Die denkenden Wälder
Drogenabhängigkeit des Biochemikers. Jeder in der Station…
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 2 Teile geteilt.
Drogenabhängigkeit des Biochemikers. Jeder in der Station wußte das. Der brillante Forscher Tsingahn hatte diese Schwäche, wenn er auch weder verkrüppelt noch krank war. Nearchose hatte geistige Schwächen, wenn er auch weder dumm noch unwissend war. Jeder wußte, wie sehr er den anderen in der Station überlegen war, und so war die Freundschaft, die sich zwischen ihnen entwickelt hatte, die Freundschaft Gleichberechtigter. »Ich habe diese Schicht Außenstreife«, erklärte Nearchose und wandte sich zum Gehen. »Ich wollte bloß nachsehen, wie die Dinge hier stehen, das ist alles.«
»Schon gut, Nick. Sie können jederzeit kommen.« Nachdem der Große gegangen war, stellte Tsingahn seine Instrumente für die erste Sektion des Holzstückes ein. Er konnte das nicht weiter hinausschieben, obwohl es sich bei dem Knollen um das einzige bis jetzt gefundene Stück seiner Art handelte. Er war sicher, daß die Suchtrupps weitere finden würden. Es war nur eine Frage der Zeit. Sie hatten einen Extrakt aus dem Zentrum des Holzknollens einem Carew eingegeben, und das Ergebnis war unerwartet, erstaunlich, ja überwältigend gewesen. Statt die üblichen zwei Tage hatte das hyperaktive Säugetier beinahe eine Woche gelebt. Er hatte das Experiment zweimal wiederholt und seinen eigenen Ergebnissen nicht getraut. Als sie sich beim drittenmal wieder bestätigten, hatte er seine Entdeckung Hansen, dem Direktor der Station, mitgeteilt. Die Reaktion der Geldgeber des Projekts war wie erwartet gewesen: Es mußten weitere Knollen gefunden werden. Aber die Umgebung per Gleiter zu erforschen war schwierig. Man hatte Suchtrupps zu Lande ausgesandt, aber Hansen hatte sie trotz der Beschwerden von weiter oben bald wieder eingestellt. Zu viele Suchtrupps, gleichgültig, wie gut sie auch bewaffnet waren, waren nicht zurückgekommen. Die Tatsache, daß diese krankhafte Auswucherung des Baumes sich vielleicht als nützlicher erweisen würde als der Baum selbst, faszinierte Tsingahn immer noch. Er mußte an die Wale auf der alten Terra und Ambra denken. Er war erpicht darauf, die innere Struktur des Holzknollens zu studieren. Nach Sonden, die man eingeführt hatte, war das Innere weich, ganz im Gegensatz zu den meisten Knollen, die massives Hartholz waren. Und dann gab es auch noch weitere Hinweise, die auf ein ungewöhnliches Inneres schließen ließen.
Er arbeitete einige Tage an der Sektion, sägte, sondierte und schnitt. Am Ende dieser Zeit zerriß ein höchst unnatürlicher schrecklicher Schrei den Frieden der Station und jagte Leute von ihren Arbeitsplätzen in das Labor von Wu Tsingahn. Nearchose war der erste. Diesmal klopfte er nicht, sondern riß die Tür einfach auf, wobei der Riegel in Stücke ging. Zu seiner ungeheuren Überraschung stand Tsingahn einfach da und musterte ihn ruhig. Eine Hand zitterte leicht. Eines seiner Augenlider flatterte, aber das war nur normal.
Eine Menschenmenge hatte sich hinter Nearchose gesammelt, er drehte sich um und scheuchte sie weg. »Nichts zu sehen. Alles in Ordnung. Der Doc hatte nur einen schlimmen Trip, etwas schlimmer als sonst, das ist alles.« »Bist du da sicher, Nick?« fragte jemand zögernd. Klar, Maria. Ich mach das schon.« Die Menge verteilte sich murmelnd, als Nearchose die zerbrochene Türe schloß. »Was ist denn los, Nick? Weshalb so stürmisch?« Der Wächter wandte sich zu ihm um und studierte den Mann, den er oft nicht verstand, für den er aber höchsten Respekt empfand. »Sie waren das, der so geschrien hat, Doc.« Das war keine Frage. Tsingahn nickte. »Ja, das war ich.« Er sah weg. »Ich habe meine Morgendosis intus und . . . ich dachte, ich hatte etwas gesehen. Ich bin nicht so widerstandsfähig wie Sie, Nick, und ich fürchte, ich habe einen Moment die Fassung verloren. Es tut mir leid, wenn es die anderen gestört hat.« »Ja, schon gut«, meinte Nearchose unsicher. »Hab' mir einfach um Sie Sorgen gemacht, das ist alles. Alle machen sich Sorgen, wissen Sie.«
»Ja, schon gut«, sagte Tsingahn bitter.
Nearchose schien sich in dem Schweigen nicht ganz wohl zu fühlen und sah sich im Labor um. »Was macht die Arbeit? Fortschritte?« Tsingahns Antwort klang abwesend, seine Gedanken waren offenbar nicht bei der Sache. »Nun, besser als erwartet. Ja, ganz gut. In ein paar Tagen kann ich vielleicht berichten.« »Das ist prima, Doc.« Nearchose wandte sich zum Gehen, hielt dann aber inne. »Hören Sie, Wu, wenn Sie etwas brauchen, irgend etwas, das Sie nicht auf offiziellem Wege . . .« Tsingahn lächelte schwach. »Natürlich, Nick. An Sie würde ich mich als allerersten wenden.«
Der Wächter grinste und schloß leise die Türe hinter sich. Tsingahn kehrte an seine Arbeit zurück. Er war jetzt ganz ruhig und arbeitete schnell und geschickt.
Die Ruhe der Station sollte bis zum Abend jenes Tages nicht mehr gestört werden, als jemand an dem Labor vorbeiging und vor der Türe etwas Ungewöhnliches zu riechen glaubte. Er ging dem Geruch nach und stellte fest, daß durch die Ritzen der Labortüre dunkle Rauchschwaden zogen. Der Mann schrie »Feuer!« und schlug das Glas des nächsten Feuermelders ein. Diesmal war Nearchose nicht der erste, der das Labor erreichte. Er mußte sich durch all die Leute durcharbeiten, die die letzten Flammen erstickten. Es war gelungen, das Feuer einzudämmen, ehe es sich über das Labor hinaus ausbreitete, aber das Labor selbst war völlig vernichtet. Das Feuer war kurz, aber intensiv gewesen. Nicht nur, daß es in dem Labor eine Menge brennbaren Materials gegeben hatte, sondern Tsingahn hatte offenbar noch mit weißem Phosphor und Säure nachgeholfen. Der kleine Biochemiker war bei der Zerstörung ebenso methodisch vorgegangen wie bei seinen Forschungen. Alle drängten sich um die paar verkohlten Holzstücke, die im hinteren Teil des Labors herumlagen. Sie waren alles, was von dem Knollen übriggeblieben war, der unzählige Millionen wert gewesen sein mußte. Nearchoses Hauptsorge galt etwas anderem, und so war er auch der erste, der die Leiche unter einem Tisch fand. Zuerst nahm er an, der Wissenschaftler sei an Rauchvergiftung gestorben, da seine Leiche keine Spuren von Verletzungen zeigte. Dann wälzte er ihn zur Seite, und die weiße Kappe rutschte herunter. Nearchose sah den Nadler, den eine Hand noch umkrampft hielt, sah die winzigen Löcher vorne und hinten am Schädel. Er wußte, wie ein Nadler wirkte, wußte, daß man einen Bleistift durch das Loch würde schieben können. Die Augen des Mannes waren geschlossen, und sein Ausdruck wirkte zufrieden zum erstenmal seit Nearchose sich erinnern konnte.
