Der Mann von vierzig Jahren

Jakob Wassermann · Kapitel 1 von 1 · Teil 1/6

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Der Mann von vierzig Jahren

Der Mann von vierzig Jahren

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 6 Teile geteilt.

 

Ein kleiner Roman

von

Jakob Wassermann

S. Fischer, Verlag, Berlin

1913

Erste bis zehnte Auflage.

 

Man weiß von Sternen, die ohne ergründbare Ursache ihr Licht verlieren, um entweder für kurze Frist oder für immer in die Finsternis des unendlichen Raums zu entschwinden; so gibt es auch Menschen, deren Schicksal von einem gewissen Zeitpunkt ab in Dämmerung und Dunkelheit gleitet.

Ein solcher Mann war der Herr von Erfft und Dudsloch, der gegen das Ende der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts zwischen Würzburg und Kitzingen im unterfränkischen Kreis lebte. Seine Wirtschaft und seine häuslichen Angelegenheiten befanden sich in gutem Stand; obwohl es ihm versagt war, einen Luxus zu entfalten, nach dem er sich bisweilen in müßigen Stunden sehnen mochte, erlaubten ihm seine Vermögensverhältnisse doch, alle Wünsche zu befriedigen, die durch phantasievolle Neigung oder eingefleischte Gewohnheit in ihm lebendig erhalten wurden. Die beiden Güter warfen ein ansehnliches Erträgnis ab, die hypothekarische Belastung einzelner Grundstücke und Neubauten wurde mit jeder Ernte geringer, und ein Kapital, das aus der Mitgift der Frau und den allmählich angewachsenen Ersparnissen bestand, war in einem Würzburger Bankhaus niedergelegt. Sylvester von Erfft konnte mehrere Reitpferde und einen Kutschierwagen halten, konnte ein ziemlich ausgedehntes Waldland pachten, um sich dem Vergnügen der Jagd hinzugeben, konnte mit Agathe, seiner Lebensgefährtin, kleine Reisen nach einer nördlich oder südlich gelegenen Residenz unternehmen, weil hier ein Konzert, ein Theater, dort ein geselliger Zirkel lockte, und war vor allem nicht daran gehindert, seine Bibliothek zu bereichern, denn er war ein Mann von Kenntnissen und lebhaften Interessen.

Doch an alledem fand sein heftiger Tätigkeitstrieb kein Genügen. In seiner Jugend hatte er mehrere Jahre in England verbracht, und nachdem er geheiratet hatte und landsässig geworden war, beschäftigten ihn lange Zeit hindurch allerlei Reformpläne; er wollte das Pachtwesen und die Ökonomieverwaltung nach englischem Muster einrichten; er regte Versammlungen der Bauern an, in denen er vorschlug, daß sie sich gegen den drohenden Industrialismus und die wirtschaftliche Ausbeutung als starke Gemeinschaft zur Wehr setzen möchten; er ging sogar damit um, die Erbfolge in den deutschen Adelsfamilien nach dem Vorbild der englischen Aristokratie umzugestalten und richtete eine Eingabe an den König, die von weitem Blick und Sachkenntnis zeugte, aber nicht im mindesten beachtet wurde, sondern ihm, als etwas davon verlautete, unter seinen Standesgenossen Feindseligkeiten und Spöttereien zuzog. Sein Schwager, der Major von Eggenberg auf Eggenberg, stellte ihn sogar wegen dieser närrischen Schrift, wie er sich ausdrückte, zur Rede; Sylvester schlug es ab, sich zu rechtfertigen, und lächelte nur, als der Major ihm sagte, wenn er einen so unbändigen Tatendrang verspüre, möge er sich doch wählen lassen und als Abgeordneter nach Frankfurt gehen. Der Herr von Bismarck sei ja im Begriff, Deutschlands leibhaftiges Unglück zu werden, und man brauche Männer im Kampf gegen diesen Drachen.

Von so beschaffener Politik wollte Sylvester nichts wissen. Mehr als eine höfliche Teilnahme konnte er denen nicht widmen, die das Räderwerk der Staatsmaschine in Gang setzten; wer gut regierte, war ihm schätzbar, den schlechten Herrn machten eifrige Diener nicht besser. »Ich liebe meine Heimat,« pflegte er zu sagen, »die Erde, die mich trägt und nährt, aber es ist mir gleichgültig, was diese Erde auf den Landkarten für einen Farbenrand hat, und kein Minister kann von mir verlangen, daß ich ihm meine Steuern mit einem patriotischen Jubelgesang bezahle.« Wie so viele aufgeklärte und überlegene Geister verstand er seine Zeit nicht recht. Es schien ihm eine tote Zeit zu sein; eine leere und nüchterne Zeit, eine Zeit der Spießbürger, der schlechten Musik, der schlechten Bücher, der geschmacklosen Möbel und des unfruchtbaren Geschwätzes. Ihm dünkte, man mache nur deshalb soviel Lärm, weil man die Dinge verwirren und die Ideen verfinstern wollte; er glaubte nicht an eine gedeihliche Zukunft, ohne Hoffnung blickte er auf sein Vaterland und ohne Anteil auf die trügerische Erregung seiner Mitbürger, denn alles, was er selbst zu ihrem Besten hatte vornehmen wollen, war schmählich mißlungen.

Dadurch wurden aber sein Lebensmut und seine Heiterkeit keineswegs getrübt. In den letzten Jahren hatte er eine große Vorliebe für Gartenkünste gefaßt, er hatte eine Orangerie gebaut und einen Gärtner aus Richmond kommen lassen; mit diesem beriet er stundenlang über die Anlage neuer Wege, über Pfropfungen und Verpflanzungen. Agathe unterstützte ihn dabei, soweit sie es vermochte, und zu der Ritterlichkeit, die er gegen sie an den Tag legte, gesellte sich Dankbarkeit. Sie war nur um zwei Jahre jünger als er; dieser Umstand machte sie um so mehr zu seiner Freundin; bei jedem vortretenden Anlaß achtete er sie für gleichberechtigt. Es gab auch Zank, denn er war jähzornig und nicht ohne Launen, und Agathe war nicht die Person, die sich sklavisch unterwarf, aber jedesmal fühlte sie sich entzückt durch sein williges Bemühen, ein Unrecht vergessen zu machen, das er ihr zugefügt. Manchmal konnte er sie mit seinen Neckereien bis zu Tränen bringen; dann nahm er am Abend irgendein Buch mit schönen Gedichten und las ihr vor. Im dritten Jahre ihrer Ehe war ihnen ein Kind geboren worden, ein Mädchen; es hieß Silvia, war jetzt sieben Jahre alt und sehr schön. Am Vater wie an der Mutter hing es mit der überschwenglichen Kraft, die der frühen Jugend eigen ist, und mit seiner geschmeidigen Gestalt und seinem heitern Antlitz wandelte er durch die Träume des Kindes wie ein Gott.

