Die denkenden Wälder

Alan Dean Foster · Kapitel 3 von 4 · Teil 1/3

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Die denkenden Wälder

Die Jäger nahmen die Bläser von den…

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.

Die Jäger nahmen die Bläser von den Schultern. Ihre Augen weiteten sich erstaunt, als Born und Ruumahum gemächlich durch den Tunnel kamen. Borns Ruf erwies sich als unnötig. Alle waren viel zu gelähmt, um unvorsichtig einen Dorn abzufeuern. Wenn jetzt die Akadi aus dem Tunnel gerast wären, hätte niemand eine Hand gegen sie gehoben. Und plötzlich war es, als bräche eine Flut los, mit einemmal war Born von Männern und Frauen umgeben, die ihn gleichzeitig verfluchten und ausfragten. Ruumahum enteilte unbemerkt. Während die Menschen, darunter auch zwei aufgeregte, verblüffte Riesen, sich um Born drängten, gesellte sich der Pelziger zu seinen Brüdern und begann ihnen zu erklären. »Was ist geschehen . . . ? Wir dachten, du wärest davongelaufen . . . ? Wo warst du . . . ? Was ist mit den Akadi . . . ? Was . . . ?« bestürmten die Menschen Born. »Bitte, kann ich zu trinken haben?« Ein Gefäß mit Wasser wurde ihm gereicht, und er führte, ohne sich um die ständigen Fragen zu kümmern, das hölzerne Gefäß an die Lippen und trank lang und ausgiebig. Dann drehte er es um und schüttete sich den Rest über den Kopf. Eine tiefe befehlsgewohnte Stimme erhob sich über dem Lärm die des Schamanen Leser. »Jäger, an eure Posten. In die Reihen, Leute des Heims! Die Akadi. . .«

Born schüttelte müde den Kopf. »Ich glaube nicht, daß die Akadi uns noch einmal belästigen. Jedenfalls längere Zeit nicht.« Er lächelte, als neues Erstaunen die Menge erfaßte. »Die Idee war meine, die Anregung kam von Ruumahum.« Er deutete zu den Pelzigem hinüber. »Er war draußen jagen, im Norden. Ich weiß nicht, warum, er ist sich da auch nicht sicher. Jedenfalls brachte er mir die Nachricht, daß er etwas gefunden hätte, und das brachte mich auf eine Idee. Ich dachte, es könnte funktionieren.« »Was könnte funktionieren?« fragten einige Leute gleichzeitig. »Warum hast du uns nicht. . .«

»Warum hast du nicht jemandem gesagt, daß du weggehen würdest, Born?« fragte die Stimme von Geh Hell. Sie schob sich in den Kreis der Menschen. »Hätte das etwas ausgemacht? Es hätte laute Einwände gegeben. Man hätte verlangt, daß ich hierbleibe und mitkämpfte. Ich zog es vor, daß ihr mich für einen Feigling, einen Verrückten hieltet, mich auslachtet. Ich bin es gewöhnt, daß man mich auslacht. Wenn mein Plan versagt hätte, wäre es ja gleichgültig gewesen, oder nicht?« Die versammelten Leute traten unruhig von einem Fuß auf den anderen. Man hatte Born als schlauen Jäger im Dorf respektiert und ihn gleichzeitig als Verrückten verspottet. Jetzt schien es, als hätte er ein Wunder bewirkt. Einige der Blicke, die ihn musterten, waren recht verlegen. »Es war nicht weit, unten, in der Fünften Etage.« »Was denn?« dröhnte Joyla, dessen Stimme nicht zu überhören war. »Eine Möglichkeit, um die Akadi aufzuhalten.« »Wunder oder nicht, das ist wirklich Wahnsinn«, dachte Leser laut. »Nichts kann die Akadi aufhalten nichts!« Seine Stimme klang hartnäckig. »In meiner Jugend hatte ich miterlebt, wie eine Akadisäule eine Herde Graser auseinanderriß. Selbst die Pelziger können ihnen nicht Widerstand leisten. Es heißt, daß selbst die Dämonen der Unteren Hölle Respekt vor diesen wandernden Säulen haben.« Respektvolles Murmeln ging durch die Menge. »Was konntest du also in der Fünften Etage oder einer sonstigen Etage finden, Born, um die Akadi damit aufzuhalten?«

»Kommt, dann zeige ich es euch«, sagte er, wandte sich um und ging in den Tunnel. Er hatte erst ein paar Schritte zurückgelegt, als ihm bewußt wurde, daß niemand ihm folgte. Zum erstenmal war jetzt die Anstrengung und die Erschöpfung der letzten Tage vergessen, und er grinste breit. »Habt ihr Angst?«

In den Tunnel gehen? Den Tunnel, aus dem erst am vergangenen Abend die Kinder der Hölle sich ergossen hatten? Weil ein Verrückter es wollte? Dazu gehörte mehr als nur ein wenig Mut.

Losting war der erste, der vortrat. Er hatte ebenso Angst wie die anderen, aber er hatte keine Wahl da stand Geh Hell und sah zu. Und dann folgte ihm der verkrüppelte Jhelum, hinkte auf seinem verletzten Bein hinter ihm her. Dann folgten Leser und Sand und Joyla. Das kleine Grüppchen trat in den Tunnel.

Sie gingen durch das grüne Rohr, dessen Wände, dessen Decke und dessen Boden aussahen, als hätte ein mächtiger Bohrer sie geformt. Jetzt war der Lärm der ärgerlichen Akadi lauter geworden, so laut, daß man sich zu seinem Nachbarn hinüberbeugen mußte und schreien, um sich Gehör zu verschaffen. Sie fanden einen scharfen Knick im Tunnel, einen ganz unerwarteten Knick, ganz anders, als die Akadi normalerweise ihre Pfade fressen. Born blieb stehen und erteilte Anweisungen. Ein paar Schläge mit den Äxten durchbrachen das mit Speichel verklebte Gewächs, und sie traten wieder in den offenen Wald hinaus. Born winkte sie zuerst nach oben und dann wieder geradeaus weiter. Schließlich übernahm er allein die Spitze, ging voraus und kehrte gleich darauf zurück. Er ermahnte die anderen, leise zu sein, und winkte ihnen, ihm zu folgen.

