Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde, Von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart
Wünscht ich der Helden einer zu sein
Und dürfte es frei bekennen,
So wär ich ein Seeheld.
Aber zerfetzt trieb sein Segel zurück. Er war zu schwach gewesen. Und höhnisch
sauste um seine Stirne der Sturm. Wer kannte ihn? Wer wußte, wer er war?
Schiller protegierte ihn so lange, als er schillerisch dichtete. Als er begann,
seinen eigenen Gesang zu singen, wandte er sich von ihm. Im »Hyperion«
blättert Hölderlin sein inneres Leben vor uns auf. Er litt unendlich: unter seiner
Liebe zu Diotima, unter seinem Haß gegen die Gegenwart. Ganz schwang er
sich aus ihr und lebte nur als Vergangener oder Zukünftiger. Sein Volk begriff
ihn nicht. Bittere Worte fand er für die Deutschen, die bittersten, die ihnen wohl
je von einem Deutschen aus liebender Seele gesagt worden sind (im vorletzten
Briefe des Hyperion an Bellarmin). Als Hölderlin 1803 aus Bordeaux
zurückkehrte, wo er eine Hauslehrerstelle verwaltet hatte, erschien er den
Freunden verwirrt und auseinandergefallen. Er gab über das Erlebnis, das ihn
wie mit einem Eisenhammer auf die Stirn geschlagen hatte, keine Auskunft.
Diotima starb zehn Tage nach seiner Rückkehr. Er mag im medizinischen Sinne
wahnsinnig geworden sein. Er hat aber immer eine tiefe Klarheit des Gefühls
bewahrt und behalten. Es war ihm einfach der Nabelstrang zerrissen, der ihn mit
der Realität verband. Er schwebte in den Wolken und wußte von dieser Erde nur
noch gerade soviel, wie ein verklärter Geist, der von ihr erlöst und nun auf
eigenem Gestirn wandelt. Die Gedichte aus seiner sogenannten Wahnsinnszeit
gehören zum Dunkelsten, aber zum Tiefsten, was aus der deutschen Lyrik
entsprossen ist: schwarze Rosen, Blumen der Passion.
A ls die Klassiker ihre Tempelbauten errichteten, da kroch nach und nach viel
Winde und Efeu die dorischen Säulen empor: viel Epigonentum, das den steilen
Weg zum Himmel, den sie gestemmt, benutzen wollte. Es gab aber auch
Zimmerer und Maurer, die bauten trotzig ihre profanen Häuser neben die Hallen
der Hehren; können wir's nicht im großen, so wollen wir's ihnen im kleinen
gleich tun und wenigstens im kleinen eigen sein. Oder sie bauten, wie die
Klassiker nach oben in den Himmel, nach unten in die Erde hinein: sie rissen die
Erde auf und legten Stollen und Gänge an: das Geheimnis des Dunkels und des
Halbdunkels wurde entdeckt. Jene waren Sonnen-, diese Goldsucher. Bei diesen Bergwerksarbeiten gelangten sie dann nebenher zu allen möglichen
Erkenntnissen, die sie nicht gesucht hatten, die ihnen in den Schoß fielen. Sie
lernten das Leben der unterirdischen Tiere, der Engerlinge und Maulwürfe,
beobachten und kamen an den Ursprung mancher Wurzel. Dann und wann trafen
sie mit ihrem Spaten auf ein historisches oder prähistorisches Skelett. Sie
brachten es ans Licht und suchten es zu bestimmen. Und wenn sie auch keine
Entdeckung machten wie Goethe mit seinem Kieferknochen: sie entdeckten die
Lebendigkeit des Todes. Der Tod war ihnen, Novalis lernte es beim Tod seiner
Braut, der mädchenhaften Sophie von Kühn, begreifen, kein rein tragisches
Problem mehr: schicksalhaft verhängt, konnte er selbst den Überlebenden
beseligen; wie er den Toten vollendete, dem Überlebenden auch zur Vollendung
dienen. Die Menschen, die dem Leben von der anderen Seite beizukommen
suchten, das waren Romantiker. Es ist klar, daß diese Umkehrung der Erdkugel,
dies Auf-den-Kopf-Stellen der Dinge und Begriffe, dies die Sterne auf die Erde
Herunterholen in der extremsten Fassung zum Paradoxon einerseits, zur
Anbetung des Fragmentes anderseits führen mußte. Weder Tieck noch Brentano
sind der Versuchung überspitzter Experimente entgangen. Einzig Novalis und
Eichendorff, jener der edelste und zarteste, dieser der kräftigste Schoß am
Strauch der Romantik, haben sich zur Vollendung entwickelt. Der Hang, mit sich
selber und den anderen Zwiesprache zu halten, mußte zur ernsten und heiteren
Geselligkeit führen, bei der die Frauen – wie sollte es anders sein? – das große
und das kleine Wort führten. Ohne B e t t i n a v o n A r n i m und R a h e l
Va r n h a g e n v o n E n s e ist die Romantik nicht zu Ende zu denken. Aus
den Tiefen der deutschen Volkspoesie hoben A r n i m (aus Berlin, 1781–1831)
und B r e n t a n o (aus Ehrenbreitstein, 1778–1842) jene wundervollen
Volkslieder, die sie in des »Knaben Wunderhorn« sammelten. Sie selber freuten
sich wie Kinder daran – und Kinder waren alle Romantiker irgendwie und
irgendwo, abgesehen von den würdigen Brüdern Schlegel, den
wissenschaftlichen Verfechtern der Theorie und (manchmal) Spiegelfechterei.