 

Von irgendeinem Tage ab, niemand konnte genau sagen von welchem, veränderte sich Sylvesters Wesen ganz und gar. Eine unentschiedene, schwankende, zweifelvolle Stimmung war ihm anzumerken, eine Unlust, die sich bis zur Verdrossenheit steigerte und die Agathe mehr und mehr Besorgnis einflößte. Bisweilen versuchte sie es, ihn aus sich herauszulocken, aber er antwortete nur mit einem Achselzucken und einem fremden Blick. Er hörte auf, sich mit Silvia zu beschäftigen; was er mit dem Kind redete, klang gezwungen und zerstreut.

Umsonst grübelte Agathe über die Ursache der Verwandlung nach. Umsonst ließ sie Leckerbissen für ihn kochen; umsonst machte sie ihm einen englischen Hühnerhund und ein neues Jagdgewehr zum Geschenk; umsonst waren ihre Anstrengungen, ihn aufzuheitern; er schien wie eingemauert. Eines Tages trat sie in sein Zimmer und beobachtete ihn, wie er, den Rücken gegen sie gekehrt, unbeweglich vor dem Spiegel saß. Sie erschrak über den Ausdruck seines Gesichts, den ihr der Spiegel zeigte. Sie näherte sich ihm; er hörte sie nicht. Er hatte den Kopf auf die Hand gestützt, und sein Blick war verloren auf das Ebenbild gerichtet. Sein Auge war voll Schwärze; um die Brauen hatten sich dunkle Entschlüsse geballt wie Wolken um ein Gebirge; aus den Lippen schien eine quälende Frage unhörbar zu dringen. Agathe schlich davon, und als sie den Flur erreicht hatte, rang sie stumm die Hände.

Ein anderes Mal geschah es, daß sie ihn, es war mitten in der Nacht, in der Bibliothek unermüdlich auf- und abgehen hörte. Sie lag im Bett, aber schlafen konnte sie nicht. Je länger sie dem Geräusch seiner Schritte lauschte, je wacher wurden ihre Sinne. Endlich erhob sie sich, umhüllte die Schultern, verließ das Zimmer und ging nacktfüßig die Treppe hinauf. Leise pochte sie, denn sie wollte ihn nicht überfallen, aber als sie die Klinke herabdrückte, merkte sie, daß die Tür verriegelt war. Im selben Augenblick erlosch der Schein in den Ritzen und Spalten, und drinnen wurde es still. Kein Zweifel, daß er das Klopfen gehört, und daß er wußte, Agathe sei es, die vor der Schwelle stand. So genügt also, dachte Agathe, das Bewußtsein meiner Nähe, um ihn mit Furcht zu erfüllen, mit Furcht und mit solchem Abscheu, daß er die Lampe ausbläst, um mich zu verscheuchen.

Am andern Morgen übergab sie das Kind der Pflege ihrer Wartefrau und fuhr zu ihrer Schwester nach Eggenberg. Ihrem Gatten hinterließ sie ein paar Zeilen, des Inhalts, daß sie Sehnsucht nach der Schwester empfinde und sich für die Reise um so leichter entschlossen habe, als sie annehme, daß er ihrer nicht bedürfe und eine Trennung von acht oder zehn Tagen ihm in seiner gegenwärtigen Verfassung vielleicht willkommen sei. Sie lebte bei Schwester und Schwager wie in einem peinvollen Exil, doch stellte sie sich völlig harmlos, und kein Wunsch, drohende Gefahren zu erörtern, war ihr anzusehen; es widersprach dem Grundgefühl ihrer Natur, eine Sache vor andere Ohren zu bringen, die einer nur mit sich selbst und seinem Partner ausmachen kann. Indessen wartete sie von Tag zu Tag auf Nachricht; eine ihr eigentümliche Halsstarrigkeit hinderte sie daran, die Frist zu brechen, die sie sich selbst gesetzt, und als sie nach Verlauf von eineinhalb Wochen wieder in Erfft eintraf, erfuhr sie, daß Sylvester schon vier Tage vorher abgereist war. Er hatte Adam Hund mitgenommen, seinen Diener aus früheren Jahren, den er nach seiner Verheiratung mit einer Aschaffenburger Bierbrauerstochter als Verwalter in Dudsloch angestellt hatte.

Kein Brief, kein Zeichen meldete ihr, wohin er sich gewandt. Frau Österlein, Silvias Pflegerin, erzählte, er sei in der Nacht zuvor an das Bett des Kindes getreten, habe es aus den Polstern gerissen und an seine Brust gedrückt; Silvia habe jedoch fest geschlafen und von dem Zwischenfall nichts in Erinnerung behalten. Fast gleichzeitig bekam Agathe eine Post des Würzburger Bankhauses, worin ihr ordnungsgemäß mitgeteilt wurde, daß Herr von Erfft die Summe von zweitausend Talern behoben habe.

Agathe begab sich in ihr Zimmer, setzte sich hin und wühlte die Stirn in die Winkel beider Arme wie in ein Versteck. Sie schämte sich vor dem Mittagslicht, und die erste Frage an ihr Inneres war, welchen Makel sie auf sich geladen, welche Sünde sie unwissentlich begangen haben könne. Sie war bereit, jeden Fehler in sich selbst zu suchen und hätte sich eines Verbrechens bezichtigt, wenn sie es nur zu entdecken vermocht und dadurch Klarheit erlangt hätte. Das Herz, das ihr am teuersten war, in geheimnisvoller Weise umschleiert zu wissen, dünkte ihr unerträglich. Desungeachtet bewahrte sie vor den Leuten ihre Haltung, und kein Späherauge war imstande, hinter den wohlwollend ernsten Zügen den nagenden Kummer zu bemerken.

So verging eine Woche. An einem Nachmittag stand Agathe im Hof und sprach mit dem Inspektor, da kam der Bote und reichte ihr einen Brief. Ohne zu sehen, spürte sie, daß der Brief von Sylvester war. Diesmal versagte die Selbstbeherrschung: ihre Hand zitterte, ihr Gesicht erbleichte. Sie eilte ins Haus; im Wohnzimmer mußte sie sich an die zugeworfene Türe lehnen und die erregte Brust erst ausatmen lassen, ehe sie die Briefhülle aufriß. Dann las sie, und ihre angespannte Miene wurde mit jeder Sekunde ruhiger, aber auch verwunderter.