Nachdem sie vorsichtig und lautlos an einem dicken Ast nach vorne gekrochen waren, blickten sie auf einen gespenstischen Karneval hinunter, eine orgiastische Todesfeier, die

ihresgleichen nur in den Legenden hatte.

Ein zweiter Tunnel, dessen schwach durchscheinende Decke sich viele Meter in den Wald hineinschlängelte, schnitt den Tunnel, durch den sie gerade gekommen waren. Und wo die beiden Tunnel aufeinandertrafen, war aus der Präzision und der Ordnung der Akadi ein Chaos geworden. Die Akadisäule aus dem Norden, die etwas tiefer verlief, bestand aus etwas kleineren rötlicheren Bestien. Sie wiesen dunkle Streifen auf, die ihren Bauch zierten. Wo sie auf die andere Säule trafen, waren die Tunnels zerdrückt, so daß der Kampf sich in das sie umgebende Blattwerk ausgeweitet hatte. Die Schlacht wütete in einem Umkreis, der einige Dutzend Meter durchmaß. Und im Inneren dieser Zone gab es nichts als zerfetztes Holz und tote, sterbende und kämpfende Akadi. Alles war von grünem Blut besudelt. »Ruumahum fand die Säule«, sagte Born leise zu ihnen. »Und ich hatte die Idee. Was könnte die Akadi besser aufhalten als die Akadi selbst? Wir griffen vor Morgengrauen an, als sie noch träge und langsam waren. Wir blieben in ihrer Witterung, und sie folgten uns. Jetzt werden sie weiterkämpfen, bis von jeder Säule nur noch wenige übrig sind. Und diese wenigen werden zu schwach und zu desorganisiert sein, um das Heim zu bedrohen. Wir können leicht alle töten, die uns angreifen, und am Ende haben wir nicht nur eine, sondern zwei Gefahren erledigt.« »Aber wie hast du sie so schnell hierhergebracht?« wunderte sich Leser. »Ich hatte Angst, ich könnte nicht genug Pulver haben, aber Ruumahum holte immer wieder neues trockenes Holz, um die Fackeln in Gang zu halten. Ich blieb ganz dicht vor den vordersten Akadi, um sie wach zu halten. Sie liefen hinter mir her, und die anderen folgten ihnen selbst in der Dunkelheit blindlings. Ich habe zwei Tage und Nächte lang weder geschlafen noch geruht. Ich glaube«, schloß er und setzte sich auf den Ast, »ich sollte jetzt ausruhen.« Joyla und Leser packten ihn, ehe er völlig erschöpft vom Ast fiel

9

Born schlug die Augen auf und sah, wie ein monströser Akadi auf ihn herunterstarrte. Er fuhr hoch, blinzelte, rieb sich die Augen. »Höchste Zeit, daß du aufwachst«, meinte Logan und trat von der Matte zurück.

Born sah sich um. Er lag in einem der Räume im Hause des Häuptlings. »Du warst etwa achtzehn Stunden lang weg«, fügte sie hinzu. »Stunden?« Er musterte sie fragend. Er war vom Schlaf immer noch etwas benommen.

»Eineinhalb Tage, und das wundert mich gar nicht, wenn ich bedenke, was du alles durchgemacht haben mußt.« Born hatte nur einen Gedanken. »Habe ich das Langeher verpaßt die Begräbniszeit?« Logan schien verwirrt. Sie starrte zu Cohoma hinüber, der damit beschäftigt war, sein Messer zu schärfen. »Weißt du etwas von einer Begräbniszeit, Jan?« Ihr Begleiter schüttelte den Kopf.

Born setzte sich auf, packte sie am Ärmel ihrer Bluse und wäre beinahe gestürzt. Das zähe Material riß nicht, so daß er sich daran festhalten konnte. »Nein, Born,« erwiderte eine kräftige Stimme. »Du hast zuviel Leben gerettet, als daß wir das Langeher ohne dich machen könnten. Jetzt, da du zu uns zurückgekehrt bist, können wir es heute abend veranstalten.« »Was ist dieses Langeher eine Art Zeremonie?« fragte Logan und sah sich nach Joyla um, die hinter ihr unter der Türe aufgetaucht war. »Eine Rückkehr. Jene, die von den Akadi getötet wurden, müssen der Welt zurückgegeben werden.« Sie sah zu Born hinüber. Es sind ihrer viele, die zurückgegeben werden müssen. Es hat lange gedauert, bis wir genügend von den Bewahrern fanden. Der Junge Din gehört auch dazu.« Als sie sah, wie Borns Gesicht sich plötzlich umwölkte, fragte sie besorgt: »Wie fühlst du dich jetzt? DU HAST LANGE

GESCHLAFEN UND MANCHMAL . . .«

»Schon gut . . . ich fühle mich wohl«, murmelte Born und ließ endlich Logan los. Er versuchte zu stehen, taumelte, ließ sich dann schwer auf die gewebte Matte fallen und hielt sich mit beiden Händen den Kopf. Das hinderte ihn zwar nicht daran, wie wild zu kreisen, aber es half wenigstens. »Ich habe Hunger«, sagte er dann unvermittelt. Da sein Kopf scheinbar zu keinerlei Kooperation bereit war, würde er sich auf etwas fügsamere Teile seiner Anatomie konzentrieren. »Dort ist zu essen«, sagte Joyla und wies ihn in den nächsten Raum. »Brauchst du Hilfe . . . ?« »Für eine halbe Heimfrucht würde ich auf dem Bauch kriechen«, antwortete er. Langsam erhob er sich vom Bett. Logan machte ihm Platz. Immer noch unsicher, ging er ohne daß jemand ihn stützte in den Raum, aus dem ihm eine Vielfalt von Gerüchen entgegenschlug. Hinter der Türe nahm Joyla ihn bei der Hand.

»Paß auf, daß du deine Wurzeln nicht zu schnell mit zuviel Nahrung überlädst«, riet sie und lächelte dann. »Sonst muß ich diesen Raum noch einmal saubermachen, und du mußt von vorne anfangen.« Born nickte, ohne sie wirklich zu hören. Er taumelte in das Zimmer, wo reichlich Obst, frisches Fleisch und ein Brei aus konservierten Früchten auf der Eßmatte ausgebreitet waren. Joyla winkte Cohoma und Logan zu und forderte sie auf, mitzuhalten. »Danke«, erwiderte Logan. »Ihr könnt ja auf ihn aufpassen, solange er ißt, und dafür sorgen, daß er rechtzeitig aufhört.«

»Warum tust du das nicht?« fragte Logan, setzte sich an den Mattenrand und wählte sich eine hellgelbe kürbisähnliche Frucht mit blauen Streifen aus.