Bettina-Goethes »Briefwechsel mit einem Kinde« ist ein typisches Produkt des
romantischen Geistes: halb wahr, halb erfunden, Dichtung und Wahrheit, tief
echt – und dennoch da und dort, der Wahrheit zuliebe – verlogen. Arnim und
Brentano machte es einen Heidenspaß, in des »Knaben Wunderhorn« eigene
Gedichte einzuschmuggeln. Wie Kinder erzählten sie sich auch mit Vorliebe
Märchen oder ließen sie sich von den Gebrüdern G r i m m (»Deutsche Kinder-
und Hausmärchen«) erzählen und schrieben Märchendramen. Im Märchen und
im kleinen Liede gelang ihnen ihr Schönstes, wenngleich sie auch im Romane
rühmliche Leistungen aufzuweisen haben. Sie träumten so gern und sangen sich
gegenseitig mit ihren Wiegenliedern in Schlaf. Und in ihren Schlaf tutete der Nachtwächter Bonaventura: schön und schauerlich. Aber sie hörten ihn längst
nicht mehr. In ihren Träumen klagte die Flöte. Die kühlen Brunnen rauschten.
Golden wehten die Töne nieder. – Hatte man ausgeschlafen und ausgeträumt, ritt
man am Morgen in die Landschaft, speiste draußen in einem Dorf zu Mittag,
tanzte mit den Dorfschönen und traf sich abends zu gelehrtem Gespräch mit den
Schlegels. Man disputierte über die Shakespeareübersetzung A u g u s t
W i l h e l m v o n S c h l e g e l s (aus Hannover, 1767–1845) oder über
F r i e d r i c h v o n S c h l e g e l s (1772–1829) »Sprache und Weisheit der
Inder«. Friedrich Schlegel sprach mit Feuereifer über die östlichen
Kulturprobleme, aber er hörte es nicht gern, wenn man ihn an seinen erotischen
Roman »Lucinde« erinnerte. Ganz in der katholischen Welt ging N o v a l i s
(Friedrich v. Hardenberg aus Wiederstedt, 1772–1801) auf. Ihm war die Geliebte
gleichbedeutend mit der Madonna.
Ich sehe dich in tausend Bildern,
Maria, lieblich ausgedrückt.
In den »Hymnen an die Nacht«, der wahren Göttin der Romantik – die Klassiker
hatten den Tag geliebt und gepriesen, die Sonne war ihr Symbol, das Symbol der
Romantiker: der Mond – gab Novalis sein Tiefstes.
E ichendorff und Hölderlin sind Nord- und Südpol der deutschen Lyrik.
Goethe ihre Erdmitte. Hölderlin: ein Einziger unter den Deutschen, der
hieratische Priester der heiligsten Empfängnis, der strengsten Verkündigung:
Kind und Greis. Anfang und Ende. Goethe: der Mann, gewaltig schreitend,
Flamme und Tuba. Eichendorff: das deutsche All im Regenbogen. Herz des
Jünglings im Sommerabend wie eine erste und letzte Rose ausbrechend:
durchblühend die Nacht bis zum Morgenrot. Eichendorff: das Volkslied. Goethe:
die Trilogie der Leidenschaft des geistigen Menschen. Hölderlin: der
Gottgesang. Wohl über ein halbes Hundert der schönsten deutschen Gedichte ist
der schwärmenden, unbeirrbaren Einfalt des ewigen Jünglings E i c h e n d o r f f
(1788 geboren auf Schloß Rubowitz in Schlesien, gestorben 1857) gelungen.
Darunter ein Dutzend der allervollkommensten: »Zwielicht«, »Abend«,
»Nachtgruß« – so sind sie überschrieben. Es ist die deutsche Sommernacht,
welche zu tönen beginnt:
Nacht ist wie ein stilles Meer,
Lust und Leid und Liebesklagen
Kommen so verworren her
In dem linden Wellenschlagen.
Am Fenster lehnt ein junger Mensch und sieht hinaus in den milden Mond: der
schwebt wie eine goldene Träne an seinen Wimpern. Da klingt aus weiter Ferne
der Ton eines Posthornes – zwei junge Gesellen wandeln schattenhaft vorbei. –
Neben dem schlesischen Junker wurde auch ein preußischer Junker:
H e i n r i c h v . K l e i s t (aus Frankfurt a. O., 1777 bis 1811), vom
romantischen Geist ergriffen. Eine Beziehung zwischen der märkischen
Sandheide und dem romantischen Märchenland scheint sich kaum zu finden.
Kleist fand sie, indem er das Märchen realisierte. Den Traum verwirklichte.
Nüchtern raste. Einen Rausch der Sachlichkeit empfand. Die Phantasie
entzauberte. Bei ihm rauscht kein Brunnen in der verschlafenen Sommernacht:
sondern ein Krug geht zum Wasser – bis er bricht. (»Der zerbrochene Krug.«)
Den intellektuellen Frauen der Romantiker stellt er jene süße, kindliche,
unwissende, reine Gestalt des Käthchens von Heilbronn gegenüber: die liebt,
weil sie lieben muß. Die unerschütterlich an ihr Herz glaubt, das Gott ihr
verliehen, und die gekrönt war, längst ehe sie gekrönt ward. Welch ein
Gegensatz zwischen ihr und der rasenden Amazone Penthesilea, die den Pelion
auf den Offa türmen will, um den Himmel zu erreichen. Aber ihre Kraft erweist
sich als zu schwach. Die Berge bröckeln aus ihrer Hand, und schließlich stürzen
sie donnernd über ihr zusammen. Es ist die Tragödie der grenzenlosen
Forderung: alles oder nichts. Es ist die Tragödie des Menschen, der über sich
hinaus will, aber niemals über sich hinaus kann. Penthesilea ringt mit den
Göttern Griechenlands. Der »Prinz von Homburg« mit dem preußischen Gotte
der Disziplin. Pflichterfüllung bis zum äußersten war dem Homburgischen
Prinzen gesetzt. Er hat sie verletzt und soll den Tod erleiden. Zuerst erscheint
ihm der Tod als etwas Unfaßbares, er bricht unter der Last der Furcht zusammen:
aber es gelingt ihm, sich emporzureißen, und das Gesetz der inneren Pflicht
erkennend, sich ihm freiwillig zu beugen. Er wird aus einem unfreien zu einem
freien Menschen. Die Todesnähe bringt ihm das wahre Leben der sittlichen
Notwendigkeit nahe. Er hat den Tod in sich überwunden, so braucht er nicht
mehr zu sterben.
