Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde, Von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart
Ich will hoffen, Hoffnung siegt.
Und abends, auf der Dorfstraße, wenn er ein schönes Mädchen am Zaun stehen
sah, konnte er wieder lächeln. Er lächelte und lachte ihr und sang ihr zu:
Schönen Kindern Liebe singen
Ist das Amt der Poesie,
und reichte ihr galant den Arm und spazierte mit ihr in den Wald oder auf den
Kirchhof, und auf den Gräbern der Toten blühten die Küsse der Lebenden und
Liebenden wie Jasmin und Tulipan.
Gelangt er bei seiner Wanderung in eine Universitätsstadt, versammelt er eine
Genossenschaft junger trunkener Menschen um sich und singt ihnen das
schönste deutsche Studentenlied:
Bruder, laßt uns lustig sein,
Weil der Frühling währet …
Sein Lorbeer grünt, wie er selber sang, auf die Nachwelt hin. Sein Name dringt
durch Sturm und Wetter der Ewigkeit ins Heiligtum.
M it Günther gleichaltrig ist der Ostpreuße J o h a n n C h r i s t o p h
G o t t s c h e d (1700–1766), der der deutschen Literatur mit professoraler
Weisheit und deutend erhobenem Zeigefinger: dies darfst du! und: dies darfst du
nicht! auf die Beine helfen wollte. Ich weiß nicht, ob er Günther gekannt hat.
Jedenfalls hätten ihn seine Wildheit und sein Feuer bestürzt und erschreckt. Er
war für das Manierliche und Moralische. Bürgerlich-wohlanständig, klar,
deutlich und nüchtern hatte die Poesie zu sein. In seinem »Versuch einer
kritischen Dichtkunst für die Deutschen« stellte er eine enge und beschränkte
Theorie auf und verlangte mit der Geste eines Diktators, daß sich jeder Dichter –
immer mal wieder – strikt danach zu richten habe, ansonst der Herr Lehrer ihm
eine Fünf ins Büchel schreibe. Das Wichtige an Gottscheds dramaturgischen
Leistungen ist das Wagnis, das Experiment. Andere erst sollten aus seinen
Erfahrungen lernen. Der Liebling des Lesepublikums wurde C h r i s t i a n
F ü r c h t e g o t t G e l l e r t (aus Sachsen, 1715–1769). Denn er vereinigte die damaligen Richtungen harmonisch in sich: Gottscheds Steifheit, Bodmers
»moralische« Phantasie, Hallers gebirgiges Barock und eine milde pietistische
Frömmigkeit, die seit Gerhard und Gryphius aus der deutschen Dichtung nicht
verschwunden war. Zu seiner Volkstümlichkeit trug nicht wenig ein ehrenfester,
lauterer Charakter bei. In ihm durfte das Bürgertum sein Ideal sehen: selbst
Friedrich der Große, der in seiner Schrift »Von der deutschen Literatur« vor der
deutschen Dichtung absolut keinen Respekt zeigte, verneigte sich huldigend vor
dem kleinen Leipziger Professor der Beredsamkeit und Moral. Seine Fabeln,
Erzählungen und geistlichen Lieder plätschern sacht und sanft daher, hie und da
mit einem Schuß gutmütiger Bosheit versehen, gerade so boshaft, daß es nicht
weh tut. Weh tun wollte diese personifizierte Güte niemandem. Er war nicht nur
ein Fürchtegott, sondern auch ein Fürchtemensch und Fürchtetier. Daß das Tier
in ihm wie in jedem Menschen lebendig war, beweist eine in mancher Fabel
durchbrechende Lüsternheit, die zu unterdrücken seine ganze moralische Kraft
notwendig war. Denn er war zu krank, um einer animalischen Lust recht und
wahrhaft leben zu können wie F r i e d r i c h v o n H a g e d o r n (aus Hamburg,
1708–1754), der Anführer einer ganzen Schar galanter Herren, die in erster Linie
Kavaliere, in zweiter erst Dichter sein wollten und die Anbetung der Muse und
der geliebten Frau höchst zweckmäßig vereinten.
A uf dem Wege über die Romanen waren Horaz und Anakreon zu den
Deutschen gekommen. Bei dieser Wanderung hatten sie manches von ihren
ursprünglichen Reizen verloren und manches an neuen Reizen hinzubekommen.
Anakreon war in Frankreich ein leichtfertiger, eleganter Schürzenjäger, Horaz im
Gefolge der päpstlichen Höfe ein überaus witziger, wohlbeleibter, immer leicht
angetrunkener Domherr geworden, dem ein Kranz voll Weinlaub die Tonsur
verdeckte, und bei dem die schönen Damen von Rom und Ravenna gern und
willig beichteten, denn er sprach sie lächelnd von vornherein aller Sünden ledig.
Anakreon und Horaz sind die Väter des französischen und des deutschen
Rokoko: die griechischen Götter, nach französischer Mode aufgeputzt, Eros und
Silen führten den trunkenen Reihen der Poeten, die sich griechische Namen
gaben, wie Damon oder Bathyll, und ihrer liebreizenden Schäferinnen: Phyllis
oder Chloe gerufen. Das ländliche Leben wurde Mode. Aber es war nur ein
Aufputz. Die Damen frisierten sich als Bäuerinnen, ihr Herz war von der Natur
recht weit entfernt, jede Berührung mit der wahren Natur und ihrer Derbheit
erschreckte sie. Sie kleideten sich in Hirtenkleider, die ein Pariser Modekünstler entworfen hatte, und hüteten auf wohlgepflegten Wiesen kurz geschorene, weiß
gewaschene, saubere Lämmchen, mit rosa Bändern am Hals und einer kleinen
Glocke daran. Und die Hirtenstäbe der Herren waren mit Silber und Gold
besetzt. Die anakreontische Lyrik beginnt, ungeschickt angeschlagen, schon bei
den Pegnitzschäfern in Nürnberg um 1644 zu erklingen, einer der sogenannten
Sprachgesellschaften, die im Anschluß an die Meistersingerschulen entstanden.
Die Dichter dieser Gesellschaft, zu denen auch der gute P h i l i p p
H a r s d ö r f f e r gehört, der Erfinder des »Nürnberger Trichters« (mit dem er
den bedauernswerten Zeitgenossen die Poesie künstlich eintrichtern wollte),
führten je einen Hirtennamen und als Symbol je eine Blume im Dichterwappen.
Hagedorn und seine Kameraden sind begabter als ihre Vorläufer im 17.
Jahrhundert. Die Hainbündler, die Stürmer und Dränger, der junge Goethe: sie
konnten lange nicht von den hier angeschlagenen Tönen loskommen. Aber außer
Goethe gelang es noch einem Lyriker, seiner im Walde der Anakreontik
geschnitzten Flöte eigene Töne zu entlocken: J o h a n n G e o r g J a c o b i (aus
Düsseldorf, 1740–1814). »Ihm war die Grazie (– übrigens das Lieblingswort der
Epoche! –), die so mancher Anakreontiker sich mühsam anlernen mußte,
angeboren« heißt es im Vorwort zu seinen »Sämtlichen Werken«. Verse wie die
»An ein sterbendes Kind« gerichteten, sind rhythmisch so kühn und neu, daß sie
von Goethe sein könnten.