Nearchose richtete sich auf. Das bejammernswerte, schwache Genie, das da vor ihm auf dem Boden lag, hatte etwas entdeckt, das ihn in den Tod getrieben hatte. Nearchose hatte keine Ahnung, was dieses Etwas war, und war auch gar nicht sicher, ob er es wissen wollte. Kein Mensch ist vollkommen. Ein alter Sergeant hatte ihm diesen abgedroschenen Satz zum erstenmal gesagt. Bei all seinen wissenschaftlichen Fähigkeiten war Tsingahn weniger vollkommen als die meisten gewesen. Ein Blatt mit Notizen hier, die Seite eines Buches dort das war alles, was übriggeblieben war. In der Station war ein Biochemiker von geringerem Rang namens Celebes und ein Botaniker namens Chittagong tätig. Zu zweit gaben sie nicht ganz einen Tsingahn ab, aber sie waren die besten, die Hansen hatte. Sie wurden sofort von ihrem Projekt abgezogen und bekamen die sorgfältig eingesammelten Papier-stücke und Reste seiner Notizbücher sowie den Auftrag, Tsingahns Arbeit zu rekonstruieren. Schließlich fand man einen zweiten Knollen von der Art wie der erste, der vom Feuer zerstört worden war, und brachte ihn in die Station. Man gab ihn Chittagong und Celebes, die damit arbeiteten, während neu installierte Sicherheitsmonitore sie dauernd überwachten, alles überprüften, angefangen beim Herzschlag der
Wissenschaftler bis zum Knurren ihres Magens. Beide Männer standen ihrem Projekt alles andere als begeistert gegenüber, besonders wenn sie den Tod ihres Gefährten bedachten. Aber die Befehle kamen von einer wütenden Person an einem großen Schreibtisch, der viele Parsek entfernt stand. Gegen sie gab es keinen Widerspruch. Nearchose kehrte zu seinen Pflichten zurück. Er saß auf seinem Posten und brütete darüber nach, was in einem gewöhnlichen Stück Holz sein könnte, das jemand von so rationaler Grundhaltung wie Tsingahn dazu bringen konnte, durchzudrehen. Solche Dinge geschahen, und er brauchte sich darüber nicht den Kopf zu zerbrechen. Aber er konnte einfach nicht anders. Er seufzte und zwang sich, wieder auf die ihn umgebende grüne Mauer zu blicken.
Verdammt, er hatte all dieses Grün satt
6 »Autsch!«
Born blieb stehen und sah sich nach seinen Schützlingen um. Logan hüpfte ungeschickt auf einem Fuß auf dem Kabbl und hielt sich an einer Liane fest. Born ließ die
Schlingpflanzenwurzel los, die er gerade hielt, und ließ sich neben Logan fallen. Sie setzte sich und hielt ihr linkes Bein. Sie schien eher ärgerlich als verletzt. Cohoma studierte
etwas, das Logan mit einer Hand abdeckte. »Was ist?« Sie lächelte ihn an. Auf ihrer Stirn standen kleine Schweißtropfen. »Ich bin auf etwas getreten.« Sie sah sich um, gestikulierte. »Diese Blume dort... ist mir durch den Stiefel gedrungen.«
Born sah die winzige Ansammlung hellorangeroter Dornen, die aus der Mitte des winzigen Buketts sechsblättriger Lavendelblüten hervorstach. Sein Ausdruck veränderte sich, und seine Hand griff unter seinen Umhang. Er holte das Messer heraus.
»Hey!« Cohoma wollte zwischen sie treten. Born schob den Größeren einfach weg. Cohoma stolperte und wäre fast vom Kabbl gefallen. »Hinlegen!« befahl Born Logan und drückte sie gleichzeitig mit der Hand hinunter. Sie war zu verblüfft, um sich zu wehren, wollte sich aber gleich wieder aufsetzen, stützte sich mit den Händen ab. »Born, was machst du? Es sticht ein wenig, aber . . .« Er riß ihr den Stiefel herunter, und sie kippte wieder um, schlug sich den Kopf am Holz auf. Dann hob er ihr Bein an und hielt das Messer darüber. »Warte doch, Born!« Ihre Stimme klang hysterisch. Cohoma hatte inzwischen wieder Fuß gefaßt und kam jetzt drohend auf den Jäger zu. »Augenblick mal, du Knirps. Erkläre . . .« Über ihm war ein warnendes Grollen zu hören, und er blickte auf. Ruumahum beugte sich über den Kabbl, hielt sich mit den vier Hinterbeinen daran fest, die Vorderpfoten hingen mit ausgefahrenen Klauen herunter. Der Pelziger lächelte und zeigte dabei mehr Elfenbein als ein Konzertflügel. Cohoma sah in drei Augen und ballte die Fäuste, hielt sie aber an seiner Seite. »Das tut jetzt etwas weh«, sagte Born schnell. Sein Messer schnitt direkt über den drei roten Punkten in ihre Fußsohle. Logan stieß einen wilden Schrei aus, fiel nach hinten und versuchte sich zu befreien. Born hielt ihren Fuß fest, legte den Mund auf die blutende Wunde, saugte und spuckte, saugte und spuckte. Als er fertig war, weinte sie leise und zitterte. Nach einem vorsichtigen Blick auf Ruumahum trat Cohoma neben sie, um sie zu trösten.
Born achtete nicht auf die Fragen des Riesen, sondern sah sich in dem Blattwerk um, das sie umgab. Dann fand er, was er brauchte, ein paar zylinderförmige Blüten, die aus einem nahen Zweig wuchsen. Er suchte einen alten aus und schnitt ihn unten ab. Er war etwa halb so lang wie sein Arm. Dann schnitt er die Spitze ab, so daß man ein hohles Rohr sehen konnte, das mit einer klaren Flüssigkeit gefüllt war. Er trank die Flüssigkeit, seufzte und suchte einen zweiten Zylinder. Den bot er der verletzten Frau an. Logan rieb sich immer noch die Augen und starrte ihn an. »Trink das«, befahl er. Sie wollte nach dem Zylinder greifen, zuckte aber zusammen, als der Stengel sich weich anfühlte. Dann hielt sie zögernd die Lippen an den Rand und leerte ihn, ohne auf Cohomas Warnung zu achten, zur Hälfte. Den Rest gab sie ihm.
Cohoma studierte das Rohr argwöhnisch. »Woher wissen wir denn, daß er uns nicht vergiften will?«
»Wenn er uns töten wollte«, seufzte sie, »hätte er uns ja dem fliegenden Fleischfresser überlassen können. Jan, sei kein Narr. Daran ist nichts Gefährliches.«
Cohoma nippte widerstrebend, leerte den Behälter dann aber. »Dein Fuß . . .wie fühlt er sich an?« erkundigte Born sich besorgt. Logan zog das Knie hoch und drehte das Bein dann so, daß sie die Sohle sehen konnte. Die Wunde war nicht so tief, wie sie befürchtet hatte. Jedenfalls nicht so tief, wie sie sich angefühlt hatte, als Born sie schnitt. Sie begann bereits zu heilen. Aber rings um die drei Stiche hatte die Haut sich gerötet. »Wie wenn jemand mit dem Messer hineingeschnitten hätte«, konterte sie. »Wie sollte sie sich denn anfühlen?« »Außer dem Schnitt fühlst du nichts?« bohrte Born. Sie überlegte. »Ein leichtes Prickeln vielleicht, dort, wo ich in die Dornen getreten bin ... so wie wenn einem der Fuß einschläft. Aber das ist alles.«
»Prickeln«, sagte Born nachdenklich. Wieder suchte er den Busch um sie herum ab. Die beiden Riesen beobachteten ihn neugierig. Er blieb vor einer Pflanze stehen und pflückte dann eine blaßgelbe Frucht von einem Zweig ganz oben, wo diese Früchte in Dreiergruppen hingen. »Iß das«, wies er Logan an.
