Der Snob
Dritter Auftritt
Es ist hinten ganz still geworden.
Still? Was haben sie jetzt?
Er kniet zur Erde und versucht, unter dem Vorhang hindurchzusehen:
Wäsche, Fleisch und Gesten. Aber ein Wort ist hier not, das Geständnis, wieviel die Welt dir geklatscht, vom Vater angefangen bis zu dieser Laus. Ich habe einen so bedeutenden Plan angelegt, es aus dir herauszulocken, daß es dir schwer werden soll, ein Tittel für dich zu behalten. Du trittst nicht über die Schwelle meines Namens, Weib, es sei denn, derselbe ist ehrfürchtig und gerührt von dir empfunden.
DIE JUNGFER tritt auf:
Darf ich an den Koffer der gnädigen Frau?
Sie entnimmt demselben einen Gegenstand und verschwindet durch den Vorhang.
CHRISTIAN:
Man ließ mich nicht früher an dich heran, wie man sich selbst verhüllte. Doch heute bist du mir zum Examen ausgeliefert. Mit Finessen will ich rekognoszieren, wo in deiner Familie mein grimmigster Feind sitzt. Er muß mit all seinen Schikanen ans Licht, und sollte ich dein Gewissen bis zum Zerreißen spreizen.
Er stiert in den Koffer:
Was stopfte man dir in die Tasche? Was gibt's in dem Koffer an Büchern? Schmähschriften?
Er zieht ein Buch aus dem Koffer:
Das Neue Testament. Was mag tiefer in den Eingeweiden gegen mich aufgehäuft sein? Das wollen wir bei Gelegenheit bis in die Nieren bloßlegen.
DRITTER AUFTRITT
Theobald im Frack steckt den Kopf durch die Tür:
CHRISTIAN:
Das ist unerhört!
THEOBALD:
Nur einen Augenblick.
CHRISTIAN:
Was gibt's noch?
THEOBALD:
Zärtlichkeit.
CHRISTIAN:
Du bist betrunken.
THEOBALD:
Teilweise. Aber ich bin auch zärtlich. Wollte den ganzen Abend dir einen Kuß hinhauchen, doch erwischte ich dich nicht. Räsoniere nicht, Bengel. Du bist ein Tausendsasa und ich durch und durch stolz auf dich. Du hast mir alle Vorbehalte von der Seele gerissen wie Papierhemden. Als Sieger bist du über meine Meinungen und Prinzipien hinweggegangen. Ich lebte allzeit von Sprichwörtern: Schuster, bleib bei deinen Leisten und so weiter. Du aber ganz einfach aus dir selbst. Wie du heute mit diesen Leuten umgingst, nicht wie mit deinesgleichen, sondern fast von oben herab; wie sie dich voll bodenlosen Respekts anstaunten, und wie du dir so ein adeliges Hühnchen ins Bett holst, das brachte mein Bürgerblut zum Sausen. Da hast du mich weich gemacht; ich sinke hin an deine Brust.
Umarmt ihn.
CHRISTIAN:
Leise, sie ist dort. Bist du nicht betrunken?
THEOBALD:
Teilweise. Aber was ich sage, gilt für voll. Bei Tisch, als alles in Orden prangte, war es dein stolzes Köpfchen ...
CHRISTIAN:
Vater!
THEOBALD:
Stolzes Köpfchen, mein geliebter Junge, wie ich sage. Unsere Mutter hätte dabei sein sollen. Morgenröte, Morgenröte war mein Gefühl, soll man's für möglich halten!
CHRISTIAN:
Ist es denn wahr?
THEOBALD:
In dir ist alles Maskesche um ein paar Löcher weiter geschnallt. Ich seh doch, wie's in den Scharnieren hinaufgleitet. Du hast mich völlig in dir; schweig. Jetzt kommt das Geständnis, eine ehrwürdige Sache. Das sagt sonst ein Vater zum Sohn nicht: Ich bin überflüssig, verschwinde in die Versenkung. Meine Beziehung zur Welt, der höhere Sinn von mir — bist du. Wegjagen wolltest du mich. Hattest es schon eher im Bewußtsein, doch mir schien es Gewaltsache mit Feindlichkeiten. Heute ist es ein angenehm glattes Ding: beiderseitige grenzenlose Zufriedenheit. Johanna geht, und nimmer kehrt sie wieder. Glücklich nach Zürich, große Hauptgasse No. 16. Da lebt Maske als Kanzleirat a. D. und stiert begeistert seinen Sohn an.
CHRISTIAN:
Man kommt!
THEOBALD:
Laß sie. Wir sind jetzt ein und dieselbe Sache. Mach weiter so und keinen Fehler ... Sie haben Mißtrauen, Abscheu, Haß und so weiter; aber sie haben bodenlose Achtung aus Verständnislosigkeit.
CHRISTIAN:
Das sagst du?
THEOBALD:
Auf der Basis einer allgemeinen großen Trunkenheit habe ich mich in ihr Vertrauen geschlichen. Da man das Band des Adlers von Hohenzollern für das Eiserne Kreuz hielt, öffneten sie sich bis in die Eingeweide.
CHRISTIAN:
Und der Alte? Der Lapsus jenes fatalen Tages?
THEOBALD:
Da hatte er wohl Verdacht, und er mag in ihm weitergelebt haben. Da aber heute die Tafelrunde: als schließlich ich mich lichterloh an dir entzündete, ergriff ihn die Flamme gleichfalls. Zudem hatte die rührende Taube da drin das Vaterherz schon vorher mürbe gemacht. Es kapitulierte vollständig.
CHRISTIAN:
Fertig also mit ihnen?
THEOBALD:
Sie sind hin. Und nun greif fester zu. Nicht nachlassen. Auf meine Art hatte ich stets die Überzeugung von der Bedeutung unseres Stammes. Konnte sie aber nur den Allernächsten mitteilen.
CHRISTIAN:
Mir!
THEOBALD:
Und du schnellst uns weiter.
CHRISTIAN:
Ich spannte den Bogen. In meinen Fäusten klirrt die Sehne.
THEOBALD:
Ihr den ersten Pfeil. Triff tief.
CHRISTIAN:
Wir kletten uns fest.
THEOBALD:
Ins Gewebe.
CHRISTIAN:
Ich setze den Trumpf auf. Den Trumpf!
THEOBALD späht durch den Vorhang:
Respekt!
CHRISTIAN:
He?
THEOBALD:
Hehe!
Beide kichern und fallen sich in die Arme.
CHRISTIAN: