Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde, Von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart

D ie Schweizer hatten sich mit dem…

D ie Schweizer hatten sich mit dem Fabeldichter Ulrich Boner, mit Bodmer,

Breitinger und vor allem mit Geßner schon vorteilhaft in die deutsche Literatur

eingeführt, als sie mit J e r e m i a s G o t t h e l f (aus Murten, 1797 bis 1854)

einen Haupttreffer machten. Was sind das für Kerle, die Schweizer Bauern und

Bäuerinnen des Pfarrers Bitzius aus dem Emmental. Auf angeerbter Scholle

sitzen sie: derb, treuherzig, fromm. Kein Falsch ist an ihnen und kein Flitter. Ihr

Wort: eine Enzianblüte im Gebirge. Die Schweizer können aber nicht nur

bäuerisch derb, sie können auch städtisch, à la mode oder historisch gekleidet

daherstolziert kommen, wie Gottfried Keller und Conrad Ferdinand Meyer

beweisen.

 

G o t t f r i e d K e l l e r (aus Zürich, 1819–1890) läßt seinen »Grünen Heinrich«

in der Tracht aufmarschieren, die Grimmelshausen, Heinse, Goethe in die

deutsche Literatur eingeführt haben: jeder mit etwas anderem Schnitt. Das

Problem der Entwicklung beherrscht den »Grünen Heinrich« auf seinen tausend

Seiten: so gut wie Simplex, wie Ardinghello, wie Wilhelm Meister ist er auf dem

Wege zu sich selbst. Der Weg, der zu einem selbst führt, ist nun nicht so bequem

wie die Chausseen bei Kopenhagen, wo alle fünf Minuten, an jeder Wegbiegung,

eine Tafel steht: nach da und nach da und nach da: man kann nicht fehlgehen.

Wie steht es hingegen mit den Wegen zu sich? Da gerät man auf allerlei

Nebenpfade, in Gestrüpp, Wolfsgruben, auf fremden Besitz, und man muß froh

sein, wenn man schließlich am Abend die Herberge findet und auf der harten

Ofenbank schlafen darf. Man weiß manchmal wirklich nicht, ob man das Rechte

trifft, wenn man z. B. Maler- und Anstreicherlehrling wird. Und schließlich

wendet sich doch alles zum Rechten, denn man bringt von der Malerei ein

unverlierbares Gut im Felleisen heim: die Kraft der lebendigen Anschauung aller

Dinge. Es kommt für den Dichter nicht darauf an, die Gedanken zu Ende zu

denken, sondern auch den Erscheinungen bis ins Herz zu sehen, sie zu

durchschauen. Als wäre der Mensch ein Stück Glas. Solches konnte Gottfried

Keller. Und weil er eine so klare Anschauung von den Menschen hatte, deshalb

gerieten sie in seinen Novellen so klar und durchsichtig. Diese Novellen,

gesammelt in den Büchern »Die Leute von Seldwyla«, »Sieben Legenden«,

»Züricher Novellen«, »Das Sinngedicht« – bedeuten einen Gipfel deutscher

Erzählerkunst. Wer als Erzähler ihn wieder erreichen will, der muß hoch und

mühsam klettern – da wird es nicht so bequem hinaufgehen wie auf den Rigi,

das ist schon mehr eine Matterhornbesteigung. Gottfried Keller hat ein

vollkommenes Gedicht, das Gedicht vom alten Pan im Walde, geschrieben. Sein

Landsmann H e i n r i c h L e u t h o l d deren drei oder vier, sein anderer Landsmann C . F . M e y e r (aus Zürich, 1825–1898) deren viele. Hat

Gottfried Keller typisch schweizerische Züge in seinem Wesen und Dichten, so

wird man bei Meyer trotz manchen schweizerischen Stoffes (der Roman »Jürg

Jenatsch«) vergebens danach suchen. Seine Landsmannschaft ist undeutlich und

unbestimmt. Er hat sich selbst als Statue eines Dichters nach einem Idealbild

konstruiert. Er führte das Leben einer steinernen Statuette: ganz Marmor, ganz

Glanz. Vierzig Jahre war C. F. Meyer, als er sein erstes Buch, ein kleines Buch

Gedichte, veröffentlichte. Er hat mit seinen Gedichten sein Bestes gegeben,

ungeachtet mancher schönen Novelle. Die Gedichte sind von einer

leidenschaftlichen Liebe zur Form erfüllt. Genug konnte ihm nie und

nimmermehr genügen. Ihm zitterte eine Flamme im Busen, die er mit heiliger

Scheu hütete.

