Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde, Von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart

Deutsche Literaturgeschichte in einer

 

Stunde

 

Von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart

 

Scherenschnitt - Lesender am Tisch sitzend

 

1 9 2 2

 

D ü r r & W e b e r m . b . H . * L e i p z i g

 

D iese kleine Literaturgeschichte verfolgt weder philosophische noch

philologische Absichten. Sie ist nichts als der Versuch einer kurzen,

volkstümlichen, lebendigen Darstellung der deutschen Dichtung. Die Dichtung

eines Volkes beruht auf dem Eigentümlichsten, was ein Volk haben kann: seiner

Sprache. In diesem Sinne wird und soll sie immer »völkisch« sein. Die deutsche

Dichtung ist vergleichbar einem Baum, der tief in der deutschen Erde wurzelt,

dessen Stamm und Krone aber den allgemeinen Himmel tragen hilft. Es gibt eine

deutsche Erde. Der Himmel aber ist allen Völkern gemeinsam.

 

Blüten vom Baum der deutschen Dichtung mögen vom Winde da- und dorthin

getragen werden. Zu Früchten reifen werden nur die, die am Baum bleiben. Sie

werden im Herbst geerntet werden, und im Schatten des Baumes wird ein ganzes

Volk sich an ihnen erquicken.

J ener germanische Jüngling, der einsam im Eichenwald am Altare Wodans

niedersinkend, von ihm, der jeglichen Wunsch zu erfüllen vermag, in

halbartikuliertem Gebetruf, singend, schreiend, die Geliebte sich erflehte, dessen

Worte, ihm selbst erstaunlich, zu sonderbaren Rhythmen sich banden, die seiner

Seele ein Echo riefen, war der erste deutsche Dichter.

 

Wie eine Blüte brach ihm das Herz in einer Nacht auf, daß es der Sonne

entgegenglühte, eine Schwestersonne. Daß er dem Sonnengott sich als

geringerer Brudergott verwandt fühlte, daß er Worte fand in seinem Munde wie

nie zuvor. Unbewußtes ward bewußt. Liebe machte den Stummen beredt. Er

sang einen heiligen Gesang. Er neigte sich dem Gott, er neigte sich der

Geliebten, er versank vor sich selbst. Himmel, Erde, Mensch verschmolz in

seinem Gedicht. Die Sehnsucht wurde Wort, das Wort wurde Erfüllung. Aller

Dichtung Urbeginn ist die Liebe. Der Weg zur Liebe führt durch Haß und Kampf

und Schmerz. Der Urmensch sang den Haß gegen den Feind, den Feind seines

Gottes und Räuber seines Weibes. Er singt den Schmerz seiner im Weltall

verlorenen einsamen Seele, die dahinfliegt wie ein Meervogel über den Ozean,

und nur die Sonne ist ihre Hoffnung. In ihr verehrt er Gottes Auge, das ihn

beglänzt, jeden Tag neu, nach fürchterlicher Nacht. Und er sieht auch in sich die

ewige Nacht, aus der er nur immer kurz zu Dämmerung und Helle erwacht, und

seine Sehnsucht sucht die Nacht immer mehr mit Licht zu erfüllen. Und das

Licht zeigt ihm den langen mühseligen Weg des Menschen, welcher aus

Finsternis und Sumpf emporführt zu Licht und Gebirg, bis über die Wolken, bis

an Gottes Thron selbst.

 

E ines der ältesten deutschen Sprachdenkmäler ist das W e s s o b r u n n e r

G e b e t , um 800 entstanden, voll großer Anschauung und starker dichterischer

Kraft. Karls des Großen Biograph E i n h a r t († 840) erzählt, daß Karl der

Große alle alten Sagen habe aufschreiben lassen. Leider haben seine

frömmelnden Nachfolger, von unverständigen Pfaffen aufgereizt, dafür gesorgt,

daß derlei »heidnisches« Zeug ausgerottet wurde, wo es sich zeigte.

Unersetzbares ist verloren gegangen. Als Ersatz werden uns blasse, versifizierte

Heiligenlegenden und Christusgeschichten aufgetischt. Unter den Nachfolgern

Karls des Großen blüht, begünstigt von den Priestern, die lateinische Poesie. Da

wir nur von der deutschen Dichtung, dem deutschen Wort sprechen wollen, gehört sie nicht in unsere Betrachtung. Die deutsche Sprache wurde höchstens

dazu verwandt, um dem Laien heilige Texte zu übersetzen.