Der sonderbare Mann schrieb ihr, als ob es die natürlichste Sache von der Welt sei, daß er sich fern von Haus und Hof befand und als ahne er nichts von Agathes Herzensunruhe. Er wußte seine Mitteilungen in einen anmutigen Stil zu kleiden; es war seine vorzügliche Gabe von jeher gewesen, aber nie früher und nie mit solchem Recht hatte Agathe dieser Gewandtheit so tiefes Mißtrauen entgegengesetzt; die glatten und schmuckhaften Wendungen erschienen ihr wie Lügen, und sie bedurfte der Mühe großer Selbstüberredung, damit die festgegründete Achtung sich nicht verringerte, die sie gegen Sylvester hegte. Er schrieb ihr von gleichgültigen Bekannten, die er getroffen, von der Familie des Präsidenten, wo er diniert, von der Einladung des Großherzogs, nach Karlsruhe zu kommen, von seiner Reiselust, von einem schlechten Theaterstück das er gesehen; dann fuhr er fort: »Ich bewohne zwei elende Zimmer im Gasthof, hoch oben im dritten Stock, denn wegen der Nürnberger Messe ist alles überfüllt. Doch hat mir dieses Ungemach zu einem kleinen Abenteuer verholfen. In dem Fenster gegenüber ist eines Abends ein junges Mädchen aufgetaucht. Wir haben einander in die Augen gesehen wie zwei Wesen von verschiedenen Sternen. Sie ist mehr als jung, das Blut in ihren Adern singt vor Jugend; dabei ist sie melancholisch wie alle Aufwachenden, mit ihren schwarzen Judenaugen klagt sie mir das Leiden von vielen Geschlechtern, und ihre Gebärden sind unbeholfen wie bei Gefangenen. Wenn ich mit de Vriendts Schach spiele, denke ich an sie, wenn ich durch die öden Säle der Residenz gehe, um meine geliebten Tiepolos anzusehen, begleitet sie mich wie eine flehende Sklavin. Rätst du mir, sie zu verführen, Agathe? Sie zu verführen, nur um sie loszuwerden? Ich weiß, du legst auf eine Treue kein Gewicht, die sich nur um des Scheines willen behauptet. Du hältst ja wenig von den Sinnenfreuden, zu wenig vielleicht, um mich ganz zu verstehen. So weit ich Tier bin, duldest du mich, deine Nachsicht ist zu überirdisch, als daß sie mich nicht demütigen sollte.«

Agathe ließ das Blatt sinken und ihre Augen trübten sich gedankenvoll. Das klang wie Ironie; für Ironie fehlte ihr das Verständnis. Nach einer Weile las sie weiter: »Ich war nie der Ansicht, daß Blutstrieb ein Brandmal der Kreatur sei. Soll ich meinen Gelüsten eine Larve aufstecken, mit der sie heuchlerisch in mein Leben grinsen? Liebe ist etwas sehr Weihevolles, aber auch etwas sehr Irdisches, und wir müssen nicht fürchten, gemein zu werden, wenn wir unschuldig genug sind, unsern Körper zu achten. Ich mache mir nichts aus der schmachtenden Orientalin, ich mache mir aus keiner was, es ist nur Begehrlichkeit, und nur lahme Seelen sind begehrlich. Meine Seele ist lahm, Agathe, sie muß geheilt werden. Ich werde meinen Aufenthalt verändern. Wohin ich gehe, kann ich noch nicht sagen; wann ich zurückkehre, kann ich auch nicht sagen. Hab Geduld und vergiß für einige Zeit deinen Sylvester.«

Es war Agathe zumute, als fließe Quecksilber über ihre Finger. Sie faßte nicht die Worte; aus einem vertrauten Antlitz sprach eine unbekannte Stimme; ein böser Geist täuschte die Gestalt eines Freundes vor. Er ist krank, fuhr es ihr durch den Sinn, und da nun Silvia mit groß fragenden Augen vor sie hintrat, als ahne das Kind den Schmerz und Zwiespalt der Mutter und fordere stumm eine entscheidende Handlung, beschloß sie zu ihm zu gehen. Es war Abend geworden, als sie diesen Vorsatz gefaßt hatte, sie schickte zum Inspektor hinüber und bestellte den Wagen. Am andern Tag, in ziemlich früher Morgenstunde, fuhr sie in die Stadt.

Es war um eine Stunde zu spät.

 

Agathe stammte aus einer angesehenen Adelsfamilie, die im Nassauischen begütert war. Ihr Vater hatte lange Zeit in Frankreich gelebt, hatte dann in Deutschland tätigen Anteil an der Revolution genommen und war in den Märztagen durch einen unglücklichen Schuß getötet worden. Sie war die jüngste unter sieben Schwestern, die man wegen ihrer Schönheit die Plejaden nannte. Ihren Gatten hatte sie bei einem Hofball in Darmstadt kennen gelernt, Sylvester stand damals im achtundzwanzigsten Lebensjahr. Er hatte nicht die Absicht, zu heiraten. Er hatte ein Vorurteil gegen die Ehe, das ihm berechtigt schien, weil es durch vielfache Erfahrung und mancherlei Einblick in das Eheleben anderer Menschen erzeugt und erhärtet worden war. Er wollte seine Freiheit nicht verlieren; er hatte Angst davor, an ein Haus, an eine Stube, an einen Tisch gefesselt zu werden; er wünschte nicht, seine Selbstbestimmung einzubüßen; er trug kein Verlangen nach Familienfrieden und ungestörter Idylle, er war zu sehr an die Aufregungen des Ungefährs, an die Zufälle und Abenteuerlichkeiten des Umherschweifens gewöhnt. Er hatte viel von der Welt gesehen, aber doch nicht genug, die Lockrufe in ihm waren noch nicht verstummt. Dies alles sagte er Agathe. Er sagte ihr, daß er nicht für sich bürgen könne.

Allein Agathe wußte ihn zu überzeugen, daß eine gemeinschaftliche Existenz mit ihr zu seinem Glück ausschlagen werde, und je länger er sie kannte, je mehr war er geneigt, ihr zu glauben. Er nahm eine Art von Tatkraft in ihr wahr, die er noch an keinem menschlichen Wesen bemerkt hatte. Es war die Tatkraft gewisser Pflanzen, die aus zartesten Anfängen zu einer unwiderstehlichen Gewalt emporwachsen, mit der sie Abgründe überbrücken und Felsen zerreißen. Dieser nicht zu beirrende Wille machte ihn zum Untertan Agathes, ohne daß er es wußte. Er bewunderte sie, ohne es zu wissen. Sie konnte ihn einfach rauben, denn der Widerstand, den er ihrer Liebe entgegensetzte, hatte seine Quelle in einer sonderbaren Furcht vor ihr, Furcht vor ihrer Entschlossenheit, vor ihrem Mut, ihrer naiven Leidenschaft und dem stürmischen Tempo, in dem sich ihr Geist und ihr Herz bewegten, lauter Dinge, denen er sich nicht gewachsen fühlte. Er war nicht stark in Handlungen, nicht einmal in Überlegungen, nur seine Eindrücke waren von großer Tiefe und Unvergeßlichkeit. Sie liebte ihn mit dem ganzen Ungestüm ihrer Natur. Er ließ sich von ihr lieben, und an diesem Punkt begann seine Schuld. Obwohl er ihre Liebe erwiderte, gab er sie nicht freiwillig her, sondern er gewöhnte sich so daran, sein Gefühl erobern zu lassen, daß er völlig passiv wurde und jeden Zoll zu bezahlen versäumte. Sie verlebten glückliche und reine Tage, aber Agathe bemerkte nicht, daß sie ihrem Mann bequem wurde. Sie schien ihm zur Gefährtin auserlesen, ja er sah in ihr das Wunder einer Gefährtin, aber mit der Zeit wurde ihm dies selbstverständlich. Sie ließ ihm nichts zu erraten übrig, sie enthüllte sich in jedem Augenblick, und in jedem Augenblick ohne Rückhalt und ohne Vorbehalt. Wäre sie nicht so reich erschaffen worden, in seiner Nähe hätte sie bald verarmen müssen, denn alles was in ihm schenken und bauen konnte, wurde ihr gegenüber stumm und lustlos. Trotzdem war ihm ihre Gesellschaft unentbehrlich, die Jahre gingen hin, die aufwachsende und zum Menschen werdende Silvia kettete sie noch fester aneinander, bis eines Tages eine Unruhe in Sylvester erwachte, über die er sich lange keine Rechenschaft geben konnte.

