, Tränen oder durch Regungen tiefster
Verachtung. So tat auch Agata, während ihr nun die Haushälterin die ärmlichen
Lumpen zurecht zupfte, sie selber aber den staunenerregenden Schwall ihres
rost- bis ockerfarbenen Haares, das sich im hastigen Lauf gelöst hatte,
aufsteckte.
Wie nie zuvor, litt der junge Francesco in diesem Augenblick unter dem Zwang
seiner Leidenschaft. Die Nähe des Weibes, das, wie eine wilde, köstliche Frucht,
in der Bergödenei zur Reife gediehen war, die berauschende Glut, die ihr
erhitzter Körper ausströmte, der Umstand, daß die bis dahin ferne Unerreichliche
jetzt die Enge der eigenen Wohnung umschloß, alles das brachte zuwege, daß
Francesco die Fäuste ballen, die Muskeln spannen, die Zähne zusammenbeißen
mußte, um nur in einer Verfassung aufrecht zu bleiben, die ihm das Hirn
sekundenlang völlig verfinsterte. Wurde es hell, so war ein ungeheurer Aufruhr
von Bildern, Gedanken und Gefühlen in ihm: Landschaften, Menschen, fernste Erinnerungen, lebendige Augenblicke der familiären und beruflichen
Vergangenheit vermählten sich mit Vorstellungen der Gegenwart. Gleichsam
fliehend von diesen, stieg süß und schrecklich eine unentrinnbare Zukunft
empor, der er sich ganz verfallen wußte. Gedanken zuckten über dies
Bilderchaos der Seele hin, unzählbar, ruhelos, aber ohnmächtig. Der bewußte
Wille, erkannte Francesco, war in seiner Seele entthront, und ein anderer
herrschte, dem nicht zu widerstehen war. Mit Grauen gestand sich der Jüngling,
ihm war er auf Gnade und Ungnade ausgeliefert. Diese Verfassung glich der
Besessenheit. Aber wenn ihn die Angst vor dem unvermeidlichen Sturz in das
Verbrechen der Todsünde überkam, so hätte er gleichzeitig vor unbändigster
Freude aufbrüllen mögen. Sein hungriger Blick sah mit niegekannter, staunender
Sättigung. Mehr: Hunger war hier Sättigung, Sättigung Hunger. Ihm schoß der
verruchte Gedanke durch den Kopf, hier allein sei seine unvergängliche,
göttliche Speise, mit der das Sakrament gläubige Christenseelen himmlisch
nährt. Seine Empfindungen waren abgöttisch. Er erklärte seinen Oheim in
Ligornetto für einen schlechten Bildhauer. Und warum hatte er nicht lieber
gemalt? Vielleicht konnte er selbst noch Maler werden. Er dachte an Bernardino
Luini und sein großes Gemälde in der alten Klosterkirche des nahen Lugano und
an die köstlichen, blonden, heiligen Frauen, die sein Pinsel dort geschaffen hat.
Aber sie waren ja nichts, verglichen mit dieser heißen, lebendigsten
Wirklichkeit.
Francesco wußte nun nicht sofort, was er beginnen sollte. Eine warnende
Empfindung veranlaßte ihn zunächst, die Nähe des Mädchens zu fliehen. Allerlei
Gründe, nicht alle gleich lauter, bewogen ihn, sogleich den Sindaco aufzusuchen
und, ehe es andere tun konnten, von dem Geschehnis zu verständigen. Der
Sindaco hörte ihn ruhig an, Francesco hatte ihn glücklicherweise zu Hause
getroffen, und nahm in der Sache den Standpunkt des Priesters ein. Es war nur
christlich und gut katholisch, die Mißwirtschaft auf der Alpe nicht einfach laufen
zu lassen und sich des in Sünde und Schande verstrickten, verrufenen Volkes
anzunehmen. Was aber die Dorfbewohner und ihr Verhalten betraf, so versprach
er dagegen strenge Maßregeln.
Als der junge Priester gegangen war, sagte die hübsche Frau des Sindaco, die
eine stille, schweigsame Art zu betrachten hatte:
»Dieser junge Priester könnte es wohl bis zum Kardinal, ja, zum Papst bringen.
Ich glaube, er zehrt sich ab mit Fasten, Beten und Nachtwachen. Aber der Teufel
ist gerade hinter den Heiligen mit seinen höllischen Künsten her und mit den
verborgensten Schlichen und Listen. Möge der junge Mann, durch Gottes Beistand, vor ihnen immer behütet sein.«
Viele begehrliche und auch böse Weiberaugen verfolgten Francesco, als er, mit
so wenig wie möglich beschleunigtem Schritt, zurück zur Pfarre ging. Man
wußte, wo er gewesen war, und war entschlossen, sich diese Pest von Soana nur
mit Gewalt aufdrängen zu lassen. Aufrecht schreitende Mädchen, die, Holz auf
dem Kopf tragend, ihm auf dem Platze nahe dem Marmorsarkophage
begegneten, hatten ihn zwar mit unterwürfigem Lächeln gegrüßt, sich aber
hernach schnöde angesehen. Wie im Fieber schritt Francesco dahin. Er hörte das
Durcheinanderschmettern der Vögel, das schwellende und verhaltene Rauschen
des ewigen Wasserfalls: aber es war ihm, als ob er die Füße nicht auf dem Boden
hätte, sondern steuerlos in einem Wirbel von Lauten und Bildern vorwärts
gerissen würde. Plötzlich fand er sich in der Sakristei seiner Kirche, dann im
Schiff vor dem Hauptaltar, als er kniend die Jungfrau Maria um Beistand in den
Stürmen seines Innern anflehte.
Allein seine Bitten waren nicht in dem Sinne gemeint, daß sie ihn von Agata
befreien sollte. Ein solcher Wunsch hätte in seiner Seele keine Nahrung gehabt.