 

Das stolzeste Epos der Deutschen ist das N i b e l u n g e n l i e d (um 1210). Die

sagenhafte deutsche Urzeit ersteht in den Rittern der Völkerwanderung noch

einmal. Jeder der Helden: Siegfried, Hagen, Gunther ist ein Held seiner Zeit,

aber mit den strahlenden Attributen der Vorzeit umgeben. »Welch ein Gemälde

der menschlichen Schicksale stellt uns das Lied der Nibelungen auf«, schreibt

A. W. von Schlegel. »Mit einer jugendlichen Liebeswerbung hebt es an, dann

verwegene Abenteuer, Zauberkünste, ein leichtsinniger, aber gelungener Betrug.

Bald verfinstert sich der Schauplatz; gehässige Leidenschaften mischen sich ein,

eine ungeheure Freveltat wird verübt. Lange bleibt sie ungestraft; die Vergeltung

droht von ferne und rückt in mahnenden Weissagungen näher; endlich wird sie

vollbracht. Ein unentfliehbares Verhängnis verwickelt Schuldige und

Unschuldige in den allgemeinen Fall, eine Heldenwelt bricht in Trümmer.«

Haben wir nicht alle das Nibelungenlied am eigenen Leib und an eigener Seele

verspürt? Ein unentfliehbares Schicksal hat uns, Schuldige und Unschuldige, in

den allgemeinen Fall verwickelt, und eine Welt ist in Trümmer gebrochen.

 

Das G u d r u n l i e d (um 1230) klingt sanfter, bürgerlicher, versöhnender aus.

Zwar stehen auch hier Gewalttat und Schande am Anfang. Aber das Lied endet

heiter mit einer vierfachen Hochzeit und hellen Blicken in eine rosenrote

Zukunft, da kein Haß und kein Kampf mehr sein wird.

 

D er Minnesang war von Vaganten und fahrenden Sängern gepflegt und in

Volksliedern von Mund zu Mund gegangen, ehe sich, unter dem romanischen

Einfluß der Troubadoure, die deutschen Dichter seiner annahmen und die Frau

als Geliebte und Gattin auf einen goldenen Thron setzten, wie man ihn auf

mittelalterlichen Miniaturen der Madonna mit dem Jesuskinde weihte. Von

Österreich nahm der Minnesang seinen Anfang. Der von Kürenberg sang um

1150 das Lied vom Falken, den er sich mehr denn ein Jahr gezähmt und der ihm

dann »in anderiu lant« entflog. Ein Spielmann, genannt der S p e r v o g e l

(† 1180), dichtete die ersten lehrhaften Sprüche und Fabeln, z. B. vom Wolf, der

in ein Kloster ging und ein geistlich Leben führen wollte. Im Kloster vertraute

man ihm das Hüten der Schafe an. Die Nutzanwendung braucht man einem

Menschen heutiger Zeit nicht besonders nahe zu legen. Derartige Wölfe – und

derartige Schafe sind leider heute verbreiteter denn je.

Von 1160–1230 ritt Herr W a l t e r v o n d e r Vo g e l w e i d e durch die Welt.

Er kam von Tirol, dort, wo die Berge das Eisacktal vom Himmel abschließen,

wo man den Himmel in der eigenen Brust suchen muß. Er trieb seinen mageren,

schlecht genährten Klepper durchs Burgtor von Wien, und die Ritter neigten sich

vor ihm. Im Bischofssitz von Passau erklang sein Gelächter, das er dem Bischof

wie eine Handvoll Haselnüsse an den tonsurierten Kopf warf. Dem heiligen

Vater in Rom war er aus deutschem Herzen feindlich gesinnt: er sah, politischer

Denker der er war, daß die Päpste sehr diesseitige römische Politik und

Diplomatie trieben, der die deutschen Kaiser sich selten genug gewachsen

zeigten. Er stand auf der Wartburg und sah hinab auf das thüringische und

deutsche Land. Wie blühte der Frühling, wie sangen die Amseln! Unter einem

Wacholderstrauch lagen zwei Liebende. Unter der Linde stand ein fahrender

Geiger und geigte zum Tanz. Ein schönes Fräulein lächelte seitwärts,

selbstvergessen. Da lächelte Walter von der Vogelweide. Er bückte sich und

wand in Eile mit geschickten Fingern einen Kranz aus Butterblumen, die

zwischen den Steinritzen auf dem Burghofe blühten, nahm den Kranz, sprang zu

dem errötenden Mädchen, verneigte sich und sprach:

 

Nehmt, Fraue, diesen Kranz,

So zieret ihr den Tanz

Mit schönen Blumen, die am Haupt ihr tragt.