Sie musterte die Frucht unsicher. Von allen Früchten, die Born ihnen gegeben hatte, wirkte die hier am
unsympathischsten. Sie hatte die Form eines kleinen Fäßchens mit braunen rippenähnlichen Vorsprüngen, die sie wie Bänder umliefen. »Mit der Haut?«
»Ja, mit der Haut«, sagte Born und nickte. »Und schnell. Das ist besser für dich.«
Sie führte die Frucht zum Munde. So vieles auf dieser Welt täuschte einen vielleicht hatte dieses zäh aussehende Zeug einen . . . und dann biß sie hinein. Ihr Gesicht verzog sich angewidert. »Das schmeckt«, meinte sie zu Cohoma gewandt, »wie fauliger Käse mit Essig. Was passiert denn, wenn ich das nicht zu Ende esse?« fragte sie Born bittend. »Ich glaube ich denke, ich habe all das Gift aus der Wunde gesaugt, wenn nicht, dann hast du noch ein paar Augenblicke Zeit, ehe sich das restliche Gift in deinem Nervensystem ausbreitet und dich umbringt. Wenn das Antitoxin in der Frucht es nicht vorher neutralisiert.«
Logan schlang das gelbe Fruchtfleisch mit einer Geschwindigkeit hinunter, die ihren Ekel Lügen strafte. Dennoch fand sie Zeit, sich darüber zu wundern, daß im Wortschatz dieser Leute Worte wie »Antitoxin« und Begriffe wie »Nervensystem«, »neutralisieren« durch all die Jahre haftengeblieben waren. Zweifellos, über-legte sie, wurden die Ausdrücke in dieser stets bedrohlichen Umgebung dauernd gebraucht. Als sie diesen Schluß gezogen hatte, weiteten sich ihre Augen, die Wangen traten ihr hervor, und sie wandte sich ab und würgte so elendiglich, daß Born und Cohoma alle Mühe hatten, sie festzuhalten, sonst wäre sie vom Kabbl gestürzt. Minuten später lag sie auf dem Rücken und rang nach Luft und fuhr sich langsam mit dem Unterarm über den Mund. Sie keuchte. »Mir ist, als hätte man mich von innen nach außen gestülpt.« Sie preßte sich beide Hände an den Leib und betastete sich vorsichtig. »Aber alles ist noch da ich wäre jede Wette eingegangen, daß er weg ist.« Born achtete nicht auf ihre Klagen. »Wie fühlt dein Fuß sich jetzt an?« »Er prickelt immer noch ein wenig.« »Nur dein Fuß?« beharrte er und musterte sie aufmerksam. »Nicht dein Knöchel oder die Wade hier?« Er betastete sie. Sie schüttelte den Kopf. Born knurrte etwas Unverständliches und stand auf. »Gut. Wenn das ganze Bein prickeln würde, hätte sich das Gift zu weit ausgebreitet, und ich könnte nichts mehr dagegen tun. Aber jetzt bist du außer Gefahr.«
Sie nickte und versuchte mit Cohomas Hilfe aufzustehen. Dann musterte sie Born scharf. »He wenn es so wichtig war, daß ich die Frucht sofort esse, Born, warum hast du dann gezögert, ehe du sie abgepflückt und hergebracht hast. Nachdem, was du gerade gesagt hast, hätte ich in der Zwischenzeit sterben können.«
Der Jäger musterte sie mit dem geduldigen Blick, den man sich gewöhnlich für ganz kleine Kinder aufbewahrt. »Ich mußte sicher sein, daß die Tesshanda nichts dagegen einzuwenden hatte, daß ich ihre Frucht pflückte, sie war ja noch nicht ganz reif.«
Logan und Cohoma schienen verwirrt. »Willst du damit sagen«, fuhr sie fort, »daß du diese Pflanze um Genehmigung bitten mußtest? Daß du mit ihr gesprochen hast?« »Das habe ich nicht gesagt«, erklärte Born. »Emfatiert habe ich sie.«
»Emfatiert? Oh, du meinst, du hast die Frucht betastet, um zu sehen, ob sie reif war?«
Born schüttelte den Kopf. »Nein . . . emfatiert. Emfatiert ihr nicht mit euren Pflanzen?«
»Ich denke nicht, ich habe nämlich keine Ahnung, wovon du redest, Born.« Er schien befriedigt, wenn es ihm auch keine Freude zu bereiten schien. »Ah, das erklärt eine ganze Menge.« »Mir nicht, gar nicht«, erwiderte Cohoma. »Hör zu, Born, willst du sagen, daß du mit dieser Pflanze geredet oder dich mit ihr unterhalten hast und daß sie es dir erlaubt hat, eine Frucht abzupflücken, ehe sie reif war?«
»Nein, nein. Ich habe sie emfatiert. Wenn die Frucht reif gewesen wäre, hätte ich das natürlich nicht tun müssen.« »Warum, natürlich?« fragte Logan, der das Gespräch immer mysteriöser schien. »Weil die Tesshanda dann mich emfatiert hätte.« »Irgendeine Art rituellen Aberglaubens«, murmelte sie. »Ich möchte nur wissen, wo das herkommt? Hilf mir aufstehen, Jan.« Das tat er, und sie zuckte sofort zusammen, beugte sich nach vorne und hielt sich den Leib.
»Kannst du gehen?« erkundigte sich Born, immer noch sehr geduldig. »Nein, aber ich bin eine geübte Humplerin.« Sie zwang sich zu einem schiefen Grinsen. »Manchmal ist ja die Medizin schlimmer als die Krankheit. . . Ich glaube nicht, daß du im Commonwealth große Chancen als Arzt hättest, Born, aber das ist jetzt schon das zweite Mal, daß du mir das Leben gerettest hast. Danke.«
»Das dritte Mal«, erklärte Born, ohne näher zu erklären. »Wir sind jetzt nahe beim Heim. Noch eine halbe Etage nach oben und zwei oder drei Etagen weit.« Die beiden Riesen stöhnten.
»Ich habe noch nie einen solchen Baum gesehen, nicht im Forschungsbericht und auch in keinem der anderen Berichte«, erklärte Cohoma, als sie Heim das erste Mal sahen.
»Du bist nicht auf dem laufenden, Jan«, meinte seine Partnerin. »Der vorletzte Gleiter, der nach Osten geflogen war, hat Einzelheiten darüber gebracht. Man nennt ihn einen Weber. Der Mittelstamm verjüngt sich kaum, bis er ein Niveau von fünf oder sechshundert Metern erreicht hat. Dann spaltet er sich ein paarmal auf und bildet ein
ineinanderverwobenes Labyrinth von Einzelstämmen, die einen . . . nun . . . eine Art riesigen Korb in dem Baum bilden. Ein paar Dutzend Meter darüber verbinden sich die einzelnen Unterstämme wieder und bilden erneut einen einzigen Stamm, der bis an die Spitze des Waldes reicht. Nach dem Bericht sind die Zweige dieses kleinen >Käfigs< mit roten Früchten bewachsen, hauptsächlich zuckerhaltiges Fruchtfleisch um einen nußähnlichen Kern, der mit mehr Nährstoffen angereichert ist als irgend etwas, das man bis jetzt gefunden hat ganz besonders an Niacin.« Sie näherten sich den ersten Stämmchen und gingen an einer dicken Tungtankel entlang.
»Siehst du diese Säcke, die aus den rosafarbenen Blüten wachsen? In dem Bericht steht, wenn man an einen stößt, bekommt man das Gesicht voll Pollenstaub. Wenn man das Zeug einatmet, heißt es, ade so steht es im Laborbericht. Fungussporen setzen sich in den Lungen und der Luftröhre fest, breiten sich sofort aus und ersticken einen binnen zwei Minuten.« Plötzlich bemerkte sie, daß Born keine Anstalten machte, den tödlichen Gewächsen auszuweichen. »Wir gehen doch um diesen Baum herum, oder, Born? Es gibt hier doch bestimmt kein Gift, das deine Leute nicht kennen.« »Um den Baum herum?« Born musterte sie eigenartig. »Dieser Baum ist das Heim.« Er näherte sich dem Gewirr aus mit Blumen überladenen Schlingpflanzen und Ästchen. »Born . . .« Sie folgte ihm langsam, ohne die tödlichen Säcke aus den Augen zu lassen. Nur eine Berührung, und eine Wolke des erstickenden Pollenstaubes würde die Luft erfüllen. Born blieb an der ersten Liane stehen, beugte sich vor und spuckte geradewegs in eine der großen Blüten, wich dabei dem angeschwollenen Pollensack aus. Ein Zittern schien die Schlingpflanze zu durchlaufen, während die schimmernden Blütenblätter sich schlossen. Das Zittern hielt an, und dann spannten sich die Schlingpflanzen wie ein Zweig, der sich vor der Flamme zurückzieht, rollten sich ein, gaben einen Weg durch das Gebüsch frei.
»Schnell jetzt«, drängte Born und setzte sich in Bewegung. Ein grüner Blitz schoß an den beiden Riesen vorbei, als diese sich ihm anschlossen. Ruumahum hatte nicht gewartet, bis sie ihre Entscheidung getroffen hatten. Als sie sicher den gewachsenen Vorhang durchquert hatten, wandten beide sich um und sahen zu, wie die Schlingpflanzen sich wieder entspannten. Jetzt versperrten sie den Weg wieder, ebenso sicher wie eine Mauer aus Duralum.
»Bemerkenswert«, murmelte Cohoma. Dann fragte er Born, während sie tiefer ins Herz des Heimbaumes eindrangen: »Born, wenn ich in eine der Blüten spuckte was würde da passieren?«
»Nichts«, antwortete der Jäger. »Du gehörst nicht zum Heim. Das Heim kennt nur die seinen.«
»Ich begreife nicht, wie . . .«, begann er, aber Logan hatte bereits mit ihrer Analyse begonnen.