Sie waren vielmehr ein Flehen um Gnade. Die Mutter Gottes sollte verstehen,
vergeben, womöglich billigen. Jäh unterbrach Francesco das Gebet und ward
vom Altar fortgerissen, als ihm von ungefähr der Gedanke, Agata könne
davongegangen sein, ins Bewußtsein schoß. Er fand das Mädchen indessen
noch, und Petronilla leistete ihr Gesellschaft.
»Ich habe alles ins Reine gebracht,« sagte Francesco. »Der Weg zur Kirche und
zum Priester ist frei für jedermann. Traue auf mich, das Geschehene wird sich
nicht wiederholen.« Ihn überkam eine Festigkeit und Sicherheit, als ob er nun
wieder auf rechtem Pfad und auf gutem Grund stünde. Petronilla wurde mit
einem wichtigen, kirchlichen Aktenstück auf die Nachbarpfarre geschickt. Der
Gang war leider unaufschiebbar. Im übrigen möge die Wirtschafterin dem
Pfarrer über den Vorfall berichten. »Triffst du Leute, so sage ihnen,« betonte er
noch, »daß Agata von der Alpe oben hier bei mir im Pfarrhaus ist und in den
Lehren unsrer Religion, unsres geheiligten Glaubens von mir unterrichtet wird.
Sie mögen nur kommen und es verhindern und sich die Strafe der ewigen
Verdammnis aufs Haupt ziehen. Sie mögen nur einen Auflauf vor der Kirche
machen, um ihre Mitchristin zu mißhandeln. Die Steine werden nicht sie,
sondern mich treffen. Ich werde ihr mit Einbruch der Dunkelheit, und sei es auch
bis zur Alpe hinauf, selbst das Geleit geben.«
Als die Haushälterin gegangen war, trat eine längere Stille ein. Das Mädchen
hatte die Hände in den Schoß gelegt und saß noch auf dem gleichen, scheinbar
zerbrechlichen Stuhl, den Petronilla für sie an die weißgetünchte Wand gerückt
hatte. In Agatas Augen zuckte es noch, und die erlittene Kränkung spiegelte sich
in Blitzen der Entrüstung und heimlichen Wut, aber ihr volles Madonnengesicht
hatte mehr und mehr einen hilflosen Ausdruck angenommen, bis endlich ein
stiller, ergiebiger Strom seine Wangen badete. Francesco, ihr den Rücken
kehrend, hatte mittlerweile zum offenen Fenster hinausgeblickt. Während er
seine Augen über die gigantischen Bergwände des Soanatales, von der
schicksalsträchtigen Alpe an bis zum Seeufer, gleiten ließ und, mit dem ewigen
Summen des Falles, Gesang einer einzelnen, schmelzenden Knabenstimme aus
den üppigen Rebenterrassen drang, mußte er zögern zu glauben, daß er nun
wirklich die Erfüllung seiner überirdischen Wünsche in der Hand hatte. Würde
Agata, wenn er sich wendete, noch vorhanden sein? Und war sie zugegen, was
würde geschehen, wenn er sich wendete? Müßte diese Wendung nicht
entscheidend für sein ganzes irdisches Dasein, ja, darüber hinaus entscheidend
sein? Diese Fragen und Zweifel bewogen den Priester, die eingenommene
Stellung solange, wie möglich innezuhalten, um noch einmal vor der
Entscheidung mit sich ins Gericht oder doch wenigstens zu Rate zu gehen. Es
handelte sich dabei um Sekunden, nicht um Minuten: doch in diesen Sekunden
wurde ihm nicht nur, vom ersten Besuche Luchino Scarabotas an, die ganze
Geschichte seiner Verstrickung, sondern sein ganzes bewußtes Leben
unmittelbar Gegenwart. In diesen Sekunden breitete sich eine ganze gewaltige
Vision des jüngsten Gerichtes mit Vater, Sohn und heiligem Geist am Himmel,
über der Gipfelkante des Generoso aus und schreckte mit dem Gedröhn der
Posaunen. Den einen Fuß auf dem Generoso, den andern auf einem Gipfel
jenseit des Sees stand, in der Linken die Wage, in der Rechten das bloße
Schwert, furchtbar drohend, der Erzengel Michael, während sich hinter der Alpe
von Soana der scheußliche Satan mit Hörnern und Klauen niedergelassen hatte.
Fast überall aber, wo der Blick des Priesters hinirrte, stand eine
schwarzgekleidete, schwarzverschleierte, händeringende Frau, die niemand
anderes, als seine verzweifelte Mutter war.
Francesco hielt sich die Augen zu und preßte dann beide Hände gegen die
Schläfen. Wie er sich dann langsam herumwandte, sah er das in Tränen
schwimmende Mädchen, dessen purpurner Mund schmerzlich zitterte, lange mit
einem Ausdruck des Grauens an. Agata erschrak. Sein Gesicht war entstellt, wie
wenn es der Finger des Todes berührt hätte. Wortlos wankte er auf sie zu. Und
mit einem Röcheln, wie das eines von unentrinnbarer Macht Besiegten, das zugleich ein wildes, lebensbrünstiges Stöhnen und Röcheln um Gnade war, sank
er zerbrochen vor ihr ins Knie und rang gegen sie die gefalteten Hände.
Francesco würde seiner Leidenschaft vielleicht noch lange nicht in solchem
Grade unterlegen sein, wenn nicht das Verbrechen der Dorfbewohner an Agata
ihr ein namenloses, heißes, menschliches Mitgefühl beigemischt hätte. Er
erkannte, was diesem von Gott mit aphrodisischer Schönheit begabten Geschöpf
in seinem fernen Leben und in der Welt ohne Beschützer bevorstehen mußte. Er
war durch die Umstände heute zu ihrem Beschützer gemacht worden, der sie
vielleicht vom Tode durch Steinigung errettet hatte. Er hatte dadurch ein
persönliches Anrecht auf sie erlangt. Ein Gedanke, der ihm nicht deutlich war,
aber doch sein Handeln beeinflußte: unbewußt wirkend, räumte er allerlei
Hemmungen, Scheu und Furchtsamkeit hinweg. Und er sah in seinem Geist
keine Möglichkeit, seine Hand je wieder von der Verfemten abzuziehen. Er
würde an ihrer Seite stehen und stünde die Welt und Gott auf der anderen.
Solche Erwägungen, solche Strömungen verbanden sich, wie gesagt, unerwartet
mit dem Strome der Leidenschaft, und so trat dieser aus den Ufern.
Vorerst war sein Verhalten indessen noch nicht die Abkehr vom Rechten und die
Folge eines Entschlusses, zu sündigen: es war nur ein Zustand der Ohnmacht,
der Hilflosigkeit. Warum er das tat, was er tat, hätte er nicht zu sagen gewußt. In
Wahrheit tat er eigentlich nichts. Es geschah nur etwas mit ihm. Und Agata, die
nun eigentlich hätte erschrecken müssen, tat dies nicht, sondern schien vergessen
zu haben, daß Francesco ein ihr fremder Mann und ein Priester war. Er schien
auf einmal ihr Bruder geworden. Und während ihr Weinen zum Schluchzen sich
steigerte, ließ sie es nicht nur zu, daß der nun auch von trocknem Schluchzen
Geschüttelte sie, wie zum Troste, umfing, sondern sie senkte ihr überströmtes
Gesicht und verbarg es an seiner Brust.
Nun war sie zum Kinde geworden und er zum Vater, insoweit, als er sie in ihrem
Leid zu beruhigen trachtete. Allein er hatte nie den Körper eines Weibes so nahe
gefühlt, und seine Liebkosungen, seine Zärtlichkeiten waren bald mehr, als
väterlich. Deutlich empfand er zwar, wie in dem schluchzenden Weh des
Mädchens etwas, wie ein Bekenntnis lag. Sie wußte, das erkannte er, welcher
häßlichen Liebe sie ihr Dasein verdanke und schwamm darüber mit ihm im
gleichen Leid. Ihre Not, ihre Schmerzen trug er mit ihr. So waren ihre Seelen
geeinigt. Allein er hob bald ihr süßes Madonnengesicht zu dem seinen, indem er
sie um den Nacken faßte und an sich zog, mit der Rechten die weiße Stirn
zurückbiegend, und indem er daran, was er so gefesselt hielt, lange, mit dem
Feuer des Wahnsinns im Auge, gierige Blicke weidete, schoß er plötzlich, wie ein Falke, auf ihren heißen, von Tränen salzigen Mund herab und blieb
untrennbar mit ihm verschmolzen. — Nach Augenblicken irdischer Zeit,
Ewigkeiten betäubender Seligkeit, riß Francesco sich plötzlich los und stellte
sich fest auf beide Füße, auf seinen Lippen schmeckte er Blut —: »Komm,«
sagte er, »du kannst nicht allein, ohne Schutz, nach Hause gehn und also werde
ich dich begleiten.«
Ein wechselnder Himmel lag über der Alpenwelt, als Francesco und Agata aus
der Pfarrei schlichen. Sie bogen in einen Wiesenpfad, auf dem sie, zwischen
Maulbeerbäumen, unter Rebenguirlanden hindurch, ungesehen von Terrasse zu
Terrasse abkletterten. Francesco wußte sehr wohl, was hinter ihm lag und welche
Grenze jetzt überschritten war, Reue vermochte er nicht zu empfinden. Er war
verändert, gesteigert, befreit. Die Nacht war schwül. In der lombardischen
Ebene, schien es, zogen Gewitter umher, deren ferne Blitze fächerförmig hinter
der Riesensilhouette der Berge aufstrahlten. Düfte des gewaltigen Fliederbusches
unter den Fenstern des Pfarrhauses schwammen von dort mit dem
vorüberkommenden, sickernden Wasser des Bachgeäders herab, vermischt mit
kühlen und warmen Luftströmen. Die beiden Berauschten redeten nicht. Er
stützte sie, so oft sie im Dämmer die Mauer zu einer tiefer gelegten Terrasse
abklommen, fing sie auch wohl mit den Armen auf, wobei ihre Brust an seiner
pochte, sein durstiger Mund an ihrem hing. Sie wußten nicht, wo sie eigentlich
hin wollten, denn aus der Tiefe der Schlucht der Savaglia führte kein Weg zur
Alpe hinauf. Darüber indessen waren sie einig, daß sie den Aufstieg dorthin
durch die Ortschaft vermeiden mußten. Aber es kam auch nicht darauf an,
irgendein äußeres, irgendein fernes Ziel zu erreichen, sondern das nahe Erreichte
auszugenießen.
Wie war doch die Welt bisher so schlackenhaft tot und leer gewesen, und welche
Wandlung hatte sie durchgemacht. Wie hatte sie sich in den Augen des Priesters,
und wie hatte er in ihr sich verwandelt. Getilgt und entwertet waren alle Dinge in
seiner Erinnerung, die ihm bis dahin alles bedeutet hatten. Vater, Mutter, sowie
seine Lehrer waren wie Gewürm im Staube der alten, verworfenen Welt
zurückgeblieben, während ihm, dem Sohne Gottes, dem neuen Adam, durch den
Cherub die Pforte des Paradieses wieder geöffnet worden war. In diesem
Paradies, darin er nun die ersten, verzückten Schritte tat, herrschte Zeitlosigkeit.