Von der Gewalt, die alle Wesen bindet,
Befreit der Mensch sich, der sich überwindet.
In die Hermannschlacht hat Kleist seinen Napoleonshaß gegossen. Wie flüssiges
Feuer durchbraust er das Drama. Er schäumt wie ein Wolf von den Lefzen auf
der Jagd nach dem napoleonischen Fuchs. Napoleon ist ihm der Inbegriff der
Tyrannei, der Ungerechtigkeit – und nichts ertrug Kleist weniger. In seinen
lyrischen Haßgesängen (Germania und ihre Kinder usw.) hat er alle Lissauers
des Weltkrieges an Blutdurst, Rachsucht und inbrünstigem Haß gigantisch
übertroffen. Dieser pathologische Haßausbruch ist nur aus Kleist's empörten und
verwundetem Gerechtigkeitsgefühl zu verstehen. Auch sein Michael Kohlhaas,
der Held der gewaltigsten deutschen Novelle, wird aus verletztem Rechtsgefühl
zum Mörder.
Vom Märchen zum Traum, vom Traum zu den Geistererscheinungen ist nur ein
Schritt. Bei Geistern und Gespenstern kannte sich vortrefflich der genialistische
E . T h . A . H o f f m a n n (aus Königsberg, 1776–1822) aus. In der
Komposition von Erzählungen hat er in Deutschland so leicht nicht
seinesgleichen. Vor dem Schlafengehen soll man sie nicht lesen. Man hat leicht
eine schlaflose Nacht und kommt am Ende dazu, sich vor sich selbst zu fürchten.
Solche Dämonen beschwört der unheimliche Zauberer aus unserer eigenen Brust
heraus.
V on Österreich, dem deutschen Sprachgebiet an der Donau, haben wir seit
der Zeit der Minnesänger wenig mehr gehört. Jetzt beginnt's auch in und um
Wien wieder lebendig zu werden. Sie präferieren die bunte Gaudi der Romantik.
Geister und Zwerge mitten zwischen den Menschen, das ist noch was, das laß
ich mir gefallen. Gehen Sie mir mit dem Wallenstein! Mit solchen Leuten haben
wir immer Pech. (Vide: Conrad Hötzendorff.) Ein Geistertheater auf dem Prater,
das ist billiger, kostet kein Blut und unterhält und belehrt gleichzeitig.
F e r d i n a n d R a i m u n d (1790 bis 1865) schrieb den Wienern solch
scharmantes Geistertheater: »Der Alpenkönig und der Menschenfeind.« Und des
biederen und klugen N e s t r o y (1802–1862) Volksstücke! Das ist
Österreichertum, herzlich und ironisch, von der besten Seite. F r a n z
G r i l l p a r z e r (1791–1872) nahm das österreichische Problem (in »König
Ottokars Glück und Ende«, »Ein treuer Diener seines Herrn«, »Ein Bruderzwist
in Habsburg«) tragischer. Stofflich ein Romantiker, stilistisch eher ein Klassiker
zu nennen, teilte er seine Stoffe zwischen Österreich und Hellas (Sappho, eine
Dichtertragödie, dem Tasso nicht unebenbürtig – Das goldene Vließ – Des Meeres und der Liebe Wellen, die holdeste deutsche Liebestragödie). Der
tschechischen Mythologie entnahm er sein tiefstes Werk: Libussa, den alten
Gegensatz zwischen Natur und Kultur behandelnd. Sein unerfülltes Liebesleben
mit der ewigen Braut, mit der er rang wie mit der Muse selbst, hat viele Quellen
in ihm verschüttet, die vielleicht aufgesprudelt wären, wenn er am eigenen Leibe
und eigener Seele Eros zu tiefst verspürt hätte.
Elegisch beschließt die österreichische Romantik N i k o l a u s L e n a u (1802–
1850), ein Deutschungar. Er starb wie Hölderlin im Wahnsinn, nachdem er, mit
dem Herzen eines Zigeuners und dem Munde eines Deutschen, die
melancholischen Lieder der Steppe und der Schilfteiche gesungen.
D ie Dichter der Befreiungskriege T h e o d o r K ö r n e r aus Dresden,
(1791–1813, »Leier und Schwert«), M a x v . S c h e n k e n d o r f (aus Tilsit,
von 1783–1817), E r n s t M o r i t z A r n d t (von Rügen, 1769–1860) und
viele andere standen bei den Monarchen und ihren Lakaien, den
Lesebuchfabrikanten, lange in großem Ansehen. Ihre soldatische Lyrik diente
nämlich dazu, die wahren Motive und vor allem den Schlußeffekt der
»Befreiungskriege« zu verschleiern. In den Gedichten kämpfte der Soldat für
Weib und Kind, für Heimat und Herd, für die heiligsten Güter der Nation, in
Wahrheit jedoch für die Restitution der schwärzesten Reaktion, der Napoleon,
Erbe der Französischen Revolution und ein liberaler Geist gegen die
mittelalterlich verträumten oder verbohrten deutschen Fürsten, beinahe ein Ende
bereitet hatte. Dem Ende mit Schrecken (1806) folgte seit 1813 der Schrecken
ohne Ende. Das Versprechen der Verfassung wurde nicht gehalten. Selbst die
erprobtesten Patrioten, wie Turnvater Jahn und E. M. Arndt gerieten in
Auflehnung und Empörung. Sie forderten das unverjährte Recht der
Pressefreiheit und Verfassung und hielten der aufsteigenden Jugend, die sich
besonders betrogen glaubte, denn um sie, um ihre Zukunft ging es, tapfer die
Stange. Die freiheitliche Bewegung der Jugend sammelte sich in der
Burschenschaft und fand ihren imposanten Ausdruck im Wartburgfest (1817).