»Sag, Born«, fragte sie, »essen deine Leute die Frucht des Webers des Heims?«
Born sah sie verblüfft an. Manchmal schien es, als besäßen diese Riesen Wissen, das jegliche Vorstellung überstieg; und manchmal konnten sie wieder unglaublich dumm sein. »Gibt es denn etwas Besseres zu essen, abgesehen vielleicht von frischem Fleisch?« Er hatte gehört, wie Loganden Bericht der Forschungsgruppe über den Weber rezitierte, hatte ihn aber nicht begriffen. »Warum sollten wir nicht essen, was uns so großzügig angeboten wird?«
»Interessant«, pflichtete Logan ihm bei. Dann begann sie wieder Worte zu gebrauchen, die für Born keine Bedeutung hatten, und er ignorierte ihr Gespräch. »Siehst du jetzt den Zusammenhang, Jan?« Ihr Begleiter nickte. »Ich glaube schon. Sie essen die Früchte des Baumes regelmäßig; das ist ihre Hauptnahrung. Chemikalien aus der Frucht sammeln sich in ihrem System. Wenn sie in eine der Büten spucken, befinden sich im Speichel auch Chemikalien der verzehrten Früchte. Kein Wunder, daß das Heim seine Leute erkennt!« »Ich kann verstehen, was das den Leuten bringt«, gestand Logan. »Nahrung und Unterkunft, aber was bekommt der Baum davon falls er etwas davon hat?«
Ein Ruf und dann noch einer und dann viele rissen sie aus ihren Überlegungen, und dann fanden sie sich plötzlich von einer Schar neugieriger Kinder umgeben völlig normaler Kinder, in jeder Hinsicht normal, sah man von ihrer tiefbraunen Haut, dem ebenso braunen Haar, den grünen Augen und ihrem kleinen Wuchs ab. Die Kleinen musterten die beiden Riesen mit der gleichen Ehrfurcht, mit der sie vielleicht rosafarbene Pelziger angestarrt hätten. Auch Din war dabei. Er lief neben Born her. Die schmale Brust aufgebläht, ahmte er jeden Schritt des Jägers nach, auch wenn er gelegentlich dazwischen einen kleinen Sprung machen mußte, um mit ihm Schritt zu halten. Born murmelte dem Jungen einen gleichgültigen Gruß zu. Ob der Junge wohl nie aufhören würde, ihn zu belästigen? Muf trottete hinter ihm her. Für einen Pelziger war das ungewöhnlich. Normalerweise hätte er jetzt irgendwo zwischen den Stämmchen mit seinen Brüdern geschlafen. Das Junge drängelte sich durch die Kinderschar, beschnüffelte Logan neugierig. Zuerst zuckte sie zurück, dann tätschelte sie das Junge zögernd am Kopf. Irgendwo aus dem Inneren des sechsbeinigen Fellbündels kam ein tiefes, nicht unfreundliches Grollen. Das Junge drängte sich noch näher an Logan heran und hätte sie dabei beinahe zu Fall gebracht.
Im nächsten Augenblick war ein stromlinienförmiges grünes Etwas neben ihr. »Wenn Junges ärgert, schlagen«, rief Ruumahum Logan mit seinem polternden Baß zu. Sie blickte auf das Junge hinunter, das sie mit ergebenen Augen anstarrte. »Ihn schlagen aber bestimmt nicht!« wandte sie ein. »Es ist doch nett zu mir.« Ruumahum schnaubte nur und trottete davon. Schließlich kam die ungewöhnliche Parade ein Mensch, zwei Pelziger, ein Rudel schnatternder Kinder, zwei Riesen vor dem Blattlederpavillon im Zentrum des Dorfs zum Stillstand.
Borns Blick wanderte über die sie umgebenden Häuser. Irgendwo gähnte laut ein ausgewachsener Pelziger. Aber da war keine Menschenmenge, die ihnen aus den halboffenen Türen entgegenströmte, da gab es keine heranwachsenden Mädchen, die gerannt kamen, um seine Arme und seinen Brustkasten zu betasten, keine Jäger, um seine Riesen mit der gleichen Ehrfurcht zu studieren, die die Kinder gezeigt hatten. Da war kein Lob, keine Bewunderung, keine Komplimente, kein Ausdruck gebührenden Lobes für seinen Mut und seine Kühnheit nur die neugierigen Blicke von ein paar Alten, die hinter Blattledertüren hervorlugten. Etwas stieß Born von hinten in die Kniekehle, und er fiel nach vorne und landete in einer Pfütze von Nachtwasser. Muf versteckte sich zwischen den Kindern. Sie lachten spöttisch. Langsam sich aufrichtend, versuchte Born seine Würde zurückzugewinnen, während er sich das Wasser vom Umhang schüttelte. Das Gelächter hielt an. Er drehte sich um und schrie sie an. Sie zogen sich ein paar Schritte zurück, aber ihr Lachen hörte nicht auf. Er machte einen Schritt auf eins der Kinder zu, und seine Hand fuhr drohend zum Messer. Diesmal rannten sie davon, und ihre nackten braunen Körper huschten behende hinter die Türen der Häuser oder verbargen sich hinter Buckeln und Höckern in dem hölzernen Pflaster des Platzes. Born stellte fest, daß sein Atem schwerer ging. Seine Fähigkeit, einen Narren aus sich zu machen, schien grenzenlos.
»Nicht ganz der Empfang, den du dir erhofft hast, hmm?« meinte Cohoma überraschend einfühlsam. »Ich weiß genau, wie dir zumute ist. Ich habe das auch schon erlebt.« Er warf einen vielsagenden Blick zu Logan hinüber, den diese überhaupt nicht zu bemerken schien.
Und plötzlich floß der ganze Ärger aus Born heraus, und er entspannte sich etwas, empfand gleichzeitig ein unerwartetes Gefühl der Gemeinsamkeit mit diesem fremden Mann, der von sich behauptete, in einem Boot aus Axtmetall durch die Obere Hölle zu reisen. »Wo sind denn alle?« wollte Logan wissen.
Born zuckte die Achseln und führte sie weiter zu seinem eigenen Häuschen, hoch in den Stämmen am äußersten Ende des Heimkäfigs. »Sie sammeln Früchte, pflegen das Heim . . .«
»Parasitenkontrolle«, murmelte Cohoma Logan zu. »Ein Pluspunkt für den Baum. Besser ein menschlicher Parasit, den man kennt, als ein unvernünftiges Tier oder eine Pflanze, die man nicht kennt.« »Symbionten, nicht Parasiten«, konterte Logan. »Den Vorteil haben sowohl der Baum, als auch der Mensch. Ich würde nur gerne wissen, was die Weberbäume zu ihrem Schutz taten, ehe Borns Ahnen sie sich zur Behausung wählten.« » . . . oder vielleicht jagen«, schloß Born, der ihre geflüsterte Unterhaltung ignoriert hatte. »Ehe es Nacht wird, kommen sie zurück.« Er lächelte. Er konnte immer noch auf Geh Hells Reaktion zählen, wenn er am Abend dem Rat die Riesen vorstellte. Borns Quartier veranlaßte die Riesen ebenfalls zu einigen seltsamen Worten. »Da, schau«, fuhr Logan dann wieder für Born verständlich fort und wies auf die Wände und die Decke, »die kleineren Äste und Zweige wachsen so eng beieinander, daß es ganz einfach ist, sie mit gewebtem Material völlig dicht zu machen!«
Cohoma murmelte beipflichtend, setzte sich dann und fuhr mit dem Finger über das glatte Holz des Bodens. In ihm nahm eine Idee Gestalt an, zu der ihm aber noch ein paar Einzelheiten und eine Bestätigung fehlten. Born gab sie ihm, als er die Funktion einer kreisförmigen Vertiefung im Boden ganz hinten in dem Raum erklärte.
»Ich möchte nur wissen«, murmelte er laut, »wer sich hier wem angepaßt hat der Mensch dem Baum oder der Baum dem Menschen? Vielleicht hat niemand in den Weberbäumen gelebt, ehe die Kolonisten sie entdeckten. Aber ich begreife immer noch nicht, wie sich innerhalb von wenigen Generationen eine derart detaillierte und spezialisierte gegenseitige Abhängigkeit entwickeln konnte.«
Logan überlegte stumm. Born musterte die beiden verständnislos, während sie ihr Gespräch fortsetzten. Was meinten die da Menschen, die sich dem Baum anpassen oder Bäume dem Menschen? Das Heim war das Heim. Es war doch nichts anderes als vernünftig, daß ein Mensch für seine Behausung sorgte. Wie das wohl auf der Welt sein mochte, von der diese Riesen kamen, wenn sie die natürliche Ordnung der Dinge hier so erstaunlich fanden? Ihm würde es dort wohl nicht gefallen, dachte er. Und dann kam ihm plötzlich ein verrückter Gedanke verrückt, weil er so unmöglich schien.