 

Daß sie brenne rein und ungekränkt.

Denn ich weiß, es wird der ungetreue

Wächter lebend in die Gruft gesenkt.

 

Von den Göttern, die er oft zu sich zu Gaste lud, waren ihm Bacchus und Silen

die liebsten.

 

In der schattendunklen Laube gab Silen, der weise, Stunde,

Der ihm weich ans Knie geschmiegte Bacchus hing an seinem

Munde,

Lieblich lauschend.

 

Und sein schönstes, sein wildestes Symbol fand C. F. Meyer in der

Veltlinertraube.

 

Es ist dem Trifolium Spitteler, Nietzsche, George zu danken, daß die deutsche

Sprache in den achtziger Jahren nicht völlig unter die Räder der naturalistischen

Bier- und Leiterwagen kam. C a r l S p i t t e l e r (aus Liestal, geboren 1845)

sagte mit seinem »Prometheus und Epimetheus« der Wirklichkeit, die sich

verwirkt hatte, die Fehde an. Leider wurde er selbst in seinen nächsten Werken

aus einem Prometheus, einem Fackelbringer, ein Epimetheus, ein Mensch der

Verwirrung und des Dunkels, denn in »Conrad, der Leutnant« und »Imago« tut

er es den schlechtesten Naturalisten und Psychologisten gleich. Daß der

bedeutendste Psychologe der Gegenwart, Professor Freud in Wien, seine

Zeitschrift nach der »Imago« nannte, ist zuviel der Ehre für dieses ganz

analytische, aber der Synthese völlig ermangelnde Buch. Jeder Dichter, Herr

Professor Freud, ist instinktiv Psychoanalytiker. Aber hier beginnt erst der Weg und der Wille zum Psychosynthetiker. Im »Olympischen Frühling«, dem großen

griechischen Epos, hat Spitteler sein bestes Selbst wiedergefunden. Er fand das

Reich Apollos, das Reich, »das nicht von dieser Welt ist«. – Von jüngeren

Schweizern sind zu nennen: der früh (1919) verstorbene K a r l S t a m m, ein

Lyriker von vielen Graden, der zarte Idylliker R o b e r t W a l s e r, der religiös

vergrübelte A l b e r t S t e f f e n (geb. 1874), Romandichter theosophischer

Richtung.

 

E ine in ihrer verbohrten Problematik Hebbel geschwisterte Natur ist O t t o

L u d w i g (aus Eisfeld, 1813–1865). Er sah sich zeitlebens im Schatten

Shakespeares stehen und kam deshalb nur in seinem biblischen Trauerspiel »Die

Makkabäer« und in seinen Novellen über ihn hinaus, in denen er als antizipierter

Dostojewski und Zola erscheint. Es könnte nicht schaden, wenn – über

Dostojewski – Otto Ludwigs Prosa nicht vergessen würde. Sie ist der feierlichen

Auferstehung wert. Wird G u s t a v F r e y t a g (aus Kreuzburg, 1816–1895)

aus der Gruft der Vergessenheit auferstehen? Vielleicht mit seinem bürgerlich-

soliden Roman »Soll und Haben«, worin jedem Charakter sorgsam sein Debet

und Kredit zuerteilt ist. Des Mecklenburgers F r i t z R e u t e r s (1810–1874)

humoriges und herzliches Plattdeutsch ist leider nur einem engen Kreise von

Deutschen verständlich. (»Ut mine Stromtid.«) W i l h e l m R a a b e s (aus

Escherhausen, 1831 bis 1910) ernster Humor, seine bedächtige

Menschenfreundlichkeit, seine bittersüße Melancholie, wird deutschen Herzen

als eine deutsche Angelegenheit immer lieb und vertraut sein. Für Wilhelm

Raabe gibt es kein besseres Epitheton als dies ohne jeden Nationalismus gesagte:

deutsch. »Der Hungerpastor«, »Der Schüdderump«, »Horracker« werden bleiben

wie des Friesen T h e o d o r S t o r m (1817–1888) rosenblätterige Novellen:

Immensee, Pole Popenspäler, Der Schimmelreiter und die kleine Erzählung »Im

Saal« – eines der frühesten und schönsten Gebilde Storms, das er im

Revolutionsjahr 1848 ersann. Die Sehnsucht nach der guten friedlichen Zeit, der

wir sonst zu trauen gar nicht geneigt sind, wird, wenn wir sie lesen, übermächtig

in uns. Früher – ja, das war freilich eine stille, bescheidene Zeit: »Die Menschen

waren damals noch höflicher gegeneinander. Das Disputieren und Schreien galt

in einer feinen Gesellschaft für sehr unziemlich. Wer seine Nase in die Politik

steckte, den hießen wir einen Kannegießer, und war's ein Schuster, so ließ man

die Stiefel bei seinem Nachbar machen. Die Dienstmädchen hießen noch alle

Stine und Trine, und jeder trug den Rock nach seinem Stande … Aber was wollt ihr denn?« fuhr die alte Großmutter fort, »wollt ihr alle mitregieren?« Ja,

Großmutter, das wollen wir nun freilich, und darum sind wir auch alle so

unglücklich und ruhlos, so hin und her gerissen zwischen Stern und Erde, so

kriegerisch und friedlich zugleich.

 

P a u l H e y s e ist im Strom der Zeiten schon versunken, so tief versunken wie

G e i b e l (aus Lübeck, 1815–1884), der einst so hochgefeierte. Geibel wollte

1871 mit seinen »Heroldsrufen« eine große Zeit einrufen. Aber Krieg und Sieg

von 1870/71 hatten für die deutsche Dichtung und Kultur eine katastrophale

Wirkung. Die Heroldsrufe riefen einem Zeitalter, das in niedrigstem

Materialismus, größtem Größenwahn, in Goldsucherei, Aufgeblasenheit

(aufgeblasen wie ein Jahrmarktsschwein) und Chauvinismus seinesgleichen

suchte. Hohenzollernsch patentierter, mehr oder weniger gereimter Patriotismus

von Geibel und seinen Nachbetern und Nachtretern lyrisch, von

W i l d e n b r u c h , selbst einem abseitigen Hohenzollernsproß, dramatisch

aufgeputzt, von Julius Wolff in seinen Ritterromanen in die große Vergangenheit

projiziert, aus ihr eine große Gegenwart und große Zukunft abstrahierend (wie

sprach doch Wilhelm II. einst? »Ich führe euch herrlichen Zeiten entgegen …«),

süßlich gesabberte Lyrik der Baumbäche und Bodenstedter, eine unechte flache

Erzählerkunst – das waren die ersten kulturellen Früchte der Einigung des

deutschen Volkes. Fast zwei Jahrzehnte hat das deutsche Volk diese

Limonadensuppen in sich hineingesoffen, während ihm der frische Trunk der

echten Dichtung, den ihnen Mörike, Raabe, Leuthold, C. F. Meyer, Fontane

spendeten, nicht recht munden wollte. Einzig T h e o d o r F o n t a n e (aus

Neuruppin, 1819 bis 1898) brachte es zu einiger Berühmtheit, nicht aber wegen

seiner großen Kunst der Milieu- und Menschenschilderung, sondern wegen

seiner stofflichen Vorwürfe, die er meist dem Leben des märkischen Adels

entnahm. Niemand hat das Gute und Edle, was im spezifisch-junkerlichen Typus

steckt: die starre Pflichterfüllung, das karge, wie hinter geschlossenen Türen

geführte Gefühlsleben, das moralisch-märkische Pathos reiner glorifiziert und

geschildert als Fontane im »Stechlin«. Auch das alte Berlin der siebziger und

achtziger Jahre fand in ihm seinen berufenen Schilderer. Wer sich vom heutigen

Berlin entsetzt abwendet, versäume nicht, dem Fontaneschen einen Besuch

abzustatten. Er wird entzückt aus diesem Berlin, das unwiederbringlich dahin ist,

zurückkehren. Das Gelungenste und Geformteste in Fontanes Romanen sind die

Frauengestalten: Cecile und Effi Briest wandeln in einem Reigen mit Mignon

und Philine, Liane und Toni Häusler.