 

Und der alte Geiger, mit dem Totenkopf zum Tanz taktierend, strich den Bogen.

Tod spielte zum Leben auf. Der Ritter tanzte mit dem Fräulein. Sie hieß Maria

wie die Mutter Gottes selber und war ihm Gottesmutter, Gottesschwester,

Gottestochter all in eins.

 

Mit Friedrich dem Zweiten ritt Walter von der Vogelweide 1227 auf den

Kreuzzug. Er haßte die Pfaffen und den falschen Gott in Rom. Er wollte den

wahren Gott von Angesicht zu Angesicht sehen. Er sang den Kreuzfahrern das

Kreuzlied. Und am heiligen Grab sank er ins Knie: Jetzt erst bin ich beseligt, da

mein sündig Auge die heilige Erde betrachten darf.

 

Dahin kam ich, wo den Pfad

Gott als Mensch betreten hat.

 

Ernst und wie von einer Wolke beschattet, kehrte er aus dem heiligen Lande

heim. Es war Frühling in ihm gewesen, als er auszog. Palästina war sein Sommer

geworden. Nun sah er Herbst und Verwesung, Elend und Bitternis überall. Die

Nebelkrähen hingen in Schwärmen über dem deutschen Land. Und in Würzburg war es, wo er, den Blick auf den fließenden Main gerichtet, sein letztes Gebet

dichtete: jene schönste Elegie deutscher Sprache: Owê war sint verswunden alliu

miniu jâr! Im Lorenzgarten, vor der Pforte des neuen Münsters, wurde das

Sterbliche von Walter von der Vogelweide 1230 bestattet. Die letzte Zeit vor

seinem Tode hielt er sich von den Menschen fern: er stand stundenlang am Main

und fütterte die Vögel und die Fische mit Brotkrumen. Und in seinem Testament

bestimmte er, daß aus seiner Hinterlassenschaft mehrere Säcke Körner zu kaufen

seien und daß auf seinem Grabe die Vögel stets Körner und Wasser vorfinden

sollten.

 

Noch im Tode wollte er seinem Namen Ehre machen: sein Grab noch sollte den

Vögeln eine Weide sein. Lest seine Liebeslieder, ihr Liebenden! Klausner

Schwermut, weise uns die Kapelle seiner Melancholie! Wo im kahlen Winter ein

frierender Vogel hungrig an eure Fensterscheiben pickt: gebt ihm zu fressen,

gedenkt des Herren von der Vogelweide! Solange die deutsche Dichtung besteht,

wird sein Name unvergessen sein. Her Walther von der Vogelweide, swer des

vergaez', der taet mir leide, rief 1300 Hugo von Trimberg über sein Grab.

 

D ie Blume der deutschen Mystik keimte zuerst in den Klöstern. Schwester

M e c h t h i l d v . M a g d e b u r g (1212 bis 1294) schrieb ihr Buch vom

fließenden Licht der Gottheit: voll seliger Versunkenheit in Christo. In ihren

Ekstasen sah sie Jesus als schönen Jüngling (Schöner Jüngling, mich lüstet dein)

ihre Zelle betreten, er war ihr wie ein Bräutigam zur Braut, und ihre

himmlischen Sprüche sind wie irdische Liebeslieder. Ihre Gottesminne (Eia,

liebe Gottesminne, umhalse stets die Seele mein!) war der Gottesminne des

Wolfram tief verwandt. Die reine Minne (nicht jene höfische oder ritterliche oder

bäurische Minne) galt ihr als oberstes Prinzip. »Dies Buch ist begonnen in der

Minne, es soll auch enden in der Minne; denn es ist nichts so weise, so heilig,

noch so schön, noch so stark, noch also vollkommen als die Minne.« Mechthild

von Magdeburg ist trunken vor Askese. Ihr Geist kennt die Wollust des

Fleisches. Jesus ist ihr zärtliches Gespiel und sie seine Tänzerin. M e i s t e r

E c k h a r d (1260–1327, gestorben in Köln), ihr mystischer Bruder, verhält sich

zu ihr wie ein Kauz oder Uhu zu einer Libelle. Ihr Leben und Dichten war ein

Schweben und Ja-sagen, das seine ein tief in sich Beruhen und ein Ent-sagen. Er

liebte das Leid um des Leides willen: jeder Schmerz war ihm eine Station zum

Paradies. Er riß die Wunden, die in ihm verheilen oder verharschen wollten, künstlich wieder auf: daß nur sein Blut fließe. Seine Gedanken scheinen

verschleiert, ja manche haben dunkle Kapuzen übers Haupt gezogen und sind

unerkennbar. Sein Buch der göttlichen Tröstung ist ein Trostbuch für die, die am

Tode und am Leben leiden. Ein Trostbuch rechter Art will auch der »Ackermann

aus Böhmen« sein, den J o h a n n e s v o n S a a z 1400 in die Welt schickte.