»Könnte es sein«, sagte er, und seine ganze Ungläubigkeit klang in seinen Worten mit, »daß es auf eurer Welt nichts gibt, das wächst?« »Nein«, berichtigte ihn Logan, »es gibt viel, das wächst, aber nichts, in dem wir so wie du leben. Aber wir benutzen unsere wachsenden Dinge so, wie ihr auch.«
»Benutzen? Das verstehe ich nicht, Kimilogan.« Sie setzte sich hin und lehnte sich an einen Ast.
»Von manchen Pflanzen essen wir die Früchte, andere verarbeiten wir zu Nahrung, die wir essen können, andere verwenden wir immer noch, wenn auch selten, beim Bau unserer Häuser. Und einige verwenden wir zu medizinischen Zwecken, so wie du die Tesshanda. Wir gebrauchen die Waldwelt ganz ähnlich wie ihr.«
»Ich verstehe immer noch nicht«, sagte Born, »wir benutzen den Wald nicht. Wir sind ein Teil des Waldes, der Welt. Wir sind Teil eines Kreislaufs, der nicht unterbrochen werden darf. Wir benutzen den Wald ebensowenig, wie der Wald uns benutzt.«
Dazu murmelte Cohoma eine unverständliche Bemerkung. »Deine Leute dienen diesem Baum«, erklärte Logan langsam, »selbst wenn es euch nicht bewußt ist. In gewissem Sinne seid ihr seine Diener.« »Diener.« Born überlegte und spreizte dann hilflos die Hände. »Was ist ein Diener?«
»Jemand, der auf Geheiß eines anderen einen Dienst erweist«, erklärte sie. Verrückt und immer verrückter! Diese Riesen mußten doch hin und wieder geistesgestört sein, sagte sich Born. »Wir dienen dem Baum nicht, nein. Das Heim dient uns.« Logan musterte ihn etwas traurig und blickte dann zu Cohoma hinüber. »Die verstehen das nicht. Wahrscheinlich möchten sie das auch gar nicht.«
»Und warum nicht?« wollte Cohoma wissen. »Sie scheinen doch mit den Zuständen recht zufrieden.«
»Aber geistig bindet es sie«, konterte sie. »Wenn die Natur ihnen Nahrung und Unterschlupf liefert, gibt es weder eine Begründung, noch eine Motivation, das Wissen
zurückzugewinnen, das sie verloren haben. Es wird uns schwerfallen, sie zu resozialisieren. Sag, Born«, fragte sie mit sanfter Stimme und wandte sich ihm zu, während er Früchte, Nüsse und getrocknetes Graserfleisch auftischte, »könntest du dir vorstellen, daß du je deinen Baum verläßt?« Die Frage schockierte Born so, daß er einen Augenblick wie erstarrt dastand. »Das Heim verlassen? Du meinst für immer? Um nie zurückzukommen?« Sie nickte.
Jetzt hatte er die Bestätigung, daß die Riesen verrückt waren. Warum sollte je jemand daran denken, das Heim zu verlassen? Hier war Unterkunft, Nahrung, Gesellschaft, Sicherheit und Schutz vor dem Dschungel draußen. Außerhalb des Heimes gab es nur Unsicherheit und am Ende den Tod. Dann begriff er ihren Sinn und damit viele der seltsamen Worte der Riesen. »Ich verstehe«, sagte er mitfühlend. »Vorher habe ich das wirklich nicht begriffen. Es ist offenkundig, daß ihr kein eigenes Heim habt.« »Doch, wir haben eines«, konterte Cohoma. »Meines würde dich überwältigen, Born. Es tut alles, was ich ihm sage, bietet mir zu essen an, wenn ich es haben will, und ich kann kommen und gehen, wann ich möchte.« »Und du mußt nicht für dein Heim sorgen?« »Nun ja, aber . . .« Logan lachte. »Jetzt hat er dich, Jan.«
Cohoma schien das etwas peinlich. »Nein, ganz und gar nicht. Ich kann jederzeit weggehen, solange ich will, ohne mir Sorgen darüber zu machen. Aber diese Leute können das nicht.« »Dann ist es kein Heim«, wandte Born ein. »Man sorgt für sein Heim, und das Heim sorgt für einen.«
»Nun, meines ist es jedenfalls«, brummte Cohoma und kostete eine Spiralnuß aus der Schale vor sich. Ihr Geruch erinnerte an Pfeffer und Sellerie. Er nahm eine zweite. »Ich verstehe«, erwiderte Born. Er war zu höflich, um das hinzuzufügen, was er wußte. Zwar war vom Bau dieser künstlichen Heimstätten keine Rede gewesen, aber Born wußte, daß die Heime der Riesen nicht lebten, daß sie tote Dinge waren, voll Gleichgültigkeit. Born könnte trotz all der Wunder nicht in einem toten Ding leben, tot wie die Axt. Ein totes Ding konnte man nicht emfatieren. Der Gedanke an Äxte und das verblassende Tageslicht erinnerte ihn daran, daß die Sammler und Jäger bald zurückkehren würden. Er würde ihnen die Riesen vorführen, und am Ende würde vielleicht jemand endlich sagen, daß der Jäger Born etwas kühner und mutiger als die übrigen Jäger war. Als er sich setzte und aß und sich dabei zurechtlegte, was er sagen würde, sah er unter der Blattledertüre Zehen. Er stand auf und schob den Vorhang beiseite. Din zuckte erschreckt zurück, aber Born war so mit der Vorfreude auf seinen eigenen Triumph beschäftigt, daß er gar nicht ärgerlich war. Statt dessen lud er den Jungen zum Essen ein und schob Muf zurück, als das Pelzigerjunge folgen wollte. Der Pelzball jammerte zwar, blieb aber draußen. Born gab dem Jungen zu essen, und der fiel gierig darüber her. Soviel zu seiner Zuhörerschaft, ein Waisenknabe und zwei Riesen, die offenbar geistesgestört waren. Er biß ärgerlich in ein Stück Fleisch.
»Eine Anzahl Auswandererschiffe«, erklärte Cohoma ihren mißtrauischen, aber höflich aufmerksamen Zuhörern, die sich um das abendliche Feuer drängten, »sind den Berichten nach verlorengegangen. Manche bei Naturkatastrophen, manche nur, weil irgendein Angestellter nicht aufgepaßt hat.« Er schluckte, erkannte plötzlich, daß er sich auf quasi religiösem Boden bewegte. »Wahrscheinlich«, fuhr er fort und betonte dabei das Wort wahrscheinlich, »wahrscheinlich seid ihr die Abkömmlinge der Überlebenden eines solchen Schiffes, das hier strandete. Freilich finde ich es angesichts der feindseligen Natur dieser Welt unglaublich, daß ein Teil der schiffbrüchigen Kolonisten überleben konnte, nachdem die ursprünglichen Vorräte erschöpft waren.« Er setzte sich wieder. »Jedenfalls vermuten wir, daß es so war.« Niemand am Feuer sagte etwas. Cohoma und Logan musterten ihre kleineren, besser bewaffneten Vettern etwas besorgt.
»All dies«, erwiderte Häuptling Sand schließlich gemessen, »mag sein, wie ihr sagt.« Die beiden Riesen entspannten sich sichtlich. »Aber wenn wir auch nicht euer spezielles Wissen teilen, so haben wir doch auch unsere eigenen Erklärungen für unsere Existenz.«
Er sah zu Leser hinüber und nickte. Der Schamane erhob sich. Er trug sein zeremonielles Kleid aus geflecktem Gildverpelz, strahlend braun und rot mit orangefarbenen Streifen, und einen gefiederten Kopfputz. Und natürlich die Axt, die er jetzt würdevoll vorzeigte, als er sich erhob. Die Axt wie einen Dirigentenstab schwingend, erzählte er die Geschichte, wie die Welt entstanden war.