Gottfried Keller hat in seiner Novelle »Der Landvogt von Greifensee« ein
reizendes Bild von einem ländlichen Fest gemalt, das der Zürcherische Dichter
S a l o m o n G e ß n e r (1730–1788) auf seinem Landhaus im Sihlwald seinen
Freunden gibt. Dieser Salomon Geßner ist der Schöpfer der deutschen Idylle.
Sein Talent ist begrenzt, aber innerhalb der Grenzen seines Talents bewegt er
sich mit vollendeter Sicherheit und Anmut. Er gehört zu den
allerliebenswürdigsten Erscheinungen der deutschen Dichtung. Geßner war
einmal eine europäische Berühmtheit. Es wird nicht besser werden in der Welt,
ehe es Geßner nicht wieder ist. Wir werden erst dann den ewigen Frieden haben,
wenn arkadische Dichter wie er wahrhaft populär geworden sind.
I st Opitz als Privatdozent, Gottsched als außerordentlicher Professor der
deutschen Literatur anzusprechen, so darf man G o t t h o l d E p h r a i m
L e s s i n g (geboren zu Kamenz, 1729) den Titel eines ordentlichen Professors
und vortragenden Rates mit dem Prädikat Exzellenz nicht vorenthalten. Er ist nicht so langweilig wie die, die sich bei ihm langweilen. Aber er ist auch nicht
der beschwingte Genius und Fackelträger, zu dem man ihn hat empordichten
wollen. Ernst, behutsam und bedächtig suchte er mit seiner Laterne das Dunkel
der deutschen Dichtung zu erhellen, und es gelang ihm, über viele dämmerige
und nachtschwarze Stellen Licht und Erkenntnis zu verbreiten. Das besorgte er
besonders mit seinen »Briefen, die neueste Literatur betreffend«. Da rief er
Shakespeare, den Zauberer aus dem Wunderland der Wirklichkeit, zum Zeugen
auf gegen Gottscheds Schablonenidealität. Da hob er den Mythos von Faust ans
Licht, entdeckte entzückt das deutsche Volkslied und einen verschollenen Poeten
wie Friedrich von Logau. Die Schrift Laokoon oder über die Grenzen der
Malerei und Poesie hat zu seiner Zeit alarmierender gewirkt als heute in den
Primen der Gymnasien. Die klare Unterscheidung von den Möglichkeiten, von
Harmonie und Differenz zwischen Malerei und Poesie tat dazumal bitter not.
Denn die sogenannte beschreibende und malende Poesie, von Opitz eingeführt,
von Haller, Matthisson und vielen minderen fortgeführt, drohte in ihren
Auswüchsen die gerade nur erst hügeligen Ansätze einer neuen Dichtung völlig
zu verflachen. Indem er die Plastik als räumlich, die Dichtung als zeitlich (nicht
im historischen Sinne) bedingt definierte, eröffnete er auch Perspektiven auf
Raum und Zeit, auf Traum und Ewigkeit schlechthin. Er rief den Dichtern zu:
Nicht rasten! Nicht ruhen! Ruhe, Beharrung ist das Zeichen der bildenden Kunst.
Ihr müßt, berlinisch gesprochen, Leben in die Bude bringen. En avant! Vorwärts!
Attacke! Professor Lessing gerät hier in Feuer. Auch in der »Hamburgischen
Dramaturgie« (1767 bis 1769) zeigt er sich reichlich temperamentvoll, wie er
mit den französischen Klassikern herumfährt, daß ihnen nur so der Puder aus
den Perücken fährt. Er restituiert Aristoteles und versetzt die wahre tragische
Handlung in die Seele des Menschen. Den Regeln, die er in der Hamburgischen
Dramaturgie aufgestellt, versucht er in einigen Dramen nachzuleben. In »Miß
Sarah Sampson« wagt er schon 1755 das Drama von jeder Staatsaktion zu
entkleiden und steigt ins gut, ins schlecht bürgerliche Milieu hinab. Er wollte
beweisen, daß nicht bloß eine Prinzessin, sondern auch ein einfaches
Bürgermädchen seine Tragödie erleben kann. Die französischen Klassiker
reservierten prinzipiell das Tragische den Herren und Damen vom Hofe und den
Göttern. In »Minna von Barnhelm« haben wir, trotz mancher Schwächen im
einzelnen, eine wirkliche Dichtung. Professor Lessing lege seinen ersten Titel ab
und sei Dichter Lessing genannt. Mit dem Prinzen von Homburg ist der Major
von Tellheim einer der wenigen sympathischen preußischen Charaktere in der
deutschen Literatur. In »Emilia Galotti« tritt Lessing unter der Maske des
Odoardo als Richter den Fürsten seiner Zeit entgegen. Und sei hier nicht mehr
Dichter, sondern Richter Lessing genannt. In »Nathan dem Weisen« faßt Lessing seine drei bisherigen Berufe noch einmal zusammen: hier ist er der Philosoph,
der Dichter, der Richter. Hier predigt er die allgemeine Toleranz, die große
Liebe. Der christliche Tempelherr, der Mohammedaner Saladin und der Jude
Nathan feiern den Bruderbund der Menschheit. Die gute Idee ist nichts ohne die
gute Tat. Gut denken heiße: gut sein. Zwei Jahre nach der Vollendung des
Nathan vollendete sich Lessing selbst.
D as Größte an K l o p s t o c k (aus Quedlinburg, 1724 bis 1803) ist sein
patriarchalisches Pathos. Es scheint, als hätte er schon Schulpforta mit neunzehn
Jahren als Patriarch und Weltmeister verlassen. In seiner Abschiedsrede klingt
das hohe Bewußtsein einer erlauchten Berufung. Ich will, so rief er, der Milton
der Deutschen werden! – Und er ist es geworden. Alles, was er gewollt hat, hat
er gekonnt. Wie ein Priester hat er seines Amtes gewaltet. Und wenn er, seine
Bardengesänge, die Bardiete, singend, den deutschen Göttern opferte, war das
Gotteshaus gefüllt mit andächtigen Jünglingen und Jungfrauen, die in ihm den
Stellvertreter des deutschen Gottes auf Erden, den deutschen Papst, sahen. Er
goß den deutschen Wein in griechische Pokale: in seinen »Oden«, die die fremde
Form vergessen lassen, so deutsch sind sie. Er ist spröder als Hölderlin und
unserem Empfinden schwerer zugänglich – aber die Bekanntschaft mit ihm
wiegt Dutzende heutiger Lyriker auf. Seine zuchtvolle Strenge könnte der
heutigen Auflösung gut tun. Die jungen Dichter könnten von ihm lernen,
vorausgesetzt, daß sie überhaupt etwas lernen wollen. Der Meister Klopstock
fühlte sich zeitlebens als »der Lehrling der Griechen«. Sein episches Hauptwerk
ist der »Messias«, ein Gedicht von Sünde und Erlösung in zwanzig
hexametrischen Gesängen. Es schildert den Weg des Gottessohnes vom Himmel
durch die Hölle zur Erde und wieder zum Himmel: am schönsten in seinen
hymnischen und lyrischen Stellen. Hin und wieder verleitet ihn das priesterliche
Ornat zu zeremoniellen Gesten und oratorischen Phrasen.