Der Dichter kleidet seine Trostschrift in die Form eines Zwiegesprächs zwischen

einem Witwer und dem Tod. Der Witwer fordert vor Gericht (dem Gottesgericht)

sein Weib von dem Räuber und Mörder Tod zurück. »Schrecklicher Mörder aller

Menschen, Ihr Tod, Euch sei geflucht! Gott, der Euch schuf, hasse Euch; Unheils

Häufung treffe Euch; Unglück hause bei Euch mit Macht; ganz entehret bleibt

für immer!« so beginnt der Kläger seine Klage. Und der Tod antwortet: »Du

fragst, wer wir sind: wir sind Gottes Hand, der Herr Tod, ein gerecht schaffender

Mäher. Braune, rote, grüne, blaue, graue, gelbe und jeder Art glänzende Blumen

und Gras hauen wir nacheinander nieder, ihres Glanzes, ihrer Kraft und Vorzüge

ungeachtet. Sieh, das heißt Gerechtigkeit.« In immer verzweifelteren

Ausbrüchen pocht der Mensch, aller Menschheit Abgesandter, an das Rätsel des

Todes, der ihm sinnlos wie ein Mäher im Herbst unter den Menschen zu hausen

scheint, das Glück des Liebenden und die Tat des Künstlers, die Stellung des

Königs nicht achtet, bis Gott selbst das Urteil spricht: »Kläger, habe die Ehre, du

Tod aber, habe den Sieg! Jeder Mensch ist dem Tode sein Leben, den Leib der

Erde, die Seele uns zu geben verpflichtet.«

 

M it den Minnesängern wurde die deutsche Literatur sich ihrer bewußt. Zwar

gab es noch nicht das Wort, aber der Begriff war vorhanden. Die öffentliche

Kritik trat auf: es waren die Fürsten, die als Mäzene das erste Recht der

Beurteilung für sich in Anspruch nahmen. Die Themen, die H a r t m a n n v o n

A u e († 1215) in seinen kleinen Epen anschlägt, sind von schönster Intensität: in

»Gregorius« überträgt er den Ödipusstoff auf ein mittelalterliches Milieu.

Gregorius liebt und heiratet unwissentlich seine eigene Mutter. Als er die

Schande erfährt, sucht er die Sünde zu sühnen, indem er sich prometheisch an

einen Felsen schmieden läßt. Nach siebzehn Jahren unerhörter Qual erlösen ihn

die Römer; er wird von ihnen im Triumph ob seiner Heiligkeit auf den

verwaisten Papstthron erhoben und spricht, unfehlbar geworden durch sein

titanisches Leid, die eigene Mutter ihrer Schuld ledig.

 

Im »Armen Heinrich« bemächtigt sich Hartmann eines deutschen Stoffes. Ein Ritter wird vom Aussatz befallen. Ein Mittel nur gibt es, ihn zu retten: das Blut

einer unberührten Jungfrau. Aus Liebe zu ihm erbietet sich ein Mädchen, für ihn

zu sterben. Aber der arme Heinrich nimmt das Opfer nicht an: trotz teuflischer

Versuchung. Da erbarmt sich auf Flehen des Mädchens Gott der Liebenden: er

macht den armen Heinrich gesund und zum reichen Heinrich durch den Besitz

der Geliebten.

 

Ein jüngerer Zeitgenosse von Hartmann ist W o l f r a m v o n E s c h e n b a c h

(etwa 1170–1250), ein Bayer aus Eschenbach bei Ansbach. Er war ein armer

Teufel wie Walter von der Vogelweide, mit dem er am Hofe des Landgrafen von

Thüringen öfter zusammentraf. Als er 1217 dem Hofleben für immer den

Rücken wandte, und auf sein kleines Gut heim zu Weib und Kind ritt, vollzog er

eine symbolische Handlung. Er kehrte wirklich heim: zu sich, in sich. Er hatte

die höfische Minne, die schon einen eigenen Komment entwickelte, dessen

Verstöße unnachsichtlich geahndet wurden, von Herzen satt und sehnte sich nach

einem einfachen, ungezierten Wort aus unverzerrtem Frauenmund. Nach Lippen,

die ohne Anfragung einer Etikette auf den seinen lagen, nach einem Herzen, das

ihm herzlich zugetan war. Nach einem Kinde, das nicht »Fräulein« oder »junger

Herr« tituliert wurde, sondern mit dem er reiten und jagen und spielen durfte wie

mit sich selbst. Er hatte 1200–1210 in 24810 Versen im »Parzival« den

Ritterroman der Deutschen geschaffen, er hatte ihnen den Spiegel vorgehalten.

