Der Wahnsinnige

Friedrich Gerstäcker · Kapitel 13 von 15

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Der Wahnsinnige

12. Der Ausbruch des Vulkans.

12.

Der Ausbruch des Vulkans.

Leifeldt stand noch wie in einem Traume, als ihn Don Gaspar schon mehrere Minuten verlassen hatte, und nur erst der Lärm, den der in seiner eigenen Falle gefangene Don Manuel oben machte, brachte ihn wieder zu sich selber.

Die beiden Peons unten ebenfalls wußten nicht, was sie von dem Allen denken sollten. Ihrer Meinung nach hatte es ihnen kaum anders möglich geschienen, als daß der, der sie da eben so ruhig und gleichgültig verlassen, der Bezeichnete sein müsse, den festzunehmen sie heimlich heute Nachmittag durch Don Guzman de Ribera hierher bestellt waren, und gleichwohl saß der Andere jetzt oben fest, und dieser ging ruhig und ungehindert von dannen. Und Don Manuel? — dem zu gehorchen waren sie doch herbeordert; konnte es möglich sein, daß er selber der Tolle gewesen wäre? —

Der junge Arzt stand indeß noch unschlüssig an der Treppe. Er konnte Don Manuel hier nicht gut hinter Schloß und Riegel sitzen lassen, und gleichwohl hatte er eine kleine Strafe für sein doppelgängiges Wesen verdient; Leifeldt freute sich ordentlich, daß Don Gaspar die Falle gemerkt und auf die Häupter seiner eigenen Verfolger geleitet habe. Langsam schritt er den Gang entlang und der Thüre zu, hinter der dieser schrie und tobte und herausgelassen zu werden verlangte, und seine Wuth wurde noch durch die beiden Peons vermehrt, die unten im Hof jetzt mit offenem Munde standen, zu ihm hinaufschauten und eben durch sein furchtbares Wüthen mehr und mehr darin bestärkt wurden, daß doch wirklich Don Manuel und niemand anders der plötzlich toll gewordene sei, und jetzt hier zu der Stadt Besten im Allgemeinen, und seinem eigenen insbesondere, hinter Schloß und Riegel verwahrt werden sollte. All seine Ausrufungen und Befehle, die er mit vor Zorn halb erstickter Stimme den unten Gaffenden hinunterschrie, konnten dabei nicht dazu dienen, sie vom Gegentheil zu überzeugen, und endlich, der Sache auch eine spaßhafte Seite abfindend, stießen sie sich unter einander mit den Ellenbogen, und sahen sich an und platzten dann gerade heraus in ein nicht enden wollendes Gelächter.

Wie lang diese Scene gedauert haben würde, ist unbestimmt, Don Manuel war aber durch das, was er Spott glaubte, der beiden von ihm selbst besoldeten Männer so in wirkliche Wuth gerathen, daß er schon die Stäbe seines Kerkers gefaßt hatte und in blinder Wuth daran riß und schüttelte, als der junge Arzt seine Thüre erreichte, die beiden von außen vorgeschobenen Riegel zurücktrieb und das Schloß ebenfalls zu öffnen versuchte; das aber widerstand allen seinen Bemühungen und während der Gefangene, der jetzt Jemanden an seiner Thür hörte, dieser zusprang und von innen dagegen schlug und donnerte, anstatt ruhig zu warten bis sie geöffnet sein würde, benahm er Leifeldt vollkommen die Möglichkeit, ihm verständlich zu machen, wie er gerade im Begriff sei ihn wieder in Freiheit zu setzen. Dieser war zuletzt genöthigt, zurück in den Hof zu gehen und einen der Peons zu rufen, ihm zu helfen. Eine der alten eisernen, dort herumliegenden Klammern mit hinaufnehmend, gelang es ihm endlich mit des Peons Beistand, das massive Schloß aufzudrehen und den Gefangenen zu befreien.

Der Peon mußte übrigens, wie sich Don Manuel nur erst einmal vor der Thür und ihm gegenüber sah, machen, daß er die Treppe hinunterkam, denn der gereizte Chilene warf sich in förmlichem Grimm auf den armen Teufel und schien wirklich im ersten Augenblick kaum seiner Sinne mächtig. — Die nächsten heraussprudelnden Fragen war Leifeldt auch gar nicht im Stande so rasch zu beantworten, wie sie sich Luft machten von des zornigen Mannes Lippen, und als auch der Schwede endlich, gereizt von den scharfen zornigen Worten, kurz und trotzig erwiederte, stürmte der Erbitterte fort mit Flüchen und Verwünschungen zwischen den Zähnen, Genugthuung zu holen auf der Polizei für den erlittenen Schimpf.

Es thun das viele Menschen.

Leifeldt sah ihm lächelnd nach, dann aber der Worte gedenkend, die ihm Don Gaspar noch zugerufen, und der eigenthümlichen Aufregung, in der er ihn heute gesehen, entließ er die Peons (der dritte, ebenfalls oben Eingesperrte hatte schon einen anderen Ausgang durch eine Nachbarzelle gefunden) und eilte mit schnellen Schritten zu seinem Hotel zurück, die erwartete Aufklärung des Freundes dort zu finden.