Z wei seelische Richtungen suchten um die Mitte des 18. Jahrhunderts
einander den Rang streitig zu machen: eine schwärmerische und eine rebellische.
Die schwärmerische ging von Klopstock und seinem Gefolge: dem Hainbund
(Hölty, Voß, Matthisson, dem Schweizer Salis-Seewis, Claudius) aus; die zweite blühte aus wilden Studentenkameradschaften empor, und ihr Meister hieß
Johann Christian Günther. Sie selber aber nannten sich nach einem »Sturm und
Drang« (1776) betitelten Drama eines der ihren, des Maximilian Klinger:
Stürmer und Dränger. Klinger war ein Freund Goethes, und aus ihrem Kreise ist,
betreut von Herders wachsamem Auge, der Stürmer und Dränger
hervorgegangen, der sie alle überstürmen und zurückdrängen sollte: Goethe. Wie
die Bruderbünde der heutigen jungen Dichter hatten sowohl die Hainbündler wie
die Stürmer und Dränger die Brüderlichkeit, die Weltumarmung, die
Menschlichkeit auf ihre Fahnen geschrieben, und Freundschaft galt ihnen als ein
heiliges Wort. Die bedeutendsten Mitglieder des Hainbundes waren J o h a n n
H e i n r i c h Vo ß aus Mecklenburg (1751 bis 1826) und L u d w i g H ö l t y,
der 1776 im jugendlichen Alter von achtundzwanzig Jahren starb, der Apollo
und Adonis des Bundes: gepriesen als der Liebling der Götter. Voß, der später
die Redaktion des Bundesorganes, des Göttinger Musenalmanachs, übernahm,
darf eigenen dichterischen Wert höchstens als Idylliker (Luise, Der siebzigste
Geburtstag) beanspruchen. Zu den harmlosen, aber hübschen Hexametern war er
angeregt worden durch Übersetzungen der Homerschen Odyssee (1781) und
Ilias, die an Wert und Wirkung den Herderschen Stimmen der Völker in Liedern
nicht nachstehen und den Blick der Deutschen auf das griechische Heldenepos
lenkten. Wenn Achilles und Hektor in Deutschland so volkstümliche Figuren
geworden sind wie Siegfried und Hagen, wenn Zeus und Hera in der Götterwelt
Wodan und Freya den Rang streitig machen, so ist's das Verdienst von Voß, dem
Ganymed, der lockige Schenke, im olympischen Saale dafür einen besonderen
Humpen Nektar kredenzen möge!
I m Pantheon des Hainbundes standen die Hermen von Ossian, Klopstock und
Herder, dagegen erscholl an die Adresse W i e l a n d s (1733–1813, aus
Oberholzheim) in jeder Bundessitzung ein dreifach kräftiges Pereat. Dieser war
in ihren Augen ein allzu ungezogener Liebling der Grazien. Seine charmanten
Frivolitäten, sein graziöser, klingender Stil, spielend wie eine Wasserkunst im
Schlosse irgendeines Rokokofürsten, fanden nicht Gnade vor ihren Augen. Sie
ziehen ihn der Sittenlosigkeit, der Undeutschheit und traten seine Dichtungen
mit Füßen oder verfertigten sich aus seinen reizenden Perioden Fidibusse, mit
denen sie ihre Knasterpfeifen entzündeten, und Don Sylvio von Rosalva, der
Jüngling Agathon und die zärtliche Musarion gingen wehklagend und seufzend
in Flammen auf. Hatten die Hainbündler recht, dem armen Wieland so übel mitzuspielen? Doch wohl nicht. Im Grunde war er ihnen verwandter als sie
ahnen oder fühlen konnten. Auch er war ein Schwärmer wie sie – aber er ging
nicht wie sie durch eine, er ging durch tausend Schwärmereien hindurch und war
vom Pietisten bis zum Wollüstling, vom Hetärenpriester bis zum Anbeter der
mütterlichen Frau so ziemlich alles, was man sein kann. Was seine vielen
Wandlungen verklärt: er war alles mit der gleichen Leidenschaft und
Wahrhaftigkeit. Als Lyriker hatten die Hainbündler für Wielands Kunst der
Erzählung kein Verständnis. Sein großer Roman »Agathon« (1766), die
Entwicklung eines Menschen zu sich selbst, in einem stark stilisierten
Altgriechenland sich begebend, wird immer ein Markstein in der Entwicklung
der deutschen Prosadichtung sein, die auch durch den komischen Roman »Die
Abderiten« (1780), eine Verspottung des Spießertums, Bereicherung empfing.
Goethe weihte von allen Schriften Wielands dem Heldenepos »Oberon« (1780)
den Lorbeer, und zwar im wörtlichsten Sinne: nach seinem Erscheinen sandte er
ihm einen Lorbeerkranz. Der »Oberon« ist das erste Werk, das man neben
Mahler Müllers »Genoveva« den Auftakt der Romantik noch mitten in der
Klassik nennen könnte. Abendland und Morgenland gehe so phantastisch
ineinander über wie die wirkliche und die Geisterwelt.
U nter den Hainbündlern waren einige, die zwar nominell ihm nahestanden,
innerlich aber dem Sturm und Drang zugerechnet werden müssen. Unter ihnen
ist vor allem G o t t f r i e d A u g u s t B ü r g e r (1747–1794, aus Ballenstedt)
zu nennen, dessen titanischem Wollen (wie den meisten Stürmern und Drängern)
nur ein sehr menschliches Gelingen beschieden war. Hin und her gerissen
zwischen zwei Frauen schwebte er zwischen Himmel und Erde, bis ihn die Erde
gnädig in ihren Schoß zurücknahm. Er war ihr einer ihrer liebsten, aber auch
unglücklichsten Söhne. Seine Lieder an Molly sind von einer rasenden
Leidenschaftlichkeit, der die Zügel durchgehen wie einem wildgewordenen
Hengste. Vollkommen bewährte er sich in seinen Balladen. Auch die Legende
von »Münchhausens wunderbaren Reisen« (1786) muß ihm herzlich gedankt
werden, so wie wir dankbar bei dieser Gelegenheit des alten M u s ä u s (1735–
1787) gedenken müssen, der die Volksmärchen der Deutschen, darunter die
Schnurren vom grobschlächtigen, schlesischen Waldgott Rübezahl damals grade
sammelte und nacherzählte.