Er fühlte sich nicht mehr als ein Mensch irgendeiner Zeit oder irgendeines Alters. Ebenso zeitlos war die nächtliche Welt um ihn her. Und da nun die Zeit
der Verstoßung, die Welt der Verbannung und der Erbsünde hinter ihm lag vor
der bewachten Pforte des Paradieses, empfand er auch nicht mehr die
allergeringste Furcht vor ihr. Niemand da draußen konnte ihm etwas anhaben. Es
lag nicht in der Macht seiner Oberen, noch in der Macht des Papstes selbst, ihn
auch nur am Genusse der geringsten Paradiesesfrucht zu verhindern, noch ihm
das geringste zu rauben von der ihm nun einmal gewordenen Gnadengabe
höchster Glückseligkeit. Seine Oberen waren die Niederen geworden. Sie
wohnten, vergessen, in einer verschollenen Erde des Heulens und
Zähneklapperns. Francesco war nicht Francesco mehr, er war als erster Mensch
soeben vom göttlichen Odem geweckt, als alleiniger Adam, alleiniger Herr des
Garten Eden. Es lebte kein zweiter Mann außer ihm in der Fülle der sündenlosen
Schöpfung. Gestirne zitterten, himmlisch klingend, Glückseligkeit. Gewölke
brummten wie schwelgerisch weidende Kühe, Purpurfrüchte strömten süße
Entzückung und köstliche Labung aus, Stämme schwitzten duftendes Harz,
Blüten streuten köstliche Würzen: allein dieses alles hing doch von Eva ab, die
Gott als die Frucht der Früchte, die Würze der Würzen zwischen all diese
Wunder gesetzt hatte, von ihr, die selber sein höchstes Wunder war. Aller
Gewürze Duft, ihre feinste Essenz hatte der Schöpfer in Haar, Haut und
Fruchtfleisch ihres Körpers gelegt, aber ihre Form, ihr Stoff hatte nicht
ihresgleichen. Ihre Form, ihr Stoff war Gottes Geheimnis. Die Form bewegte
sich aus sich selbst und blieb gleich köstlich in Ruhe, wie in Wandlung. Ihr Stoff
schien aus dem gemischt, aus dem Lilienblätter und Rosenblätter gebildet
werden, aber er war keuscher an Kühle und heißer an Glut, er war zugleich
zarter und widerstandskräftiger. In dieser Frucht war ein lebendig pochender
Kern, es hämmerten in ihr köstliche, zuckende Pulse, und wenn man von ihr
genoß, so schenkte sie je mehr und mehr um so köstlichere, ausgesuchtere
Wonnen, ohne daß ihr himmlischer Reichtum dabei verlor.
Und was in dieser Schöpfung, diesem wiedergewonnenen Paradiese das
Köstlichste war, konnte man wohl aus der Nähe des Schöpfers herleiten. Weder
hatte hier Gott sein Werk vollendet und allein gelassen, noch sich darin zur Ruhe
gelegt. Im Gegenteil war die schaffende Hand, der schaffende Geist, die
schaffende Macht nicht abgezogen, sie blieben im Werke schöpferisch. Und
jeder von allen Teilen und Gliedern des Paradieses blieb schöpferisch.
Francesco-Adam, soeben erst aus der Werkstatt des Töpfers hervorgegangen,
fühlte sich als ein rings umher Schaffender. Mit einer Entzückung, die
außerweltlich war, spürte und sah er Eva, die Tochter Gottes. Es haftete noch an
ihr die Liebe, die sie gebildet hatte, und der köstlichste aller Stoffe, den der Vater zu ihrem Leibe verwendete, hatte noch jene überirdische Schönheit, die durch
kein Erdenstäubchen verunreinigt war. Aber auch diese Schöpfung bebte,
schwoll und leuchtete noch von der himmlischen Glut tätiger Schöpferkraft und
drängte, mit Adam zu verschmelzen. Adam wieder drängte nach ihr, um
gemeinsam mit ihr in eine neue Vollkommenheit einzugehen.
Agata und Francesco, Francesco und Agata, der Priester, der Jüngling aus gutem
Haus und das verfemte, verachtete Hirtenkind, war das erste Menschenpaar, wie
sie Hand in Hand auf nächtlichen Schleichwegen zu Tale kletterten. Sie suchten
die tiefste Verborgenheit. Schweigend, die Seele von einem namenlosen Staunen
erfüllt, mit einem Entzücken, das ihnen beiden fast die Brust sprengte, stiegen
sie tiefer und tiefer in das köstliche Wunder der Weltstunde.
Sie waren bewegt. Die Begnadung, die Auserwählung, die sie auf sich ruhen
fühlten, vermischte mit ihrem unendlichen Glück eine ernste Feierlichkeit. Sie
hatten ihre Körper gefühlt, waren im Kuß verbunden gewesen, aber sie fühlten
die unbekannte Bestimmung, der sie zuschritten. Es war das letzte Mysterium.
Es war eben das, warum Gott schuf und warum er den Tod in die Welt gesetzt,
ihn gleichsam in Kauf genommen hatte.
So gelangte das erste Menschenpaar in die enge Schlucht hinab, die das
Flüßchen Savaglia gesägt hatte. Sie war sehr tief, und nur ein wenig begangener
Fußpfad führte am Rande des Bachbetts bis zu dem Wasserbecken hinauf, in das
sich aus schwindelerregender Höhe das Bergwasser über die Felsstufe
hinabstürzte. Noch in beträchtlicher Entfernung davon wurde der Bach in zwei
Arme geteilt, die sich wieder vereinigten, durch ein kleines grünes Inselchen, das
Francesco liebte und oft besuchte, weil es mit einigen jungen Apfelbäumen, die
dort Wurzel geschlagen hatten, sehr lieblich war. Und Adam zog seine Schuhe
aus und trug seine Eva dort hinüber. »Komm, oder ich sterbe,« sagte er
mehrmals zu Agata. Und sie zertraten Narzissen und Osterlilien mit dem
schweren, fast trunkenen Gang der Liebenden.