Sie wurde bald verboten und Männer wie Arndt und Jahn verhaftet. Arndt wurde
seiner Professur entsetzt. Was ist aus der deutschen Studentenschaft, der
Burschenschaft, einst Träger des revolutionären deutschen Gedankens,
geworden! Und was hat Deutschland zu gewärtigen, wenn seine Jugend nicht
erwacht?
D as Umsichgreifen der europäischen und insbesondere der deutschen
Reaktion seit dem Ende der »Freiheits«kriege rief die deutsche Jugend auf den
Plan zum Kampf um die persönliche und allgemeine Freiheit. Das »junge
Deutschland« stand auf und schleuderte von seiner Schleuder wie weiland David
Kiesel und Steine gegen den Goliath der Reaktion. Der aber stand fest und lachte
dröhnend, und der Kieselregen war ihm wie Mückenschwärmen. Hin und wieder
packte er sich einen kleinen David und setzte ihn hinter Festungsmauern. Das
»junge Deutschland« ist viel angegriffen worden: mit Recht und Unrecht.
Dichterisch sind die Leistungen der politischen Lyriker um 48 meist recht
armselig, H e r w e g h (aus Stuttgart, 1817–1875) einzig schwingt sich über die
andern empor »wie eine eiserne Lerche« (Heine). Aber man packte sie nicht bei
der Achillesferse ihrer dichterischen Leistung, man griff sie dort an, wo sie
unangreifbar waren: in der Gesinnung. Die politische Lyrik der heutigen Zeit:
des heutigen »jungen Deutschland«: Ehrenstein, Becher, Hasenclever, hat viele
Ähnlichkeit in den Tendenzen mit der damaligen, wenngleich sie im Formalen
gewichtiger geworden ist. Auch sie bieten im Künstlerischen viele
Angriffspunkte. Aber man hüte sich, wie eine gewisse Kritik auch heute es übt,
sie ihrer Gesinnung wegen im Dichterischen zu beanstanden. Da sind sie wie
jene unantastbar. Die besten politischen Gedichte haben die gedichtet, die, wie
Platen und Heine, auch »nebenbei«, nämlich in der Hauptsache, reine Lyriker
waren. Sie opferten weder das Herz noch die gestaltende Kraft der politischen
These und Phrase. Die Dichtung untersteht der reinen Vernunft, jener Göttin, die
im absoluten Bezirke unbezwinglich thront. Politik und Kunst können sich
mischen, gewiß. Ihre Vereinigung zum Gesetz erhoben, heißt Un-ding und Un-
sinn zur Un-tat zwingen. Der Dichter hat die Pflicht, Politiker zu werden:
vermöge seiner geistigen und moralischen Kräfte, angesichts seiner Stellung im
Horizont der Menschheit. Er hat aber auch die Pflicht, Dichter zu bleiben, d. h.
mythischer Diener der Wörtlichkeit und Künder des reinen Klanges. Herwegh ist
gewiß eine respektable Erscheinung, aber nur von 48er Ideologien, von dem
Symbol des politischen Dichters als des Dichters schlechthin gefangene
Schwarmgeister werden in ihm einen großen Dichter sehen. Er war ein kleiner
Dichter, aber immerhin ein Dichter. In seinen Versen rauscht die
schwarzrotgoldene Fahne und klirren die Sensen aufrührerischer Bauern.
Historisch sind die 48er Lyriker als die Träger des Revolutionsgedankens von
größter Bedeutung. Alle Revolutionen sind mehr oder weniger von Literaten
gemacht worden. Jahre und oft Jahrzehnte schon vor der Explosion begannen
sie, Bomben zu legen und zu minieren. Das menschlich wie dichterisch fortreißendste Revolutionslied stammt von H e i n r i c h H e i n e (aus
Düsseldorf, 1797–1856): »Die schlesischen Weber«:
Im düstern Auge keine Träne,
Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne:
Deutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch:
Wir weben, wir weben!
Um keinen deutschen Dichter ist so heftig der Kampf der Meinungen entbrannt
wie um Heine. Man hob ihn in den höchsten Himmel. Stieß ihn in die tiefste
Hölle. Man bleibe in der Mitte: lasse ihn auf Erden: hier war sein Platz und wird
es immer sein als der eines tapferen Soldaten des Geistes und eines eigen- und
einzigartigen Liedersängers. Er gehört mit Goethe, Eichendorff, Mörike zu den
Meistern des deutschen Liedes: jener besonderen, dem Volksmunde
entnommenen deutschen Dichtform, einer Form, wie sie die Romanen nicht
kennen. Schmerz und Lust, Tod und Liebe sind die einfachsten Themen seiner
einfachen Lieder. Laßt nur auf Schmerz sich Herz, auf Tod sich Morgenrot
reimen: es sind die schönsten Reime, die man dazu finden kann. Man braucht sie
gar nicht erst zu suchen, sie sind schon da: sie sind als Reimpaare in der
deutschen Sprache und im deutschen Herzen zur Welt gekommen. Aber Heine
singt nicht immer so einfache Lieder. Zuweilen wird es ihm unerträglich, daß
jemand Fremdes aus seiner Seele lauscht. Er zerreißt die Saiten und die Töne
plötzlich. Dissonanzen schrillen. Oder er nimmt gar die Laute und schlägt sie
dem philisterhaften Greise, der ihn wie Susanne im Bade in seiner Nacktheit
belauscht, auf den hohlen Schädel und um die Ohren. Diese ironischen Gedichte,
gegen den Philister überhaupt und den Philister in der eigenen Brust gerichtet,
gehören zu den merkwürdigsten Expressionen des menschlichen Pessimismus.