W aren die Hainbündler mehr besinnlich und lyrisch, so waren die Stürmer
und Dränger mehr sinnlich und dramatisch, heute würde man sagen: mehr
politisch, mehr aktivistisch gerichtet. Sie litten unter der sozialen und politischen
Ungerechtigkeit des Zeitalters. Das Motto Schillers, das er über »Die Räuber«
setzte: In tyrannos! kann man über die ganze Richtung setzen. Die Stürmer und
Dränger waren die deutschen Vorläufer und Brüder der französischen
Revolutionäre von 1789. Wie Wilhelm II. dem Erwachen der deutschen
Dichtung aus dem patriotischen Winterschlaf nach dem siegreichen Krieg von
1870/71 zur Selbstbesinnung, zur Erhebung, zur Vergeistigung von seinem
Standpunkt mit dem größten Recht mißtrauisch gegenüberstand – denn einer
Revolution des Geistes pflegt eine solche der Tat auf dem Fuß zu folgen: so
standen die damaligen Souveräne dem Ansturm der Stürmer ablehnend und
erbittert gegenüber, denn es ging ums Gottesgnadentum, es ging um Autokratie
oder Demokratie schon damals. Es handelte sich darum, ob die deutschen
Fürsten ihre Untertanen als Schlachtenfutter nach Amerika verkaufen könnten
wie ein Stück Vieh, um aus dem Erlös ihre fetten Huren und lasterhaften Gelage
zu bestreiten, oder ob der Mensch ein Mensch wie sie, ob es nicht
unvergängliche »Menschenrechte« gäbe, die niemand wagen dürfe anzutasten,
der nicht ein Hundsfott oder Lump sein wolle. In den »Räubern« und in »Kabale
und Liebe« zog Schiller gegen die Tyrannen vom Leder. Und es ist nicht zu
verwundern, wenn Karl Eugen von Württemberg sich dieser Richtung gegenüber
ähnlich äußerte wie später Wilhelm II.: »Die ganze Richtung paßt mir nicht!«
Schiller wurde 1782 vierzehn Tage in »Schutzhaft« genommen; als der Fürst ihm
wenig später überhaupt untersagte, weiterhin »Komödie« zu schreiben, machte
Schiller dieser Komödie ein Ende und floh aus Württemberg ins Ausland. Sein
Gesinnungsgenosse, der Schwabe C h r i s t i a n S c h u b a r t (1739 bis 1791),
mußte die Auflehnung gegen die Tyrannei mit einer zehnjährigen
Gefangenschaft auf dem Hohenasperg büßen. Er schleuderte den Fürsten die
Verse der »Fürstengruft« wie Pfeile entgegen.
J a k o b R e i n h o l d L e n z (aus Seßwegen, 1751–1792) schrieb sein Drama
»Die Soldaten«, in dem er die Immoralität des Soldatenlebens attackierte. Sein
Leben wie sein Dichten zerrann ihm wie Wasser zwischen den Händen. Die
Erscheinung Goethes blendete ihn, so daß er die Welt der Erscheinungen nicht
mehr zu sehen vermochte und einer utopischen Welt verfiel, die halbe Wahrheit
und ganze Dichtung nicht mehr auseinanderzuhalten verstand. Wäre er nur der
Lenz geblieben, der er war! Vielleicht, daß er zu einem fruchtbaren Sommer
gereift wäre! Aber er wollte ein Goethe werden.
M a x i m i l i a n K l i n g e r (aus Frankfurt, 1752–1831), dessen eines Drama
der Bewegung den Namen gab, war eine bedächtigere Natur, obgleich seine
Dramen selbst aus allen Fugen zu gehen scheinen. Im reiferen Alter resigniert er.
In seinen »Betrachtungen« sind aus den Ungetümen und Unholden, die die
Fürsten im Sturm und Drang waren, schwache Menschen geworden wie wir alle.
In der Tendenz steht der Satiriker G e o r g C h r i s t o p h L i c h t e n b e r g
(aus Darmstadt, 1742–1799) den Stürmern nahe, besonders in seinen geistvollen
politischen Bemerkungen.
Als der eigentliche Prosaiker der Richtung muß W i l h e l m H e i n s e (1749–
1803) betrachtet werden. Sein Renaissanceroman »Ardinghello und die
glückseligen Inseln« predigt die Idee der Kraft, der Schönheit, der leiblichen und
seelischen Nacktheit, der Scham- und Hüllenlosigkeit. Geschrieben in einem
bezaubernden Stil, dessen Wohlklang nur noch von Geßner in seinen Idyllen und
später von Jean Paul erreicht wird, bezaubert er auch durch die amoralische
Anmut seiner Gestalten und durch die tropisch bunte Ausmalung des
Schauplatzes. Der Starke hat Recht. Aber er siegt nicht durch seine Stärke, durch
rohe Gewalt allein: sie muß sich mit Natürlichkeit, mit Geist, der Mut muß sich
mit Anmut paaren. Heinses Genie war eine brünstige Flamme. Aber wer
feuersicher ist (und nur der sollte sich ins Feuer wagen), der wird gestählt und
gefestigt durch sie hindurchgehen.
J o h a n n G o t t f r i e d H e r d e r (1744–1803, ein geborener Ostpreuße) ist
einer der Lehrmeister der Deutschen. Wären die Lehr- und Schulmeister der
Deutschen alle geartet wie er: was ließe sich aus ihnen machen! Aber der Teufel
stopft ihnen Wachs in die Ohren und verklebt ihre Augen mit Pech; also daß sie
taub und blind dem ersten besten Eselstreiber folgen, der sie in den Abgrund
führt. Über der festen Grundlage einer allgemeinen, philosophischen und
philologischen Bildung wölbte sich bei Herder in den Gewittern seiner Zeit der
Regenbogen eines großen Geistes und eines hellen Herzens. Auf einer Reise
nach Paris lernte er Diderot, einen der geistigen Urheber der Französischen
Revolution, kennen. In Straßburg geschah jene denkwürdige Begegnung mit
Goethe: der schwärmerische Jüngling empfing aus dem Munde des gereiften und
gelehrten Mannes den mächtigsten Ansporn, die liebevollste Leitung. Herder
war ein Denker des Gefühls. Manchmal schlägt der Blitz der apriorischen Logik
in seinen Gedankenwald, ihn und uns belehrend, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Aber um den verkohlten Stamm schlingen sich liebend und
lieblich die reinsten Gefühle, die weißesten Winden. Sein »Briefwechsel über
Ossian und die Lieder alter Völker« (1773) bedeutet weniger durch die
aufgestellten Thesen (Unterschied zwischen Kunst- und Volksdichtung), als
durch die flammende Liebe, die hier und anderswo in seinen Schriften die
Wissenschaft durchlodert. Sein Aufruf, die alten Volkslieder zu sammeln, war
eines der wichtigsten Manifeste des deutschen achtzehnten Jahrhunderts. Er ist
der Schöpfer dieses Wortes: Volkslied. 1778–79 durfte er in seinen Volksliedern
(»Stimmen der Völker in Liedern«) dem deutschen Volk ein prachtvolles
Dokument der Volkslieder aller Zeiten und Zonen vorlegen: die fremdländischen
Lieder in Übertragungen von ihm selbst. Schon vorher war er in den Fragmenten
über die neuere deutsche Literatur gegen Affekt- und Effekthascherei gegen die
französische und griechische Mode aufgetreten und hatte das Rousseausche
»Zurück zur Natur!« für die deutsche Dichtung formuliert: »Zurück zur
Natürlichkeit! Zu den Quellen deutscher Sprache und deutschen Volkstums! Die
Kunstdichtung kann nur auf dem Acker der Volksdichtung gedeihen. Zerstört die
gläsernen Treibhäuser, und laßt das freie Wetter über die Blüten eures Geistes
brausen! Welche Blüte darin umkommt, die ist nicht wert, daß sie geblüht hat.« –
1777 kam Herder auf Goethes Veranlassung als Generalsuperintendent nach
Weimar. Hier schrieb er, von Goethes Gedankenarbeit kameradschaftlich
unterstützt, die »Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit«, den
ersten groß angelegten Versuch, die Geschichtswissenschaft aus einer Statistik
von blutrünstigen Raub- und Eroberungskriegen und den Daten der erlauchten
Herrscher zu einer Geisteswissenschaft, zu einer Wissenschaft vom Werden und
Wesen der Menschheit zu erweitern. Eine Kapitelüberschrift wie diese: Die Erde
als Stern – wieviel besagt und beleuchtet sie schon im Gegensatz etwa zu: König
Otto der Faule (1430–1450), der üblichen Überschrift der in Deutschland so
beliebten monarchistischen Geschichtsschreibung. – Die letzten Lebensjahre
Herders verbitterte seine Entfremdung von Goethe und Schiller: in Schiller
befehdete er den Schüler Kants, in Goethe sah er sich selber strahlend
überwunden. Als er die Augen schloß, setzten sie ihm auf seinen Grabstein
seinen Wahlspruch, den ewigen Wahlspruch aller Jünglinge (Herder war auch als
Greis ein Jüngling geblieben): Licht! Liebe! Leben!