Aber es war schon eine vergangene edlere Zeit, die sich in ihm spiegelte. Der

Dichter ist oft nur der Vollstrecker des letzten Willens einer Epoche, der er schon

längst nicht mehr angehört. Der Stoff ist französischen und provenzalischen

Vorbildern entnommen. Die Idee der Erlösung: christlich. Aber der Leidens- und

Freudensweg, den Parzival gehen muß, seine Entwicklung vom ahnungsvollen,

aber ahnungslosen Kind zum seiner Seele bewußten Mann ist ganz Wolframsche

Prägung. Er ist den Weg des Knaben Parzival selbst gegangen.

 

G o t t f r i e d v o n S t r a ß b u r g (um 1210), Wolframs größter Zeitgenosse,

war auch sein größter Gegner. Er fand den Parzival dunkel und verworren, ohne

einheitliche Handlung und stellenweise schwer verständlich. Im Tristan stellte er

dem Parzival sein Ritterepos gegenüber: von einer leidenschaftlichen Klarheit

des Themas und der Formulierung und trotz der Leidenschaft nicht ohne

Zierlichkeit und Zartheit. Er hatte von seinem Standpunkt mit der Beurteilung

des Parzival recht. In Wolfram und Gottfried spitzten sich, wie später bei Goethe

und Schiller, zwei dichterische Typen bis ins Polare zu: der Pathetiker und der

Erotiker. Wolfram-Schiller, das besagt: Kampf, Forderung, Dornenweg,

Verblendung und Erlösung, Gottesminne, Jenseits. Goethe-Gottfried, das heißt: Sein, Genuß, selbst des Schmerzes, Blumenpfad, Sonnenblendung, Glanz und

Erfüllung: Menschenminne, Diesseits.

 

W ährend die von Walter, Gottfried usw. geschaffene Kunstdichtung

entartete, erlebte die deutsche Volksdichtung, das Volkslied und das Märchen, im

15. und 16. Jahrhundert ihre üppigste Blüte. Die schönsten der von Herder,

Arnim und Brentano, Erk und Böhme später aufgezeichneten Volkslieder sind

damals entstanden. Die Dichter der von den Gebrüder Grimm gesammelten

Kinder- und Hausmärchen wandelten als Gumpelmänner, Vagabunden und Gott

weiß was durch die deutschen Lande. Ihnen waren Tier und Blume, Berg und

Teich wie Bruder und Schwester vertraut. Sie hatten kein ander Bett als die Erde,

keine andere Decke als die Sternendecke des Himmels. Ein verlassener

Ameisenhaufen war ihr Kopfkissen. Eichhörnchen hüteten ihren Schlaf, und der

war voll von Träumen wie ein Kirschbaum im Juni voll von Kirschen. Da gaben

sich der Froschkönig, die Bremer Stadtmusikanten, der Teufel mit den drei

goldenen Haaren, der Räuberhauptmann, Frau Holle, Daumerling, Doktor

Allwissend, das kluge Schneiderlein, der Vogel Greif und viele andere

wunderliche und seltsame Wesen ihr heimliches Stelldichein. Und der Vogel

Greif schnaufte: »Ich rieche, rieche Menschenfleisch …«, aber dann ließ er sich

doch von seiner Frau übertölpeln (wie listig sind die Frauen, wenn sie lügen!).

Die neidische und eitle Königin befragte den Spiegel an der Wand:

 

Spieglein, Spieglein an der Wand,

Wer ist die schönste im ganzen Land?

 

Und der Spiegel antwortete:

 

Frau Königin, Ihr seid die schönste hier.

Aber Sneewittchen über den Bergen

Bei den sieben Zwergen

Ist noch tausendmal schöner als Ihr.

 

Auf einem Lindenbaum saß ein Vogel, der sang in einem fort:

 

Kywitt, kywitt,

wat vörn schöön Vagel bün ick …

Aber dieser Vogel war kein richtiger Vogel. Es war ein Mensch, der sich nach

seinem Tod in einen Vogel verwandelt hatte. Denn wir Menschen sterben nicht.

