Der Mann von vierzig Jahren
Der Mann von vierzig Jahren
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 6 Teile geteilt.
Er wohnte nicht in dem Hotel, dessen Bedienstete vor einem Jahr Zeugen des Auftritts mit der schönen Rahel gewesen waren. Am dritten Morgen trieb es ihn nach dem Gäßchen, in welchem der Laden des Händlers war. Türe und Auslagefenster waren mit Rollbalken versperrt und das ganze Haus machte den Eindruck, als ob es verlassen sei. Indes Sylvester sinnend davor stand, gewahrte ihn der Portier des Gasthofs, erkannte ihn, trat mit einem halb vertraulichen, halb respektvollen Grinsen heran und erzählte, daß seit jenem Tage, der Herr Baron wisse schon, seit welchem, der Alte seine Butike nicht mehr geöffnet habe. Seine Tochter habe den Verstand verloren, sie tue nichts anderes als am Fenster sitzen und stumpfsinnig vor sich hinstarren. Sie habe bloß eine einzige Liebhaberei, man könne es ruhig eine Tollheit nennen: jede Woche einmal gebe ihr der Vater eine Uhr, eine richtige Taschenuhr, die zerstöre sie dann, ziehe die Feder und die Schräubchen heraus und sei glücklich, wenn alle Bestandteile Stück für Stück vor ihr lägen. Der Alte habe mehrere Uhren, die er dann immer wieder zusammensetzen lasse, um der Tochter von neuem eine Freude zu bereiten, denn die Uhr müsse ticken; wenn sie nicht ticke, lasse das Mädchen sie unberührt. »Finden Sie nicht, Herr Baron, daß das eine lustige Art von Verrücktheit ist?« schloß der joviale Mann seinen Bericht.
Sylvester antwortete nicht und ging weiter. In seinem Quartier angelangt, forderte er seine Rechnung und bestellte für den Nachmittag einen Wagen. Sodann verabschiedete er den getreuen Adam, der mit der Post nach Dudsloch fahren sollte. Adam Hund war aufgeregt wie ein Bräutigam am Hochzeitsmorgen und sah aus wie ein lebendiger Beweis für die Hinfälligkeit aller Theorien. Er hatte seinem Weib ein silbernes Armband, einen buntgesprenkelten Schal, ein Paar Filzschuhe und ein halbes Dutzend roter Strümpfe gekauft, und mit diesen Gegenständen in seinem Rucksack dünkte er sich gegen alle künftigen Unbilden an seinem ehelichen Himmel gefeit. Sylvester zahlte ihm den vereinbarten Lohn und schenkte ihm außerdem noch zwanzig Taler.
Um drei Uhr rumpelte die plumpe Kutsche, die ihn nach Erfft bringen sollte, über das holprige Pflaster der Stadt. Plötzlich ergriff ihn eine sonderbare Ungeduld. Auf der kotigen Straße ging es so langsam vorwärts, daß er einigemal ausstieg und mit raschen Schritten weitereilte. Es dämmerte bereits, als er die Häuser von Erfft sah. An der Landstraße befand sich eine kleine Schenke; er befahl dem Kutscher, hierzubleiben und erst in einer halben Stunde nachzufahren, dann schlug er in der beginnenden Dunkelheit einen wohlbekannten Fußpfad ein.
Der Platz vor dem Haus lag öde. In den Stuben brannte noch kein Licht, auch im Flur war es noch finster. Er stieg die Treppe empor; kein Mensch war zu sehen, kein Laut zu hören. Am Ende des Gangs war Silvias Zimmer. Der Lichtschein im Schlüsselloch glich einem Stern. Da trat aus einer Tür zur Linken eine in der Dunkelheit nur umrissene Gestalt. Sylvester blieb stehen. »Bist du es, Agathe?« fragte er leise. Agathe stieß einen Schrei aus und klammerte sich an den Pfosten, als ob sie fliehen wollte und ihr der Weg abgeschnitten wäre. Die Tür von Silvias Zimmer wurde geöffnet und auf der Schwelle erschien Frau Österlein mit warnend erhobenem Finger. Ihr zum Flüstern schon bewegter Mund erstarrte, als sie Sylvesters ansichtig wurde. In dem breit auf den Flur fließenden Lampenlicht konnten Sylvester und Agathe einander in die Augen sehen.
Er reichte ihr die Hand. Stumm und kalt lag ihre Hand in seiner. »Wie geht es dir, Agathe?« Sie antwortete nicht. Matt deutete sie gegen Silvias Zimmer. Sylvester griff sich an die Stirn; fünf Schritte, und er stand vor dem beleuchteten Gemach. Frau Österlein wollte ihm den Eintritt verwehren, er schleuderte sie beiseite. Agathe folgte mit einem dumpfen Lächeln. Als Sylvester vor Silvias Bett auf die Knie gestürzt war und verzweifelt in die vom Fieber aufgeschwemmten Züge des Kindes schaute, als er die lieben, sinnlosen Worte, das erbarmungswürdige Röcheln vernahm, dem gebrochenen, heißen, suchenden, nicht erkennenden Blick begegnete, krampfte er die Hände in das Linnen und fühlte selbst den Tod, der diese Seele seiner Seele bedrohte. Eine Klage, ein Bekenntnis, ein Gelübde, ein irres Gebet, eine Forderung an Gott, ein zerknirschtes Hinsinken, Vermessenheit, die ein Schicksal leugnet, während es sich vollzieht, wie nichtig und niedrig empfand er es selbst, wie glich es dem Zappeln eines Tieres, das zertreten wird!
Agathe legte ihm die Hand auf die Schulter. Er verstand sie, erhob sich und ging hinter ihr aus dem Zimmer. Im Flur sagte sie: »Letzte Nacht glaubten wir schon, es sei aus mit ihr, da begann sie plötzlich zu schlummern. Heute mittag ist das Fieber mit doppelter Gewalt zurückgekehrt. Vorhin war der Doktor hier. Läßt das Fieber in einer Stunde nicht nach, so ist sie verloren.«
Der Inspektor und seine Frau hatten von Sylvesters Ankunft gehört. Sie kamen die Treppe herauf und begrüßten ihn.
Anderthalb Stunden lang saß Sylvester in seinem Zimmer. Um acht Uhr trat Agathe herein und sagte: »Sie schläft.« Sylvester war es, als löse sich ein um seinen Hals geschlungener Strick. Agathe sank in einen Sessel und bedeckte das Gesicht mit den Händen. »Ich bin müde,« flüsterte sie nach einer Weile, »ich habe seit vorgestern kein Auge zugetan. Auch du wirst müde sein. Gute Nacht.«
In seinem ganzen Leben hatte sich Sylvester nicht so allein gefühlt wie an diesem Abend in seinem eigenen Haus.