F r i e d r i c h S c h i l l e r (1759–1805) ist der Dichter der Jugend. Denn er
ist ein revolutionärer Dichter. Und die Jugend wird gegenüber einem konservativen oder stagnierenden Alter immer revolutionär gesinnt sein. In den
»Räubern« wird jemand aus Verzweiflung über die Schlechtigkeit der Welt zum
schlechten Kerl: um den Teufel mit Beelzebub auszutreiben. Wäre dieses Drama
heute geschrieben, man würde es ein bolschewistisches Drama nennen. (Schiller
war Ehrenbürger der Französischen Revolution, der er als Idee begeistert
huldigte, und von der er sich später, als die Realität weit hinter der Idee
zurückblieb, – wie es in Revolutionen immer zu sein pflegt – angewidert
wegwandte.) Diese Räuber wollen die ganze Welt zugrunde richten, um auf den
Trümmern eine neue, bessere Welt zu erbauen. Karl Moor schreitet in
mancherlei Verwandlungen durch Schillers Werke. Er ist Fiesco, der
Verschwörer, der sich den Mantel des Monarchen um die Schulter schlägt. Er ist
Ferdinand, der gegen die konventionelle Despotie und die Despotie der
Konvention rebelliert. In Carlos und Marquis Posa hat sich der geistige
Revolutionär dupliziert. Verteidigen die »Räuber« noch die Eventualität eines
gewalttätigen Umsturzes, so erscheint »Don Carlos« dagegen auch in der
Sprache durch seine Jamben gemildert, als Drama einer geistigen Revolution.
Von innen heraus sollen Staat und Menschheit, Staatsbürger und Menschen
erneuert werden. »Sire, geben Sie Gedankenfreiheit« – aus dem freien Gedanken
wird die freie Tat sprießen. Wie Spinoza auf Goethe, so hat das Studium der
Kantschen Philosophie auf Schiller den nachhaltigsten Eindruck gemacht. Kants
ethische Maximen, besonders der kategorische Imperativ, werden in seinen
späteren Gedichten und Dramen immer wieder illustriert und paraphrasiert, die
oft nur um der ethischen Forderung willen geschrieben scheinen. Zwölf Jahre
nach dem Don Carlos, im Jahre 1799, vollendete Schiller den Wallenstein: die
Schicksalstragödie des Herrscherwillens. Der Schatten des aufsteigenden
Bonaparte fiel über das Werk. Auch Wallenstein ist ein Rebell, aber faute de mieux.
Er kann einen Größeren, einen Mächtigeren nicht vertragen: denn er fühlt in sich
das Prinzip der Macht rechtmäßig verkörpert. Er fällt durch den Verrat seines
Freundes Piccolomini. In den drei Teilen vom »Wallenstein« ist Schillers Werk
gegipfelt. Den vielen männlichen Rebellen in Schillers Dramen tritt eine
Revolutionärin zur Seite: Maria Stuart, der weibliche Typ des Revolutionärs,
deren Aktion sich zur Passion wandelt, die die revolutionäre Tat durch ein
revolutionäres Herz ersetzt. Nach Maria Stuart (1800) wendet sich Schiller noch
einem weiblichen Helden zu: der Jungfrau von Orleans, der Verkörperung
religiöser Vaterlandsliebe. Im »Tell«, seinem letzten Drama, gestaltet Schiller die
Idee der »Freiheit« und nimmt noch einmal die Partei der »Unterdrückten aller
Länder«. Es berührt sich in mehr als einem Punkt mit seinem Erstlingsdrama,
den »Räubern«. Keine philologische oder moralische Spitzfindigkeit wird
übrigens darüber wegtäuschen können, daß dieses Drama in der Tat des Tell den politischen Meuchelmord verteidigt, ja verherrlicht, und keines dürfte sich
besser für eine Festvorstellung, vor Terroristen gegeben, eignen. Der individuelle
Terror findet hier seine glänzendste Gloriole. – Tell scheint mir eine aus der
Tiefe von Schillers Unterbewußtsein getretene Figur seiner Jugendzeit, die gegen
Geßler (Herzog Karl Eugen), dem symbolhaft verdichteten Bild des deutschen
Duodeztyrannen, den tödlichen Pfeil richtet, um sich endgültig von ihm zu
befreien … Als Lyriker steht Schiller hinter dem von ihm verkannten Hölderlin,
hinter Goethe, Günther, Eichendorff zurück. Seine Gedankenlyrik gibt mehr
Gedanken als Lyrik. Als Balladendichter darf er hohen Rang beanspruchen.
Seine Größe liegt in seinen Dramen. Man hüte sich, ihn weder zu über- noch zu
unterschätzen. Unschuldig schuldig ist er an jener Kriegervereinspathetik, die
sich, besonders seit 1870, in die geschwellte Brust warf und Schillersche Formen
und Schillersches Pathos mit leeren chauvinistischen Rodomontaden füllte.
Gegenüber solcher »Idee«lichkeit kann die Goethesche »Sach«lichkeit nur
heilsam wirken, wie sie auf Schiller selbst heilsam gewirkt hat.
U m diese Zeit lebten fern allen literarischen Bestrebungen, aber mit der
Tradition der deutschen Dichtung aufs tiefste verwachsen, zwei der
liebenswürdigsten deutschen Dichter, die man, wie die siamesischen Zwillinge,
immer nur zusammen nennen kann: M a t t h i a s C l a u d i u s (1740–1815), der
»Wandsbecker Bote«, und J o h a n n P e t e r H e b e l (1760 bis 1826), der
»Rheinische Hausfreund«. In der Gesamtausgabe der Schriften des
»Wandsbecker Boten« befindet sich am Eingang eine Zeichnung von Freund
Hein, dem Tod. Obgleich die Zeichnung ein Skelett darstellt, ist der Tod gar
nicht schrecklich anzusehen, streng, aber freundlich steht er da. Mit Freund Hein
verkehrte Claudius auf vertrautem Fuße. Er war ihm der Freund Hein trotz aller
Schmerzen, aller Dunkelheiten, die er bringt. Sein »Abendlied« gehört zu den
deutschesten deutschen Gedichten. Sein »Rheinweinlied«: das trunkenste
Trinklied. Schon in der Schule haben wir uns mit Claudius befreundet wie mit
einem guten alten Onkel, als er uns die lustige Geschichte erzählte vom Riesen
Goliath und dem Zwerg David und von Urian, welcher die weite Reise machte.