»Am Anfang war der Same«, dröhnte Lesers Stimme feierlich. Die Leute lauschten ehrfürchtig. Sie hatten die Legende tausendmal gehört, und doch faszinierte sie sie immer wieder. »Und zwar gar kein großer Same«, fuhr der Schamane fort. »Eines Tages stieg der Gedanke des Wassers herunter, und der Same schlug im Holz von Emfat Wurzeln.« Wieder dieses Wort, dachte Logan. »Er wuchs. Der Stamm wurde stark und groß und kräftig. Und dann wuchsen ihm viele Äste. Einige davon bildeten die Säulen, welche die Welt beherrschen. Andere veränderten sich und wurden zu den zwei Höllen, welche die Welt umschließen. Und dann tauchten Knospen auf, zahllose Knospen, und sie blühten. Wir sind die Abkömmlinge einer solchen Knospe, die Pelziger sind die der anderen, und der Schnüffler, der im Walde lauert, ein weiterer. Der Same gedeiht, die Welt gedeiht, wir gedeihen.«
Cohoma hielt die Knie mit den Armen umspannt. »Wenn das so ist und wenn ihr glaubt, daß ihr von einem anderen Planeten als diesem kommt, wie paßt das dann alles in euer Universum?« »Die Äste des Baumes sind weit ausgebreitet«, erwiderte Leser. Ein Beifälliges Murmeln erhob sich im Kreise. »Und was wäre, wenn einer eurer Zweige an einen anderen Teil dieses Baumes verpflanzt würde?« »Dann würde er sterben. Jede Blüte kennt ihren Platz an diesem Ast.« »Dann könnt ihr unsere Lage begreifen«, fuhr Cohoma fort. »Für uns gilt dasselbe. Wenn wir nicht zu unserem Ast zurückkehren oder zu unserem Samen, unserem Heim, unserer Station , werden wir ganz bestimmt ebenfalls sterben. Wollt ihr uns nicht helfen? Wir würden für euch das gleiche tun.«
Logan und Cohoma gaben sich die größte Mühe, gleichgültig zu scheinen, während die Dorfbewohner diskutierten. Jemand warf ein Stück halbverfaultes Holz ins Feuer. Die Flammen flackerten auf, und dann erhob sich Rauch, kräuselte sich träge himmelwärts. Warmer Regen tröpfelte durch die Rauchschwaden.
Sand, Joyla und Leser unterhielten sich im Flüsterton. Schließlich hob Sand die Hand, und das Murmeln verstummte.
»Wir werden euch helfen, zu eurem Ast zurückzukehren, zu eurem Heim«, verkündete er mit fester Stimme, die so klang, als käme sie aus einem fernen Lautsprecher und nicht aus seiner hageren Gestalt. »Wenn es möglich ist. . .« Born hielt sich im inneren Kreise auf und blickte zu Boden, damit der Häuptling oder Leser oder einer seiner Stammesgenossen es nicht sehen konnten. Er konnte kaum ihre Antwort abwarten, sobald sie einmal erfahren hatten, wie weit entfernt diese Station der Besucher tatsächlich war. Keiner lachte, als Logan es ihnen sagte. »Eine solche Reise ist noch nie unternommen worden«, erklärte Sand, als Logan geendet hatte. »Nein, unmöglich, unmöglich. Ich kann es niemandem befehlen, euch zu begleiten, das kann ich nicht.« »Aber habe ich mich denn nicht deutlich genug
ausgedrückt?« bat Logan eindringlich, stand auf und sah sich besorgt unter den stummen braunen Gesichtern um. »Wenn wir nicht zu unserer Station zurückkehren, dann . . . dann verkümmern wir, verkümmern und sterben. Wir . . .« Der Häuptling beruhigte sie mit einer Handbewegung. »Ich habe gesagt, daß ich niemandem befehlen kann, euch zu begleiten. So ist es. Ich würde es keinem Jäger befehlen, eine solche Reise zu unternehmen. Aber wenn jemand mit euch gehen wollte . . .«
»Das ist unsinniges Gerede«, rief die Sammlerin Dandone von ihrem Platz herüber. »Niemand würde lebend von einer solchen Reise zurückkehren. Es gibt Geschichten von Orten, wo die Obere und die Untere Hölle sich treffen und die Welt aufhört.« »Ihr verwechselt Tapferkeit und Narretei«, konterte Joyla. »Eine närrische Person ist jemand, der tapfere Dinge tut, ohne darüber nachzudenken. Würde denn niemand unter uns sein Leben riskieren, um von einem fernen Ort zum Heim zurückzukehren, ganz gleichgültig, wie weit entfernt und wie gefährlich die Reise wäre? Und würden wir nicht auch Hilfe von anderen suchen, in deren Mitte wir uns befänden?« Sie blickte zu den Riesen hinüber. »Wenn diese Leute wie wir sind, werden sie trotz unserer Warnungen und Einwände gehen. Vielleicht gibt es welche unter uns, die mutig genug sind, um mitzukommen. Ich bin kein Jäger, ich kann das also nicht.«
»Wenn ich ein junger Mann wäre«, fügte Sand hinzu, »würde ich gehen, trotz der Gefahren.«
Aber du bist kein junger Mann mehr, dachte Born bei sich. »Aber da ich kein junger Mann mehr bin«, fuhr der Häuptling fort, »kann ich das nicht. Aber andere sollen sich davon nicht abgehalten fühlen. Jene unter euch, die vielleicht darauf brennen, zu gehen.«
Er sah sich in der Versammlung um, ebenso wie Cohoma und Logan, ebenso wie die Männer und Frauen und die großäugigen Kinder, die von außen zusahen, über die Schulter und Köpfe hinweg und zwischen den Waden hindurch. Niemand trat vor. Nur das Knacken des Holzes im Feuer und das leise gleichmütige Murmeln des fallenden Regens waren zu hören. Und dann ertappte Born sich dabei, wie er, ohne sich die Zeit zum Nachdenken zu nehmen, sagte: »Ich werde mit den Riesen gehen.«
Die Blicke der Versammelten hefteten ihn förmlich an seinen Platz. Jetzt zumindest hoffte er auf eine Ovation der Bewunderung. Statt dessen blickten all diese Augen nur traurig und mitfühlend. Selbst die zwei Riesen musterten ihn mit einem Ausdruck, in dem sich Befriedigung und Erleichterung, nicht aber Bewunderung mischten. Bitter überlegte er, wie sich das vielleicht in den vielen Sieben Tagen ändern würde, die jetzt folgen würden.
»Der Jäger Born will die Riesen begleiten«, stellte Sand fest. »Noch jemand?« Born blickte sich um, musterte seine Freunde. Im inneren Kreis regte sich etwas, aber das waren nur Männer, die jetzt zu Boden blickten oder die Säume in dem Blattlederbaldachin über sich musterten, die Wärme des Feuers spüren wollten bloß, um seinem Blick nicht zu begegnen. Gut also. Er würde alleine mit den Riesen gehen, und niemand würde ihre Geheimnisse erfahren. »Möglicherweise«, sagte er mit etwas Bitterkeit in der Stimme und stand auf, »wäre es nicht zuviel verlangt, wenn jemand sich um die Ausrüstung unserer Gruppe kümmerte.« Dann wandte er sich um und stapfte ins Freie. Er glaubte eine Stimme murmeln zu hören: »Warum gutes Essen an jemanden verschwenden, der bereits tot ist?« Aber wahrschein-lich hatte er sich das nur eingebildet; jedenfalls blieb er nicht stehen.
Erfolgreiche Jagden, das Erlegen des Grasers, all das hatte ihm nichts eingebracht. Als er als einziger von allen Jägern mutig genug gewesen war, um zu dem Himmelsboot der Riesen hinunterzusteigen, hatten nur Kinder ihm zugejubelt. Jetzt würde er etwas so Überwältigendes, so Unglaubliches tun, daß niemand ihn mehr würde ignorieren können. Er würde die Riesen zu ihrem Stations Heim bringen und zurückkehren, oder er würde sterben. Vielleicht würden sie dann seinen Wert einsehen, wenn er diesmal nicht zurückkehrte. Dann würde es ihnen leid tun.
In seinem Ärger stolperte er über einen vorstehenden Wurzelknollen. Er drehte sich wütend um und beschimpfte seinen gedankenlosen Widersacher. Darauf fühlte er sich etwas wohler. Das Feuer auf dem Dorfplatz lag jetzt ein gutes Stück hinter ihm, und die Finsternis umfing ihn. Er zog sich den Umhang über den Kopf, um sich vor dem Regen zu schützen. Wenn die Riesen überzeugt waren, daß sie ihre
geheimnisvolle Station erreichen konnten, warum sollte er dann nicht ebenso zuversichtlich sein? Tatsächlich, warum, es sei denn . . .