Joyla schüttelte den Kopf und studierte Born, der sich mit atemberaubender Geschwindigkeit Nahrung in den Mund stopfte. »Ich habe schon gegessen, und jetzt, da das Langeher veranstaltet werden kann, gibt es viel zu tun.« Ihr Lächeln wurde dünn und traurig. »Heute abend werde ich viele alte Freunde dem Wald zu-rückgeben, auch eine Tochter von mir.« Sie wollte noch etwas sagen, überlegte es sich dann aber anders und verließ den Raum durch den Blattledervorhang. Logan dachte über dieses Langeher nach, das für diese Leute jetzt von so großer Wichtigkeit zu sein schien. Sie biß in die Kürbisfrucht und stellte fest, daß sie fast wie Marzipan schmeckte. Wie bestatteten Borns Stammesgenossen ihre Toten, wo sie doch keine Erde hatten, in der sie sie begraben konnten? Vielleicht durch Verbrennung, möglicherweise in dem Feuerloch im Dorfzentrum. Sie erkundigte sich bei Born danach. Der hörte nicht auf zu kauen und gab einige widersprüchliche Bemerkungen von sich»Die Erde? Würdest du die Seelen deiner eigenen Freunde der Hölle anbieten? Sie werden der Welt zurückgegeben.«

»Ja, das hat Joyla erwähnt«, antwortete sie ungeduldig, »aber was bedeutet das eigentlich genau?«

Aber Born hatte sich bereits wieder seiner Mahlzeit zugewandt. Sie drängte ihn und argumentierte, daß es ihm guttun würde, wenn er beim Essen einmal eine Pause einlegte. Born schien immer noch keine Lust zum Reden zu haben, aber die Hartnäckigkeit der Riesin zwang ihn schließlich dazu, ihr zu antworten. »Offensichtlich weißt du überhaupt nichts darüber, was den Menschen ge-schieht, nachdem sie gestorben sind«, murmelte er schließlich. »Ich kann dir das Langeher nicht beschreiben. Das wirst du ja heute abend sehen.«

Eigentlich hatte Born sich bemerkenswert schnell erholt, stellte Cohoma fest. Er wich einem Buckel im Tungtankel aus, den er im Licht der Fackeln nicht gesehen hatte. Der Stamm strebte über einen gewundenen Pfad durch den finsteren Wald. Nun, von Leuten, die in einer so unwirtlichen Umgebung wie Born lebten, mußte man eigentlich solche Kraft erwarten. Nur daß es so schnell ging, wollte er nicht einsehen. Er machte zu Logan eine Bemerkung darüber. »So primitiv sind diese Leute einfach nicht«, sagte er und deutete mit einer Kopfbewegung auf die Männer und Frauen vor ihnen. »Sie sind die Nachkommen der Leute eines vor langer Zeit gescheiterten Auswandererschiffes. Physisch sind sie mit Ausnahme ihrer Greifzehen etwa ebenso weit entwickelt wie wir. Ich begreife einfach nicht, wie sich ihre Körperproportionen in ein paar hundert Jahren so stark verändern konnten.« Er stieg über eine winzige dunkle Blume hinweg, die im Tungtankel wuchs. Sie enthielt einen giftigen Explosivdorn. »In weniger als nun höchstens zehn Generationen haben sie ein Sechstel ihrer Größe eingebüßt, diese Zehen entwickelt, eine enorme Veränderung in der Arm und Brustmuskulatur durchgemacht und eine gleichförmige Färbung von Haut, Augen und Haar erreicht. Die Evolution vollzieht sich einfach nicht so schnell!« Logan lächelte nur sanft und deutete nach vorne. »Schön, Jan, ich bin ganz deiner Meinung. Und wie willst du das erklären?« »Andererseits halte ich es für unmöglich, daß dies eine Parallelentwicklung ist. Die Unterschiede sind zu klein.« »Wie wäre es dann mit einer Mutation?« fragte Logan. »Ausgelöst vom Verzehr hiesiger Chemikalien in der Nahrung?« Sie deutete auf eine Dolde kugelförmiger dottergelber Früchte, die von lavendelfarberien Blütenblättern umsäumt waren. »Möglich«, räumte Cohoma schließlich ein. »Aber der Maßstab und das Tempo . . .«

»Ja, schon«, unterbrach ihn Logan, »aber eine solche Mutation, verbunden mit der Notwendigkeit, sich schnell anzupassen oder zu sterben, könnte außergewöhnliche physiologische Aktivitäten auslösen. Wenn das Überleben auf dem Spiel steht, ist der Körper zu erstaunlichen Veränderungen fähig. Obwohl ich zugeben muß, daß dies der radikalste Fall wäre, der je entdeckt wurde. Trotzdem . . .« sie deutete in den Wald »wenn du die Berichte aus den Labors Tsingahns gesehen hättest. . .« Sie schüttelte staunend den Kopf. »Dieser Planet ist eine wahre Fundgrube neuer Lebensformen, ungewöhnlicher Molekülverbindungen und Pro-teinkombinationen. Es gibt Strukturen von Aminosäuren, die sich konventionell einfach nicht einordnen lassen. Dabei haben wir erst die Oberfläche dieses Waldes angekratzt, kaum die oberen Etagen erforscht. Wir haben nicht die leiseste Vorstellung, wie es dort unten aussieht. Aber wenn wir tiefer graben, werden wir ganz bestimmt. . .« Cohoma brachte sie zum Schweigen. »Ich glaube, jetzt soll etwas passieren.« Sie näherten sich einer braunen Wand, einem monolithischen Stamm, der so ungeheuer groß war, daß man sich kaum vorstellen konnte, einen natürlichen Organismus vor sich zu haben. Es war einfach unmöglich, daß etwas so Riesenhaftes wuchs, es mußte das Produkt menschlicher Hände sein. Die Gruppe begann an einem der größeren Äste entlang auszuschwärmen. Der Schein ihrer Fackeln spiegelte sich in der meterdicken Rinde.