J o h a n n P e t e r H e b e l, Volksfreund und Volksdichter wie er, ist sein
jüngerer Bruder. Ich kenne keinen Schriftsteller in Deutschland, der zu erzählen
weiß wie der ehemalige Theologieprofessor Johann Peter Hebel. Gewiß er
predigt Moral. Aber in welcher Sprache! Das ist ein Deutsch, wie es einfacher
und tiefer, zweckloser und klangvoller nicht erdacht und geschrieben werden kann. Und die Moral, die er einer schönen Geschichte anhängt, wie
nebensächlich ist sie und nur als Schlußpunkt von Bedeutung! Die Hauptsache
ist ihm der Mensch oder das Ding »an sich«, das er betrachtet, formt und
schmerzlich sinnend oder lächelnd in seinen Vortrag stellt. Wir sind alle wie
Kinder vor ihm, und wenn wir in der Dämmerung in den Himmel sehen und die
Sterne hervorkommen: die Venus oder die Juno, die funkelnden Himmelsfrauen,
und wir ihn fragen: »Vater, was ist mit den Sternen und mit dem Himmel?« –
dann wird er uns über die Haare streicheln und leise sprechen: »Der Himmel ist
ein großes Buch über die göttliche Allmacht und Güte, und stehen viel bewährte
Mittel darin gegen den Aberglauben und gegen die Sünde, und die Sterne sind
die goldenen Buchstaben in dem Buch. Aber es ist arabisch, man kann es nicht
verstehen, wenn man keinen Dolmetscher hat …« Ein solcher Dolmetscher ist
uns der rheinische Hausfreund, der alte Johann Peter Hebel.
W enn G o e t h e (geboren 1749 in Frankfurt) heute lebte, würden ihn die
kritischen Anwälte der jüngsten deutschen Dichtung wegen seiner Vielseitigkeit
der »Gesinnungslosigkeit« zeihen. Er schrieb nebeneinander am Werther, am
Faust, an einem groben Fastnachtsspiel. Er trug die größten Gegensätze in sich,
aber es war ihm gegeben, sie alle bis zur Reife auszutragen. Er erkannte die
Notwendigkeit und Größe des deutschen Volksliedes so gut wie die erlauchte
Erhabenheit einer pindarischen Ode oder die nüchterne Trunkenheit eines Horaz.
Er bewegte sich in der Gedankenwelt eines Plato, die alle Dinge auf eine Uridee
zurückführt, so sicher wie in den Wäldern Spinozas, welcher lehrte, vor jedem
Baum, vor jeder Blume, vor jedem Käfer anbetend ins Knie zu sinken, denn
»Gott ist in ihnen und über ihnen und durch sie wie in mir und über mir und
durch mich«. Zucht und Gebundenheit der Antike, das über-alle-Grenzen-
Schweifen der deutschen Volksseele, Dionysos und Faust, Eros und Eulenspiegel
durchdrangen sich in ihm zu höherer Einheit. An seiner Wiege haben die neun
Musen wie die sieben Schwaben Pate gestanden. Er brauchte nur »Tischlein,
deck dich!« rufen wie in dem deutschen Märchen, so war der Tisch des Lebens
für ihn gedeckt. Er war der glücklichste Mensch, der je gelebt hat: er war an
jedem Tage, in jeder Minute und Sekunde seines Lebens mit sich selbst und
seinem Ziele einig. Es gab kein Schwanken in ihm. Immer schritt er festen und
schlanken Schrittes, Ephebe und Mann, geradeaus, den Blick auf das Herz der
Welt gerichtet. Seine Fähigkeit, Leid und Schmerz von sich abzustoßen, da sie
seine klaren Teiche nur trüben konnten, in denen so rein sich Mond und Sonne spiegelten, ging bis zur Brutalität gegen sich und seine Mitmenschen. Er mußte
sich ganz behaupten. Er handelte in Notwehr. Im Alter nahm er eine künstlich
konzipierte Steifheit zu Hilfe, um jene Menschen von sich fernzuhalten, die ihn
seiner selbst beraubten. Es war jene hochmütige Geheimratsgeste, von der so
manche Besucher seines Hauses in ihren Briefen und Tagebüchern entsetzt und
enttäuscht erzählen. Er saß wie Archimedes im Garten auf einer Bank und
zeichnete mit einem Stock im Sande seine Kreise, die niemand stören durfte als
der Wind oder der Regen. Denn diese waren Naturkräfte wie er.
In seinem Leben spielen die Frauen die entscheidende Rolle. Seine
Männerfreundschaften: mit Herder, mit Merck, mit Knebel, Tischbein usw.
waren trotz betonter Herzlichkeit oder Interessiertheit doch nur Episoden. Von
allen Männern, die seinen Weg kreuzten, ist für uns Nachlebende der getreue
Eckermann der gewichtigste, der, jahrelang sein Sekretär und Famulus, in seinen
»Gesprächen mit Goethe« uns die lebendigste und persönlichste Darstellung
seines Wesens und Wirkens hinterlassen hat. Goethes Genie fand seine
Befruchtung und Erlösung aber immer erst durch die Genien der Frauen, die er
liebte. Sie sind die unbewußten Mithelferinnen an seinem Werk, das deutsche
Volk hat alle Ursache, sich vor ihnen in Dankbarkeit und Ehrfurcht zu verneigen
und sogenannten Literarhistorikern, die sich nicht schämen, Schmutz auf sie zu
werfen, gebieterisch die Tür zu weisen. Kätchen Schönkopf, seine Leipziger
Studentenliebe, zwitschernd wie ein Kanarienvogel, aber launisch wie ein
Papagei, Friederike Brion, die elegische Sesenheimer Pfarrerstochter; die blonde
Charlotte Buff, Braut seines Freundes Kestner, der wir den zärtlichen
Briefroman »Werther« verdanken; die wie aus einer griechischen Gemme
geschnittene Frau von Stein, die glücklichste und unglücklichste Liebe seines
Lebens, die treue und gute Christiane Vulpius, der er so wacker seinerseits die
Treue hielt, allen Intrigen des Weimarer Hoflebens zum Trotz, die er, der
Minister, als Geliebte in sein Haus zu nehmen wagte, die er endlich, längst
nachdem sie ihm einen Sohn geboren, dankbar zu seiner rechtmäßigen Gattin
machte und die ihm unendlich mehr bedeutet hat als eine oberflächliche
Literarhistorik wahr haben will. Sein einsames Herz bedurfte ihrer Herzlichkeit.
Sein Sinn ihrer Sinnlichkeit. Und dann die vielen Namenlosen, die er liebte, die
Frauen in Thüringen, in der Schweiz, in Italien. Und endlich die Suleika des
»Westöstlichen Diwans«, die den alternden Dichter zur letzten wilden Trilogie
der Leidenschaft entflammte. Welch ein Reigen von Frauen! Wir wollen keine
geringer achten, auch jene namenlosen nicht, ihnen allen sei der Kranz des
Lorbeers auf die schönen Stirnen gedrückt.