An einem Morgen fing es an, als er in ihr Schlafzimmer trat. Agathe saß vor dem Spiegel und frisierte sich. Dieses Schauspiel habe ich schon viele tausendmal gesehen, zuckte es Sylvester durch den Kopf. Agathe begann von Wirtschaftssorgen zu sprechen, und er hörte nicht den Sinn ihrer Worte, sondern nur den Klang ihrer Stimme. Und irgend etwas in dieser Stimme, sei es der bekannte Tonfall, sei es die bekannte Folge der Worte, erbitterte ihn in einer höchst ungerechten und sein eigenes Gefühl beleidigenden Weise. Er wartete, welche Bewegung sie machen würde und riet im stillen, daß sie den Kopf an einer genau von ihm bestimmten Stelle fassen und auf die linke Hand stützen würde. Es geschah so, und seine Erbitterung verwandelte sich in Widerwillen. Er sah ihre auf den Stühlen liegenden Kleider, die Schuhe, Bänder und Wäschestücke, und jeder einzelne dieser Gegenstände vermehrte seinen unheimlichen Haß. Die Decke ihres Bettes war zurückgeschlagen, und der Geruch des Frauenkörpers, der dem Linnen zu entströmen schien, erweckte keine Begierde oder Zärtlichkeit mehr in ihm.

Von jener Stunde an wuchsen Unlust und Unzufriedenheit beständig in seinem Innern. Daß sie darunter litt, blieb ihm nicht verborgen, und er freute sich dessen; ihm war, als müsse er Rache an ihr üben, ihm war, als hätte er durch Agathe seine Jugend verloren, als wäre sie die Diebin seiner Illusionen und seiner Hoffnungen. Die zehn Jahre, die er an ihrer Seite verbracht, erschienen ihm wie ebenso viele Jahre der Verbannung und der Kerkerhaft. Eine schreckliche Angst vor dem Altwerden packte ihn, und der Spiegel wurde ihm zum Zeugen der Zerstörung. Der Anblick der Furchen auf seiner Stirn und der Unebenheiten seiner Wangen verfinsterte seinen Geist, und oft, wenn er über den Vernichter grübelte, der so tückisch unter der Epidermis wühlte, über dies langsame Hinschwinden und Niederbrennen, erfaßte ihn eine quälende, aber in ihrem innersten Kern beglückende Sehnsucht, die er anfangs nicht zu betäuben versuchte.

Eines Nachmittags saß Agathe mit der kleinen Frau des Inspektors zusammen. Sie schwatzten über Frauensachen, Sylvester hatte am Tisch Platz genommen und las in einem Buch; bisweilen blickte er zu den beiden hinüber und da bemerkte er, daß die kleine Inspektorin ebensooft einen raschen, erkundenden Blick auf ihn warf. Er beobachtete sie schärfer, und sie spürte es sofort, denn sie versteckte die Füße unter dem Kleid, und Schultern und Arme zeigten jene koketten halben Bewegungen, die zu gefallen berechnet sind. Es lag darin etwas Belebendes für Sylvester. Die sinnliche Strömung, die zwischen ihm und dem fremden Weib entstanden war, machte ihn feurig und froh. Er erhob sich und ging an den Frauen vorüber, und er tat es nur deshalb, damit er im Vorübergehen mit seinem Ärmel das Gewand der Inspektorin streifen konnte; in der Sekunde, in der es geschah, glaubte er sie zu besitzen; in derselben Sekunde wurde ihm auch bewußt, daß er fort mußte, fort von Agathe und dem Kind, daß er dadurch seinen Untergang vielleicht herbeiführen würde, daß aber sein Bleiben diesen Untergang nicht verhüten könne. Er stellte sich dann hinter Agathes Stuhl, Agathe schaute zu ihm empor, und sie lächelte vergnügt, weil sie ihn lächeln sah. Aber sein Lächeln galt nicht ihr, es galt der andern, die auch zu ihm aufblickte. Und obwohl ihm Agathes Züge vertraut und angenehm vertraut waren, da ihre Art zu sprechen, zu denken, zu lachen, zu weinen ihnen die ihm allein enträtselbaren charakteristischen Formen verliehen hatte, obwohl ihr Antlitz ihm wie ein Gefäß voll zarter und heiliger Erlebnisse war, die sein Dasein verändert und verschönert hatten, hingen seine Gedanken und Empfindungen doch an dem gewöhnlichen und leeren Gesicht der Fremden, die nichts weiter als hübsch war, hübsch, jugendlich und unbekannt.

Er hatte danach die Inspektorin weder gesprochen, noch hatte er das flüchtige Spiel zum zweitenmal anzufangen versucht. Aber er hatte sich selbst begriffen. Er sah ein Gleichnis für seine Not. Jemand will eine Reise antreten; auf dem Weg zum Bahnhof begegnet ihm ein Freund, der ihm die Reise dringend widerrät; die Gesellschaft des Freundes entzückt ihn, sie verbringen Tage, Wochen, Jahre miteinander, endlich aber schlägt dem Zurückgehaltenen das Gewissen; war es gleich kein bestimmter Auftrag, der ihn einst zu der Reise veranlaßt, so war es doch sein innerer Trieb; ihm ist, als sei er sich selber ungehorsam gewesen, als habe er sich selbst betrogen; ihn peinigt der Gedanke an die Schönheit der Landschaften, die er nicht gesehen hat, an die Möglichkeiten und Aussichten, die ihm entgangen sind, und mag sein gegenwärtiges Glück noch so groß sein, das Gefühl des unwiederbringlichen Verlustes wird ihn nicht zur Ruhe kommen lassen.