Auch hier in der Schlucht war es sommerwarm, wenngleich der rauschende Lauf
des Baches Kühlung mitbrachte. Wie kurz war die Zeit, die seit dem
Wendepunkte im Leben des Paares schon verflossen war, und wie weit war alles
zurückgewichen, was vor dem Wendepunkte lag. Der Bauer, dem das Inselchen
angehörte, hatte sich, da es ziemlich entfernt von der Ortschaft lag, um gegen die
Zufälligkeiten der Witterung einigermaßen gedeckt zu sein, eine Hütte aus
Steinen, Reisern und Erde gefertigt, die ein leidlich regensicheres Laublager bot.
Es war vielleicht diese Hütte, die Adam vorgeschwebt hatte, als er mit Eva die Richtung zu Tal, statt zu Berge nahm. Die Hütte schien zum Empfang der
Liebenden vorbereitet. Hier schienen heimliche Hände von dem nahenden Feste
der heimlichen Menschwerdung verständigt worden zu sein: denn es waren
Gewölke von Licht um die Hütte, Gewölke von Funken, Leuchtkäfer,
Glühwürmchen, Welten, Milchstraßen, die manchmal in Garben gewaltig
aufstiegen, als wollten sie leere Welträume neu bevölkern. Sie quollen und
schwebten so hoch durch die Schlucht, daß man Sterne des Himmels davon nicht
mehr unterschied.
Obgleich sie es kannten, war dieses Schauspiel, war dieser schweigende Zauber
für Francesco und die sündige Agata doch wunderbar und ihr Staunen darüber
hemmte sie einen Augenblick. Ist das die Stelle, dachte Francesco, die ich im
Grunde doch, ahnungslos, was sie einmal für mich bedeuten würde, so oft
gesucht und mit Wohlgefallen betrachtet habe? Sie schien mir ein Ort, um sich
als Eremit vor dem Jammer der Welt dahin zurückzuziehen und entsagend in
Gottes Wort zu versenken. Was sie wirklich ist, eine Insel im Strome Phrat oder
Hiedekel, der heimlich-glückseligste Ort im Paradiese, hätte ich ihr nicht
angesehen. Und die mystischen, lohenden Funkengewölke, Hochzeitsbrände,
Opferbrände, oder was es nun immer war, lösten ihn vollends von der Erde.
Wenn er die Welt nicht vergaß, so wußte er, daß sie ohnmächtig vor den Toren
des Gartens Eden lag, wie der siebenköpfige Drache, das siebenköpfige Tier, das
aus dem Meer gestiegen ist. Was hatte er mit denen zu tun, die den Drachen
anbeten. Mag er Gottes Hütte lästern. Sein Geifer erreicht ihre Stätte nicht. Nie
hatte Francesco, nie hatte der Priester ein solches Nahesein bei Gott, ein solches
Geborgensein in ihm, ein solches Vergessen der eignen Persönlichkeit gefühlt,
und im Rauschen des Bergbachs schienen allmählich die Berge melodisch zu
dröhnen, die Feldzacken zu orgeln, die Sterne mit Myriaden goldner Harfen zu
musizieren. Chöre von Engeln jubilierten durch die Unendlichkeit, gleich
Stürmen brausten von oben die Harmonien, und Glocken, Glocken, Geläut von
Glocken, von Hochzeitsglocken, kleinen und großen, tiefen und hohen,
gewaltigen und zarten verbreiteten eine erdrückend-selige Feierlichkeit durch
den Weltenraum. — Und so sanken sie, ineinander verschlungen, auf das
Laublager.
Keinen Augenblick gibt es, der verweilt, und wenn man auch mit angstvoller
Hast solche der höchsten Wonne festhalten will — so sehr man sich müht, man findet dazu keine Handhabe. Sein ganzes Leben bestand, wie Francesco fühlte,
aus Stufen zum Gipfel dieses nun gelebten Mysteriums. Wo sollte man künftig
atmen, konnte man es nicht festhalten. Wie sollte man ein verdammtes Dasein
ertragen, wenn man aus den Verzückungen seiner innersten Himmel wieder
verstoßen war. Mitten im überirdischen Rausch des Genusses empfand der
Jüngling mit stechendem Schmerz die Vergänglichkeit, im Genuß des Besitzes
die Qual des Verlustes. Es war ihm, als sollte er einen Becher des köstlichen
Weines austrinken und einen ebenso köstlichen Durst löschen: der Becher aber
wurde nie leer, während der Durst trotzdem nie gestillt wurde. Und der
Trinkende wollte auch nicht, daß sich sein köstlicher Durst sättige, noch daß der
Becher leer würde: dennoch sog er mit gieriger Wut daran, gepeinigt, weil er nie
auf den Grund kommen konnte.
Umarmt vom Rauschen des Baches, überflutet davon, umtanzt von
Leuchtkäfern, ruhte das Paar im raschelnden Laub, während durchs Dach der
Hütte die Sterne hereinblinzelten. Von allen Heimlichkeiten Agatas, die er wie
unerreichliche Güter bewundert hatte, hatte er zitternd Besitz ergriffen. Er war in
ihr offenes Haar hineingetaucht, er hing mit den Lippen an ihren Lippen. Aber
sogleich ward sein Auge voll Neid gegen seinen Mund erfüllt, der ihm den
Anblick des süßen Mädchenmundes geraubt hatte. Und immer unfaßbarer,
immer glühender, immer betäubender quoll aus den Geheimnissen ihres jungen
Leibes Glückseligkeit. Was er nie zu besitzen gehofft hatte, wenn es ihm heiße
Nächte vorspiegelten, das war nichts gegen das gehalten, was er nun grenzenlos
besaß.