Im deutschen Sängerkrieg auf der Wartburg hat Goethe sich den ersten Preis
ersungen: im Drama durch »Faust« und »Iphigenie«, in der Prosa durch
»Wilhelm Meister« und die »Wahlverwandtschaften«, in der Lyrik durch
»Ganymed«, »Wanderers Nachtlied«, »An den Mond«, die »Trilogie der
Leidenschaft« und vieles andere. Er beherrschte die konträrsten Stile. Sang wie
ein Kind zu Kindern:
Ich komme bald, ihr goldnen Kinder!
Und, aus dämonischer Tiefe, die Worte steigen wie Nickelmänner und Elfen aus
einem tieftiefen Brunnen, so tief wie der Brunnen auf der Burg von Nürnberg,
dessen Ende wir nicht sehen:
Sieh, die Sonne sinkt!
Eh sie sinkt, eh mich Greisen
ergreift im Moore Nebelduft;
entzahnte Kiefer schnattern
und das schlotternde Gebein –
Trunkener vom letzten Strahl,
reiß mich, ein Feuermeer
mir im schäumenden Aug',
mich Geblendeten, Taumelnden,
in der Hölle nächtliches Tor.
Das ist in der Postchaise am 10. Oktober 1774 von ihm gedichtet, und ich wette,
wenn ich es einem Dichter der jüngsten Generation vorlese, einem meiner
nächsten Brüder, und er kennt das Gedicht nicht zufällig (er wird es nicht
kennen: denn sie kennen weder Goethe, noch Geßner, noch Matthias Claudius,
noch Gryphius, noch Günther, noch Walter von der Vogelweide mehr), kurz, ich
meine: er wird erschüttert das Gedicht für einen Gipfel der expressionistischen
Lyrik erklären (während ihm die Verse: »Ich komme bald, ihr goldnen Kinder«
nur ein mitleidiges Lächeln entlocken), und er wird auf Werfel als Verfasser
raten. Der Expressionismus, das heißt: die Ekstase als These, der Schrei des
Herzens als oberstes Prinzip, und in der Form: das Schleudern erratischer
Blöcke, das ist nicht erst von heute. Das haben Goethe, Hölderlin, Klopstock
schon gekonnt. (Und gar die Griechen und Chinesen: Pindar, Li-taipe –!) Auch
eine beliebte Spielart des heutigen Dichters, der politische Dichter, findet sich
schon vorgebildet 1770 in einem Gedicht des Schweizer Lyrikers Salis-Seewis
»An die Unterdrückten aller Länder«, das Hasenclever geschrieben haben könnte (ganz zu schweigen von der politischen Dichtung der 48er Jahre, von der noch
die Rede sein wird):
Ihr Märtyrer für Menschenwürde,
Vertraut der Wahrheit und der Zeit.
Vergänglich ist des Druckes Bürde,
Doch ewig die Gerechtigkeit!
Diese kleine Abschweifung schien mir notwendig. Vor allem auch für den Teil
des heutigen Lesepublikums, der der jüngsten Dichtung mit Achselzucken,
Lächeln und Überhebung gegenübersteht, unter Berufung auf den klassischen
Maßstab. Dieser Maßstab ist falsch. Die heutige Dichtung der Expressionisten ist
nicht unverständlicher oder absonderlicher als irgendein hymnisches oder
ekstatisches Gedicht von Goethe, mit dessen Grundformen sie sich berührt.
Dutzend ihrer Einzelerscheinungen sind läppisch oder unerfreulich. Dies darf
nicht hindern anzuerkennen, daß ihr Kern so echt ist wie der jeder echten
Dichtung. Daß sie als Reaktion auf den Mechanismus und Rationalismus der
Zeit vor dem Kriege historisch notwendig war und ist. Und daß sie die
Unterstützung durch das Volk braucht und verdient. Wir stehen heute kulturell in
einem Wellental. Nur dann wird auch die deutsche Dichtung, die zweifellos seit
der tristen Zeit von 70 wieder im Aufschreiten ist, zu einem neuen Gipfel
kommen, der jenseits von Im- und Expressionismus, jenseits aller Ismen liegen
wird, wenn sie getragen wird von Förderung und Zuruf der Mitlebenden, vom
Vertrauen und Verständnis des Volkes. Denn wo eins das andere nicht mehr
begreift, da geraten sie beide auf Irrwege. Lest Bücher, Deutsche, lest die Bücher
eurer Dichter, und ihr werdet glücklicher und manchmal glücklich werden. Und
vergeßt nicht die Bücher jener Dichter zu lesen, die in eurer Zeit, die eure Zeit
leben: der Jungen, die sich nach eurer Gemeinsamkeit sehnen, der Alten, denen
euer herzliches Mitgefühl die alternde Brust wärmt.
Wir kommen von Goethes Lyrik; wir wollen wieder zu ihr zurück. Immer wieder
wollen wir zu ihr. Denn jeder Gang zu ihr ist wie ein Heimweg ins Vaterhaus.
Mit dem vielleicht herrlichsten Goetheschen Gedicht, dem Lied des Türmers,
sind wir mitten im »Faust«, der rundesten Ballung, der beseeltesten Verdichtung
des deutschen Wesens. Durch dieses Drama schreitet der Dichter selbst in
tausend Gestalten: er ist der junge Doktor Faust, der im sinnierenden Gespräch
Sonntags vor dem Straßburger Tor spaziert, und doch die Augen so weit offen
hat, die hübschen Sonntagsmädchen zu betrachten. Es ist Goethe, der mit seinen
Kommilitonen Frosch und Brander im Leipziger Ratskeller soff, bis er unter den Tisch fiel. Es ist Goethe, der Friederike-Gretchen verführt, der der
Walpurgisnächte viele in Thüringen und im Harz erlebte, der als Minister am
Hof des Kaiser-Herzogs wirkte, und der endlich als Philemon einen
Greisenabend beschließen darf in der seligen Gewißheit, daß er die Ernte bis
zum letzten Halm in die Scheuer gebracht. Die Idee des Faust ist die Idee des
Menschen schlechthin. Aus dumpfem Dunkel steigt er empor ins Licht. Mögen
Wolken es oft verschatten, mag der Wanderer auf dem steilen Wege straucheln:
nur nicht müde werden, nicht nachlassen, aufwärts, vorwärts, aufwärts. Der Weg
– das ist das Ziel. Der Wille – das ist der Zweck.