Mit L u d w i g B ö r n e (aus Frankfurt, 1786–1837) und K a r l G u t z k o w
(aus Berlin, 1811–1878) bekämpfte Heinrich Heine von Paris aus, wohin er aus
dem gastlichen Deutschland geflüchtet war, »die Tyrannen und Philister«.
Diesen Kampf vom Ausland her (man warf ihm, genau wie während des
Weltkrieges den deutschen Emigranten in der Schweiz, vor, daß er mit
vergifteten Pfeilen Deutschland in den Rücken schieße) hat man ihm besonders
übel genommen, und ganz besonders übel seine Stellung zu den Hohenzollern.
Er erwies sich aber in seinen politischen Bemerkungen und Schriften
(»Französische Zustände« usw.) als Politiker von untrüglichem Instinkt und
adlersicherem Blick. Man höre, wie er in der »Lutezia« die europäische Zukunft
beurteilt. Er prophezeit ein großes »Spektakelstück«, den »gräßlichsten Zerstörungskrieg« zwischen Deutschland und England–Frankreich–Rußland.
»Doch das wäre nur der erste Akt des großen Spektakelstückes, gleichsam das
Vorspiel. Der zweite Akt ist die europäische, die Weltrevolution, der große
Zweikampf der Besitzlosen mit der Aristokratie des Besitzes, und da wird weder
von Nationalität, noch von Religion die Rede sein: nur ein Vaterland wird es
geben, nämlich die Erde, und nur einen Glauben, nämlich das Glück auf Erden
…«
Heine war nicht nur Dichter, er war vor allem Schriftsteller. Als solcher hat er
unter- und überirdisch eine Wirkung ausgeübt, die nicht leicht überschätzt
werden kann. Er ist der Prototyp des Zeitungskorrespondenten: der erste
europäische Journalist und Feuilletonist. Daß seine Wirkung nicht nur heilsam
war: wollen wir's ihm ankreiden oder nicht vielmehr seinen törichten und
anmaßenden Epigonen? Freilich, auch er ist gestrauchelt: in so mancher seiner
privaten Polemiken (gegen Platen z. B.). Er hat dies und vieles mehr gebüßt in
seiner »Matratzengruft« in jahrelangen Leiden, die ihn ans Bett fesselten und
zum langsamen Tode verurteilten. Er nannte sich selber der »Arme Lazarus«.
Und unter den Lazarusgedichten finden sich seine echtesten und ergreifendsten
Gedichte. Alle seine Schmerzen legte er in ihnen bloß. Er war schon lange des
Lebens müde geworden. Die vielen Frauen, die ihn geliebt hatten, waren von
ihm gegangen. Geblieben war bei ihm sein »dickes Weib Mathilde« und eine
kleine letzte Freundin: die Mouche, wie er sie nannte, die Fliege. Aber sie
vermochte nur selbst zu fliegen, ihm selber konnte sie das Fliegen nicht mehr
beibringen. Er war so sterbensmüde geworden:
Gut ist der Schlaf, der Tod ist besser – freilich
Das Beste wäre nie geboren sein.
Und oft sprach er vor sich hin, wenn niemand ihn hörte:
Der Tod, das ist die kühle Nacht,
Das Leben ist der schwüle Tag,
Es dunkelt schon, mich schläfert …
Ü ber den sogenannten schwäbischen Dichterkreis sind wir mit Heine einer
Meinung. Die schwäbischen Dichter, unzählbar wie der Straßenstaub in
Stuttgart, zeichnen sich durch eine betonte Philisterhaftigkeit aus. Wenn ihrer trefflichen, wohlgerundeten Gattin sonntags die Klöße oder die Spätzle nicht
recht gerieten, dann ziehen sie die Stirne kraus, die Adern schwellen, und auf
dem Kopf die Nachtmütze zittert vor Erregung. Sie laufen erregt durchs Zimmer
und stolpern wohl über die Quasten und Bommeln ihres Schlafrockes. Und sind
erst beruhigt, wenn Mutter die Pfeife stopft und einen extra guten Kaffee zum
Nachtisch kocht. Da schwellen die Adern ab, die Nachtmütze beruhigt sich. Die
Jüngste bringt ein blaues Schreibheft von Vaters Schreibtisch, die Älteste Tinte
und Gänsekiel. Und, bewacht und betreut von den Seinen, beginnt Vater zu
dichten. L u d w i g U h l a n d (1787–1862) ist in Tübingen geboren, und der
Geist dieser kleinen Wald- und Universitätsstadt war der seine. Ernste
Wissenschaftlichkeit in den grauen Hörsälen, das heitere Spiel der Wolken und
Winde über den bebäumten und wiesengrünen Hügeln. Und wie in den
Gasthäusern der Dörfer rings um die Studentenstadt die Rapiere der schlagenden
Verbindungen klirrten, so stand Ludwig Uhland ewig auf der Mensur für »das
gute alte Recht« des Volkes, für Deutschtum und Demokratie gegen die
kleinliche Tyrannei der kleinen Fürsten. Er wurde 1848 als Vertreter der
demokratisch-großdeutschen Fraktion in das Frankfurter Parlament gewählt,
nachdem er schon 1833 seine Tübinger Professur für deutsche Literatur wegen
politischer Differenzen mit der württembergischen Regierung niedergelegt hatte.