Das Volkslied und das Volksmärchen läßt unsere Seele wandern. Vogel und

Blume können wir werden: ja Blume auf unserem eigenen Grabe, dann kommt

wohl die Geliebte, begießt uns mit Tränen, oder sie pflückt und drückt uns,

Veilchen oder Lilie, an den Busen. Sind wir aber böse, so werden wir verflucht

und verzaubert in Werwölfe. Die Wurzeln von Märchen und Volkslied gehen bis

tief in die heidnische Vorzeit zurück, da des Menschen Frömmigkeit vom

Diesseits, seine Augen von Sonne, Himmel und der weiten, weiten Welt ganz

erfüllt waren. Ihm war der Tod nur eine andere Art des Lebens. Verwandlung.

Eine Tür fällt ins Schloß, und eine andere geht auf. Auf Tag folgt Nacht, aber

wieder Tag. Er war nicht zerrissen in Leib und Seele. Die waren eins. Die

Märchen und Lieder sind so bunt wie die Natur selbst. Wie die Sonne über

Gerechte und Ungerechte scheint, so fühlt der Dichter mit allen seinen

Kreaturen, auch den erbärmlichsten. Irgendein armseliger Straßenräuber (der

arme Schwartenhals) steht ihm so nahe wie die zwei Königskinder, die

zueinander nicht kommen konnten, »das Wasser war viel zu tief«. Goethe ist

ohne das deutsche Volkslied, Volksmärchen, Volksepos nicht zu denken. Er steht

auf den Schultern von tausend anonymen Autoren, die kommen mußten, damit

er kommen konnte. Im 15. und 16. Jahrhundert wurde der Grundstock gelegt zu

jenem Gebäude des 18. Jahrhunderts voll vollendeter Klassizität, das den Namen

Goethe tragen sollte. Aber auch Matthias Claudius, Clemens Brentano,

Eichendorff, Heine haben mit den Bausteinen gearbeitet, die jene bescheidenen

Männer schichteten. Vielleicht sind ihre Werke der lauterste Ausdruck des

deutschen Kunstwillens und des deutschen Geistes, der dann am tiefsten ist,

wenn er aus dem Unbewußten steigt, dann am reinsten, wenn er aus den

dunkelsten Quellen schöpft. Diese Dichter ohne Namen tragen den Himmel in

ihren Händen, aber sie stehen mit beiden Beinen fest auf der Erde.

 

D ie Entwicklung des Menschengeschlechtes geht in Wellenbewegungen vor

sich, wobei Wellenberg und Wellental einander folgen und der Scheitelpunkt des

Wellenberges sich nur langsam erhöht. Mit Walter von der Vogelweide, Gottfried

von Straßburg, Wolfram von Eschenbach und dem Nibelungenliede hatte die

junge deutsche Dichtung eine Höhe erreicht, von der sie bald kläglich wieder

abstürzen sollte. Das Rittertum zerfiel und mit dem Rittertum die Ritterpoesie.

Teils artete sie in allegorische Spielerei, teils in aufgeblasene Geckigkeit aus. Die Dichtung floh barfüßig und barhäuptig auf die Landstraße und fristete im Munde

der Fahrenden von Dorf zu Dorf, von Haus zu Haus ihr Leben. Ins 15. und 16.

Jahrhundert fällt die Blütezeit des deutschen Volksliedes. Zuweilen nahm sie ein

Kloster auf, Dann sangen die Nonnen ein Lied, wie das geistliche Trinklied der

Nonnen am Niederrhein. Zuweilen fand sie Unterschlupf bei braven

Bürgersleuten. Das Bürgertum war im Aufstieg begriffen. Es gab wohlhabende

Bürger, deren Söhne sich das Dichten leisten konnten. Sie meinten, die Dichtung

würde sich hinter dem Ofen, in der Wärme, in dem Dunst satter Behäbigkeit

recht wohl fühlen. Sie stopften ihr den Magen mit allerlei guten Dingen, aber sie