Was, wenn es keine solche Station gab? Wenn diese zwei Riesen Kobolde aus der Unteren Hölle waren, hierher geschickt, um ihn in Versuchung zu führen, das Heim zu verlassen?
Aber Unsinn! Trotz ihrer Größe und ihrer seltsamen Kleidung waren sie Menschen wie er. Wie könnte es sonst sein, daß sie dieselbe Sprache sprachen? Freilich was für seltsame Worte und Begriffe sie gebrauchten! Und sie emfatierten nicht. Born konnte sich eine Person, die nicht emfatierte, einfach nicht vorstellen, also vergaß er es einfach. Er schob die Blattledertür auseinander und betrat sein Heim, schloß sie bedachtsam hinter sich. Dann löste er die Bänder seines Umhangs und warf ihn in die Ecke. Ein halb erstickter Laut kam aus der Dunkelheit. Sofort duckte er sich, und das Knochenmesser sprang ihm gleichsam reflexartig aus dem Gürtel in die Hand. Eine unbestimmte Gestalt wimmerte in der Düsternis. Vorsichtig zog er das kleine Päckchen mit brennbaren Pollen aus der Tasche und streute davon über den Stapel toten Holzes auf dem Boden. Sofort flammte das Holz auf, und jetzt konnte er die geduckte Gestalt von Geh Hell erkennen. Erleichtert schob er das Messer in die Scheide zurück. Nach einem neugierigen Blick auf das Mädchen setzte er sich neben das Feuer und schlug die Beine übereinander. Sie würden morgen abreisen, die Riesen und er, und er hätte gerne lange und tief geschlafen, aber. . . »Bist du gekommen, um mich auszulachen wie die anderen?« murmelte er. »Oh, nein!« Sie kroch scheu auf das Feuer zu. Der Lichtschein malte tiefe Schatten um ihre Augen, und Born merkte, wie seine Aufmerksamkeit sich vom Feuer abwandte, dem Mädchen zu. »Du kennst meine Gefühle, Born.« Er hustete und wandte sich nervös ab. »Losting magst du, Losting liebst du ... Mich . . . über mich machst du dich nur lustig, amüsierst dich!« »Nein, Born«, protestierte sie, und ihre Stimme hob sich. »Ja, ich mag Losting, aber . . . ich mag dich ebenso. Losting ist nett, aber bei weitem nicht so nett wie du. Bei weitem.« Sie sah ihn bittend an. »Ich möchte nicht, daß du das tust, Born. Wenn du mit den Riesen gehst, kommst du nie mehr zurück. Ich glaube das, was alle über die Gefahren so weit entfernt vom Heim sagen, und das, was man von den Orten berichtet, wo die beiden Höllen sich vereinigen.«
»Geschichten, Legenden«, brummte Born. »Kindermärchen. Die Gefahren weit entfernt vom Heim sind auch nicht anders als jene, die man einen Speerwurf von hier entfernt findet. Ich glaube auch nicht, daß es einen Ort gibt, wo die beiden Höllen sich vereinigen. Aber wenn es einen gibt, dann werden wir um ihn herumgehen oder mitten hindurch.« Auf Händen und Knien kroch sie um das Feuer herum, bis sie neben ihm saß und ihm die Hand auf die Schulter legen konnte. »Geh nicht mit den Riesen, Born, bitte. Tu es nicht. Mir zuliebe.«
Er sah sie an und wollte sich an sie lehnen, wollte ihr schon zustimmen, wollte nachgeben. Und dann griff das Ding ein, das ihn dazu trieb, Grasern aufzulauern und in die Tiefen von Schächten zu klettern. Es bedrängte ihn, und statt zu sagen: »Ich werde das
tun, was du willst, Geh Hell, um der Liebe zu dir willen«, flüsterte er heiser, »ich habe vor dem ganzen Stamm mein Wort gegeben und gesagt, daß ich gehen werde. Und selbst wenn ich das nicht hätte, ich werde es tun.«
Ihre Hand glitt von seiner Schulter. Sie murmelte: »Born, ich will nicht, daß du das tust«, dann beugte sie sich über ihn und küßte ihn, ehe er sich ihr entziehen konnte. Und dann sprang sie auf und verließ den Raum, ehe er reagieren konnte. Der nächtliche Regen verschlang sie. Lange saß er stumm da und dachte nach, während das Feuer sich verzehrte und die lauen Tropfen vom Blattlederdach tröpfelten. Dann murmelte er etwas, das niemand hören konnte, rollte sich auf seinem Schlafpelz zusammen und fiel in einen unruhigen, von Träumen erfüllten Schlaf. Ruumahums linkes Auge öffnete sich halb. Eine dunkle Silhouette stand unter seinem Ast. Er hustete, schüttelte sich die Tropfen vor der Schnauze und schnaubte in der zischenden Art, wie Pelziger das tun. »Junges, wo ist dein Mensch?«
Muf deutete mit dem Kopf, so wie die Menschen das tun, auf die Äste unter ihnen. »Irgendwo dort. Er schläft.« »Was du auch tun solltest, du bist lästig.« Das Auge schloß sich wieder, und Ruumahum legte sich den schweren Kopf auf den Vorderpfoten zurecht. Muf zögerte eine Weile, ehe er herausplatzte: »Alter, bitte?« Ruumahum seufzte, wie nur ein Pelziger seufzen kann, und hob den Kopf etwas an. Diesmal standen alle drei seiner Augen offen. Das Junge ließ den Kopf sinken und musterte
das Dorf, das unter ihnen schlief.
»Mein Mensch, der kleine Din, ist beunruhigt.« »Alle Menschen sind beunruhigt«, erwiderte Ruumahum. »Geh schlafen.« »Er sorgt sich um seinen Halbvater, den Menschen Born. Deinen Menschen.«
»Es gibt keine Blutsbindung«, murmelte der große Pelziger und ließ den Kopf sinken. »Die Gefühlsreaktion des Menschenjungen ist unvernünftig.« »Alle Reaktionen von Menschenjungen sind unvernünftig. Ich fürchte, diesmal ist die Reaktion meiner Menschen vernünftig.« Ruumahum hob die Brauen. »Abkömmling eines Unfalls, könnte es sein, daß du anfängst, weise zu werden?« »Ich fürchte«, fuhr das Junge fort, »das Menschenjunge wird etwas Unüberlegtes tun.« »Die Älteren werden es daran hindern, so wie ich dich daran hindern würde. Und wenn du mich jetzt nicht ruhen läßt, werde ich noch Schlimmeres tun.« Muf wandte sich zum Gehen, blickte über die Schulter und grollte verärgert: »Sag bloß nicht, daß ich dir nichts gesagt hätte, Alter.« Ruumahum schüttelte den Kopf, fragte sich, wie es kam, dass Junge so neugierig und respektlos waren und überhaupt kein Verständnis für das Ruhebedürfnis älterer Artgenossen hatten. Zu allen möglichen und unmöglichen Stunden kamen sie einem mit Fragen. Der Trieb, seine Wißbegierde zu stillen ein Trieb, der ihn auch einmal geplagt hatte, wie er sich erinnerte , der Trieb war noch da, aber von seiner Erfahrung geläutert. Auch von dem Wissen geläutert, daß der Tod alles erklärte. Er legte sich den Kopf wieder auf den überkreuzten Pfoten zurecht, ignorierte den gleichmäßig tröpfelnden Regen und war sofort wieder eingeschlafen.
Born brach ärgerlich einen weiteren toten Ast vom Stamm eines Tertiärparasiten, freilich trotz seiner Wut sorgfältig darauf bedacht, keinen der gesunden, lebenden Triebe zu verletzen.
Vier Tage waren sie nun schon unterwegs, seit sie das Heim verlassen hatten, und sein Ärger über die Gruppe mürrischer Jäger hatte noch nicht nachgelassen. Aber ein Teil dieses Ärgers richtete sich jetzt auf ihn selbst, weil er sich auf diese verrückte Expedition eingelassen hatte. Ruumahum durchstreifte den Wald zur Linken. Er spürte die schlechte Stimmung seines Menschen und hielt sich fern. Ein Mensch, den der Ärger blendete, war in seinen Reaktionen ebensowenig vorhersehbar wie ein beliebiger Bewohner des Waldes. Und das Schlimmste von allem war ein Mensch, der auf sich selbst wütend war.