Sylvester wollte noch einmal frei sein. Weiß ich denn, an welchem Tag sich die Pforte hinter mir schließen wird? fragte er sich. Weiß ich denn, was mich hinschleudern, kraftlos, wunschlos, müde machen wird? Ihm tauchten Bilder auf von mannigfacher Lockung. Es riefen ihn Stimmen von allen Seiten. Er wollte leben, ohne Ziel und ohne Maß leben. Nicht der Luxus der Städte, nicht Feste und Geselligkeit zogen ihn hin; es kam wie von einem Traum. Ergreifen und ergriffen werden waren Worte, vor denen er wie vor einem Urwald stand. Wenn er an die unendlichen Gestaltungen des Lebens dachte, überlief ihn ein Schauer, den er seit seiner Jugend nicht mehr verspürt hatte. Er taumelte dahin und suchte Platz. Die Vielzahl der Wege berückte seine Augen. Eine wechselvolle Erwartung stürmte wie Brandung in ihm. Es mußten nicht nur lächelnde Gesichter sein, auch Tränen zu sehen war er bereit. Schon ahnte er, wie sein Herz verstrickt wurde; noch ist es nicht zu spät, sagte er sich, noch ist der wunderbare Magnetismus in mir, den ich verloren zu haben gefürchtet. Und darauf eben kam es an. Dies war zu erproben. Seine Seele war erfüllt von einer Schar bunter Genien; wenn er im Walde ging oder einsam lag und vor sich hinsann, gewahrte er Frauen und Mädchen mit schönen Augen und schönen Haaren; sie warteten auf ihn; jede war in einer stillbeschlossenen Bewegung; jede beglückte ihn durch ihre eigentümliche Weise, zu sein. Aber auch die Wirklichkeit hatte einen neuen Zauber für ihn gewonnen: eine, die am Brunnen stand und Wasser schöpfte; eine, die am Fenster ihrer Kammer saß und zum Mond emporschaute; eine, die hinterm Zaun auf ihren Geliebten wartete; eine, die verschleiert in einem Wagen zur Kirche fuhr; eine, die vor seinem Blick errötete und sich dann niederbeugte, um ihr Schuhband zu knüpfen. Jede hatte ihr Geheimnis; die Augen einer jeden Frau waren geheimnisvoll; er liebte ihre Augen bis zum Schmerz; jedes Auge war ihm eine unerforschte Welt; dies war das Göttliche, das Geisterhafte; aber das Sinnliche, das Nahe waren ihre Hände, sanfte, stolze Wesen für sich, sonderbar entkleidet, herrlich gegliedert, unbewußt die gehütetsten Regungen verratend.

Sein Herz verschmachtete nach Zärtlichkeit, denn es war ihm klar geworden, daß er die Leidenschaft nicht kannte. Er hatte geliebt, oft und heftig; er hatte als junger Mann vieles Ungewöhnliche erlebt an Begegnungen, an Hingabe, manche Stunde der Gnade und der Lust, manche Wochen des Rausches, manche Nacht jener halb gern gelittenen Leiden, die traurig und erfahren machen, aber ein Gefühl, das alles bisherige Leben tötet und ein neues dafür schafft, das auflöst und sammelt in einem Atem, von dem jeder zu wissen scheint und zu welchem doch nur Gottes Lieblinge erwählt werden, das kannte er nicht. Er wollte es kennen lernen. Und wenn er heimkehren mußte, ohne es gefunden zu haben, dann wußte er wenigstens, daß es ein solches Gefühl für ihn nicht gab.

 

Die junge Jüdin erschien immer zu einer bestimmten Stunde des Abends am Fenster. Die Gasse, die Sylvester von ihr trennte, war nicht zwei Armlängen breit. Man mußte nur vermeiden, sich über das Sims zu beugen, dann konnte man von den tief unten gehenden Menschen nicht gesehen werden. Nachbarn waren nicht zu fürchten; auf der einen Seite endeten beide Häuser im Straßeneck, auf der andern erhob sich ein Torturm.

Der von einer Lampe erhellte Raum, in den Sylvester täglich schauen konnte, hatte grüne Tapeten; an der gegenüberliegenden Wand hing das Bildnis eines alten Mannes, der einen goldnen Becher in der Hand trug. Sylvester hörte, wie drüben die Uhr tickte; auf ihrem geschweiften Mahagonigehäuse stand ein alabasterner Adler mit ausgebreiteten Flügeln.

Schon am ersten Abend hatte Sylvester das Mädchen beobachtet. Schweren Herzens war er im dunklen Zimmer herumgegangen, zu vergessen gewillt, daß er ein Haus auf dem Rücken schleppte und daß ein Weib ihm folgte, unfühlbar fesselnd; da sah er wie in einem Panorama durch die beiden geöffneten Fenster beider Häuser die an den Tisch hingelehnte Gestalt; eine Hand, die den Kopf stützte, lag im schwarzen Haar vergraben, das Gesicht hatte einen Ausdruck von träumerischem Enthusiasmus, aber die feuchten Augen besaßen die Glut einer Nonne, die sich mitten im Gebet an eine sündhafte Vision verliert.

So sehen sie aus, dachte Sylvester, die Schläferinnen, wenn das Seelchen zwischen Jubel und Qual seiner selbst inne wird. Ein Weib zu belauschen, das sich allein wähnt, das heißt, der Natur ihr am meisten bewachtes Geheimnis zu entreißen, dachte er weiter; wie nackt ist solch ein Seelchen, wie menschenhaft! Bittet und lockt, wenn das Schicksal schweigt, und zuckt und wimmert, wenn es spricht. Er war versucht, sie anzurufen.

Eine leichte Unruhe in den Zügen des Mädchens belehrte ihn über die Kraft, die der ungewußte Blick eines andern auszuüben vermag. Sie erhob sich plötzlich und ging zum Fenster, um es zu schließen. Ihr Körper war enttäuschend klein, in der Senkung der Schultern verriet sich Zaghaftigkeit als eine gewohnte Last. Sylvester beugte sich über die Brüstung, und das Mädchen stieß einen hauchenden Schrei aus; es duckte den Kopf und starrte in das jäh emporgetauchte, unbestimmt erhellte Gesicht des fremden Mannes. Aber er haschte förmlich nach ihr, er hielt sie fest durch Blick und Willen. Er redete; er wußte, daß er nicht laut sein durfte; in zwei Sätzen erriet er sie ganz, ihr Leben, ihre Wünsche, ihre Träume, und sie, nicht ahnend, wie leicht dies sei, umklammerte mit den Fingern den Fensterpfosten und staunte ihn groß an. Die nie Umworbene braucht nur begehrt zu werden, und sie begehrt selbst; sie gleicht dem Schlafwandler, der beim ersten Laut aus Menschenmund sich gefangen gibt; ihre Liebe ist Vorrat, ihre Hingebung der Fall einer reifen Frucht, ein Abenteuer verleiht ihr Bestimmung.