»Der Stamm muß an dieser Stelle gute dreißig Meter dick sein«, flüsterte Loganbeeindruckt. »Ich möchte wissen, wie dick er ganz unten ist.« Sie hob die Stimme. »Born!« Der Jäger blieb stehen, drehte sich um und wartete höflich auf sie, bis sie ihn eingeholt hatten.

»Wie nennst du den da?« Sie wies auf den mächtigen Stamm. »Seine wahre Bezeichnung ist im Laufe der Generationen verlorengegangen, Kimilogan. Wir nennen sie die Bewahrer, weil sie die Seelen der Gestorbenen bei sich behalten und sie schützen.«

»Jetzt begreife ich«, erklärte sie. »Ich habe mich gefragt, wie ihr eure Toten bestattet, da ihr ja nie zur Oberfläche hinuntersteigt. Und ich glaubte sicher zu sein, daß ihr sie nicht verbrennt.« Born sah sie verwirrt an. »Verbrennt?« »Ja, die Leichen verbrennt.«

Ein jeder von Borns älteren Begleitern, Leser, zum Beispiel oder Sand, wären von dieser Vorstellung schockiert gewesen. Aber Borns Verstand arbeitete etwas anders als der seiner Freunde. Er dachte nur über ihre Frage nach. »An die Möglichkeit hatte ich nicht gedacht. Beseitigt ihr diejenigen, welche wechseln, so?« »Wenn du unter >Wechseln< Sterben verstehst«, antwortete Cohoma, »dann ja, manchmal wenigstens.« »Wie seltsam«, murmelte Born, mehr zu sich als für die Riesen bestimmt. »Wir kommen aus der Welt und glauben, daß wir in sie zurückkehren sollten. Ich glaube, unter euch gibt es welche, die nicht aus der Welt kommen und deshalb auch nichts haben, wohin sie zurückkehren können.« »Besser hätte ich es auch nicht formulieren können, Born«, gab Cohoma zu. Jetzt gingen sie einige Minuten schweigend dahin, bis die Gruppe sich auf einen noch dickeren Ast ausbreitete.

»Sind wir jetzt angekommen?« fragte Logan. »Ist das der Ort?« »Einer der Orte«, verbesserte sie Born. »Jeder hat seinen Ort. Man muß für jeden Menschen den passenden finden.« Er blickte nach oben und musterte die schwarzen Äste am Himmel. »Kommt. Von oben seht ihr besser.« Nach einigen Minuten, während der sie über die allgegenwärtigen Treppen und Stufen aus Lianen und Schlinggewächsen nach oben geklettert waren, fanden sie sich an einer Stelle, die ihnen einen guten Ausblick auf den breiten Ast unter ihnen bot. Alle drängten sich um einen tiefen Riß in dem Ast. Er war etwa zwei Meter breit und etwa fünf Meter lang. Das schwache Licht ihrer Fackeln, die sie vor dem Regen schützten, reichte nicht aus, um seine Tiefe abzuschätzen. Der Schamane murmelte schnell und leise etwas vor sich hin, das weder Logan noch Cohoma verstanden. Die versammelten Leute lauschten voll Respekt. Einer der Männer, der im Kampf gegen die Akadi gestorben war, und ein toter Pelziger wurden herangeschleppt. »Man begräbt sie also gemeinsam«, flüsterte Logan. Born musterte sie betrübt; Trauer wallte in ihm auf. Die armen Riesen! Mag sein, daß sie Himmelsboote und andere wundersame Maschinen besaßen, aber auf die beruhigende Gesellschaft eines Pelzigers mußten sie verzichten. Jeder Mann und jede Frau hatte einen Pelziger, der sich kurz nach ihrer Geburt ihnen anschloß und mit ihnen durchs Leben ging. Er konnte sich ein Leben ohne Ruumahum nicht vorstellen. »Was geschieht mit Pelzigern, deren Meister vor ihnen sterben?« fragte Cohoma.

Born sah ihn rätselhaft an. »Ruumahum könnte ohne mich nicht leben, und ich nicht ohne ihn«, erklärte er den aufmerksam lauschenden Riesen. »Wenn eine Hälfte stirbt, kann die andere Hälfte nicht lange überleben.« »Ich habe noch nie von einer so intensiven gegenseitigen Abhängigkeit zwischen Mensch und Tier gehört«, murmelte Logan. »Wenn wir nicht selbst erlebt hätten, wie das hier ist, würde ich wahrscheinlich glauben, daß sich zugleich eine Art physischer Symbiose entwickelt hat.« Aber sie hatten jetzt keine Zeit, sich diesem neuen Gedanken zu widmen, denn unter ihnen begann die Zeremonie. Sand und Leser gossen verschiedene übelriechende Flüssigkeiten über die beiden Leichen, die man in die Astspalte gelegt hatte.

»Irgendeine Art geheiligtes Öl oder so etwas«, flüsterte Cohoma. Aber Logan hörte nicht zu. Emfatieren . . . gegenseitiges Begräbnis . . . eine Hälfte . . . Gedanken und Vorstellungen kreisten durch ihren Kopf, ohne irgendein erkennbares Muster zu bilden, wollten nicht in Verbindung zueinander treten, ihr offenbaren ... ja, was eigentlich? Daß die Pelziger in Trauer um ihre Meister dahinsiechten, konnte sie sich vorstellen. Aber daß ein Mensch aus Sehnsucht nach seinem Tier starb nein, wahrscheinlich hatte Cohoma recht. Borns Leute waren auf dem Pfade der Entwicklung zurückgedrängt worden, der Zwang des Überlebens hatte sie dazu ge-trieben. Dieser emotioneile Druck war ein Symptom ihrer Krankheit. Einer der bohrenden Gedanken, die in ihrem Kopf kreisten, verlangte plötzlich nach Aufklärung.

»Du hast gesagt, Männer und Frauen«, flüsterte sie und starrte nach unten. »Schließen sich Pelziger und Menschen nach ihrem Geschlecht aneinander an?« Born musterte sie verständnislos. »Ich meine, weibliche Pelziger mit Frauen, männliche mit Männern? Ist Ruumahum männlich?« »Ich weiß nicht«, antwortete Born abwesend, weil er sich ganz auf die Zeremonie konzentrierte, die unten ihrem Ende entgegenging. »Ich habe ihn nie gefragt.« Soweit es ihn betraf, war die Frage damit beantwortet, aber Logans Neugierde war jetzt nicht mehr zu bremsen. »Und Lostings Pelziger, Geeliwan. Ist das eine >sie<?« »Ich weiß nicht. Manchmal sagen wir >er«, manchmal >sie<. Für einen Pelziger hat das nichts zu bedeuten. Ein Pelziger gehört den Brüdern an. Das reicht ihnen, und uns reicht es auch.«

»Born, wie kann man erkennen, ob ein Pelziger männlich oder weiblich ist?«

»Wer weiß das schon, wen interessiert das?« Die Hartnäckigkeit dieser Frau begann ihm auf die Nerven zu gehen.