Und während er schwelgte, ward er immer aufs neue ungläubig. Das Übermaß
der Erfüllungen veranlaßte ihn immer aufs neue, unersättlich sich seines
Eigentums zu versichern. Zum ersten Male fühlten seine Finger, seine bebenden
Hände und Handflächen, seine Arme, seine Brust, seine Hüften das Weib. Und
sie war für ihn mehr, als das Weib. Ihm war, als habe er etwas Verlorenes, etwas
Verscherztes, ohne das er ein Krüppel gewesen war, und mit dem er sich jetzt zur
Einheit verbunden hatte, wiedergefunden. War er von diesen Lippen, diesem
Haar, diesen Brüsten und Armen jemals getrennt gewesen? Es war eine Göttin,
es war kein Weib. Und es war überhaupt nichts, was für sich bestand: er wühlte
sich in den Kern der Welt und das Ohr unter die magdlichen Brüste gedrückt,
hörte er glückselig schaudernd das Herz der Welt pochen.
Jene Betäubung, jener Halbschlaf kam über das Paar, wo die Wonnen der
Erschöpfung in die Reize des wachen Fühlens und die Reize des wachen Fühlens
in die Wonnen der Betäubung des Vergessens übergehen: wobei Francesco jetzt in den Armen des Mädchens, jetzt Agata in seinen Armen entschlief. Wie
seltsam und mit welchem Vertrauen hatte das scheue, verwilderte Mädchen sich
unter den liebkosenden Zwang des Priesters gefunden, wie ergeben und
glücklich diente sie ihm. Und wenn sie in seinen Armen entschlief, so war es mit
dem beruhigten Lächeln, mit dem sich das Auge des gesättigten Säuglings im
Arme und an der Brust der Mutter schließt. Francesco aber betrachtete, bestaunte
und liebte die Schlummernde. Durch ihren Leib gingen Wellen von Zuckungen,
wie es die Entspannung des Lebens mit sich bringt. Manchmal schrie das
Mädchen im Traum. Aber immer war es das gleiche, betörende Lächeln, wenn
sie die schmachtenden Lider öffnete und dann das gleiche Sterben in letzter
Hingabe. So oft der Jüngling entschlummerte, schien es ihm, als entwinde eine
Macht ihm leise, leise den Körper, den er, mit ganzem Leibe fühlend,
umschlungen hielt. Aber jedesmal folgte diesem kurzen Entwinden im Erwachen
zuerst ein Fühlen von höchster, dankbar empfundener Süßigkeit; ein
unnennbarer Traum mit einem seligen, wachen Empfinden des süßesten
Wirklichen.
Das war sie, die Paradiesesfrucht, von dem Baume, der mitten im Garten stand.
Er hielt sie mit ganzem Leibe umschlungen. Es war die Frucht von dem Baume
des Lebens, nicht vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, mit der die
Schlange Eva verführt hatte. Vielmehr war es jene, deren Genuß Gott gleich
machte. Erstorben war in Francesco jeder Wunsch nach einer höheren, einer
andren Glückseligkeit. Auf Erden nicht und im Himmel nicht gab es Wonnen,
die mit der seinen vergleichbar waren. Es gab keinen König, keinen Gott, den
der Jüngling, wühlend im schwelgerischen Überfluß, nicht als darbenden Bettler
empfunden hätte. Seine Sprache war zum Stammeln, zum stoßweisen Atmen
herabgedrückt. Er sog den betörenden Hauch, der zwischen den offenen Lippen
Agatas hervorströmte. Er küßte die Tränen der Wollust heiß von der Wimper,
heiß von der Wange des Mädchens fort. Geschlossenen Auges, nur sparsam
blinzelnd, genossen beide im anderen sich selbst, nach innen gerichteten Blicks,
heißfühlend und hellfühlend. Aber das alles war mehr als Genuß, vielmehr
etwas, was auszudrücken menschliche Sprache nicht hinreichend ist.
Francesco las pünktlich am Morgen die Frühmesse. Seine Abwesenheit war von
niemand, seine Heimkunft nicht einmal von Petronilla bemerkt worden. Die
Überstürzung, mit der er, sich flüchtig säubernd, zu den wartenden Ministranten in die Sakristei und an den Altar vor die harrende, kleine Gemeinde begeben
mußte, verhinderte, daß er zur Besinnung kam. Die Besinnung trat ein, als er
wieder im Pfarrhaus, wieder in seinem Stübchen war, wo ihm die Wirtschafterin
das übliche Frühstück vorsetzte. Aber diese Besinnung brachte nicht sogleich die
Klarheit einer Ernüchterung. Vielmehr gab die alte Umgebung, der aufsteigende
Tag dem Erlebten den Schein von etwas Unwirklichem, das wie ein vergangener
Traum verblich. Aber hier war doch Wirklichkeit. Und obgleich sie jeden von
Francesco jemals geträumten Traum an phantastischer Unglaubhaftigkeit
überbot, konnte er sie dennoch nicht wegleugnen. Er hatte einen furchtbaren Fall
getan, an diesem Umstand war nicht zu deuteln: die Frage hieß, ob eine
Erhebung von diesem Sturz, diesem furchtbaren Sündenfall, überhaupt noch
möglich war? Der Sturz war so tief und von einer solchen Höhe herab, daß der
Priester daran verzweifeln mußte. Nicht nur im kirchlichen, auch im weltlichen
Sinne stand dieser schreckliche Fall ohne Beispiel da. Francesco gedachte des
Sindacos, und wie er mit ihm über die mögliche Rettung der Verworfenen von
der Alpe geredet hatte. Nun erst, heimlich, in seiner tiefen Erniedrigung erkannte
er die ganze pfäffische Hoffart, den ganzen überheblichen Dünkel, der ihn
damals gebläht hatte. Er biß die Zähne zusammen vor Scham, er krümmte sich
gleichsam, wie ein eitler, entlarvter Betrüger, vor Entehrung, in nackter
Hilflosigkeit. War er nicht eben noch ein Heiliger? Hatten nicht Frauen und
Jungfrauen von Soana fast mit Abgötterei zu ihm aufgeblickt?