Den Mut zu antworten fand sie noch nicht. Aber es folgten andere Abende. Sie war immer zu dieser Stunde in der Wohnung allein. Sie ging zum Fenster wie ein Hungriger zur Mahlzeit. Sie fragte nicht: wer bist du da drüben? sie glaubte an den unerwartet Erschienenen blindlings. Vielleicht hielt sie ihn für einen jungen Menschen, doch um sie zu täuschen, hätte es der Dunkelheit kaum bedurft, sie sah nur, wonach sie verlangte. Ihre Ausdrucksweise war der eines Kindes ähnlich, ihr Vertrauen zur Welt war durch den Argwohn eines tyrannischen Vaters nur um so schrankenloser geworden. Sie hieß Rahel und sie war achtzehn Jahre alt. Ihr Vater war ein Antiquitätenhändler, und so lange Rahel denken konnte, lebte er einsam mit ihr in diesem schmalen, hohen und finstern Haus. Ihre Mutter hatte sie nicht gekannt, sie wußte nichts von ihr, der Vater sprach nie von ihr. Während des Tages mußte sie bei ihm drunten im Laden bleiben; hinter dem Laden war eine kleine Küche, und dort kochte sie. Es war ihr verboten mit den Menschen zu reden. Wenn es dunkel wurde, sperrte der Vater den Laden zu, schleppte seine Geldtruhe über die drei Stiegen hinauf, und dann ging er zum Gottesdienst. Seine Furcht vor den Menschen grenzte an Wahnsinn. Zitternd lag er in seinem Bett, wenn des nachts die Trunkenbolde auf der Straße lärmten, und stets verzerrte sich angstvoll sein Gesicht, wenn der Bäcker am Morgen die Hausglocke zog. Er bewachte jeden Blick und Atemzug der Tochter; als sie einmal einem Vorübergehenden, der sie um den Weg gefragt, Auskunft erteilt hatte, kauerte er bei ihrer Rückkehr in den Laden in seinem Polsterstuhl und heulte dumpf in sich hinein, so daß sie mit Beteuerungen und ihren eigenen Tränen seinen Kummer stillen mußte. Ohne seine Begleitung durfte sie nicht über die Straße gehen, und er geriet schon in Unruhe, wenn sie die Augen aufschlug. So war ihr die Welt zum verbotenen Fest geworden, und wenn es eine Ungeduld gibt, die Ketten sprengen und Kerkermauern stürzen kann, die ihre war von solcher Art.

Die abendliche Fensterstunde war schon Erlösung; das Beisammensein mit der Straße als Abgrund dazwischen reizte Sylvester zu verwegenen Plänen; Rahel ließ sich genügen, bis sie die schürenden Worte des Freundes besser begriff. Ihr war ja das Wort noch neu; es mußte keimen, vom Mund zum Ohr konnte es noch nicht Beute der Sinne werden, aber von der Nacht zum Morgen schlug es Wurzeln, und dann kam sie erglüht wieder. Sie war ohne die Gabe der Verstellung; ihre Freude, ihre Hoffnung, ihr Erstaunen, alles prägte sich in frische Münze des Ausdrucks um; wenn er ihr Blumen hinüberreichte, wurde sie stumm und bleich vor Dank, und sogleich malte sich die Ratlosigkeit in ihren Zügen, wie sie das Geschenk vor den Augen des Vaters verbergen könne.

Einmal brachte er ihr rote Rosen; sie geriet außer sich; sie hatte nicht gewußt, daß man im November Rosen haben könne, und sie schaute ihn an wie einen Zauberer. Mit einem fast verstörten Entzücken fragte sie wieder, wohin sie damit solle; Sylvester sagte, sie möge sie unter das Kopfkissen ihres Bettes legen, doch eine, bat er, möge sie an ihrer Brust bewahren. Sie nickte, und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht; da verlangte er, daß sie es vor seinen Augen tun solle, aber sie fragte verwundert, weshalb er dies wünsche. Er antwortete nur, indem er seine Bitte dringlicher wiederholte. Rahel schüttelte betrübt den Kopf. Nun stellte sich Sylvester verletzt, und sie, mit erstickter Stimme, beschwor ihn, von solcher Forderung abzulassen. Er entgegnete kalt, ob sie an ihrer Schönheit zweifle, er selbst müsse zweifeln, weil sie sich so ziere, und sogleich machte er Anstalten sich vom Fenster zu entfernen. Als sie sah wie ernst es ihm schien, war sie bereit, ihm zu willfahren, und obwohl ihr anzumerken war, wie sie sich vergebens mühte, den Sinn seines Willens zu ergründen, öffnete sie ihr Gewand und steckte die erblühteste unter den Rosen zwischen das Hemd und den Körper.

Sylvester gewahrte die weiße Haut; dunkel bewegt faltete er die Hände gegen Rahel. Endlich verstand sie ihn. Wie ein Licht strahlte es aus ihren Augen, in dieser Sekunde erwachte das Weib in ihr. Es drängte sie, seine Hinneigung, von der sie Gewißheit zu haben glaubte, zu belohnen und ihm durch eine Tat zu beweisen, daß sie sie verdiene; da streifte sie mit einer keuschen Lässigkeit Kleid und Hemd völlig von den Schultern und der Büste herunter und stand vor ihm wie eine Herme aus Opal. Es sah aus, als ob der Lampenschein ihren Leib durchglühe, und die schöne Rose, deren Stengel noch innen hinter dem Gürtel festgehalten war, glich zwischen den weißen Brüsten einem Wundmal. Ein süß bescheidener Triumph lag in ihrer Haltung, und während Sylvester sie regungslos anschaute, grüßte sie ihn mit einem fast mütterlichen Neigen des Hauptes, dann schloß sie das Fenster und zog die Gardine zu.

Es wird Zeit, dies Gespinst zu Ende zu spinnen, sagte sich Sylvester in einer angenehmen Trunkenheit; es soll mich nicht fesseln, es soll mich nur beschäftigen. Am andern Abend warf er ihr ein Briefchen hinüber, dessen sorgsam berechnete Leidenschaftlichkeit Rahels Herz entflammte. »Komm zu mir,« hatte er geschrieben, »komm, wenn es Nacht ist, komm zu einem Durstigen, du selbst Verschmachtete. Laß mich nicht unwürdig um dich betteln, Glück ist ein schnellbeleidigter Gast, nur einmal wirft es dir den goldnen Schlüssel auf den Weg. Keine Reue ist brennender als die um das Versäumnis. Das Schicksal prüft dich, sei nicht sparsam mit dir, sonst rächt es sich durch einen Geiz, der dich für immer zu fruchtloser Sehnsucht verdammt. Komm, ich warte. Nenn' am Tor meinen Namen, frag' nach meinem Diener, er soll dich über die Treppen geleiten.«

Den Abend darauf stand er wieder am offenen Fenster. Ein kalter Regen fiel. Vom Dom schlug es sieben, es schlug viertel und halb acht, und die dumpfen Schritte der auf der Gasse Gehenden klangen spärlicher. Rahels Fenster blieb geschlossen. Will sie mir nicht einmal Antwort geben? dachte er zornig, und er fühlte wieder jenen bleiernen Überdruß in sich aufsteigen, der ihn solange beherrscht hatte. Aber jetzt knarrte hinter ihm die Türe seines Zimmers. Er wandte sich langsam um. Die Lampe war nicht angezündet, es flackerte nur eine Kerze auf dem Tisch. In dem entstehenden Luftzug wehte der Vorhang wie eine Fahne weit ins Zimmer hinein. Rahel schritt zögernd über die Schwelle, machte leise die Türe zu, blieb dann stehen und drückte die Hände gegen die Brust. Sie heftete die Blicke auf den Boden, und ihr Gesicht hatte einen Ausdruck von Tiefsinn und Verlorenheit.