»Hat man je gesehen, wie Pelziger sich paaren?« »Ich nicht. Was andere gesehen haben kann ich nicht sagen. Ich habe aber nie gehört, daß darüber gesprochen wurde, noch möchte ich darüber sprechen. Irgendwie ziemt sich das nicht.« Plötzlich war der Gedanke wieder verschwunden. Das war etwas, dem sie sich später noch einmal widmen mußte. Ihre Aufmerksamkeit war jetzt wieder nach unten gerichtet. »Was tun sie, was tun sie jetzt?« Blätter, Humus, tote Zweige wurden auf die Leichen getürmt und füllten die Astspalte. »Der Bewahrer muß natürlich vor Raubtieren geschützt werden.«

»Natürlich«, nickte Cohoma. »Die Öle und der Mulch beschleunigen die biologische Auflösung und verdecken den Geruch.« Sie sahen sich die Begräbniszeremonie an, während die Versammelten einen seltsamen Gesang anstimmten, der eigentlich gar nicht wie ein Trauerlied klang. Leser machte einige würdevoll wirkende Handbewegungen über die bis zum Rande gefüllte Spalte, verbeugte sich einmal, wandte sich dann ab und ging auf den eigentlichen Stamm zu, strebte zum nächsten, etwas höheren Ast. Der Rest des Stammes folgte ihm. In dieser Nacht würde es noch eine ganze Menge solcher Beerdigungen geben.

Die darauffolgenden Beerdigungen verliefen ähnlich, und Cohoma und Logan nutzten die Gelegenheit, um die scheinbar primitiven Fackeln näher zu mustern, die trotz des unablässigen Regens gleichmäßig weiterbrannten. Man pflegte Fackeln aus dem langsam brennenden Totholz zu schneiden und sie dann mit dem allgegenwärtigen brennbaren Pollenstaub zu imprägnieren. Dann bohrte man die kugelförmigen Blätter einer ganz bestimmten Pflanze an und schabte das Fruchtfleisch mit einem Messer heraus. Auf die Weise blieb eine ziemlich steife Kugel von etwa dreißig Zentimetern Durchmesser übrig. Darauf schob man diese Kugel über den Oberteil der Fackel und bohrte seitlich ein kleines Loch hinein. Wenn man nun mit dem Finger durch dieses Loch fuhr, entzündete sich das Pulver und anschließend das Holz und lieferte gleichzeitig einen Abzug für Rauch und Ruß, obwohl das Holz fast rauchlos brannte. Das zähe Blatt erwies sich ebenfalls als höchst

widerstandsfähig gegenüber Hitze und Flammen. Die Prozession wand sich wie eine singende, glühende, mit gelbgrünen flackernden Punkten betupfte Schlange durch die feuchte Finsternis. Alles, was gehen konnte, vom kleinsten Kind bis zu einigen, die älter waren als Sand, schlössen sich der Prozession an. Niemand beklagte sich, niemand erhob Einwände, wenn die Gruppe nach oben klettern mußte, und keiner verlangte danach, auszuruhen oder umzukehren. Jetzt kam etwas aus dem Wald, das die normale nächtliche Geräuschkulisse und das Schlaflied des fallenden Regens übertönte. Born kam zu ihnen zurück. »Bleibt hier bei den anderen. Was auch immer geschieht, verlaßt das Licht nicht.« »Warum nicht, was ist... ?« begann Logan, aber Born war bereits wieder verschwunden. Die See aus Chlorophyll verschluckte ihn und seinen sechsbeinigen Begleiter. Sie warteten bei den anderen im Regen. Dann war über ihnen zu ihrer Rechten ein mächtiges Krachen und Stöhnen zu hören; dann, wie ein Echo, der Klang vieler Stimmen. Das Stöhnen wurde schrill, ging in ein Kreischen, dann in kehliges Gelächter über. So stieg es an, senkte sich wieder, bis es in einem gurgelnden, erstickten Laut endete. Zu ihrer Rechten fiel etwas Schweres nach unten, man hörte das Knacken von Ästen und das Geräusch abreißender Lianen. Das Licht ihrer Fackeln vermochte den Dschungel nur auf wenige Meter zu erhellen.

Obwohl sie nur einen ganz kurzen Blick auf das hatten werfen können, was in der Dunkelheit auf sie gestoßen war, hatte keiner der beiden Forscher das geringste Bedürfnis, sich das Monstrum aus der Nähe anzusehen. Das Krachen verstummte, als das gigantische Etwas in den schwarzen Tiefen verschwand wie ein Stein, den man in einen leeren Brunnenschacht wirft. Aber am Ende war kein Krachen zu hören. Das Brechen und Reißen verblaßte nur zu einem Flüstern, dann der Erinnerung an ein Flüstern, und schließlich übertönte es der Regen. Born trat neben sie, als die Gruppe sich wieder in Bewegung setzte.

»Was war das?« fragte Cohoma leise. »Wir haben es nur ganz undeutlich gesehen, als es an uns vorbeistürzte.« Zu seinem Schrecken stellte er fest, daß seine Hände zitterten. »Das ist wieder eine Spezies, die uns neu ist.« Die Feststellung, daß nicht all die Feuchtigkeit auf Logans Stirn vom Himmel gefallen war, tat ihm gut.