Seine eigentliche poetische Produktion fällt in die erste Hälfte seines Lebens. Da
sang er jene schönen Lieder, die längst in den Volksmund übergegangen sind:
»Ich hatt' einen Kameraden« und Balladen wie »Das Glück von Edenhall«. Als
Balladendichter ist neben Uhland der Schlesier M o r i t z G r a f
S t r a c h w i t z (1822–1847) hervorzuheben, der mit Günther, Büchner, Hauff
zu jener edlen Reihe jung verstorbener deutscher Dichterjünglinge gehört, die
der schwärmerischen Liebe ihres Volkes immer gewiß sein werden. Die Ballade
nach der komischen Seite hin bearbeitete in lustigen gereimten Schwänken der
weinselige A u g u s t K o p i s c h (1799–1853), dessen »Heinzelmännchen« wir
als Kinder mit brennenden Augen, dessen »Historie von Noah« wir als
Studenten mit weinfeuchten Augen lasen. Der alte Kopisch saß mit seiner roten
Nase in unserer Korona auf dem Schloßberg von Heidelberg, hob mit der einen
Hand den goldgefüllten Römer, mit der anderen den Zeigefinger und sprach
warnend: »Trinkt kein Wasser, Kinder! Ihr kennt die Geschichte von der
Sintflut? Trinkt kein Wasser,
dieweil darin ersäufet sind
all sündhaft Vieh und Menschenkind …«
Daß der leichtblütige und leichtsinnige Kopisch der beste Freund des schwermütigen und schwerblütigen Grafen P l a t e n (aus Ansbach, 1796–1835)
war, mag nachdenklich stimmen. Aber vielleicht hatte Platen Kopisch nötig wie
Kopisch – den Wein. Um sich in der Misere seines Lebens mit Heiterkeiten hin
und wieder zu betrinken. Platens Schicksal war die Männerfreundschaft und
Knabenliebe. Er suchte Adonis, ohne ihn zu finden. Seiner inbrünstigen
Sehnsucht nach einem Echo seines Herzens verdanken wir die schönsten
deutschen Sonette. In Syrakus ist er gestorben, vielleicht, wie er einst sang, im
Arme des endlich gefundenen Götterjünglings.
E s gibt ein Wort: Nur wer wahrhaft schlecht gewesen ist, kann wahrhaft gut
werden. Buddha selber muß in einem früheren Leben einmal ein Mörder
gewesen sein. Niemand sehnt sich so brennend nach Erlösung wie der Unreine,
der Verfehmte, wie der Verbrecher, der seines Verbrechens sich bewußt wird.
F r i e d r i c h H e b b e l, ein Bauernsohn aus Dithmarschen (1813–1860), war
vielleicht das, was man einen bösen Menschen nennt. Von Dämonen gehetzt
brach er, ein verhungerter Wolf, an dem man jede Rippe einzeln zählen konnte,
in die Lämmerweide der deutschen Dichtung ein. Jedes Mittel war ihm recht,
seinen geistigen Hunger zu stillen. Er schlug Eide in den Wind und verriet
Frauen, die ihn liebten, und ohne die er krepiert wäre – um der Idee zu dienen.
Er war ein armer Schächer, ans Kreuz dieses Lebens geschlagen. Er häufte
Schuld auf Schuld – und wußte darum und litt darunter. Die erschütterndste
Tragödie, die er schrieb, ist sein Leben. Wir leben es erschüttert mit, während
wir die Dramen, die er schrieb, nur staunend respektieren. Lieben können wir
den Menschen Hebbel. Den Dichter wollen wir ehrfurchtsvoll salutieren. Am
liebenswürdigsten zeigt er sich noch in seinen Gedichten. Es ist psychologisch
beachtenswert, daß Hebbel selbst seine Lyrik für seine bedeutendste dichterische
Leistung hielt. Er selbst konnte wohl gedanklich, aber gefühlsmäßig mit seiner
wie ein Eisengerüst konstruierten Dramatik nicht mit. Seine Logik überspitzte
sich (in Maria Magdalena, in Agnes Bernauer). Er verfolgte ein Problem noch
über seine Lösung hinaus und bewies dadurch, daß ihm das Problem an sich
wichtiger war als das Leben, welches die Probleme stellt. Seine Dramen sind alle
irgendwie erstaunlich, man muß, wie der Wärter im zoologischen Garten auf
sonderbare Tiere, mit dem Stock darauf zeigen. Seine Nibelungentrilogie ist eine
Monstrosität. Der Vollendung am nächsten kommt vielleicht sein Jugendwerk
»Judith«, in dem das Problem des Zwiespalts zwischen Neigung und Pflicht,
zwischen Sinnlichkeit und Sinn, zwischen ethischer Forderung und menschlicher Schwäche klar gestellt und klar beantwortet wird. Die Witwe von Bethulia nahm
eine Aufgabe auf sich, der sie als Mensch zwar, doch nicht als Weib gewachsen
war. Das ist ihre Tragik. Hebbel nahm eine Aufgabe auf sich, der er als Denker
zwar, doch nicht als Dichter gewachsen war. Das ist seine Tragik. Sein Antipode,
aus ähnlich niederem Milieu entwachsen, C h r i s t i a n D i e t r i c h G r a b b e
(1801–1836), Sohn eines Zuchthausaufsehers in Detmold, wollte weniger – aber
konnte mehr. Er empfing seine ersten Eindrücke, wenn er im Zuchthause spielte
und die Gefangenen wurden zum Spaziergang an die frische Luft geführt. Zwei
und zwei, zwischen grauen Mauern, den grauen Himmel über sich, umschritten
sie schweigend in ihren Anstaltskleidern das vorgeschriebene Kreisrund, bis die
Zeit erfüllet ward. Seine Dramenhelden: der Herzog von Gothland, Napoleon,
Hannibal, haben alle etwas von Zuchthäuslern, die an den Stäben ihres
Gefängnisses rütteln: vergeblich. Der Zwiespalt zwischen Idee und Wirklichkeit
scheint unentrinnbar. Der hehrste und heiligste Wille wird in den Staub gezogen:
Achilleus schleift Hektors Leiche an seinem Wagen um die Mauern von Troja …
Immer fällt Hektor, der Anwalt der reinen Idee, und immer siegt Achilleus,
grobschlächtig und protzig, weil er die Macht und die realen Dinge hinter sich
hat. Die tiefste Tragödie freilich spielt sich im Herzen des Menschen ab. Grabbes
Stauffendramen (Heinrich VI., Barbarossa), vor allem aber Napoleon und
Hannibal nähern sich der durch Faust und Wallenstein bezirkten großen
Tragödie. Dieser Hannibal ist ein ungeheuerlicher Bursche. Eine riesige Termite,