Sylvester ging auf sie zu und schloß sie in seine Arme. Sie wagte ihn anzusehen; ihre Augen schienen zu flehen: sag' mir, wer du bist. Er spürte den warmen Körper unter dem Gewand, er spürte das zärtlich ungestüme Blut, doch in seine Freude mischte sich eine wunderliche Trauer, und je länger er sie hielt, je kühler wurde ihm ums Herz. Nachdenklich strich er mit der Hand über Rahels Haar, und ebenso nachdenklich küßte er die Schaudernde auf die Stirn und auf die Augen; plötzlich lauschten beide erschrocken. Vom Flur herein drangen streitende Stimmen. Gleich darauf wurde die Türe mit Heftigkeit geöffnet und ein alter Mann mit einem weißen Bart trat ein.

Bei seinem Anblick duckte sich Rahel; ihr Kopf fiel wie gebrochen gegen die Brust. Sylvester wollte den Eindringling zur Rede stellen, aber er begegnete einem Blick voll solcher Raserei, daß ihm der Mut verging und er sich nur mit einer fragenden Miene an seinen Diener Adam Hund wandte, der mit philosophischem Ernst auf der Schwelle stand und einem Wachtposten glich, dem man zu seiner Verwunderung das Gewehr weggenommen hat. Eine Magd und ein Kellner hatten sich in den stattgefundenen Wortwechsel gemengt und spähten neugierig ins Zimmer.

Eine Weile betrachtete der alte Mann stumm seine Tochter. Die unzähligen Falten in seinem Gesicht sahen aus wie Striche auf einem radierten Blatt; die weißen Haarringeln, die von der Stirn herabfielen, waren naß vom Regen. Auf einmal packte er das Mädchen bei den Haaren und warf es nieder; Sylvester und Adam sprangen herzu, aber er rollte die Augen wie ein Wahnsinniger und stieß mit den Füßen nach ihnen. Mit einer Kraft, die ihm niemand zugetraut hätte, schleifte er Rahel an den Haaren zum Zimmer hinaus, über den Flur, über die Stiege hinunter, so daß man die Schuhe der Unglücklichen auf den Stufen klappern hörte, schleifte sie drunten an einigen Leuten vorbei, die versteinert zuschauten, weil das Entsetzliche des Vorgangs jeden Entschluß lähmte, schleifte sie über den Gang bis zum Tor und dann noch über die Straße in sein Haus. Während alles dies mit ihr geschah, hatte das Mädchen nicht einen Laut hören lassen.

Zu spät gewann Sylvester Besinnung und Überlegung zurück. Als er die Treppe hinuntergerannt und vor dem Haus des Händlers angelangt war, hatten sich ungeachtet des strömenden Regens eine Menge Menschen in der engen Gasse versammelt. Sylvester rüttelte an der Tür, sie war verriegelt. In seiner Erregung forderte er die Umstehenden auf, daß sie ihm helfen möchten, das Schloß zu sprengen, doch keiner folgte seinem Geheiß, spöttisch und finster sahen sie ihn an. Da kehrte er um, und als er über die Stiege hinaufging, fand er einen von Rahels Schuhen dort liegen. Er hob ihn auf und nahm ihn mit. In der Wohnung des Juden blieb es den ganzen Abend über dunkel. Niemals erfuhr Sylvester, auf welche Weise der Alte von Rahels Flucht unterrichtet worden war, ob sie ihm selbst einen Hinweis gegeben, ob ihr Gefühl und Trieb sie verraten, ob er die Gefahr mit dem Instinkt der Argwöhnischen gewittert und sie heimlich beobachtet hatte, ehe sie selbst noch gewußt, was in ihrem Innern vorging.

Sylvester benutzte einen Teil der Nacht dazu, um seine Koffer zu packen. Am andern Morgen reiste er ab.

 

Als Agathe in der Stadt ankam, blieb ihr die Beschämung nicht erspart, von den Hotelbediensteten erfahren zu müssen, daß Herr von Erfft abgereist sei. Kaum brachte sie es über sich, zu fragen, ob er nicht eine Adresse hinterlassen habe. Die Antwort lautete verneinend.

Dann stand sie auf der Straße und überlegte. »Zum Baron de Vriendts,« befahl sie dem Kutscher.

Der Domherr Baron de Vriendts wohnte in einem alten palastähnlichen Hause am Residenzplatz. Sie wurde über eine breite, mit roten Teppichen belegte Stiege in einen Saal geführt und übergab dem livrierten Diener ihre Karte. Aus einem entfernten Raum tönte das Spiel einer Orgel. De Vriendts galt für einen großen Liebhaber der Musik, und man erzählte sich, daß eine junge Verwandte bei ihm lebe, manche behaupteten auch, daß es eine Fremde sei, ein elternloses adeliges Mädchen, das eine Virtuosin auf der Orgel war.

In früheren Jahren war de Vriendts häufiger Gast bei Sylvester und Agathe gewesen; jetzt litt er dermaßen am Podagra, daß er nicht mehr sein Zimmer, geschweige denn die Stadt verlassen konnte. Das körperliche Übel hatte auch seiner Umgänglichkeit Abbruch getan; so oft Sylvester in der Stadt gewesen, hatte er gegen Agathe Klagen geführt über die zunehmende Verdüsterung des einst so lebensfrohen Mannes.

Der Lakai kam zurück und sagte, Hochwürden lasse bitten. Sie ging durch ein Zimmer, in welchem Kupferstiche hingen und alte geschriebene Folianten auf schmalen Pulten lagen, und durch ein zweites, in dem sich eine Münzensammlung befand. Dann mußte sie über einen Korridor schreiten, der Diener öffnete die Tür, und eine überheizte Luft schlug ihr entgegen. Bei ihrem Eintritt hörte das Orgelspiel auf, sie vernahm einen raschen, leichten Schritt hinter dem Instrument und sah durch den Spalt einer sich schließenden Tapetentür ein weißes Gewand. De Vriendts lag in einem Polstersessel; seine Füße staken in dicken Verbänden. Auf einem Tischchen vor ihm war ein Schachbrett aufgestellt, und die majestätisch hinrollende Fuge schien ihn nicht daran gehindert zu haben, die Position auf dem Brett zu studieren. Neben ihm in einem Käfig mit versilberten Stäben hockte ein grüner Papagei unbeweglich wie aus Stein; zwischen dem Kamin und der Türe hingen sechs venezianische Marionetten, deren bunte Kleider und wilde Gesichter etwas Gespenstisches hatten. Agathe erschrak bei dem Anblick de Vriendts. Sein Gesicht war eingefallen und aschfahl; die furchtbare Häßlichkeit der Züge wurde nur durch den Ausdruck des Leidens gemildert. Die Entfleischtheit des Kopfes bot einen schaurigen Gegensatz zu dem dicken und aufgequollenen Körper, aus dem hart und laut ein gepreßter Atem brach. Agathe mußte sich Gewalt antun, um ihr Entsetzen, in das sich Abscheu mischte, zu verbergen. De Vriendts lud sie mit einer mühsam liebenswürdigen Bewegung zum Sitzen ein. »Wie jung Sie sind, wie schlank,« sagte er mit einer hohlen, gellenden, angestrengten Stimme, und etwas wie Neid und Haß war in seinen höchst unruhigen Augen.