»Einer der großen Nachtfresser«, teilte Born ihm mit, und sein Blick schweifte über die kohlschwarzen Wände, die sie umschlossen. »Ein Wagetaucher. Die wagen sich nicht an das Heim heran, wegen der Pollensäcke, aber wenn einem solchen Tier ein oder zwei Männer im Wald begegnen, dann kehren sie nicht zurück. Er war dabei, unseren Weg zu kreuzen, und hatte Hunger. Sonst hätte er nie angegriffen. Sie sind sehr kräftig, aber langsam einer Gruppe Jägern mit Pelzigem in keiner Weise gewachsen.« Letzteres murmelte er mit Befriedigung. »Hätten wir nicht warten können, bis es vorbei war?« erkundigte sich Logan. Born schien schockiert. »Das ist ein Begräbnismarsch. Nichts darf einen Begräbnismarsch aufhalten.«

»Nicht einmal ein Akadinest?« murmelte Cohoma. Born sah ihn scharf an und seine Augen blitzten im Licht der Fackeln. »Warum sagst du das?« »Ich versuche mir, ein Bild von euren Maßstäben zu machen«, erklärte der Kundschafter, wohl wissend, daß Born ihn nicht verstehen würde, weshalb er ihm erklärte, daß es Dinge gab, die selbst ein großer Jäger nicht begreifen konnte. Logan ärgerte sich insgeheim über den Mangel an Takt, den ihr Partner an den Tag legte, und fragte deshalb schnell: »Ich habe mir jetzt schon ein paarmal überlegt, wie all diese Geschöpfe zu ihren Namen kamen. Haben deine Ahnen sie alle klassifiziert?« Born lächelte. Jetzt bewegte er sich wieder auf vertrautem Boden. »Wenn man jung ist, fragt man. Die Erwachsenen zeigen dann auf etwas und sagen, das ist ein Wagetaucher, das ist ein Okayfer und das ist die Frucht der Malpeseblume, die man nicht essen kann.«

»Nach den Berichten der ersten hier gestrandeten Kolonisten«, murmelte Cohoma zu Logan gewandt, »die überhaupt nicht in der Lage waren, die üblichen

wissenschaftlichen Klassifikationen vorzunehmen. Also blieben Namen hängen, die eher aus der Um-gangssprache als aus den biologischen Lehrbüchern stammten.« Born hörte das ganz deutlich; er hörte alles, wenn die Riesen ihre seltsam geheimnisvolle, leise Sprache gebrauchten. Aber wie gewöhnlich ließ er sich nicht anmerken, daß er es gehört hatte. Das wäre unhöflich gewesen. Obwohl er sich häufig wünschte, mehr von dem, was er hörte, zu verstehen. Die Prozession zog weiter. Einmal ertönte über ihnen eine Folge quietschender Laute und Schreie. Ein anderesmal näherte sich von unten ein Dröhnen, das von einem überlasteten Navigationscomputer hätte stammen können. Jedesmal wurden Jäger ausgeschickt, um die Herkunft dieser drohenden Geräusche zu erforschen, aber sie fanden nichts. Es kam zu keinen weiteren Angriffen in dieser Nacht. Endlich waren die letzten Stammesangehörigen, die von den Akadi getötet worden waren, der Welt zurückgegeben. Die letzten Worte wurden gesungen, das vorletzte Lied. Sie kehrten zum Heim zurück. Mit welcher Methode oder nach welchen Zeichen Borns Leute ihren Weg durch den Wald fanden, konnten weder Logan noch Cohoma erkennen. Jedenfalls waren sie in hohem Maße erleichtert, als die ersten blühenden Lianen mit jhrer Vielzahl rosafarbener Blüten und lederner Sporensäcke vor ihnen auftauchten. Erst später, als die ganze Gruppe sich wieder in der vertrauten Umgebung des Heimbaums befand und die letzten Fackeln gelöscht und die letzten Blattledervorhänge geschlossen waren, war da und dort ein halbersticktes Schluchzen, ein Weinen zu hören, das alle während des Langeher unterdrückt hatten. Die Dunkelheit legte sich über das Dorf, eine feuchte schwarze Decke, und schenkte ihnen barmherzigen Schlaf. So gab es niemanden, der die Bewegung am Rande der Bäume sah, niemanden, der sah, wie die langen Silhouetten sich aus ihrem scheinbaren Schlaf erhoben und sich ganz oben in den Ästen versammelten. Ein gutmütiger Schubs weckte ein schlafendes Junges. Drei Pupillen glänzten in der fast völligen Finsternis. Ruumahum stand vor Suv. Als Muf gestorben war, hatte man ihm dieses neue Junge zugewiesen. Es gab keine anhaltende Trauer über den Tod des anderen. Er war bei seiner Person, und das war das Gesetz. »Alter, was habe ich denn getan?« klagte Suv. »Nichts. Und das ist das, was du auch weiterhin tun wirst«, schnaubte Ruumahum und setzte sich in Richtung auf den Versammlungsplatz in Bewegung. Das Junge schickte sich an, ihm zu folgen, stolperte über seine Mittelbeine, brachte dann alle sechs Gliedmaßen auf Vordermann und schlurfte hinter ihm her. »Was ist denn?« »Das wirst du sehen. Sei ganz still und lerne.«