Das menschliche Dasein setzt sich aus Tagen zusammen, die Tage haben ihre Zeiten, jede der Zeiten hat ihr Erfordernis, Schlaf die eine, Arbeit die andere, Sättigung die dritte, und wer schlafen will, dem muß das Bett gerichtet werden, und wer essen will, dem muß Speise gekocht werden, und wenn nun zwei Menschen unter demselben Dach hausen, sind sie durch kleinliche Bedürfnisse aufeinander angewiesen, und meiden sie sich auch, so sind sie durch die Dinge gebunden; die Sorge des einen lastet auf dem Genuß des andern, das Böse, das zwischen ihnen liegt, wird zerstückt, das Gute, das sie suchen, in unerwartete Bahnen gelenkt, entschiedenes Gefühl bleibt nicht bestehen, der Blick verrät die Absicht, das Wort verdunkelt sie, körperliche Nähe gibt der Atmosphäre eine Beschaffenheit, welche Einfluß auf die Gedanken und Entschlüsse nimmt, und was mutig geplant war, endet in Zweifel und feigem Aufschieben.
Sylvester erfuhr dies. Er war gekommen, um ein Band zu zerreißen; nun umschlang dieses Band in hundert und aberhundert Windungen seine Glieder, und jeder Versuch, sich der Fesseln zu entledigen, erzeugte eine Wunde. Als Silvia wieder ihre Besinnung erlangt hatte und er an ihr Lager treten durfte, nachdem sie vorbereitet worden war, als das Kind ihn wie außer sich umhalste und dabei lachte und weinte und immer wieder sehen und greifen wollte, ob er es denn wirklich sei, wissen wollte, ob er sie noch lieb habe, ob er zu Hause bleibe und vieles sonst, was sie nur stammeln und schluchzen konnte, als ihre Händchen sich stets von neuem nach ihm ausstreckten, sobald er, um ihren Zustand zu schonen, Miene machte, sich zu entfernen, da begann er die Kette und die Wunden, die sie schürfte, zu spüren, und ratlos fragte er sich, was nun geschehen solle.
Kurz darauf kam Agathe in sein Zimmer. »Ich bitte dich nur um eines, Sylvester,« sagte sie; »das Kind darf vorläufig nicht ahnen, wie es um uns steht. Ich will auch nicht, daß zwischen uns etwas besprochen wird, ehe Silvia ganz gesund ist. Wenn wir bei ihr sind, es läßt sich nicht vermeiden, daß wir manchmal alle beide bei ihr sind, müssen wir uns sorgfältig hüten, ihren Verdacht zu erregen. Es würde sie vielleicht töten.« Nach diesen Worten entfernte sich Agathe wieder. Sylvester fragte sich verwundert: »Was meint sie? Was weiß sie? Will sie mir zu verstehen geben, daß sie es aufs Äußerste ankommen lassen wird und will sie mich mürbe machen durch Ungewißheit?«
Doch erstaunte er über ihre Haltung, über ihre Würde. Sie grüßten einander am Morgen, sie sagten einander Gutenacht am Abend, sie unterhielten sich kühl und friedfertig bei Tisch, sie lächelten einander zu, wenn sie an Silvias Bett saßen und spürten, mit wie angestrengter Aufmerksamkeit Silvia sie beobachtete, sie vermochten es sogar, über die durch Sylvester heraufbeschworene Schuldenkalamität sachlich zu verhandeln, und als der Major und seine Frau herüberkamen, um der Rekonvaleszentin einen Besuch abzustatten, spielte Agathe die Komödie einer Gattin, die ihrem Mann einen Fehltritt großmütig verziehen hat und mit ihm in neuen Flitterwochen lebt. Der Major war finster und zurückhaltend; man sah es ihm an, daß er eine Auseinandersetzung wünschte und sie diesmal nur um Agathes willen vermied; Martha war voll Spott über die vermeintliche Dummheit Agathes und zeigte Sylvester eine verächtliche Kälte.
Unzählige Male sagte sich Sylvester: »Ich ertrag es nicht mehr.« Aber es war etwas in Agathe, das ihn niederzwang und gefügig machte. Oft lag ihm ein Wort auf der Zunge, das sie nötigen mußte, ihm Rede zu stehen; es gefror und wurde wesenlos, ehe er den Mund öffnete. Heimlich ging er im Haus herum; heimlich pfiff er dem Hund und wanderte in den Wald; heimlich las er ein Buch; heimlich redete er mit dem Inspektor und gab Anordnungen und Befehle. Agathes rascher, kühner Schritt verfolgte ihn; es knarrten nachts die Dielen unter ihrem Schritt, und sie schlief doch. Unerbittlich schallte ihre tiefe Stimme. Ihr Auge war klar, der Blick fest. Niemals und mit keiner Gebärde rechnete sie auf sein Wohlgefallen und mit Strenge entäußerte sie sich alles dessen, was an weibliche Schlauheit, an weibliche Schwäche und an weibliche Sehnsucht erinnern konnte.
War sie zugegen, so vermochte er den Namen Gabriele nicht einmal zu denken. Der Name enthielt das Fremdeste und zugleich das Vertrauteste, ein auf einem geheimnisvollen Eiland geführtes Märchenleben, Glück und Verzicht, Schuld und Entbehrung. Er liebte sich selbst in diesem aus Herzensangst und Süßigkeit gemischten Gefühl. Sein Geist war in einem beständigen leichten Rausch; er glaubte zu spüren, daß er begehrt wurde, daß sie, die Ferne, mit ihren Träumen an ihm hing und er liebte sich selbst in ihren Träumen. Er sah ihre herrliche Gestalt im dunklen Kleid mit sanft verhaltenen Bewegungen: das junge Mädchen. Sie trauerte. Aber schon nahm die Welt sie auf, der sie angehörte, deren Geschöpf sie war durch ihre Kunst; schon vergaß sie den Mann, der an der Grenze zweier Lebensalter stand und sie um ihre Jugend und ihre Kunst betrügen wollte, vergaß ihre Leidenschaft für ihn, wie man einen Irrtum und die seine, wie man eine schöne Abendröte vergißt. Erste Liebe wählt nicht: das junge Mädchen ist die Kreatur des Liebenden. Kunst ist ein Moloch; sie frißt Seelen und läßt ihrem Opfer nur den Schein der Selbstbestimmung: die Sängerin geht zu den Menschen wie in der Sage die Schwanenjungfrauen in mondhellen Nächten ans Gestade gehen und verdammt und ausgestoßen werden, wenn man ihnen das Zauberkleid raubt.
Sylvester fing an, vieles als Gesetz und Notwendigkeit zu begreifen, was er kurzsichtig als Mißgunst des Geschicks beklagt hatte, und voll Resignation folgerte er, daß sein Leben nutzlos, überflüssig und verbraucht sei.
Eines Abends, es war ungefähr eine Woche nach seiner Heimkunft, saß er mit Agathe beim Nachtessen. Sie waren zum erstenmal allein bei Tisch; bisher hatte Agathe immer den Inspektor und dessen Frau eingeladen. Sylvester aß lustlos und in kleinen Bissen und fand das Beisammensein beklemmend. »Marquardt hat gestern eine Andeutung fallen lassen, daß Achim Ursanner nicht mehr in der Gegend weilt,« sagte er endlich; »das ist mir neu. Ich habe vergessen, den Inspektor deswegen zu fragen. Weißt du etwas Näheres?«
Agathe erzählte, wie sie vor einem Jahr Achim Ursanner besucht habe, wie sich aus einem Gespräch ein Freundschaftsverhältnis zwischen ihnen entwickelt, und wie er einmal im Sommer in Erfft gewesen; wenige Tage später sei das Anwesen in Randersacker abgebrannt und er habe ihr geschrieben. Den Brief wußte sie beinahe Wort für Wort auswendig.