die in der winzigen Ameisenwelt, ein Held, der unter den Händlern zugrunde
gehen muß. In »Don Juan und Faust« machte Grabbe den kühnen Versuch, den
germanischen und den romanischen Typus nebeneinanderzustellen. Sein
Lustspiel »Scherz, Ironie, Satire und tiefere Bedeutung«, in dem der Autor voll
romantischer Ironie höchstpersönlich nicht ohne tiefere Bedeutung auftritt, bildet
in seiner bäuerlichen und teuflischen Derbheit ein Gegenstück zu G e o r g
B ü c h n e r s zartem und schwankem Schwank »Leonce und Lena« mit seinen
zerbrechlichen Figuren und Kontroversen. Georg Büchner (aus dem
Darmstädtischen, 1813–1837) konnte aber auch anders als sanft lächeln oder
vertrottelt disputieren. Wie einen erratischen Block schleuderte er sein
französisches Revolutionsdrama »Dantons Tod« von sich. Auch in seiner von
Gutzkow überlieferten Gestalt (die Urform ging verloren) gehört es zu den
mächtigsten deutschen Dramen: hier ist erstmalig, wie später erst wieder bei
Gerhart Hauptmanns »Webern«, ein ganzes Volk der Held. St. Just, Robespierre,
Danton sind seine Exponenten. Den Streit aller Revolutionen zwischen
Individualismus und Kommunismus entscheidet der einzige Richter, der ihn zu
entscheiden vermag: der Tod. Er lenkt die Guillotine, die heute Dantons Haupt
frißt, die morgen das Haupt Robespierres fressen wird, bis übermorgen Napoleon sie von der Bühne des Welttheaters entfernt. Für eine Weile … Er hat
andere Requisiten und Maschinen, die nicht weniger exakt und blutig arbeiten:
Kanonen und Mitrailleusen. – Im Wozzek, der Fragment geblieben ist, knüpft
Büchner an Lenz an (dem er eine schöne Novelle gewidmet hat). Die bürgerliche
Tragödie, die Hebbel mit der Maria Magdalena schreiben wollte, sie gelang,
selbst im Fragment, Büchner mit seinem Wozzek. Vom Wozzek läuft die
Tradition zu Wedekind, der von niemand mehr gelernt hat als von diesem
Büchnerschen Aphorismus. Auch als politischer Revolutionär ist Büchner von
eminenter Bedeutung. Seine Botschaft »Friede den Hütten. Krieg den Palästen!«
ist das flammendste deutsche revolutionäre Manifest überhaupt. Büchner starb
zehn Jahre zu früh. Er wäre der gegebene Führer der 48er Revolution geworden.
Er wurde nur vierundzwanzig Jahre alt. Ein Jahrhundert hat der Heldentod des
Jünglings Theodor Körner, der ein guter Soldat, aber ein schlechter Trompeter
war, das Heldenleben des Jünglings Georg Büchner völlig verdunkelt.
H e i n r i c h L a u b e (aus Sprottau, 1806–1884) schlug die dramatische
Pauke, daß einem Hören und Sehen verging. Sein »Graf Essex« war das erste
Theaterstück, das ich als Knabe auf der Schmierenbühne einer märkischen
Kleinstadt sah. Niemals mehr hat ein Drama einen solchen Eindruck auf mich
gemacht. Ich sehe noch immer den schlotternden Essex im Kerker sitzen und
höre auf einem vom Bäcker geborgten blechernen Kuchenteller zwölfmal die
Stunde des Gerichtes schlagen. Alle Schauer jagen mir im Gedächtnis daran über
den Rücken, und ich drücke den vereinigten Geistern von Laube und Essex
pietätvoll und gerührt die Hand. Zu meinen erfreulichsten Jugenderinnerungen
aus dem Gebiete der Literatur gehören auch W i l l i b a l d A l e x i s (aus
Breslau, 1798–1871), in den Schullesebüchern immer mit dem homerischen
Beinamen »der Vortreffliche« geehrt, welcher nicht undichterische historische
Romane aus meiner engeren Heimat schrieb: »Die Hosen des Herrn von
Bredow«, »Der Roland von Berlin«, und W i l h e l m H a u f f (aus Stuttgart,
1802–1827), in den Schullesebüchern ein wenig zärtlich, aber auch ein wenig
von oben herab, »der Jugendliche« genannt. Zu der Geste des Von-oben-herab ist
bei ihm nun keine Veranlassung. Er ist kein großer Dichter: zu den Klassikern
haben ihn nur die Fabrikanten von Klassikerliteratur gemacht: denen genügen
Schiller, Goethe, Kleist aus Geschäftsgründen nicht, die Brautpaare verlangen
beim Heiraten zur Komplettierung ihrer Wohnungseinrichtung eine ganze
Klassikerausstattung: dazu gehören denn auch vor allen Dingen Theodor Körner und eine ganze Anzahl völlig unmöglicher und verstaubter alter Herren, wie
Gaudy, Gutzkow usw. Hauff ist nun ganz und gar nicht verstaubt. Er ist kein
großer Dichter, aber ein Erzähler von prachtvoller novellistischer Begabung, wie
seine Märchen und Novellen beweisen. Ein Glanzstück unserer novellistischen
Poesie gelang einem Franzosen: A d a l b e r t v . C h a m i s s o (aus der
Champagne, 1781–1838) mit seinem Peter Schlemihl, dem Mann, der seinen
Schatten verkauft hat. Peter Schlemihl ist eine sinnbildliche und sprichwörtliche
Figur geworden. Ich weiß allerdings nicht, ob er auf meine Mitbürger noch viel
Eindruck macht. Sie sind ja längst gewohnt, nicht nur ihren Schatten, sondern
auch den Schatten ihres Schattens, und die Sonne, die den Schatten hervorruft,
zu verkaufen. Ja, sie verkaufen sogar Peter Schlemihls wundersame Geschichte,
statt sie einem jeden gratis ins Haus zu bringen, als Luxusdruck zu 300 Mark
und mehr. Armer Schlemihl! Hättest du zur Subskription auf dich selbst einladen
können: du hättest deinen Schatten nicht zu verkaufen brauchen! Aber du hast es
eben nicht verstanden, dein Geschäftsinteresse wahrzunehmen. Dies verstand
auch A d a l b e r t S t i f t e r nicht (aus dem Böhmerwald, 1805–1868), der zarte
Pastelle und gestrichelte Federzeichnungen nach der Natur auf kleine weiße
Blätter malte und zeichnete. Die Blätter sammelte er und gab ihnen dann (wie
wenig geschäftstüchtig war er doch!) so unscheinbare Namen wie: »Studien«.