Und war es ihm nicht gelungen, den kirchlichen Geist der Ortschaft dermaßen zu
heben, daß Messehören und die Kirche besuchen sogar bei den Männern sich
wieder einbürgerte. Nun war er zum Verräter an Gott, zum Betrüger und Verräter
an seiner Gemeinde, zum Verräter an der Kirche, zum Verräter an seiner
Familienehre, zum Verräter an sich selbst, ja, sogar zum Verräter an den
verachteten, verworfenen, verruchten und erbärmlichen Scarabotas geworden,
die er unter dem Vorwand, ihre Seelen zu retten, erst recht in die Verdammnis
verstrickt hatte.
Francesco dachte an seine Mutter. Sie war eine stolze, fast männliche Frau, die
ihn als Kind mit fester Hand beschützt und geführt, und deren unbeugsamer
Wille auch die Bahn seines künftigen Lebens vorgezeichnet hatte. Er wußte, daß
ihre Härte gegen ihn nichts, als glühende Mutterliebe war, und daß sie durch die
geringste Trübung der Ehre ihres Sohnes in ihrem Stolze aufs schwerste verletzt,
durch eine ernste Verfehlung des Sohnes aber im Sitz des Lebens unheilbar
verwundet werden mußte. Seltsam, wie im Zusammenhange mit ihr das wirklich
Geschehene, nahe und deutlich Durchlebte nicht einmal auch nur ausgedacht werden konnte.
Francesco war in den ekelhaftesten Schlamm hinabgesunken, in den Unflat
letzter Verworfenheit. Er hatte darin seine Weihen als Priester, sein Wesen als
Christ, wie als Sohn seiner Mutter, ja, als Mensch überhaupt zurückgelassen. Der
Werwolf, das stinkende, dämonische Tier, würde in der Meinung der Mutter, in
der Meinung der Menschen überhaupt, sofern sie von dem Verbrechen Kenntnis
gehabt hätten, einzig übrig geblieben sein. Der Jüngling fuhr von dem Stuhl
empor und von dem Brevier auf dem Tisch, in das er sich zum Scheine vertieft
hatte. Es war ihm gewesen, als wenn Hagel von Steinen wider das Haus
prasselten: nicht in der Art, wie am Tage zuvor, bei dem Versuch einer
Steinigung, sondern mit hundert-, mit tausendfachen Kräften. So, als sollte das
Pfarrhaus vertilgt, oder mindestens in einen Schutthaufen umgewandelt und er
als ein giftiges Krötengereck darunter begraben werden. Er hatte seltsame Laute
gehört, furchtbare Schreie, rasende Zurufe und wußte, daß unter den Wütenden,
die unermüdlich Steine schleuderten, nicht nur ganz Soana, der Sindaco und die
Frau des Sindacos, sondern auch Scarabota und seine Familie, und sogar allen
voran seine Mutter war.
Aber schon nach Stunden hatten ganz andere Phantasien und ganz andere
Regungen solche abgelöst. Alles, was aus der Einkehr, aus dem Entsetzen über
die Tat, aus der Zerknirschung geboren war, schien jetzt niemals vorhanden
gewesen. Eine nie gekannte Not, ein brennender Durst dörrte Francesco aus.
Sein Inneres schrie, wie jemand, der sich im glühenden Wüstensande
verschmachtend wälzt, nach Wasser schreit. Die Luft schien ohne jene Stoffe zu
sein, die man braucht, um zu atmen. Das Pfarrhaus wurde dem Priester zum
Käfig, zwischen dessen Wänden er mit schmerzenden Knien, ruhelos wie ein
Raubtier, schritt, entschlossen, falls man ihn nicht befreie, lieber, als so weiter zu
leben, den Schädel im Anlauf gegen die Mauer zu zerschmettern. Wie ist es
möglich, als Toter zu leben? fragte er sich, indem er Bewohner des Dorfes
durchs Fenster beobachtete. Wie mögen sie oder wie können sie atmen? Wie
tragen sie, da sie doch das nicht kennen, was ich genossen habe und nun
entbehre, ihr erbärmliches Sein? Und Francesco wuchs in sich. Er sah auf
Päpste, Kaiser, Fürsten und Bischöfe, kurz auf alle Leute herab, wie sonst
Menschen auf Ameisen. Selbst in seinem Durst, seinem Elend, seiner
Entbehrung tat er das. Freilich, er war nicht mehr Herr seines Lebens. Eine übermächtige Zauberei hatte ihn zu einem vollständig willenlosen und, ohne
Agata, vollständig leblosen Opfer des Eros gemacht, des Gottes, der älter und
mächtiger ist, als Zeus und die übrigen Götter. Er hatte in den Schriften der
Alten gelesen über dergleichen Zauberei und diesen Gott und beides
geringgeschätzt mit einem Lächeln. Jetzt fühlte er deutlich, daß sogar an einen
Pfeilschuß und eine tiefe Wunde gedacht werden mußte, mit der, nach Meinung
der Alten, der Gott das Blut seiner Opfer vergiftete. Diese Wunde brannte,
bohrte, flammte, fraß und nagte ja in ihm. Er fühlte furchtbar stechende,
Schmerzen — bis er sich bei Dunkelwerden, innerlich gleichsam schreiend vor
Glück, auf den Weg nach derselben kleinen Welt-Insel begab, die ihn gestern mit
der Geliebten vereint, und wo er seine neue Begegnung mit ihr verabredet hatte.