Sylvester runzelte die Stirn. Es war der blanke Widerspruchsgeist, der ihn zu der Bemerkung veranlaßte: »Es scheint mir aber doch, daß der gute Achim ein wenig wie ein Schwärmer und Starrkopf gehandelt hat. Um mit den Menschen zu leben, muß man sich ihrer zu bedienen wissen, nicht aber sie durch kindischen Trotz in Teufel verwandeln.«
»Findest du?« antwortete Agathe ruhig. »Ich dagegen finde, daß er wie ein Mann gehandelt hat.«
Sylvester blickte jäh in ihr Gesicht. Das hatte messerscharf geklungen. »Es gibt vielerlei Arten, wie ein Mann zu handeln,« versetzte er abweisend.
»Nein; es gibt nur eine einzige.«
»Und die wäre?«
»Die ist: durch die Tat bekräftigen, daß außerhalb des egoistischen Wohlbefindens noch etwas anderes, etwas Höheres existiert.«
Sylvester zuckte die Achseln. Nach ein paar Minuten stand er auf, verbeugte sich höflich und ging in die Bibliothek. Er warf sich in den breiten Polsterstuhl und dachte über Agathes Worte nach. Er haßte sie, weil sie den Mut besaß, ihm dergleichen zu sagen; er haßte sie, weil diese ihre Äußerung einen so tiefen Eindruck auf ihn übte; er wäre gern zurückgegangen, um ihr zuzurufen: »Ich hasse dich,« wenn er nicht neben dem Haß etwas empfunden hätte, das ihn klein und befangen machte. Regungslos kauerte er einige Stunden hindurch. Plötzlich richtete er sich empor und rief laut: »Es muß noch heute geschehen. Für uns beide ist kein Raum in demselben Haus.«
Im Speisezimmer war es längst finster. Er hatte der Zeit nicht geachtet und wunderte sich, als er wahrnahm, daß die Mitternacht vorüber war. Da er aber den Augenblick benutzen wollte, der seinem Vorsatz den höchsten Schwung verliehen hatte, betrat er Agathes Schlafgemach, entschlossen, sie zu wecken. Er hatte eine Kerze angezündet und trug sie in der Hand. Als er die Türe geöffnet hatte, war er erstaunt, zu sehen, daß mitten im Zimmer ein gepackter Koffer stand. Agathe schlief fest. Ihr Gesicht war blaß, um die Lider war ein Zug von Müdigkeit. Sylvester zauderte. Er hatte stets Ehrfurcht vor dem Schlaf empfunden. Während er noch überlegte, fiel sein Blick auf den kleinen Schreibtisch und auf einen Brief, der, sicherlich kurz vorher geschrieben, noch offen dort lag. Er setzte sich hin und las: »Das Kind ist Gott sei Dank so weit, daß ich für mehrere Wochen zu Martha fahren kann. Bleibe so lange bei ihm, bis du selber Erfft wieder verlässest. Ich gebe dir die Freiheit. Ich hindere dich nicht, dir ein neues Leben zu schaffen, das deinen Hoffnungen entspricht. Ich sehe ein, daß ich dir nicht mehr genügen kann, und du mußt wissen, daß ich dir die Achtung nicht mehr entgegenzubringen vermag, ohne die eine Ehe zur Hölle wird. Laß dich nicht durch die Sorge um mein ferneres Glück oder Unglück beirren. Ich bin gesund und kräftig, und ein Ereignis, auf das ich solange vorbereitet war, kann mich nicht zerschmettern. Gehorche der Stimme deines Herzens. Möge es zum Segen für dich sein. Die innerlich vollzogene Trennung auch äußerlich in aller Form und tunlichst rasch durchzuführen, darf ich dich wohl bitten. Agathe.«
Sylvester las den Brief dreimal. Da hörte er ein Geräusch und wandte sich um. Agathe war erwacht und hatte sich, den Kopf auf die Hand gestützt, halb aufgerichtet. Schweigend blickte sie herüber; schweigend erwiderte er den Blick. Mit einer unwillkürlichen Bewegung zog Agathe die Bettdecke bis an das Kinn. Kein Vorspiel eines Lächelns war in ihrem Gesicht, aber auch kein Unwillen, kein Befremden, keine Frage, nichts als eine unbeschreibliche Ruhe. Sylvester stand auf, nahm die Kerze und sagte: »Gute Nacht, Agathe.« In ihm tobten die seltsamsten, einander feindseligen Gefühle, aber wenn man ihn auf die Folterbank gelegt hätte, um ihm ein Wort zu entpressen, er hätte nichts anderes hervorbringen können als dieses: »Gute Nacht, Agathe.«
In der Bibliothek griff er blind nach einem Buch. Es war die Bibel. Er schlug eine Seite auf und las unter den Sprüchen Salomonis: Bewahre dein Herz, denn aus demselben quillt das Leben.
Agathe war fort. Wenn Silvia sich nach ihrer Mutter erkundigte, wußte Sylvester nicht, was er sagen sollte, denn das Kind hatte ein Auge, vor dem sich schwer lügen ließ. Oft betrachtete sie den Vater so forschend, als sei sie von der Sicherheit der gegenwärtigen Umstände keineswegs überzeugt. Sie durfte schon aufstehen, mußte jedoch, des harten Winters wegen, das Zimmer hüten. Beim Erwachen war ihr erstes Wort der Vater, ihr letztes Lächeln am Abend war für ihn. Er spielte Kugel- oder Lottospiele mit ihr, oder er setzte sie auf sein Knie und erzählte ihr Geschichten, in denen zumeist von Piraten und Gespensterschiffen die Rede war. Sie hing an seinem Mund mit einem Entzücken, das nicht bloß der Geschichte galt; sie bewunderte seine Stimme, seine Art zu sprechen, seinen Blick und die Bewegungen seiner Brauen. Zartfühlend erriet sie auch jede Stimmung, in der sie ihm zur Last fiel; dann beschäftigte sie sich auf eigene Faust.
