Der letzte Sommer

Ricarda Huch · Kapitel 10 von 60

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Der letzte Sommer

Lusinja an Tatjana

Kremskoje, 13. Mai.

Liebe Tatjana! Nun sag, warum bildest Du Dir so fest ein, meine Töchter müßten sich in Lju verlieben? Ich habe sie bisher für viel zu unentwickelt zur Liebe gehalten, Katja ist ja wirklich noch ein Kind. Da Du mich einmal darauf aufmerksam gemacht hast, sehe ich ein, daß Lju gefährlich ist; männlich, mutig, klug, interessant, auffallend, alles, was einem jungen Mädchen imponiert. Ich muß es aber rühmen, daß er eher zurückhaltend gegen meine beiden Kleinen ist; möglicherweise ist er schon gebunden. Daß Jessika ihn bewundert, habe ich wohl bemerkt; wenn er spricht, hängen ihre Augen an ihm, sie ist selbst gesprächiger als sonst und voll allerliebster Einfälle. Ich dachte mir nichts Arges dabei, sondern freute mich an ihrer Freudigkeit. Tatjana, wenn Du sie einladen willst und sie gern zu Dir kommen will, werde ich ihr nichts in den Weg legen. Es mag sein, daß es besser ist. Meine arme kleine Jessika, wenn ich mir denke, daß sie ihn liebte! Liebte er sie nicht, müßte sie leiden, und vielleicht noch mehr, wenn er sie liebte. Nein, der ist kein Mann für sie. Er versteht alles, aber er vergißt sich niemals, er hat gar keinen Sinn für Kleinigkeiten und Torheiten, oder, wenn er Sinn dafür hat, so ist es wie für Kräuter, die man in ein Herbarium sammelt. Hingeben kann er sich nicht, er verzehrt nur. Ich traue ihm sehr viel zu, zum Beispiel, daß er einmal ein sehr berühmter Mann wird; jedenfalls braucht er dünne Höhenluft, in der mein kleines Mädchen nicht atmen könnte.

Merkwürdig ist es an ihm, daß er sich offenbar für uns alle lebhaft interessiert, daß er für unsre Vorzüge empfänglich scheint, daß er das Vertrauen, das wir ihm entgegenbringen, als etwas Selbstverständliches hinnimmt und doch von sich selbst eigentlich nichts hergibt. Nicht daß er nicht offen wäre, er beantwortet jede Frage, die man zufällig einmal an ihn richtet, freimütig und ausgiebig; man kann vielleicht nicht einmal sagen, daß er verschlossen ist, wenigstens spricht er ziemlich viel und stets von Dingen, die ihm wirklich wichtig sind. Trotzdem hat man nicht das Gefühl, daß man sein Inneres kennt. Ich habe schon gedacht, daß es Geheimnisse in seinem Leben geben könnte, die ihm Zurückhaltung auferlegen; aber es beunruhigt mich nicht, weil ich sicher bin, daß es nichts Gemeines ist.

Neulich war von Lügen die Rede. Da sagte Lju, Lügen wäre unter Umständen eine Waffe im Kampfe des Lebens, nicht schlechter als eine andre, nur sich selbst belügen wäre verächtlich. Welja sagte: „Sich selbst belügen? Wie macht man das überhaupt? Ich würde mir doch niemals glauben.“ Lju lachte ganz beseligt, ich mußte auch lachen, hielt mich aber doch verpflichtet, Welja zu sagen, es wäre ein schlechter Witz gewesen. „Bessere können wir doch hier nicht machen,“ sagte der Junge, „sonst versteht Katja sie nicht.“ Ja, eigentlich wollte ich Dir nur sagen, die Ueberzeugung habe ich wirklich, daß Lju sich niemals selbst belügen würde, und das ist mir das Wesentliche. Der Grundsatz mag gefährlich sein, aber einem bedeutenden Menschen ist er angemessen.

Liebe Schwester meines geliebten Mannes, wenn ich nicht die großen Kinder um mich hätte, könnte ich mir jetzt einbilden, wir wären auf der Hochzeitsreise. Brauchten wir nur niemals in die Stadt zurück! Jegor hat sein Klavierspiel wieder aufgenommen, da er nun einmal nicht unbeschäftigt sein kann, und ich, die es sehr wohl kann, höre zu und träume. Erinnerst Du Dich noch an die Zeit, wo ich ihn meinen Unsterblichen nannte? Manchmal jetzt, wenn ich ihn ansehe, überläuft mich das Gefühl, daß etwas anders geworden ist; es sind nicht die weißen Haare, deren schon mehr als schwarze sind, nicht die tiefen Schatten, die oft unter seinen Augen liegen, nicht die strengen Linien, die sein Gesicht verdunkeln, es ist etwas Unnennbares, das sein ganzes Wesen umgibt. Einmal mußte ich plötzlich aufspringen und fortlaufen, weil mir die Tränen aus den Augen sprangen, und im Schlafzimmer habe ich ins Kissen geschrien: „Mein Unsterblicher! ach, mein Unsterblicher!“ Siehst Du, das ist nicht merkwürdig, daß es Wahnsinnige gibt, aber daß auch die Allervernünftigsten einmal einen Wahnsinnsanfall haben können, das ist beklagenswert.

Deine Lusinja.