7
Die erschreckende Inkompetenz der Riesen steigerte Borns Verstimmung noch. Sie schienen überhaupt keine Ahnung vom normalen Gehen oder Klettern zu haben. Ein Kind konnte sich besser auf den Beinen halten als sie. Wäre er nicht stets in ihrer Nähe gewesen, bereit einzugreifen, so hätte es bereits einige katastrophale Stürze gegeben. Was aber würden sie tun, wenn ein brauner Vielbein oder ein Bunaschweber sie angriff? Ruumahum weit unter ihnen Wacht, wenn sie sich gefährlichen Orten näherten, aber selbst die überschnellen Reflexe des Pelzigers würden vielleicht nicht ausreichen, einen Sturz über einige Etagen hinweg auf zuhalten. Und ein einziger solcher Sturz konnte schon genügen, um die Expedition zu beenden.
Er brach den letzten Ast ab, sammelte das Holz in den Armen und machte sich auf den Weg zurück zu dem Stück Kabbl, das er für diesen Abend als Lagerplatz ausgewählt hatte. Heute schien es, als kämen die Riesen etwas besser von der Stelle, als bewegten sie sich etwas weniger zögernd durch die Bäume. Cohoma drohte nicht jedesmal auszugleiten, wenn er zur nächsten Liane sprang oder sich nach ihr streckte. Logan hatte sich endlich selbst davon überzeugt, daß es gefährlich war, nach jeder neuen Blume oder Pflanze zu greifen, die sie sahen. Born konnte bei der Erinnerung an den Zwischenfall vor zwei Tagen nicht lächeln, als sie aus einer kelchförmigen Zinn-oberinpflanze hatte trinken wollen. Nur sein schnelles Einschreiten und ein harter Schlag auf den Arm hatte sie im letzten Moment daran gehindert, sie zu berühren. Sie hatte ihn böse angefunkelt, bis er ihr die winzigen Unterschiede zwischen dem Zinnoberin und den sie umgebenden Zinnoberpflanzen gezeigt hatte: das Zinnoberin hatte zwei Extrablütenblätter, eine ungewöhnliche Verdickung unten am Kelch, ein etwas dunkleres Rot und auffällige Flecken an der Lippe des Zylinders kleine Fehler in der sonst perfekten Mimikry. Schließlich hatte er sein Messer gezogen. Nachdem er sich überzeugt hatte, daß die beiden Riesen in Sicherheit waren, hatte er sich über die Pflanze gebeugt. Mit der Messerspitze hatte er den grünen Zylinder angestochen, so daß die klare Flüssigkeit in ih-rem Inneren ausrinnen konnte. Das Wasser der Zinnoberin war klar, aber es war kein Regenwasser. Der Strom berührte die meterdicke Liane darunter, zischte und kochte und bildete eine dichte Wolke, die dampfend aufstieg. Als sich der Nebel schließlich ver-zog, winkte er sie heran. Nachdem er ihnen eingeschärft hatte, nicht in die Feuchtigkeit zu treten, zeigte er ihnen das Loch, das die klare Flüssigkeit durch einen Meter massives Holz gefressen hatte. Dann hatte er vorsichtig die grüne Außenwand der falschen Bromeliade angetippt. Sie hörten das tiefe, fast metallische Hallen, ganz anders als das weiche Geräusch, das man hörte, wenn man eine echte Zinnoberpflanze berührte. Von diesem Augenblick an hatte keiner der beiden Riesen auch nur einen Finger gehoben, wenn sie ein neues Gewächs sahen, ohne vorher Born zu befragen. Das machte ihn nur wenig glücklicher, denn nun verlangsamten unzählige Fragen ihr Fortkommen ebenso, wie es sonst Wunden oder gebrochene Glieder getan hätten. Sie kamen mit vielleicht einem Drittel der Geschwindigkeit von der Stelle, die er alleine geschafft hatte. Mit einem kurzen Sprung ließ er sich auf den mächtigen Kabbl hinunterfallen, den er als Lager ausgewählt hatte. Vom ersten Tage an hatte es sich als problematisch erwiesen, ein Lager zu finden. Wie es schien, konnten die Riesen nicht viele Abende ohne ein schützendes Dach ertragen, das ihnen den nächtlichen Regen fernhielt. Sie bestanden trotz der Zeit und der Mühe, die das kostete, auf Schutz vor dem Regen, und Born hatte schließlich widerwillig zugestimmt. Sie hatten behauptet, das Übernachten im Freien führe eine seltsame Krankheit in ihnen herbei, die sie »Erkältung« nannten. Born begriff das nicht. Niemand konnte so empfindlich sein. Die einzige Krankheit, die er kannte, war eine
Verdauungsstörung, und zu der kam es nur, wenn man etwas anderes als die Früchte des Heimbaumes aß. Aber die Beschreibung der Krankheit, die die Riesen ihm lieferten, war so schrecklich, daß er nicht umhin konnte, ihrem Wunsch zu entsprechen.
»Da ist er«, hörte er Logan zu ihrem Gefährten sagen, als er sich ihnen näherte. Er fragte sich, warum sie so häufig ihre Stimmen senkten, leiser sprachen als sonst. Die Vorstellung, daß sie vielleicht versuchen könnten, irgend etwas vor ihm geheimzuhalten, kam ihm überhaupt nicht. Außerdem konnte er sie ganz deutlich verstehen, selbst wenn sie sich >im Flüsterton< unterhielten, wie sie das nannten. Aber wer war er schon, sich über die Eigentümlichkeiten jener zu wundern, die durch den Himmel fliegen konnten?
Sie hätten mehr Zeit darauf verwenden können, sagte er sich, während er die Ladung Holz auf den Hauptzweig fallen ließ, ihre eigenen Körper zu verbessern und perfekt zu machen, statt neue künstliche zu konstruieren, die sie vor der Welt abschirmten.
»Wir waren schon etwas nervös geworden, Born«, erklärte Logan und lächelte breit. »Du warst lange weg.« .. Er zuckte die Achseln und machte sich daran, aus den toten Asten und Blättern eine primitive Hütte zu bauen. »Es ist schwierig, geeignetes Material für den Unterschlupf zu finden«, erklärte er. »Das meiste tote Holz und die alten Blätter fallen in die Hölle, um dort aufgefressen zu werden wie alles andere, was hinunter-fällt.« »Aufgefressen, das kann ich mir denken«, nickte Cohoma und zog die Haut von einer großen Purpurspirale. »Dort unten dürfte Bakterien geben, die so groß sind wie deine Sommersprossen, Kirni. Was hier den ganzen Tag über an toten pflanzlichen Mate-rialien hinunterfällt. . .« Blätter raschelten, und er sprang auf. Logan griff nach dem Knochenspeer, den man ihr gegeben hatte, aber es war nur Ruumahum. Born lächelte, als er die Gesichter der Riesen musterte. Trotz anderslautender Einwände war es für ihn klar, daß sie sich nie ganz an die Anwesenheit des großen Pelzigers gewöhnen würden.
»Mensch und Pelziger kommen«, erklärte der smaragdgrüne Sechsbeiner. »Fremder oder . . .?« Born hielt mitten im Satz inne, als eine hochgewachsene Gestalt ins Licht trat. Seine Hand griff instinktiv nach dem Messer. An der Seite des Mannes stand ein erwachsener Pelziger, nicht ganz so groß wie Ruumahum. Losting.
Der große Jäger lächelte nicht, als sein Blick dem Borns begegnete. Logan musterte Born fragend. Er achtete nicht auf sie, noch nahm er die Hand vom Messergriff. Die beiden Pelziger tauschten leise Knurrlaute aus und entfernten sich dann, um sich auf einem nahen Ast miteinander zu unterhalten. Losting trat ein paar Schritte vor. »Wenn zwei Jäger sich treffen«, sagte er und wandte den Blick lange genug von Born, um die Riesen zu studieren, »geziemt es sich, daß derjenige, der ein Lager gemacht hat, den Ankömmling einlädt, es mit ihm zu teilen.« »Wie kommst du hierher?« fragte Born scharf, ohne der rituellen Höflichkeit Genüge zu tun. Er blickte zu Boden, damit Losting den Ärger in seinem Blick nicht sehen konnte. »Zuletzt habe ich dich mit Geh Hell stehen sehen, als wir das Heim verließen.«
»Das ist so«, gab Losting zu. »Ich glaube jetzt, ebenso wie ich es in den letzten Tagen dachte, daß ich bei ihr hätte bleiben sollen, weil sie jemanden brauchen wird, der sie tröstet und ein Leben mit ihr führt, wenn du tot bist.« »Du bist mir nicht vier Tage lang gefolgt, um mich zu verspotten«, meinte Born gereizt. Seine Wut schmolz unter der Unlogik ihrer Situation dahin. »Warum bist du also gefolgt?«