taten des Guten zuviel, daß sie erbrach. Von der graziösen Handhabung der

Sprache durch Meister wie Gottfried oder Walter blieb nicht viel übrig. Der

Rhythmus fiel auseinander – was Hebung, was Senkung –, man zählte einfach

die Silben zusammen. Aus dem Minnesang erwuchs der Meistergesang. Der

Tiroler O s w a l d v . W o l k e n s t e i n († 1445) versuchte noch einmal den

ritterlichen Pegasus aufzuzäumen. Er brach unter ihm zusammen; seine

Zeitgenossen nahmen das Zaumzeug und schnitten die Flügel von dem

verendenden Tier. Sie klebten sie ihren plumpen Dorf- und Stadtgäulen an und

bildeten sich nun ein, sie würden fliegen. Die ritterliche Rüstung schepperte als

viel zu groß um ihre dürren Glieder. Auch wagten sie, ihrer Unzulänglichkeit

irgendwie bewußt, schon nicht mehr einzeln als Individualisten aufzutreten. Sie

dichteten kollektiv gleich in ganzen Gruppen, Gilden und Vereinen. Sie

imitierten die Form ohne den Geist. Diese Form ist lehr- und lernbar. Man wird,

wie beim Handwerk, erst Dichterlehrling, dann Dichtergeselle, dann

Dichtermeister. Wobei Dichter- und Bäckermeister oft dasselbe sind. Aber die

Brote geraten ihnen besser als die Gedichte. In den Meistersingerschulen wurde

nach der Tabulatur das Dichter-Abc gelehrt. Um 1450 wurde die erste

Meistersingerschule in Augsburg gegründet. Wenige Jahre später finden sie sich

in fast allen größeren Städten. Sie fechten Wettkämpfe miteinander aus. Sie

überbieten sich in der Erfindung verschrobener und gekünstelter Versmaße. Der

Vollender und Überwinder des Meistersanges ist H a n s S a c h s, geboren 1494

in Nürnberg, das eine der berühmtesten Meistersingerschulen sein eigen nannte.

Hans Sachs war Schuhmacherlehrling, als ihm der Weber Nunnenbeck die

Anfangsgründe der Meistersingerkunst beibrachte. Er ging wie ein rechter

Schuster auf die Wanderschaft, kehrte, nachdem er so viele Erfahrungen

gesammelt als er Schuhe besohlt hatte, 1519 in seine Heimat zurück, die durch

Peter Vischer und Albrecht Dürer zu einem Haupt- und Vorort deutscher Kultur

geworden war. Seine eigentlichen Meistergesänge (über 4000) sind unbedeutend,

da und dort überraschen sie durch ein originelles Bild oder eine witzige

Wendung. Freier entfaltet sich sein Talent schon in seinen Sprüchen (etwa 1800), die in ihren kurzen Reimpaaren klingen, als wären sie mit dem Schusterhammer

zusammengeklopft. Hans Sachs war einer der ersten, die sich in Nürnberg zu

Luther bekannten. Einzigartig zeigt er sich in seinen (über 1000) Schwänken und

Fastnachtsspielen. Sein Humor ist der Humor der deutschen Seele. Seinen Witz

hat er aus seiner Handwerksburschenzeit bis in sein 82. Jahr hinübergerettet. Er

hat es in seinen Schwänken auf moralische Wirkung abgesehen, aber diese

moralische Wirkung erstickt in einem Gelächter oder tritt zurück hinter dem Wie

der Darstellung. Wir nehmen die Menschen aus seiner Hand entgegen wie aus

Gottes Hand: so wie sie sind: gut und böse. Wie langweilig wäre die Welt, wenn

alle Menschen brav wären und alle eine moralische, einheitliche graue

Tugenduniform trügen. (Gott selber würde sich zu Tode langweilen und kurz vor

seinem Tode noch den Teufel neu erschaffen.) Wenn es nur noch Hasen auf der

Welt gäbe und keinen Fuchs mehr, der den Hasen frißt, und keinen Jäger, der sie

beide schießt und sich den Hasen braten läßt! Dies nur nebenbei zu Hans Sachs.

 

D ie Welt krachte damals in allen Fugen. Die ersten Wehen der Reformation

kündeten eine neue Ära an. S e b a s t i a n B r a n t aus Straßburg (1458–1521)

hatte als Sohn eines Gastwirtes früh offene Augen für die Lächerlichkeiten und

Laster seiner Mitmenschen bekommen. In Übergangszeiten, wo die Begriffe

schwanken und wie Karten eines Kartenspieles durcheinandergemischt werden,

pflegen sich alle närrischen Eitelkeiten der Menschheit wie in einem konkaven

Spiegel noch ins Breite zu verzerren und zu vergröbern. Sebastian Brant

studierte Recht – ohne es irgendwo zu finden. Er promovierte an der Universität

Basel. 1494 erschien sein »Narrenschiff«. Auf dieses hatte er alle Narren zu Gast

gebeten, die er nur auftreiben konnte. Aber das Schiff erwies sich als zu klein.