O tto Ludwig und Theodor Fontane im Erzählerischen, Hebbel und

Anzengruber im Dramatischen, Leuthold im Lyrischen, sind die Vorläufer und

Fanfarenbläser der Bewegung, die man als die naturalistische bezeichnet hat. Es

ist zu bemerken, daß Naturalismus, Impressionismus, Expressionismus,

Futurismus nur Hilfsworte sind, um Begriffen und Bewegungen, Ideen und

Wallungen beizukommen. Wo der Ismus aufhört, da fängt der Dichter erst an,

denn letzten Grundes macht die Einzelseele, nicht die Massenpsyche oder -

psychose erst den Dichter zum Dichter. Jeder Mensch hat eine bestimmte

seelische Richtung, in der er läuft, und wer in derselben Richtung geht, den

begrüßt er als seinen Weggenossen mit besonderer Herzlichkeit. Nun gibt es aber

viele Wege. Viele Wege führen nach Rom: ins Heiligtum der Kunst, in den

Tempel des Gottes. Es ist Überheblichkeit, den Weg, den ein anderer geht, von

vornherein als einen falschen zu bezeichnen und Hohn und Gelächter ihm

nachzurufen. Als Maßstab der Kritik darf nur die Qualität gelten: der

Zusammenhang des relativen mit dem absoluten Prinzip. Ein guter

naturalistischer Roman ist mir lieber als ein schlechter expressionistischer und

umgekehrt. – Was wollte der Naturalismus? Er entstand als kraftvolle

Gegenbewegung gegen die unwahre und unechte Afterkunst, wie sie seit 1870 in

Deutschland zur herrschenden geworden war. Er lehnte allen Historismus, alle

idealisierende Stilisierung ab: wollte nur lebenswahr sein und forderte an Stelle

einer Verhüllung der Natur ihre Entschleierung bis zur letzten Nacktheit. Er

wollte die Natur abschreiben, die natürlichen Dinge natürlich darstellen. Wenn

der Naturalismus die Imitation der Natur vielfach zur These erhob, so beging er

natürlich a priori einen Denkfehler. Eine Nachahmung der Natur kann es nicht

geben: immer tritt ja der Gestaltende mit einem subjektiven Willen an sie heran.

Einzig der Buddha, der völlig Objektivierte, könnte auch ein vollkommener

Naturalist sein: aber er würde es wiederum nicht sein, weil ihm der Wille zur

Gestaltung von vornherein abgeht. Er will nichts. Der naturalistische Dichter

aber wollte doch etwas: nämlich die Natur darstellen. Wo ein persönlicher Wille

ist, ist schon ein persönlicher Stil. So ist denn als ästhetisches Gesetz nur eine

Spielart des Naturalismus: der Impressionismus zu diskutieren. Der

Impressionismus will, daß die Seele wie eine Braut sich hinlagere, damit die

Natur liebend einströme mit Fluß und Wolke, Stern und Falter. Der

Expressionismus, die Gegenbewegung gegen den Impressionismus, fordert

programmatisch: schleudere deine Seele aus dir heraus in die weite Welt, hinauf

in den hohen Himmel: so erst wirst du ganz wahr sein. Der Impressionismus

predigt die Wahrheit des Seins, der Expressionismus die Wahrheit der Seele. Es ist klar, daß auf einer höheren Ebene diese Forderungen sich in einem

Schnittpunkt berühren: da, wo Sein und Seele, Erde und Himmel eins geworden

sind. Im Formalen äußert sich der Gegensatz der beiden Strömungen derart:

beim Impressionismus: Analyse des Geistes, Synthese der Form. Beim

Expressionismus: Synthese des Geistes, Analyse der Form. – Die Naturalisten

waren für Deutschland die Entdecker des Proletariers als »Gegenstand« der

dichterischen Betrachtung: da ihrer Betrachtung ja auch das Niederste und

Unterste wert erschien. Aber der Proletarier, der arme Mensch, der ärmste

Mensch, blieb ihnen eben doch nur »Gegenstand«. Erst die politischen und

expressionistischen Dichter der jüngsten Generation haben den entscheidenden

Schritt vollzogen, indem sie sich mit dem Proletarier identifizierten. Die

proletarische Lyrik der H e n c k e l l (geboren 1864), M a c k a y (geboren 1864)

– Mackays Roman »Der Schwimmer« ist eine der besten Prosaleistungen des

Naturalismus – usw. wirkt denn auch ziemlich zahm bürgerlich. In A r n o

H o l z ' (aus Rastenburg, geboren 1863) »Buch der Zeit« klingt sie kräftiger.