Suv entdeckte einen ungewöhnlichen feierlichen Klang in der Stimme seines neuen Alten und entschied, daß dies jetzt wahrhaft die Zeit für ein Junges war, die Zunge dicht am Gaumen zu halten, bis man ihm etwas anderes auftrug. Er hatte sich bereits an seinen neuen Alten gewöhnt, wenn er auch, weil er das Gesetz noch nicht so gut kannte, immer noch Schmerz um Toozibel empfand, der in der großen Schlacht gestorben war. Als Ruumahum und Suv eintrafen, waren bereits alle versammelt. In Zweierreihen verließen sie das Heim und zogen so lautlos durch die Waldwelt, wie man es bei ihrer Schwerfälligkeit nicht hätte glauben wollen. Aufmerksame nächtliche Fleischfresser auf der Jagd entdeckten die Massenbewegung und kamen näher, bis sie sahen oder witterten, was hier so zielstrebig durch die Baumwege zog. Dann erstarrten sie in Regungslosigkeit oder schlugen sich in die Büsche und versuchten, mit dem Wald eins zu werden, bis die Pelzigerkarawane vorübergezogen war. Andere Fleischfresser in ihren Nestern erwachten von dem Geräusch vieler Füße, die an ihnen vorüberzogen, und schickten sich an, ihre Territorien und Nester gegen alles zu verteidigen, was sich hier zu nähern wagte. Aber dann fuhr eine nächtliche Brise durch die Blätter und Blüten und trug ihnen die Witterung der Pelziger zu. Und gleichgültig, wie groß oder wie zahlreich, gleichgültig wie gefährlich sie auch waren wer immer auch ihre Witterung aufnahm, gab sein Territorium, sein Nest auf und verzog sich an einen anderen Ort. Gelegentlich schwebte eine lebende Wolke funkelnder Glasblitzer zwischen den Ästen und Kabbls und zog eine Weile neugierig über der Pelzigerprozession dahin. Die Pelziger blickten weder nach rechts noch nach links, noch nach oben zu den tanzenden Mücken, die ihre farbenfrohen Tänze vollführten. Hin und wieder tauchte ein Blitzer weiter herunter, und seine strahlend bunten Schwingen blitzten wie Juwelen in der Nacht. Dann tanzten ihre Farben in den dreifachen Katzenaugen. Schließlich erreichten sie einen ganz bestimmten Baum von geradezu monarchischer Größe, einen wahrhaften Goliath in seiner Umgebung. Aber nicht seine Größe war es, die ihn für die Pelziger wichtig machte, die sich jetzt dem Alter nach gruppiert um ihn sammelten. Leehadoon, der Pelziger des Menschen Sand, baute sich inmitten des Halbkreises auf, hielt inne und blickte den versammelten Brüdern einem nach dem anderen ins Auge. Dann legte er den Kopf in den Nacken. Aus seinem mit messerscharfen Schneidezähnen und kräftigen Hauern bewehrten Maul drang ein fremd-artiger Laut, der zum Teil Schrei, zum Teil Klagelaut war, zum Teil auch etwas, das man nicht nach menschlichen Kategorien beschreiben kann. Dann schloß der Rest der Gruppe sich an, ohne daß es dazu einer Anweisung bedurft hätte genauso, wie Suv und die anderen Jungen teilnehmen konnten, ohne das Warum oder Weshalb zu kennen oder die Bedeutung dessen, was sie jetzt in die Nacht hinausheulten. Die meisten Tiere in Hörweite dieses nervenzermürbenden Heulens flohen, andere wieder krochen näher, soweit ihre Neugierde stärker war als ihre Angst, und starrten auf das Ritual, das gleichzeitig uralt und doch neu war. Es war diesmal anders, viel komplizierter, als Ruumahum oder Leehadoon sich je erinnern konnten. Nächstesmal würde es wieder anders sein und das nächste Mal wieder. Der Chor würde immer weiter anwachsen und irgendeinem unerklärlichen, unvorstellbaren Ende entgegenwach-sen. Es dauerte zwei Tage, bis genügend Vorräte für den zweiten Versuch bereitgestellt waren, die Station der Riesen zu erreichen. Zwei Tage, um sich auf den Tod vorzubereiten, einen Tod, den die Akadi nicht geschafft hatten. Das wenigstens glaubten die meisten von Borns Stammesgenossen. Dreimal in einer Zeitspanne, die nicht länger war als der Traum eines Kindes, hatte er sich jetzt bewährt. Doch dies änderte nichts am Glauben seiner Stammesgenossen, daß er verrückt war. Ebenso wie Losting glaubten sie, daß es eine ganz besondere Art der Tapferkeit gibt, die Teil des Wahnsinns ist. Deshalb erwiesen sie Born jetzt Respekt aber sie bewunderten ihn nicht. Es bringt nichts ein, den Wahnsinn zu bewundern. Born spürte ihre Gleichgültigkeit, er konnte nur das Gefühl nicht analysieren, das sie in ihm auslöste, da natürlich keiner ihm gegenüber zugeben wollte, daß er ihn für wahnsinnig hielt. Das machte ihn nur noch wütender wahnsinniger, wie seine Stammesgenossen sagten, und er schärfte Axt und Messer, bis es den Anschein hatte, als bliebe nichts von beiden übrig, und gab sich insgeheim seiner Wut und seinem Ärger hin. Er war von dem Kampf mit dem Graser nach Hause zurückgekehrt, er war von dem Dämon des Himmelsbootes der Riesen zurückgekehrt, er war von den Akadi

zurückgekehrt, und jetzt würde er von der Station der Riesen zurückkehren und all die Wunder zurückbringen, die sie ihm versprachen! Vielleicht, vielleicht würde dann endlich Geh Hell Mut, Intelligenz und Courage sehen, wo jetzt alle anderen nur Wahnsinn sahen; würde sehen, daß sie viel mehr wert waren als bloße Kraft und Stärke.

Von all den Jägern konnte immer noch nur Losting aus seinen ureigensten Gründen ihn begleiten. Hatte Born nicht den anderen das Leben gerettet? Doch, das hatte er, das gaben sie zu, aber dies war ein Grund mehr, eben dieses Leben nicht gleichgültig wegzuwerfen. Ausgerechnet Losting also würde ihn begleiten. Losting, auf dessen Anblick Born in all den Wochen und Monaten der Reise gerne verzichtet hätte. Insgeheim war er natürlich über die Hilfe, die der große Jäger ihm leisten konnte, froh, aber in der Öffentlichkeit verspottete er ihn. »Du glaubst, ich gehe in den Tod. Weshalb kommst du dann mit?« spottete er, obwohl er den Grund wohl kannte. »Manche sagen, der Wald schütze die Verrückten. Wenn dem so ist, wird er sicher dich schützen. Und ich bin ebenso verrückt wie du, denn ist Liebe denn nicht auch eine Art von Wahnsinn?«

»Wenn dem so ist, sind wir ohne Zweifel beide verrückt«, pflichtete Born ihm bei und hüllte sich in seinen Umhang. »Dann haben die anderen die ganze Zeit recht gehabt, und

ich bin der verrückteste von allen.«

»Vergiß nicht, Born, du kannst mich nicht davon überzeugen, hierzubleiben. Ich werde dich entweder sterben sehen oder mit dir zurückkehren.« Er wandte sich den beiden wartenden Riesen zu, die gerade mit dem Häuptling sprachen. Beide hatten sich bereit erklärt, wasserabstoßende Umhänge anzunehmen, wenn sie auch unvernünftigerweise darauf bestanden, darunter ihre eigenen zerfetzten Kleider zu tragen. Als Born darauf beharrte, daß es unnsinnig sei, diese Fetzen zu behalten, kamen sie wieder mit ihrem alten Einwand, sie hätten Angst, sich zu erkälten. Das brachte Born zum Verstummen, denn wer konnte schon sagen, unter welch seltsamen Gebrechen die Riesen litten?