Die Säufer, die Gecken, die Spieler, die Kirchenschänder, die Geizhälse,

Wucherer, Studenten, Ehebrecher, Huren füllten es bis an den Rand. Auch du,

lieber Leser, und ich, wenn wir nur ein wenig in uns gehen und nachdenken: wir

befinden uns unter jenen Narren. Sebastian Brant hat uns, fünfhundert Jahre,

bevor wir geboren wurden, trefflich abkonterfeit. Aber es ist ein Bild, das wir

uns nicht hinter den Spiegel stecken oder unserer Base zum Geburtstag schenken

werden. – Zwanzig Jahre nach dem Narrenschiff legte Knecht Rupprecht 1519

den Deutschen die erste Ausgabe des Volksbuches von Tyll Eulenspiegel auf den

Weihnachtstisch. Die hatten eine Freude wie wohl seit hundert Jahren nicht über

ein Buch. Noch im 16. Jahrhundert erschienen achtzehn deutsche Ausgaben; es

wurde sofort ins Vlämische, Niederländische, Englische und Französische übersetzt. Woher dieser spontane Erfolg? Brants Narrenschiff war eine mehr

oder weniger literarische Angelegenheit gewesen, im Eulenspiegel sah und

lachte das Volk sich wieder einmal selber ins Gesicht. In allen

Fastnachtskomödien war er ja schon als Kasperle oder Hanswurst figürlich

aufgetreten, hier hatte man seine in wohlgesetzte Worte gebrachte Biographie

des komischen Heldenlebens. Eulenspiegel, der ernsthafte Schalk, ist die

Typisierung der einen Seite des deutschen Ideals, dessen andere Seite (ob Rück-

oder Vorderseite der Medaille bleibe dahingestellt) den Doktor Faust, titanischen

Ringer um die letzten Probleme, zeigt. Eulenspiegel tritt auf als Richter der

Menschheit: er richtet sie mit einem schiefen Zucken seines Mundes, mit der

sofortigen Realisierung ihrer Ideen, deren Wert und Möglichkeit dadurch ad

absurdum geführt werden. Er ist zugleich leicht- und tiefsinnig. Seine Späße

exemplifizieren das Chaos. Sie dozieren bis zur Brutalität das Bibelwort: Der

Mensch ist aus Dreck gemacht. Das Urbild des Tyll Eulenspiegel hat wirklich

gelebt. Chroniken berichten von seinem 1350 zu Mölln erfolgten Tode, wo noch

heute sein Grabstein gezeigt wird. Vorher waren schon Schwankbücher wie

J ö r g W i c k r a m s »Rollwagenbüchlein« oder des Bruders J o h a n n e s

P a u l i »Schimpf und Ernst« (1522) Mode geworden: Bücher, die heitere oder

moralische Anekdoten erzählten, die sich nicht um einen einzelnen Narren

gruppierten: die damalige Reiselektüre, auf den Rollwagen mitzunehmen. Wobei

zu bemerken ist, daß diese Reiselektüre unendlich gehaltvoller war als die heute

verbreitete. Bruder Johannes Pauli ist ein belesener und witziger Mann, der

ausgezeichnet zu erzählen vermag und unsere Stratz und Höcker überragt wie

ein Kirchturm eine verkrüppelte Kiefer. Da liest man folgendes: »Man zog

einmal aus in einen Krieg mit großen Büchsen und mit viel Gewehren, wie es

denn Sitte ist; da stund ein Narr da und fragte, was Lebens das wäre? Man

sprach: Die ziehen in den Krieg! Der Narr sprach: Was tut man im Krieg? Man

sprach: Man verbrennt Dörfer und gewinnt Städte und verdirbt Wein und Korn

und schlägt einander tot. Der Narr sprach: Warum geschieht das? Sie sprachen:

Damit man Frieden mache! Da sprach der Narr: Es wäre besser, man machte

vorher Frieden, damit solcher Schaden vermieden bliebe. Wenn es mir

nachginge, so würde ich vor dem Schaden Frieden machen und nicht danach;

darum so bin ich witziger als Eure Herren.« Hätten wir Deutschen vor dem

Kriege Johannes Pauli als Reiselektüre gelesen an Stelle von Walter Bloems

»Eisernem Jahr«: vielleicht wäre es nicht zum Kriege gekommen, und wir hätten

uns dieses Narren Meinung zu Herzen genommen.