Der Berghirt Ludovico, den Bewohnern der Umgegend als »Ketzer von Soana«
bekannt, schwieg, als er bis zu der Stelle seines Manuskriptes, wo es abbricht,
gelesen hatte. Der Besucher hätte die Erzählung gern bis zu Ende gehört. Als er
indessen den Wunsch zu äußern so freimütig war, eröffnete ihm sein Wirt, daß
seine Handschrift nicht weiter reiche. Er war auch der Ansicht, die Geschichte
könne, ja, müsse hier abreißen. Der Besucher war dieser Meinung nicht.
Was wurde aus Agata und Francesco, aus Francesco und Agata? Blieb die Sache
geheim oder war sie entdeckt worden? Fanden die Liebenden auf die Dauer oder
flüchtig Gefallen aneinander? Erfuhr die Mutter Francescos von der
Angelegenheit? Und endlich wollte der Hörer wissen, ob eine wirkliche
Begebenheit der Erzählung zugrunde liege oder ob sie durchaus nur Dichtung
sei.
»Ich sagte schon,« erwiderte Ludovico, sich ein wenig verfärbend, »daß ein
wirklicher Vorfall den Anlaß für mein Geschreibsel gegeben hat.« Er schwieg
hierauf eine lange Weile. »Man hat,« fuhr er später fort, »vor etwa sechs Jahren
einen Geistlichen mit Stockschlägen und Steinwürfen, buchstäblich genommen,
vom Altar fort aus der Kirche gejagt. Es wurde mir jedenfalls, als ich von
Argentinien nach Europa zurück und in diese Gegend kam, von so vielen Leuten
erzählt, daß ich an dem Geschehnis selbst nicht zweifle. Auch haben die
blutschänderischen Scarabotas, allerdings nicht unter diesem Namen, hier am
Generoso gelebt. Der Name Agata ist erfunden, ich nahm ihn einfach von dem
Kapellchen Sant Agatha, über dem, wie Sie sehen, noch immer die braunen
Fischräuber kreisen. Aber die Scarabotas haben wirklich unter anderen Sündenfrüchten eine erwachsene Tochter gehabt, und der Priester ist eines
unerlaubten Umgangs mit ihr bezichtigt worden. Er hat, wie man sagt, die Sache
nicht abgeleugnet, auch nie die geringste Reue gezeigt, und der Papst hat ihn,
behauptet man, deshalb exkommuniziert. Die Scarabotas mußten die Gegend
verlassen. Sie sollen — die Eltern, nicht die Kinder — in Rio am gelben Fieber
gestorben sein.«
Der Wein und die Erregung, die durch Ort, Stunde, Gesellschaft und besonders
durch das gelesene Gedicht, verbunden mit allerlei mystischen Umständen, im
Hörer hervorgerufen war, machte diesen noch weiter zudringlich. Er fragte
wieder nach dem Schicksal Francescos und Agatas. Darüber konnte der Hirt
nichts aussagen. »Sie sollen nur lange Zeit ein Ärgernis der Gegend gewesen
sein, indem sie die überall verstreuten, einsamen Heiligtümer entweihten und
schändeten und zu Asylen ihrer verruchten Lust mißbrauchten.« Bei diesen
Worten brach der Anachoret in ein gänzlich unvermitteltes, lange nicht
einzudämmendes, lautes und freies Gelächter aus.
Gedankenvoll und seltsam bewegt trat der Übermittler dieses Reiseabenteuers
den Heimweg an. Sein Tagebuch enthält Schilderungen dieses Abstiegs, die er
hier jedoch nicht einrücken will. Die sogenannte blaue Stunde, die eintritt, wenn
die Sonne unter den Horizont gesunken ist, war jedenfalls damals besonders
schön. Man hörte den Fall von Soana rauschen. Ganz so hatten ihn Francesco
und Agata rauschen gehört. Oder hörten sie am Ende jetzt noch sein Getön und
zwar in demselben Augenblick? Lag dort nicht der Scarabotasche Steinhaufen?
Hörte man nicht Laute fröhlicher Kinder, untermischt mit dem Blöken der
Ziegen und Schafe, von dort? Der Wanderer fuhr sich übers Gesicht, wie wenn
er einen verwirrenden Schleier abstreifen wollte: war die kleine Erzählung, die
er gehört hatte, wirklich, wie eine winzige Enzianblume oder dergleichen, auf
einer Matte dieser Bergwelt gewachsen, oder war dieses herrliche, urgewaltige
Gebirgsrelief, diese erstarrte Gigantomachie aus dem Rahmen der kleinen
Novelle hervorgegangen? Dies und ähnliches dachte er, als sein Gehör vom
sonoren Klang einer singenden Frauenstimme berührt wurde. Es hieß ja, der
Anachoret sei verheiratet. Die Stimme trug, wie in einem weiten, akustischen
Saal, wenn die Menschen den Atem anhalten, um nur zu lauschen. Auch die
Natur hielt den Atem an. Die Stimme schien in der Felswand zu singen.
Manchmal wenigstens flutete sie, in weiten Schwingungen voll süßesten
Schmelzes und feurigen Adels, gleichsam von dort heraus. Allein die Sängerin
kam, wie sich zeigte, von ganz entgegengesetzter Richtung den Pfad zum Würfel
Ludovicos heraufgestiegen. Sie trug ein Tongefäß auf dem Kopf, das sie mit der erhobenen Linken ein wenig hielt, während sie mit der Rechten ihr Töchterchen