»Sie haben in den Tagen, die sie unter uns lebten, viel gelernt«, meinte er, »obwohl sie beide immer noch unbeholfen wie Kinder sind. Aber jetzt fragen sie wenigstens, ehe sie etwas berühren. Sehen sich um, ehe sie einen Schritt machen.«

»Was hältst du von ihnen, Born?« fragte Losting. »Wir müssen sie die ganze Zeit im Auge behalten, damit sie sich nicht selbst umbringen, ehe wir ihre Station erreichen.« »Das meine ich nicht«, berichtigte ihn Losting. »Ich meine, magst du sie als Menschen?«

Born zuckte die Achseln. »Sie sind ganz anders als wir. Wenn alles stimmt, was sie behaupten, können sie uns viel Gutes tun. Wenn nicht. . .« er machte ein gleichgültiges Gesicht , »dann ist das immerhin etwas, wovon wir noch unseren Enkeln erzählen könnten.«

Und das ließ vor ihrer beider Augen das Bild einer ganz bestimmten jungen Frau auftauchen, und das beendete das Gespräch in beiderseitigem Einvernehmen. Es hatte keinen Sinn, eine Reise anzutreten, die länger war als jede Reise, die je einer auf dieser Welt unternommen hatte, und dabei miteinander zu streiten. Es würde noch Kampf und Streit genug geben, ehe sie ihr Ziel erreicht hatten. Dessen waren sie beide sicher. Eine große Zahl der Dorfbewohner war gekommen, um sich von ihnen zu verabschieden, ihnen gute Wünsche zuzurufen, ihnen zu essen mitzugeben, wenn auch keiner von ihnen Born in die Augen sehen konnte. Sie alle gingen schon seit Tagen wieder ihrer Beschäftigung nach, Nahrung zu sammeln und für das Heim zu sorgen.

Also nahmen sie Abschied vom Heim, und nur der Häuptling und ein einsames Kind winkten ihnen nach. Und neben dem Kind tanzte ein dicker pelzbewachsener Ball auf und ab, Suv. Als Born ihn sah, mußte er an ein anderes Kind, ein anderes Junges denken, das inzwischen zur Welt zurückgekehrt war. Er wandte den Blick nach draußen. Das Flugboot war mit einem guten MarkV Entfernungstaster, einem neuen Trackersystem, einer Tridi-Anlage und einem Autopiloten ausgestattet gewesen. Jetzt waren all diese Geräte nicht mehr als Schrott, von der Gewalt der Schwerkraft und dem Him-melsdämon zerbrochen und in Stücke gerissen.

Logan holte die kleine schwarze Scheibe mit der durchsichtigen Glasplatte heraus und dankte im stillen demjenigen unter den Ausstattern des Schiffes, der es für richtig gehalten hatte, den winzigen Kompaß in die Notration ihres kleinen Bootes zu packen. Sie hoffte, daß dieser Planet keine magnetischen Unregelmäßig-keiten aufwies. Zumindest hatte man ihnen von dergleichen nichts gesagt. Aber dann wurde natürlich auch behauptet, daß Skimmer praktisch narrensicher waren.

Borns Gedanken hatten sich in ähnlichen Bahnen bewegt. In dieser Hinsicht kam diese Reise dem Selbstmord gleich, denn schließlich waren sie hinsichtlich ihres Ziels einzig und allein auf das Wort der Riesen angewiesen. Die Möglichkeit, daß sie von der Lage ihrer Station keine Ahnung hatten, hatte er einfach aus seinen Gedanken verdrängt. Außerdem, so argumentierte er mit sich selbst, wenn sie nicht wenigstens annähernd ihr Ziel kannten, hätten sie doch sicherlich nicht die Sicherheit und die Bequemlichkeit des Heims aufs Spiel gesetzt, auf die bloße Vermutung hin, daß sie die Station bei einer willkürlichen Suche finden würden. Was Losting und ihn nach ihrer Ankunft bei der geheimnisvollen Station erwartete, wußte er nicht. Aber dieses Problem war im Augenblick noch weit von ihm entfernt und bereitete ihm daher auch kein Kopfzerbrechen. Viele Tage waren verstrichen, seit sie das Heim verlassen hatten. Obwohl es jetzt schon viele Ruheperioden hinter ihnen lag, wurde Born weder von Heimweh noch von Sorge um das, was vor ihnen lag, geplagt. Er empfand eher eine seltsame Mischung aus Langeweile und Spannung Langeweile, die aus der alle Tage wiederkehrenden Feststellung erwuchs, daß jeder neue Abschnitt der Welt mit alldem identisch war, was das Heim umgab, und Spannung, weil er das Gefühl einfach nicht abschütteln konnte, daß dies morgen ganz anders sein würde.

Nach dem ersten Siebentag blieben die beiden Riesen soviel wie möglich beisammen, sah man von einer gelegentlichen Frage ab, wenn sie eine Pflanze oder einen Waldbewohner entdeckten, der ihnen unbekannt war. Also blieb Born kein anderer Gesprächspartner als Losting. Und so überraschte es eigentlich niemanden, daß die Expedition nicht gerade unter Überfluß an munteren Reden litt.

Die beiden Jäger fuhren fort, einander mit einer Mischung aus Rivalität und Respekt zu begegnen. Die beiden Empfindungen hoben einander auf, und so war es möglich, daß die Reise in emotioneller Hinsicht ausgeglichen verlief. Beide Männer wußten, daß dies weder der Ort noch die Zeit für eine gewaltsame Austragung ihrer

Meinungsverschiedenheiten war. Das würde bis zu ihrer ruhmreichen Rückkehr warten müssen.

Wie Born vorhergesagt hatte, begann das speziell für Dschungelzwecke entwickelte Material, aus dem die Kleidung der Riesen hergestellt war, unter dem ständigen Angriff eines Waldes, der das Etikett des Herstellers mißachtete, zu verrotten. Cohoma und Logan waren jeden Tag dankbarer für die grünen Umhänge, die man ihnen gegeben hatte. Ein guter Umhang bot seinem Besitzer Tarnung vor Feinden und Schutz vor dem nächtlichen Regen, diente als Schlafdecke und konnte noch für ein Dutzend anderer guter Zwecke eingesetzt werden.

Je mehr Tage ohne Zwischenfall kamen und gingen, desto selbstsicherer und mit ihrer Umgebung vertrauter wurden die Riesen. Wenn man freilich ihre unglaubliche

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