So verflossen anderthalb Wochen. Sylvester hatte während dieser Zeit viele Schreibereien, da er jetzt erst die Unordnung überblicken konnte, in die er die Wirtschaft gestürzt hatte. Er korrespondierte mit Agenten, mit Privatbanken, und mit einem reichen alten Onkel, der im Westfälischen lebte und war ernstlich bemüht, seine Torheiten wieder gutzumachen. Bei alledem war seine Lage so sonderbar, daß er immer die Empfindung hatte, er tue etwas ganz anderes als was er hätte tun sollen. Wartete Agathe nicht darauf, daß er fortging? War sie nicht seinem verwegensten Wunsch zuvorgekommen, indem sie ihm schenkte, was er ihr hatte abkämpfen wollen? Wie kam es, daß er blieb? Er begriff sich selber nicht. Zwang er sich zum Nachdenken, so fand er nur Ausflüchte. Eine solche Ausflucht war es, als er sich eines Tages sagte, es bedürfe, um dem unnatürlichen Schwanken ein Ende zu machen, noch einer Unterredung mit Agathe. Er schickte ihr durch den Gärtnerburschen einen Brief, welcher lautete: »Liebe Agathe! Morgen werde ich vierzig Jahre alt. Vielleicht ist dies der Grund eines Zögerns, das dir unerklärlich erscheinen mag. Der Kreuzweg, an dem ich im Solstitium meines Lebens stehe, stimmt mich wider meinen Willen feierlich. Ich kann deinen nächtlichen Brief nicht als einen Abschluß betrachten. Gib mir Gelegenheit, dich noch einmal zu sehen. Wir müssen als Freunde voneinander scheiden. Eine Existenz im Paradies wäre mir vergällt, wenn ich dich entfremdet wüßte. Ich schlage dir vor, daß wir uns morgen nachmittag in Dudsloch treffen, es ist ein neutraler Ort zwischen den feindlichen Lagern. Benachrichtige mich, ob du kommen wirst.«
Agathe trug dem Boten mündlich ihr Einverständnis auf.
Dudsloch war vier Kilometer von Eggenberg und sechs von Erfft entfernt. Es lag in ziemlich ebener Landschaft und war auf drei Seiten von Wäldern umgeben; im Südosten war das Maintal. Mehr eine Meierei als ein Gutshof zu heißen, bestand es nur aus einem einfachen Bauernhaus und einigen Stallgebäuden. Sylvester ritt nach dem Mittagessen hinüber und wurde von Adam Hund mit schwermütiger Herzlichkeit, von Frau Brigitte Hund mit einem mißlungenen Hofknicks empfangen. Frau Brigitte legte Gewicht auf repräsentative Manieren. Daß sie eine Megäre war, erkannte man an ihrer hohen Stimme und an ihrem sauersüßen Lächeln, von dem sie sich einbildete, es sei gewinnend. Adam sah herabgekommen aus; die große Welt, in der er verkehrt hatte, haftete noch an ihm wie, um in seiner eigenen bildhaften Sprache zu bleiben, ein Rosenblatt an einer Mistgabel. Während auf dem beschneiten Weg, der vom Strom heraufführte, Agathe sichtbar wurde, fragte Sylvester, ob die oberen Zimmer ordentlich durchheizt seien; er hatte am Morgen den Stallknecht eigens deshalb nach Dudsloch geschickt. Adam bejahte; man habe auch gründlich lüften müssen, denn die Räume seien so lange versperrt gewesen, daß die Atmosphäre dick und muffig geworden sei.
Davon war noch etwas zu spüren, als Sylvester und Agathe eintraten. Es waren zwei Zimmer, schmal und niedrig wie Käfige, mit gelbgetünchten Wänden und altväterischen Möbeln. Hier hatten sie, weil damals das Erffter Haus umgebaut worden war, die ersten Wochen ihrer Ehe verlebt. Alle beide schienen diese Erinnerung in ihrem Gesicht auszulöschen, als sich ihre Blicke begegneten.
Agathe legte Pelzmantel und Pelzhaube ab, strich ihre Frisur glatt, rückte einen der winzigen Lehnstühle zum Ofen und ließ sich darauf nieder. »Was willst du mir also sagen?« begann sie trocken.
Sylvesters Stirn verfinsterte sich. »Das ist eine ihrer Anwandlungen von hölzerner Verstocktheit,« dachte er ärgerlich. Nach einem Stillschweigen versetzte er, indem er ihr gegenüber Platz nahm: »Ich will dir sagen, daß ich … daß ich keine Freude an mir habe.«
»Warum nicht? Ist denn nicht alles in Erfüllung gegangen, was du begehrt hast?« »Es ist nichts davon in Erfüllung gegangen.«
»Das tut mir leid. Jedenfalls liegt es nicht an mir, wenn deine Pläne fehlgeschlagen sind.«
»Doch, Agathe, an dir, nur an dir.«
»Ich verstehe dich nicht, Sylvester. Was für Opfer soll ich noch bringen?«
»Du willst mich nicht verstehen, Agathe. Ich habe dir ja geschrieben —«
»Du hast mir geschrieben, es sei dir unmöglich, im Bösen von mir zu scheiden. Du legst Wert darauf, daß wir Freunde bleiben. Was soll ich dazu sagen? Ich finde, daß du einen Luxus treibst, der etwas Imponierendes hat. Es genügt dir nicht, für die Befriedigung einer Laune den höchsten Preis zu zahlen, der bezahlt werden kann, du forderst auch, daß diejenige, die hauptsächlich die Kosten zu tragen hat, versichert, es sei nur eine Kleinigkeit, und man sei entzückt. Bin ich wie eine Kuh, die man melkt und auf die Weide treibt und wieder melkt und so fort, bis ans selige Ende?«
Sylvester verfärbte sich. »Jedes Wort, Agathe,« erwiderte er gepreßt, »jedes Wort ist Mißverständnis und Entstellung. Ich befriedige nicht eine Laune, ich habe das Unglück gehabt, eine Katastrophe zu erleben; ich wage kaum, darüber zu sprechen. Meine Stimme versündigt sich an meinem Gefühl. Ich habe nichts zu beichten. Ich liebte ein wundersames Menschenwesen; ich liebte und wurde geliebt. Es war Verkettung von Anfang der Welt her. Hättest du mich in einen steinernen Sarg gemauert, ich hätte ihn zerbrochen und sie gefunden. Ich fand sie, und als ich sie gefunden hatte, verlor ich sie. Ich konnte dich nicht vergessen, Agathe. Wir beide konnten dich nicht vergessen. Was zwischen ihr und mir vorgefallen ist, dürfte ich meiner Tochter erzählen. Du warst so gegenwärtig, wie du es jetzt nicht einmal bist, so mächtig, daß ich vor dir zitterte und wenn wir beieinandersaßen, dachten wir an dich, und unsere Liebe wurde zum Raub an dir. An einem solchen Tag ging sie, und ich habe sie nicht wieder gesehen.«
Agathe senkte den Blick und antwortete lange nicht. »Ich wußte es,« sagte sie endlich wie zu sich selbst, »es ist so, es ist genau wie du es schilderst. Aber was war vorher, Sylvester, ehe du zu ihr kamst? Vorher hast du doch mich und dich, und dein Kind und auch sie, die Geahnte, an alles Niedrigste der Welt verraten? Hab' ich unrecht?«
Sylvester zuckte zusammen. »Ja, es war so,« gestand er zögernd, »ich will es nicht leugnen. Aber wozu die dunklen Labyrinthe aufdecken, in denen die Tiernatur ihre Feste feiert? Ich verteidige mich nicht, Agathe. Wenn du mich anklagst, hast du mich schon gerichtet.«
»Ach, Sylvester, Mann, Mensch,« rief Agathe bewegt, »das wollte mich alles nicht so kränken, wenn du nur offen gewesen wärest, nicht so schief, so verhehlt. Hatte ich mir nicht wenigstens deine Offenheit verdient?«
»Es war nicht Unoffenheit, Agathe. Ich wollte dich nicht hinunterziehen in die — Labyrinthe. Und dann, du warst mir plötzlich so fremd geworden als Weib und zu vertraut als Mensch. Ich war in Gefahr, dich auf andere Weise zu verlieren, wenn ich nicht die Flucht ergriffen hätte. Was man auch Tiefsinniges über die Ehe sagen mag, zuletzt ist sie eine Angelegenheit der Nerven. Das Beste was sie sein kann, ist eine schicksalsvolle Freundschaft zwischen Menschen, die einander nicht stören. Wer mehr von ihr erwartet, belügt sich und wird grausam enttäuscht.«
»Die bunten Gläser, durch die ich einst unser Leben betrachtet habe, sind mir schon lange aus der Hand geschlagen worden,« sagte Agathe bitter.