Wer in den Sommerferien in den bayerischen Wald reist und läßt Stifters
Erzählungen, vor allem den Hochwald, zu Hause, der verdient es nicht,
Sommerferien im bayerischen Wald zu erleben. Reist er aber nach Westfalen, so
muß er sich den »Oberhof« von K a r l I m m e r m a n n (aus Magdeburg, 1796–
1840) in den Rucksack stecken, oder, falls er über Zeitbedingtes hinwegzulesen
versteht, den ganzen »Münchhausen«. Auch darf er von Immermann die
tiefsinnige Mythe »Merlin«, die Tragödie des Widerspruchs, nicht vergessen.
Wenn der dem Dichter hoffentlich geneigte Leser auch den Widerspruch nicht
lösen sollte – was tut's? Begreift er Goethes »Geheimnisse«? Oder Hölderlins
letzte Gedichte? Oder die Oden von Pindar? Muß denn alles so verständlich sein
wie ein Gespräch über die teuren Zeiten im Kaufmannsladen? Nicht jeder ist ein
Alexander, nicht jeder vermag den Gordischen Knoten derart gewalttätig mit
dem Schwert zu lösen, und manchmal tut's nicht einmal gut, die Lösung mit dem
Schwert, meine ich, wie exempla docent.
A bseits von allen Zeitstürmen saß in Kleversulzbach in Schwaben unter der
Pfarrhauslinde, behaglich seine lange Pfeife rauchend, im bunt geblümten Schlafrock mit den goldenen Quasten: E d u a r d M ö r i k e (1804–1875). Wie
Büchner von Körner, so ist sein helles Gestirn von der Wolke eines Geibel
beschattet worden, und bis ans Ende des 19. Jahrhunderts haben wenige gewußt,
was hinter dem biederen Pfarrer von Kleversulzbach steckt. F e r d i n a n d
F r e i l i g r a t h (aus Detmold, 1810–1876), und F r i e d r i c h R ü c k e r t (aus
Schweinfurt, 1788–1866), um noch die besten zu nennen, blendeten die deutsche
Leserwelt mit ihrer Exotik voll ungewöhnlichen lyrischen Farbenreichtums. Der
Allerweltsepigone Geibel und die Geibelepigonen versüßlichten den Geschmack
des deutschen Publikums vollends, so daß es an einem klaren Trunk, wie ihn
Mörike kredenzte, keinen Geschmack mehr fand. Zu alledem schrien dem
deutschen Volk die politischen Dichter noch die Ohren voll, Herwegh an der
Spitze, bescheiden wie sie immer sind, traten sie trompetend vor ihre
Jahrmarktsbude und schrien: »Nur immer hereinspaziert, meine Herrschaften!
Wir haben die einzig echte, die einzig wahre, die politische Kunst gepachtet!«
Sie hatten eine Menge Zulauf. Auch Freiligraths wohlassortierte Menagerie, in
welcher der Wüstenkönig, der Löwe, die Hauptattraktion bildete, und wo ein
waschechter Mohrenkönig an der Kasse saß, wurde überlaufen. Der
Blumenstand, an dem die Muse selbst Mörikes Feldblumen oder auch Rosen und
Nelkensträuße feilhielt, wurde nicht beachtet. Eduard Mörike hatte mit einer
Paraphrase des Wilhelm Meister: dem Roman Maler Nolten, begonnen, der nicht
ohne Eindruck blieb. Mit Gottes Wort, das Gott ihm selber in den Mund gelegt,
mit seinen Gedichten predigte der Kleversulzbacher Pfarrer lange tauben Ohren.
Seine Verse sind nicht gemeißelt wie die Hölderlinschen, nicht in der
Trunkenheit herausgebrüllt wie die Güntherschen, nicht ziseliert wie die
Heineschen, geflötet wie die Platenschen: sie fielen wie reife Früchte vom Baum
in seinen Pfarrhausgarten. Sie sind nicht erkünstelt, nicht erzwungen: sie sind
rund und vollendet und duften wie reife Äpfel. Der Sonnenblume gleich stand
sein Gemüt offen. Er brauchte in seiner friedlichen Seele keine Schlachten zu
schlagen wie Hebbel. Nur schwach schwankte die Schale zwischen Lieben und
Leiden. Seine Phantastik schweift milde wie ein Sommervogel in seinen
Erzählungen (Mozart auf der Reise nach Prag) und Märchen. Er erschreckt nie.
Seine Schauergeschichten machen lächeln. Und wenn er dunkel ist, so ist er
dunkel wie eine Sommernacht in Kleversulzbach, warm und besternt, und wir
wissen, daß die Morgenröte nicht fern ist. Dann werden wir mit dem
Kleversulzbacher Pfarrherrn und seinem Küster auf den Kirchturm steigen.