Dessen eigentliche Bedeutung liegt aber nicht darin, sondern in seinem

romantischen Buche »Phantasus«, mit dem er zwar keine Revolution der Lyrik,

wie er meinte, eingeleitet und eingeläutet hat, aber die wesentliche Stimme

seiner eigenen Lyrik fand. Diejenigen, bei denen der Naturalismus ein totes

Dogma wurde, sind, manche noch lebendigen Leibes, gestorben. Des

romantischen Naturalisten M a x H a l b e bestes Werk ist eine kleine Novelle:

Frau Meseck. Am Leben blieb der unverwüstliche, kräftige D e t l e v v o n

L i l i e n c r o n (aus Kiel, 1844–1909), der lyrische Husar, der niederdeutsche

Feuerreiter. In der plattdeutschen Lyrik exzellierte K l a u s G r o t h (aus

Dithmarschen, 1819–1899), der Dichter des »Quickborn«, in bodenständigen

österreichischen Bauerndramen L u d w i g A n z e n g r u b e r (aus Wien, 1839

bis 1889). Vom Naturalismus kam, ihn überflügelte bald mit silbernen Flügeln:

G e r h a r t H a u p t m a n n (geboren 1862 in Salzbrunn). Wie ein Baum zieht

er seine Säfte aus der schlesischen Erde, aber seine Krone ragt in den Himmel,

und sein Gezweig überschattet hundert Naturalisten. Mit der Weißglut seines

Willens hat er die naturalistische Theorie durchschmolzen. Keine konstruierten

Maschinen, keine Homunkulusse durchwandeln die Welt seines Dramas:

Menschen voll Blut und Sehnsucht, arme, elende Menschen, geprügelt wie

Hunde von der Peitsche des Schicksals, hungernd und frierend, hungernd nach

Brot und Licht, frierend an den kalten, steinernen Herzen der Mitmenschen,

Menschen, die in einer ewigen Dämmerung »vor Sonnenaufgang« leben,

»einsame Menschen«, zu denen selten genug der Ton der »versunkenen Glocke«

herauftönt, Menschen, die einzeln nicht leben dürfen wie die schlesischen

Weber, die ein Klumpen blutendes, zuckendes Stück Fleisch sind, Menschen, die fried- und ruhelos das Labyrinth des Daseins durchirren, bis eine sanfte Frau

auch mit ihnen einmal das »Friedensfest« feiert. Wie sind die zu beneiden, die,

wie Hannele, so früh von dieser schmutzigen Erde zum Himmel fahren dürfen!

Daß sie Kinder bekommen, zeugen und gebären – wie furchtbar! Wer will den

ersten Stein auf »Rose Bernd« werfen? Wer stürzt nicht weinend in sich

zusammen, wenn der brave, ehrliche »Fuhrmann Henschel«, zwischen Schuld

und Unschuld schwankend, sich erhängt? Alle Gestalten Hauptmanns sind

Narren in Christo, wie der religiöse Schwärmer Emanuel Quint, der im neu

erwachenden religiösen und sektiererischen Leben der Zeit noch eine Rolle

spielen wird.

 

W ie die Geibelperiode in Empfindelei und Süßlichkeit, so artete der

Naturalismus schließlich in Krafthuberei, törichte Brutalität und Apotheose des

Misthaufens aus. Süßigkeit des Wortes, Sinnlichkeit der Seele: die Schönheit

verfiel dem Fluch der Lächerlichkeit. Es ist das Verdienst von Friedrich

Nietzsche und Stefan George, das deutsche Wort in barbarischer Epoche bewahrt

und in heiligen Hainen Anbetung und Weihrauch der tönenden Gottheit

dargebracht zu haben. F r i e d r i c h N i e t z s c h e (1844–1900) ist mit der

musikalischen und rhythmischen Prosa seines »Zarathustra« der Lehrmeister der

jungen und jüngsten Dichtung geworden. Als Lyriker gehört er zu den edelsten

deutschen Lyrikern. »Frei« war Nietzsches Kunst geheißen, »fröhlich« seine

Wissenschaft. Alle seine Lieder sind trunkene Lieder. Ob er sie singt in Venedigs

brauner Nacht an der Rialtobrücke oder sie von San Marco gleich

Taubenschwärmen ins Blau hinaufsendet und wieder zurücklockt, ihnen noch

einen Reim ins Gefieder zu hängen. Oder ob in Sils Maria ihn, der wartend sitzt,

ganz nur Spiel, ganz See, ganz Mittag, ganz Zeit ohne Ziel, der Schatten

Zarathustras grüßt. Ob im Herbst, in der Ebene, die ersten grauen Krähen ihn

überfliegen und ihn mahnen, daß der Winter naht.