»Das Unheil der Ehe besteht darin, daß sie vieles zur Pflicht macht, was freie Gabe sein soll,« erwiderte Sylvester. »Wird dadurch nicht jede Gabe verdächtigt, jede Pflicht in Fron verwandelt? Der Anspruch auf Beständigkeit erzeugt Abtrünnigkeit, der Anspruch auf Treue Untreue. Sie legt dem stolzen Mann Fallen, die ihn erniedrigen, und wie soll er aufrichtig sein, wenn er fürchten muß, daß Aufrichtigkeit ein Verhältnis zerstört, das ihm trotz alledem unentbehrlich ist? Denn hier ist etwas Mysteriöses, wovor meine ganze Weisheit verstummt,« fuhr er grüblerisch fort; »ich hatte geglaubt, ich sei nur deshalb zurückgekommen, um mit deiner Einwilligung von dir wegzugehen. Ich kann aber nicht von dir weg, Agathe. Das ist es eigentlich, was ich dir sagen wollte.«
In Agathes Gesicht zeigte sich eine kaum merkbare Erhellung, als ob ein feiner Schleier abgerissen würde. »Wie kannst du denn bei mir bleiben mit der andern im Herzen?« entgegnete sie. »Sie würde dir immer engelhafter und ich immer unzulänglicher erscheinen. Eine solche Rivalität zu ertragen, ist keine Frau fähig. Ich denke, du bist jetzt nicht stark und ehrlich, sondern schwach und gutmütig. So schön eine Brücke ist, so schauderhaft sind mir Notbrücken, besonders wenn sie über stürmisches Wasser führen. Nein, nein, Sylvester, geh du nur hinüber ans andere Ufer; ich bleibe hier, wir wohnen ja doch nicht mehr im selben Land.« Sie zog ihr Taschentuch, um es an die feuchten Augen zu bringen, besann sich aber in einer Regung des Trotzes und drückte es auf den Mund.
»Dann habe ich mich allerdings furchtbar geirrt,« sagte Sylvester. Von allem, was ihm hätte widerfahren können, war ihm das standhafte Sträuben Agathes, das er anfangs dem Gefühl verletzter Würde zugeschrieben, das Unerwartetste. Daß sie ihn liebte, ihn allein, bedingungslos und ohne die Denkbarkeit eines Aufhörens, daran hatte er nicht im mindesten gezweifelt. Ihre Liebe war ihm so selbstverständlich gewesen wie die Luft, die er atmete; er hatte niemals die Möglichkeit erwogen, daß dieser Schatz an Liebe, den er in seltsam gleichgültiger Gewißheit für unerschöpflich gehalten, vergeudet werden könne; wie ein gesunder Körper seine inneren Organe nicht spürt, so hatte er die Kraft und Ausdauer dieser Liebe als etwas Gesetzmäßiges und ein für allemal Geregeltes hingenommen. Die Einsicht, daß dem nicht so war, weckte ihn förmlich auf; er begann anders zu sehen und zu hören; plötzlich erblickte er in Agathe ein Weib, das sich ihm versagte. »Was soll nun werden?« fragte er stockend, »willst du es nicht mehr mit mir versuchen?«
»Du bist Herr in deinem Haus, und ich kann unser Kind nicht im Stich lassen, also muß ich mich deinem Beschluß fügen,« antwortete Agathe hart, und ohne auf Sylvesters beschwörende Gebärde zu achten, sprach sie weiter: »Versuchen? Was heißt das? Du traust mir eine Überlegenheit zu, die ich nicht besitze. Ich bin nicht rachsüchtig, aber ich kann nicht hindern, daß das Erlittene auf mein Gemüt wirkt. Ich glaube nicht mehr an dich, Sylvester. Liegt dir an Verzeihung? Gibst du mir ein Recht, gibt es überhaupt ein Recht zu verzeihen? Dann habe ich dir verziehen seit dem Tag, an dem du kamst. Aber ich glaube nicht mehr an dich. Gern will ich zugeben, daß es von tiefer Bedeutung für dich war, was du erlebt hast. Aber gerade daß du es erlebt hast und daß es eines solchen Erlebnisses bedurfte, um dich zu beflügeln und deiner Seele Schwung zu geben, das macht dich klein in meinen Augen, weil etwas so Unreifes, etwas so Spielerisches und etwas so Zuchtloses darin liegt. Wenn ich dir weh' tue, so vergib; ich mußte es sagen, und ich bin froh, daß es nun gesagt ist.«
»Was aber müßte geschehen, damit du den Glauben an mich wieder gewinnst?« fragte Sylvester tonlos.
»Was geschehen müßte? Ich weiß es nicht. Oder vielleicht doch. Vielleicht müßtest du — es ist schwer, das auszudrücken; ob du mich nur recht verstehst — vielleicht müßtest du Achim Ursanners würdig werden.«
»Achim Ursanners würdig? Wie meinst du das?«
»Es ist mein Gefühl so. Ich finde kein anderes Wort dafür.«
Sylvester erhob sich und ging im Zimmer umher. Es dämmerte schon, und das blaue Schneelicht wurde violett. Die Stille war so groß, daß das Knistern der draußen von den Zweigen fallenden Flocken hörbar war.
»Willst du nicht gleich jetzt mit mir nach Erfft gehen?« wandte sich Sylvester an Agathe. »Martha kann ja deine Sachen morgen hinüberschicken, und Silvia freut sich, wenn du kommst.« Er war bemüht, seiner Haltung und seiner Stimme Ungezwungenheit zu verleihen, jedoch es gelang ihm nicht. Agathe stand ebenfalls auf, sah ihn forschend an und nickte.
Sylvester verabschiedete sich vom Ehepaar Hund. Sein Reitpferd ließ er in Dudsloch und sagte, er werde es am nächsten Tag holen lassen. Dann folgte er Agathe, die vorausgegangen war.
In einem ununterbrochenen Schweigen wanderten sie durch den Winterabend nach Hause.
Mit Hilfe eines mäßig zu verzinsenden Darlehens, das der Major gab, und der Summe von zwanzigtausend Talern, die der westfälische Onkel vorstreckte, brachte Sylvester seine zerrütteten Finanzen einstweilen in Ordnung. Er hatte mancherlei Pläne im Kopf, wollte eine Winzerschule gründen, Dudsloch in eine Zuchtanstalt für Mustervieh umwandeln, studierte die Fachzeitschriften wegen Ankaufs neuer landwirtschaftlicher Maschinen und beschäftigte sich nebenbei wieder mit seiner Liebhaberei für die Gartenkunst. Er war sechs bis acht Stunden während des Tags im Freien, und sein Trachten war, am Abend so müde zu sein, daß er nicht mehr denken konnte.