Wer immer strebend sich bemüht,
den können wir erlösen,
singen die Engel in der höheren Sphäre, Fausts Unsterbliches tragend. Wer je auf
einer Puppenbühne, wie sie in den bayrischen Messen noch umherziehen, das
alte Puppenspiel vom Doktor Faust in fast ursprünglicher Form gesehen hat,
wird wissen, wieviel Goethe ihm stofflich und kompositorisch verdankte. Er hat
den Kasperl, im Puppenspiel Diener des Faust, aus seinem Spiel eliminiert und
seine Rolle Mephistopheles übertragen. Trotz Goethe besteht dieses Puppenspiel
künstlerisch noch heute jede Kritik. Eulenspiegel (Kasperl) und Faust: den
komischen und tragischen Charakter des deutschen Wesens nebeneinander zu
stellen: ist ein Beweis für die naive Genialität des Puppenspieldichters, der
seinerseits auf dem 1587 erschienenen Volksbuch von Doktor Faust und den
Fastnachtsspielen des Mittelalters fußt. – In »Götz von Berlichingen« (1773
erschienen) schrieb Goethe nach shakespeareschem Muster das erste
Szenendrama und löste den strengen Aktbau eines Lessing in viele lebendige
Einzelszenen, deren Lichter in der Schlußszene zu einer großen Flamme
zusammenlohen. Der »Egmont« (1788 erschienen) zeigt Verwandtschaft mit
dem Götz in Szenenführung und Charakterisierung. Durch seine sittliche Kraft
erhebt sich der Unterlegene (Egmont) über den tyrannischen Sieger (Alba). Die
Liebe Egmonts zu einem kleinen Bürgermädchen anticipiert die Liebe Goethes
zu Christiane. In dem opernhaften letzten Bilde erscheint ihm auf dem Wege
zum Schaffot die Geliebte, die Insignien der beiden hehrsten Ideale: Liebe und
Freiheit, in ihren Händen haltend. – Neben dem Faust gebührt der »Iphigenie«
unter den Goetheschen Dramen der Kranz. Das Gretchen im Faust ist ein
einfaches Kind voll unbewußter Reinheit und Jungfräulichkeit, in Iphigenie wird
die Reinheit sich bewußt und lauterster Wille und durchdachteste und
durchfühlteste Wahrheit. Lieber Arges leiden als Böses auch nur denken, auch
das Beste nicht durch Lüge erreichen wollen: ist das thematische Motiv. Sprachlich ist das Werk von der ersten bis zur letzten Zeile vollkommen. Die
schönsten Jamben der deutschen Sprache erklingen, und sollten deutsche Dichter
je einmal wieder Jamben schreiben wollen: sie mögen zuerst die Iphigenie lesen,
und sie werden es schamvoll bleiben lassen. Das Drama »Tasso« ist der
»Iphigenie« benachbart: stilistisch und geistig. Die Handlung soll an einem
mittelalterlichen Hof vor sich gehen: aber sie geschieht recht eigentlich im
Herzen des Dichters. Die Prinzessinnen sind nur Figuren seiner eigenen
Phantasie, und auch sein Feind Antonio kriecht aus einer dunklen Ecke seines
Gefühlslebens. »Iphigenie« und »Tasso« wurden von der Nation ziemlich kühl
aufgenommen: die Revolution in Frankreich hielt die Welt in fieberhafter
Spannung. Wir haben schon längst wieder eine neue Revolution, die jener an
Gewalt nicht nachsteht: der Befreiung des Bürgers, die 1789 erfolgte, soll die
Befreiung des Arbeiters folgen. Aber alle Revolutionen überdauern wird das
heilige Lächeln der Iphigenie und der Schrei des Dichters im Tasso:
Denn wenn der Mensch in seiner Qual verstummt,
Gab mir ein Gott zu sagen, was ich leide.
Denn hier geht es nicht um die Befreiung einer Klasse oder Rasse, sondern um
die Befreiung des Menschen. Goethe selber war kein politischer Mensch in des
Wortes strengster Bedeutung. In »Wilhelm Meisters Lehr- und Wanderjahren«,
dem groß angelegten Sittengemälde seiner Zeit, wird das Verhältnis des
Menschen zum Staat oder Staatsbegriff nicht einmal gestreift. Das Theater steht
im Mittelpunkt des Interesses. Der Held entwickelt sich vom Theater zum Leben
hin, vom Schein zum Sein. Zarte und zärtliche Frauen, wie Philine und Mignon,
begleiten und befördern seinen Weg. Wie die Lehrjahre in ihrer berstenden Fülle
das prosaische Seitenstück zum Faust bilden, so die »Wahlverwandtschaften« in
ihrer Gedrungenheit und klaren Kürze das Seitenstück zur Iphigenie.
Goethe starb nach der Vollendung seines Faust im 83. Jahre am 22. März 1832.
M it Heinse und Geßner bildet J e a n P a u l (aus Wunsiedel, 1763–1825)
das Triumvirat der romantischen Prosadichter, von dem die heute lebenden
Deutschen so gut wie keine Ahnung mehr haben: sonst wären sie bescheidener
in ihrer Selbstkritik und im Glauben, wie herrlich weit sie's gebracht. Jean Paul
ist der größte unter den dreien, und einer der größten deutschen Dichter überhaupt. Freilich, es ist nicht leicht, zu ihm zu gelangen. Er hat sein Schloß
mit Dornenhecken, Fallgruben und Selbstschüssen umgeben. Sein Park ist von
üppiger Wildnis. Gepflegte, glatte Wege gibt es da nicht. Rehe grasen vor seinen
Fenstern. Und die Schwalben fliegen ihm ins Arbeitszimmer, und auf seiner
Schulter sitzt, wenn er schreibt, eine Dohle. An den Wänden hängen
Spinnweben. Nachts, wenn er im Garten wandelt, ist der Mond sein Gefährte.
Seine Gefährtinnen sind Elfen, die ihn umspielen und deren schönste ihn
menschlich liebt wie ein Mensch einen Menschen. Sie heißt Liane. Und da der
Mond nun zum Zenith steigt und die Bäume von seinem Glanze tropfen, winkt
sie leise den Genossinnen, und sie entschwinden, vergehen strahlend im
Mondstrahl. Sie zieht den Dichter ins Moos hinab, wo die Leuchtkäfer zwischen
ihren Küssen brennen. Und der Mond sinkt herab, und die Sonne steigt herauf.
Wie eine rote Rose erblüht sie zwischen den Narzissen der Morgendämmerung.
Jean Paul war im Anfang des neunzehnten Jahrhunderts der berühmteste,
geliebteste und beliebteste deutsche Dichter. Zu seinen Füßen saßen die
schönsten Frauen, und sie seufzten und zerdrückten heimliche Tränen in den
Wimpern, wenn er ihnen aus seinem »Titan« und aus dem »Siebenkäs« vorlas
mit tönender Stimme oder zu ihnen über das Immergrün unserer Gefühle sprach.
Aber nicht nur die Damen lauschten ihm. Er hatte bei aller Empfindlichkeit das
sichere Bewußtsein der Grenzen unserer Empfindungen, und der ewige
Zwiespalt zwischen Wahrheit und Wirklichkeit, er war auch ihm offenbar. Er
überbrückte ihn mit seinem Lächeln und seinem Gelächter. Seine komischen
Erzählungen geben Kunde davon. Jean Paul war ein glücklicher Mensch. Das
Leben und die Liebe und der Ruhm, er genoß sie in vollen Zügen. Seinem
lyrischen Bruder im Geiste: F r i e d r i c h H ö l d e r l i n (aus Lauffen am
Neckar 1770–1843), genannt der Unglückliche, blieb alles dies versagt. Mit
vollen Segeln wollte er über die Wogen der Welt segeln.