Stockend brachte Agathe ihr Anliegen vor und fragte, ob de Vriendts nicht wisse, wohin sich Sylvester gewandt habe. De Vriendts zog die Brauen hinauf und erwiderte, er wisse nichts von Sylvester, der seit vier Tagen nicht mehr bei ihm gewesen sei. Er heftete einen mißtrauischen Blick auf Agathe und fragte ein wenig lebhafter: »Ja, ihr lieben Leute, wart ihr denn nicht glücklich miteinander?«

»Ich war der Meinung, daß wir glücklich seien,« antwortete Agathe leise, »aber für das Glück bin ich vielleicht doch nicht mehr jung genug. Mit siebenunddreißig Jahren muß eine Frau verzichten lernen, scheint mir.«

De Vriendts legte den Kopf zurück und mit gleichgültiger Miene schloß er die Augen.

»An wen könnte ich mich nur wenden?« fuhr Agathe ebenso leise fort. »Ich will ja alles hinnehmen, ich will ja warten, aber einen Grund will ich wissen.«

De Vriendts hob jäh den Kopf und sah böse aus. »Wenn Sie den Weg nicht scheuen und übles Gerede nicht fürchten, dann erkundigen Sie sich doch bei Ursanner,« stieß er fast schadenfroh hervor.

»Hat er denn mit Ursanner verkehrt?« fragte Agathe verwundert.

»Nichts natürlicher, als daß einer mit dem Teufel anbindet, wenn er von Gott verlassen ist,« versetzte de Vriendts höhnisch.

Agathe versuchte einzulenken. »Sylvester war in früheren Jahren sehr befreundet mit Achim Ursanner,« sagte sie schüchtern.

»Das mag ja sein, jeder Verbrecher war einmal unschuldig, Ursanner wahrscheinlich auch. Und damit ich's Ihnen nur offen gestehe: als man mir hinterbrachte, daß Sylvester mit diesem Menschen zusammenkommt, habe ich ihn gebeten, mein Haus zu meiden.«

Ein Frösteln lief Agathe über den Rücken.

Das war der jahrtausendalte, unversöhnliche Geist der Kirche, der ihrem Herzen fremd blieb. Sie beschloß, zu Ursanner zu gehen.

Sie schien zu vergessen wo sie war. Vor den Fenstern lag ein dicker Nebel, der das Zimmer mehr und mehr verdunkelte. Die Schachfiguren verloren ihre Farbe und sahen aus wie eine Schar von Gnomen. Es war ein wunderschönes Elfenbeinspiel; die Türme hatten goldene Fähnchen auf ihren Basteien.

Unten auf der Straße zogen Soldaten mit dumpfem Gleichschritt vorüber. De Vriendts hatte Agathes Schweigen geschont, weil er ihr Zeit geben wollte, sich zu sammeln. Nun, da er seiner Christen- und Priesterpflicht genügt zu haben glaubte, veränderte sich sein Wesen völlig. »Sie leben doch, Frau Agathe, Sie leben,« sagte er, und sein Genießermund, der alle Leckerbissen des Daseins gekostet hatte, wölbte sich gierig-schlaff, »ihr Lebenden wißt nicht, was das heißt. Ich, sehen Sie, ich habe nur noch einen Wunsch, ich möchte noch einmal singen hören. Nicht von einem Mann, Männer dürften eigentlich nicht singen. Auch nicht von einer Frau, Frauen sind schon zu erfahren, das himmlische Instrument in ihrer Kehle ist verstimmt. Was ich meine, ist der Gesang vor den Toren des Lebens, der von Sünde und Tod nichts weiß, der die Wollust heiligt und das Blut süßer macht. Wenn ich das noch einmal hören kann, will ich meine letzte Flasche Bocksbeutel entkorken, den ältesten, der so jung und sanft wird mit der Zeit und will ihn schlürfen, bis sich der kleine Rausch in den großen Tod verwandelt hat.« Er griff nach einer Zeitung, die neben ihm lag. »Haben Sie von Gabriele Tannhauser gelesen?«

»Von der Sängerin?«

»Schon nennt man sie die Göttliche. Alle Journale sind voll von ihr. Morgen singt sie in Karlsruhe. Ich werde hinfahren und wenn man mir vorher die Beine amputiert.«

Agathe hatte ein seltsames Gefühl von Scham. Der ekstatische, ja fast irre Blick aus den blaßgrünen Augen des Greises ängstigte sie. De Vriendts beleckte mit der Zunge seine Lippen, faltete die Hände und fuhr mit heiserer Stimme fort: »Haben Sie nie die Erfahrung gemacht, daß man eine Blüte mit anderen Augen ansieht, als mit bloß neugierigen oder bewundernden, wenn man sie noch in der Knospe gesehen hat? Es mag jetzt vier Jahre her sein, im Herbst, da fuhr ich von Rom nach Deutschland und mußte in Augsburg übernachten. Am Abend ging ich durch die Straßen, traurig und verstimmt, da komm' ich ans Theater und lese auf dem Zettel, daß ›Lucia di Lammermoor‹ aufgeführt wird. Die Vorstellung hat schon angefangen, ich kaufe mir ein Billett, und mit geringer Erwartung geh' ich hinein. Das Theater ähnelt einem Stall, überall riecht es nach Öllampen, kaum hundert Personen sitzen schläfrig herum, und das Orchester macht einen Lärm, daß mir die Ohren weh tun. Nicht viel anders sieht es auf der Bühne aus, Akteure und Aktricen sind mit schmierigen Lappen bekleidet und singen zum Steinerweichen. Auf einmal erscheint da ein Persönchen und erhebt seine Stimme und mir ist, als ob Rom ein böser Traum sei und Florenz eine Hölle und Deutschland ein Grab. Mir ist, als juble der süßeste von allen Engeln über die Auferstehung der Toten, mein Herz wird klein und groß, meine Augen füllen sich mit Wasser, die Hände zittern mir, und als der Vorhang fällt, wanke ich hinaus und lese auf dem Zettel: Gabriele Tannhauser. Ich habe sie dann gesehen. Ein jämmerlicher Bursche, den sie Direktor nannten, hat mich hinter die Kulissen geführt. Sie saß auf einem Pappendeckelfelsen und blickte mich mit großen, grauen Augen fremd an. Sie konnte nicht älter als achtzehn Jahre sein. Ich nahm ihre Hand und küßte sie und sagte: später werden Könige dasselbe tun. Sie erhob sich und ihre Augen leuchteten. Es war etwas Erschütterndes in diesem zuversichtlichen und zugleich demütigen Glanz. Ich ging weg wie ein neuer Mensch, und nicht zwei Jahre hat es gedauert, da klang dieser Name aus der Dunkelheit in die beglückte Welt. Nun möchte ich sie noch einmal hören.«

Agathe schwieg. Sie wußte nichts zu sagen. Halb war sie erstaunt, halb von ihren quälenden Gedanken abgezogen. Sie stand auf und verabschiedete sich.

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