Wie vor der Unterredung in Dudsloch sah er Agathe nur bei den Mahlzeiten. Sie war freundlich, oft sogar gütig, er hingegen wortkarg und unstet. Wenn Agathe vom Tisch aufstand, blickte er ihr bisweilen wunderlich bittend nach. Es kam vor, daß sie allein in den Wald spazieren ging; beunruhigt folgte er ihr von weitem, versteckte sich hinter Buschwerk, wenn sie umkehrte und war erst zufrieden, wenn er sie wieder in der Nähe der bewohnten Stätten wußte. Einmal blieb sie auf einer Lichtung stehen, schaute zurück und sah ihn, der eben in die Lichtung hinaustrat. Sie wartete, bis er herangekommen war und fragte, ob er zufällig denselben Weg gegangen sei. Er bejahte.
Es war Ende Februar, einer jener milden und tückischen Tage, an denen die ganze Natur um den Frühling zu ringen scheint. Da war es Sylvester, als müsse er von Gabriele sprechen, und er erzählte der stumm lauschenden Frau die Geschichte seiner Liebe mit allen Einzelheiten. Nachdem er dies getan hatte, setzte er sich auf einen Baumstumpf und bat Agathe, sie möge allein nach Hause gehen. »Ach du,« murmelte er verstört, als sie fort war, »du Hochmütige, du Selbstgewisse, du Quälerin, du Zuschauerin. Ließest mich erzählen, zu Ende erzählen, damit es auch wirklich zu Ende sei. Nun ist es zu Ende.« Er blieb sitzen, bis die Nacht anbrach.
Hypochondrie trat in seinem Wesen immer stärker hervor.
Sylvester gehörte zu jenen Männern, die mit zunehmenden Jahren vereinsamen. Er war der Freundschaft fähig gewesen wie wenige, und er hatte seine Freunde einen nach dem andern verloren. In jede solche Beziehung hatte er Ideen und Ideale getragen, und jede war eben daran gescheitert. Er setzte seine Person zum Pfand und wurde mit Almosen abgespeist. Mit der Zeit begriff er, daß nichts in der Welt ärmer macht als Freundschaft zu suchen. Er brauchte geistige Zärtlichkeit, brüderliche Übereinstimmung, und da er zu viel Scharfblick und Menschenkenntnis hatte, um sich mit Surrogaten zu begnügen, wirkte er herrschsüchtig und launenhaft, wo er in seinen Erwartungen enttäuscht wurde. Sinnliche Naturen geraten leicht in einen Zustand der Unbefriedigung, auch der Gesellschaft gegenüber, und die Sylvester eigene Empfindlichkeit war die Ursache, daß er die Menschen gerade dann am meisten abstieß, wenn ihn der Menschenhunger zu ihnen trieb. Er erkannte zu spät, daß er unter einem Geschlecht lebte, welches sich vor der Hingebung fürchtete und dem der Adel des Herzens fehlte. Er fand fast alle Männer nüchtern, leer, gemütsroh und hoffnungslos banal; so hatte er sich an die Frauen gewandt, als ob die Frauen einen glücklicheren Kontinent des Lebens bewohnten; hier halfen ihm Phantasiespiele, und während er eroberte, hatte er die Illusion, zu besitzen. Auch dies war nun vorüber, denn sein Haar zeigte graue Fäden.
Im Lauf des Frühjahrs machte er häufig Besuche in der Nachbarschaft. Er langweilte sich tödlich und kam jedesmal verstimmt nach Hause. Agathe billigte die Urteile nicht, die er über die Leute fällte; sie erinnerte sich des einen als eines anständigen Kaufmanns, des andern als eines verdienten Beamten, des dritten als eines opferwilligen Familienvaters, und die Erbarmungslosigkeit, mit der er Gericht hielt, verletzte sie. Ihm war jeder fremde Mensch ein Feind, ihr war jeder Mensch ein Mensch.
Sie gab Sylvester verloren. Sie sah keinen Weg, wie er sich retten könne. Sie hütete sich aber, ihm ihre Verzweiflung zu zeigen. Oft war ihr zumute, als hielte sie den Mann mit äußerster Anstrengung ihrer Kraft und als müsse er fallen, wenn sie nur mit einem einzigen Gedanken von ihm abließ. Was sie von ihm erwartete, darüber hatte sie nicht die geringste Klarheit, dennoch wußte sie, daß die Glut, mit der sie eine geheimnisvolle Forderung an ihn stellte, nur durch die Erfüllung gelöscht werden konnte. Eher hätte sie ihren Leib hinsiechen lassen, als daß sie einem Anruf der Sinne nachgegeben hätte, um in den schwächlichen, unreinen und ungesicherten Zustand eines Scheinglücks zurückzukehren. Kein körperliches Leiden, seines nicht, das ihn heftig, finster und reizbar machte, und ihres nicht, das hinter einer Schutzwehr von instinkt- und charaktervoller Kälte verborgen war, konnte sie beirren.
Eines Morgens, als Sylvester bei Silvia im Zimmer saß und sie in französischer Grammatik unterrichtete, wurde ihm ein Brief überbracht. Beim Anblick der Schriftzüge auf der Adresse verfärbte er sich, erhob sich sogleich und ging in die Bibliothek. Bebend öffnete er den Umschlag und las:
»Mein teurer Freund! Ich vermute Sie bei den Ihren zu Hause und hoffe, daß dieser Gruß aus weiter Ferne Sie erreicht. Seit sieben Wochen fahre ich hier in Amerika von Stadt zu Stadt, und es ist mir alles so fremdartig, als sei ich nicht ich selbst, und was ich mit den Menschen spreche und wie ich lebe erscheint mir wie etwas Ausgedachtes und Unnatürliches. Bevor ich von England abgereist bin, habe ich mich mit dem Viscount Horace Darrington versprochen, aber wir werden erst heiraten, wenn er von Indien zurückkommt, und das dauert zwei Jahre. Nach diesen zwei Jahren werde ich aufhören zu singen. Ich bin nicht gerade müde; freilich, des Beifalls bin ich müde, der Zudringlichkeit und der Neugier auch, und bange wird mir manchmal bei dem Gedanken, daß ich jeden Abend in ein anderes Bett mich legen soll. Aber es ist nicht das, was meinen Vorsatz, der Öffentlichkeit Adieu zu sagen, erzeugt hat und immer stärker werden läßt; es ist das Gefühl, daß ich gegeben habe, was ich zu geben vermochte und daß alles übrige nur Fertigkeit und höchstens Kunst ist. Heute noch treibt mich eine unbekannte Gewalt, es ist als ob ich etwas verkündigen sollte, morgen vielleicht ist es kein Befehl mehr, sondern bloß Gewohnheit, und das Heilige wird zum Hokuspokus. Heute noch beten und morgen leiern? Das ist meine Sache nicht; wenn mich nicht mehr die Andacht erfüllt, bin ich ein verlorenes Wesen, ein heimatloses Weib und muß vom Leben erbetteln, was die Kunst einem Weib nie und nimmer gewähren kann. Nun weiß ich ein Haus für mich und einen Hüter darin, und was gewesen ist, bleibt in seiner Schönheit bestehen. Ich habe das empfunden, als wir noch beisammen waren; ohne Sie wäre ich blind hingegangen zu der Grenze; in dieser Minute träumend, in der nächsten schon erwacht, hätte ich keinen Weg mehr gesehen und unbefriedigt, mich selbst verkennend, immer wieder zum Traum zurückgewollt. Was könnte ich Ihnen außerdem noch sagen in den armseligen Worten, die ich habe? Vergessen kann ich nicht und wünsche auch nicht, daß irgend etwas hätte anders geschehen sollen. Ich möchte Sie leicht und Ihr Auge hell und Ihr Herz klingend machen, und mir ist, als könnte ich nur glücklich werden, wenn Sie es sind. Man braucht Kraft und Reinheit, um glücklich zu sein, um eins mit sich selbst zu sein. Meine Seele ist voll von Dank für Sie, und ich möchte für das Wort Freund ein noch nie gehörtes Wort finden, damit Sie spüren, wie Sie in und mit mir leben. Schreiben Sie mir nicht, antworten Sie nicht. Es wäre zu früh, es wäre zu wenig Fügung, zu viel Mahnung.