Don Gaspar war noch nicht da, und unruhig durchschritt er den kleinen Raum von dessen Gemach hin und her, Viertelstunde nach Viertelstunde. Bald trat er an das Fenster, hinauszuschauen, bald an die Thür zu horchen, ob sich nicht die raschen Schritte des Erwarteten hören ließen. — Niemand kam, und wie ihm endlich die feste Überzeugung schwand, mit der er bis jetzt den Freund erwartet hatte, tauchte Besorgniß in ihm auf, wohin dieser in seinem überreizten Zustand geeilt sein, was er angerichtet haben könnte. Jetzt zum ersten Mal, obgleich sein Herz kaum an etwas anderes gedacht den ganzen Morgen, als Jennys Schicksal — zuckte ihm auch, wie ein wilder Schmerz, der Gedanke durchs Hirn, Don Gaspar könne dorthin geeilt sein, und was dann waren die Folgen, wenn der Teufel, der in ihm schlummerte, die Lavagluth, auf deren düsteres, furchtbares Leuchten er nur erst einen einzigen entsetzten Blick geworfen, zum Ausbruch käme.

Rasch, und jetzt selber in fieberhafter Aufregung, durchschritt er das Gemach wohl noch zehn Minuten in immer steigender Unruhe, dann aber hielt er es auch nicht mehr aus — es litt ihn nicht länger in dem leeren Raum, und hinaus stürmte er, Newlands selber aufzusuchen und sich zu überzeugen, ob seine Befürchtungen Wahrheit gewesen wären oder nicht.

Laute, ungewohnte Stimmen, und wildes Lachen schallten zu ihm nieder, wie er nur das Haus betrat.

»Um Gottes Willen, was geht hier vor?« rief er der alten Magd entsetzt entgegen, die ihm mit zitternden Händen die Thüre öffnete.

»Don Gaspar,« war Alles, was diese erwiedern konnte, als er auch schon mit flüchtigen Sätzen die Treppe hinaufflog und die Thür aufriß. —

Ein einziger Blick hier bestätigte aber nicht allein seine schlimmste bisher gefaßte Befürchtung, sondern zeigte ihm auch, in welche Gefahr er die ihm liebsten Menschen durch sein unschlüssiges Zaudern gebracht.

Mitten im Zimmer, dicht neben dem großen, runden Tisch, auf den er sich mit der linken Hand stützte, stand der Greis, den rechten Arm um die Tochter geschlungen, die sich halb bestürzt, halb erschreckt an ihn schmiegte und Beide starrten in sprachlosen ja besorgten Staunen nach dem Spanier hinüber, der lachend und stampfend, mit blitzenden Augen und gesträubtem Haar ihnen gegenüber stand.

Keiner von ihnen gewahrte das Öffnen der Thür, den eintretenden jungen Mann, aber die so lang eingehemmte und zurückgehaltene Wuth des Tollen, die jetzt Monde lang unter der äußeren Schaale seines festen eisernen Willens gearbeitet und gegohren hatte, wie ein mächtiger Vulkan seine Gluthen wieder unter der Rinde sammelt, die er sich von seinem letzten Ausbruch selbst geschmiedet, schlug hier zum ersten Mal wieder in wilder Lohe ins Freie.

»Don Luis de Gomez!« schrie er mehr, als er es rief, »Don Luis, er ist hier — er ist hier! Teufel, wenn ich Dich fasse, wenn ich Dich halte — hier — hier zwischen den zusammengeballten Fäusten — hier zwischen den Zähnen und Armen — huih!« — und das Zimmer dröhnte von dem gellenden Aufkreisch des Rasenden. — »Und d a s Dein Weib? — mit dem marmorbleichen Angesicht? — d a s die blühende, liebeglühende Constancia?« fuhr er plötzlich fort, den Arm gegen das zusammenzuckende Mädchen ausstreckend — »d a s die Schlange, die mich nicht einmal im Grabe ruhen ließ mit ihren zaubertollen Reizen — d a s d i e B r a u t« — und zum Sprung, die Schultern zurückgedrängt, die Augen in wildem unheimlichem Feuer glühend, die Arme angezogen, bog er sich nieder, als Leifeldt dazwischen sprang und drohend die Hand gegen den Wüthenden gehoben, ausrief:

»M o r e l o s ! «

»Wahnsinnig!« hauchte Jenny, ihr Antlitz in den Händen bergend, und brach in sich selbst zusammen. Hoch empor aber zuckte der Kranke, und seine Augen flogen wie irre Pfeile von Leifeldts ihm muthig begegnender Gestalt zu dem bleichen, am Boden hingestreckten Mädchenbild, über das der Vater getreten war, mit dem jungen Arzt jede Gefahr von der Geliebten abzuwenden.

Aber diese schien für den Augenblick vorüber, wenigstens von ihnen hier abgelenkt. Des Freundes Anblick riß den Wüthenden in etwas zu der ihn umgebenden Wirklichkeit zurück.

»Leifeldt — Stierna!« rief er, mit der linken Hand rasch und heftig das wirre Haar aus seiner Stirn streichend, »und h i e r ? — h i e r ? — nein, nicht hier — er ist dort, bei i h m , bei i h m « — und ehe Jemand seine Bewegung hätte hindern, ja nur ahnen können, was er beabsichtigte, legte er die Hand auf das Sims des offenen Fensters und war mit e i n e m tollkühnen Satz auf der Straße unten.