Ihre Gabriele.«
Nachdem Sylvester den Brief gelesen, verließ er das Haus und kehrte erst spät in der Nacht wieder heim.
Sein Dasein erschien ihm nun noch weit zerstückter, und er warf einen Tag um den andern gleichsam weg und zum voraus weg. Ein Aufruf der liberalen Partei erregte flüchtig sein Interesse, er besuchte auch eine Versammlung in Würzburg, aber dann sagte er zu Agathe, die auf dieses Emporraffen in ihm einige Hoffnung gesetzt hatte und nun ihre Enttäuschung kaum verbergen konnte, die Leute seien ohne politische Disziplin, hätten keinen Begriff davon, was dem Lande wirklich nützen könne, und ihr Treiben ekle ihn an.
Bei alledem fühlte er doch, eben was das nationale Leben betraf, eine eigentümliche Spannung in der Luft. Man atmete wie in einem abgeschlossenen schwülen Zimmer, wo man unwillkürlich auf Dinge lauscht, die draußen vorgehen und unwillkürlich Furcht empfindet bei jedem Tritt und jedem Flüstern. Gerüchte schwirrten auf und wurden wieder erstickt. Die einen wollten nicht glauben, die andern hielten sich die Ohren zu. Handel und Gewerbe stockten, und die Börsenkurse zeigten beunruhigende Schwankungen. Männer, die sonst den öffentlichen Angelegenheiten ohne Teilnahme gegenüberstanden, richteten den Blick besorgt auf die Geschehnisse, deren Entwicklung noch ganz im Dunkel verborgen war. Auch Sylvester ertappte sich bisweilen in der Ungeduld eines Zuschauers, der im Theater vergebens darauf warten muß, daß der Vorhang hochgezogen wird.
So kam der Sommer. Eines Tages war der Major zu Tisch in Erfft; nach dem Essen, man hatte über allerlei geredet, sagte er zu Sylvester: »Mein lieber Schwager, wir müssen auf große Dinge gefaßt sein. Es gibt Krieg.«
Sylvester lächelte spöttisch. »Du bist ein so unverbesserlicher Patriot, daß dir ein Zeitungsgeschwätz schon wie Kanonendonner klingt,« antwortete er.
»Na, wir werden sehen,« meinte der Major, »wir werden ja sehen. Übrigens steht in den Zeitungen gar nichts, ich habe nur so meine privaten Nachrichten. Der preußische Gesandte in Paris hat schon vor acht Monaten nach Berlin geschrieben: die Luft riecht nach Pulver. Ich habe viel gegen Bismarck einzuwenden, aber das muß man schon sagen, der Mann versteht seinen Kopf aufzusetzen und wird sich nichts gefallen lassen. Die Franzosen sind teuflisch übermütig geworden und der Kaiser Napoleon sitzt auf einem wackligen Thron, deshalb will er seine Untertanen beschäftigen.«
»Geh mir doch, mein Lieber,« erwiderte Sylvester, »deine Politik schmeckt nach der Stammtischkneipe.«
»Und wenn auch Krieg entstünde,« warf Agathe mit ernster Miene ein, »wie kann man sich über ein so ungeheures Unglück freuen?«
»Verstehst du nicht, warum ich mich freue, Schwägerin?« rief der Major mit einer jungenhaften Begeisterung; »wir werden sie verhauen, die Kerle, wir werden sie windelweich verhauen.«
»Aber du doch nicht,« sagte Agathe lächelnd.
»Nein, ich nicht,« seufzte der Major, »für mich alten Krüppel ist an so was nicht zu denken. Sylvester hingegen, der kann noch seinen Mann stehen.«
Agathe heftete die Augen erschrocken auf ihren Gatten. Sylvester runzelte die Stirn. »Ich befinde mich nicht mehr im Dienstverhältnis zur Armee,« bemerkte er kühl, »und dann würde sich's ja wahrscheinlich um einen Krieg gegen Preußen handeln.«
»Preußen?« fuhr der Major auf, »Himmel und Wetter, mir scheint, er weiß nicht einmal etwas von einem Schutz- und Trutzbündnis. Wenn es losgeht, geht's gegen uns alle, darauf kannst du dich verlassen, und alle werden zusammenhalten, darauf verlaß dich ebenfalls. Wen's juckt in der Faust, der schlägt zu. Den Ofenhockern, na, denen wird eingeheizt.« Er lachte mokant und zündete mit zitternden Fingern seine Pfeife an.
Agathe hielt es für geboten, dem Gespräch eine andere Richtung zu geben.
Drei Wochen später, an einem schwülen Julinachmittag, kam der Inspektor Marquardt in großer Erregung aus Würzburg zurück. Er brachte die Extraausgabe einer Zeitung mit, welche die Kriegserklärung enthielt. Das Blatt ging durch alle Hände, und bald standen Männer und Weiber im Hof und disputierten mit bestürzten und feierlichen Gesichtern. Silvia hatte sich in der Wohnung der Inspektorin befunden. Sie lief zu ihrer Mutter ins Haus. Agathe saß am Klavier. »Mutter, die Franzosen kommen,« schrie das Kind mit aufgerissenen Augen. Agathe stand auf, schaute Silvia erstaunt an und trat ans Fenster. Der Inspektor gewahrte sie. Seine Mütze war in den Nacken gerutscht, die schweißtriefenden Haare hingen ihm in die Stirn. »Gnädige Frau,« rief er, »es wird Krieg! Hurra! Es lebe der König!« Ohne besondere Überschwenglichkeit stimmten einige Knechte in das Hoch mit ein. Nur der rothaarige Gärtnerbursche, der unlängst rekrutiert worden war, tanzte wie ein Indianer und klatschte in die Hände.
Sylvester war nach Kitzingen geritten. Abends um sieben Uhr kam er. Er wußte die Neuigkeit schon. »Überall herrscht großes Entzücken, auch bei den Bauern,« sagte er zu Agathe. »Das Volk ist wie toll. Es überrascht einen doch, so viel überschüssige Lebenskraft wahrzunehmen. Ich hätte es nicht gedacht.« Während der Mahlzeit blieb er einsilbig, und als die Lampe gebracht wurde, las er einen Roman von Balzac. Agathe saß am Fenster. Sie war tief in Gedanken versunken.
»Glaubst du, daß Achim Ursanner im französischen Heer weiterdienen wird?« fragte sie plötzlich.
Sylvester schaute zerstreut empor. »Es ist wohl möglich,« gab er zur Antwort.
»Er, der deutscheste Deutsche!« flüsterte Agathe beklommen.
Der Ausdruck in Sylvesters Zügen wurde gesammelter. Wachsende Unruhe umflorte seinen Blick. »Ja, hier hat das Fatum einen unentwirrbaren Knoten geschürzt,« entgegnete er, fühlte aber, wie matt und künstlich die Floskel klang.
Agathe schwieg.
Die Nacht war so heiß, daß Sylvester, im Bette liegend, nicht einschlafen konnte. Die Uhr in der Bibliothek schlug zweimal, als er sich erhob und seine Kleider anzog, um in den Garten zu gehen. Der Himmel war prachtvoll bestirnt, und auf dem Rasen glänzte der Tau. Die andächtige Stille der Natur berührte ihn schmerzlich, wenn er des Schlachtens gedachte, das morgen, übermorgen beginnen und, wer konnte es wissen, vielleicht auch das friedliche Gefild um ihn her mit Blut düngen würde. Ihn schauderte.
Doch wie er so vor sich hinging, wollte es ihm scheinen, als ob jetzt nicht die Zeit für wehleidige Betrachtungen sei. Es wollte ihm scheinen, daß hier eine große Fügung auf große Empfindungen rechne. Es wollte ihm scheinen, daß dabei die gegründetste Überlegenheit des einzelnen verklauselte Flucht, daß jedes Messen und Erwägen zum Laster der Trägheit wurde. Die Ruhe der Nacht versetzte seinen Geist in eine wunderbare Schwingung. Er spürte den Enthusiasmus so vieler Millionen, spürte, daß sich sein Gemüt der Absonderung begab, um an der allgemeinen Entflammung teilzunehmen. Er hatte kein Recht mehr für sich allein, er hatte nur noch das Recht aller. Seine Augen begannen in der Dunkelheit zu leuchten. Seit langem war ihm nicht mehr so wohl ums Herz gewesen.
Im Bogen um das Orangeriegebäude schreitend, sah er eine weiße Gestalt auf einer Bank sitzen. Es war Agathe. Sie blickte kaum auf, als er sich näherte. Er setzte sich neben sie. »Hat es dich auch herausgetrieben?« fragte er.
Sie seufzte bloß.
»Hör' zu, Agathe,« fuhr er fort, »ich werde morgen nach Erlangen fahren.«
»Nach Erlangen? Aus welchem Grund?«
»Um mich bei meinem Bataillon zu stellen.«
»Du willst —? Sylvester!« Es war ein halb klagender, halb jubelnder Aufschrei. Sie preßte das Gesicht schluchzend in die rechte Hand, die bebende Linke reichte sie ihm. Als sie sich ausgeweint hatte, gingen sie Hand in Hand ins Haus.
Am andern Morgen hatte Sylvester noch vielerlei zu erledigen. Er schrieb sein Testament und traf umsichtige Vorkehrungen wegen der Wirtschaftsleitung. Um elf Uhr kam der Major und war sehr ergriffen, als er hörte, daß Sylvester ins Feld zog. »Es rinnt eben doch ein guter Saft in seinen Adern,« sagte er zu Agathe, die still und bleich dastand; »sein Großvater ist Anno dreizehn bei Leipzig gefallen. So etwas hält nach.«
Der Wagen, der ihn zum Bahnhof bringen sollte, war schon vorgefahren. »Wo ist Silvia?« erkundigte sich Sylvester. Da erschien das Kind mit einer Rose, die sie dem Vater gab. Die hellen Tränen liefen über ihre Backen, aber beim Abschied nahm sie sich heldenmütig zusammen. Agathe wurde immer bleicher. Sylvester umarmte sie, dann fiel sie dem Major ohnmächtig an die Brust. Die Leute vom Gut grüßten ihren Herrn schweigend und voll Ehrerbietung. »Ich weiß gewiß, daß der Vater wieder kommen wird,« sagte Silvia mit gefalteten Händen. Als die Kutsche sich in Bewegung gesetzt hatte, schaute Sylvester noch einmal aus dem Schlag.
Die Züge hatten große Verspätungen, und so langte Sylvester erst am Abend in der Garnison an. Nur mit Mühe fand er in einem Weinwirtshaus Unterkunft. Es war ein Treiben in dem Städtchen, als ob Jahrmarkt wäre. Allenthalben war Musik und Gesang, doch sah man nirgends einen betrunkenen Menschen.
Um sechs Uhr morgens ging er zur Kommandantur und dann auf die Kanzlei des Jägerbataillons. Er war als Sekondeleutnant aus dem aktiven Dienst getreten und wurde in dieser Charge wieder eingereiht. Die Kerntruppe war schon ins Feld gerückt und alle Räume der Kaserne waren voll von Rekruten und Freiwilligen. Beim Exerzieren merkte Sylvester zu seinem Schrecken, wie steif seine Glieder und wie verrostet seine Gelenke waren. Der nächste Truppenabmarsch sollte erst in zehn Tagen stattfinden; bis dahin mußten die jungen Mannschaften eingeschult sein, und die Übungen erschöpften den verweichlichten Körper Sylvesters so sehr, daß er seine ganze Willenskraft nötig hatte, um sich aufrecht zu erhalten. Nicht geringere Überwindung kostete es ihn, den schlechten Geruch in den Stuben, den beständigen Lärm und die beständige Nähe vieler Menschen ertragen zu lernen.
Am fünften Tag schickte ihm Agathe mit einem ihrer Briefe ein Schreiben Adam Hunds. Adam gab darin seinen Vorsatz bekannt, daß er dem Beispiel seines Herrn folgen wolle. »Wo der Herr Baron stirbt, will ich auch sterben,« schrieb er; »ich habe bei den sechsten Jägern gedient wie der Herr Baron. Man wird einen alten Landwehrmann nicht abweisen. Der Krieg ist meine einzige Hoffnung. Wenn mich keine Kugel trifft, bleibe ich Soldat. Denn zwischen mir und meinem Weib steht es dermaßen übel, daß ich keinen Spaß mehr an diesem Leben finde. Ich bin ziemlich sicher, daß mich die elende Kreatur betrügt. Sie hat es mit dem Sohn eines Großbauern. Ich möchte wissen, was dem dummen Teufel an ihr gefällt. Mein Gott, zu all dem Jammer noch die Schande! Da kann nur das Vaterland helfen. Des Himmels Strafe über sie. Ich ziehe von dannen. Bin ich ein gehörnter Ehemann, schön, so werde ich ein um so besserer Schütze sein.«